Apho­ris­men, No­ta­te und Un­ein­sich­tig­kei­ten II

Die Fra­ge nach der Wahr­heit kenn­zeich­net die Wis­sen­schaft, die nach der Rich­tig­keit die Po­li­tik. Ei­ne neue Steu­er­ge­setz­ge­bung ist eben­so we­nig wahr, wie Maß­nah­men zum Er­halt der Ge­sund­heit. Sie sind Vor­ha­ben oder Er­geb­nis be­stimm­ter Or­ga­ni­sa­ti­ons­for­men mensch­li­cher Ge­mein­schaft und durch die­se be­grün­det. Oh­ne die­se, wä­ren sie nicht und sie könn­ten in die­sen auch an­ders sein. Sie er­fül­len ih­ren Sinn und Zweck, sind ei­nem Ziel oder ei­ner Sa­che an­ge­mes­sen, zu­tref­fend, rich­tig eben. Und na­tür­lich auch mo­ra­lisch wie recht­lich zu be­wer­ten und in prak­ti­scher Hin­sicht fol­gen­reich. Na­tur­ge­setz­lich­keit ist der Po­li­tik fremd und wer die­se in sie hin­ein­trägt, be­ginnt ein au­to­ri­tä­res Spiel. Das be­deu­tet nicht, dass die Po­li­tik sich nicht um die Er­geb­nis­se der Wis­sen­schaft zu küm­mern hät­te, aber sehr wohl, dass er­ste­re die Ver­ant­wor­tung trägt, Ab­wä­gun­gen und Ent­schei­dun­gen trifft, nicht letz­te­re. Die me­dia­le Über­prä­senz von Wis­sen­schaft­lern in ei­ner Kri­se ist ein Zei­chen für die Ent­schei­dungs­schwä­che der Po­li­tik. Die Auf­ga­be der Po­li­tik aber ist es, zu füh­ren, zu for­mu­lie­ren wie wir ein Pro­blem lö­sen wol­len und ih­re dies­be­züg­li­chen Ver­spre­chen auf die na­he oder fer­ne Zu­kunft hin, wer­den ge­wiss plau­si­bler, wenn Er­kann­tes in de­ren Be­din­gun­gen und da­mit: die ih­res Han­delns, ein­geht.

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Die Wahr­heit ge­bie­tet nicht, sie ist zu su­chen, ist lie­bens­wert, aber sie übt kei­nen Zwang aus. Der Zwang im Na­men der Wahr­heit ist ein Miss­ver­ständ­nis im be­sten und ei­ne Ty­ran­nei im schlech­te­sten Fall. — Sie kann, im Üb­ri­gen, auch nicht ver­ord­net wer­den.

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In der Kri­se sind Füh­rungs­kräf­te von Nö­ten, die tra­gen und ver­ant­wor­ten, was Ent­schei­dun­gen in ihr zu tra­gen und zu ver­ant­wor­ten, er­for­der­lich ma­chen. Kri­sen sind un­aus­weich­lich dar­in, dass sie sel­bi­ge sind. Aber nicht al­les was ei­ne Kri­se ge­nannt wird, ist auch ei­ne. Rechts­ein­schrän­kun­gen hin­ge­gen, blei­ben was sie sind, in der tat­säch­li­chen wie in der ein­ge­bil­de­ten Kri­se.

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Die Un­ein­schätz­bar­keit und All­ge­gen­wart des Geg­ners treibt zum Äu­ßer­sten. Aber war­um? Weil der ei­ge­ne An­spruch ei­ne Kriegs­er­klä­rung ist? Wie al­so lau­tet der po­li­ti­sche An­spruch?

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Kann die po­li­ti­sche Ver­nunft auf Wis­sen und Nicht­wis­sen bau­en? Und wel­ches be­grün­det wel­che Ent­schei­dung? Oder trifft sie am En­de die Psy­che? Je­den­falls lässt ei­ne Ori­en­tie­rung am Un­si­che­ren den Ver­stand ver­zwei­feln.

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Ent­schlos­sen­heit soll­te nicht mit Al­ter­na­tiv­lo­sig­keit ver­wech­selt wer­den.

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Ent­schlos­sen­heit kann auch be­deu­ten, das Not­wen­di­ge oder Hin­rei­chen­de, zu tun.

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Die Aus­wir­kun­gen der me­dia­len Zu­stän­de flie­ßen un­will­kür­lich in das po­li­ti­sche Han­deln und Ent­schei­den mit ein. Dar­auf muss sich die Kri­tik rich­ten.

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Au­to­ri­tät of­fen­bart sich im Wie der Spra­che, sie kann schmei­cheln, in Aus­sicht stel­len, dro­hen, an der Stan­ge hal­ten und so­gar flü­stern; zur Kri­tik ge­hört da­her ein fei­nes Ge­hör, das ist ih­re äs­the­ti­sche Di­men­si­on, aber auch ein Ge­spür für den Ge­brauch der Be­grif­fe und den Um­gang mit Zah­len. Wor­über spre­chen wir? Wie se­hen des­sen Di­men­sio­nen aus? Wor­auf be­zie­hen wir uns? Hal­ten wir aus­ein­an­der, was aus­ein­an­der­zu­hal­ten ist? Kön­nen wir hier und dort un­ter­schei­den? Wer­den Stan­dards ver­letzt? Wird be­schö­nigt und um­be­nannt? Ist wich­ti­ger wer spricht oder sind es des­sen Ar­gu­men­te?

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Ei­ne po­li­ti­sche Ver­nunft, die den Ver­spre­chens­cha­rak­ter des Po­li­ti­schen aus­zu­lö­schen ver­sucht, in­dem sie sich wis­sen­schaft­lich im­mu­ni­siert, de­le­gi­ti­miert den öf­fent­li­chen Dis­kurs und die Kri­tik.

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Mir kommt das Wort »Li­ni­en­treue« in den Sinn. Ich kann mich nicht er­in­nern, es je­mals be­nutzt zu ha­ben.

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Die die­nen­de Rol­le der Öko­no­mie könn­te durch den Aus­nah­me­zu­stand wie­der be­greif­bar wer­den, weil ihr Feh­len den Dienst of­fen­bart, den sie lei­stet und die Tän­de­lei­en, die sie auch lei­stet, nie­man­dem ab­ge­hen. Al­ler­dings: Letz­te­res ist nicht ge­wiss.

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Dar­über hin­aus könn­te, so­gar in ei­ner ein­ge­bil­de­ten Kri­se, das Ge­mein­wohl und das Ein­tre­ten da­für in ei­ner er­neu­er­ten Be­deut­sam­keit er­schei­nen. Mag man das be­kla­gen?

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Die öf­fent­li­che Kri­tik an po­li­ti­schen Maß­nah­men wird ent­schei­dend von je­nen ge­tra­gen, die sich zu­rück­hal­ten und die ent­spre­chen­den Zu­sam­men­hän­ge zu ver­ste­hen ver­su­chen. Der me­dia­le Raum ge­hört zu­nächst ein­mal den Hy­ste­ri­kern, das ist nicht zu än­dern. Ge­nau­so we­nig ist, gott­sei­dank, zu än­dern, dass sich ge­ra­de in ei­ner an­hal­ten­den Hy­ste­rie die ver­nünf­ti­gen Stim­men über die Zeit ge­se­hen, meh­ren. Die Hy­ste­rie bringt sie auf, nö­tigt sie. Man kann nicht sa­gen, dass die Ver­nunft sich durch­set­zen wird, aber sie wird hör­ba­rer und das be­deu­tet hör­ba­rer für die­je­ni­gen, die sie zu su­chen be­reit sind.

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Kri­tik, das muss man sich vor Au­gen hal­ten, ist kein Ver­mö­gen, das man ein­fach ein­setzt oder be­sitzt, psy­chi­sche wie emo­tio­na­le Zu­stän­de ent­fes­seln oder hem­men es. Der Kri­ti­ker soll­te sich auch mit ih­nen und das be­deu­tet: mit sich selbst, aus­ein­an­der­set­zen.

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Un­se­re In­tui­ti­on ruht auf dem Wie der Er­schei­nun­gen, dem Ton mit dem wir je­man­den spre­chen hö­ren, auf Ge­sten, Ge­stal­ten, Far­ben, Span­nun­gen und Schat­tie­run­gen: Sie kann sich kei­ne Grün­de für ihr Han­deln ge­ben, ist sinn­lich be­dingt und wird dem Den­ken be­greif­bar erst im Nach­hin­ein. Nä­he ist ih­re not­wen­di­ge Be­din­gung.

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Auf In­tui­ti­on als Aus­gangs­punkt sei­ner Kri­tik, soll­te – oder kann – ein Kri­ti­ker nicht ver­zich­ten.

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Zum An­spruch den Bür­ger zu schüt­zen, kommt auch noch der An­spruch die­se vor ein­an­der zu schüt­zen. Der Staat ist nicht bloß Le­bens­schüt­zer, er hegt und pflegt wie ein Gärt­ner: Auf dass der Mensch wach­se, ge­dei­he und ver­ge­he! Ein Op­ti­mum an Schutz und Si­cher­heit be­din­gen Über­wa­chung und füh­ren zur Be­herr­schung. In an­de­ren Wor­ten: An der Na­tur­nä­he des Gar­tens, er­weist sich die Zu­rück­hal­tung der po­li­ti­schen Ver­nunft.

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Apho­ris­men, No­ta­te und Un­ein­sich­tig­kei­ten III

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  1. Die me­dia­le Über­prä­senz von Wis­sen­schaft­lern in ei­ner Kri­se ist ein Zei­chen für die Ent­schei­dungs­schwä­che der Po­li­tik. Die Auf­ga­be der Po­li­tik aber ist es, zu füh­ren, zu for­mu­lie­ren wie wir ein Pro­blem lö­sen wol­len...

    Po­li­ti­ker sind im Grun­de Ver­wal­tungs­be­am­te, die ih­re po­li­ti­schen Idea­le in Ge­set­zes­form über­füh­ren. Es ist ein Irr­tum zu glau­ben, dass dies im luft­lee­ren Raum ge­schieht. Gu­te Po­li­tik zeich­net sich u. a. da­durch aus, dass sie vor­her Ex­per­ti­se her­an­holt. Schlech­te Po­li­tik, die man auch Lob­by­is­mus nennt, über­nimmt die Ex­per­ti­se un­ge­prüft. Letz­te­res fin­det sich en mas­se in der »Ge­setz­ge­bung« bspw. der EU. Aber nicht nur dort.

    In der Re­gel fin­den Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­ren kaum ei­ne in­ter­es­sier­te Öf­fent­lich­keit. Das än­dert sich, wenn die Kon­se­quen­zen aus den Ge­set­zen ei­ne mög­lichst brei­te Grup­pe von Men­schen tref­fen. Wenn sie, wie im vor­lie­gen­den Fall (den Du ge­schickt um­schiffst und ver­suchst, ins All­ge­mei­ne zu wen­den), al­le Men­schen tref­fen – wenn auch auf un­ter­schied­li­che Art und Wei­se -, meh­ren sich die skep­ti­schen Tö­ne, die vor ei­ner Ex­per­to­kra­tie war­nen.

    Das »Füh­ren« ei­ner Re­gie­rung kann in be­stimm­ten Fäl­len auf Ex­per­ti­sen an­ge­wie­sen sein. Wenn, wie in Au­stra­li­en An­fang des Jah­res, gro­ße Wald­brän­de wü­ten, wird man die ent­schei­den­den Maß­nah­men wohl kaum in po­li­ti­sche Pro­zes­se ein­bin­den wol­len. Die Crux ist, dass am die Po­li­tik im­mer die Ver­ant­wor­tung trägt, auch wenn sie sich kaum be­wusst war, was sie ge­macht hat. Ich pro­gno­sti­zie­re schon jetzt, dass, soll­te die Pan­de­mie in D und A ei­nen mil­den Ver­lauf neh­men, die Kri­ti­ker der Maß­nah­men so­fort auf­ste­hen und den Ru­in der Wirt­schaft be­kla­gen wer­den.

    Al­les Wort­ge­klin­gel bspw. vom Staat als Gärt­ner hel­fen nicht, wenn in ei­nem kon­kre­ten Fall ge­han­delt wer­den muss. Im üb­ri­gen: Gärt­ner sind oft un­er­bitt­lich. Ein um­fas­sen­der Be­fall ih­rer Nutz­bäu­me ver­langt von ih­nen bis­wei­len ra­di­ka­le Maß­nah­men. Und Schre­ber­gärt­ner sind, was den Ein­satz von Her­bi­zi­den und Fun­gi­zi­den an­geht, auch meist recht groß­zü­gig.

  2. Ich kann da gar nicht wi­der­spre­chen: Die Po­li­tik soll sich ja auf Ex­per­ti­se stüt­zen, aber nicht Maß­nah­men oder Ge­set­ze durch die­se le­gi­ti­mie­ren. So wie Du schreibst, wenn da ein Ide­al ist, dann wird sich die­ses auch auf die For­mu­lie­rung oder die Ab­sicht ei­nes Ge­set­zes oder ei­ner Maß­nah­me aus­wir­ken.

    Ein Gärt­ner ist schon viel frü­her un­er­bitt­lich: Er jä­tet, mäht, bin­det, schnei­det, rich­tet aus, lichtet...wenn man durch Gar­ten­an­la­gen geht, kann man die Psy­che der Men­schen stu­die­ren, es gibt wel­che die künst­lich wir­ken, ge­macht oder kit­schi­ge, so­zu­sa­gen fal­sche, an­de­re sind Mo­no­kul­tu­ren, in den au­ßer Gras nichts wächst (ich fra­ge mich dann im­mer mit wel­cher Un­er­bit­ter­lich­keit da al­les was sonst hoch kommt, ver­folgt und be­kämpft wer­den muss); dann gibt es Gär­ten in de­nen al­les Le­ben­di­ge bei­na­he ver­schwun­den ist, der Groß­teil der Flä­che ist zu­ge­pfla­stert oder mit Kies zu­ge­schüt­tet, dann gibt es ge­pfleg­te, kul­ti­vier­te Gär­ten und zu­letzt wel­che, die ei­ne bei­na­he un­heim­li­che Le­ben­dig­keit in sich tra­gen, et­was ur­wüch­si­ges, die Pflan­zen quel­len her­vor, im Über­schuss, es gibt Ver­wach­sun­gen und Un­ge­len­ki­ges, sie sind aber (noch) nicht ver­wahr­lost, noch kei­ne Na­tur, aber ihr eben na­he.

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