Mar­tin Prinz: Die letz­ten Ta­ge

Martin Prinz: Die letzten Tage
Mar­tin Prinz: Die letz­ten Ta­ge

Seit ei­ni­gen Jah­ren fei­ert das do­ku­fik­tio­na­le Schrei­ben ei­ne Re­nais­sance. Schrie­ben einst Wil­liam Shake­speare oder Fried­rich Schil­ler ih­re Dra­men an­ge­lehnt an hi­sto­ri­sche Er­eig­nis­se, die meist zeit­lich weit zu­rück la­gen, so konn­te man in der letz­ten Zeit ver­mehrt bio­gra­fisch an­ge­leg­te Ro­ma­ne et­wa über die Na­tur­wis­sen­schaft­ler Karl-Fried­rich Gauß und Alex­an­der Hum­boldt, den Sin­ti-Bo­xer Jo­hann Ru­ke­lie Troll­mann, den Hell­se­her Ra­fa­el Scher­mann, die RAF-Ter­ro­ri­stin Gud­run Ens­slin, den Aus­stei­ger Au­gust Karl En­gel­hardt, den Film­re­gis­seur Ge­org Wil­helm Pa­bst oder den Re­li­gi­ons­pre­di­ger Pe­ter Ben­der le­sen (um nur ei­ni­ge zu nen­nen). Hier wer­den die Le­bens­ge­schich­ten mehr oder we­ni­ger be­kann­ter, hi­sto­ri­scher Per­so­nen (nach)erzählt. Dich­te­ri­sche Frei­hei­ten sind da­bei vor­pro­gram­miert, wie man bei­spiels­wei­se an Da­ni­el Kehl­manns Ver­mes­sung der Welt und Licht­spiel se­hen kann. Hier wird of­fen­siv mit fik­ti­ven Ele­men­ten ge­spielt, wo­bei das Bio­gra­fi­sche sei­ner Prot­ago­ni­sten nur als Ge­rüst dient. Meist wird je­doch in Do­ku­fik­tio­nen sug­ge­riert, dass das sich Ge­schil­der­te so (oder so ähn­lich) er­eig­net hat. Um sich nicht in die dro­hen­de Au­then­ti­zi­täts­fal­le zu be­ge­ben, gibt es Bü­cher, in de­nen die Na­men der rea­len Per­so­nen ver­frem­det wur­den, was nar­ra­ti­ve Spiel­räu­me für den Au­tor er­öff­net.

Do­ku­fik­tio­na­le Tex­te sind in mehr­fa­cher Hin­sicht de­li­kat, wie man bei­spiels­wei­se an Stel­la von Ta­kis Wür­ger zei­gen kann. Wür­ger schreibt im jour­na­li­sti­schen Kol­por­ta­ge­stil die Ge­schich­te der Jü­din Stel­la Gold­schlag, die im Zwei­ten Welt­krieg an­de­re Ju­den an die Na­zis ver­riet. Wäh­rend die Li­te­ra­tur­kri­tik das Buch über­wie­gend äs­the­tisch miss­lun­gen fand, avan­cier­te es zum Best­sel­ler, was ein­zel­ne Buch­händ­ler ver­an­lass­te, die Kri­ti­ker zu kri­ti­sie­ren. Die größ­te Pro­ble­ma­tik des Au­tors, der Au­torin, be­steht dar­in, nicht über­lie­fer­te Ein­zel­hei­ten, bei­spiels­wei­se Dia­lo­ge oder die Schil­de­rung von (wo­mög­lich rich­tungs­wei­sen­den) si­tua­ti­ven Be­find­lich­kei­ten, er­fin­den zu müs­sen, um die Ge­schich­te fort­zu­schrei­ben. Hier flie­ßen häu­fig Wer­tun­gen un­mit­tel­bar ein. Der Le­ser kann am En­de nur schwer un­ter­schei­den, wel­che Stel­len des Tex­tes re­al und wel­che fik­tio­na­li­siert sind. Bis­wei­len wird ver­sucht, Über­lie­fe­rung und Fik­ti­on durch die Än­de­rung des Schrift­bilds zu kenn­zeich­nen. Ge­ne­rell be­steht die Ge­fahr, dass das Bild ei­ner hi­sto­ri­schen Fi­gur durch ei­nen do­ku­fik­tio­na­len Text rich­tungs­wei­send ka­no­ni­siert wird.

* * *

Mit die­sen Vor­be­hal­ten mach­te ich mich an die Lek­tü­re von Die letz­ten Ta­ge von Mar­tin Prinz. Der Au­tor ließ mir Mit­te Fe­bru­ar das Buch über den Ver­lag zu­kom­men. Un­mit­tel­bar dar­auf be­gan­nen vor al­lem in den öster­rei­chi­schen Me­di­en die hym­ni­schen Be­spre­chun­gen, die ich nur ge­teasert zur Kennt­nis ge­nom­men hat­te. End­lich fand ich jetzt Mu­ße, den (ver­meint­li­chen) Ro­man zu le­sen.

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Da­vid Sza­lay: Was nicht ge­sagt wer­den kann

David Szalay: Was nicht gesagt werden kann
Da­vid Sza­lay: Was nicht ge­sagt wer­den kann

Ist­ván ist 15 und zieht ir­gend­wann Mit­te der 1990er Jah­re mit sei­ner Mut­ter in ei­ne neue Stadt, ver­mut­lich ein Bu­da­pe­ster Rand­be­zirk. In ei­ner Woh­nung ge­gen­über wohnt ei­ne Frau mit ih­rem herz­kran­ken Mann. Die Mut­ter möch­te, dass Ist­ván mit ihr in den Su­per­markt geht und die Ein­käu­fe hoch­trägt. Er fügt sich wi­der­wil­lig, nichts ah­nend, dass hier der Keim für ei­ne Ka­ta­stro­phe liegt.

Aus der An­ti­pa­thie, die Ist­ván für die als alt und häss­lich emp­fun­de­ne Frau zu Be­ginn ent­wickelt (sie soll, wie es ein­mal heißt, un­ge­fähr so alt sein wie sei­ne Mut­ter), wird ei­ne Ob­ses­si­on, denn sie führt den pu­ber­tie­ren­den Jun­gen, der un­längst bei ei­nem gleich­alt­ri­gen Mäd­chen ei­ne her­be Ab­fuhr er­hielt, Schritt für Schritt in die Welt der Se­xua­li­tät ein. Was sie nicht ahnt: Ist­ván ver­liebt sich in sie und als sie das Ver­hält­nis be­en­den möch­te, re­bel­liert er.

So be­ginnt Was nicht ge­sagt wer­den kann, der neue­ste Ro­man des 1974 in Ka­na­da ge­bo­re­nen, bri­tisch-un­ga­ri­schen Au­tors Da­vid Sza­lay, der auf der Short­list des Boo­ker-Pri­ze 2025 steht (Ori­gi­nal­ti­tel: Fle­sh). Es ist der drit­te Ro­man von Sza­lay, der ins Deut­sche über­setzt wur­de. Trotz des Ver­lags­wech­sels von Han­ser nach Cla­as­sen wur­de auch die­ses Buch von Hen­ning Ah­rens über­setzt.

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Leif Randt: Let’s talk about fee­lings

Leif Randt: Let's talk about feelings
Leif Randt: Let’s talk about fee­lings

Leif Randt zählt längst zu je­ner klei­nen Grup­pe der Schrift­stel­ler-Ge­ne­ra­ti­on Y, die ir­gend­wann in kon­zer­tier­ter Ak­ti­on von Kri­tik und Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft zu Feuil­le­ton­günst­lin­gen avan­cier­ten. Randt ent­wickel­te sich vom Pop­li­te­ra­ten nicht zum Mid­cult-Au­tor, son­dern kon­stru­ier­te in sei­nen Ro­ma­nen »ge­misch­te Wirk­lich­kei­ten«, be­stehend aus »me­dia­lem (Selbst-) Ent­wurf und sinn­li­cher Exi­stenz im Hier und Jetzt« (Baßler/Druegh). Dun­kel ha­be ich noch den leicht dys­to­pi­schen Sound von Schim­mern­der Dunst über Co­by Coun­ty in Er­in­ne­rung. Über die dann fol­gen­den Bü­cher hat­te ich so viel ge­le­sen, dass ich mir die Lek­tü­re er­spar­te. Nun liegt mit Let’s talk about emo­ti­ons Randts neu­er Ro­man vor und ich woll­te un­be­dingt die Fol­ge des Nicht­le­sens durch­bre­chen.

Er­zählt wird et­was mehr als ein Jahr im Le­ben des Bou­ti­quen­be­sit­zers Ma­ri­an Fland­ers, 41, Sohn der be­rühm­ten Ca­ro­li­ne Fland­ers, ei­nes Mo­dels, die vor al­lem in den 1970er und 80er Jah­ren Kult­sta­tus ge­nos­sen hat­te. Es be­ginnt mit der See­be­stat­tung von Ca­ro­li­ne, de­ren Asche (leicht vor­schrifts­wid­rig) vom Schiff von Ma­ri­ans Va­ter, dem be­kann­ten Nach­rich­ten­an­chor­man der 2000er Jah­re Mi­lo Coen, der nun fast 80 Jah­re alt ist, auf den Wann­see ver­streut wird. Mit da­bei auch Mi­los Kin­der aus sei­ner zwei­ten Ehe, Te­da, 27, ei­ne welt­weit be­kann­te EDM-DJ und Co­lin, Fa­mi­li­en­va­ter von Zwil­lin­gen.

Zu Be­ginn macht man sich noch die Mü­he, die Prot­ago­ni­sten zu de­chif­frie­ren. Ist Ma­ri­ans Mut­ter et­wa Ve­rusch­ka von Lehn­dorff? Oder de­ren Mut­ter Eleo­no­re »No­na« von Haef­ten? Und der Nach­rich­ten­mann: Könn­te Ul­rich Wickert ge­meint sein? Als man dann er­fährt, dass der Ro­man am 2. Ju­ni 2025 be­ginnt und die Bun­des­kanz­le­rin Fa­ti­ma Brink­mann von »Pro­gress ‘16« heißt (Vi­ze­kanz­ler ist Ro­bert Ha­beck von »Bünd­nis 90«), die Li­ber­tä­ren die ge­fähr­lich­ste Par­tei dar­stel­len (Ma­ri­an hat­te die Links­par­tei ge­wählt) und von der zwei­ten Amts­zeit von Ber­nie San­ders hört, stellt man das Su­chen ein. Randt er­schafft sich sei­nen Wunsch­kos­mos, der für das wei­te­re Ver­ständ­nis des Bu­ches kei­ne Rol­le spielt.

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Ca­ro­li­ne Wahl: Die As­si­sten­tin

Caroline Wahl: Die Assistentin
Ca­ro­li­ne Wahl: Die As­si­sten­tin

Char­lot­te Scharf ist 1996 ge­bo­ren, Ein­zel­kind, obe­re Mit­tel­schicht, aus dem Speck­gür­tel um Köln, ab­ge­schlos­se­nes Ma­ster-Stu­di­um. Sie be­wirbt sich als As­si­sten­tin des Ver­le­gers ei­nes re­nom­mier­ten Münch­ner Ver­lags. Es soll wohl ei­ne Art Eman­zi­pa­ti­on vom El­tern­haus sein, vor al­lem von der Mut­ter, mit der sie ei­ne Hass­lie­be ver­bin­det. Aber wahr­schein­lich, so wird der Le­ser von Ca­ro­li­ne Wahls Ro­man Die As­si­sten­tin zu Be­ginn von der all­wis­sen­den Er­zäh­le­rin be­lehrt, war es halt nur ihr Va­ter­kom­plex, der sie zur Be­wer­bung ver­an­lass­te. In je­dem Fall aber ei­ne »rie­sen­gro­ße Fehl­ent­schei­dung«. Oder doch nicht?

Der de­si­gnier­te Chef heißt Ugo Mais­el, ein Münch­ner Le­be­mann, ehe­ma­li­ger Ten­nis­spie­ler (Platz 348 auf der ATP-Welt­rang­li­ste und 1 x Agas­si ge­schla­gen), Buch­au­tor (mä­ssi­ger bis gar kein Er­folg) und jetzt führt er die­sen Ver­lag. Er hat ei­ne Nar­be im Ge­sicht (ei­nen Schmiss?), sieht sehr kränk­lich aus und es be­ginnt der Haar­aus­fall. Char­lot­te er­hielt ei­ne Zu­sa­ge, al­ler­dings für ei­nen et­was an­de­ren, zweit­ran­gi­ge­ren As­si­sten­tin­nen­job, aber das war ihr egal. Sie zog nach Is­ma­ning in ein Ste­phen-King-ähn­li­ches Haus, in dem un­ter an­de­rem im Jahr ih­rer Ge­burt ei­ne Lei­che ge­fun­den wor­den war, aber im­mer­hin war die Woh­nung am Was­ser und das war ihr wich­tig.

Was nun folgt ist ei­ne mehr oder we­ni­ger chro­no­lo­gi­sche Schil­de­rung von Char­lot­tes As­si­sten­tin­nen­tor­tur von Sep­tem­ber bis Fe­bru­ar, mit vie­len Hö­hen und Tiefs und vor al­lem et­li­chen me­ta­fik­tio­na­len Ein­schü­ben, die rasch er­ken­nen las­sen, dass hier ei­ne Au­torin auch das ziel­ge­rich­te­te Schrei­ben ih­res Ro­mans hin zu ei­nem Best­sel­ler the­ma­ti­siert. So über­legt sie auf Sei­te 110, wie sie den Text von ei­ner Er­zäh­lung oder No­vel­le (nicht so ganz markt­kon­form) in ei­nen Ro­man über­füh­ren kann. Und schreibt noch 250 wei­te­re Sei­ten (statt viel­leicht nur wei­te­re 100). Pas­send da­zu dich­tet sie Char­lot­te ei­ne Lie­bes­af­fä­re an (er heißt Bo), da­mit es wei­ter­geht. Oder sie fällt sich ins Wort, wenn es zu viel oder zu we­nig an­ek­do­tisch zu wer­den droht. Als wä­re das nicht ge­nug, baut sie auch noch in­ner­halb der num­me­rier­ten Ka­pi­tel klei­ne­re Cliff­han­ger ein, die je nach La­ge bald gro­ße oder min­de­stens mitt­le­re Ka­ta­stro­phen an­deu­ten oder er­läu­tern, dass ei­gent­lich er­wart­ba­re Ka­ta­stro­phen vor­erst aus­blei­ben.

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Erik-Ernst Schwa­bach: Bil­der­buch ei­ner Nacht

Erik-Ernst Schwabach: Bilderbuch einer Nacht
Erik-Ernst Schwa­bach:
Bil­der­buch ei­ner Nacht

Nein, un­ver­öf­fent­licht im stren­gen Sin­ne war der Ro­man Bil­der­buch ei­ner Nacht des deut­schen Au­tors Erik-Ernst Schwa­bach bis­her nicht. Er er­schien 1938 in ei­nem klei­nen pol­ni­schen Ver­lag – auf pol­nisch! Schwa­bach no­tier­te im Lon­do­ner Exil in sein Ta­ge­buch: »Sehr ko­misch, ein Buch von sich in den Hän­den zu haben...von dem man kein Wort ver­steht.« Zwei Ta­ge spä­ter er­lag Schwa­bach mit 47 Jah­ren ei­nem Herz­in­farkt. Das Ma­nu­skript ging mehr als acht Jahr­zehn­te ver­schlun­ge­ne We­ge (in den 1950ern wur­de es von Ro­wohlt ab­ge­lehnt). Jetzt, 2025, ver­öf­fent­licht der Wall­stein-Ver­lag erst­ma­lig in deut­scher Spra­che Schwa­bachs Ro­man. Kun­dig er­gänzt mit ei­nem Nach­wort des Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lers und Schwa­bach-Bio­gra­fen Pe­ter Wid­lok.

Viel­leicht soll­te man Wid­loks Nach­wort zu­erst le­sen. Schwa­bach wur­de in ei­ne wohl­ha­ben­de jü­di­sche Ban­kiers­fa­mi­lie hin­ein­ge­bo­ren. Er sah sich früh als Künst­ler, Schrift­stel­ler, ver­fass­te 1913 ei­ne Ab­hand­lung über den Ex­pres­sio­nis­mus, ar­bei­te­te bei der Li­te­ra­ri­schen Welt, gab Zeit­schrif­ten her­aus, ex­pe­ri­men­tier­te mit dem Ra­dio (»Funk­spie­le«) und be­tä­tig­te sich als Kunst- und Kul­tur­mä­zen. Sei­ne Le­sun­gen und Fe­ste auf dem schle­si­schen Schloss März­dorf sol­len le­gen­där ge­we­sen sein. Dann der Ab­sturz. Schwa­bach hat­te in Reichs­mark in­ve­stiert, we­ni­ger in Im­mo­bi­li­en oder Dol­lar. Die Welt­wirt­schafts­kri­se traf ihn hart, er muss­te sei­ne be­rühm­te Bü­cher­samm­lung und schließ­lich auch März­dorf ver­kau­fen. Schwa­bach floh 1933 mit sei­ner Fa­mi­lie nach Groß­bri­tan­ni­en, hielt sich mit Un­ter­hal­tungs­stücken und Ex­po­sés für Thea­ter und Film­stof­fe über Was­ser. In Deutsch­land konn­te er nur noch un­ter Pseud­onym ver­öf­fent­li­chen. 1936 be­gann er mit Bil­der­buch ei­ner Nacht.

Schwa­bachs Epi­so­den­buch be­ginnt an ei­nem Sams­tag um 18 Uhr und en­det rund zwölf Stun­den spä­ter. Schau­platz dürf­te Ber­lin sein, ob­wohl der Na­me nicht fällt und be­kann­te Stra­ßen oder Bau­wer­ke nicht ge­nannt wer­den. In­ter­es­sant die Da­tie­rung, die er vor­nimmt: »20. Ok­to­ber 193.«. Der ein­zi­ge 20. Ok­to­ber, der in den 1930er Jah­ren ein Frei­tag ist, fin­det sich im Jahr 1934. Aber im ge­sam­ten Buch gibt es kei­nen Hin­weis auf die Na­zi-Re­gent­schaft. Es ist for­mal ein un­po­li­ti­sches Buch.

Wer kann, soll­te sich ein Per­so­nen­ver­zeich­nis an­le­gen, denn vie­le Prot­ago­ni­sten tau­chen in die­ser Nacht an un­ter­schied­li­chen Ört­lich­kei­ten auf und es ist nach­träg­lich hübsch, wie Schwa­bach die Auf­ein­an­der­tref­fen ge­stal­tet hat. Da ist et­wa der Arzt Dr. Pe­ter Paul­sen, der auf ein Din­ner bei Ban­kier Wald­herz ein­ge­la­den ist, ei­ner groß­bür­ger­li­chen, rei­chen Fa­mi­lie. Mit ein­ge­la­den ist Il­se, Paul­sens Frau, ei­ne ehe­ma­li­ge Kauf­haus­an­ge­stell­te, die aus ganz an­de­ren Ver­hält­nis­sen kommt und von den Ho­no­ra­tio­ren und Pro­mi­nen­ten von oben her­ab be­trach­tet wird. Paul­sen be­geg­net beim Din­ner Bea­te Meis­ner, ei­ne welt­ge­wand­te und ge­bil­de­te Frau, die, wie es ein­mal heißt, viel ver­spricht und er scheint ihr zu ver­fal­len, wäh­rend der Dich­ter Sven Mar­ken sich für Il­se in­ter­es­siert. Über all die­se Per­so­nen hat­te der Le­ser schon vor­her ei­ni­ges er­fah­ren. Spät in der Nacht wird Paul­sen in das Kran­ken­haus ge­ru­fen, weil Ru­di, der Po­li­zist und Ver­lob­te ei­ner Kü­chen­hil­fe der Wald­her­zens, bei ei­ner Schie­ße­rei ver­letzt wur­de.

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Ein hei­te­rer Kul­tur­pes­si­mist

Por­trät des mu­si­schen In­for­ma­ti­kers Pe­ter Reichl

1

Peter Reichl: Homo cyber
Pe­ter Reichl: Ho­mo cy­ber

Ho­mo cy­ber, der ky­ber­ne­ti­sche Mensch. Nicht zu ver­wech­seln mit dem Cy­borg, der ma­schi­nel­le Pro­the­sen in sei­nen Kör­per in­te­griert hat. Frei­lich ten­diert auch der ky­ber­ne­ti­sche Mensch da­zu, sich di­gi­ta­le Ge­rä­te ein­zu­ver­lei­ben. Be­ob­ach­tet man Pas­sa­gie­re in der U‑Bahn, ge­winnt man den Ein­druck, dass sie ihr in­tel­li­gen­tes »Te­le­fon« gar nicht mehr los­las­sen, als könn­ten sie oh­ne es nicht exi­stie­ren.

Ho­mo via­tor, ho­mo lu­dens… Es gab in der Ver­gan­gen­heit noch an­de­re fe­ste Wort­ver­bin­dun­gen mit »ho­mo«. Ho­mo fa­ber – der Ma­cher, Hand­wer­ker, Tech­ni­ker – tritt im gleich­na­mi­gen Ro­man von Max Frisch als In­be­griff des In­ge­nieurs auf. Pe­ter Reichl, der die neue Wort­ver­bin­dung ge­prägt hat und als Buch­ti­tel ver­wen­det, kommt in den bei­den bis­her er­schie­nen Bän­den1 mehr­fach auf Max Frisch und sei­nen In­ge­nieur zu spre­chen. An­schei­nend ha­ben der Ky­ber­ne­ti­ker, der In­for­ma­ti­ker, der Pro­gram­mie­rer, aber auch der ge­mei­ne »User« von Per­so­nal­com­pu­ter und Smart­phone, den In­ge­nieur als Leit­fi­gur der Mo­der­ne ab­ge­löst. Der Ho­mo sa­pi­ens hat sich zum Ho­mo cy­ber ge­wan­delt.

In der bio­gra­phi­schen No­tiz am En­de von Reichls Buch er­fah­ren wir zu un­se­rer Über­ra­schung, dass der Au­tor In­for­ma­tik­pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Wien ist. Gut, der Mann hat vie­ler­lei mit­zu­tei­len, und man­ches da­von geht nicht so leicht in ei­nen ma­the­ma­tisch un­ge­bil­de­ten Kopf, ob­wohl da von sehr al­ten, ver­hält­nis­mä­ßig ein­fa­chen Pro­blem­stel­lun­gen die Re­de war. Gleich­zei­tig aber wa­ren in dem Buch Hal­tun­gen aus­ge­drückt, Schluss­fol­ge­run­gen for­mu­liert und Vor­schlä­ge ge­macht, zu de­nen ich selbst auf an­de­ren We­gen ge­langt war, et­wa in dem Buch Pa­ra­si­ten des 21. Jahr­hun­derts. Als di­gi­ta­ler Skep­ti­ker – wie der In­for­ma­tik­pro­fes­sor selbst? – be­schloss ich, mehr dar­über her­aus­zu­fin­den, woll­te aber al­les Goo­geln ver­mei­den.

2

Reichls Bü­ro be­fin­det sich in ei­nem zwei­stöcki­gen con­tai­ner­ar­ti­gen An­nex der Wie­ner Fa­kul­tät für In­for­ma­tik. Das Ge­bäu­de muss dem­nächst wie­der ab­ge­ris­sen wer­den, an sei­ner Stel­le wird dann, wer weiß für wie lan­ge, wie­der ei­ne Bau­lücke sein. Was an Reichls kör­per­li­chen Er­schei­nung zu­nächst auf­fällt, ist der graue, fast wei­ße Rau­sche­bart, da­zu klei­ne, spring­le­ben­di­ge Au­gen hin­ter der ecki­gen Bril­le. Ei­ne ge­wis­se Fül­lig­keit ist nicht zu ver­leug­nen – man könn­te den Mann mit der kräf­ti­gen Stim­me für ei­nen Opern­sän­ger hal­ten, und tat­säch­lich wä­re er in jun­gen Jah­ren fast ein sol­cher ge­wor­den. Auf den Ar­beits­ti­schen ste­hen klei­ne, al­ter­tüm­li­che Re­chen­ma­schi­nen, wie ich sie von Ab­lich­tun­gen in den bei­den Bü­chern ken­ne. Reichl liebt es, auf die Früh­ge­schich­te der In­for­ma­tik hin­zu­wei­sen, de­ren Be­ginn man et­wa 1623 an­set­zen kann. In die­sem Jahr er­fand der deut­sche Ge­lehr­te Wil­helm Schickard ei­ne Re­chen­ma­schi­ne, mit der man viel­stel­li­ge Zah­len ad­die­ren, sub­tra­hie­ren und mul­ti­pli­zie­ren konn­te.

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  1. Homo cyber, bisher 2 Bände, erschienen im Salzburger Verlag Müry Salzmann 2023 bzw. 2024

Ar­nold Max­will: Lie­ber nicht

Arnold Maxwill: Lieber nicht
Ar­nold Max­will: Lie­ber nicht

Da hört der Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Ar­nold Max­will 2023 ein In­ter­view mit dem Schrift­stel­ler Ralf Roth­mann auf WDR5 und är­gert sich, dass nach noch nicht ein­mal zwei Mi­nu­ten die Re­de auf Roth­manns Ab­sa­ge, sein Buch zum Deut­schen Buch­preis 2015 ein­zu­rei­chen, the­ma­ti­siert wird. Die Cau­sa scheint, so Max­will, »wich­tig ge­nug, um sie gleich an den An­fang zu stel­len«. Nun, sie ist of­fen­bar der­art wich­tig, dass man dar­über nach in­zwi­schen zehn Jah­ren ein Buch über 77 Sei­ten plus 265 An­mer­kun­gen auf wei­te­ren 43 Sei­ten schreibt.

Durch sei­nen Ver­lag Suhr­kamp hat­te Roth­mann 2015 aus­rich­ten las­sen, sei­nen Ro­man Im Früh­ling ster­ben nicht zum Deut­schen Buch­preis ein­zu­rei­chen. »Ich möch­te nicht«, so lau­tet die For­mu­lie­rung, die er hier­für ver­wen­det ha­ben soll. Ei­ne Pa­ra­phra­se der Mel­ville-Fi­gur Bart­le­by, der in sei­ner Po­si­ti­on als An­ge­stell­ter mit »I would pre­fer not to« pas­si­ven Wi­der­stand sei­nem Chef und über­haupt der Welt ge­gen­über lei­ste­te. Max­will nennt denn sein Buch pas­send Lie­ber nicht.

Schon 2008 hat­te Pe­ter Hand­ke den Bör­sen­ver­ein ge­be­ten, sei­ne Er­zäh­lung Die mo­ra­wi­sche Nacht, die auf der Longlist ge­lan­det war, zu ent­fer­nen, um jün­ge­ren Au­toren den Vor­rang zu ge­ben. Ab und an kommt Max­will auf Par­al­le­len zwi­schen Hand­ke und Roth­mann zu­rück. Sein Fo­kus liegt je­doch ein­deu­tig auf Ralf Roth­manns Text­ge­ne­se, sei­nem Um­gang mit Ma­nu­skrip­ten und dem (lei­der not­we­ni­gen) Li­te­ra­tur­be­trieb im spe­zi­el­len und all­ge­mei­nen.

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