Mein Häm­mer­chen

Seit sieb­zehn Jah­ren, fast so lan­ge, wie ich in Ja­pan le­be, be­sit­ze ich die­ses Sak­ko. Ich tra­ge es gern, es ist be­quem, et­was weit, schwarz oder von ei­nem sehr dunk­len Blau, bei Son­nen­licht glit­zert die Ober­flä­che manch­mal ganz leicht (kommt mir vor). Im Win­ter ist es recht warm, im Früh­ling und Herbst nicht zu warm, in Wahr­heit aber von be­schei­de­ner Qua­li­tät, fil­zig, ein we­nig aus­ge­beult, Staub und Här­chen und Fus­sel blei­ben am Stoff haf­ten, so daß ich oft dar­an her­um­zup­fe und ‑wi­sche. Ge­kauft ha­be ich es mit­ten in ei­nem der en­gen Gäß­chen ei­nes Markts ne­ben dem gro­ßen Ats­u­ta-Schrein in Na­go­ya, von ei­nem chi­ne­si­schen Händ­ler, der die Stücke in klei­ne­ren Men­gen vom Fest­land auf die In­sel brach­te. Bei Le­sun­gen und ähn­li­chen Ge­le­gen­hei­ten tra­ge ich das Sak­ko gern, weil ein Schrift­stel­ler nicht gar zu ele­gant wir­ken soll­te, ich an­de­rer­seits aber doch et­was dar­stel­len möch­te, ei­nen Ver­fas­ser von Bü­chern, ei­nen ma­ker, ei­nen poe­ta fa­ber; ei­nen, der et­was von sei­nem Hand­werk, den Wör­tern und Sät­zen, ver­steht.

Da traf es sich gut, als mir in der Al­ten Schmie­de, dem Ort in der Wie­ner In­nen­stadt, wo sich die Dich­ter und im­mer auch ein paar Hö­rer tref­fen, ei­ner der Ma­cher dort, ein Fä­den­zie­her im Hin­ter­grund, glau­be ich – so je­den­falls sieht er sich selbst –, ein klei­nes ro­tes Ding in die per­ple­xe Hand drück­te: ei­nen Ham­mer. Den konn­te, den soll­te ich an­stecken, und das tat ich, ans Re­vers mei­nes dunk­len Fa­ber-Sak­kos, das traf sich gut, da paß­te es hin, Rot auf Schwarz, rouge et noir, win­zig klein vor dem ozea­ni­schen Hin­ter­grund, dem um­hül­len­den Schwarz, ein Bluts­trop­fen, aus der Fer­ne ge­se­hen. En rouge et noir, mes lut­tes, mes fai­bles­ses…

Die Kämp­fe; Schwä­chen und Stär­ken. Der Ma­cher hat­te mit dem Au­ge ge­zwin­kert, oder zu­min­dest ver­schmitzt drein­ge­schaut. Der klei­ne Ham­mer war doch ein Sym­bol, er ver­wies auf et­was; et­was an­de­res, das er nicht selbst war, mit dem er viel­leicht in Zu­sam­men­hang stand, das er aber nicht war. Rich­tig – mir ist es erst viel spä­ter auf­ge­fal­len, beim näch­sten oder über­näch­sten Mal in der Schön­la­tern­gas­se, in der ich noch nie ei­ne schö­ne La­ter­ne ge­se­hen ha­be – rich­tig, da hing es, das Sym­bol, über den Köp­fen der Pas­san­ten, der Dich­ter und Hö­rer und Nacht­schwär­mer, da hing es, elek­trorot, um ein Viel­fa­ches grö­ßer als das Sym­bol­chen an mei­nem Re­vers, aber un­auf­fäl­lig im Ver­gleich zum Schlüs­sel, dem schmie­de­ei­ser­nen, ewi­gen, der da eben­falls hing, et­was prot­zig, nicht wahr? Al­so Schmie­de, Ham­mer, Werk­zeug, Mit­tel zu… Ei­ne Me­to­ny­mie, kei­ne Me­ta­pher.

Ab und zu wer­de ich ge­fragt, was der klei­ne Ham­mer zu be­deu­ten ha­be und war­um ich ihn tra­ge; an­de­re Ma­le se­he ich am Ge­sichts­aus­druck mei­nes Ge­gen­übers, daß es ir­ri­tiert ist, sich viel­leicht so­gar be­droht fühlt, wie ich mich vom schmie­de­ei­ser­nen Schlüs­sel be­droht fühl­te. Was hät­te ich de­nen, die sich zu fra­gen ge­trau­en, ant­wor­ten sol­len, was soll ich ih­nen sa­gen? Si­cher, das Sym­bol des Kom­mu­nis­mus, Ham­mer und Si­chel, bei­de Werk­zeu­ge zu­sam­men, ge­kreuzt, Ar­bei­ter und Bau­ern, Hu­fe für Pfer­de und Gras für Kü­he, vor­in­du­stri­el­le Sym­bo­le, wenn man’s recht be­denkt, al­so ro­man­tisch, kei­ne Angst, oder doch, Angst vor dem Un­heim­li­chen, nicht zu Durch­schau­en­den. Ei­ne Zeit­lang in mei­ner Ju­gend dach­te ich, der Kom­mu­nis­mus könn­te wirk­lich schö­ne Ver­hält­nis­se für uns al­le brin­gen, Zucker­erb­sen für je­der­mann, Bü­cher für al­le Schul­kin­der, al­so je­dem nach sei­nen Be­dürf­nis­sen, je­der nach sei­nen Fä­hig­kei­ten. Schö­ne Idea­le! Wenn man je­den tun läßt, wie er will, wird die­ser Je­der­mann, Mi­ster Ni­ne­ty-Ni­ne Per­cent, auf der fau­len Haut lie­gen blei­ben, kei­nen Ham­mer und kei­ne Si­chel an­rüh­ren, son­dern sich ei­ne Fla­sche Bier grap­schen und Fuß­ball­spie­le oder Por­nos oder Shop­ping­teaser in sein Hirn rein­zie­hen, und wer sorgt dann für die Be­dürf­nis­se bzw. die Gü­ter, die sie be­frie­di­gen. Un­mög­lich – das ha­be ich ir­gend­wann ein­ge­se­hen (nach­dem ich mich so­gar ein biß­chen »en­ga­giert« hat­te). Trotz­dem fin­de ich die Idee ei­nes sol­chen Blu­men­wie­sen­kom­mu­nis­mus im­mer noch schön und will nicht ganz von ihr las­sen. Flower Power! Viel­leicht ist das ja ein Grund, ei­ner der Grün­de, war­um ich das klei­ne ro­te Häm­mer­chen am Re­vers tra­ge: ei­ne hal­be Hoff­nung. Und der Grund, war­um der Ma­cher von der Al­ten Schmie­de die Din­ger in der Rock­ta­sche bei sich trägt, um ge­ge­be­nen­falls eins in ei­ne war­me Hand­flä­che glei­ten zu las­sen. Aber der meint das doch an­ders, kon­kre­ter, das Ro­te ist für ihn eher et­was wie der Fa­den auf dem un­end­li­chen Marsch durch die In­sti­tu­tio­nen, die­ses La­by­rinth, in dem man sich schon mal ver­ir­ren kann oder, um die Wahr­heit zu sa­gen, sich dau­ernd und dau­er­haft ver­irrt.

Nein. Ei­ne Wei­le, nach­dem ich den Phan­ta­si­en von Hei­ne und Marx ent­sagt hat­te, oder gleich­zei­tig, ent­deck­te ich all un­se­re Den­ker jen­seits und dies­seits von He­gel, die­sem Stur­kopf und Wör­ter­ver­dre­her. Leib­niz, Scho­pen­hau­er, Kier­ke­gaard, Hei­deg­ger und so wei­ter, auch die Den­ker der An­de­ren, die ganz an­de­ren Den­ker, Cior­an, Le­vinas, Der­ri­da, De­leu­ze, kreuz und quer. Nietz­sche, nicht zu ver­ges­sen. Der gu­te, ar­me Nietz­sche! Der doch so bö­se sein woll­te und zu dem Mut­ter­söhn­chen wur­de, das er war. Der mit dem Ham­mer phi­lo­so­phier­te. Der die Stimm­ga­bel an die Hohl­köp­fe leg­te, als wär’s ei­ne Pi­ca­na, die frei­lich erst 1932 er­fun­den wer­den soll­te als In­stru­ment der Auf­klä­rung, vom Po­li­zi­sten­sohn des gro­ßen na­tio­na­len Dich­ters Leo­pold – nicht ich, Gott be­wah­re, auch nicht mein Groß­va­ter, der mir den Na­men ver­macht hat, viel­mehr: Leo­poldo Lu­go­nes, des Hü­ters von ein­ge­bo­re­ner Spra­che und Kul­tur. Ar­mer Nietz­sche! Noch we­ni­ge Mo­na­te, be­vor sein Pro­jekt end­gül­tig in die Bin­sen ging, muß­te er die Erb­stücke des Abend­lan­des zer­trüm­mern, et­was Bes­se­res fiel ihm nicht ein. Das Bes­se­re, das Po­si­ti­ve, nach dem er sich sehn­te, blieb Stück­werk, auf­ge­bla­se­ner Kitsch mit ei­nem Got­terl, ei­nem Got­tel­böck­chen na­mens Za­ra – nicht der Shop­ping-Za­ra, son­dern der un­glück­li­che Hei­li­ge Za­ra-Thu­stra. Statt daß er, wie die Mei­ster­sin­ger na­he­le­gen, den Ham­mer zu dem ver­wen­de­te, wo­zu er in er­ster Li­nie gut ist, näm­lich zum Schmie­den von Schwer­tern und nütz­li­che­rem Ge­rät. Sol­che Din­ge sa­ge ich dann, wenn die Re­de auf mein Häm­mer­chen kommt, aber mein Ge­gen­über hört mir bald nicht mehr zu, oder es lä­chelt und lacht, lacht zu gu­ter Letzt: Was duuu al­les in dei­nem Köpf­chen wälzt!

Tu ich, tu ich. Es ist doch die Zeit der Sinn­bil­der, mein Freund, die Zeit der Em­ble­me. Ein Wun­der, daß sie zu­rück­ge­kehrt ist, un­ver­hofft; da­mals, als ich sie be­trach­te­te, die al­ten Bil­der und Le­gen­den, dach­te ich, das wä­re für im­mer vor­bei, ich sei der letz­te des Schlags. Auch das, die­ser Ge­dan­ke und die­ses Be­trach­ten, ist nun ei­ne Zeit her, 35 Jah­re zir­ka, als ich an mei­ner Dis­ser­ta­ti­on schrieb und die ge­sam­te Ba­rock­li­te­ra­tur durch­for­ste­te und die vor­he­ri­ge, so­gar neu­la­tei­ni­sche Dich­tun­gen, die al­ten Rhe­to­rik­bü­cher, Quin­ti­li­an, was noch al­les. Ich be­saß ein klei­nes, hüb­sches Büch­lein, ei­nen Nach­druck her­aus­ge­ge­ben von der Wis­sen­schaft­li­chen Buch­ge­sell­schaft zu Darm­stadt, Ori­gi­nal­aus­ga­be Pa­ris 1542, schon der Ti­tel so lieb: Em­ble­ma­tum Li­bel­lus, Büch­lein der Sinn­bil­der. Es war ei­gent­lich nicht so wie die an­de­ren Em­blem­bü­cher, die er­schöp­fen­de Li­sten bo­ten, son­dern kam ins Er­zäh­len, die­ser Li­bel­lus, und misch­te al­les durch­ein­an­der, grie­chi­sche My­then, Sprich­wör­ter, Volks­glau­ben, Al­le­go­ri­en, Tu­gen­den und La­ster, viel Lie­be auch, Amor sells, l’amore ven­de, si ven­de l’amore. Tie­re, Din­ge, aber kei­ne Pflan­zen und auch kei­ne Werk­zeu­ge, kein Ham­mer da­bei. Da­für hüb­sche Holz­schnit­te, zu je­dem Text ein Bild­chen, für die des Le­sens Un­kun­di­gen, die Il­li­te­ra­ten, die Vie­len, de­nen viel­leicht hin und wie­der je­mand die Mo­ral der Ge­schich­te und des Bil­des vor­las. Es gab al­so, sa­ge ich mir heu­te, nach­dem das Zeit­al­ter der Il­li­ter­a­ri­tät, des ex­zes­si­ven Bil­der­se­hens zu­rück­ge­kehrt ist, es gab al­so auch et­was auf der Gren­ze zwi­schen bei­dem, zwi­schen Sinn­lich­keit und In­tel­lek­tua­li­tät, ei­nen Weg mal hier­hin, mal dort­hin, ein Schlan­gen­weg, stel­le ich mir vor, ge­nau so hat man ge­le­sen, ge­schaut, schlan­gen­för­mig, ge­le­sen, ge­schaut, und heu­te tut man das wie­der, bis end­lich die blo­ßen Schau­er zur Ni­ne­ty-ni­ne-per­cent-Mehr­heit wer­den. Vor­bei, dach­te ich da­mals, vor 35 Jah­ren, aber die Bild­chen sind wie­der­ge­kehrt, al­les kehrt ewig wie­der und man muß sich die Wie­der­kehr wün­schen, sagt Za­ra, ein biß­chen Ge­walt ge­gen sich selbst ist schon noch von­nö­ten. Den Ham­mer ge­gen sich rich­ten? En­core un ef­fort

Emo­ti­con heißt das heu­te, auch Emo­ji, ja­pa­nisch, ja­panglish, Ge­fühls­zei­chen. So ist denn ei­ne Rhe­to­rik der Ge­fühls­zei­chen ent­stan­den und hat sich ein­ge­bür­gert und durch­ge­setzt, ei­ne 99-Pro­zent-Re­de­wei­se, die schon mehr ei­ne Zei­ge­wei­se ist: man klickt, man co­py-and-pa­stet, schau hin, wor­über man nicht re­den kann, du ver­stehst! Ein Sy­stem, auf das du dich ver­las­sen kannst und das dich, hast du dich erst ein­mal an es ge­wöhnt (wo­zu die Hard­ware viel bei­trägt, die lie­ben klei­nen All­zweck­ge­rä­te), über­all­hin be­glei­tet (falls du dich denn noch fort­be­wegst), ein vir­tu­el­les Im­plan­tat und Sy­stem von For­meln für je­de Le­bens­la­ge – was vor­aus­setzt, daß auch die Le­bens­la­gen klas­si­fi­ziert wer­den, und zwar im­mer raf­fi­nier­ter, im­mer fei­ner, un­se­re mög­li­chen Ge­füh­le wer­den in Kor­re­la­ti­on mit be­stimm­ten Si­tua­tio­nen, mit Klas­sen von Si­tua­tio­nen aus­ge­rech­net, Re­ak­ti­ons­va­ri­an­ten wer­den ver­füg­bar ge­macht, so ent­steht ei­ne qua­si au­to­ma­ti­sier­te Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Men­schen, die ih­re Per­sön­lich­keit im Prin­zip ab­lie­fern könn­ten, was sie auch tun, sie wis­sen sie bei der Ma­schi­ne in gu­ten Hän­den. Ach­tung, Link: https://www.emojicopy.com/ Hier fin­dest du hun­der­te Bild­chen, die viel­leicht nichts als sich selbst be­sa­gen, ein Hut ein Stock ein Re­gen­schirm und so wei­ter, aber kein Ham­mer und kei­ne Si­chel, auch nicht bei den Sym­bo­len, die Ge­schich­te hat die­se Sinn­bil­der mit dem En­de des ost­eu­ro­päi­schen Kom­mu­nis­mus ver­bannt und ver­nich­tet, man kann sie al­len­falls noch iro­nisch ge­brau­chen, auf dem Floh­markt er­ste­hen – die Nost­al­gi­en sind in­zwi­schen eben­falls rat­ze­putz er­lo­schen. Uto­pi­en und Nost­al­gi­en, al­les weg. Kein Be­darf nach Ver­gan­gen­heit oder Zu­kunft. In Wahr­heit re­du­zie­ren sich die Ge­fühls­sinn­bild­chen auf ein paar we­ni­ge, auf love and ha­te (bei Face­book fehlt dann auch der Haß, es ist ein Me­di­um der rei­nen Lie­be, der Haß wird ins Nichts ver­scho­ben, in die Nicht-Kom­mu­ni­ka­ti­on), auf La­chen und Trau­rig­sein, Op­ti­mis­mus und Pes­si­mis­mus, De­mo­krit und He­ra­klit, oder auch: Pla­ton und Ari­sto­te­les, der ei­ne zeigt auf den Bo­den, der an­de­re in den Him­mel, was nicht viel an­ders ist als Dau­men rauf, Dau­men run­ter. So geht die Rhe­to­rik der neu­en Zeit. Sie ist wie­der­ge­kehrt, die al­te Sy­ste­ma­tik des Aus­drucks (der Ge­füh­le), na­tür­lich in neu­em Sty­ling, neu­em De­sign, ea­sy ac­cess with ex­ten­si­ve se­arch func­tio­n­a­li­ty.

Und ich ma­che da mit, mit mei­nem Häm­mer­chen, da­mit mei­ne Ge­füh­le aus­ge­drückt wer­den. Mein Häm­mer­chen schmie­det mei­ne Ge­füh­le, oder zeigt sie zu­min­dest, deu­tet sie an. Nein, schmie­det sie, stellt sie erst her. Denn Über­zeu­gun­gen ha­be ich längst nicht mehr, auch das Häm­mer­chen ver­weist auf Ge­füh­le, auf Stim­mun­gen, und zer­stö­ren will es gar nichts, höch­stens ein we­nig mit Iro­nie be­klop­fen. Hal­lo, noch da? Scheint so. Das Sinn­bild hat sei­ne Be­deu­tung ver­än­dert, oder bes­ser, es hat sei­ne Be­deu­tung ent­grenzt, sie kann hier­hin und dort­hin flie­ßen, wird prote­isch, je­des Sym­bol kann am En­de al­les be­deu­ten. Ein sol­ches Ding­chen steckt man sich an, weil es hübsch aus­sieht, ein Or­na­ment wie al­les an­de­re auch, Ac­ces­soire wie wir selbst, An­häng­sel, Bei­werk, un­we­sent­lich. Wie die Auf­schrif­ten auf den T‑Shirts der Stu­den­ten, in sämt­li­chen Spra­chen ge­schrie­ben, Fin­ne­gans Wa­ke an wan­deln­den Brust­säu­len, kein Schrift­zug ver­ständ­lich, und wenn doch, wird er nicht ge­le­sen, wo­zu auch, es gibt kei­ne Bot­schaft, al­les ist Bot­schaft von nichts.

Okay, ich ma­che mit, aber wenn ich die Schnau­ze voll ha­be, stei­ge ich aufs Fahr­rad, mei­nen lie­ben Draht­esel, oder ge­he in den Ge­mü­se­gar­ten, wo ich kei­nen Ham­mer ha­be, da­für aber ein Schau­fel­chen zum Un­kraut­jä­ten und Setz­lin­ge­set­zen so­wie ei­ne Si­chel, die nicht mehr gut schnei­det, aber was soll’s, die paar Gras­bü­schel, die mir über die Bord­stei­ne wach­sen, krie­ge ich da­mit schon klein. Ge­stern, als ich mit Schwung ein klei­nes Loch gra­ben woll­te, sprang ei­ne Ei­dech­se aus der Er­de und ver­stei­ner­te dann am Kra­ter­rand, wie ich selbst am Beetrand ver­stei­ner­te, ein paar Se­kun­den lang sa­hen wir uns in die schreckstar­ren Au­gen. Dann mach­te ich wei­ter, vor­sich­ti­ger, um kei­ne Tie­re zu schä­di­gen, Wür­mer et­wa, die sich un­ter mei­nen Hie­ben schon mal hal­bie­ren. Nein, kein Kampf, schließ­lich bin ich ein Mensch, bin nicht Na­tur. Wäh­rend der Ar­beit – ja­woll, im Schwei­ße des An­ge­sichts! – kam mir ein an­de­rer Wurm ins Ohr, ein Mu­sik­wurm, der wohl schon seit fünf­zig Jah­ren in mei­nem Ge­dächt­nis lau­ert. Und wie heißt er, der Wurm? Er­ra­ten! Es ist der Ham­mer-Song von Pe­te See­ger, auch so ein Kom­mu­nist der grü­nen Jah­re, der sei­nen Pro­test mit nai­ver Fröh­lich­keit ins Land hin­aus­träl­ler­te. Was für ein idio­ti­sches Lied­chen, den­ke ich heu­te (und krie­ge es nicht aus dem Ohr), aber da­mals hör­te ich es wie je­der­mann, schließ­lich war es ein Hit, ein Schla­ger, der mit der Zeit je­den kon­kre­ten In­halt ver­lor. Falls er ei­nen sol­chen je be­ses­sen hat­te. Da­mals hat­te ich kei­nen Ham­mer, aber ich hat­te die­ses Lied (und vie­le an­de­re Lie­der), I had the song… Jetzt ha­be ich ei­nen Ham­mer, aber ich will da­mit nichts hin­aus­po­sau­nen, will nicht lär­men, we­der Kampf noch Lie­be zwi­schen mei­nen Brü­dern und Schwe­stern ins Land hin­aus­träl­lern, weil sich die Brü­der­lich­keit und Schwe­ster­lich­keit mir längst als das ge­outet hat, was sie ist, näm­lich faul, im dop­pel­ten Wort­sinn. Schwin­ge auch nicht den Ham­mer der Ge­rech­tig­keit (noch so ei­ne Sym­bo­lik), mit dem Pete’s Lied­chen en­det; er woll­te ja nur, daß sei­ne zu Un­recht in­haf­tier­ten Ge­nos­sen frei­kom­men, aber das ha­ben die Pop­stern­chen – ach, Pe­ter, Paul und Ma­ry! – im Lauf der Jah­re ge­flis­sent­lich ver­ges­sen, und im üb­ri­gen wa­ren die Ge­nos­sen oh­ne­hin längst frei. Ich aber zie­he es vor, um mein Häm­mer­chen her­um ein paar kryp­ti­sche An­mer­kun­gen zu zie­hen und im üb­ri­gen zu war­ten, wie die Re­ak­ti­on aus­fällt, und da­nach, je nach dem, zu re­den oder zu schwei­gen. Mit dir, oder mit dir. Nicht so laut wie Pe­te, der sich an das wand­te, was er und sei­nes­glei­chen für das Volk hiel­ten (ein fal­scher Satz, die­ser hier, aber ich las­se ihn ste­hen). But I do have a ham­mer, I do have a song. Al­so las­se ich es stecken, das hal­be Sinn­bild­chen, an mei­nem Schrift­stel­lersak­ko. Soll es mit mir ins Grab… Ja, Leu­te, das ist mein Te­sta­ment.

Es klin­gelt, oder läu­tet, ge­nau­er ge­sagt, oder bing­bongt. I have a bell, and it’s the blacks­mith who rings it, the key-ma­ker. Ich hof­fe, das ist halb­wegs pas­sa­bles Eng­lisch. Al­so der Schlüs­sel­schmied ist ge­kom­men, weil mei­ne Toch­ter den Haus­schlüs­sel ver­lo­ren hat und man, Si­cher­heit geht über al­les, das gan­ze Schloß aus­wech­seln muß, sonst könn­ten ja die Die­be…, die sich hier frei­lich nie blicken las­sen, aus Angst vor den Füch­sen. Selbst mit wei­ßen, ur­sprüng­lich wei­ßen, jetzt erd­brau­nen Hand­schu­hen be­stückt, schaue ich ihm ei­ne Wei­le zu, er hat nicht mal ei­ne Werk­zeug­ki­ste da­bei, nur ein Tuch, das er auf­kno­tet, hüb­sches Mu­ster, ein Ben­to-Tuch, das ein paar mick­ri­ge Schrau­ben­zie­her frei­gibt. Dann kommt mei­ne Frau nach Hau­se, und da sie hand­werk­li­che Kennt­nis­se be­sitzt – ihr Va­ter war Elek­tri­ker –, merkt sie so­gleich, was los ist. Der Idi­ot, die­ses Kon­tag­an­ex­em­plar der Ar­bei­ter­klas­se, hat nicht mal ei­nen Ham­mer da­bei, wie will er da ein schwe­res Schloß auf­stem­men? Er hat­te es noch ge­wagt, sie um ei­nen zu bit­ten, als wä­re das ih­re Auf­ga­be, als Woh­nungs­mie­te­rin das Werk­zeug der Re­pa­ra­teu­re be­reit­zu­stel­len. Mei­ne Frau hat ei­nen Ham­mer, ich weiß es, ei­nen ech­ten, schwe­ren Ham­mer, er liegt in der mäch­ti­gen blau­en Werk­zeug­ki­ste, die sich wie ei­ne Zieh­har­mo­ni­ka auf­zie­hen läßt, aber sie gibt ihn na­tür­lich nicht her, Gott be­wah­re. Statt­des­sen zückt sie ihr Smart­pho­ne – rich­tig, das All­zweck­ge­rät, mit dem man al­les kann, auch häm­mern, aber nur sym­bo­lisch, al­so nur häm­mern nicht – und ruft die Fir­ma an, die die­sen Idio­ten be­schäf­tigt, und ver­langt, daß sie ei­nen viel­leicht et­was we­ni­ger däm­li­chen Er­satz­mann samt Ham­mer und al­lem Drum und Dran schickt.

Still­schwei­gend ha­be ich mich ent­fernt. Ha­be mich zu­rück­ge­zo­gen, ver­drückt, in den Gar­ten ver­zo­gen, zu mei­nen Ei­dech­sen, Wür­mern und Ohr­wür­mern. Und Ge­dan­ken, die kann mir nie­mand neh­men, weil sie frei sind, you know. Ge­dan­ken an al­les mög­li­che, an das rot schim­mern­de Häm­mer­chen am schwar­zen Sak­ko, das zwi­schen An­zü­gen, Hem­den und We­sten im Bü­gel­zim­mer hängt, das ich so nen­ne, ob­wohl dort kei­ne Bü­gel­ma­schi­ne steht, aber auch die Bil­der ha­ben ein lan­ges Le­ben, nicht nur die Klän­ge, auch die Bil­der schlän­geln sich durch die Zei­ten, da­mit ei­ner kommt und sie auf­zeich­net (auch wenn sie viel­leicht nie ge­le­sen und an­ge­schaut wer­den), wenn die Wirk­lich­keit, von der sie ab­stam­men, längst ent­schwun­den, ver­flüch­tigt, er­lo­schen ist. An mein Häm­mer­chen und an den Schmiedl den­ke ich, der im­mer noch in sei­ner nach Schmier­öl duf­ten­den Schmie­de­werk­statt steht und mit dem Groß­va­ter schwa­dro­niert, und das Pferd, das von Zeit zu Zeit, von Epo­che zu Epo­che, mit dem rech­ten Hin­ter­huf scharrt: ein Zei­chen, ei­ne Auf­for­de­rung, an die es selbst nicht mehr glaubt.

Wirk­lich, es war ein­mal, in al­ten Zei­ten, da hat der Schmied dem klei­nen Theo sei­nen schwe­ren Ham­mer ins Kin­der­händ­chen ge­drückt, und als der Kna­be den Ham­mer wi­der Er­war­ten zu hal­ten wuß­te, da ist dem Schmiedl lang­sam das La­chen ver­gan­gen, weil das Ding näm­lich lang­sam ge­schrumpft ist, ei­ne kla­re Form von ro­ter Bril­lanz, sie leuch­te­te in The­os Hand­tel­ler wie ein Kreuz, wie die Wund­ma­le un­se­res Herrn Je­sus Chri­stus. Und der Groß­va­ter, der nie laut wur­de, ein Mann des Lä­chelns, leg­te be­sänf­ti­gend sei­ne Hand auf… nicht, wie ich er­war­te­te, auf mei­ne nied­ri­ge, schmäch­ti­ge, son­dern auf sei­ne, des Schmiedls, mäch­ti­ge Schul­ter.

© Leo­pold Fe­der­mair

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