Mi­cha­el Jürgs: Seicht­ge­bie­te

Michael Jürgs: Seichtgebiete - Warum wir hemmungslos verblöden

Mi­cha­el Jürgs: Seicht­ge­bie­te – War­um wir hem­mungs­los ver­blö­den


Wer hat das nicht schon ein­mal er­lebt? Man trifft auf ei­ner Par­ty ei­nen Zeit­ge­nos­sen, mit dem man so­fort in vie­len Punk­ten glei­cher Mei­nung ist. An­de­re kom­men hin­zu und neh­men in der De­bat­te teil­wei­se kon­trä­re Po­si­tio­nen ein. Man ver­tei­digt den An­ge­grif­fe­nen. Und plötz­lich holt die­ser zu ver­ba­len Rund­um­schlä­gen aus, ver­lässt das schein­bar so frucht­lo­se Ar­gu­men­tie­ren, be­schimpft die Mit­dis­ku­tan­ten rü­de und wun­dert sich am En­de, das nie­mand sei­ne Sicht der Din­ge teilt, was dann zur Be­stä­ti­gung der The­se her­an­ge­zo­gen wird, dass al­le an­de­ren eh’ zu blö­de sind. Ach­sel­zuckend geht die Run­de aus­ein­an­der und mit den Schimpf­ka­no­na­den des Be­lei­di­gers ist der Kern der ei­ge­nen Über­zeu­gung auch gleich ein biss­chen mit­dis­kre­di­tiert wor­den.

Der Volks­mund hat die­ses Di­lem­ma im Sprich­wort vom Ton, der die Mu­sik macht, fest­ge­hal­ten. Und mehr denn je gel­ten im Dis­kurs be­stimm­te Ge­bo­te, die ihn über­haupt erst er­mög­li­chen. Das be­deut­sam­ste ist die ge­gen­sei­ti­ge Ak­zep­tanz. Oh­ne das ge­gen­sei­ti­ge An­er­ken­nen ist ein Dis­kurs un­durch­führ­bar. Die Re­geln die­ses re­spekt­vol­len Dis­ku­tie­rens, die zu­nächst im in­for­mel­len Ge­brauch ge­formt wer­den und dann all­ge­mei­ne Gül­tig­keit durch Ge­brauch er­hal­ten, sind in den letz­ten Jahr­zehn­ten im­mer prä­zi­ser und teil­wei­se durch­aus re­pres­si­ver ge­wor­den. Zu­dem wur­den in­zwi­schen in­sti­tu­tio­nell ver­an­ker­te und sank­tio­nier­te Ge- bzw. Ver­bo­te aus­ge­spro­chen. Vie­le se­hen da­her in öf­fent­li­chen Dis­kus­sio­nen in­zwi­schen im­mer mehr über­trie­be­ne Kor­rekt­hei­ten, die for­ma­le Ele­men­te dem ar­gu­men­ta­ti­ven Aus­tausch un­ter­ord­nen. Die Fol­ge sei­en, so die The­se, häu­fig blut­lee­re Bei­trä­ge, die sich mit­un­ter in ela­bo­rier­ter Wort­gym­na­stik er­ge­hen.

Die­sen Vor­wurf kann man Mi­cha­el Jürgs und sei­nem Buch »Seicht­ge­bie­te« nicht ma­chen. Er reiht sich ein in die Rol­le der so­ge­nann­ten »Po­le­mi­ker« (wo­bei die mei­sten nur ei­ne un­ge­naue Vor­stel­lung von der Kunst der Po­le­mik ha­ben), die mit pol­tern­der Kra­wall­rhe­to­rik und Lust an der Pro­vo­ka­ti­on bis hin zur Be­lei­di­gung An­ders­den­ken­der ge­gen die »Po­li­ti­cal Cor­rect­ness« wet­tern und da­bei stolz auf ih­re »kla­re« Spra­che sind wie sonst nur die (ima­gi­nä­ren) Stamm­tisch­brü­der.

»Ver­ba­le In­ti­fa­da«

Zu­nächst ist der Un­ter­ti­tel des Bu­ches »War­um wir hem­mungs­los ver­blö­den« ein Eti­ket­ten­schwin­del, weil sug­ge­riert wird, dass es ei­ne klar struk­tu­rier­te Ana­ly­se gibt. Doch da­mit ver­schwen­det Jürgs sei­ne Zeit erst gar nicht. Er lie­fert kei­ne Ar­gu­men­te, son­dern nur Mei­nung. Den­noch ist ihm Ap­plaus si­cher: Sein Buch wird als mu­tig und not­wen­dig ge­lobt; es spre­che vie­len aus dem Her­zen. In der »SPIEGEL«-Bestsellerliste steht es weit oben; schon gibt es epi­go­na­le Pro­duk­te von an­de­ren, die auf den er­folg­rei­chen Zug auf­sprin­gen wol­len, be­vor die­ser am Ziel­bahn­hof der Nich­tig­keit an­ge­kom­men ist.

Der neue Trend geht vom ar­gu­men­ta­tiv Er­schlie­ßen­den hin zum mei­nungs­freu­di­gen Ge­mau­le; auch und vor al­lem beim (so­ge­nann­ten Kul­tur­gut) Buch. Jürgs scheint gro­ßen Ge­fal­len an sei­ner selbst­auf­er­leg­ten Rol­le zu fin­den. Sein Lieb­lings­wort ist »blöd« (in al­len Sub­stan­ti­vie­run­gen und De­kli­na­tio­nen). Bis zu drei­mal türmt er es auf knapp­stem Raum in sei­ne Sät­ze zu Ge­bil­den wie Es stimmt zwar, dass es Mil­lio­nen von Blö­dern zu be­gei­stern­de Blö­de gibt, sonst müss­te ein ‘Superstar’-Abend der Blöd­ma­cher wie hier nicht er­fun­den wer­den. Was be­darf es noch des Ar­gu­ments oder der Dif­fe­ren­zie­rung? Hin­weg mit den lang­wei­li­gen Adep­ten der Letzt­be­grün­dung! Die »Ope­ra­ti­on Klug­schei­ßer« wird schon auf Sei­te 18 be­er­digt, da ja nie­mand Ober­leh­rer und Bes­ser­wis­ser mag.

In Wahr­heit be­er­digt Jürgs nichts, son­dern drischt mit ei­ner Mi­schung aus Wut, Won­ne und Ve­he­menz auf na­he­zu al­les ein, was ihm in die Que­re kommt. Er nennt das Gue­ril­la­tak­tik und spricht von der ver­ba­len In­ti­fa­da. Da­bei scheut er kei­ne Plat­ti­tü­de, kein fal­sches Bild, kei­ne un­zu­läs­si­ge Ver­all­ge­mei­ne­rung und kei­ne Ver­bal­in­ju­rie, sei sie auch noch so ab­we­gig oder lä­cher­lich. Schließ­lich geht es um die »gu­te Sa­che«.

Es be­ginnt mit ei­nem Sams­tag­abend im März 2009. Auf RTL schau­en 5,61 Mil­lio­nen Leu­te »Deutsch­land sucht den Su­per­star«. In der ARD zur glei­chen Zeit 5,68 Mil­lio­nen den »Mu­si­kan­ten­stadl«. Ins­ge­samt wer­den al­so, so Jürgs’ Schluss­fol­ge­rung, 11,29 Mil­lio­nen Deut­sche ge­mäss ih­rer Be­dürf­nis­se be­han­delt. Bei­de Sen­der sei­en da­her in die­sem Fall zu de­fi­nie­ren als klas­si­sche Be­dürf­nis­an­stal­ten des Vol­kes.

Für Jürgs sind das al­les »Blö­de« – ob jung oder alt, spielt kei­ne Rol­le. Aber das ist nur Vor­ge­plän­kel. Voll­ends zu Höchst­form läuft er auf, wenn es um Ma­rio Barth geht, die­sen Scher­zun­hold. Er sei der Kai­ser un­ter den Blöd­ma­chern, der den Traum der Al­chi­mi­sten wahr ge­macht ha­be, näm­lich aus Schei­ße Geld zu ma­chen (dass der »Traum« leicht an­ders ging, ficht ihn na­tür­lich nicht an). Und wenn er an an­de­rer Stel­le auch we­nig zim­per­lich mit den ALG-II-Emp­fän­gern um­geht, so er­kennt er in den sta­di­on­fül­len­den Auf­füh­run­gen (ei­ne Kar­te ko­stet zwi­schen 30 und 50 Eu­ro) lau­ter Men­schen, die sich seit Mo­na­ten auf das Jah­res­tref­fen der Barth-Ge­mein­de freu­en wie Schlesier…auf Pfing­sten. Sie freu­en sich auf Super-Mario…der für sie die Sau raus­las­sen wird. So vie­le Men­schen wie heu­te wa­ren live noch nie un­ter frei­em Him­mel ver­sam­melt, um ei­nem zu­zu­ju­beln, der sie für blöd ver­kauft. Die Käu­fer von Barths Buch kom­men bei Jürgs noch schlech­ter weg. Für sie hat er sich den Brül­ler Anal-Pha­be­ten auf­ge­ho­ben (wohl in An­leh­nung an des­sen Scher­ze).

Von Sacht­kennt­nis sind sei­ne In­vek­ti­ven da­bei nicht un­be­dingt ge­trübt. Die grif­fi­ge Aus­sa­ge, Sen­dun­gen wie das RTL-»Dschungelcamp« ho­le die Blö­den für Stun­den von der Stra­ße oder die Leh­rer dürf­ten we­der Straf­ar­bei­ten noch Nach­sit­zen aus­spre­chen (und dies sei ein we­sent­li­cher Grund für das ver­kork­ste Schul­sy­stem) sind Be­haup­tun­gen, die nicht un­be­dingt da­durch rich­tig wer­den, dass man sie nie­der­schreibt. Aber Jürgs fragt na­tür­lich nicht. Er fragt nicht, war­um es ei­gent­lich ei­ne »Ziel­grup­pe« der 14–49 jäh­ri­gen bei der Er­mitt­lung des Zu­schau­er­ver­hal­tens gibt. Er gibt kei­ne Hin­wei­se dar­auf, dass es sich nicht um ei­ne ho­mo­ge­ne Ziel­grup­pe han­delt, son­dern dass hier Äp­fel mit Bir­nen ver­gli­chen wer­den. Nicht nur hier ist Jürgs in Wahr­heit ein ver­kapp­ter Hü­ter des Sta­tus quo, weil man die­sen aus der schein­bar mo­ra­lisch über­le­ge­nen Po­si­ti­on so gut schmä­hen kann (von we­gen Kul­tur­re­vo­lu­ti­on, da­für kühlt Jürgs viel zu ger­ne sein Müt­chen am Be­stehen­den).

Er fragt nicht, war­um Barth die Are­nen füllt (was auch mit der bei­spiel­lo­se Wer­be­kam­pa­gne von RTL im Vor­feld zu tun ha­ben dürf­te). Und er fragt auch nicht, war­um die von ihm so tot­ge­rit­te­ne »Der-Kaiser-ist-ja-nackt«-Pointe in der se­riö­sen Jour­na­li­stik rein gar nicht statt­fin­det (nur ein­mal kon­zi­diert er, dass vie­le un­be­darf­te Dep­pen zu Stars hoch­ge­schrie­ben wor­den wä­ren, wo­bei er in­ter­es­san­ter­wei­se das Wort un­ge­wollt da­vor­setzt, als han­de­le es sich um ei­nen Un­fall).

Na­tür­lich re­gen Jürgs noch ganz an­de­re Kan­di­da­ten auf: Bo­ris Becker, Jörg Pi­la­wa, Oli­ver Gei­ssen, im Prin­zip der ge­sam­te MDR, Hei­di Klum, Hei­no, Udo Walz und na­tür­lich Die­ter Boh­len (Kotz­brocken) – al­les mehr oder we­ni­ger Blöd­ma­cher für die Ziel­grup­pe ALG 2 ab­wärts. Char­lot­te Ro­ches »Feucht­ge­bie­te« hat er nach­weis­lich nicht ge­le­sen, weiß aber, dass es schlecht ist – was ihn aber nicht da­von ab­hält, den Ti­tel für sein Buch zu pa­ra­phra­sie­ren (er sei da »hem­mungs­los« be­kennt Jürgs, der sich nicht ein­mal vor sich sel­ber zu schä­men scheint, in ei­nem In­ter­view).

Ne­ben­bei geht es auch um das deut­sche Schul­sy­stem, die re­spekt- und sprach­lo­sen Schü­ler (So re­den die von und auf der Gos­se), die un­freund­li­chen Ta­xi­fah­rer, das Par­ken in zwei­ter Rei­he, Neo­na­zis (das ein­fa­che Kon­zept: aufs Maul hau­en, so­bald sie es öff­nen), die Vor­na­men der Kin­der von Uwe Och­sen­knecht, das rü­pel­haf­te Be­neh­men des Pre­ka­ri­ats (das, was man frü­her Un­ter­schicht und noch frü­her Pro­le­ta­ri­at nann­te, wie Jürgs weiß), die zu kur­zen Fuß­gän­ger­am­pel­schal­tun­gen, das Han­dy-Te­le­fo­nie­ren in Zü­gen der Deut­schen Bahn (Jürgs tritt für ei­ne Re­nais­sance des »Me­tro­po­li­tan« ein, der zwi­schen Köln und Ham­burg ver­kehr­te und so­ge­nann­te »Silence«-Wagen hat­te [ge­gen An­gli­zis­men hat Jürgs aus­nahms­wei­se nichts] – und outet sich da­bei als ziem­li­cher Nicht-Bahn­fah­rer, sonst wüss­te er, dass es in ICE-Zü­gen nicht nur aus­nahms­wei­se schon äqui­va­len­te Ru­he­wa­gen gibt). Ach ja, die »in­for­ma­tio­nel­le Müll­hal­de In­ter­net« (Zi­tat Gün­ther Jauch) gibt’s auch noch.

Gün­ter Struve und der sü­ße Duft der Quo­ten­blü­te

Jürgs be­nennt aber auch das Gu­te (frei­lich im glei­chen Slang). Er mag »Fron­tal 21« und plä­diert für ei­ne Ver­län­ge­rung der Sen­de­zeit für »Mo­ni­tor« und »Pan­ora­ma«. Die 3sat-Sen­dung »Kul­tur­zeit« ist für ihn ei­ne Ret­tungs­in­sel (viel­leicht da­her auch sei­ne fast pu­ber­tä­re Schwär­me­rei in der »Süd­deut­schen Zei­tung« vor zwei Jah­ren für ei­ne der Mo­de­ra­to­rin­nen, An­drea Mei­er). Gün­ther Jauch sei ein se­riö­ser Jour­na­list, der so­fort ins Er­ste ge­hö­re (schon mal »stern-tv« ge­schaut? und wie sieht es mit der Wer­be­ma­schi­ne Jauch aus?) – wie auch die Sen­dung »Zim­mer frei« von Götz Als­mann und Chri­sti­ne We­ster­mann. Und dann stellt er Ex-Bun­des­kanz­ler Hel­mut Schmidt als ei­ne Art ul­ti­ma­ti­ven An­ti­po­den vor. Zwi­schen dem Su­per­star der Blö­den, Ma­rio Barth, und dem der Klu­gen, Hel­mut Schmidt, lie­gen Wel­ten lau­tet das Fa­zit. Aber ob die­se Wel­ten über­haupt mit­ein­an­der ver­gleich­bar sind?

Für Jürgs ist klar: Es gibt heute…mehr Ver­blö­de­te denn je und das liegt dar­an, dass in­zwi­schen vie­le mit ‘Tutti-Frutti’-TV vul­go dem Pri­vat­fern­se­hen auf­ge­wach­sen sind, je­nen Ka­nä­len der Un­ter­schicht, 1984 ent­wickelt von Blöd­ma­chern, die sich als Pio­nie­re fühl­ten. Die be­rech­tig­te Fra­ge, war­um das öf­fent­lich-recht­li­che Sen­der wie ARD und ZDF die­sem Trend so we­nig ent­ge­gen­set­zen, kon­tert er mit ei­nem groß an­ge­leg­ten An­griff ge­gen Gün­ter Struve, sei­nes Zei­chens 16 Jah­re Vor­sit­zen­der der ARD, der nun, was bei Jürgs »straf­ver­schär­fend« gilt, als drit­ter Mo­de­ra­tor des MDR-»Riverboat« mehr­mals im Mo­nat von Los An­ge­les ein­ge­flo­gen wird. Jürgs hält die weiß­haa­ri­ge graue Emi­nenz Struve für ei­nen intellektuelle[n] Zy­ni­ker, der es genoss…von de­nen, die ge­bil­det wa­ren wie er, ver­ach­tet oder so­gar ge­hasst zu wer­den.

War­um Jürgs die­sen psy­cho­lo­gi­sie­ren­den Ton an­schlägt, bleibt un­klar. Im­mer­hin merkt man, dass er Struve re­spek­tiert. Sein Fu­ror, die ARD zum Wi­der­stands­nest ge­gen die Blöd­ma­cher zu im­ple­men­tie­ren, be­rück­sich­tigt al­ler­dings nicht den Le­gi­ti­ma­ti­ons­druck, dem Struve aus­ge­setzt war. Die De­bat­te um die ge­büh­ren­fi­nan­zier­ten öf­fent­lich-recht­li­chen Sy­ste­me, die im Schlag­wort der »Zwangs­ge­büh­ren« gip­felt (und noch längst nicht be­en­det ist), kommt bei Jürgs schlicht­weg nicht vor. Be­wusst be­kennt er sich zu den Ge­büh­ren: Wo sonst auf der Welt be­kä­me ein Kun­de für et­was mehr als sieb­zehn Eu­ro im Mo­nat so vie­le Mög­lich­kei­ten ge­bo­ten, sich zu un­ter­hal­ten oder nach­hal­tig sei­nen Ho­ri­zont zu er­wei­tern?

Er ist nur schwer vor­stell­bar, dass die­se Dis­kus­si­on an ihm vor­bei­ge­gan­gen sein soll­te, was be­deu­ten wür­de, dass es sich um be­wuss­te Aus­las­sung han­delt. Wenn aber Stru­ves Spa­gat zwi­schen Quo­te und An­spruch (den man na­tür­lich kri­ti­sie­ren kann, viel­leicht so­gar muss), der in ei­ner spür­ba­ren Tri­via­li­sie­rung des ARD-Pro­gramms zu Gun­sten quo­ten­träch­ti­ger Sen­dun­gen und »For­ma­te« gip­fel­te (im­mer wenn der be­täu­bend sü­ße Duft ei­ner sich ab­zeich­nen­den Quo­ten­blü­te in die Na­se stieg…stank ihm nichts mehr) als sol­cher gar nicht wahr­ge­nom­men, son­dern nur als ei­ne Art »mut­wil­li­ger« Akt hin zu den Seicht­ge­bie­ten ge­se­hen wird, dann ver­kauft Jürgs den Le­ser für ge­nau so »blöd« wie die von ihm so Kri­ti­sier­ten.

Schwung­vol­les Ein­ren­nen of­fe­ner Tü­ren

Nach­dem er aus­führ­lich ei­ne Art Wunsch­traum über ei­ne Do­ku­soap mit dem Leer­gut der Na­ti­on ent­wickelt, in der die ent­spre­chen­de Kli­en­tel auf 3sat oder ar­te auf­zu­tre­ten ha­be und ir­gend­wie vor­ge­führt wer­den soll, bringt er dann noch Vor­schlä­ge, wie die ARD für Un­ter­hal­tung mit Ni­veau zu re­for­mie­ren sein soll. Aber die­se sind an Put­zig­keit kaum zu über­bie­ten:

Da müss­te er­stens das bis­he­ri­ge Sy­stem dran glau­ben, und auf des­sen Trüm­mern zwei­tens ra­di­kal Neu­es ge­baut wer­den. Die In­ten­dan­ten, Di­rek­to­ren, Chef­re­dak­teu­re der Lan­des­an­stal­ten wür­den zwar drit­tens ih­re Äm­ter und Pri­vi­le­gi­en wie Dienst­wa­gen und Fah­rer be­hal­ten dür­fen. Aber die In­ten­dan­ten wer­den vier­tens qua Amt de­le­giert in ei­nen Auf­sichts­rat, als ober­stes Gre­mi­um der über­re­gio­na­len Mut­ter­an­stalt ARD. Das ge­sam­te Abend­pro­gramm, das frei von Wer­bung nach 20 Uhr ge­sen­det wird, ma­chen fünf­tens zu­künf­tig nur noch Be­fä­hig­te, ver­gleich­bar dem Vor­stand ei­nes Un­ter­neh­mens in der frei­en Wirt­schaft, der ver­ant­wort­lich ist für das ope­ra­ti­ve Geschäft…Die ent­mach­te­ten Re­gio­nal­für­sten ent­schei­den sech­stens wie bis­her, aber aut­ark, was in ih­ren An­ge­bo­ten dem ei­gent­li­chen Er­sten sieb­tens zu, was ver­langt wird oder was sie sich aus­ge­dacht ha­ben.

Der ach­te Punkt ist dann noch ei­ne Re­gio­na­li­sie­rung der Drit­ten Pro­gram­me. Aber da Jürgs schon weiss, dass die­se Vi­si­on nie Wirk­lich­keit wer­den wird er­nennt er neun­tens Ni­ko­laus Bren­der zum Er­sten Ge­ne­ral­di­rek­tor (nach BBC Vor­bild), den jet­zi­gen ARD-Chef­re­dak­teur Tho­mas Bau­mann zum Ko­or­di­na­tor für Ge­sell­schaft und Po­li­tik und Kul­tur und Tho­mas Schrei­ber vom NDR zum Un­ter­hal­tungs­chef.

Ir­gend­wie hat Jürgs al­ler­dings über­se­hen, dass Bau­mann in sei­ner Funk­ti­on als ARD-Chef­re­dak­teur schon längst (seit Ju­li 2006) Ko­or­di­na­tor für Po­li­tik, Ge­sell­schaft und Kul­tur ist. Und Tho­mas Schrei­ber ist seit Ju­ni 2007 be­reits Lei­ter der ARD-Un­ter­hal­tungs­ko­or­di­na­ti­on.

Von ähn­li­cher Gü­te sind auch an­de­ren Vor­schlä­ge. Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­te soll­ten ge­zwun­gen wer­den, ih­nen zu­ge­wie­se­ne Bü­cher zu le­sen und über ih­re Lek­tü­re öf­fent­lich zu be­rich­ten. Man­dats­trä­ger, die kul­tu­rell Nach­hol­be­darf hät­ten, kä­men in ei­ne Volks­ver­tre­ter­hoch­schu­le. So er­hofft Jürgs der kulturelle[n] Ver­wahr­lo­sung un­se­rer Volks­ver­tre­ter Ein­halt zu ge­bie­ten. Ir­gend­wann wür­de sich das wie­der auf »das Volk« po­si­tiv aus­wir­ken.

Die Best­sel­ler­li­ste für Bel­le­tri­stik soll auf­ge­teilt wer­den in ei­ne Li­ste für Li­te­ra­tur die die­sen Na­men ver­dient und ei­ne, wel­che die Fa­vo­ri­ten des Mas­sen­ge­schmacks no­tiert. Da die »Best­sel­ler­li­ste Li­te­ra­tur« durch das Vo­tum der knapp vier­tau­send unabhängige[n] Buch­händ­ler er­mit­telt wer­den soll, han­delt es sich streng ge­nom­men um kei­ne »Seller«-(Verkäufer) Li­ste. Jürgs’ hat ver­mut­lich kei­ne Ah­nung, dass es ei­ne ähn­li­che Li­ste längst schon gibt: Es ist die »Be­sten­li­ste« des SWR, die zwar durch das Vo­tum von Li­te­ra­tur­kri­ti­kern er­mit­telt wird, aber eben ge­nau kei­ne »Ver­kaufs­li­ste« im üb­li­chen Sinn ist. Die Best­sel­ler­li­ste Sach­buch will er auch noch in ei­ne für Bio­gra­fi­en und Sach­bü­cher und wie­der­um ei­ne für den Mas­sen­ge­schmack der Le­bens­hil­fe-Li­te­ra­tur tei­len. Der Vor­teil die­ser Sach­buch­auf­tei­lung wä­re, dass sein Buch we­nig­stens nir­gend­wo no­tiert wür­de.

Wohl­ge­merkt: Es han­delt sich hier nicht um aus ei­ner Bier­lau­ne her­aus nie­der­ge­schrie­be­ne The­sen ei­nes bil­dungs­bür­ger­lich ge­schei­ter­ten re­spek­ti­ve ver­bit­ter­ten Couch-Pota­to, son­dern das schreibt ein ehe­ma­li­ger Chef­re­dak­teur des »Stern« und Au­tor von Bio­gra­fi­en.

Es ist schwer, bei der Kri­tik zu die­sem un­säg­li­chen Mach­werk nicht ein­fach in Jürgs’ pri­mi­ti­ven Jar­gon zu ver­fal­len. Das Prin­zip die­ses Bu­ches ist schlicht: Die »rich­ti­ge« Mei­nung des Au­tors soll ihn vor jeg­li­cher Kri­tik im­mu­ni­sie­ren. Ein bil­li­ger Ta­schen­spie­ler­trick, der die Kum­pa­nei mit dem Le­ser sucht und vor in­halt­li­chen, for­ma­len und vor al­lem sprach­li­chen Män­geln wohl­wol­lend den gu­ten Zweck über die arg be­schei­de­nen Mit­tel hei­li­gen las­sen soll. So ein­fach ge­strickt ist Jürgs’ Welt, der sich in sei­nen dumm-drei­sten rhe­to­ri­schen Pi­rou­et­ten, die nur sel­ten ge­lin­gen, wälzt (die Sprach­lo­sen schrei­ben wie sie spre­chen – ei­ne un­frei­wil­li­ge aber tref­fen­de Selbst­cha­rak­te­ri­sie­rung), in In­ter­views als ei­ne Art Ret­ter des Zu­schau­ers auf­tritt und da­bei um Ak­kla­ma­ti­on buhlt wie sonst nur Ma­rio Barth mit sei­nen pri­mi­ti­ven Witz­chen die (ver­meint­lich) Blö­den zu Bei­falls­stür­men hin­reißt. Dass ein Ver­lag ein der­art pein­li­ches und nichts­sa­gen­des Ela­bo­rat über­haupt ver­öf­fent­licht, es so­gar noch als »pro­vo­kan­te Streit­schrift« wagt zu de­kla­rie­ren, be­lei­digt nicht nur al­le se­riö­sen Fern­seh­kri­ti­ker son­dern auch das an­son­sten schon ge­nug ge­beu­tel­te Pu­bli­kum.


Die kur­siv ge­druck­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.
Dieser Beitrag wurde unter Medien abgelegt und mit , , verschlagwortet. Permalink zum Artikel

27 Kommentare zu »Mi­cha­el Jürgs: Seicht­ge­bie­te«:

  1. muellerto sagt:

    Drum sind eben die Best­sel­ler-Li­sten im Spie­gel kei­ne ernst­zu­neh­men­den Emp­feh­lun­gen, al­len­falls Rang­li­sten der Ei­tel­kei­ten. Wahr­schein­lich kann man sich so­gar dort ein­kau­fen. Ich krieg im Üb­ri­gen bei dem Wort »Best­sel­ler« im­mer so ei­nen Ge­dan­ken­blitz: »Fin­ger weg! Um Got­tes Wil­len, Mann!!!«, ja, mit drei Aus­ru­fe­zei­chen, und das ist auch gut so.

    #1

  2. Na­ja, es gibt auch Aus­nah­men wie bspw. im ver­gan­ge­nen Jahr Tell­kamps »Der Turm«. Wenn es sehr gu­tes Buch aus­nahms­wei­se auch ein­mal gut ver­kauft wird, wird es ja des­we­gen nicht schlecht.

    #2

  3. Phorkyas sagt:

    Me­lan­cho­lie
    Auf die­se Best­sel­ler­li­sten re­agie­re ich wohl mit dem­sel­ben Re­flex. Von Feucht- wie Seicht­ge­bie­ten las­se ich lie­ber die Fin­ger... Aber Schlech­tes zu gei­sseln und zu mei­den, al­lein er­zeugt nichts Gu­tes. Denn auch Herr Ju­ergs meint ja, mit sei­ner Po­le­mik fu­er das Gu­te und Geist­vol­le ein­zu­ste­hen und rei­chert doch den Wort- und Ge­dan­ken­schrott nur wei­ter an. Ach.., wie soll man’s an­stel­len? ..so er­scheint mir die­se Re­zen­si­on doch schon bei­na­he re­si­gniert und me­lan­cho­lisch (oder ist das nur mei­ne Pro­jek­ti­on?). Und wie an­ders soll­te ei­nem auch zu­mu­te sein bei die­ser Schreie­rei al­lent­hal­ben... wae­re doch end­lich Ruh!

    .. mein Mit­ge­fuehl je­den­falls an den ar­men Re­zen­sen­ten.. dass Sie sich so­viel Mue­he ge­ben..

    #3

  4. Wie ge­sagt: Das ein Buch gut ver­kauft wird, sagt nicht aus, dass es qua­li­ta­tiv gut ist. Es sagt aber auch nicht per se das Ge­gen­teil aus. Da­her ver­ste­he ich sol­che Re­fle­xe ehr­lich ge­sagt nicht, die jeg­li­che Lek­tü­re von Best­sel­ler-Bü­chern al­lei­ne des­we­gen ab­leh­nen. Das be­wegt sich auf der glei­chen ebe­ne wie der Af­fir­ma­ti­on die­ser Bü­cher.

    Es ist ein leich­tes, über Ro­ches Buch her­zu­zie­hen und es nicht ge­le­sen zu ha­ben – so wie das Jürgs macht. Man hät­te es auch vor­ur­teils­frei le­sen kön­nen; viel­leicht wä­re man dann auf ein dif­fe­ren­zier­te­res Ur­teil ge­sto­ssen, wie z. B. in die­ser sehr sach­dien­li­chen Be­spre­chung hier.

    Mei­ne Be­spre­chung von Jürgs’ Buch ist nicht me­lan­cho­lisch, son­dern ziem­lich är­ger­lich (Me­lan­cho­lie ist mir als Zu­stand viel zu wich­tig, um sie ei­nem Cretin wie Jürgs ent­ge­gen­zu­brin­gen). Da maßt sich ei­ner an über et­was zu re­den, wo­von er kei­ne Ah­nung hat oder kei­ne Ah­nung ha­ben will und des­avou­iert da­bei die Ar­beit von se­riö­sen Me­di­en- und Fern­seh­kri­ti­kern, in dem er de­ren Ge­wer­be her­un­ter­zieht. Jürgs ist ein Kur­pfu­scher. Frü­her ha­ben sol­che Leu­te auf den Kir­mes­märk­ten ih­re Wun­der­tink­tu­ren an­ge­bo­ten. Heu­te er­hal­ten sie auch noch ei­ne Platt­form. Ich möch­te nicht wis­sen, wie vie­le se­riö­se Bü­cher für die­sen Dreck ab­ge­lehnt wur­den.

    #4

  5. Phorkyas sagt:

    sich är­gernd...
    Jetzt är­ge­re ich mich über mei­nen vo­ri­gen Kom­men­tar. -
    Den Re­flex Best­sel­ler­li­sten zu mei­den, ha­be ich ta­deln wol­len (auch bei mir selbst). Über Bü­cher, die man nicht ge­le­sen hat, kann man auch kein Ur­teil fäl­len, das lag mir fern.. – Da ha­be ich wohl mal wie­der im Trü­ben (un­frucht­ba­ren Kul­tur­pes­si­mis­mus) ge­fischt.

    Tut mir leid Ih­re Zeit so zu ver­geu­den mit Kom­men­ta­ren, die sich bes­ser selbst an­ni­hi­lie­ren soll­ten.

    Als ich las, dass »[e]s [..] schwer [sei], bei der Kri­tik zu die­sem un­säg­li­chen Mach­werk nicht ein­fach in Jürgs’ pri­mi­ti­ven Jar­gon zu ver­fal­len« dach­te ich, Sie hät­ten sich in Ih­rer Kri­tik noch ge­bremst, ob­wohl die­ser Satz ja das Ge­gen­teil be­legt.

    #5

  6. @Phorkyas
    Nein, nein – nicht är­gern! Es kann ja auch sein, dass ich Ih­ren Kom­men­tar falsch ver­stan­den ha­be.

    Und ja, ich hat­te mich ge­bremst um nicht mit »Blöd«-Vokabeln in glei­cher Mün­ze um mich zu wer­fen.

    Die Lek­tü­re die­ses Bu­ches ver­stopft of­fen­sicht­lich den Geist; se­hen Sie mir mei­ne Un­ge­duld nach.

    [EDIT 2009-09-02 07:46]

    #6

  7. MMarheinecke sagt:

    Es sind die Mit­tel, die den zweck ver­ra­ten
    Ich ken­ne da Buch zwar nicht (und wer­de es nach die­ser Re­zen­si­on wahr­schein­lich auch nicht kau­fen – viel­leicht lei­he ich es mir ir­gend­wann mal in der öf­fent­li­chen Bü­che­rei aus), aber »Seicht­ge­bie­te« ist wahr­lich nicht das er­ste Buch, das Holz­ham­mer-Po­le­mik statt dif­fe­ren­zier­ter – und ru­hig mal po­le­misch zu­ge­spitz­ten – Ar­gu­men­te ein­setzt. Ich ver­mu­te, dass das mit dem be­rüch­tig­ten Ge­sin­nungs­jour­na­lis­mus zu tun hat. Ich ha­be den Ein­druck, dass für man­che Jour­na­li­sten Jour­na­lis­mus vor al­lem Sa­che der Ge­sin­nung, und zwar der »rich­ti­gen« Ge­sin­nung (wel­che das im­mer sein mag) ist.
    Jour­na­li­sten, die vor al­lem »Über­zeu­gungs­ar­beit« lei­sten wol­len, statt zu be­rich­ten und das Be­rich­te­te sach­kun­dig zu kom­men­tie­ren, die sich als »Mei­nungs­ma­cher« ver­ste­hen, sind mei­ner An­sicht nach in ei­ner PR-Agen­tur bes­ser auf­ge­ho­ben, als z. B. in ei­ner Zeit­schrif­ten­re­dak­ti­on – aber ich will jetzt nicht das schier un­er­schöpf­li­che The­ma: »Der Nie­der­gang des Qua­li­täts­jour­na­lis­mu­sses und der Sie­ges­zug der Pu­blic Re­la­ti­on« an­schnei­den.
    Ein ty­pi­sches Motz & Pö­bel­buch kom­bi­niert den Hang des Ge­sin­nungs­jour­na­lis­mus, be­stän­dig hy­ste­ri­sche War­nun­gen aus­zu­sto­ßen, Be­fürch­tun­gen zu pro­kla­mie­ren und ge­ge­be­nen­falls die Tat­sa­chen der »gu­ten Sa­che« an­zu­pas­sen, mit dem Hang des Bou­le­vard­jour­na­lis­mus, Hä­me mit Kri­tik zu ver­wech­seln, auf je­de Form der Dif­fe­ren­zie­rung zu ver­zich­ten und ein­fa­che »Pa­tent­lö­sun­gen« an­zu­prei­sen.
    Die­se Mit­tel üben Ver­rat am vor­geb­li­chen Zweck sol­cher Bü­cher, dem der Auf­klä­rung. Sie Ver­ra­ten (in der an­de­ren Wort­be­deu­tung) aber auch den wahr­schein­li­chen Zweck, näm­lich den, Auf­re­gung zu ge­ne­rie­ren und Vor­ur­tei­le zu ze­men­tie­ren. Da die Le­ser wahr­schein­lich nicht zu den stän­di­gen Kon­su­men­ten der »Un­ter­schich­ten­fern­se­hens« zäh­len, kön­nen sie, mit die­sem Buch in der Hand, mit »gu­tem Ge­wis­sen« auf den Un­ter­schicht-Pö­bel her­ab­se­hen und da­bei nach Her­zens­lust sel­ber pö­beln.

    Mir ist ge­ra­de der »Stern« in den letz­ten Jah­ren durch Ge­sin­nungs­jour­na­lis­mus auf­ge­fal­len, des­halb bin ich nicht über­rascht, dass mit Jürgs ein ehe­ma­li­ger »Stern«-Chefredakteur ein wei­te­res Motz- & Pö­bel­buch ge­schrie­ben hat.

    #7

  8. Ge­sin­nungs­jour­na­lis­mus trifft es ziem­lich ge­nau. Und na­tür­lich ist es nicht das er­ste Buch. Bro­der le­se ich ja schon gar nicht, wo­bei da die Ge­sin­nung dis­ku­ta­bel bleibt; auch er lässt sich ja ir­gend­wo in SpOn mal über Ma­rio Barth aus – mit glau­be ich ähn­li­chem Vo­ka­bu­lar.

    In­ter­es­sant da­hin­ter fin­de ich den de­mo­kra­tie­feind­li­chen Re­flex, der in Pau­scha­li­sie­run­gen wie »die Blö­den« steckt. Man kann ja über die Mas­sen­de­mo­kra­tie durch­aus am­bi­va­lent den­ken, aber in dem man Mil­lio­nen von Leu­ten per se und der­art un­ver­blümt als Dumpf­backen dar­stellt, ist man ei­gent­lich nicht weit von De­mo­kra­tie­ver­äch­tern (sei­en sie rechts oder links). Die­se Kom­po­nen­te ist zwar wie­der­um ein Ge­sin­nungs­ur­teil (da­her ha­be ich es in mei­ner Be­spre­chung nicht ex­pres­sis ver­bis an­ge­spro­chen), wirft aber schon ein ge­wis­ses Licht auf den Schrei­ber.

    #8

  9. Phorkyas sagt:

    Ge­sin­nungs­jour­na­lis­mus
    Viel­leicht ist es tatsaech­lich ei­ne zu­tref­fen­de Be­zeich­nung. – Zwar be­mue­hen sich vie­le Kri­ti­ker, Feuil­le­to­nist der gei­sti­ge Platz­hirsch zu sein (zu­min­dest na­tu­er­lich die ei­ge­ne Mei­nung als die rich­ti­ge dar­zu­stel­len), nur soll­te er das durch Ar­gu­men­te und Ni­veau er­rei­chen, nicht bloss da­durch, dass er in dem Be­wusst­sein schreibt schon der wei­se Ur­teils­fa­el­ler und Ver­dam­mer zu sein.

    Ju­ergs oder an­de­re ma­chen so nichts an­de­res als Ste­fan Raabs Erst­waeh­ler­check: Ha­ha, die an­de­ren! Durch sein Buch lie­sse sich kei­ne die­ser »Dumpf­backen« er­leuch­ten, denn es ist ja nichts Er­leuch­ten­des dar­in. Po­la­ri­sie­ren, Scharf­ma­chen, Aus­gren­zen, Ver­un­glimp­fen. Das rich­tet sich ge­wis­ser­ma­ssen an den Bauch des Ge­hirns (wa­eh­rend das Bou­le­vard sich di­rekt an die­sen wen­det). Be­haup­tun­gen vom Ho­eren­sa­gen, schein­ba­re Selbst­ver­sta­end­lich­kei­ten nach­plap­pernd; da­mit bleibt man im­mer im Fahr­was­ser des oh­ne­hin schon Rich­ti­gen.. und auf sei­ne per­fi­de Art und Wei­se wirkt es trotz­dem, so dass man dar­auf ein­ge­hen, da­zu Stel­lung be­zie­hen muss, ge­ra­de wenn man da­ge­gen wet­tern mo­ech­te. (»Na, auf wel­che Sei­te wol­len Sie? Zu den Dumpf­backen, Abend­lands­ver­a­et­tern? – Wol­len Sie ge­gen mich wet­tern? Dann po­le­mi­sie­ren Sie mal los.« und schon hat man ge­nau­so­viel Schaum vorm Mund.) Ob­wohl es kei­ne rich­ti­gen Ar­gu­men­te be­han­delt, al­so ei­gent­lich nur ei­ne Art Si­mu­la­ti­on von Ge­dan­ken, ei­ne Si­mu­la­ti­on von Jour­na­lis­mus sein du­erf­te.

    #9

  10. @Phorkyas
    Ex­akt: ei­ne Si­mu­la­ti­on von Jour­na­lis­mus ist das. Das trifft es auf den Punkt.

    #10

  11. Jeeves sagt:

    Das Sze­na­ri­um, das im er­sten Ab­satz ge­schil­dert wird, ist mir noch nie un­ter­ge­kom­men (und ich bin kein Jüng­ling mehr). Baut dar­auf die fol­gen­de Ar­gu­ments­ket­te auf? (...dann werd’ ich jetzt mal wei­ter­le­sen)

    #11

  12. #10 – Ein schö­nes Bei­spiel für ei­nen Ver­riss.
    Aber ei­ne Si­mu­la­ti­on von Jour­na­lis­mus wä­re doch eher ei­ne ge­schickt ver­fass­te Schein­ar­gu­men­ta­ti­on, die ver­sucht be­stimm­te In­ter­es­sen unter’s Volk zu brin­gen, nicht ei­ne wü­ste »Po­le­mik«, oder?

    #12

  13. @Metepsilonema
    Si­mu­la­ti­on trifft es da­hin­ge­hend, dass er sich mit ei­ner Pro­blem­lö­se­r­at­ti­tü­de um­gibt (man den­ke an sei­ne »Vor­schlä­ge« für die Re­for­mie­rung der ARD). Da­bei will er zwei Leu­te in Po­si­tio­nen brin­gen, die schon längst in die­sen Po­si­tio­nen sind.

    Po­le­mik ist das nicht. Es gibt Leu­te, die kön­nen ein Haus so spren­gen, dass es ge­ord­net zu­sam­men­fällt. Das wä­re, um im Bild zu blei­ben, Po­le­mik (= auch Äs­the­tik). Die­ses Ge­schrei­be ist das wü­ten­de Fuch­teln mit der Ab­riss­bir­ne. Mit Glück trifft man, aber mei­stens nicht.

    #13

  14. Po­le­mik ist das nicht. Des­we­gen ha­be ich das Wort auch un­ter An­füh­rungs­zei­chen ge­setzt.

    #14

  15. Ja, par­don. Es ist schlicht­weg: Wort­kra­wall.

    #15

  16. Gyges sagt:

    Mi­cha­el Jürgs: Seicht­ge­bie­te
    Ich hat­te mir Jürgs’ »Schwar­te« ge­kauft we­gen des Un­ter­ti­tels »War­um wir hem­mung­los ver­blö­den«. Doch die Ant­wort fand ich dort nicht. Hat er sei­ne Ana­ly­se ge­schickt in sei­nen ver­schwur­bel­ten Schach­tel­sät­zen ver­steckt? Die­ser Stil ist furcht­bar!! Scha­de ums Pa­pier. Die­ses »Werk« wird sich ein­rei­hen in die Un­zahl der Bes­ser­wis­ser-Bü­cher, nach de­nen in ein paar Mo­na­ten kein Hahn mehr kräht. Jürgs war einst als »Stern«-Leitartikler Spit­zen­klas­se. Doch jetzt?

    #16

  17. Count Lecrin sagt:

    Die Sche­re zw. »Arm und Reich an Geist«
    Ich wür­de den An­satz Jürgs’ durch­aus auch noch auf­neh­men, ich ha­be auch das Ge­fühl, dass es mit der Ge­sell­schaft berg­ab geht (Es reicht m.E. wie er­wähnt schon, dass je­mand wie Ma­rio Barth gan­ze Hal­len mit sei­nen, auf Se­xis­mus und pri­mi­ti­ve Se­xua­li­tät ba­sie­ren­den, Wit­zen fül­len kann):
    Ich wür­de je­doch ein­fach nur sa­gen, dass das Stre­ben nach In­tel­lekt au­ßer Mo­de ge­ra­ten ist. Wie man von ei­ner so­zia­len Sche­re zwi­schen Arm und Reich spricht, so wür­de ich das auch auf Arm und Reich an Ver­stand und Wis­sen be­zie­hen. Ich den­ke, die Bil­dungs­eli­te wird dank For­schung im­mer klü­ger und die Men­ge bleibt wie sie ist, wird viel­leicht ge­ring­fü­gig düm­mer (we­gen den mo­der­nen Me­di­en). Das Da­zwi­schen wird auch auf­grund von ei­ner »Po­la­ri­sa­ti­on« zu den Ex­tre­ma hin im­mer we­ni­ger.

    Und ich möch­te mich noch ex­pli­zit da­für ent­schul­di­gen, dass ich hier­mit et­was süf­fi­sant wir­ke.

    #17

  18. Den Be­griff der Bil­dungs­eli­te hal­te ich nicht für süf­fi­sant, son­dern eher für ob­so­let. Er in­si­nu­iert, dass Bil­dung in di­rek­tem Ver­hält­nis mit Geld steht, was ich be­strei­te. Es gibt bspw. Stu­di­en über viet­na­me­si­sche Ein­wan­de­rer, die das Ge­gen­teil sa­gen: Die Fa­mi­li­en stamm­ten größ­ten­teils aus ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen, er­mög­lich­ten je­doch ih­ren Kin­dern ei­ne gu­te Schul- und so­gar Uni­ver­si­täts­aus­bil­dung. Um es et­was po­le­misch-ver­kürzt zu sa­gen: Das ist al­les ei­ne Sa­che der Prio­ri­tä­ten. In ei­ner Fa­mi­lie, in der Bü­cher, Bil­dung und Wis­sen kei­nen Stel­len­wert ha­ben und statt­des­sen »Bild«, Pri­vat­fern­se­hen und Fuß­ball do­mi­nie­ren, wird die Saat nicht ge­legt wer­den kön­nen. Der Staat hat in der Ver­gan­gen­heit ver­säumt, durch flan­kie­ren­de Maß­nah­men das Be­wusst­sein für Bil­dung zu ver­deut­li­chen. Statt So­zi­al­lei­stun­gen pe­ku­ni­är zu er­hö­hen, hät­te man ei­ne bes­se­re In­fra­struk­tur an­bie­ten müs­sen. Dann wä­re üb­ri­gens ein Schwach­kopf wie Ma­rio Barth höch­stens Au­to­ver­käu­fer ge­wor­den.

    #18

  19. Count Lecrin sagt:

    »Der Staat hat in der Ver­gan­gen­heit ver­säumt, durch flan­kie­ren­de Maß­nah­men das Be­wusst­sein für Bil­dung zu ver­deut­li­chen. «

    Ei­ne Aus­sa­ge, von der ich mir wün­schen wür­de, dass sie nicht wahr wä­re...

    #19

  20. Zehner sagt:

    Ich ken­ne so ei­ni­ge Leu­te jen­seits der 60, 70, 80, die – ob­wohl oh­ne Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund – gra­vie­ren­de Pro­ble­me mit kom­ple­xe­ren bzw. we­ni­ger ge­bräuch­li­chen Wör­tern der deut­schen Spra­che ha­ben. Die­sel­ben Per­so­nen wis­sen zwar, dass An­ge­la Mer­kel in un­se­rem Staat ei­ne tra­gen­de Rol­le spielt, sind aber zu ei­ner kon­kre­ten Be­nen­nung des be­tref­fen­den Am­tes nicht in der La­ge.
    Feld­post­brie­fe aus den bei­den Welt­krie­gen lö­sen re­gel­mä­ßig ein ger­ma­ni­sti­sches Un­be­ha­gen aus, das bei der Lek­tü­re von Auf­sät­zen, die in Pro­blem­schu­len ver­fasst wur­den, wohl kaum grö­ßer sein könn­ten.
    Wür­de man es wa­gen, die be­sag­ten äl­te­ren Mit­bür­ger oder die Au­toren der Kriegs­nach­rich­ten als blöd zu be­zeich­nen? Wohl kaum. Beim Blö­den denkt man eher an den ge­check­ten, aber nichts checken­den Erst­wäh­ler, al­len­falls noch an den Un­ter­schicht­ler mitt­le­ren Al­ters.
    Um es mal ganz platt zu for­mu­lie­ren: Ge­ringst­ge­bil­de­te hat es schon im­mer ge­ge­ben – ihr An­teil an der Ge­samt­be­völ­ke­rung war frü­her so­gar noch grö­ßer als heu­te. Be­vor hö­he­re Bil­dung zu ei­nem All­ge­mein­gut wur­de, war es nor­mal und so­mit nicht der Re­de wert, dass es Leu­te gab, die we­nig ge­lernt hat­ten.
    Ich kann mich noch dar­an er­in­nern, dass man in mei­ner Kind­heit, um die for­ma­le Qua­li­fi­ka­ti­on ei­nes gei­stig eher schlicht wir­ken­den Zeit­ge­nos­sen her­aus­zu­strei­chen, die Wor­te »Der Mann / Die Frau hat Ab­itur!« ver­wen­de­te. Heu­te reißt ei­ne er­folg­reich ab­ge­schlos­se­ne Gym­na­si­al­lauf­bahn die Öf­fent­lich­keit nicht mehr vom Hocker.
    Die heu­ti­gen Blö­den wir­ken nur so blöd, weil die Ge­bil­de­ten in ge­wis­ser Wei­se im­mer ge­schei­ter wer­den: ei­ner­seits for­mal we­gen der Vul­ga­ri­sie­rung hö­he­rer Bil­dungs­ab­schlüs­se, an­de­rer­seits aber auch in­halt­lich dank der nicht weg­zu­dis­ku­tie­ren­den In­struk­ti­on durch die Mas­sen­me­di­en, nicht zu­letzt auch dank der Müll­hal­de In­ter­net.

    #20

  21. Zehner sagt:

    Hihi ...
    ... ich bin auch blöd, ich kann nicht ein­mal ein Verb im Nu­me­rus an sein Sub­jekt an­glei­chen.
    Kor­rek­tur: [...] ein ger­ma­ni­sti­sches Un­be­ha­gen aus, das bei der Lek­tü­re von Auf­sät­zen, die in Pro­blem­schu­len ver­fasst wur­den, wohl kaum grö­ßer sein könn­te.

    #21

  22. Peter42 sagt:

    #18 – @Gregor
    Das häu­fig ver­wen­de­te Bei­spiel der viet­na­me­si­schen Ein­wan­de­rer scheint mir sehr in­stru­men­ta­li­siert. Schaut man et­was ge­nau­er hin, muss man dann auch ak­zep­tie­ren, dass sich die El­tern die­ser Kin­der nach kon­fu­zia­ni­scher Sit­te bis zur völ­li­gen Selbst­auf­ga­be dem Ziel un­ter­stel­len. Da­durch ha­ben die Kin­der stän­di­ge Schuld­ge­füh­le nicht ge­nug zu lei­sten und wer­den noch da­zu noch als Ju­gend­li­che als Stra­fe z.B. mit dem Ge­sicht vor die Wand ge­stellt, wenn die schu­li­schen Lei­stun­gen nicht zu den be­sten ge­hö­ren. Das wird hier kei­ner wirk­lich wol­len.

    Nein, das Bei­spiel hal­te ich für zu ein­fach. Wir sind schlicht auf dem Weg zu ei­ner Eli­te­ge­sell­schaft nach an­glo-ame­ri­ka­ni­schem /französischem Vor­bild in der der ge­sell­schaft­li­che Kon­text durch kom­mer­zi­el­le Me­di­en ba­na­li­siert wird. Wenn Stein­mei­er im­mer wie­der dar­auf hin­wies, dass sein Le­bens­lauf nur mit der Bil­dungs­po­li­tik der 70er-Jah­re mög­lich war, dann ist da schon et­was Wah­res dran. Heu­te geht der Weg wie­der di­rekt zur Bil­dungs­eli­te durch Ent­wer­tung der bis­he­ri­gen Bil­dungs­ab­schlüs­se der Mas­se. Das G8-Ab­itur mit an­schlie­ßen­dem Bachlor-Stu­di­en­gang wird sich als ka­ta­stro­pha­ler Feh­ler für die Ge­sell­schaft als Gan­zes her­aus­stel­len.

    P.S.: Den­nis Scheck (ich weiß, du magst ihn nicht) hat­te Jürgs’ Buch mäch­tig ver­ris­sen, wor­auf der Au­tor sich nicht ent­blö­de­te Scheck ei­nen Be­schwer­de­brief zu schrei­ben. Pein­lich.

    #22

  23. @Zehner – #20 und #21
    Im Echo­lot von Wal­ter Kem­pow­ski über Ja­nu­ar und Fe­bru­ar 1943 wird aus Feld­post­brie­fen von Sol­da­ten aus Sta­lin­grad zi­tiert. In sehr vie­len Fäl­len war es ihr letz­ter Brief, ihr letz­tes Zei­chen nach Hau­se (und sie wuss­ten das). Die­se Brie­fe fal­len zwei­fach auf: Zum ei­nen gab es sehr vie­le, die in die­sen letz­ten Wor­ten im­mer noch die NS-Ideo­lo­gie hoch­le­ben lie­ssen. Dies muss­ten sie ganz si­cher nicht (sie hät­ten es ein­fach aus­las­sen kön­nen). Zum zwei­ten wur­den die Brie­fe mit ih­ren teil­wei­se ka­ta­stro­pha­len Recht­schrei­be­feh­lern ab­ge­druckt. In bei­den Fäl­len denkt sich der Le­ser: Wie blöd müs­sen die ei­gent­lich ge­we­sen sein?

    Vie­le Sei­ten spä­ter er­fährt man von klei­nen Hand­zet­teln, die in Haus­flu­ren ei­ner Stadt ge­wor­fen wur­den (ich ha­be so schnell den Na­men nicht mehr pa­rat). Auf die­sen Zet­teln stand meist nur ein Satz, der sich ge­gen den Krieg und ge­gen das NS-Re­gime aus­sprach; ei­ne Pa­ro­le, die auf­rüt­teln soll­te. Die Zet­tel wa­ren hand­ge­schrie­ben – und vol­ler Recht­schrei­be­feh­ler. Man fand die Schrei­ber und brach­te sie um.

    Die­se Epi­so­de soll ver­deut­li­chen: Ja, es gab im­mer schon Dum­me, oder, wie Jürgs dann sagt: Blö­de. Sie ha­ben gro­sses Un­heil an­ge­rich­tet, weil sie cle­ver ge­nug wa­ren, sich in Po­si­tio­nen zu brin­gen, in de­nen sie ihr Un­heil aus­brei­ten konn­ten. Aber der ver­meind­lich Dum­me / Blö­de ist es auch nicht im­mer. Die NS-Ideo­lo­gie hät­te oh­ne die Un­ter­stüt­zung von Tei­len der in­tel­lek­tu­el­len Eli­te kei­ne Chan­ce ge­habt.

    Die Gym­na­si­al­lauf­bahn in­ter­es­siert heu­te des­halb nie­man­den mehr, weil sie (1.) Grund­be­din­gung ge­wor­den ist für sehr vie­le Lehr­be­ru­fe (was ich falsch fin­de) und (2.) so ni­vel­liert wur­de, dass man schon tat­säch­lich ein Depp sein muss, um sein Ab­itur nicht min­de­stens mit Hau­en und Ste­chen zu be­stehen. Statt das Bil­dungs­sy­stem zu sta­bi­li­sie­ren, wur­de dem Fe­tisch Ab­itur­quo­te ge­hul­digt, in dem man ein­fach die Vor­aus­set­zun­gen ver­ein­fach­te. Heu­ti­ge Ab­itu­ri­en­ten ha­ben sehr oft die All­ge­mein­bil­dung von schwa­chen Re­al­schü­lern von vor zwan­zig oder drei­ssig Jah­ren. Die Haupt­schu­le ist vie­ler­orts zur Son­der­schu­le ver­kom­men.

    In­so­fern wir­ken die Blö­den nicht so blöd, weil die Klu­gen so klug sind, son­dern weil es noch ge­nug Leu­te gibt, die in der La­ge sind, die­se Blö­den als blöd zu er­ken­nen. Was die­se nicht da­von ab­hält, da­mit Geld zu schef­feln. Es dürf­te je­doch ei­ne Fra­ge der Zeit sein, wann die­se Ent­wick­lung auch zu En­de geht. Und dann droht tat­säch­lich die sanf­te Dik­ta­tur der Blö­den, die na­tür­lich als sol­che nur noch ei­ne Min­der­heit wahr­neh­men wird.

    #23

  24. @Peter42 – #22
    Die Viet­na­me­sen gel­ten all­ge­mein als die »Preu­ssen Asi­ens«. Aber was be­deu­tet denn »in­stru­men­ta­si­liert«? Be­deu­tet es nicht auch, dass die wohl­fei­le Re­de vom nicht vor­han­de­nen Zu­gang zu Bil­dungs­mög­lich­kei­ten bei ent­spre­chen­der Kon­di­tio­nie­rung eben nicht ein un­aus­weich­li­ches Schick­sal sein muss? Ich ken­ne ei­ni­ge Fa­mi­li­en, die aus so­ge­nann­ten ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen kom­men, aber den­noch sehr wohl auf die Aus­bil­dung ih­rer Kin­der ach­ten. Und ich ken­ne auch Fa­mi­li­en, in de­nen ein Buch nichts zählt, die schon Acht­jäh­ri­gen ei­nen Fern­seh­ap­pa­rat ins Kin­der­zim­mer stel­len und die lie­ber mir ih­ren Kin­dern auf die Kir­mes oder ins Fuß­ball­sta­di­on ge­hen. Kann man im letz­ten Fall das Bil­dungs­sy­stem al­lei­ne da­für ver­ant­wort­lich ma­chen? Ich glau­be nicht. Man macht es sich da­mit ein biss­chen zu ein­fach.

    #24

  25. Peter42 sagt:

    @Gregor – #24
    Na­tür­lich ken­ne ich auch Fa­mi­li­en bei­der Cou­leur und wahr­schein­lich hat es sie im­mer ge­ge­ben. Die Fra­ge ist nur war­um die un­ter­schied­li­chen Ver­hal­tens­wei­sen auf­tre­ten und ob sie selbst­ver­schul­det sind. Ich den­ke, dass der Wunsch nach Auf­stieg durch Bil­dung und Fleiß nicht ex ni­hi­lo kam, son­dern ge­ra­de­zu der Grün­dungs­my­thos der Bun­des­re­pu­blik nach der Ka­ta­stro­phe war (z.B. die Schrö­der und Stein­mei­er) und lan­ge Zeit das ka­no­ni­sier­te Le­bens­mot­to dar­stell­te.

    Das gibt es heu­te so nicht mehr. Ei­ner­seits durch die Spaß­ge­sell­schaft, die jeg­li­che Wer­te in der Mas­se iro­ni­siert oder bes­ser ver­al­bert. An­de­rer­seits durch die Glo­ba­li­sie­rung, die per­sön­li­ches En­ga­ge­ment auch bei be­ster Ver­an­la­gung nicht mehr im­mer zu be­loh­nen weiß. Si­cher­lich war der Bil­dungs­stand frü­her durch­schnitt­lich schlech­ter. Wenn man aber be­denkt wel­che Mög­lich­kei­ten heu­te zu Ver­fü­gung ste­hen, muss man den Un­ter­schied re­la­ti­vie­ren.

    Ich fra­ge mich, ob die­se Ent­wick­lung zur Eli­te­ge­sell­schaft ein Pro­zess ist, der pas­siert oder ob dies auch ge­wollt ist. Ich glau­be mitt­ler­wei­le an Zwei­te­res. Ei­nen Bil­dungs­auf­stand von un­ten wird es auf je­den Fall nicht ge­ben.

    #25

  26. Pädagoge sagt:

    Das von Ih­nen be­spro­che­ne Werk ist kein re­vo­lu­tio­nä­res, phi­lo­so­phi­sches Werk. Mei­nes Er­ach­tens spie­gelt Jürgs in ei­ner bit­ter- sar­ka­sti­schen Spra­che die­ses Lan­des wi­der. Mehr nicht. Die Form- dar­über kann man sich strei­ten. Die In­hal­te sind (lei­der) so be­schrie­ben, wie sie sind- flach und »blöd«. Da stim­me ich durch­aus dem Au­tor zu und ha­be ver­ein­zelt mich auch ver­stan­den ge­fühlt, wenn ich in mei­nen päd­ago­gi­schen All­tag auf das Kli­en­tel se­he, mit dem ich ar­bei­ten darf (sie­he Sei­te 85). Ich weiß nicht, wo Sie woh­nen. Ich weiß nicht, ob Sie je­mals mit Kin­dern aus Hartz 4- Fa­mi­li­en zu tun hat­ten, wo­bei es da na­tür­lich auch Un­ter­schie­de gibt (...es gibt auch Fa­mi­li­en, die noch ih­ren Kin­dern et­was vor­le­sen kön­nen...) Ich weiß nicht, ob Sie je­mals in Es­sen- Kat­tern­berg, Ber­lin- Kreuz­berg oder Ham­burg- St. Ge­org un­ter­wegs wa­ren und ob Sie je­mals mit Ju­gend­li­chen (mit Bin­dungs­stö­run­gen) zu tun hat­ten.... Ich ha­be den Ein­druck, dass man in Deutsch­land sehr ger­ne die Fol­ge­pro­ble­me ei­ner gren­zen­lo­sen, in­di­vi­dua­li­sier­ten Ge­sell­schaft nie­der re­det. Das man sich vor der Ver­ant­wor­tung drückt, teif­grei­fen­de Re­for­men vor­zu­neh­men, nach­dem jah­re­lang »in­di­vi­dua­li­siert« und »de­zen­tra­li­siert« wur­de. Ich ha­be den Ein­druck, dass zum Bei­spiel der Be­griff »In­klu­si­on« mehr zum Spa­ren dient, als zum In­klu­die­ren selbst. Fa­mi­li­en bre­chen heu­te schnell aus­ein­an­der, in Fa­mi­li­en wird oft nicht mehr mit­ein­an­der ge­spro­chen- man lässt sich be­rie­seln (die Fol­gen hat z. Bsp. Herr Prof. Spit­zer aus­ge­macht und nach­drück­lich be­schrie­ben...), die Leh­rer sind re­si­gniert, in vie­len Unis und FH´s wer­den päd­ago­gi­schen Stu­den­ten im­mer noch aus den 68ern vor­ge­schwärmt... (...wo­bei die 68er Re­vo­lu­ti­on wich­tig war!) Man könn­te ewig wei­ter fort­fah­ren. Na­tür­lich hilft ein Werk von Jürgs nicht un­be­dingt wei­ter. Aber es nie­der zu re­den bzw. zu schrei­ben bringt auch nichts. Pro­vo­ka­ti­on ist durch­aus wich­tig- da­für ist es wie­der­um gut.

    Mit freund­li­chen Grü­ßen,
    ein (manch­mal na­he­zu ver­zwei­fel­ter) Päd­ago­ge...

    [Die­ser Kom­men­tar er­reich­te mich per Mail und darf nach Rück­spra­che mit dem Ab­sen­der hier ver­öf­fent­licht wer­den.]

    #26

  27. @Pädagoge
    Vie­len Dank für die­sen Kom­men­tar.

    ich be­zweif­le die­se von Ih­nen ge­nann­ten Pro­ble­me mit kei­nem Wort. Ich be­zweif­le nur, das sie aus­schließ­lich auf Fern­seh- und/oder Me­di­en­kon­sum zu­rück­zu­füh­ren sind. Na­tür­lich hat Jürgs kein tief­schür­fen­des Werk ge­schrie­ben, aber ein biss­chen mehr Dif­fe­ren­zie­rung soll­te man doch er­war­ten dür­fen.

    In Wort­wahl und Duk­tus passt sich Jürgs zu sehr de­nen an, die er so ve­he­ment kri­ti­siert. Die At­ti­tü­de des Kin­des, der sagt, dass die Kai­ser nackt sei­en, ist in An­be­tracht des Ge­schreis um die »Nack­ten« gar nicht mehr not­wen­dig. Me­di­en­kri­tik soll­te sich längst nicht mehr dar­in er­schöp­fen, das Be­stehen­de mit Jar­gon zu­zu­decken. Dann noch »Pan­ora­ma« oder »Mo­ni­tor« als Flag­schif­fe des Jour­na­lis­mus zu fei­ern ist mir zu we­nig (auch die­se Ma­ga­zin­sen­dun­gen sind ten­den­zi­ös). Und so spielt Jürgs den Hof­nar­ren, der in Talk­shows sei­ne Ge­mein­plät­ze ab­son­dern darf. Vor sol­chen Leu­ten ha­be ich noch nicht ein­mal Re­spekt. Nur Ekel.

    #27