Die bes­se­ren Schrift­stel­ler

Bald ist Weih­nach­ten und Sil­ve­ster und da­nach be­ginnt ein neu­es Jahr und die Af­fä­re um ei­nen ge­wis­sen Claas Re­lo­ti­us wird nur noch Rand­grup­pen in­ter­es­sie­ren. Von da­her ist der Au­gen­blick der Spie­gel-Beich­te ge­schickt ge­wählt. Und in­zwi­schen meh­ren sich ja auch die üb­li­chen Tä­ter­ver­ste­her wie­der, die die Mo­ti­va­ti­on über­all su­chen nur nicht mehr beim Ver­ur­sa­cher. Da ist na­tür­lich das Pu­bli­kum oder so­fort die »neo­li­be­ra­le« Wirt­schaft, die Jour­na­li­sten­prei­se und de­ren Ju­ro­ren oder das in­ter­ne Feh­ler­ma­nage­ment des Spie­gel. Herr Nig­ge­mei­er stört der Stil des Auf­klä­rungs­tex­tes von Herrn Ficht­ner, der, und das über­rascht nun wirk­lich, im üb­li­chen Spie­gel-Jar­gon ge­schrie­ben sei. Ja wie denn auch sonst, möch­te man hin­ter­her­ru­fen und noch ein­mal auf den En­zens­ber­ger-Text von 1957 hin­wei­sen.

Ei­ni­ge sor­gen sich um das See­len­wohl von Herrn Re­lo­ti­us. An­de­re nen­nen das Ge­sche­hen »Tra­gö­die« – wie so häu­fig ei­ne voll­kom­men fal­sche Zu­schrei­bung. Aber im­mer­hin zeigt es Mit­leid an. Tat­säch­lich spielt es kaum mehr ei­ne Rol­le wel­che von Re­lo­ti­us’ Re­por­ta­gen rei­ne Fik­ti­on sind bzw. wo die Lü­ge be­ginnt und wo sie en­det. War­um soll­te man jetzt ei­ne Text­fled­de­rei be­trei­ben und das Ge­schrei­be da­mit noch ein­mal auf­wer­ten?

Den Keim für die­se Ent­wick­lung des Jour­na­lis­mus wird man da­mit nicht fin­den. Längst se­hen sich vie­le Jour­na­li­sten als die bes­se­ren Schrift­stel­ler. Ei­ni­ge – u. a. Dirk Kurb­ju­weit vom Spie­gel, der nun die Auf­klä­rung be­trei­ben will und flugs ei­nen neu­en Hel­den des Jour­na­lis­mus aus dem Hut zau­bert – ge­rie­ren sich längst als Ro­man­au­toren. Nie­mand scheint dies son­der­lich zu (be)kümmern. In den Feuil­le­tons und in den öf­fent­lich-recht­li­chen Me­di­en ist das nor­mal. Was dies für den Stil und vor al­lem für den Jour­na­lis­mus der Prot­ago­ni­sten be­deu­tet, in­ter­es­siert nie­man­den. Ver­mut­lich, weil selbst die pro­fes­sio­nel­len Le­ser kaum noch zwi­schen Jour­na­lis­mus und Fik­ti­on un­ter­schei­den kön­nen bzw. da­zu be­reit sind.

Ne­ben der In­sze­nie­rung als »Vier­te Ge­walt« greift im­mer mehr der My­then­be­grün­der in die jour­na­li­sti­sche Ar­beit ein. Da wer­den Re­dak­tio­nen mit pas­sen­den Be­schrei­bun­gen be­dient und – je nach po­li­ti­scher Welt­an­schau­ung – aus Po­li­ti­kern Hel­den oder Dä­mo­nen. Es gibt nur ei­nen grö­ße­ren Hel­den noch: den Re­por­ter.

Das passt zur Re­nais­sance der Do­ku-Fic­tion – in Li­te­ra­tur, Film und Fern­se­hen. Rea­le Hin­ter­grün­de, ge­schicht­li­che Er­eig­nis­se und Per­so­nen wer­den mit fik­tio­na­len Ele­men­ten der­art ver­mischt, dass die Un­ter­schie­de kaum oder nur sehr schwer zu er­ken­nen sind. Jüng­stes Bei­spiel ist die all­seits so ge­lob­te Se­rie »Ba­by­lon Ber­lin«. Die Ma­cher sol­cher Do­ku-Fic­tion spie­len mit der An­nah­me des Re­zi­pi­en­ten, dort do­ku­men­ta­ri­sches zu se­hen. Zwar steckt im Klein­ge­druck­ten häu­fig ge­nug der Hin­weis auf die »Fik­ti­on«, aber ins­be­son­de­re in Film und Fern­se­hen ist der Sog, das Ge­sche­hen als Wahr­heit auf­zu­fas­sen, sehr stark.

Kei­ne Fra­ge, die Li­ste der li­te­ra­ri­schen Do­ku-Fic­tion-Au­toren ist lang. Sie reicht von Ho­mer über Wil­liam Shake­speare bis zu Fried­rich Schil­ler, dem es ge­lang, den Grün­dungs­my­thos für ei­ne gan­ze Na­ti­on zu bün­deln oder Ge­org Büch­ner. Wir wis­sen na­tür­lich, dass Shake­speare oder Büch­ner kei­ne Do­ku­men­ta­ri­sten wa­ren. Es war im­mer klar, dass es sich in­ner­halb ei­nes hi­sto­ri­schen Er­eig­nis­ses um er­fun­de­ne Ge­schich­ten, fik­tio­na­le Dia­lo­ge und/oder Hin­zu­dich­tun­gen han­del­te, aus de­nen kein Wahr­heits­an­spruch ab­ge­lei­tet wer­den konn­te.

In­zwi­schen wer­den Ro­ma­ne und Er­zäh­lun­gen im­mer mehr auf na­tu­ra­li­sti­sche As­pek­te hin un­ter­sucht und be­wer­tet. Gleich­zei­tig for­miert sich ein so­ge­nann­ter »Hal­tungs­jour­na­lis­mus«, der so­gar den Ver­such ei­ner aus­ge­wo­ge­nen Be­richt­erstat­tung ne­giert und ge­wollt Fak­ten mit Kom­men­tar ver­mischt. Die Gren­zen ver­schwim­men; der »nor­ma­le« Re­zi­pi­ent wird zu­se­hends auf­ge­rie­ben zwi­schen Rea­li­tät und Fik­ti­on, Fak­tum und Mei­nung.

Scha­de, dass Hel­mut Dietl über die­se Pos­se kei­nen Film mehr ma­chen kann. Und so wird die Ka­ra­wa­ne wei­ter­zie­hen.

Ich stel­le jetzt fest, dass die letz­ten Bei­trä­ge auf die­sem Blog al­le samt mehr oder we­ni­ger in­ten­siv über Jour­na­lis­mus krei­sen. Ver­spro­chen, dass sich das nicht fort­set­zen wird. Es soll ja nicht lang­wei­lig wer­den.

22 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Da ist ein biss­chen ein »Der Kreis schließt sich Ge­fühl« bei mir, weil es ja das Un­be­ha­gen an der Ten­denz, die Zu­ge­richt­et­heit und Ge­macht­heit ei­nes Tex­tes von Kurb­ju­weit war, das mich mei­nen er­sten Blog­text ver­fas­sen ließ. Das Stück fühl­te sich ein­fach nicht rich­tig an. – Wann im­mer ich über die Jah­re die Spie­gel-Auf­ma­cher sah oder ei­nen Text in der Arzt­pra­xis las, hat sich das nur wei­ter ver­stärkt, so dass es mir mitt­ler­wei­le ei­nen klei­nen Schock ver­setzt, wenn ein Be­kann­ter oder Freund den Spie­gel im­mer noch für se­riö­ses jour­na­li­sti­sches Ma­ga­zin zu hal­ten scheint.

    Hat sich doch we­nig ge­än­dert seit dem: Dass sich die Kri­tik und Re­fle­xi­on we­ni­ger in den eta­blier­ten Me­di­en (einst: »Holz­me­di­en«) selbst fin­det, da­für mehr in ab­sei­ti­gen elek­tro­ni­schen Jour­na­len? Da­bei sind die Blogs und so­zia­len Me­di­en nun ih­rer­seits längst eta­bliert. Die La­ge ist zu­neh­mend ver­wor­ren, ähn­lich fru­strie­rend wie die mie­sen Me­me, die die Whats­app-Grup­pen flu­ten. (Wer pro­du­ziert die­sen Sch** ei­gent­lich und hat da­von ei­nen wirt­schaft­li­chen Nut­zen?) Aber was nützt es zu la­men­tie­ren, die Büch­se der Pan­do­ra elek­tro­ni­scher Me­di­en ward ge­öff­net – und wenn sie hier und da neue Höh­len­aus­gän­ge er­öff­nen, dann müs­sen wir mit den schmerz­li­chen Er­kennt­nis­sen auch le­ben.

  2. Ich glau­be nicht, dass man so pau­schal sa­gen kann, dass Blogs eta­bliert sind – es sei denn die Blog­be­trei­ber ver­fü­gen über Rück­halt im »Holzmedien«-Spektrum oder bei öf­fent­lich-recht­li­chen Me­di­en. Es macht na­tür­lich ei­nen Un­ter­schied, ob der Spie­gel die Sto­rys nun sel­ber ent­hüllt oder ob ich oder ir­gend­ein an­de­rer Blog­ger Zwei­fel an­ge­mel­det hät­te, die nur durch aus­gie­bi­ge Re­cher­chen hät­ten un­ter­mau­ert wer­den kön­nen. Ei­nen der­art de­ko­rier­ten Jour­na­li­sten an­zu­ge­hen wä­re im­mer ver­hallt.

    Die Sa­che wird bald ver­ges­sen sein und nur bei ähn­li­chen Vor­gän­gen ad­die­ren sich dann die Er­eig­nis­se wie­der. In der Ent­hül­lungs­sto­ry wird dann so­fort ein neu­er Jour­na­list in den Him­mel ge­ho­ben.

    Die Crux ist, dass der Spie­gel im­mer noch vom Ruhm der 60er und 70er Jah­re lebt, als er auch noch nütz­lich war. Aber schon die un­end­li­chen Ver­su­che seit Mit­te der 80er Jah­re Kohl run­ter­zu­schrei­ben, wa­ren in­fan­til und lä­cher­lich. Ich ha­be ihn seit Mit­te der 1990er Jah­re nicht mehr ge­le­sen (au­ßer beim Arzt), u. a. weil die Be­richt­erstat­tung über die Ju­go­sla­wi­en­krie­ge der­art ver­fäl­schend war.

  3. Ich wür­de nicht (vor­sich­ti­ger Wi­der­spruch) sa­gen, dass ei­ne brei­te Dis­kus­si­on über Jour­na­lis­mus und nar­ra­ti­ve Prak­ti­ken dem The­ma »Li­te­ra­tur« den Bo­den ent­zieht.
    Im Ge­gen­teil: es wird doch je­der Schrift­stel­ler di­rekt und ver­mut­lich so­gar un­be­wusst auf die me­dia­len For­ma­te re­agie­ren.
    Die Gren­zen ver­schwim­men, wie Gre­gor sagt. Aber das wer­den sich die Schrift­stel­ler doch nicht oh­ne wei­te­res ge­fal­len las­sen.
    Ich bin be­ein­druckt von En­zens­ber­ger Auf­merk­sam­keit, der die Pro­ble­ma­tik so­fort zu Be­ginn ge­se­hen hat. Es gibt kei­ne Äs­the­tik, die sich ge­nau zwi­schen »Wahr­heit und Fik­ti­on« ein­rich­ten kann. Das liegt nicht nur an der Pro­fa­ni­tät von Tat­sa­chen, son­dern am Dreh­im­puls der Emo­ti­on. Wer mit dem Her­zen gut sieht, kriegt die Hälf­te nicht mit. Und so rich­ti­ge Her­zen­stie­fe ent­wickelt er am En­de auch nicht.
    Viel­leicht müs­sen wir ja ein Stück weit groß­zü­gig sein: ei­ne schrift­li­che Re­por­ta­ge ist im­grun­de ein hy­bri­des For­mat, das An­lei­hen bei der Li­te­ra­tur nimmt.
    Die­ser Ver­schnitt von zwei Text­sor­ten braucht nicht den Wahr­heits­an­pruch auf­ge­ben. Wir müs­sen uns in ei­ner Re­por­ta­ge nicht zwi­schen Wahr­heit und or­dent­li­chem Stil zu ent­schei­den.
    Das For­mat selbst ist vor­al­lem in sei­ner »Ka­pa­zi­tät« be­schränkt. Man kriegt da so we­nig Welt rein, dass man zu­sätz­li­che Mo­ti­va­tio­nen wie die po­li­ti­sche Be­ein­flus­sung am be­sten ver­mei­det. Das biss­chen Welt ist der we­sent­li­che Mehr­wert.
    Ha­ben wir nicht für den Jour­na­lis­mus und die Li­te­ra­tur ge­nau die­sel­be Schluss­fol­ge­rung zu zie­hen: po­li­ti­sche Ent­hal­tung ist der Qua­li­tät un­mit­tel­bar zu­träg­lich...

  4. die_kalte_Sophie
    po­li­ti­sche Ent­hal­tung ist der Qua­li­tät un­mit­tel­bar zu­träg­lich...
    Das Ge­gen­teil wird aber der­zeit prak­ti­ziert. Die An­bie­de­rung des Jour­na­lis­mus an die Po­li­tik und die ent­spre­chen­de Ge­sin­nungs­di­dak­tik, die da­mit trans­por­tiert wer­den soll, ist ja im üb­ri­gen nicht neu. Es gab (und gibt!) ja den so­ge­nann­ten »Gon­zo-Jour­na­lis­mus«, der die Sub­jek­ti­vi­tät stark in den Vor­der­grund stellt. Der Un­ter­schied zu Schrei­bern wie Re­lo­ti­us be­steht nur dar­in, dass je­der so­fort weiß, da da je­mand sei­ne sub­jek­ti­ve Sicht so­zu­sa­gen er­zählt und in Über­trei­bun­gen schwelgt.

    Ich weiß ja auch nicht, wie häu­fig Sie TV-Do­ku­men­ta­tio­nen se­hen. In den For­ma­ten bei ARD und ZDF (bspw. »zdf-zoom«) ist der Jour­na­list in na­he­zu al­len Sze­nen im Bild. Der Jour­na­list be­fragt je­man­den – er ist im Bild. Der Jour­na­list sucht ei­ne Adres­se auf – er ist im Bild. Der Jour­na­list fährt im Auto...usw. Ich ha­be ab und zu die­se 30- oder 45-Mi­nu­ten-Sen­dun­gen mal da­hin­ge­hend un­ter­sucht, wie häu­fig der Au­tor (die Au­torin) im Bild war. Es wä­re ein­fa­cher ge­we­sen die Zahl zu mes­sen, wenn er es nicht ist... Hier­in zeigt das »Bran­ding«, dem Jour­na­li­sten sich sehr ger­ne un­ter­zie­hen: Sie po­sie­ren als Mar­ke, als Ret­ter, als Küm­me­rer, als was was ich.

  5. @die_kalte_Sophie
    En­zens­ber­gers Wort »Pseu­do­äs­the­tik« im Be­zug auf die Spie­gel­s­to­ries meint Staf­fa­ge, Füll- oder Bei­werk. Das be­deu­tet, dass sol­cher­art for­mu­lier­te Tex­te nichts mit der Wahr­neh­mung des schrei­ben­den Sub­jekts, d.h. mit dem Er­ken­nen ei­nes Ge­gen­stands, Ob­jekts, ei­ner Per­son,..., zu tun ha­ben, sie sind die­sem nicht ver­pflich­tet: Wenn Äs­the­tik im Jour­na­lis­mus in­ter­es­sant ist, dann des­we­gen, weil ei­ne sub­jek­ti­ve Wahr­neh­mung, die ih­rem Ge­gen­stand ver­pflich­tet bleibt, tat­säch­lich ei­ne neue (an­de­re) Sicht in den Dis­kurs ein­brin­gen kann. Dar­über hin­aus muss man noch ei­ne wei­te­re Dif­fe­renz ma­chen, die mir bei En­zens­ber­ger fehlt: Die Spie­gel­tex­te sind näm­lich auch an­ti­äs­the­tisch, und zwar dort, wo sie ih­rem Ge­gen­stand nicht nur Füll­werk bei­geben, son­dern ei­ne Fär­bung, die ihn an­ders dar­stellt, als er ist. Ein Er­ken­nen und sei es ein sub­jek­ti­ves, wird ihm nicht ein­mal zu­ge­stan­den. In ei­nem sol­chen Fall wird die Ent­hül­lung zum Selbst­zweck (die als ge­woll­te in ih­rem Wol­len oh­ne­hin im­mer un­sach­lich bleibt). — Und dank Gre­gors Hin­weis wis­sen wir, dass das nicht nur ein Pro­blem von Jour­na­li­sten ist.

  6. Ich glau­be tat­säch­lich, daß wir »ein Stück weit groß­zü­gig sein« soll­ten, wie So­phie for­mu­liert. Li­te­ra­tur wur­de als Kunst der Lü­ge de­fi­niert, was na­tür­lich nicht das (vor­sätz­li­che) Lü­gen im Jour­na­lis­mus, in der Po­li­tik, in Ge­schäf­ten usw. recht­fer­tigt. Ei­ner­seits ist da zwi­schen den Be­rei­chen zu tren­nen, an­de­rer­seits gibt es tat­säch­lich ?Über­gän­ge, hy­bri­de For­men, und das ist gut so. Bei Re­por­ta­gen, die un­ter Um­stän­den zu Fik­tio­nen grei­fen, ist auch nicht die Fra­ge, ob Fik­ti­on er­laubt ist, son­dern ob die Er­fin­dun­gen ge­braucht wer­den, um be­wußt et­was vor­zu­täu­schen – Wirk­lich­keitstreue, Do­ku­men­ta­ti­on -, was nicht da ist. Ei­ne Form des Be­trugs. Ge­nau das ist das Re­lo­ti­us-Pro­blem, nicht aber, daß er nicht auß­schließ­lich sach­li­che Do­ku­men­ta­ti­on ge­macht hat.
    Zu wel­chem Zweck be­trügt ei­ner? Geld, Ruhm, Macht. Das soll­te der Me­di­en­kri­ti­kers nicht aus den Au­gen ver­lie­ren.

  7. Das Re­lo­ti­us-Pro­blem ist, dass das Do­ku­men­ta­ri­sche sug­ge­riert wur­de, in Wirk­lich­keit je­doch die Lü­ge do­mi­nier­te. Es gab eben kein Orts­schild mit »Me­xi­ka­ner un­er­wünscht« und er hat­te nicht mit den Men­schen ge­spro­chen, die er so schein­blu­mig cha­rak­te­ri­sier­te. Letz­te­res kann na­tur­ge­mäß kei­ne Re­cher­che-Re­dak­ti­on her­aus­fin­den. Al­lei­ne der Duk­tus der Tex­te hät­te da­zu füh­ren müs­sen, die­sen Kitsch nicht ab­zu­drucken.

    Das Her­um­la­vie­ren um Be­grif­fe wie Lü­ge, Wahr­heit oder auch die Mo­ti­va­ti­on (Geld, Ruhm, Macht) recht­fer­tigt nichts. Die Kri­tik rich­tet sich we­ni­ger an Re­lo­ti­us als Per­son als an das Sy­stem, das er bis zur (schein­ba­ren, weil prä­mier­ten) Per­fek­ti­on be­dient hat. Nein, ich bin nicht groß­zü­gig, wenn es um so et­was geht. Da­bei in­ter­es­siert mich die Per­son über­haupt nicht, weil ich das Pro­blem für sym­pto­ma­tisch hal­te.

  8. Der Spie­gel ist mitt­ler­wei­le so­weit mit den Ner­ven run­ter, dass im ak­tu­el­len Heft – - – - Bas Kasts – - – - ‘Er­näh­rungs­komp­sass’ – - – - als – - – - Sach­buch des Jah­res ge­fei­ert wird.

    Es ist das Re­lo­ti­us-Pro­blem si­cher auch ein Pro­blem von »Geld, Ruhm, Macht« (Leo­pold Fe­der­mair #7) – aber in ver­gleichs­wei­se ge­rin­gem Maß, weil die Geld-Ruhm- und Macht-Mu­sik längst im In­ter­net spielt.

    Das In­ternt ist der Haupt­fak­tor. Die Pa­nik, die die tra­di­tio­nel­len Me­di­en in die­ser La­ge er­fasst, ver­stärkt frei­lich auf per­fi­de Wei­se de­ren Ten­denz, sich in der Bla­se oder der li­be­ra­len Echo­kam­mer ein­zu­rich­ten. Das Ge­fühl wird wich­ti­ger, der Ver­stand und die in­tel­lek­tu­el­le Di­stanz gel­ten als Kas­sen­gift. Die Rol­len des Be­richt­erstat­ters und des Po­li­ti­kers wer­den nicht mehr hin­rei­chend aus­ein­an­der­ge­hal­ten (die_kalte_Sophie #3 und Gre­gor Keu­sch­nig #4), wie es die NZZ vor­bild­lich macht.

    Ins­ge­samt, so scheint mir, wird Ge­fühl wich­ti­ger – si­cher auch vom In­ter­net ge­för­dert, und in­tel­lek­tu­el­le Di­stanz un­wich­ti­ger. Das aber ist aus Sicht der spe­zi­fi­schen Stär­ken der Print-Me­dein ei­ne Flucht in die Fal­le. Der Fall Re­lo­ti­us ist in­so­fern ein in­struk­ti­ves Bei­spiel. Re­lo­ti­us ver­such­te, den Ge­fühls­über­hang un­se­rer li­be­ra­len Öf­fent­lich­keit schrei­bend ein­zu­ho­len. Das war zeit­geist­kon­form, aber prak­tisch un­mög­lich. Die Re­dak­ti­on ließ ihn da­bei – un­ter dem er­heb­li­chen Ap­plaus der pu­bli­zi­sti­schen Eli­te des Lan­des – mit Freu­den ge­wäh­ren. – Man woll­te (und will?) of­fen­bar be­tro­gen wer­den.

    Der vom Fall Re­lo­ti­us be­schleu­nig­te Bin­dungs- und An­se­hens­ver­lust ist für den Spie­gel wohl am schlimm­sten, weil das Pu­bli­kum sich oh­ne­hin breits seit Jah­ren mas­sen­haft von den her­kömm­li­chen Leit­me­di­en ab­wen­det. Heu­te gibt es Wo­chen, da Stern, Fo­cus und Spie­gel zu­sam­men we­ni­ger Ki­osk-Ver­käu­fe ha­ben, als der Stern, vor ein paar Jähr­chen noch, al­lei­ne zu­stan­de brach­te. Die tra­di­tio­nel­len Leit­me­di­en ero­die­ren groß­flä­chig (die FAZ zehrt seit Jah­ren von ih­rer (be­trächt­li­chen) Sub­stanz und ver­liert in je­dem Quar­tal aufs Neue Le­ser).

  9. Das In­ter­net al­so als Se­gen und Fluch zu­gleich. Se­gen in dem Sin­ne ei­ner min­de­stens theo­re­ti­schen Mög­lich­keit, sich um­fas­sen­der zu in­for­mie­ren. Und gleich­zei­tig ein Fluch, weil die Tri­via­li­sie­rung fort­schrei­tet und von den »Leit­me­di­en« über­nom­men wird. Das kor­re­spon­diert mit den öf­fent­lich-recht­li­chen Me­di­en in Ra­dio und Fern­se­hen und de­ren Ba­na­li­sie­rung seit Ein­füh­rung des groß­flä­chi­gen Pri­vat­funks. In dem Ma­ße, in de­nen die An­ge­bo­te mehr wer­den, ver­fällt die Qua­li­tät der An­ge­bo­te. Ist das zwangs­läu­fig?

  10. Schon: Ich kann nicht mit dem­sel­ben (zeit­li­chen) Auf­wand zwei (qua­li­ta­tiv ent­spre­chen­de) Tex­te schrei­ben, wenn er zu­vor ge­ra­de für ei­nen ge­nügt hat. Qua­li­tät ist an ei­nen be­stimm­ten Auf­wand ge­bun­den; mehr Qua­li­tät be­deu­tet mehr Auf­wand, es sei denn es ist ir­gend­wo ei­ne Ef­fi­zi­enz­stei­ge­rung mög­lich (aber: sol­che Stei­ge­rungs­for­de­run­gen ha­ben häu­fig ne­ga­ti­ve Aus­wir­kun­gen). — Al­ler­dings ent­spricht ei­ne ge­wis­se Brei­te des An­ge­bots dem Vor­lie­gen zahl­rei­cher, auch wi­der­spre­chen­der In­ter­es­sen. Au­ßer­dem wer­den er­folg­rei­che bzw. not­wen­di­ge For­ma­te ko­piert, al­so ver­viel­facht: In Öster­reich konn­te man das z.B. bei Wahl­dis­kus­si­ons- bzw. kon­fron­ta­ti­ons­sen­dun­gen gut be­ob­ach­ten (ORF, Puls 4, ATV).

  11. Ja, Tex­te sind lang­sam. Da ist nichts zu ma­chen. Und ja, me­tep­si­lo­n­e­ma #11: Dif­fe­ren­zie­run­gen ma­chen sie noch lang­sa­mer.

    Die Text­me­di­en­be­lie­fe­rer soll­ten sich des­halb sehr gut über­le­gen, wel­che Dif­fe­ren­zie­run­gen wich­tig sind. Den­ken v o r dem Schrei­ben. Au­ßer­dem lässt sich auf die­sem Hin­ter­grund auch ei­ni­ges gra­phisch ma­chen. Aber im gro­ßen und gan­zen fin­de ich, dass die NZZ ih­re Sa­che der­zeit am be­sten macht. Ich den­ke, das ist auch die plau­si­ble Zu­kunft von Schreib­me­di­en (im Ge­gen­satz zu den Sprech­me­di­en): Dass sie gut und klar und ver­läss­lich in­for­mie­ren und ar­gu­men­tie­ren. Das kann man schrift­lich am be­sten – und der Le­ser, die Le­se­rin kann das schrift­lich Mit­ge­teil­te auch am be­sten über­prü­fen. Schrei­ben im Druck oder On­line ist kein so gro­ßer Un­ter­schied, wie mir scheint – man­ches läst sich on­line so­gar bes­ser re­zi­pie­ren.

    Die NZZ muss frei­lich – ob­wohl sie ei­ne AG ist, kei­ne Ge­win­ne ma­chen. Die ört­li­che (grö­ße­re und rei­che­re, pri­va­te) Kon­kur­renz des Zür­cher Ta­ges-An­zei­gers hat via CEO 2017 er­klärt, mit ge­druck­ten oder on­line-Nach­rich­ten las­se sich kein Ge­schäft mehr ma­chen (»kein Geld mehr ver­die­nen«). Ta­me­dia ist nach wie vor hoch­pro­fi­ta­bel, aber nicht zu­letzt – wie Sprin­ger, auf­grund ih­rer on­line-Han­dels­platt­for­men. Dies ist die für den Jour­na­lis­mus nie­der­schmet­ternd­ste Nach­richt.

    Der Wie­ner ‘Stan­dard’ und der dor­ti­ge ‘fal­ter’ ha­ben sich des­halb be­reits nach öf­fent­li­chen Gel­dern aus­ge­streckt (der­zeit wohl noch Erd­nüss­le – so ca. 1 Million/Jahr, aber: Wer weiß, was die Zu­kunft bringt?!)

    In­des hat sich in der Schweiz das ge­nos­sen­schaft­li­che lin­ke Me­di­en­un­ter­neh­men ‘Re­pu­blik’ ge­grün­det – jour­na­li­stisch bis­her schreck­lich un­er­gie­big (ähn­lich der ähn­lich struk­tu­rier­ten aber we­ni­ger gla­mou­rö­sen WoZ), aber auf­grund des reich­li­chen Bür­ger­en­ga­ge­ments (- ge­nau wie bei der rech­ten NZZ, üb­ri­gens) – auf­grund des er­heb­li­chen Bür­ger­en­ga­ge­ments sag’ ich, ge­deiht auch die­ses Pro­jekt bis­her im­mer­hin wirt­schaft­lich. In­tel­lek­tu­ell ist man frei­lich – ähn­lich dem Spie­gel – ziem­lich rat­los, und lei­der hie und da auch furchbar lang­at­mig.

    Moch ein Nach­trag zu Re­lo­ti­us: Ei­nen wich­ti­gen Satz in die­ser Sa­che hat Erich Wie­de­mann, ei­ner der al­ten re­pek­ta­blen Re­dak­teu­re des Spie­gel auf der ach­se des gu­ten ge­schrie­ben, näm­lich: Die Re­lo­ti­us-Ge­schich­ten sei­en ge­kenn­zeich­net durch ei­nen völ­li­gen Man­gel im Hin­blick auf ih­ren Nach­rich­ten­wert. Das dürf­te mit er­klä­ren, dass au­ßer­halb des in­ne­ren Krei­ses kaum je­mand von Re­lo­ti­us sprach, ob­wohl er doch so hoch­ge­ehrt war. Mir zum Bei­spiel war von der (zu­nehm­nd flüch­ti­ger wer­den­den) Spie­gel Lek­tü­re der letz­ten Jah­re nur ein ein­zi­ges Zi­tat von Re­lo­ti­us im Ge­dächt­nis ge­blie­ben – oh­ne, dass ich es im üb­ri­gen mit dem Na­men die­se Schrei­bers in Zu­sam­men­hang ge­bracht hät­te: Näm­lich das­je­ni­ge über den ehr­li­chen mi­gran­ti­schen Fin­der ei­nes deut­schen Port­mon­naies, der sich in Re­lo­ti­us’ Text sehr ele­gant ein­ließ über sei­ne Mo­ti­ve, und wie die­se ed­len Mo­ti­ve di­rekt zu­sam­men­hin­gen mit sei­ner Her­kunft und Er­zie­hung im – wenn ich recht er­in­ne­re – kriegs­ge­plag­ten Sy­ri­en. – Nun: Re­lo­ti­us, wie sich nun zeig­te, pin­sel­te in die­ser Ge­schich­te – voll aus sei­ner Phan­ta­sie schöp­fend – und frei fa­bu­lie­rend, ein­fach ein wei­te­res Mal das of­fen­bar sehr er­sehn­te Bild ei­nes ed­len Zu­zü­gers.

    Als ich den Text zum er­sten Mal las, ist er mir sau­er auf­ge­sto­ssen, und ich ha­be ihn mir ge­merkt. Mein Ge­dan­ke war da­mals nicht: Der Spie­gel lügt. Mein Ge­dan­ke war: Die Ab­sicht hin­ter die­ser Ge­schich­te ist so of­fen­bar, dass sie mir die (vom Schrei­ber of­fen­bar in­ten­dier­te) Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem sy­ri­schen Wohl­tä­ter ver­un­mög­licht. Ich füh­le mich nun durch die Wen­dung, die – auch – die­se Ge­schich­te ge­nom­men hat, in mei­ner Skep­sis be­stä­tigt.

  12. Das Bei­spiel »Text« war ver­all­ge­mei­nernd ge­meint: Hö­he­re Qua­li­tät be­deu­tet im­mer ei­nen Mehr­auf­wand im Ver­gleich zu ge­rin­ge­rer. Und ich wür­de mei­nen, dass je­der Schreib­vor­gang ei­nen neu­en Prüf­stand für das Den­ken be­deu­tet, d.h. beim Schrei­ben wird das be­reits Ge­dach­te er­neut durch­drun­gen.

    Die öster­rei­chi­sche Pres­se­för­de­rung exi­stiert mit all ih­ren Pro­ble­men seit 1975. Dass der Fal­ter und der Stan­dard ge­för­dert wer­den, ist we­der neu, noch erst seit ge­stern so.

  13. Ich bin skep­tisch we­gen der Pres­se­för­de­rung. Mir ge­fällt das schwei­ze­ri­sche Mo­dell des di­rek­ten bür­ge­schaft­li­chen En­ga­ge­ments bei der NZZ und der Re­pu­blik und auch der WoZ oder den Sankt Gal­li­schen ‘Sai­ten’ bes­ser. Es gibt so­ne För­de­rung in Au­stria und so­ne, Herr Keu­sch­nig, die Po­le­mik schen­ke ich Ih­nen. Die För­de­run­gen ad­die­ren sich of­fen­bar auf. Ich hab’ auch nur ’ne ca.Zahl ge­nannt.
    Die­se Dy­na­mik – wes’ Brot ich ess’, des Lied ich sing’ ist nicht aus Pap­pe, sie­he die Öf­fis in Deutsch­land.
    Da Sie den Herrn Men­as­se und des­sen Fäl­schun­gen an­spra­chen: Wie ha­ben denn der fal­ter und der Stan­dard auf die Hall­stein-Fäl­schun­gen Men­as­ses re­agiert? Das wür­de mich in der Tat in­ter­es­sie­ren. Kom­men sie über die lin­ke Echo­kam­mer hin­aus in die­sem Fall? Das fän­de ich wich­tig.

    Laut Stan­dard bin ich üb­ri­gens zu­min­dest mit Blick auf 2016 nicht schlecht ge­le­gen, gucken Sie mal da:

    Im Rah­men der Be­son­de­ren För­de­rung zur Er­hal­tung der re­gio­na­len Viel­falt der Ta­ges­zei­tun­gen wur­den fünf An­su­chen um För­de­rung ge­stellt und ge­neh­migt. »Die Pres­se« er­hält dem­nach 769.228,60 Eu­ro, DER STANDARD 729.155,70 Eu­ro, das »Neue Volks­blatt« 607.575 Eu­ro, die »Neue Vor­arl­ber­ger Ta­ges­zei­tung« 592.483,10 Eu­ro und das »Wirt­schafts­Blatt« 543.556,60 Eu­ro. – derstandard.at/2000040451129/Medienbehoerde-vergab-Pressefoerderung-2016-an-Tageszeitungen

    Die Fund­stel­le mit der Mil­li­on+ für Stan­dard und fal­ter er­in­ne­re ich lei­der nicht mehr, des­we­gen ha­be ich auch nicht die Zahl ge­nannt, an die ich mich er­in­ne­re, son­dern ei­ne deut­lich nied­ri­ge­re und ein Plus da­hin­ter­ge­setzt. Aber viel­leicht weiß ja je­mand aus der Le­ser­schaft mehr. Ich den­ke, man muss In­se­ra­te öf­fent­lich-recht­li­cher Fir­men, Ver­triebs­för­de­rung und re­dak­tio­nel­le För­de­rung in Au­stria aus­ein­an­der­hal­ten und ei­gent­lich auch säu­ber­lich zu­sam­men­zäh­len, wenn man es ganz ge­nau wis­sen will.

    Dan­ke für die Prä­zi­sie­rung der Re­lo­ti­us-Fäl­schung bei der Sy­rer-Ge­schich­te. Es bleibt der Kon­text: Die über­durch­schnitt­li­chen Kri­mi­na­li­täts­ra­ten ins­be­son­de­re bei Se­xu­al­de­lik­ten und Kör­per­ver­let­zun­gen der Zu­zü­ger – und gleich­zei­tig die­se Er­zäh­lung im Spie­gel – wohl eben­falls mit Fäl­schun­gen an­ge­rei­chert, wennn auch nicht im kon­kre­ten Kon­text des Fun­des.

    Der wich­tig­ste Satz oben ist aber der: Mit ge­druck­ten Nach­rich­ten lässt sich kein Geld mehr ver­die­nen. Das ist ei­ne Epo­chen­wen­de – und das mer­ken al­le deut­schen Leit­me­di­en in er­heb­li­chem Maß. Die FAZ ver­früh­stückt ihr Ta­fel­sil­ber. Die FR hat sich be­reits selbst ent­leibt. Von den Re­gio­nal­zei­tun­gen ganz zu schwei­gen. Es geht berg­ab. Nix Geld, Glanz, Ruhm – das war ja der Be­zug. Auch Re­lo­ti­us kennt ja kei­ner mehr – trotz Prei­sen. Das war bei den Spie­gel-Leu­ten Bro­der, Ma­tus­sek und Aust noch an­ders.

  14. Ge­mäss die­sem Link hier be­trägt die Pres­se­för­de­rung in Öster­reich in 2018 und 2019 ins­ge­samt je 8,7 Mil­lio­nen Eu­ro. Be­ein­druckend, aber eben nicht neu.

    Der Kon­text der Ge­schich­te vom ehr­li­chen Fin­der wird eben ge­ra­de durch die Rea­li­tät be­stä­tigt. Al­les an­de­re ist Pro­pa­gan­da.

    Die Er­eig­nis­se um den stel­len­wei­sen Lüg­ner Re­lo­ti­us mit der ero­die­ren­den Pres­se­land­schaft zu er­klä­ren, dann aber zu sa­gen, Re­lo­ti­us ken­ne nie­mand, ist ein Wi­der­spruch. Ich ge­be zu von ihm nie ge­hört zu ha­ben (trotz der Prei­se). Das Ten­denz­haf­te des »Spie­gel« war mit spä­te­stens mit den Ju­go­sla­wi­en-Krie­gen be­wusst. Seit­dem mei­de ich die­ses Or­gan nebst SpOn, wo es nur mög­lich ist.

  15. Nein, Gre­gor Keu­sch­nig #17, auf Re­lo­ti­us’ groß­flä­chi­gen Be­trug hin­zu­wei­sen und zu sa­gen, dass ihn trotz al­ler Prei­se kei­ner kennt, ist kein Wi­der­spruch, son­dern ein Hin­weis auf die Bla­se und auf die Pa­nik, die in der Bla­se nicht zu Un­erecht be­steht. Es herrscht of­fen­bar be­grün­de­te Pa­nik bei den tra­di­tio­nel­len Me­di­en-Platz­hir­schen. Es hört ja auch kaum ei­ner mehr hin, wenn sie was sa­gen. Neh­men Sie den Un­ter­schied von Ma­tus­sek und Ka­ra­sek hie und Wei­der­mann da. Wei­der­manns Spie­gel-Li­te­ra­tur­bei­la­ge ist ge­ra­de von 12x/jährlich her­un­ter­ge­fah­ren wor­den auf vier/mal jähr­lich – Echo, so­viel ich bis­her sah: Null.

    Mei­ne Ab­setz­be­we­gun­gen vom Spie­gel be­gan­nen mit Kohl. Wur­den auf­ge­hal­ten von (u. a.) Aug­steins (Se­ni­or!) ver­nünf­ti­gen Ar­ti­keln in Sa­chen Wie­der­ver­ei­ni­gung und Haupt­stadt Ber­lin und noch ein­mal schwer be­för­der­tet, als im­mer kla­rer wur­de, dass so­wohl in der Gen­der-Fra­ge als auch in Sa­chen Wirt­schaft, Wis­sen­schaft und 3. Welt wie auch in Sa­chen un­ge­re­gel­tem Zu­zug im­mer schrä­ge­re (=un­ver­nünf­ti­ge­re) Po­si­tio­nen be­zo­gen wur­den.
    Der letz­te Schub kam dann wg. des Hy­pes in Sa­chen Schulz. Schulz mit sei­nem ziem­lich bin­dungo­sen In­ter­na­tio­na­lis­mus ist in mei­nen Au­gen ein Sym­ptom des Nie­der­gangs der Deut­schen So­zi­al­de­mo­kra­tie, und dass man das beim Spie­gel (cf. Hoff­man, cf. Fel­den­kir­chen) nicht be­grifff, und statt­des­sen Lucke mein­te ein Hit­ler­bärt­chen an­ma­len zu sol­len zeig­te mir, dass da et­was zu­en­de geht. Man hat sich of­fen­bar zu To­de ge­siegt. Au­ßer­dem fand ich, dass die chefs im­mer trost­lo­se­re fi­gu­ren wur­den. brink­bäu­mers Be­grün­dung für die Zen­sur der Spie­gel-Be­stel­ler­li­ste wg. TRolf pe­ter Sie­fer­le un­tersh­cied sich in nichts von ei­nem durch­schnitt­li­chen Abi-Aufsatz,von mir aus Abi-Lei­stungs­kurs und strotz­te nur so von un­sin­ni­gen An­schul­di­gun­gen. die NYT hat das er­heb­lich (!) bes­ser ge­macht. Die NZZ so­wie­so. Ich mei­ne, auch der Stan­dard. Je­den­falls Die Pres­se.

    Ach – ja: Ju­go­sla­wi­en war ei­ne Sta­ti­on auf die­ser Rei­se.

    Lang le­be die NZZ.

    Dass die Ö-Pres­se­för­de­rung neu wä­re, ha­be ich nicht ge­sagt. Ich sa­ge auch nicht, dass der Nie­der­gang der Print­me­di­en neu wä­re, son­dern, das ist jetzt aber wirk­lich neu, dass die­ser schon lan­ge sich voll­zie­hen­de Nie­der­gang sich be­schleu­nigt und z. T. dra­ma­ti­sche For­men an­nimmt (in der Pro­vinz in den USA ist das ein Flä­chen­brand).

    Au­ßer­dem: Mal ab­ge­se­hen von der Hö­he der staat­li­chen För­de­run­gen, ich mei­ne, das Schwei­ze­ri­sche, – vom bür­ger­li­chen En­ga­ge­ment di­rekt ge­tra­ge­ne – sei das bes­se­re Mo­dell.

  16. Der gro­ße Be­trug von Re­lo­ti­us in­ter­es­siert mei­ner Be­ob­ach­tung nach au­ßer­halb der Bran­che nur noch we­ni­ge Men­schen. In den öf­fent­lich-recht­li­chen Me­di­en er­fährt man sehr we­nig über die­se Sa­che – was na­tür­lich lo­gisch ist. Die In­itia­ti­ve der Spie­gel-Ma­cher be­ruh­te nicht zu­letzt auf die Preis­de­ko­ra­tio­nen, mit de­nen man den jun­gen Star ver­sah. Die wer­den al­ler­dings noch viel we­ni­ger wahr­ge­nom­men.

    Vie­les, was man dem Spie­gel jetzt vor­wirft, war nie an­ders. Ka­ra­sek und Ma­tus­sek wa­ren zu ih­rer Zeit auch Schaum­schlä­ger. Ka­ra­sek war Rech-Ra­nickis But­ler im Quar­tett, spä­ter der Qui­z­on­kel-Ex­per­te auf RTL. Sei­ne größ­te Tat be­stand dar­in, Kem­pow­ski vor un­be­rech­tig­ten Pla­giat­vor­wür­fen zu be­schüt­zen – er­ho­ben von ei­nem ehe­ma­li­gen Spie­gel-Mit­ar­bei­ter, den glück­li­cher­wei­se heu­te nie­mand mehr kennt. Ma­tus­sek war eben­falls ein Blen­der. Sein Pech war, dass er sich dann po­li­tisch »ra­di­ka­li­siert« hat­te.

    Po­li­tisch war der Spie­gel im­mer ein Kam­pa­gnen-Or­gan. Aug­steins Hass auf Strauß und Ade­nau­er war le­gen­där. Kohl war für ihn, Aug­stein, und Böh­me, sei­nem Ad­la­tus, zu pro­vin­zi­ell. Es hat die Re­dak­ti­on ver­mut­lich per­sön­lich ge­kränkt, dass die Deut­schen Kohl im­mer wie­der neu ge­wählt ha­ben. Spä­ter Austs Geg­ner­schaft zu Schrö­der. Al­les un­in­ter­es­sant. Mich wun­dert es im­mer noch, dass rd. 700.000 Ex­em­pla­re Wo­che für Wo­che ver­kauft wer­den. Aber viel­leicht nur, um in den U-Bahn oder im Zug da­mit an­zu­ge­ben.

    Staat­li­che För­de­rung für Pres­se (oder, wie es in D ist, in­di­rekt für Ra­dio und Fern­se­hen), ist m. E. auch schlecht. Es er­zeugt Ab­hän­gig­kei­ten, be­för­dert den Klün­gel, grenzt aus, usw. Wer das Pres­se­ster­ben be­klagt, soll­te sich ein­mal in ei­ne Bahn­hofs­buch­hand­lung be­ge­ben. Das, was dort an ei­nem Tag an Zei­tun­gen, Ma­ga­zi­nen und Zeit­schrif­ten aus­liegt, kann man nicht in ei­nem Jahr le­sen, be­haup­te ich mal. Na­tür­lich ist mehr als die Hälf­te da­von über­flüs­si­ges Zeug, aber es wird ja noch ge­druckt und folg­lich muss es Käu­fer ge­ben. Die Ta­ges­zei­tung, die sich auf die Ver­brei­tung von Nach­rich­ten kon­zen­triert, hat na­tür­lich längst ver­lo­ren.

  17. So­wohl Ka­ra­sek als auch Ma­tus­sek hat­ten Le­se­rin­nen, die ih­ren Emp­fe­lun­gen ge­folgt sind – und zwar mas­sen­haft. Die Buch­händ­le­rin­nen lau­er­ten dar­auf und be­stell­ten blind, wenn die bei­den was emp­fah­len. – Und was die emp­foh­len ha­ben, war weiß Gott nicht ím­mer schlecht.
    Schön, dass Sie an Ka­ra­seks Kem­pow­ski-Ver­tei­di­gung er­in­nern. Ei­ne Spie­gel-Glanz­tat war auch der – um­strit­te­ne – (und ge­kürz­te) Vor­ab­druck von En­zens­ber­gers über­ra­gen­der Auf­satz­samm­lung »Ver­su­che über den Un­frie­den« – gibts im­mer noch für 12 Eu­ro bei Suhr­kamp, soll­te man mei­ner An­sicht nach le­sen. Lohnt sich.

    Ich er­in­ne­re mich an ei­ne Dis­kus­si­on mit Wil­helm Ge­n­azi­no, kurz be­vor das Li­te­ra­ri­sche Quar­tett sich sei­ner an­nahm – der war schon fast ver­zagt und mut­los, was sei­ne Zu­kunft als Schrift­stel­ler an­ging. Doch dann: Gings über Nacht berg­auf! Das sind schon dol­le Gschich­ten. Man soll nicht ge­ring von ih­nen spre­chen.

    Dann ist da Ro­main Leick, dem in den letz­ten Jah­ren im Spie­gel dol­le In­ter­views ge­lun­gen sind – mit Em­ma­nu­el Todd, mit Mi­chel Hou­ellebecq, mit Ca­the­ri­ne Mil­let – eins mit Mil­let als es wg. »me-too« ge­gen Ca­the­ri­ne De­neuve ging, von we­gen, sie sei nun auch da­für, dass Frau­en ver­ge­wal­tigt wür­den (schrieb Jürg Alt­wegg in der FAZ!) – und dann die Mil­let: Staub­trocken und auf den Punkt ge­gen die­se Ent­lar­vungs-Hy­ste­rie im Spie­gel: Das war schon toll.

    Und heu­te? Heu­te walzt El­ke Schmit­ter – zum wie­viel­ten Mal? – aus, dass es kei­ne Men­schen­ras­sen ge­be (kei­ne ge­ne­ti­schen Un­ter­schie­de...) und kei­ne un­ter­schied­li­chen grup­pen­spe­zi­fi­schen Ver­hal­tens­wei­sen von Men­schen, und dass je­der so­zia­le Kon­flikt auf fal­schen Kon­struk­tio­nen (=fal­schen An­sich­ten) über un­se­re Welt be­ru­he, und folg­lich auch – nicht zu­letzt mit Hil­fe Til Schwei­gers – ge­löst wer­den kön­ne, wenn man sich nur zu­sam­men­rei­ße und fest ent­schlos­sen sei, gut zu­ein­an­der zu sein. Erich Wie­de­mann meint, dass die­se Idee un­ter Brink­bäu­mer erst rich­tig Platz ge­grif­fen ha­be und die Re­dak­ti­on nun weit­ge­hend be­herr­sche. Der Wind von au­ßen wird rau­her, al­so ku­schelt man sich in der Ra­dak­ti­on en­ger zu­sam­men. Re­sul­tat, so Wie­de­mann: Die Men­ta­li­tät ei­ner Krab­bel­grup­pe ha­be sich im Spie­gel breit­ge­macht. Das trifft sich mit Sie­fer­les wie­der­holt vor­ge­brach­ter Be­mer­kung ei­ner spür­ba­ren Ver­kind­li­chung des öf­fent­li­chen Dis­kur­ses. Sie­fer­le hat – post mor­tem – in die­ser Sa­che 2018 Schüt­zen­hil­fe be­kom­men von den bei­den er­heb­li­chen so­ziaal­psy­cho­lo­gi­schen Ken­nern Greg Lu­kian­off und Jo­na­than Haidt: »The Coddling of the Ame­ri­can Mind« – Schnee­flocken all­über­all, und da­zwi­schen Til Schwai­ger als de­ren neu­er Held.

    ‘Die Knud­de­lung des ame­ri­ka­ni­schen Gei­stes’ wä­re mein Über­set­zungs­vor­schlag für den Ti­tel von Lukianoff/Haidt. Die NZZ hat üb­ri­gens – ganz schön auf Zack, wie so oft, letz­tes Jahr be­reits Aus­schnit­te aus die­sem Buch ab­ge­druckt.

    PS

    Oh nein, das da oben ist kei­ne Ka­ri­ka­tur der An­sich­ten von El­ke Schmit­ter, das stand am 8. Au­gust 2015 un­ter der Über­schrift »Was geht« aus ih­rer Fe­der auf S. 109 im Spie­gel.

    Er liegt vor mir, ich ha­be ihn auf­ge­ho­ben. Auch die Sa­che mit Til Schwei­ger steht ori­gi­nal da: »Til Schwei­ger hat nun an­ge­kün­digt, ein »Vor­zei­ge­heim« für Flücht­lin­ge in Ostero­de zu grün­den (..). Es könn­te ein klei­nes El Shatt dar­aus wer­den.« Frau Schmit­ter kommt schließ­lich auf Go­ril­las, In­sek­ten und Wa­le zu spre­chen und auf die Fra­ge, was uns Men­schen als Spe­zi­es so be­son­ders ma­che. Ih­re Ant­wort: »(...) dass wir in so­zia­len Fik­tio­nen le­ben. (...) Die Ge­schich­te, die wir uns er­zäh­len und an die wir glau­ben, schreibt un­ser Han­deln vor und macht dar­aus Wirk­lich­keit.« Und weil sie nicht ge­stor­ben ist, phan­ta­siert sie im­mer wei­ter, zu­sam­men mit ih­ren Spie­gel-Kol­le­gIn­nen Mink­mar, Amann (Me­la­nie und Su­san­ne), Ge­zer, Oehm­ke ... lau­ter ir­gend­wie ver­zau­ber­te We­sen aus der Zeit, als das Wün­schen noch ge­hol­fen hat. Ich hof­fe, das hört dann auch mal wie­der auf, denn es ist fürch­ter­lich un­er­gie­big. Und schon auch ge­fähr­lich – cf. Chri­sto­pher Clar­kes »Die Schlaf­wand­ler«.

  18. Zu #18 (Die­ter Kief): Sie schrei­ben »Dass die Ö-Pres­se­för­de­rung neu wä­re, ha­be ich nicht ge­sagt.«

    In Kom­men­tar #12 schrei­ben Sie: »[...] Die ört­li­che (grö­ße­re und rei­che­re, pri­va­te) Kon­kur­renz des Zür­cher Ta­ges-An­zei­gers hat via CEO 2017 er­klärt, mit ge­druck­ten oder on­line-Nach­rich­ten las­se sich kein Ge­schäft mehr ma­chen (»kein Geld mehr ver­die­nen«). [...] Dies ist die für den Jour­na­lis­mus nie­der­schmet­ternd­ste Nach­richt.«

    Im näch­sten Ab­satz steht dann fol­gen­des: »Der Wie­ner ‘Stan­dard’ und der dor­ti­ge ‘fal­ter’ ha­ben sich des­halb be­reits nach öf­fent­li­chen Gel­dern aus­ge­streckt (der­zeit wohl noch Erd­nüss­le – so ca. 1 Million/Jahr, aber: Wer weiß, was die Zu­kunft bringt?!)«

    Da­mit sug­ge­rie­ren Sie, dass Stan­dard und Fal­ter erst seit kur­zem Pres­se­för­de­rung be­zie­hen, oder es über­haupt erst vor­ha­ben. Und das ist nach­weis­lich falsch. Des­halb mein Hin­weis, dass staat­li­che Gel­der für Zei­tun­gen in Öster­reich nichts Neu­es sind (das be­deu­tet nun nicht, dass ich die­se Zah­lun­gen be­für­wor­te). — Al­les klar?

  19. @Dieter Kief
    Un­ter Ka­ra­sels Ägi­de wur­den Aus­schnit­te aus dem Wan­de­rungs- und Bür­ger­kriegs-Es­say von En­zens­ber­ger ab­ge­druckt, die dann spä­ter in den von Ih­nen zi­tier­ten Sam­mel­band über­nom­men wur­den. Ob es sein ver­dienst war, weiß ich nicht.

    Dass die Welt auf Ka­ra­seks Tips ge­war­tet hät­te, ist mir ent­gan­gen. Im Li­te­ra­ri­schen Quar­tett wa­ren es Reich-Ra­nicks Lo­be (oder Ver­ris­se), die für Stür­me in den Buch­hand­lun­gen sorg­ten. Wink­lers »Fried­hof der bit­te­ren Oran­gen« war schon am näch­sten Tag aus­ver­kauft; der Ver­lag brauch­te ei­ne Wo­che zum Nach­drucken. Über wei­te­re Wir­kun­gen ist nichts be­kannt. – Bei Ma­tus­sek war ich dann schon weg (ob­wohl ich sein Buch über den Ka­tho­li­zis­mus moch­te).

    Die schwin­den­de Kraft des Kul­tur­teils des Spie­gel geht na­tür­lich ein­her mit der sich im­mer mehr fort­schrei­ten­den Be­deu­tungs­lo­sig­keit des Feuil­le­tons an sich.

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