Me­lan­cho­lie und Son­nen­tau

Neue Er­zäh­lun­gen vom Li­te­ra­tur­ent­decker Mi­cha­el Hel­ming

Ein neu­es Buch von Mi­cha­el Hel­ming. Zu­ge­ge­ben, lei­der kein Ent­deckungs­buch wie Bye bye Ba­bel oder Lei­chen trepp­auf, in de­nen Dich­ter auf bio­gra­phisch-wun­der­ba­re Art der Ver­ges­sen­heit ent­ris­sen, ih­re Grä­ber be­sucht und der neu­gie­rig ge­wor­de­ne Le­ser Her­mann Un­gar, Heinz Ol­schwe­ski oder Kurt Mün­zer (aka Ge­org Fink) ken­nen­lern­te. Auch die 16 Sei­ten über den min­de­stens 35 Mal er­folg­los zum Li­te­ra­tur­no­bel­preis vor­ge­schla­ge­nen Jor­ge Lu­is Bor­ges, den er lie­be- und re­spekt­voll »Ge­or­gie« nennt, sind sehr in­struk­tiv. Gran­di­os dar­in die­ses Fo­to von ei­nem men­schen­lee­ren Platz mit Gar­ten­schachs und dem Un­ter­ti­tel: »Genf am 14.06.2006, auf den Tag ge­nau 20 Jah­re nach Bor­ges’ Tod« (Bor­ges starb in Genf).

Michael Helming: Notizen vom schwarzen Faden
Mi­cha­el Hel­ming: No­ti­zen vom schwar­zen Fa­den

Nun al­so No­ti­zen vom schwar­zen Fa­den. Zum Glück kein Ro­man, son­dern 19 Er­zäh­lun­gen oder, wie der Ver­lag schreibt, »Kurz­ge­schich­ten über das Rei­sen und das ewig un­ste­te Mensch­sein«. Das und die Hom­mage an Bor­ges im Kopf, soll­ten ei­nem die 5 Eu­ro wert sein.

Und selbst wenn man mit der Ge­schich­te über den Win­ter-Ver­käu­fer, der ei­ne sin­gen­de Ma­de ent­deckt und da­mit ei­ne Frau be­ein­drucken möch­te ein biss­chen frem­delt oder sich ein leich­ter Gru­sel ein­stellt bei der Er­zäh­lung über den Mann, der sich sel­ber in sei­ner Woh­nung im Ses­sel sit­zend be­geg­net – es gibt wirk­lich tol­le Er­zäh­lun­gen.

Da ist bei­spiels­wei­se je­mand, der bis­wei­len über­flüs­sig ge­wor­de­nes aus sei­nem Haus­stand zum Ver­schen­ken an die Stra­ße stellt und dann ein­mal be­merkt, dass er ei­ne Do­se wie­der zu­rück­ha­ben möch­te – was dann recht schwie­rig wird. Oder je­ner tisch­ten­nis­spie­len­de Mann mit Cha­rak­ter, der her­aus­ge­fun­den hat­te »was er tun woll­te und konn­te, um sein Le­ben rum­zu­krie­gen« und plötz­lich ver­schwand. Dann En­no, ei­ne Be­kannt­schaft aus der Zeit als »die Brief­mar­ken noch nicht von al­lei­ne« kleb­ten, der nach Jahr­zehn­ten beim Wie­der­se­hen den Ein­druck ver­mit­telt, nur noch we­gen sei­nes au­ßer­ge­wöhn­li­chen Tat­toos zu exi­stie­ren. Ein an­der­mal ma­chen sich Freun­de auf ei­nen Rund­marsch im Ge­bir­ge auf und plötz­lich, »mit­ten­drin der Ge­dan­ke, wir sind vor al­lem im Er­le­ben Freun­de; wir tei­len un­zäh­li­ge un­ge­wöhn­li­che und so­gar un­mög­li­che Mo­men­te.« Bil­der und Ein­sich­ten, chan­gie­rend zwi­schen Me­lan­cho­lie und Neu­be­ginn, et­wa als lau­sche man Bachs Kon­zert in f‑moll bei ei­nem Glas Wein.

Als no­to­ri­scher Zu­früh­kom­mer bin ich fas­zi­niert von Sehr frü­he An­kunft und dem sich in der Zeit-Trei­ben­las­sen des Prot­ago­ni­sten, der meh­re­re Stun­den bis zu sei­nem Ter­min füllt. Iso­lier­te Ver­bin­dun­gen zeigt das ganz nor­ma­le Ge­wu­sel in ei­nem Mehr­par­tei­en­haus und dar­in ei­nen Mo­ment, den es nie mehr ge­ben wird. Lock­down lässt die Zeit des Ein­ge­sperrt­seins als Ge­burts­stun­de von Frei­heit auf­schei­nen. Groß­ar­tig, wenn in Har­nisch zu­nächst ei­ne sehr gro­ßes Rei­ter­stand­bild be­schrie­ben wird, be­vor es dann an das ei­gent­li­che der Ge­schich­te geht: Ein Mann trifft auf ei­ne Frau, die ihn an­spricht, mit ei­nem an­de­ren ver­wech­selt und der Mann tut ihr den Ge­fal­len, und nimmt die Rol­le an. Atem­los liest man mit, in der Hoff­nung oder eben auch nicht, dass sich der Schwin­del löst. Wun­der­bar die Er­zäh­lung über den Fo­to­gra­fen, oder, wie Wim Wen­ders schrei­ben wür­de: Pho­to­gra­phen (ana­log!), der ei­ne Schaf­her­de ent­deckt, pho­to­gra­phiert und mit dem Licht des Nach­mit­tags, der ein­set­zen­den Fe­bru­ar-Däm­me­rung ha­dert wäh­rend er vom Schä­fer Neu­es er­fährt.

Der­art en­thu­si­as­miert ist man dann auf die Ti­tel­ge­schich­te ein­ge­stellt, die sehr sehr sur­rea­li­stisch da­her­kommt, von ei­nem ehe­ma­li­gen Kur­ort han­delt, der heu­te kei­ne In­fra­struk­tur mehr bie­tet, aber den­noch fast über­lau­fen scheint und sei­ne Be­su­cher auf ei­ne ma­gi­sche Art nicht mehr los­lässt. Wer es ver­sucht, wird von ei­nem Fluss auf­ge­hal­ten, der je nach Not­wen­dig­keit sich in ein »nack­tes, dunk­les Ge­wächs« ver­wan­delt. Die Al­le­go­rie­ma­schi­ne be­ginnt.

Das Büch­lein en­det mit ei­ner Er­zäh­lung mit dem zwei­deu­ti­gen Ti­tel Son­nen­tau, ei­ner Be­schwö­rung der Zu­ver­sicht, ge­schöpft aus »Brau­se­pul­ver­mo­men­ten, wenn et­wa ge­lacht wird oder Mu­sik spielt« und in der wie ne­ben­bei das Los des Dich­ters be­klagt wird, der aus den Glücks­mo­men­ten des Le­bens, je­nem »Son­nen­tau«, viel zu oft aus­bricht, weil er ihn in sei­nem No­tiz­buch fest­hal­ten will und so be­reit ist »auf Son­nen­tau zu ver­zich­ten, um statt­des­sen über ihn zu schrei­ben.« Aber we­he, wenn sich »Ver­stand auf­drängt« und »wie Un­kraut un­ter den Son­nen­tau mo­gelt«. Und man ist er­tappt, weil man ver­sucht hat, den Zau­ber der Er­zäh­lun­gen wie­der zu er­klä­ren, zu deu­ten, statt ihn ein­fach nur zu ge­nie­ßen.

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