Ins Heu ge­hen

In der ver­gan­ge­nen Wo­che gab es im Feuil­le­ton der ZEIT ein Stürm­chen im Lat­te-mac­chia­to-Glas. Flo­ri­an Kess­ler, frei­er Au­tor und Jour­na­list, be­klagt, dass sich die deut­sche (sic!) Ge­gen­warts­li­te­ra­tur fast nur aus Aka­de­mi­kerhaus­hal­ten re­kru­tiert, was na­tur­ge­mäss Aus­wir­kun­gen auf die Li­te­ra­tur selbst ha­be. Dies gel­te so­wohl für die Schrei­ben­den wie für das Re­zep­ti­ons-, Preis- und Funk­tio­närs­we­sen des Be­triebs. Sa­lopp ge­sagt: Aka­de­mi­ker­söh­ne und –töch­ter schrei­ben wie Aka­de­mi­ker­vä­ter und –müt­ter dies schon im­mer ge­wollt ha­ben. Al­les an­de­re, ab­sei­ti­ge, pro­le­ta­ri­sche (die­ses Wort fehlt, wird aber sug­ge­riert) ha­be kei­ne Chan­ce. Um sei­nen Kri­ti­kern den Wind aus den Se­geln zu neh­men, ver­sucht er es mit ei­ner gu­ten Por­ti­on Selbst­iro­nie. Zum ei­nen be­schreibt er durch­aus hu­mo­rig, wie er sel­ber in den Be­trieb ein­ge­drun­gen ist (die Bril­le!), zum an­de­ren »outet« er sich (!) sel­ber als Pro­fes­so­ren­sohn (ich ha­be die­ses »oder auch ich« tat­säch­lich zwei Mal über­le­sen). Selbst­be­zich­ti­gung zur rech­ten Zeit ist ja aus di­ver­sen Re­vo­lu­tio­nen be­kannt, ko­stet aber heu­te noch nicht ein­mal mehr den Kopf.

Kess­ler fin­det in En­no Stahl in der taz ei­nen Für­spre­cher. Stahl ist seit Jah­ren Pfahl im Fleisch der Li­te­ra­tur­kri­tik (na­ja, jen­seits der bür­ger­li­chen Zei­tun­gen). Un­längst ist sei­ne Auf­satz­samm­lung »Dis­kurspo­go« er­schie­nen. Sein Pro­gramm lässt sich – mit sei­nen ei­ge­nen Wor­ten – un­ge­fähr so zu­sam­men­fas­sen: »Die idea­li­stisch-ro­man­ti­sche Per­spek­ti­ve auf künst­le­ri­sche Ela­bo­ra­te, die – spe­zi­ell im Feuil­le­ton – un­ver­än­dert auf die werk­immanente Me­tho­de pocht, im­pli­ziert ein kon­kur­rie­ren­des Wer­tungs­dis­po­si­tiv, ei­nes, das mei­ner Mei­nung nach im Zei­chen der gra­vie­ren­den Um­ge­stal­tungs­pro­zes­se der we­st­­lich-ka­pi­ta­li­sti­schen Ge­sell­schafts­for­ma­ti­on aus­ge­dient hat«. Kurz – und wo­mög­lich nicht dia­lek­tisch aus­ge­wo­gen: Li­te­ra­tur muss po­li­tisch sein, al­les an­de­re ist ka­pi­ta­li­sti­scher Mist.

Kess­ler und Stahl geht es um die Li­te­ra­tur, nicht um die Prot­ago­ni­sten sel­ber. Ich wer­de im­mer skep­tisch, wenn mir Leu­te ver­si­chern, dass es ih­nen »um die Sa­che« ge­he. Das er­in­nert ein biss­chen an über­vor­sich­ti­ge El­tern, die ei­nem mit ih­rem Pa­ter­na­lis­mus vor der bö­sen Welt glau­ben be­schüt­zen zu müs­sen. Das Wohl des Kin­des, das sie im Blick zu ha­ben vor­ge­ben, ist nichts an­de­res als die mög­lichst lan­ge Fort­set­zung von Ein­fluss und Macht. Hier scheint es ähn­lich. Die Sor­ge um das Wohl der Li­te­ra­tur ent­springt ent­we­der dem Wunsch, den ei­ge­nen Ein­fluss zu ze­men­tie­ren oder es geht dar­um, die Struk­tu­ren in sei­nem Sinn zu ver­än­dern. Hier geht es dar­um, die Li­te­ra­tur zu po­li­ti­sie­ren. Li­te­ra­tur ha­be, so der Ge­dan­ke, ei­ner be­stimm­ten, »rich­ti­gen« Idee zu die­nen. Be­din­gung da­für wä­re, dass man sel­ber in Be­sitz die­ser »rich­ti­gen« Idee ist. Das wird wohl­wol­lend vor­aus­ge­setzt.

Der Ge­dan­ke, dass Li­te­ra­tur po­li­ti­schen oder so­zia­len Zie­len zu die­nen oder min­de­stens di­dak­tisch zu be­glei­ten ha­be, ist nicht neu. Die La­ger, die die­se Idee be­für­wor­ten und die­je­ni­gen, die sie ab­leh­nen, ste­hen sich seit min­de­stens 200 Jah­ren un­ver­söhn­lich ge­gen­über. Goe­the mein­te, die li­te­ra­ri­sche Po­tenz ei­nes Au­tors wür­de un­ter po­li­ti­schem En­ga­ge­ment lei­den. An­de­re Au­toren, ins­be­son­de­re der Mo­der­ne, grün­de­ten ih­ren Ruf dar­auf. Im­mer wie­der gab es po­li­tisch-re­vo­lu­tio­nä­re Au­toren – von fa­schi­stisch bis sta­li­ni­stisch. In Ost­eu­ro­pa kur­sier­te län­ger der heu­te be­lä­chel­te so­zia­li­sti­sche Rea­lis­mus (die Straf­la­ger für die Ab­weich­ler war dann we­ni­ger be­lä­chelns­wert). Aber auch heu­te noch klopft das Feuil­le­ton bel­le­tri­sti­sche Bü­cher auf (unan)genehme so­zia­le oder po­li­ti­sche Gesinnung(en) ab. Wer nicht im »rich­ti­gen« po­li­ti­schen Main­stream mit­schwimmt er­hält min­de­stens das Eti­kett »um­strit­ten«, das ihn zu­meist ein Le­ben lang stig­ma­ti­siert aber Ord­nung auf dem Re­zen­sen­ten­schreib­tisch schafft. Es gibt hier­von nur zwei Aus­nah­men: Ent­we­der ist die Ver­net­zung des Schrei­ben­den ex­tra­or­di­när (dann kann bei­spiels­wei­se auch noch ein Pla­gi­at als in­ter­tex­tu­el­les Kunst­werk de­kla­riert wer­den). Oder das in­kri­mi­nier­te Stück Li­te­ra­tur hat ein ex­trem gro­ßes Skan­dal­po­ten­ti­al.

Noch mehr Bio­gra­phis­mus

Kess­ler reicht der gän­gi­ge Bio­gra­phis­mus des Feuil­le­tons nicht aus. Tat­säch­lich wird der je­wei­li­ge li­te­ra­ri­sche Text ja fast nur noch mit bzw. nach der Bio­gra­phie des Au­tors ab­ge­scannt. Da­zu kom­men dann ei­ni­ge Äu­ße­run­gen, die in In­ter­views oder Vorschau­prospekten ab­ge­druckt wer­den. Das war’s dann mei­stens schon mit der »Re­zen­si­on«. Stahl the­ma­ti­siert dies eben­falls und meint, dass die Li­te­ra­tur lang­wei­lig sei, »da sie zu gro­ßen Tei­len von Au­torin­nen und Au­toren ver­fasst wird, die nichts er­lebt und nichts zu er­zäh­len ha­ben«. Aber war­um aus­ge­rech­net die dann von ihm ge­nann­ten Goe­tz, Roeg­g­la und Jirgl als leuch­ten­de Bei­spie­le an­ge­führt wer­den, von de­nen Goe­tz und Roeg­g­la nie et­was an­de­res er­lebt ha­ben, als mit Tex­ten um­zu­ge­hen (kein Vor­wurf!) und die vom Be­trieb seit Jah­ren mit Prei­sen über­häuft wer­den, ist wirk­lich lu­stig.

Neu­lich hat­te Joa­chim Zel­ters No­vel­le »Ei­nen Blick wer­fen« die­ses Ver­fah­ren (er nennt es »Cur­ri­cu­la­ris­mus«) wun­der­bar leicht aber tref­fend per­si­fliert, aber ver­mut­lich ist so­wohl Herrn Kess­ler als auch Herrn Stahl die­ser Text un­be­kannt. Ich se­he in schon auf den Ver­lags­sei­ten un­ter der Ru­bik »Ein­rei­chung von Ma­nu­skrip­ten« ei­nen ent­spre­chen­den Dis­c­lai­mer auf­pop­pen:

»Bei glei­cher Qua­li­tät der ein­ge­gan­ge­nen Ma­nu­skrip­te wer­den die­je­ni­gen von Töch­tern oder Söh­nen von Ar­bei­tern und Nicht-Aka­de­mi­kern be­vor­zugt. Ent­schei­dun­gen zu Gun­sten von aus Aka­de­mi­ker­fa­mi­li­en stam­men­den Schrei­ben­den sind nur in Aus­nah­me­fäl­len bei Vor­lie­gen schwer wie­gen­der in­di­vi­du­el­ler Grün­de mög­lich« (nur un­we­sent­lich gän­gi­ge Kri­te­ri­en pa­ra­phra­sie­rend).

Da­bei hat Kess­ler durch­aus ei­nen Nerv ge­trof­fen. Der Be­trieb ist sehr her­me­tisch und so­zu­sa­gen in­züch­tig. Nur in Son­der­fäl­len wird auf den Stall­ge­ruch ver­zich­tet. (Ich weiss, wo­von ich re­de; die we­ni­gen Aus­nah­men gibt es na­tür­lich im­mer.) Ähn­li­che Struk­tu­ren kann man üb­ri­gens in al­len an­de­ren mög­li­chen Be­rufs­ver­bän­den, »Be­trie­ben« oder auch Sub­kul­tu­ren ent­decken. Die aus dem Bo­den schie­ßen­den Schreib­schu­len ver­stär­ken das Rot­ten­den­ken der Li­te­ra­tur­sze­ne noch. Die Kon­for­mi­tät, die Kess­ler zu Recht be­klagt, wird ja ge­ra­de dort er­zeugt – po­li­ti­sche und vor al­lem äs­the­ti­sche Kon­for­mi­tät. Still­schwei­gend geht Kess­ler al­ler­dings da­von aus, dass der Li­te­ra­tur­nach­wuchs aus­schließ­lich aus die­sen Trai­nings­la­gern kommt, die sich mit dem eu­phe­mi­sti­schen Be­griff »Krea­ti­ves Schrei­ben« (wahl­wei­se in eng­li­scher Ver­klau­su­lie­rung) schmücken.

In Wirk­lich­keit geht es näm­lich um markt­kon­for­mes, den öko­no­mi­schen Ge­sichts­punk­ten des schnel­len Kon­sums ge­hor­chen­des Ver­fas­sen von fik­tio­na­len bzw. se­mi-fik­tio­na­len Tex­ten. In den USA gibt es dies schon seit Jahr­zehn­ten und die deut­schen Ver­la­ge be­die­nen sich re­gel­mä­ssig hier­aus, in dem sie Erst­lin­ge jun­ger De­but­an­ten auf­kau­fen und mit lau­tem Ge­tö­se und schnel­len Über­set­zun­gen auf den Markt wer­fen. Ent­spre­chend fällt dann zu­meist die Li­te­ra­tur aus: Wohl­ge­form­te, »hand­werk­lich vor­bild­li­che« (En­no Stahl), auf leich­te Ein­gäng­lich­keit ge­drill­te Sät­ze in ein­fa­chen Plots, in de­nen schon Binnen­erzählungen oder Rück­blen­den als avant­gar­di­stisch ver­kauft wer­den. Le­se­fut­ter, dass zu oft kei­nen Nach­hall ge­schwei­ge denn ein epi­sches Ge­fühl beim Le­ser er­zeugt.

Nur noch Mar­ke­ting­knecht für die üb­li­chen Ver­däch­ti­gen

Das Feuil­le­ton hat sich all­zu be­reit­wil­lig auf den Sta­tus des Mar­ke­ting­knechts der gro­ßen Ver­la­ge re­du­zie­ren las­sen. Re­dak­teu­re wer­den mit Re­zen­si­ons­ex­em­pla­ren und Fah­nen ge­ra­de­zu über­häuft. Wie ge­nau manch­mal Spra­che sein kann, zeigt sich dar­an, dass man den Be­griff »Le­se­ex­em­plar« im­mer sel­te­ner fin­det – zum Le­sen kommt man näm­lich bei ei­ner der­ar­ti­gen Flut von Neu­erschei­nun­gen und sich hier­aus er­ge­ben­den Ver­pflich­tun­gen kaum noch. In der Sze­ne wird dies seit lan­gem be­klagt. Da­her wird der Weg des ge­ring­sten Wi­der­stands be­gan­gen: Man be­spricht die hoch­glanz­be­wor­be­nen Neu­erschei­nun­gen der üb­li­chen Ver­däch­ti­gen. Der »neue« Ro­man von X ist da (es muss im­mer ein Ro­man sein). Vor­be­spre­chung, In­ter­view, Be­spre­chung – kein Feuil­le­ton kann bzw. will es sich lei­sten, über die Neu­erschei­nung ei­nes pro­mi­nen­ten Au­tors ein­fach mal zu schwei­gen, weil viel­leicht schon al­les dar­über ge­sagt wur­de. Im gün­sti­gen Fall gibt es un­ter den Kol­le­gen ei­nen klei­nen ge­schmack­li­chen Dis­put. Äs­the­ti­sche Punk­te spie­len kaum ei­ne Rol­le (hier liegt ei­ner der Hauptirr­tü­mer von En­no Stahl). Hat man als po­ten­ti­el­ler Le­ser al­le Re­zen­sio­nen über den »neu­en« von X ver­folgt, hat man oft ge­nug kei­ne Lust mehr, den Pri­mär­text zu le­sen. Da gibt es näm­lich schon das näch­ste, neue Buch – von Y.

Die­ses Ham­ster­rad spricht Kess­ler nicht an, ob­wohl es sehr viel mit sei­ner sug­ge­sti­ven For­de­rung nach ei­ner Art Pro­le­ta­rier­quo­te zu tun hat. Marc Reich­wein hat es in sei­ner Re­plik auf Flo­ri­an Kess­ler tref­fend for­mu­liert:

»Wer als Li­te­ra­tur­kri­ti­ker wie Flo­ri­an Kess­ler die Li­te­ra­tur för­dern will, die ihm in­sti­tu­tio­nell fehlt, könn­te sie su­chen ge­hen. Die Self­pu­bli­shing-Li­te­ra­tur­sze­ne war­tet.«

In die­sem Satz ent­decke ich zwei Pro­vo­ka­tio­nen. Zum ei­nen die Be­zeich­nung Kess­lers als »Li­te­ra­tur­kri­ti­ker«. Zum an­de­ren der Ver­weis auf die Self­pu­bli­shing-Sze­ne – für die in­sti­tu­tio­nell ver­kru­ste­te Feuil­le­ton­schicke­ria ei­ne na­he­zu blas­phe­mi­sche Brüs­kie­rung. Das ist in et­wa so als emp­feh­le man dem FC Bay­ern ein Scou­ting in der Re­gio­nal­li­ga West. Di­rect-Pu­bli­shing gilt im­mer noch mehr oder we­ni­ger als Un­ter­gang des Abend­lan­des; Tex­te mit ent­spre­chen­dem Te­nor platz­iert man im­mer noch sehr ger­ne im Feuil­le­ton (es ist ja auch schick ge­gen Ama­zon zu sein). Aber Reich­weins Hin­weis ist ei­ne Me­ta­pher. Ne­ben den auf Best­sel­ler- oder Be­sten­li­sten ge­drill­ten Bü­chern und dem von ei­ni­gen Ver­la­gen schlam­pig auf den Markt ge­wor­fe­nen Schrott gibt es ganz si­cher Ent­deckun­gen zu ma­chen.

Aber dies ge­schieht nicht. Das Feuil­le­ton ver­nach­läs­sigt sträf­lich sei­ne Auf­ga­be, sich auch ab­seits der aus­ge­tre­te­nen We­ge um die Kunst- und Li­te­ra­tur­sze­ne zu be­mü­hen. Statt­dessen wer­den bil­li­ge Af­fek­te be­dient oder die im­mer­glei­chen Na­men re­pli­ziert. Der Bil­dungs- bzw. Kul­tur­auf­trag der öf­fent­lich-recht­li­chen Me­di­en wird längst nur noch man­gel­haft wahr­ge­nom­men. Le­dig­lich ei­ni­ge Ni­schen­plät­ze wer­den zu­ge­stan­den. Die Re­dak­teu­re ar­bei­ten un­ter Zeit- und Kon­for­mi­täts­druck; glau­ben, dem Pu­bli­kum nicht mehr all­zu viel zu­mu­ten zu kön­nen. Hier­in liegt mei­nes Er­ach­tens auch ei­ner der Grün­de für den ra­pi­den Be­deu­tungs­ver­lust des Feuil­le­tons: Es ist ein­fach lang­wei­lig ge­wor­den auf die neu­esten li­te­ra­ri­schen Pu­bli­ka­tio­nen von viel­leicht 30 oder auch 50 Dau­er­cam­pern des Be­triebs zu war­ten, die dann rou­ti­niert »ab­ge­han­delt« wer­den. Es wä­re längst an­ge­sagt, sich mit der brei­ten deutsch­spra­chi­gen li­te­ra­ri­schen Sze­ne jen­seits der gro­ßen Na­men und au­ßer­halb der so gut ge­schmier­ten Netz­wer­ke aus­ein­an­der­zu­set­zen. Blogs und Internet­portale könn­ten hier hilf­reich für Ko­ope­ra­tio­nen ein­ge­bun­den wer­den. Das ist im Einzel­fall müh­sam und wo­mög­lich oft er­nüch­ternd. Aber die Na­deln im Heu­hau­fen gibt es. Man muss sie nur su­chen. Und be­reit sein, ins Heu zu ge­hen. Dann än­dert sich im üb­ri­gen auch der Stall­ge­ruch.

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23 Kommentare zu »Ins Heu ge­hen«:

  1. Fritz Iversen sagt:

    Pau­scha­li­sie­run­gen sind prak­tisch im­mer falsch. Kess­ler muss man im­mer­hin zu­gu­te hal­ten, dass er sich auf per­sön­li­che Be­ob­ach­tun­gen be­zieht, wo En­no Stahl sich ja ei­gent­lich nur be­klagt, dass die ge­norm­te Wa­re fal­schen Nor­men folgt, wes­we­gen ich dem gu­ten Jun­gen ra­ten wür­de, sich doch ein­fach nur noch mit TV zu be­schäf­ti­gen, das müss­te ihm doch ei­gent­lich rei­chen. Da geht es ja im­mer pro­le­ta­ri­scher zu, die bil­dungs­bür­ger­li­che Sze­ne ist da ja prak­tisch kom­plett au­ßen vor, auch die Kul­tur­sen­dun­gen sind doch an­ge­nehm an­ti-eli­tär und be­we­gen sich in ih­ren Ver­mut­tlungs­be­mü­hun­gen durch­aus auf dem Ni­veau von Nicht-Aka­de­mi­kern. Al­so bit­te, kommt doch kei­ner zu kurz, kann sich je­der auf sei­nem Ni­veau amü­sie­ren.
    Was bei die­sem The­ma un­be­rück­sich­tigt bleibt: das Pu­bli­kum. Es stimmt ja gar nicht, dass es kei­ne Li­te­ra­tur un­ter­halb der Bil­dungs­eli­te gibt. Es gibt sie ber­ge­wei­se. Sie wird ver­schlun­gen, er­obert die Best­sel­ler­li­sten, wird von Metz­ger­töch­tern wie Ne­le Neu­haus ge­schrie­ben oder von ir­gend­wel­chen Funk-&TV-Prominenten mit Scheib­hil­fe vom Ver­lag und an die­sen Bü­chern ge­hen die Lor­beer­krän­ze mei­stens vor­bei, was bei nä­he­rem Hin­se­hen wohl nicht ein­mal En­no Stahl un­ge­recht, son­dern nur ver­dient fin­det.
    Das Dra­ma ist ja nicht, dass die Li­te­ra­tur ein Phä­no­men ist, das nur in bür­ger­li­chen Haus­hal­ten vor­kä­me. Das Dra­ma ist, dass sie selbst da kaum noch Platz hat. Die Lek­tü­re schwie­ri­ger Sa­chen zeigt doch eher ab­wärts. Die Bü­cher mit an­de­rer Am­bi­ti­on als nur ei­ner fi­nan­zi­el­len lan­den, Pas­sig hat neu­lich dar­über ge­schrie­ben, meist nur auf der »Wunsch­li­ste«, drin­gen nur manch­mal bis auf den Fuß­bo­den ne­ben dem Bett vor – dort ha­ben sie aber nur nur Prio 2 oder 3, wäh­rend die Un­ter­hal­tungs­wa­re oh­ne Bil­dungs­schran­ke sich läs­sig da­vor schiebt.
    Aber be­kla­gen muss sich trotz­dem nie­mand, der ger­ne liest. Es gibt ge­nug. Es muss ja nicht im­mer das Neu­este oder an­geb­lich Wich­tig­ste, auch nicht un­be­dingt von deut­schen Schreib­ti­schen pro­du­ziert sein.
    In­so­fern möch­te ich vor al­lem das bei Ih­nen un­ter­strei­chen: »Das Feuil­le­ton ver­nach­läs­sigt sträf­lich sei­ne Auf­ga­be, sich auch ab­seits der aus­ge­tre­te­nen We­ge um die Kunst- und Li­te­ra­tur­sze­ne zu be­mü­hen.« Das wür­de ich so­gar in rot und mit Ed­ding dop­pelt un­ter­strei­chen, und dann noch mal mit Leucht­far­be mar­kie­ren. Ich fürch­te so­gar, das Feuil­le­ton bleibt in die­ser Hin­sicht hin­ter sei­ner Kund­schaft zu­rück, die viel­leicht auch nicht be­son­ders auf­ge­weckt ist, aber dann doch we­ni­ger auf die Hy­pes fi­xiert ist, als die re­dak­tio­nel­len Ver­lags­ver­tre­ter mei­nen. Le­ser sind auf der Su­che nach Bü­chern, die sie be­schäf­ti­gen, er­grei­fen, be­we­gen, be­gei­stern ...

    #1

  2. @Fritz Iver­sen
    Rich­tig ist: Es gibt Li­te­ra­tur »un­ter­halb der Bil­dungs­eli­te«. Das sind dann zu­meist die Bü­cher, die De­nis Scheck bei sei­nem Best­sel­ler­ge­richt aufs För­der­band zur Müll­ton­ne schmeisst. Das wirkt an­fangs noch be­frei­end, nach den vie­len Jah­ren je­doch meist nur noch hohl: Man zeigt dem an­de­ren, dass die­ser schmut­zi­ge Fin­ger­nä­gel hat. Kann man ma­chen, aber bringt auch nie­man­den da­zu, ei­nen Grass auf­zu­schla­gen.

    Was Sie zum Pu­bli­kum schrei­ben, ist in­ter­es­sant. Ich glau­be ja auch, dass man ins­be­son­de­re im Fern­se­hen (was die Ver­mitt­lung von Kul­tur an­geht) als auch im Feuil­le­ton das Pu­bli­kum un­ter­schätzt bzw. glaubt in vor­aus­ei­len­dem Le­gi­ti­ma­ti­ons­zwang das Ab­sei­ti­ge, ver­meint­lich Schwie­ri­ge, dem Pu­bli­kum nicht (mehr) zu­mu­ten zu kön­nen. Manch­mal fra­ge ich mich dann, ob dies ein Pa­ter­na­lis­mus ist oder ob die Prot­ago­ni­sten viel­leicht längst sel­ber halb­wegs ver­blö­det sind.

    #2

  3. en-passant sagt:

    Nichts ge­gen De­nis Scheck: Ei­ner zu­min­dest muss auch mal laut sa­gen (dür­fen), was in die Ton­ne ge­hört! Viel­leicht wird um der lieb­ge­won­ne­nen »Plu­ra­li­tät« wil­len viel zu viel Rück­sicht ge­nom­men, statt Feind­schaft dort klar zu äu­ßern, wo das über­fäl­lig ist. Wie­so sol­len da nicht ein paar Ge­gen-Af­fek­te er­laubt sein?

    Wie eben, als ich bei »Buch­re­port« se­he, dass jetzt RTL die Stif­tung le­sen »un­ter­stützt«.

    Hät­te sich das ei­ner je aus­den­ken kön­nen? Und dann auch noch mit dem Ge­sicht der al­ten Pro­mi-Schreck­schrau­be, die ei­ne Art Kö­nig Lud­wig al­ler Il­li­te­ra­ten in Deutsch­land ist?

    Aus­ge­rech­net der has­sens­wer­te­ste Sen­der al­so, der, der uns Kohls gei­stig-mo­ra­li­sche Wen­de mit »Tut­ti-Frut­ti« und ei­ner of­fe­nen Ber­lus­co­ni­sie­rung avant tout lett­re ver­süß­te, die wir heu­te, da auch schon „hi­sto­risch“, al­le so put­zig fin­den, dass sich zu ei­ner grund­le­gen­den Kri­tik an der nor­mal ge­wor­de­nen Kor­rupt­heit ei­nes sol­chen Markt-Füh­rers nie­mand mehr auf­schwin­gen mag? (Statt­des­sen krie­ge ich tag­täg­lich auf Feuil­le­ton- und Me­di­en­sei­ten ge­mel­det, wie es in un­ser al­ler Camp um „La­ris­sa“ (?) steht.)

    Viel­leicht soll­te man die Li­te­ra­tur, die ei­nem lieb ist, doch lie­ber wei­ter tot schwei­gen las­sen, statt sie dem schlei­chen­den Gift sol­cher »Un­ter­stüt­zung« aus­zu­lie­fern.

    #3

  4. Ja, na­tür­lich: Feind­schaf­ten ar­ti­ku­lie­ren. Aber ge­hört zum »Feind« nicht auch ei­ne ge­wis­se Sa­tis­fak­ti­ons­fä­hig­keit? Wie bil­lig ist es doch, die Twi­light-Bü­cher über Mo­na­te und Jah­re mit ei­ner ge­wis­sen Lust in die Ton­ne zu schmei­ßen. Oder sich über Precht lu­stig zu ma­chen (über die »Ent­decke­rin«, der man die­se Fi­gur Precht zu ver­dan­ken hat, macht sich lei­der nie­mand lu­stig; sie sitzt mit ih­rem Hin­tern in ei­ner Li­te­ra­tur­dis­kus­si­ons­sen­dung). Ein Ster­ne­koch pro­biert doch auch nicht lau­fend Tü­ten­sup­pen, nur um sie dann mit Ekel­ge­sicht ins Klo zu schüt­ten. Was will Scheck da­mit zei­gen? Dass er le­sen kann?

    Und wer soll ei­gent­lich von RTL da wirk­lich er­reicht wer­den? Na­tür­lich ist es ein lä­cher­li­ches Ma­nö­ver, ein paar Kul­tur­pünkt­chen ein­zu­heim­sen. Ma­stur­ba­ti­on vor dem Spie­gel. Wo­bei man sich dann sel­ber noch den Hö­he­punkt si­mu­lie­ren muss. Ge­schenkt. Le­sen »lernt« man nicht durch Fern­seh­schau­en oder Wer­be­spots gucken. Da exi­stie­ren Prä­gun­gen im El­tern­haus. Oder/und spä­ter im Freun­des­kreis.

    Die an­de­ren schau­en längst Dschun­gel­camp wie wei­land un­se­re Vor­fah­ren sich an den »Wil­den« in den »Völ­ker­schau­en« de­lek­tiert ha­ben. Nur um­ge­kehrt: Wir ma­chen un­se­re Wil­den jetzt sel­ber. So­vie­le Aus­schalt­knöp­fe gibt es gar nicht, wie man gleich­zei­tig drücken möch­te.

    #4

  5. Kess­ler ver­sucht wohl ei­ne Art Ur­sa­chen­ana­ly­se un­ter mög­lichst schma­ler em­pi­ri­scher Ba­sis, al­so: (fast) oh­ne Be­le­ge; — das gilt so­wohl für die Zu­stands­the­se als auch die Er­klä­rung. Und Kon­se­quen­zen für den durch­aus in­vol­vier­ten – im­mer­hin, das wird the­ma­ti­siert – Feuil­le­ton-und Li­te­ra­tur­jour­na­lis­mus wer­den auch kei­ne ge­zo­gen (sie­he Reich­wein).

    Stahl be­geht schon im drit­ten Satz ei­nen lo­gi­schen Feh­ler: »Die deut­sche Li­te­ra­tur, vor­nehm­lich die jün­ge­re, wer­de na­he­zu aus­schließ­lich von Ab­kömm­lin­gen des Groß­bür­ger­tums ver­fasst, sagt er. Es kä­me dar­auf an, Mit­glied ei­ner be­stimm­ten In-Crowd zu sein, um in Deutsch­land li­te­ra­risch er­folg­reich zu sein.«

    Die In-Crowd ist nicht mit der an­ge­spro­che­nen so­zia­len Schicht ident, sie muss sich auch kei­nes­wegs aus­schließ­lich aus ihr re­kru­tie­ren. Da­mit ent­geht ihm, dass nicht (nur) die So­zia­li­tät ent­schei­det, son­dern eher, dass man auf ei­ner be­stimm­ten Kla­via­tur spie­len kann und will (um ei­ne Me­ta­pher zu ver­wen­den). In­so­fern ver­wun­dert es auch nicht, dass er die Re­zen­sen­ten und ih­ren Be­trieb (bei­na­he) in Schutz nimmt — er muss es ei­gent­lich. Und auf die öko­no­mi­sche Lo­gik ver­gisst er völ­lig.

    #5

  6. Mein Emp­fin­den: Kess­ler spielt mit dem so­zi­al­kri­ti­schen Im­pe­tus nach dem Mot­to. Stahl meint es Ernst.

    Hier ist die län­ger an­ge­kün­dig­te Ant­wort von Knipp­hals auf Stahl. Merk­wür­dig hier­in die Stel­le, in der er ap­pel­liert bei den öf­fent­lich-recht­li­chen Me­di­en­an­stal­ten et­wa, im aka­de­mi­schen Raum oder auch im­mer noch im Print­jour­na­lis­mus den Fo­kus zu le­gen. Der »aka­de­mi­sche Raum« ist doch das Mi­lieu, das Kess­ler und Stahl als ver­kru­stet at­tackie­ren.

    Und die öf­fent­lich-recht­li­chen Me­di­en­an­stal­ten ha­ben ih­re Li­te­ra­tur­sen­dun­gen längst zu Ni­schen­pro­duk­ten ge­macht (sieht man ein­mal vom Deutschlandradio/­Deutschlandfunk ab).

    Viel zu we­nig wird dies be­rück­sich­tigt: Im Li­te­ra­tur­be­trieb da­ge­gen ist letzt­lich viel zu we­nig Geld drin, um tat­säch­lich re­le­vant zu sein – selbst ar­ri­vier­te Au­toren müs­sen sich or­dent­lich an­stren­gen, um auf ein Leh­rer­ge­halt zu kom­men. Ich glau­be, dass das stimmt. Dar­an tra­gen dann je­doch o. g. Me­di­en ei­nen ge­rüt­telt An­teil dar­an: Sie be­schäf­tig­ten – bspw. bei den ob­li­ga­to­ri­schen Buchmessenbei­lagen und -sen­dun­gen – nur »äu­ßer­lich«, schein­bar mit Li­te­ra­tur. In Wirk­lich­keit sind es Be­rich­te, in de­nen mehr oder we­ni­ger gna­den­los die Best­sel­ler ge­ne­riert und dann ab­ge­spult wer­den.

    #6

  7. Ich glau­be Knipp­hals meint mit aka­de­mi­schem Raum die Uni­ver­si­tä­ten: Über die wur­de tat­säch­lich nicht ge­spro­chen. Und ich glau­be, dass sein Ein­wand in äs­the­ti­scher Rich­tung wich­tig ist und in der Dis­kus­si­on zu kurz kommt (oder für Stahl zu we­nig Re­le­vanz hat); eben­so, dass oft zu viel be­haup­tet und zu we­nig be­legt wird; auch das scheint mir rich­tig: Ich glau­be je­den­falls, der klas­si­sche bil­dungs­bür­ger­li­che Weg für Pro­fes­so­ren­töch­ter und Rich­ter­söh­ne be­steht eher dar­in, mal ein paar Jah­re in den Li­te­ra­tur­be­trieb hin­ein­zu­schnup­pern und dann doch was »Rich­ti­ges« zu ma­chen. Schrift­stel­ler, Li­te­rat, das sind kei­ne klas­sisch bür­ger­li­chen Be­ru­fe.

    Stahl ist es ernst, rich­tig, er lässt sich aber m.E. zu sehr von sei­nen grund­le­gen­den und vom The­ma un­ab­hän­gig exi­stie­ren­den The­sen lei­ten.

    #7

  8. Ist der aka­de­mi­sche Raum in den Uni­ver­si­tä­ten nicht ir­gend­wie be­grenzt? Nicht je­der kann Do­zent wer­den...

    #8

  9. Schon, ge­meint war, glau­be ich, die so­zia­le Re­prä­sen­ta­ti­on be­stimm­ter Mi­lieus, ähn­lich wie bei den Ge­schlech­tern: In vie­len Stu­di­en über­wiegt deut­lich der An­teil weib­li­cher Stu­den­ten, der sich aber, so­zu­sa­gen, nicht bis in die Spit­zen­po­si­tio­nen durch­schlägt, war­um auch im­mer (ich ha­be selbst ein­mal bei der Be­stel­lung ei­ner Pro­fes­so­ren­stel­le, auf Grund ei­nes freud’schen Ver­spre­chers, mit­be­kom­men, dass der ei­ne oder an­de­re, der in Be­stel­lungs­kom­mis­sio­nen sitzt, kei­ne Frau­en ha­ben möch­te, wo­bei es in dem Ar­ti­kel gar nicht um Ab­sicht geht, son­dern um die Vor­tei­le in be­stimm­ten Mi­lieus auf­zu­wach­sen, Vor­tei­le die an­de­re, aus an­de­ren Mi­lieus nicht ha­ben).

    #9

  10. Für Stürm­chen (im Hai­fisch­becken Li­te­ra­tur­be­trieb) ist Flo­ri­an Kess­ler ja im­grun­de der rich­ti­ge Mann, so­zu­sa­gen als der er­ste wirk­lich se­ri­en­rei­fe Kul­tur­jour­na­list aus der Kul­tur­jour­na­li­sten­ma­nu­fak­tur Hil­des­heim. Vor Zei­ten hat­te er sich ja schon ein­mal in der Süd­deut­schen Zei­tung weit­ge­hend kennt­nis­frei zum Phä­no­men des li­te­ra­ri­schen Blog­gens ge­äu­ßert. In­so­fern ha­be ich sei­ner Kla­ge über die deut­sche Aka­de­mi­ker­li­te­ra­tur kei­ne gro­ße Be­deu­tung bei­gemes­sen, doch wer es in die Süd­deut­sche und die Zeit schafft, wird be­ach­tet. Lo­go. In­ter­es­sant fin­de ich aber, daß er und vie­le an­de­re of­fen­sicht­lich da­von aus­ge­hen, die ak­tu­ell er­schei­nen­de und dann auch noch deut­sche Li­te­ra­tur ha­be über­haupt und per se ei­ne be­son­de­re Auf­merk­sam­keit ver­dient, und zwar trotz der ja nicht von der Hand zu wei­sen­den Tat­sa­che, daß die in den gro­ßen und auch klei­nen Ver­la­gen zu fin­den­de deutsch­spra­chi­ge Li­te­ra­tur aus ei­ner Welt­ge­gend stammt, in der sich Wohl­stands­ver­wahr­lo­sung nicht sel­ten kul­tu­rell und künst­le­risch in Mit­tel­mä­ßi­gem ma­ni­fe­stiert – aus exi­sten­ti­el­ler und künst­le­ri­scher Not­wen­dig­keit her­aus ge­schrie­be­ne Li­te­ra­tur für den gro­ßen Markt ist hier­zu­lan­de, zur Zeit je­den­falls, eben nicht mehr aus ei­ner kol­lek­ti­ven Be­trof­fen­heit her­aus mög­lich, die der Au­tor mit­lebt, wie et­wa nach den Welt­krie­gen, son­dern nur als Über­le­bens­be­richt oder Ster­be­selbst­be­glei­tung, qua­si aus der je ei­ge­nen Krank­heit ge­bo­ren. Letz­te­res neh­men die Ver­la­ge (von zu­vor schon halb­wegs pro­mi­nen­ten Schrei­bern) ger­ne, weil es in je­der Hin­sicht ernst ist und sich eben trotz­dem an­ge­mes­sen ver­kauft, al­les an­de­re, das »nur« Er­fun­de­ne, muß aber auch und be­son­ders ins kauf­män­ni­sche Sche­ma pas­sen, und da sind die Aka­de­mi­ker­kin­der eben die, die sich in Hil­des­heim oder Leip­zig schu­len las­sen kön­nen, oh­ne ihr ei­ge­nes Mi­lieu zu ver­ra­ten und die hart für den an­ge­streb­ten Wohl­stand ar­bei­ten­den El­tern vor den Kopf zu sto­ßen. Die gu­te Nach­richt aber ist, daß die im wei­te­ren Sin­ne mo­der­ne deutsch­spra­chi­ge (sic) Li­te­ra­tur seit über 200 Jah­ren ihr Un­we­sen treibt, mal ganz ab­ge­se­hen da­von, daß es aus­ge­hend von (zum Bei­spiel) He­si­od oder mei­net­hal­ben auch Dan­te oder Jean Paul aus­rei­chend gu­te Bü­cher gibt, die le­sens­wert sind, weil der Le­ser sie le­send ak­tua­li­siert.

    #10

  11. Die­se fei­ne, aber lei­der so zu­tref­fen­de Süf­fi­sanz über­liest man schnell:

    doch wer es in die Süd­deut­sche und die Zeit schafft, wird be­ach­tet

    Aber war­um ei­gent­lich? Es kann nicht nur an der Bril­le lie­gen. (Kess­ler be­dient den Feuil­le­ton-Main­stream eben. Selbst da, wo er schein­bar da­ge­gen bür­stet.)

    #11

  12. Ich ha­be Flo­ri­an Kess­ler mal im Li­te­ra­tur­haus in der Fa­sa­nen­stra­ße in Ber­lin ge­se­hen, er sprach Al­ban Ni­ko­lai Herbst nach ei­ner Le­sung an und be­kann­te, der­je­ni­ge zu sein, der in der Süd­deut­schen Zei­tung über li­te­ra­ri­sche Blogs ge­schrie­ben hat­te, sehr zum Är­ger ANHs. Kess­ler wirk­te da­bei wie ein Prak­ti­kant, der sich sei­ne er­sten Spo­ren ver­dient; so ei­nem, so mein Ein­druck, kann man nicht wirk­lich bö­se sein, viel­leicht auch des­we­gen, weil Kess­ler durch­aus ein we­nig wie (Her­gés) Tim wirkt – fehlt nur noch Strup­pi an sei­ner Sei­te, der sich in Hun­de­spra­che sei­nen Teil denkt.

    #12

  13. Mein aso­zia­les We­sen bringt es mit sich, dass ich ge­ra­de sol­chen »Prak­ti­kan­ten-Ty­pen« im­mer be­son­ders bö­se bin, da ih­re brä­si­ge Ar­ro­ganz in gro­ßem Miss­ver­hält­nis zu ih­rem tat­säch­li­chen In­tel­lekt steht. Ih­nen fehlt aus Dumm­heit oder Igno­ranz zwar der Vor­satz, aber das macht es noch schlim­mer als mit ei­nem Ideo­lo­gen zu dis­ku­tie­ren, der we­nig­stens Kennt­nis sei­nem Glau­ben hat.

    #13

  14. Ich kann gut nach­voll­zie­hen, was Sie mei­nen. Ich für mei­nen Teil ha­be den Vor­teil, daß ich für die­se »Prak­ti­kan­ten-Ty­pen« un­in­ter­es­sant bin und sie al­so Angst vor mir ha­ben (müs­sen), weil sie mich mit ih­ren Mit­teln nicht ein­schät­zen kön­nen. Wi­told Gom­bro­wicz be­zeich­ne­te sol­che Ty­pen ja als die »Kul­tur-Tan­ten von der Li­te­ra­tur­kri­tik«, ein Be­zeich­nung, die mir auch heu­ti­gen­tags ganz gut zu pas­sen scheint.

    #14

  15. Muss der (kri­ti­sche) Be­ob­ach­ter nicht auch das be­ach­ten, was in ei­nem so­ge­nann­ten Qua­li­täts­me­di­um er­scheint, ob­wohl es die­sen An­spruch nicht er­füllt?

    #15

  16. Von ei­nem Be­ach­ten­müs­sen kann mei­nes Er­ach­tens ei­gent­lich kei­ne Re­de sein, so lan­ge ein qua­li­ta­tiv we­ni­ger gu­ter Ar­ti­kel (egal in wel­chem Me­di­um) sich ein­fach »ver­sen­det« – tut er das aber nicht, dann hat der Schrei­ber ei­nen wie auch im­mer ge­ar­te­ten Ein­fluß, der mich und an­de­re zwingt, ihm Be­ach­tung und Zeit zu schen­ken. Ich bin so­mit durch­aus da­für, die Kul­tur des Tot­schwei­gens öf­ter mal zum Ein­satz zu brin­gen, was, wie man sieht, schwie­rig ist, wenn et­was an her­aus­ra­gen­der Stel­le auf­taucht und Auf­merk­sam­keit er­heischt / er­zwingt / for­dert … Aber viel­leicht sind wir ja auch ein­fach nur Zeu­gen, wie sich das Feuil­le­ton selbst ab­schafft.

    #16

  17. Be­steht nicht eher die Ge­fahr, dass, be­vor sich das Feuil­le­ton sich ab­schafft, die Li­te­ra­tur schon ab­ge­schafft ist bzw. sich in vor­aus­ei­len­der Ser­vi­li­tät ab­ge­schafft hat? Will sa­gen: Das Feuil­le­ton wird im­mer sei­ne Schein­de­bat­ten und Wat­te­bau­schweit­wurf-Ak­tio­nen ze­le­brie­ren. Hier­in se­he ich ein gro­ßes Pro­blem: Die Li­te­ra­tur ist dann be­sten­falls noch Ku­lis­se für Ge­sin­nungs­pol­te­rei­en. Das hat aber zu­nächst Ein­fluss auf die Li­te­ra­tur sel­ber: sie wird ent­we­der strom­li­ni­en­för­mi­ger (das ist ja das, was Kess­ler rich­tig er­kannt hat) oder ein­fach nur ba­na­ler Un­ter­hal­tungs­kitsch für ge­lang­weil­te Zahn­arzt­frau­en. Die Schuld liegt na­tür­lich beim Kul­tur­jour­na­lis­mus, der meint, dem Pu­bli­kum mehr als drei Sät­ze aus ei­nem Buch nicht mehr zu­mu­ten zu kön­nen und statt­des­sen lie­ber mit dem Au­tor in ei­nem is­län­di­schen Gey­sir mit An­zug ba­det. Das hat nichts mit Feuil­le­ton – aber auch nichts mehr mit Li­te­ra­tur zu tun. Am En­de geht es nur noch um in Buch­form (oder in Da­tei­en) ge­gos­se­nes Le­se­fut­ter. Ne­ben­bei schein­erre­gen sich Re­dak­teu­re wie wei­land Dorf­bau­ern am Stamm­tisch. Nach dem drit­ten Ge­deck ist dann wie­der Ver­söh­nung.

    #17

  18. Die zu be­fürch­ten­de oder auch schon ein­ge­tre­te­ne Strom­li­ni­en­för­mig­keit der Li­te­ra­tur ist ja nicht zu­letzt auch ei­ne Fol­ge der Schreib­stu­di­en­gän­ge, wo ja nicht nur das Schrei­ben von (Kurz-)Romanen, Kurz­ge­schich­ten und Kurz­ge­dich­ten ge­lehrt, son­dern vor al­lem der Kon­takt zu Ver­la­gen und der Kul­tur­pres­se her­ge­stellt wird, was dann ei­ne zu früh­zei­ti­ge Ver­ban­de­lung er­zeugt, die durch und durch markt­ori­en­tiert ist. Zu­erst gibt es zwar ein paar Jah­re Krab­bel­grup­pe, doch dann wer­den die ei­nen im be­sten Fal­le Schrift­stel­ler und die an­de­ren Kul­tur­re­dak­teu­re und Ver­lags­mit­ar­bei­ter. So et­was nennt man wohl »im ei­ge­nen Saft schmo­ren«. Nicht et­wa, daß die Li­te­ra­tur kei­nen Markt bräuch­te, aber es sind eben vor al­lem hoch­qua­li­ta­ti­ve Bü­cher für je­de Art Le­se­vor­lie­be nö­tig als Kern des Gan­zen, die er­stens ge­schrie­ben wer­den kön­nen müs­sen und zwei­tens auch den Le­ser er­rei­chen soll­ten, den man sich na­tür­lich neu­gie­rig, kri­tisch und ri­si­ko­freu­dig den­ken soll­te statt, wie üb­lig, un­mün­dig. Wel­che Auf­ga­be hät­te da­bei al­so nun das Feuil­le­ton, zu dem ja auch et­wa Ra­dio­sen­dun­gen zäh­len wie der Bü­cher­markt im Deutsch­land­funk – das ist die Fra­ge! Ich selbst ver­las­se mich nur äu­ßerst sel­ten auf Re­zen­sio­nen (das letz­te Mal bei Chri­sti­an Krachts ‘Im­pe­ri­um’ – quel­le ca­ta­stro­phe!) und su­che lie­ber ei­gen­stän­dig nach Le­sens­wer­tem aus al­len Epo­chen. Al­ler­dings sag­te mir der Ver­le­ger ei­nes klei­nen, sehr gu­ten Ver­la­ges hier in Ber­lin, ei­ne ein­zel­ne Re­zen­si­on in der FAZ oder der SZ bräch­te oft spür­ba­ren Um­satz, wenn auch nur auf Klein­ver­lags­ni­veau. Sol­che Ar­ti­kel zu »klei­nen« Bü­chern sind nun aber sel­ten, wäh­rend sich das Feuil­le­ton an­son­sten ja an Bü­cher her­an­macht, die oh­ne­hin schon von den gro­ßen Ver­la­gen und Kon­zer­nen um­fäng­lich be­wor­ben und bald dann auch von Heer­scha­ren von Pri­vat-Re­zen­sen­ten auf Ama­zon oder sonst­wo be­spro­chen wor­den sind, wo­durch sich das Qua­li­täts-Feuil­le­ton ja an­ge­spornt se­hen könn­te, ein Al­lein­stel­lungs­merk­mal her­aus­zu­ar­bei­ten, in­dem es jen­seits die­ses Haupt­stro­mes herum­fisch­te. Tut es aber nicht, denn Re­zen­sen­ten bzw. Kul­tur­jour­na­li­sten sind ja auch nur Men­schen, die zu­se­hen, daß sie an die Ho­nig­töp­fe her­an­kom­men und schön Kar­rie­re ma­chen – wer träum­te nicht da­von, in al­ler Öf­fent­lich­keit Bü­cher in den Müll­ei­mer zu wer­fen! Ge­gen solch ein scheck­sches Tun war ja die preu­ßi­sche Zen­sur ge­ra­de­zu li­te­ra­tur­för­dernd, denn im­mer­hin konn­te sie um­gan­gen wer­den, in­dem der Au­tor nur mög­lichst dicke Bü­cher schrieb oder sich ei­nen Ka­ter als Prot­ago­ni­sten wähl­te. Vor­bei, der Kul­tur­jour­na­lis­mus hat uns am Wickel!

    #18

  19. Wo­mit sich dann der Kreis wie­der schließt.

    Viel­leicht ket­ze­ri­sche Fra­ge. Ist das dann al­les über­haupt noch »Kul­tur­jour­na­lis­mus«? oder ein­fach nur Bäcker­blu­me mit Bü­cher­ecke? Und was ist von Bu­che­lis Ge­dan­ke zu hal­ten, das aus­gie­bi­ge und de­tail­ge­naue Feuil­le­ton ins Netz zu ver­la­gern? (War er nicht da­mals schon wei­ter: »Re­dak­tio­nen kön­nen, um es zu­ge­spitzt aus­zu­drücken, ge­nau je­ne Zei­tung pro­du­zie­ren, die der Wer­be­markt zu­lässt«.) Aber wer be­zahlt dann die­se Schrei­ber, Ent­decker, »Idio­ten«?

    (Dass mit dem öko­no­mi­schem Schub bei Be­spre­chun­gen von FAZ oder SZ ken­ne ich nur um­ge­kehrt: als Il­lu­si­on. Es geht vor­der­grün­dig erst ein­mal um das »Hin­ein­kom­men« in den Be­trieb. Erst wenn der Au­tor, der so ent­deckt wür­de, von dem klei­nen Ver­lag zu ei­nem »gro­ßen« Ver­lag ge­gan­gen ist, kommt die pe­ku­niä­re Aus­beu­te. Wie ge­sagt, so ha­be ich es ge­hört.)

    #19

  20. Ja, schon selt­sam, daß in ei­ner Welt, in der Ef­fek­ti­vi­tät das höch­ste Markt­wirt­schafts­ge­setz ist, im­mer wie­der dar­auf ge­baut wird, daß sich schon je­mand auf­rafft, erst ein­mal qua­si zur Pro­be um­sonst zu ar­bei­ten, al­so et­wa als Schrift­stel­ler so­zu­sa­gen sein ei­ge­ner un­be­zahl­ter Prak­ti­kant zu sein. Am Buch an sich ver­die­nen vie­le ja ganz gut, auch in­di­rekt im Netz durch Schal­tung von Wer­bung, der Au­tor von egal wo pu­bli­zier­ten Tex­ten aber nur dann, wenn er wirk­lich markt­kon­form da­her­kommt oder ei­nen Pro­mi­nen­ten­bo­nus hat und die Wer­be­in­du­strie ei­nen Mehr­wert er­schnup­pert. Er­go wer­den wie be­kannt die mei­sten Au­toren nicht oder schlecht be­zahlt, wie auch sehr vie­le »un­ef­fek­ti­ve« Gei­stes­wis­sen­schaft­ler, was al­ler­dings schon im­mer so war. Zur Wahr­heit über den Li­te­ra­tur­be­trieb und den Li­te­ra­tur­markt ge­hört al­ler­dings auch, daß es viel zu vie­le Au­toren und zu we­ni­ge Le­ser gibt, au­ßer na­tür­lich für Kri­mis.

    (Das mit dem öko­no­mi­schen Schub bei Be­spre­chun­gen von FAZ oder SZ be­zog sich al­lein auf den klei­nen Ver­lag selbst, der so ro­te Zah­len ver­mied – dem Au­tor nutzt dies, da ha­ben Sie recht, tat­säch­lich erst, wenn er mit dem näch­sten Buch zu ei­nem gro­ßen Ver­lag »auf­steigt«.)

    #20

  21. @Norbert W. Schlin­kert
    Klar, wer aus ei­ner Mücke ei­nen Ele­fan­ten macht, der för­dert wo­mög­lich das, was er nicht för­dern will, aber – das Müs­sen war nicht streng ge­meint – wenn wir schon ei­nen Qua­li­täts­ver­lust be­kla­gen, dann soll­te der doch aus Grün­den der Kor­rek­tur (oder auch weil ihn nicht je­der be­merkt) auf­ge­zeigt wer­den.

    #21

  22. @metepsilonema
    Über ei­ni­ge The­sen selbst des mie­se­sten Ar­ti­kels kann man na­tür­lich, den­ke ich, im­mer noch ganz treff­lich dis­ku­tie­ren, in­dem man die Sa­che selbst ei­gen­stän­dig auf­greift und so den Ar­ti­kel im­mer mehr in den Hin­ter­grund drängt. So macht man das Be­ste draus. (Im Mo­ment könn­te ich kaum noch sa­gen, was Kess­ler ei­gent­lich ge­nau ge­schrie­ben hat – die Tak­tik scheint al­so zu funk­tio­nie­ren!)

    #22

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