Cy­borgs und Hu­ma­no­ide 1

Si­sy­phos stirbt nicht, er kehrt im­mer wie­der zu­rück. Und wir keh­ren zu ihm zu­rück. »Oh­ne sein sinn­lo­ses Dra­ma wä­re das Le­ben sinn­los«, be­haup­te­te der me­xi­ka­ni­sche Dich­ter Jo­sé Emi­lio Pach­e­co einst. In­mit­ten all der Hy­pes, die über un­se­re Dis­plays rau­schen, mel­det sich das al­te Ge­fühl des Ab­sur­den zu­rück.

Si­sy­phos im Ma­schi­nen­raum ist kein Ro­man, auch als Es­say wür­de ich das Buch nicht be­zeich­nen. Die Ver­fas­se­rin, Mar­ti­na Heß­ler, ist Pro­fes­so­rin für Tech­nik­ge­schich­te, und sie stellt kei­ne li­te­ra­ri­schen An­sprü­che. Den­noch be­zieht sie sich am En­de ih­res Buchs, und auch am An­fang, auf Al­bert Ca­mus, und zwar auf des­sen Vor­stel­lung ei­nes glück­li­chen Si­sy­phos, der die Ab­sur­di­tät sei­nes Tuns – ei­nen Stein auf ei­nen Berg­gip­fel rol­len – ak­zep­tiert, mit sei­nem Schick­sal al­so ein­ver­stan­den ist. Heß­ler meint, Si­sy­phos könn­te den Stein doch ein­fach mal lie­gen las­sen. Das heißt, im zeit­ge­nös­si­schen Kon­text, die Tech­no­lo­gien nicht im­mer wei­ter­trei­ben, Un­zu­läng­lich­kei­ten ak­zep­tie­ren, so­wohl auf­sei­ten der Ma­schi­nen als auch auf­sei­ten der Men­schen.

Heß­ler fo­kus­siert stark auf Feh­ler­haf­tig­keit. Das ge­hört nun mal zu aka­de­mi­schen Stu­di­en, man muß sein For­schungs­feld ge­nau ein­gren­zen, De­fi­ni­tio­nen lie­fern, mög­lichst er­schöp­fen­de Dar­stel­lun­gen des Ge­gen­stands. Daß Tech­ni­ken und Tech­no­lo­gien ih­re ei­ge­ne Ent­wick­lungs­lo­gik ha­ben, un­ab­hän­gig von Feh­lern und Re­pa­ra­tu­ren, weiß sie wohl, macht es aber kaum gel­tend. Of­fen ge­stan­den, mir scheint die Fi­gur des Si­sy­phos für die Tech­nik­ge­schich­te und letzt­lich für al­le an­de­ren Ge­schich­ten nicht recht pas­send; sie scheint auch nicht pas­send für die Le­bens­not­wen­dig­keit ka­pi­ta­li­sti­scher Ge­sell­schafts­sy­ste­me, Pro­fi­te zu ma­xi­mie­ren. Oh­ne Stei­ge­rung gibt es hier (an­geb­lich) kei­ne wirt­schaft­li­che Exi­stenz. Da­her die Schwie­rig­keit, bei schrump­fen­der und al­tern­der Be­völ­ke­rung wie et­wa in Ja­pan das Sy­stem lang­sam zu­rück­zu­fah­ren, oh­ne es als Gan­zes ins Tru­deln zu brin­gen.

Die Au­torin zeigt sich skep­tisch ge­gen­über der Idee ei­nes kon­ti­nu­ier­li­chen Fort­schritts, und wer wür­de sol­che Skep­sis heu­te, am En­de des er­sten Vier­tels des 21. Jahr­hun­derts und rück­blickend auf das zwan­zig­ste, nicht tei­len. Aber die Men­schen als Ak­teu­re und Op­fer der Ge­schich­te, die sie gleich­zei­tig »ma­chen«, rol­len nicht im­mer den­sel­ben Stein auf im­mer den­sel­ben Berg. Sie än­dern ih­re Werk­zeu­ge und än­dern da­mit auch ih­re Um­welt, nicht zwangs­läu­fig zum Bes­se­ren, oft auch zum Schlech­te­ren; sie schaf­fen groß­ar­ti­ge Din­ge und rich­ten un­ge­heu­res Leid an – von bei­dem singt das 20. Jahr­hun­dert ein Lied, das im 21. lei­der nicht ver­klun­gen ist. Viel­leicht ist es bes­ser, auf über­lie­fer­te Sinn­stif­tungs­quel­len zu ver­zich­ten und ein­fach so wei­ter­zu­ma­chen, oh­ne Sinn und Zweck, dem Le­bens­trieb fol­gend.

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Hin­rich von Haa­ren: Wild­nis

Hinrich von Haaren: Wildnis
Hin­rich von Haa­ren:
Wild­nis

Zu­nächst ist man ver­wirrt. Ein ge­wis­ser Schult er­wacht im Kran­ken­haus aus dem Ko­ma und ist zor­nig. Er will nie­mand ge­be­ten ha­ben, ihn ins Roy­al Lon­don Hos­pi­tal in Whitecha­pel ein­zu­lie­fern und phan­ta­siert, er sei bis ge­ra­de zum zwei­ten Mal tot ge­we­sen, das er­ste Mal 1943, als Sechs­jäh­ri­ger, in der Nacht vom 27. auf den 28. Ju­li, in Ham­burg, Stadt­teil Ham­mer­brook, am Grü­nen Deich. Wer ein we­nig Ge­schichts­kennt­nis­se hat, weiß, was in die­ser Nacht in Ham­burg ge­schah. Es wird spä­ter als der Ham­bur­ger Feu­er­sturm be­zeich­net wer­den. Gott­fried Schult und sei­ne Mut­ter über­le­ben; der Va­ter war be­reits 1941 in Russ­land ge­fal­len.

Der 61jährige, in Lon­don le­ben­de, deut­sche Au­tor Hin­rich von Haa­ren bleibt in sei­nem Ro­man Wild­nis bei die­sem Gott­fried Schult, nennt ihn stets nur »Schult«, was be­wusst ei­ne Di­stanz er­zeugt. Die Mut­ter woll­te, dass Schult nach der Schu­le ei­ne Bank­leh­re macht, aber der schrieb sich zum Stu­di­um für Ge­schich­te ein. Es war nach­träg­li­che Op­po­si­ti­on zu sei­nem Na­zi-Leh­rer auf der Schu­le, der das »Drit­te Reich« schlicht über­gan­gen hat­te. Schult woll­te es ge­nau­er wis­sen. Nach dem Stu­di­um be­warb er sich auf ei­ne Do­zen­ten­stel­le in Eng­land, wur­de zu sei­ner ei­ge­nen Über­ra­schung an­ge­nom­men und aus Gott­fried wur­de Ge­off. Zwan­zig Jah­re nach dem Feu­er­sturm war er al­so nun in Cam­bridge, wenn es auch nur das nicht so be­rühm­te »Dow­ning Col­lege« war.

Der aka­de­mi­sche Be­trieb er­zeug­te bei Schult ein Phleg­ma; er fand sich früh da­mit ab, kei­ne Kar­rie­re ma­chen zu kön­nen. Zu Be­ginn lern­te er die Non­kon­for­mi­sten Tom und Liz ken­nen, die sel­ber kaum Am­bi­tio­nen he­gen. Ei­ne der we­ni­gen Freund­schaf­ten, die Schult ein­ging, denn er war kon­takt­scheu. Um dem Uni-Be­trieb zu ent­flie­hen, mie­te­te er sich ei­ne klei­ne Woh­nung am Ar­nold Cir­cus, ei­nem der äl­te­sten Stadt­vier­tel Lon­dons; da­mals, 1964 beim Ein­zug, an­zie­hend schä­big. Hier konn­te er sei­ne Ho­mo­se­xua­li­tät ab­seits von Cam­bridge aus­le­ben, be­such­te ab und zu das »Ge­or­ge and Dra­gon«, ei­ne eher ver­gam­mel­te Knei­pe mit ei­ner herz­li­chen Wir­tin. Und hier fand er die Stri­cher, die er be­zahl­te und da­bei froh war, kei­ne wei­te­ren Ver­pflich­tun­gen zu ha­ben. Die hy­po­chon­dri­sche Mut­ter in Ham­burg wird zwei Mal im Jahr be­sucht; man hat­te sich we­nig zu sa­gen. Den Weih­nachts­be­such brach Schult im­mer am 23.12. ab. Nur ein­mal, wäh­rend ei­nes Kur­auf­ent­halts, leb­te das Ver­hält­nis der bei­den für kur­ze Zeit auf.

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Franz-Ste­fan Ga­dy: Die Rück­kehr des Krie­ges

Franz-Stefan Gady: Die Rückkehr des Krieges
Franz-Ste­fan Ga­dy: Die Rück­kehr des Krie­ges

Spä­te­stens seit dem 24. Fe­bru­ar 2022, dem Be­ginn des Über­fall Russ­lands auf die Ukrai­ne, ist der Krieg, ob man will oder nicht, wie­der un­mit­tel­bar in Eu­ro­pa prä­sent. Ver­ges­sen die vie­len Stell­ver­tre­ter- und Re­gio­nal­krie­ge, die seit Jahr­zehn­ten und auch nach dem ver­meint­li­chen »En­de der Ge­schich­te« auf der Welt tob(t)en. Die so­ge­nann­te Frie­dens­di­vi­den­de ist auf­ge­braucht. Rück­wir­kend be­trach­tet be­gann das al­les schon viel frü­her. Man woll­te je­doch un­ter an­de­rem aus öko­no­mi­schen Grün­den die Zei­chen der Zeit nicht er­ken­nen und ver­fiel in ei­nen geo­po­li­ti­schen Dorn­rös­chen­schlaf. Und im­mer noch ist vie­len der Weck­ruf der­art un­an­ge­nehm, dass sie dar­auf be­stehen, wei­ter schla­fen zu dür­fen. Es sind je­ne, die mit ih­ren au­ßen­po­li­ti­schen Ein­schät­zun­gen seit je stets falsch ge­le­gen ha­ben.

Zeit al­so für ein auf­klä­ren­des, ver­sach­li­chen­des Werk über das, was wir Krieg nen­nen. Der öster­rei­chisch-ame­ri­ka­ni­sche Mi­li­tär­ana­lyst Franz-Ste­fan Ga­dy hat dies mit Die Rück­kehr des Krie­ges ver­sucht. Sei­ne The­se geht da­hin, dass Krie­ge in Mit­tel­eu­ro­pa und da­mit auch im deutsch­spra­chi­gen Raum wahr­schein­li­cher ge­wor­den sind. Zi­tiert wird un­ter an­de­rem der ame­ri­ka­ni­sche Hi­sto­ri­ker und Di­plo­mat Phil­ip Ze­li­kow, der die Wahr­schein­lich­keit auf 20 bis 30 Pro­zent für ei­nen welt­wei­ten Krieg »in den kom­men­den Jah­ren« an­gibt. Der mi­li­tä­ri­sche He­ge­mon USA, der bis­her als Ga­rant eu­ro­päi­scher Si­cher­heit galt, wird, könn­te durch ei­nen dro­hen­den Kon­flikt mit Chi­na um Tai­wan im In­do­pa­zi­fik be­an­sprucht wer­den wäh­rend gleich­zei­tig Russ­land in ge­ziel­ten klei­nen (oder gro­ßen) Ope­ra­tio­nen NA­TO-Ge­biet im Bal­ti­kum an­greift. Eu­ro­pa muss al­so im ei­ge­nen In­ter­es­se mi­li­tä­ri­sche Ab­hän­gig­kei­ten von den USA mi­ni­mie­ren und auf kon­ven­tio­nel­lem Ge­biet ab­schrecken kön­nen.

Ga­dy be­schäf­tigt sich zu­nächst mit dem »Zeit­al­ter der Fehl­ein­schät­zun­gen«, das ir­gend­wann in den 1990er Jah­ren be­gann. Suk­zes­si­ve ver­ab­schie­de­ten sich die (West-)Europäer bei­spiels­wei­se von der Mög­lich­keit im Ver­tei­di­gungs­fall ei­ne »hoch in­ten­si­ve Land­kriegs­füh­rung« füh­ren zu kön­nen. Mit dem Fo­kus auf neue Tech­no­lo­gien ver­nach­läs­sig­te man als ver­al­tet be­trach­te­te Mi­li­tär­tech­ni­ken und die Pro­duk­ti­on aus­rei­chen­der Mu­ni­ti­on. Die Ver­tei­di­gungs­haus­hal­te wur­den zu­sam­men­ge­stri­chen. Man kon­zen­trier­te sich auf die Pla­nung re­gio­nal und zeit­lich be­grenz­ter Aus­lands­ein­sät­ze. Ei­ne mi­li­tä­ri­sche Ab­schreckung schien un­nö­tig zu sein. Der sich be­reits in der Nach­rü­stungs­de­bat­te Mit­te der 1980er Jah­re ab­zeich­nen­de Pa­zi­fis­mus fei­er­te mit dem Fall der Mau­er in ei­nem »post­he­roi­schen Welt­bild als iden­ti­täts­stif­ten­des Ide­al« sei­nen Durch­bruch.

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Pa­trick Mo­dia­no: Die Tän­ze­rin

Patrick Modiano: Die Tänzerin
Pa­trick Mo­dia­no:
Die Tän­ze­rin

Un­längst fei­er­te der fran­zö­si­sche Schrift­stel­ler Pa­trick Mo­dia­no sei­nen 80. Ge­burts­tag. Seit Mit­te der 1970er Jah­ren wer­den sei­ne Bü­cher in Deutsch­land pu­bli­ziert – in meh­re­ren Ver­la­gen und von ei­ni­gen Über­set­zern, un­ter an­de­rem auch Pe­ter Hand­ke, der zeit­wei­se die Mo­dia­no-Bü­cher nach Suhr­kamp brach­te, be­vor sie bei Han­ser und Über­set­ze­rin Eli­sa­beth Edl ei­ne Heim­statt be­kom­men ha­ben. Mit den Jahr­zehn­ten sind sei­ne Ro­ma­ne zu klei­nen, luf­tig-duf­ti­gen Er­zäh­lun­gen ge­wor­den, die um Er­in­ne­rung, Zä­su­ren und ge­schei­ter­te (oder ge­lun­ge­ne) Le­bens­ent­wür­fe krei­sen. Auch im neu­en Ro­man Die Tän­ze­rin (wie ge­habt über­setzt von Eli­sa­beth Edl) spielt die Er­in­ne­rung und de­ren Un­zu­ver­läs­sig­keit ei­ne wich­ti­ge, ei­gent­lich die ent­schei­den­de Rol­le. Zeit und Bil­der ver­wi­schen, aber ge­ra­de hier­in scheint der Reiz zu lie­gen, der we­ni­ger dar­in be­steht, sich prä­zi­se zu er­in­nern, son­dern trotz oder ge­ra­de mit den bruch­stück­haf­ten Bil­dern so et­was wie ei­ne »ewi­ge Ge­gen­wart« zu er­zeu­gen, wie es fast eu­pho­risch am En­de des Bu­ches heißt.

Es be­ginnt mit ei­nem Mann, den der Ich-Er­zäh­ler zwi­schen all den Touristen-»Horden« in Pa­ris zu ent­decken glaubt: sei­nen ehe­ma­li­gen Ver­mie­ter von vor 50 (oder mehr) Jah­ren. Lei­der kann sich der der­art an­ge­spro­che­ne Mann we­der an ihn noch an die vor­ge­brach­ten Er­eig­nis­se er­in­nern, gibt ihm aber ei­nen Zet­tel mit Te­le­fon­num­mern und Adres­se.

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Au­ré­li­an Bel­lan­ger: Die letz­ten Ta­ge der Lin­ken

Li­stig, die­ses Be­kennt­nis zur »kon­tra­fak­ti­schen Ge­schichts­schrei­bung«, die der fran­zö­si­sche Au­tor Au­ré­li­an Bel­lan­ger sei­nem als Ro­man de­kla­rier­ten Buch Die letz­ten Ta­ge der Lin­ken vor­weg schickt. Soll­te man »ei­ni­ge rea­le Per­so­nen« trotz­dem wie­der­fin­den, muss man sich »da­mit zu­frie­den­ge­ben, sie als Prot­ago­ni­sten ei­ner Par­al­lel­ge­schich­te zu be­trach­ten.« Es ist na­tür­lich ge­ra­de die­se Di­stan­zie­rung, die neu­gie­rig macht. Ent­spre­chend sorg­te das ...

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Kuhn/Mahler/Mittermayer: Drei Wo­chen mit Tho­mas
Bern­hard in Tor­re­mo­li­nos

Kuhn/Mahler/Mittermayer: Drei Wochen mit Thomas Bernhard in Torremolinos
Kuhn/Mahler/Mittermayer: Drei Wo­chen mit Tho­mas Bern­hard in Tor­re­mo­li­nos

Am 27. No­vem­ber 1988, drei Wo­chen nach der skan­dalum­to­sten Pre­mie­re von Hel­den­platz am Wie­ner Burg­thea­ter (in­sze­niert vom un­längst ver­stor­be­nen Claus Pey­mann), flog Su­san­ne Kuhn, ge­bo­re­ne Fab­jan, mit ih­rem Halb­bru­der Tho­mas Bern­hard nach Tor­re­mo­li­nos. Von da aus ging es mit dem Ta­xi zum Ho­tel La Bar­ra­cu­da an die Co­sta del Sol. Der Rück­flug für Su­san­ne Kuhn war am 18. De­zem­ber vor­ge­se­hen. Die ge­nau­en Rei­se­da­ten in­klu­si­ve Prei­se kann man auf der ab­ge­druck­ten Rech­nung im so­eben im Kor­rek­tur Ver­lag er­schie­ne­nen Buch Drei Wo­chen mit Tho­mas Bern­hard in Tor­re­mo­li­nos nach­le­sen.

Es dau­er­te fast 37 Jah­re bis Su­san­ne Kuhn sich auf­raff­te zu­sam­men mit dem Zeich­ner Ni­co­las Mahler und dem ex­zel­len­ten Bern­hard-Ken­ner und ‑Bio­gra­fen Man­fred Mit­ter­may­er die­ses Er­leb­nis ei­ne Form zu ge­ben. Her­aus­ge­kom­men ist ein ehr­li­cher Text, der schnör­kel­los hei­te­re und är­ger­li­che Mo­men­te be­schreibt, il­lu­striert in be­kann­ter Ma­nier von Ni­co­las Mahler (Tho­mas Bern­hard mit ein biss­chen an Lo­ri­ot er­in­nern­der Knollennase).Vermutlich wuss­ten nur sehr we­ni­ge, wie krank Tho­mas Bern­hard da­mals wirk­lich war. Er konn­te z. B. nur noch im Sit­zen schla­fen; Su­san­ne Kuhn muss­te ihm mit ei­ner Schreib­tisch­schub­la­de im Rücken das Bett her­rich­ten, da­mit das mög­lich war. Ein­mal konn­te sie ei­ne Atem­not Bern­hards nur mit Ni­tro­gly­ce­rin-Spray lin­dern. War­um die­se Rei­se? Aus ei­nem Be­dürf­nis, dem sehr kran­ken, aber auch im­mer et­was un­nah­ba­ren Bru­der bei­zu­ste­hen? Su­san­ne Kuhn war sel­ber nicht ge­sund, hat­te ge­ra­de ih­re vor­zei­ti­ge Ren­te durch­be­kom­men, litt un­ter zahl­rei­chen Äng­sten und Pho­bien, wie et­wa Flug- oder Platz­angst. Als die bei­den ih­re Zim­mer im 9. Stock zu­ge­wie­sen be­kom­men, drängt sie für sich auf ein Zim­mer auf der 2. oder ma­xi­mal 3. Eta­ge.

Da man sich noch nie der­art na­he ge­kom­men war, gab es be­son­ders zu Be­ginn Span­nun­gen und Miss­ver­ständ­nis­se. Et­wa als der »pas­sio­nier­te Schuh­käu­fer« Bern­hard mit ihr in ein Schuh­ge­schäft ging und dort auch zwei Paar Schu­he für sie kau­fen woll­te. Sie muss­te je­doch vor ihm wie auf ei­nem Lauf­steg im­mer wie­der ge­hend über­prü­fen, ob sie auch wirk­lich pass­ten. Kurz dar­auf er­wog sie ernst­haft, vor­zei­tig ab­zu­rei­sen, blieb dann je­doch bis zum Schluss. Da­nach über­nahm Pe­ter Fab­jan.

Es gibt auch an­ek­do­ti­sches vom lei­den­schaft­li­chen Über­schrif­ten­le­ser Tho­mas Bern­hard (die Stö­ße der ge­kauf­ten Zei­tun­gen trug sie ihm hin­ter­her). Bei­spiels­wei­se über den eher un­be­frie­di­gen­den Aus­flug nach Gi­bral­tar. Oder der Be­such von Jo­chen Jung (mit ei­ner merk­wür­di­gen Sitz­ord­nung im Re­stau­rant). Dann von Bern­hards Freu­de mit ihr im Du­ett In the sum­mer­ti­me zu sin­gen. Oder die Schwe­ster im 12 Grad kal­ten Ho­tel­pool schwim­men zu se­hen. Aus Spar­sam­keits­grün­den soll­te sie ei­nen öf­fent­li­chen Münz­fern­spre­cher ver­wen­den; das Te­le­fon im Ho­tel war ihm zu teu­er. Bern­hard sel­ber war­te­te auf ei­nen An­ruf von Sieg­fried Un­seld. Der kam nicht. Was er wohl nicht wuss­te: Der war mit Pe­ter Hand­ke zur glei­chen Zeit in Ma­drid.

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Ulf Po­s­ch­ardt: Shit­bür­ger­tum

Ulf Poschardt: Shitbürgertum
Ulf Po­s­ch­ardt:
Shit­bür­ger­tum

Die Ab­sa­ge des Ver­lags zu Klam­pen mach­te erst recht neu­gie­rig. Was hat­te Ulf Po­s­ch­ardt, der (da­ma­li­ge) Chef­re­dak­teur der Welt, oh­ne­hin nicht be­kannt für aus­ge­wo­ge­ne For­mu­lie­run­gen, bloß ge­schrie­ben? Schon der de­si­gnier­te Ti­tel: Shit­bür­ger­tum. Po­s­ch­ardt mach­te nun et­was Au­ßer­ge­wöhn­li­ches: Er such­te sich kei­nen neu­en Ver­lag, was ihm si­cher­lich ein Leich­tes ge­we­sen wä­re, son­dern gab sein Buch als Selbst­pu­bli­ka­ti­on her­aus. Es lie­ge »sehr bil­lig in den Hän­den« schrieb mir ein Freund, wo­mit Pa­pier und Um­schlag ge­meint wa­ren. In­nen fun­ke­le es al­ler­dings. Ich war­te­te auf das E‑Book bei Ama­zon. Ein paar Mo­na­te spä­ter nahm sich der West­end-Ver­lag der Sa­che an und Po­s­ch­ardt schrieb noch ein Ka­pi­tel zur in­zwi­schen statt­ge­fun­de­nen Bun­des­tags­wahl 2025 da­zu.

Mit dem Ver­lag im Rücken schaff­te es das Buch bis auf Platz 3 der der Spie­gel Best­sel­ler­li­ste. Es gilt längst als Kult; man bie­tet so­gar Kaf­fee­be­cher und Base­caps im Co­ver-Aus­se­hen an. »Re­spekt muss man sich ver­die­nen, Re­spekt­lo­sig­keit auch«, so Po­s­ch­ardt im »Vor­vor­wort« zum Ti­tel. Wei­ter hin­ten er­fährt man, dass ihn der ar­gen­ti­ni­sche Prä­si­dent Ja­vier Mi­lei da­zu in­spi­riert ha­be. Der ha­be die Lin­ke »Schei­ße« ge­nannt. Und da­nach ei­ne Wahl ge­won­nen.

2016 ent­deck­te Po­s­ch­ardt schon ein­mal ei­ne neue Ge­sell­schafts­schicht und ver­öf­fent­lich­te ein Buch über das Ge­schmacks­bür­ger­tum. Die Zeit des Bil­dungs­bür­gers ge­he zu En­de, so stand im Wer­be­text. »Bil­dung wird durch Ge­schmack er­setzt«. Was das ge­nau be­deu­tet, ist schwer zu sa­gen; das Buch ist ver­grif­fen und wur­de nur we­nig kom­men­tiert. »Der Bür­ger strebt nach Schön­heit, auch weil er sich selbst da­mit re­prä­sen­tie­ren will«, schreibt Po­s­ch­ardt 2014 und de­kla­miert: »Der Kul­tur­kampf ist vor­bei.« Min­de­stens galt es für die Ar­chi­tek­tur.

Zehn Jah­re spä­ter ist die­se Epi­so­de, so­fern es sie je gab, vor­bei. Weg auch mit den halb­wegs vor­neh­men Um­schrei­bun­gen à la »links-li­be­ral« oder »ju­ste mi­lieu«, vor­bei der im­mer et­was dum­me Spruch vom »Gut­men­schen­tum« (wo sind denn die »Bös­men­schen«?), mit dem man die sich mo­ra­lisch und sitt­lich über­le­gen füh­len­den cha­rak­te­ri­sier­te. Die­ses Mi­lieu wird jetzt »Shit­bür­ger­tum« ge­nannt. Über­all fin­den de­ren Re­prä­sen­tan­ten, mo­ra­lin­saure Bes­ser­wis­ser, die un­ge­fragt an­de­ren Essens‑, Reise‑, Lektüre‑, Sprach‑, Mo­bi­li­täts- und Ver­hal­tensim­pe­ra­ti­ve er­tei­len. Sie er­klä­ren Ve­ge­ta­ris­mus, au­to­frei­es Le­ben, an­ti­dis­kri­mi­nie­ren­de Lek­tü­re, gen­der­sprach­li­che For­mu­lie­run­gen und CO2-neu­tra­le Le­bens­wei­se nicht zu Emp­feh­lun­gen, son­dern ma­chen sie zu Dog­men. Die Sa­che ist kei­nes­wegs so put­zig, wie es den An­schein hat. »Als Dis­zi­pli­nar­macht im fou­cault­schen Sin­ne rich­tet das Shit­bür­ger­tum in sei­nen Be­ru­fen im Kul­tur- und Me­di­en­be­reich, in Kir­chen und NGOs, im vor­po­li­ti­schen Raum und in den Par­tei­en über All­tag und Le­ben der an­de­ren«, so Po­s­ch­ardt. Vor­bei die Zei­ten, in de­nen man sich über Schlab­ber­pul­li-tra­gen­de Ökos in San­da­len noch amü­sie­ren konn­te. Das Shit­bür­ger­tum ist schlei­chend, aber deut­lich an den Schalt­he­beln der po­li­ti­schen (und me­dia­len) Macht an­ge­kom­men. Der neue­ste Trick: Al­les, was ge­gen die neu­en Im­pe­ra­ti­ve in Stel­lung ge­bracht wird, als »Kul­tur­kampf« zu de­kla­rie­ren. Kul­tur­kämp­fer sind im­mer die an­de­ren.

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Fremd­heit, Äng­ste, Fe­stung

AUFZEICHNUNGEN ZU DER SCHRIFTSTELLERIN MARIANNE FRITZ (1948 – 2007)

- ANLÄSSLICH EINER GEMEINSAMEN LESEREISE IM HERBST 19781

Er­ster Ein­druck: lieb und me­schug­ge. Die Be­ses­se­ne, von der Schreib­ar­beit Auf­ge­fres­se­ne. Sie spricht Dia­lekt, hat dar­über hin­aus ei­nen Sprach­feh­ler: Be­trof­fen vor al­lem die gut­tu­ra­len Lau­te. Und das L.

Bril­len­trä­ge­rin. Gro­ßer Bril­len­rah­men.

Im Dreh­turm­re­stau­rant be­merkt sie zu­nächst nicht, daß es sich dreht, ver­steht al­so nicht, wie­so sich die Aus­sicht im­mer wie­der ver­än­dert.

Sie hat gro­ße Angst vor dem Flie­gen.

Ei­ne Stei­re­rin.

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  1. Lesereise 1978 für die drei ersten Autoren der sogenannten "Collection S. Fischer": Marianne Fritz, Otto Marchi & PSJ [Stechpalmenwald