Zick­zack

Ein Brumm­ge­räusch wie von ei­nem un­sicht­ba­ren Bom­ber hoch oben in den Lüf­ten. Der Brum­mer wird sicht­bar, kommt ins Bild, in den Raum, nä­hert sich dem Kör­per des sit­zen­den Man­nes, sei­ner un­ge­schütz­ten Haut. Ha­stig greift er nach sei­ner Jacke, zieht sie über sei­nen Kopf, sei­nen Nacken. Die Hor­nis­se be­rührt sei­ne jetzt ge­schütz­te Schul­ter, sie ist et­wa halb so groß wie sei­ne Faust, das hat sein letz­ter Blick er­späht. Letz­tes Jahr wur­de er von ei­ner an­ge­grif­fen. Sie hat­te ihn mehr­mals um­kreist, bis sie sich von hin­ten auf sei­nen Nacken stürz­te und zu­stach, ehe sie die Flucht er­griff.

Die Hor­nis­se hier fliegt wei­ter, aber sie wird zu­rück­keh­ren, wahr­schein­lich zieht sie jetzt grö­ße­re Krei­se um den vor sei­nem Tem­pel­hütt­chen Sit­zen­den. Der Pflan­zen­saft ei­nes der Bäu­me schräg vor ihm zieht sie an: wo­mög­lich sieht sie den Mann als Kon­kur­ren­ten. Wäh­rend er sich auf ei­nen neu­er­li­chen An­griff vor­be­rei­tet, oder bes­ser, wäh­rend er ver­sucht, sich zu be­ru­hi­gen, oder bes­ser, wäh­rend er sich in sein Schick­sal fügt, des­sen Fort­gang er nicht kennt, sinkt sein Blick auf den ge­stampf­ten, von ge­fal­le­nen Blät­tern, Na­deln und Zwei­gen über­sä­ten Lehm­bo­den, hebt sich dann aber jäh, weil sei­ne Oh­ren glau­ben, das Brum­men wie­der zu hö­ren (da­bei ist es ein Fahr­zeug­ge­räusch un­ten im Tal?), sinkt von neu­em, trifft auf ei­nen weiß­li­chen Fal­ter, der sich dort be­wegt. Nein, be­wegt wird: der Fal­ter von ei­ner ein­zel­nen Amei­se be­wegt, die bald un­ter, bald über den Flü­geln ist und ih­re Beu­te mit al­ler Macht – mit der Macht der Ge­wohn­heit – vor­an­zu­brin­gen ver­sucht. Bei ei­nem Men­schen wür­de man sa­gen, er tau­melt, ja, er ku­gelt, doch das In­sekt geht sei­ner Be­schäf­ti­gung mit ei­nem Ernst und ei­ner ent­fes­sel­ten En­er­gie nach, die sol­che Aus­drücke ver­bie­ten.

An ei­ner Stel­le, wäh­rend die Oh­ren das Rau­schen ei­nes Pas­sa­gier­flug­zeugs hoch über den Wip­feln ver­neh­men, hält die Amei­se in­ne; ei­ne an­de­re kommt her­an, in­spi­ziert den Fal­ter, die bei­den schei­nen sich über die ge­eig­ne­te Trans­port­me­tho­de zu ver­stän­di­gen, ehe die zwei­te Amei­se un­ter die Fal­ter­flü­gel huscht, um sie wei­ter­zu­be­we­gen. Im Zick­zack, un­re­gel­mä­ßi­ger als vor­her, so dass ich mich fra­ge, ob die In­sek­ten – zwei oder drei (oder mehr, die an­de­ren nicht in un­se­rem Ge­sichts­kreis) be­ob­ach­ten die Sze­ne, zum Ein­springen be­reit – ob die In­sek­ten tat­säch­lich ein Ziel ha­ben, auf das sie zu­steu­ern. Noch ein­mal wird die Beu­te über­ge­ben, ehe sich her­aus­stellt, wo­hin der – not­wen­di­ge? – Um­weg führt: zum moos­be­wach­se­nen Sockel ei­ner To­ten­la­ter­ne, dort senk­recht hin­auf, aber nur zwei Span­nen weit, dann ist das für mein Au­ge gar nicht er­kenn­ba­re Ziel er­reicht. Die weiß­li­chen Fal­ter­flü­gel ver­schwin­den im Moos­grün, in ei­ner dunk­len Wohn- und Werk­stät­te, wo der un­ver­meid­li­che Vor­gang zu En­de ge­bracht wird.

Schon seit ei­ner Wei­le ist das Brum­men wie­der zu hö­ren, die Hor­nis­se streicht in der Baum­kro­ne von Blatt zu Blatt. Läßt ab vom Saft, schwingt sich plötz­lich her­ab, um­kreist den Sit­zen­den, aber der hat zu tun, hat von Tod und Le­ben zu be­rich­ten. Er ver­gißt dar­auf, sich zu schüt­zen, und ver­folgt – nein: be­wegt das Zick­zack der Buch­sta­ben, die an ir­gend­ein Ziel müs­sen, in ei­ne un­ter­ir­di­sche Wohn- oder Werk- oder Ru­he­stät­te, wo­hin denn, es stellt sich noch nicht her­aus. Das Brum­men, zwei Hor­nis­sen, das stär­ke­re Brum­men, drei oder vier, ein Ge­schwa­der. Und jetzt: in der Luft vor den Baum­blät­tern flat­tert, wie­der­ge­bo­ren, ein weiß­li­cher Fal­ter.

© Leo­pold Fe­der­mair