Die Kunst des Auf­ge­bens I

Auf der Land­kar­te war mir ein Shin­to-Schrein auf­ge­fal­len, er soll­te sich am En­de ei­ner lan­gen, schnur­ge­ra­de west­wärts füh­ren­den Stra­ße be­fin­den, das letz­te Stück auf der Kar­te nur noch strich­liert, was im­mer das hei­ßen moch­te. Ein Fuß­weg, ein Pfad? Ein We­gerl?

In alt­ver­trau­ter Ar­ro­ganz ver­gaß ich, die Kar­te mit­zu­neh­men, und freu­te mich auch noch dar­über. Er­stens glaub­te ich mir den Weg ge­nau ein­ge­prägt zu ha­ben, zwei­tens will ich mich schon ein Le­ben lang in der Kunst des Ver­ir­rens üben. Nach mei­ner Ein­schät­zung und Er­in­ne­rung muß­te der Fahr­weg von der Ufer­stra­ße ei­nes mir gut be­kann­ten Stau­sees ab­ge­hen, un­weit von dem Spiel­platz, den ich mit mei­ner Toch­ter manch­mal auf­such­te, als sie noch klein war und wei­ter drü­ben am Turn­un­ter­richt ei­ner be­tag­ten ehe­ma­li­gen Spit­zen­sport­le­rin teil­nahm. Vor ei­nem Kul­tur­zen­trum war ei­ne In­for­ma­ti­ons­ta­fel, die Wan­der­we­ge vor­schlug: 1,2 Ki­lo­me­ter lang der ei­ne, 2,2 der an­de­re, lä­cher­li­che Strecken für ei­nen er­fah­re­nen Pil­ger wie mich, au­ßer­dem kann­te ich die Ge­gend jen­seits von den Se­en wie mei­ne We­sten­ta­sche. Die an­de­re Sei­te, wo die Berg­hän­ge steil an­stie­gen, kann­te ich kaum.

Bild 1 – Kunst des Auf­ge­bens I – © Leo­pold Fe­der­mair

Auf der ab­zwei­gen­den Stra­ße stieß ich nach kur­zem auf ei­ne Ab­sper­rung, dort ließ ich mein Fahr­rad ste­hen. Gel­bes, manns­ho­hes Schilfgras er­ober­te von den Rän­dern her die Fahr­bahn; Fahr­zeu­ge ka­men hier sehr sel­ten durch. Nach ei­ner Wei­le fiel mir ein Schild in die Au­gen, das die Strecke als Par­cours für Wald­läu­fer aus­wies. We­nig spä­ter kam mir ein Mann ent­ge­gen, oh­ne Sport­klei­dung, auch kein Wan­de­rer, kei­ner wie ich. Wahr­schein­lich hat­te er bei den Was­ser­re­ser­voirs zu tun ge­habt, die wei­ter oben im Wald ver­bor­gen wa­ren; gro­ße, zy­lin­der­för­mi­ge Be­häl­ter die der Ver­sor­gung der gan­zen Ort­schaft hier dien­ten. In der Kur­ve, die an dem Are­al vor­bei­führ­te, spür­te ich es schon: Hier war et­was pas­siert, der Berg – nicht zer­bro­chen, aber si­cher be­schä­digt. Baum­stäm­me la­gen her­um, sie wa­ren zu­sam­men mit Fels­brocken das Tal her­un­ter­ge­kom­men, wo nur noch ein schma­ler, stei­ler Weg berg­an führ­te, wenn es denn ein Weg war; wahr­schein­lich nicht, nur ein Ab­weg; nach ei­ner Wei­le dreh­te ich um. Als die Was­ser­zy­lin­der un­ter mir auf­tauch­ten, be­merk­te ich, daß die Stra­ße in die an­de­re Rich­tung zeig­te. Ich stieg über Baum­stäm­me, trat nä­her und sah jetzt auch schon die Schlucht, die die Was­ser­mas­sen ge­ris­sen hat­ten, sah die dün­ne schwärz­li­che Asphalt­decke, dar­un­ter hell­brau­ne Er­de. Die La­wi­ne war in der weit­ge­zo­ge­nen Kur­ve ab­ge­gan­gen, die die Stra­ße einst hier be­schrie­ben hat­te, in­dem sie sich an das Ge­län­de an­ge­schmiegt hat­te; jetzt war sie un­pas­sier­bar, die an­de­re Sei­te drei­ßig, vier­zig Me­ter ent­fernt.

Bild 2 – Kunst des Auf­ge­bens I – © Leo­pold Fe­der­mair

Aha, dach­te ich, des­halb kei­ne Wald­läu­fer; nur ein ein­sa­mer ir­ren­der Dumm­kopf wie ich. Ab­wärts ge­hend sah ich in der Fer­ne, ganz klein, das Ge­bäu­de, in dem mein Bü­ro war, das ich vor nicht ein­mal zwei Stun­den ver­las­sen hat­te. Schon ziem­lich weit un­ten, man sah die Stau­se­en blin­ken, war seit­lich ein Hohl­weg, der mir beim Auf­stieg zwar auf­ge­fal­len war, den ich aber rechts lie­gen­ge­las­sen hat­te, weil ich nicht auf den Ooya­ma woll­te – ich war doch, fast hat­te ich es in­zwi­schen ver­ges­sen, auf der Su­che nach dem Ogu­ra-Schrein. Oh­ne Ei­le und Plan be­se­hen, war das aber ein schö­ner Weg, be­deckt von al­tem Laub und Kie­fern­na­deln, und mir blie­ben noch we­nig­stens zwei Stun­den, bis die Däm­me­rung be­gann, al­so ließ ich mich locken. Auch wa­ren die Zer­stö­run­gen auf die­ser Sei­te ge­rin­ger, der Wald ziem­lich dicht, viel Busch­werk und Far­ne, der Weg nun wirk­lich ein schma­ler Pfad, der sich schlän­gel­te, links und rechts und auf und ab, ei­ni­ge Steil­stücke, dann auch schon grö­ße­re Fel­sen, ein paar Hö­hen­me­ter zu klet­tern. Über Stock und Stein, wie es so schön heißt. Man hat­te we­nig Fern­sicht, zwi­schen dem dich­ten Ge­äst und den Blät­tern schie­nen hel­le Sied­lungs­flecken durch, ich er­kann­te die wei­ßen Flä­chen der neu an­ge­sie­del­ten Lo­gi­stik-Fir­ma, die Tras­se der Au­to­bahn, spä­ter die knall­ro­te Bo­gen­brücke in der Nä­he des Bahn­hofs von Ha­chi­hon­matsu. Stil­le herrsch­te, durch­bro­chen von spär­li­chem Vo­gel­ge­zwit­scher, dann wie­der, im­mer nur kurz, von ei­nem Rau­schen tief un­ten, als er­streck­te sich dort ei­ne Groß­stadt.

Ein Mann mit Berg­schu­hen und Ruck­sack kam mir ent­ge­gen, er moch­te ein paar Jah­re über drei­ßig sein und ich dach­te, war­um ist der nicht in der Ar­beit, als mir ein­fiel, daß Sonn­tag war, und ich mich ver­bes­ser­te: War­um ist der nicht bei sei­nen Kin­dern – be­vor ich den Spieß um­dreh­te und mich selbst frag­te: War­um bist du nicht bei dei­nem Kind? (Die Ant­wort wä­re ein­fach: Be­vor­ste­hen­de Schul­ar­bei­ten, und au­ßer­dem: Wel­che Vier­zehn­jäh­ri­ge steigt schon mit ih­rem Va­ter auf ei­nen un­be­kann­ten Berg…?) Erst die­se flüch­ti­ge Be­geg­nung er­in­ner­te mich dar­an, daß die Däm­me­rung bald be­gin­nen wür­de, und der Gip­fel die­ses my­ste­riö­sen Ooya­ma, was nichts an­de­res hieß als »Gro­ßer Berg«, schien noch ziem­lich fern; dum­mer­wei­se hat­te ich den Wan­de­rer nicht nach der Ent­fer­nung ge­fragt.

Bild 3 – Kunst des Auf­ge­bens I – © Leo­pold Fe­der­mair

Ich brach­te noch ei­ni­ge Strecken­ab­schnit­te hin­ter mich, mit der üb­li­chen Me­tho­de: Nach­se­hen, was hin­ter der näch­sten An­hö­he, der näch­sten Bie­gung, dem näch­sten Fel­sen auf mich war­tet (viel­leicht schon das Ziel), aber der Gip­fel woll­te sich nicht zei­gen, und so mach­te ich kehrt. »Man muß auch auf­ge­ben kön­nen«, hat­te mir neu­lich ein Stu­dent in ei­nem Auf­satz ge­schrie­ben, oh­ne daß ich An­laß ge­habt hät­te, den Satz auf mich zu be­zie­hen. Gib’s auf, Al­ter! Auf die Kunst des le­bens­läng­li­chen Ir­rens folgt die Kunst des Auf­ge­bens, sieh das end­lich ein! Bei­de Kün­ste kön­nen dir Freu­de ma­chen, und wer sagt, daß die zwei­te kurz und ent­täu­schend sein muß? Viel­leicht ist das Auf­ge­ben nur ei­ne an­de­re Art, sich zu ver­ir­ren.

Nach we­ni­gen Me­tern berg­ab­wärts sah ich ne­ben dem Pfad et­was im Ge­büsch schim­mern: Kein Zwei­fel, ei­ne wei­ße Sa­ni­tär­mas­ke, wie sie sich die gan­ze Welt, tout le mon­de, nun seit bald ei­nem Jahr vors Ge­sicht bin­det. Kei­ne Sel­ten­heit, so ein Fund. Aber hier oben, fern der Zi­vi­li­sa­ti­on? Hat­te der an­de­re Atem­be­schwer­den be­kom­men? Jetzt, auf dem Rück­weg? Es dau­er­te nicht lan­ge, da sah ich ein zwei­tes Stück, mit­ten auf dem Weg; sah es nicht auf den er­sten, son­dern auf den zwei­ten Blick, weil es erd­braun war und die Auf­schrift beige: Adi­das, ei­ne Base­ball­müt­ze, wie sie heut­zu­ta­ge je­der zwei­te trägt. Gleich­wie die Mas­ke sah sie ganz frisch aus, nicht ver­schmutzt, nicht feucht, zwei­fel­los hat­te der Wan­de­rer sie ver­lo­ren. War es ihm jetzt auch zu heiß ge­wor­den? Be­gann er ei­nen Strip­tease, wür­de ich ihn im Tal, am See­ufer, nackt an­tref­fen?

Ich kam wie­der an dem Holz­schild vor­bei, das ei­nen Pfad hin­un­ter zum Bahn­hof von Ha­chi­hon­matsu an­zeig­te. Mei­ne Neu­gier muß schwer zu stil­len sein, denn die Fra­gen, die ich wälz­te, hiel­ten mich nicht da­von ab, in der an­ge­zeig­ten Rich­tung, we­ni­ge Me­ter tie­fer, ei­ne – wenn auch sehr schwa­che – Lich­tung zu be­mer­ken, ei­nen Ort, der et­was aus­strahl­te. Wie sich her­aus­stell­te, war es kei­ne Hüt­ten­wand, son­dern ein Fel­sen, mäch­ti­ger als al­le an­de­ren auf die­sem Berg, spitz zu­lau­fend, ein über­gro­ßer Hin­kel­stein (rich­tig, wie die von Obelix!), zur Lich­tung und zum Tal hin glatt, an der Rück­sei­te be­moost. Ei­ni­ge In­schrif­ten im Stein, sehr alt, die ein­zi­ge für mich ent­zif­fer­ba­re fünf Jah­re vor mei­ner Ge­burt ge­mei­ßelt; auf ei­ner waag­rech­ten Stein­plat­te stand auf­recht ei­ne Sta­tue, die in Rich­tung Son­nen­auf­gang blick­te. Soll­te je­mand den Mut auf­brin­gen, im Dun­keln hier her­auf­zu­stei­gen oder in ei­nem Schlaf­sack zu über­nach­ten, er könn­te se­hen, wie der er­ste Licht­strahl auf das Ge­sicht der Göt­tin fällt, und viel­leicht wür­de er sich der Il­lu­si­on hin­ge­ben, daß das Licht der Welt von ihr stammt und das Ge­stirn es emp­fängt und dann wie­der­gibt, zu­rück­wirft, re­flek­tiert, so daß es schließ­lich den Men­schen zu­gu­te­kommt, das Licht und die Wär­me. Mit­ten in der Wild­nis ein Stand­bild der Bod­dhi­sat­va Kan­non, die uns al­len ihr gren­zen­lo­ses Mit­leid spen­det, da­mit wir selbst zum Mit­ge­fühl für­ein­an­der und mit jeg­li­cher Krea­tur be­fä­higt wer­den, oder der Son­nen­göt­tin Ama­tera­su, der Be­grün­de­rin der Ge­schich­te und des Kai­ser­hau­ses, die uns das im­mer noch leuch­ten­de, sich durch un­se­re Schuld pha­sen­wei­se, um nicht zu sa­gen täg­lich ver­dun­keln­de Licht der Zeit ge­schenkt hat. Oder es wa­ren bei­de, Kan­non-Ama­tera­su in Per­so­nal­uni­on, der ich, wie es sich ge­hört, mei­nen Dank ab­stat­te­te.

Bild 4 – Kunst des Auf­ge­bens I – © Leo­pold Fe­der­mair

Der Ab­ste­cher hat­te nicht lan­ge ge­dau­ert. Zu­rück auf dem Haupt­pfad, fand ich als­bald das drit­te und letz­te Stück in der Rei­he der Ver­lu­ste; kein Klei­dungs­stück, wie es das Ge­setz der Se­rie er­war­ten las­sen wür­de, son­dern ein win­zi­ges bun­tes Püpp­chen an ei­nem glit­zern­den Kett­chen, viel­leicht ei­ne Po­ké­mon-Fi­gur (nicht mein Spe­zi­al­ge­biet), ein Ta­lis­man zum An­hän­gen an ein Han­dy, wie es vor der Smart­pho­ne-Zeit Mo­de war. Al­so doch kein Wan­de­rer-Strip­tease. Und, wie ge­sagt, es war dann mit dem Fin­den auch Schluß. Ich hob das Mon­ster­chen auf, steck­te es in mei­ne Ho­sen­ta­sche; die Adi­das-Müt­ze hat­te ich mir auf den Kopf ge­setzt, weil ich kei­ne Lust hat­te, ei­gens den Ruck­sack ab­zu­neh­men und sie dar­in zu ver­stau­en. Die Mas­ke hat­te ich nicht be­rührt Gott be­wah­re; zu gro­tesk, wenn ich mich aus­ge­rech­net in der Wild­nis des Gro­ßen Bergs mit dem für mich ge­wiß töd­li­chen Vi­rus an­stecken wür­de. Was war mit dem Mann, die­sem an­de­ren, nur los? Ein ein­ge­fleisch­ter Ver­lie­rer? Ei­ner von dem Schlag, die zu Hau­se so vie­le Din­ge ha­ben, daß sie gar nicht ge­nug ver­lie­ren kön­nen? Hat­te er Spaß dar­an, mach­te er die Aus­flü­ge ein­zig, um sich am Ver­lie­ren zu er­freu­en? Wäh­rend ich mich am Fin­den und Sam­meln nicht von sol­chem Klim­bim, son­dern von ehr­wür­di­gen Wahr­neh­mungs­bil­dern er­freu­te? War der an­de­re mein Ne­ga­tiv­bild? Mein dunk­ler Gott, dem kein Stein und kein Schrein ge­weiht war?

Der wird sich hü­ten, et­was wie­der­zu­fin­den! Ich merk­te, wie ich un­will­kür­lich mei­ne Schrit­te be­schleu­nig­te. Um­ge­stürz­te, an­ge­schwemm­te Baum­stäm­me wa­ren zer­sägt wor­den, Hin­der­nis­se be­sei­tigt, der Weg an den we­ni­gen ge­fähr­de­ten Stel­len not­dürf­tig – mit den­sel­ben Baum­stäm­men – ge­si­chert. Ein schö­ner Wan­der­weg, im Grun­de ge­nom­men. Aber es hat­te in­zwi­schen wirk­lich zu däm­mern be­gon­nen, und au­ßer­dem woll­te ich se­hen, ob der Mann noch da war, sei­nen Vor­sprung konn­te ich, bis wir im Tal wa­ren, viel­leicht auf­ho­len.

Ganz ha­be ich ihn nicht auf­ge­holt. Der Wan­de­rer war mit sei­ner Jau­se schon fer­tig, als ich ihn und sei­nen Wa­gen, ei­nen ro­ten Maz­da, bei der un­ter­sten Zweig­stel­le der Was­ser­wer­ke sah. Durch das ge­öff­ne­te Fen­ster kam Ra­dio­mu­sik, ir­gend­wel­cher J‑Pop; das lee­re Ben­to­kist­chen lag auf dem Dach, der Ver­lie­rer hat­te wohl im Ste­hen ge­ges­sen. Ich ver­lang­sam­te mei­ne Schrit­te, grüß­te – mit sehr lei­ser Stim­me, wie ich zu­ge­ben muß -, blieb aber nicht ste­hen. Ich war drauf und dran, ihn zu fra­gen, ob er nicht et­was ver­lo­ren hät­te, streck­te ihm auch ein we­nig den Kopf ent­ge­gen, um ihn auf die Müt­ze hin­zu­wei­sen, doch er schau­te nicht in mei­ne Rich­tung, son­dern ge­ra­de­aus, zum See hin­un­ter, und als ich an ihm vor­bei war, setz­te er sich ins Au­to und fuhr mit ei­nem kur­zen Rei­fen­quiet­schen da­von, der Ver­lie­rer, der er doch war. Als ich aufs Fahr­rad stieg, sah ich, daß das Ben­to­kist­chen und ei­ne Tee­fla­sche am Fuß des Zauns vor dem Was­ser­bü­ro la­gen. Noch et­was ver­lo­ren! Wahr­schein­lich, dach­te ich, war­ten Frau und Kin­der zu Hau­se auf ihn.

Bild 5 – Kunst des Auf­ge­bens I – © Leo­pold Fe­der­mair

Dann noch ein Ge­dan­ke, als ich selbst los­fuhr, stol­zer Trä­ger der mir zu­ge­fal­le­nen Müt­ze: Was­ser schenkt Le­ben und nimmt es auch. Wir sind hier da­mit ge­seg­net, aber manch­mal wird es zu­viel. Wie, wenn ei­ner der Was­ser­zy­lin­der ab­ge­rutscht und zer­bro­chen wä­re? Vor we­ni­gen Ta­gen war so et­was ge­sche­hen, in viel grö­ße­rem Maß­stab, weit weg, ir­gend­wo im Hi­ma­la­ja-Ge­biet. Die Glet­scher schmel­zen, Was­ser­kraft­wer­ke sind nicht im­mer klug ge­baut; dort, im nörd­li­chen In­di­en, hat dies zu ei­ner ge­wal­ti­gen Ka­ta­stro­phe ge­führt. Hat­te auch un­se­re Ka­ta­stro­phe vor zwei­ein­halb Jah­ren mensch­li­che Ur­sa­chen? Nein, denn daß sich der Re­gen der­art ballt und ta­ge­lang er­gießt, ist nicht neu und al­lein der Na­tur ge­schul­det. In un­se­rer Ge­gend gab es nicht die ei­ne Sint­flut, son­dern hun­der­te klei­ne und mitt­le­re Erd­rut­sche, in al­len La­gen und Him­mels­rich­tun­gen, ge­fähr­lich, weil un­be­re­chen­bar. Was da­von ge­blie­ben ist, wirkt von man­chen Stand­or­ten aus wie ein Flecker­tep­pich der Zer­stö­rung. Des­sen Wun­den nach und nach, teils mit mensch­li­cher Un­ter­stüt­zung, ver­hei­len.

Kann sein, daß oben bei den gro­ßen Re­ser­voirs nach dem Bau der Stra­ße das Ge­län­de ver­letz­li­cher ge­wor­den war. Man hat­te Bäu­me ge­fällt und Schnit­te ge­zo­gen. Aber Stra­ßen wie die­se pas­sen sich dem Ge­län­de an, und die Was­ser­mas­sen su­chen sich na­tür­li­che We­ge, oder künst­li­che, es ist ih­nen egal. Bei uns am Haus­berg war die La­wi­ne mit­ten im Wald knapp un­term Gip­fel­kamm ab­ge­gan­gen, den au­ßer mir und den Kin­dern kaum je ein Mensch be­tre­ten hat­te.

Bild 6 – Kunst des Auf­ge­bens I – © Leo­pold Fe­der­mair

© Leo­pold Fe­der­mair

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Et­li­che Men­schen, die das Al­pha­bet ge­lernt ha­ben, mei­nen, schon schrei­ben zu kön­nen, weil sie Buch­sta­ben über­ein­an­der schich­ten kön­nen.
    »Mei­ne Neu­gier muß schwer zu stil­len sein, denn die Fra­gen, die ich wälz­te, hiel­ten mich nicht da­von ab, in der an­ge­zeig­ten Rich­tung, we­ni­ge Me­ter tie­fer, ei­ne – wenn auch sehr schwa­che – Lich­tung zu be­mer­ken, ei­nen Ort, der et­was aus­strahl­te.«
    Da ha­be ich auf­ge­hört, mich zu är­gern, al­so auf­ge­hört zu le­sen.
    (Die Fo­tos sind or­dent­lich, aber das sind mei­ne Fo­tos auch. Ich wür­de ih­nen al­len al­ler­dings nie ei­nen Co­py­right-Ver­merk an­hän­gen. Da­durch wer­den sie al­bern.

  2. Wun­der­ba­res Wört­chen We­gerl. Es hebt ei­nem den Blick aus dem Fuß­be­reich
    in die Her­zens­zo­ne, als wür­de mit ihm das wie ein Klein­kind et­was ge­wagt
    Vor­aus­lau­fen­de ein­ge­holt und hoch­ge­nom­men, auf den Arm ge­nom­men, und sein Bau­mel­ge­wicht an der Brust des Er­wach­se­nen mit ein zwei Rucken, so von un­ten hoch, aju­stiert.
    Wun­der­bar auch der Mo­ment, als die­ser Bu­ster Leo­pold Keaton dem wo­mög­li­chen Be­sit­zer und Ver­lie­rer der Kap­pe am Wald­hang dort be­geg­net, und dem ja­pa­nisch aus dem Käst­chen Jau­sen­den oder Ge­jaust­ha­ben­den im stum­men Vor­bei­ge­hen den Kopf mit der schön-le­der­nen, be­reits sich-auf­ge­setz­ten Schirm­müt­ze ein we­nig z u n e i g t, um ihn auf sie auf­merk­sam zu ma­chen. Aber der blick­te nicht hin – wie der vor­aus­ge­hen­de Kom­men­ta­tor.

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