Da­vid Fo­ster Wal­lace: Der blei­che Kö­nig

David Foster Wallace: Der bleiche König

Da­vid Fo­ster Wal­lace:
Der blei­che Kö­nig

Wo Jo­han­nes Ja­ko­bus Vo­s­kuil mit sei­ner Fi­gur Maar­ten Ko­ning in »Das Bü­ro« den Bü­ro­an­ge­stell­ten der 1950er Jah­re be­schrieb(?), er­zähl­te(?) oder ein­fach nur dar­stell­te und vor al­lem bei den Kri­ti­kern auf Wohl­ge­fal­len oder so­gar Be­gei­ste­rung stieß für die ein Bü­ro schon im­mer ein ex­ter­ri­to­ria­ler Un-Ort und Brut­stät­te der grau­en Unter­durchschnittlichkeit gilt und die Kaf­ka-, Bart­le­by­/­­Mel­vil­le-, Ab­schaf­fel/­Ge­n­azi­no-, Händ­ler- oder Strom­berg-Al­le­go­ri­en nur so aus den Zei­len pur­zeln, wo al­so das Vor-Ur­teil im­mer ei­ne gu­te drei­vier­tel Län­ge Vor­sprung vor der Er­fah­rung hat und nie­mals ein­ge­holt wer­den kann, kommt na­tür­lich auch ein Buch wie »Der blei­che Kö­nig« von Da­vid Fo­ster Wal­lace mit ent­spre­chen­den Vor­schuss­lor­bee­ren in die Ka­min­zim­mer des deut­schen Li­te­ra­tur­rich­ter­we­sens. Nichts lie­ber, als die ei­ge­nen Res­sen­ti­ments wenn mög­lich wort­ge­wal­tig und mit der un­ver­meid­li­chen Por­ti­on Iro­nie be­stä­tigt zu fin­den. Bei Wal­lace kom­men noch zwei »Vor­zü­ge« hin­zu, die na­he­zu un­schlag­bar sind und im­mer Ge­währ für Auf­merk­sam­keit ge­bie­ten: Er ist tot (wei­te­rer Un­ter-Plus­punkt: Frei­tod) und er ist bzw. war Ame­ri­ka­ner. Aber dann bleibt der all­zu gro­ße (Begeisterungs-)Sturm aus. War­um? Dar­auf wird noch ein­zu­ge­hen sein.

Zu­nächst: Wie wei­land An­dre­as Mai­er, der zur Re­zen­si­on von Gün­ter Grass’ »Die Box« frei­mü­tig be­kann­te, vor die­sem noch nie ein Buch von Grass ge­le­sen zu ha­ben, so ge­ste­he ich dies in Be­zug auf Da­vid Fo­ster Wal­lace und dem »blei­chen Kö­nig«. Nun bin ich na­tür­lich nicht An­dre­as Mai­er und möch­te mich auch nicht mit ihm ver­glei­chen, aber es kann schon manch­mal ein Vor­zug sein, ei­nen Schrift­stel­ler zum er­sten Mal zu le­sen. Die Fah­nen zum »blei­chen Kö­nig« er­reich­ten mich nur durch ei­nen Zu­fall: ich wur­de ein­ge­la­den, am »So­ci­al Rea­ding« des Ver­lags teil­zu­neh­men, was mir selbst­ver­ständ­lich un­mög­lich war, denn ich kann nicht in Ge­mein­schaft und/oder in vor­ge­fass­ten Por­tio­nen le­sen und trotz­dem war der Ver­lag so freund­lich mir ein Pa­ket mit lo­sen Blät­tern zu schicken (das Buch lässt im­mer noch auf sich war­ten; ver­mut­lich spart man sich das bei zwie­lich­ti­gen Online­schreibern, was be­deu­tet, dass ich die Text­stel­len in den Fah­nen, die mit schwar­zen Qua­dra­ten statt Buch­sta­ben ver­se­hen sind, nie wer­de nach­le­sen kön­nen). Die Ent­scheidung, nicht teil­zu­neh­men, war rich­tig, denn die Teil­neh­mer, die schrei­ben­den Le­ser der Sei­te waren/sind aus­ge­spro­che­ne Wal­lace-Ex­per­ten und –Ex­ege­ten und sie le­sen dann im­mer die gan­zen an­de­ren Bü­cher von Wal­lace so­fort mit, ent­decken Ver­knüp­fun­gen und dies oft vor der Be­schäf­ti­gung mit dem ei­gent­li­chen Ge­gen­stand (vul­go: Ro­man), was kein Vor­wurf ist son­dern was ich sel­ber ken­ne, wenn ich beispiels­weise Bü­cher von Pe­ter Hand­ke, Jo­sef Wink­ler, Rai­ner Ra­bow­ski oder Mar­tin von Arndt le­se.

Al­so auf ins Ge­tüm­mel und früh zeigt sich, dass man die we­ni­gen Hin­wei­se des Über­set­zers Ul­rich Blu­men­bach zu Be­ginn dann wi­der Er­war­ten doch ganz nütz­lich fin­det, ob­wohl sich ja ein Ro­man ei­gent­lich oh­ne sol­che Hin­wei­se ver­ste­hen müss­te, aber Wal­lace hat das Buch nicht zu En­de ge­bracht, wähl­te den Frei­tod und da­mit han­delt es sich um ein un­voll­ende­tes Frag­ment, was man am En­de von Wal­laces Freund und Ver­le­ger Mi­cha­el Pietsch ein­dringlich er­klärt be­kommt. Pietsch räumt ein, kor­ri­gie­rend ein­ge­grif­fen zu ha­ben; ei­ni­ge Ka­pi­tel, die nicht be­en­det bzw. ver­wor­fen wur­den, wer­den in klei­ne­rer Schrift (war­um?) als ei­ne Art Epi­log ab­ge­druckt, wo­bei nicht klar ist, ob es al­le un­be­ar­bei­te­ten Ka­pi­tel sind oder ei­ne Aus­wahl des Ver­le­gers.

»Der blei­che Kö­nig« ist ne­ben vie­lem an­de­ren auch ei­ne Zeit­rei­se, es spielt Mit­te der 1980er Jah­re, ge­nau­er ge­sagt 1985, wo­bei es durch­aus Rück- und auch Vor­blen­den gibt, vor al­lem in die Kind­heit und Ju­gend ei­ni­ger Prot­ago­ni­sten, die dann spä­ter fast al­le (im­mer nur: fast) An­ge­stell­te der US-ame­ri­ka­ni­schen Bun­des­steu­er­be­hör­de »In­ter­nal Re­ve­nue Ser­vice« wer­den und ex­akt um die­se IRS dreht sich die­ses Buch, spe­zi­ell um ih­re Fi­lia­le im Mitt­le­ren We­sten, in Peo­ria, Il­li­nois, ei­ner Pro­vinz­stadt, die mehr oder we­ni­ger von die­ser Be­hör­de exi­stiert. Das Per­so­nal des Ro­mans ist aus­la­dend und man ist gut be­ra­ten, sich ei­ne Li­ste der Fi­gu­ren an­zu­le­gen, die oft (aber nicht im­mer) im Lau­fe des Bu­ches wie in ei­nem Me­mo­ry-Spiel plötz­lich wie­der auf­tau­chen und sei es auch nur als Ne­ben­dar­stel­ler. Es be­ginnt mit Clau­de Syl­vans­hi­ne, der mit dem Flug­zeug nach Peo­ria reist. Er ist – das wird der Le­ser spä­ter noch be­mer­ken – ein »Fak­ten­se­her« mit ei­nem »Teil­zeit­le­ben in ei­ner Welt wi­der­spen­sti­ger, schwä­ren­der De­tails«, ein Lei­den­der, der al­les auf­saugt wie ein Schwamm bzw. as­so­zi­iert und da­bei mehr als nur ein­mal vom We­sent­li­chen ab­zu­kom­men droht. Gran­di­os die­se Schil­de­rung der über­fall­ar­tig auf­kommenden »Lock­vö­gel, die ins Nichts füh­ren«, et­wa das Nach­den­ken über »die Zahl der Gras­hal­me im Gar­ten vor dem Haus des ei­ge­nen Post­bo­ten«, das Re­ka­pi­tu­lie­ren über das »me­tri­sche Ge­wicht al­ler Flu­sen in al­len Ho­sen­ta­schen al­ler Men­schen in der Stern­warte von Fort Da­vis, Te­xas, an je­nem Tag des Jah­res 1974, an dem ei­ne an­ge­kün­dig­te Son­nen­fin­ster­nis von Wol­ken ver­deckt wur­de« oder das »durch­schnitt­li­che Molekular­gewicht von Torf«. Schnitt. Es gibt es ei­ne Kin­der­ge­schich­te über den ab­so­lu­ten Al­tru­i­sten Leo Ste­cyk, der schon als Schü­ler mit ei­ner auf­dring­li­chen Gut­mü­tig­keit und mit sal­ben­den Wor­ten den Mit­schü­lern ver­zeiht, die ihn ver­prü­gelt ha­ben, je­den ein­zel­nen be­sucht und ihm sein Ver­zei­hen noch er­klärt und sich dann wun­dert, wenn von den 322 Ein­la­dun­gen zum Ge­burts­tag nur neun Per­so­nen kom­men. Vie­le Ka­pi­tel spä­ter taucht die­ser Leo wie­der auf – er ist stell­ver­tre­ten­der Per­so­nal­chef, aber ir­gend­wie auch mehr. In ei­nem im An­hang auf­ge­führ­ten, von Wal­lace ver­wor­fe­nen Ka­pi­tel, heißt es über Leu­te wie Ste­cyk und de­ren Af­fi­ni­tät, in ei­ner sol­chen Be­hör­de zu ar­bei­ten: »Die pa­tho­lo­gisch Net­ten bil­den den ei­nen Grund­typ, der zum IRS gra­vi­tiert, weil es so ein trost­lo­ser, un­be­lieb­ter Job ist – kei­ner dankt es ei­nem, was das Ge­fühl der Auf­op­fe­rung nur in­ten­si­viert«. Schnitt. Es gibt auch an­de­re Ty­pen, wie et­wa Da­vid Cusk, der seit sei­ner Ju­gend­zeit mit sei­nen »zer­rüttende[n] öffentliche[n] Schweißausbrüche[n]« kämp­fen muss, Aus­brü­che, die vor­zugsweise bei al­len un­pas­sen­den Ge­le­gen­hei­ten auf­tre­ten und der, was man nach­träglich re­kon­stru­iert, schon mit Clau­de im Flug­zeug saß. Schnitt. Die ehe­ma­li­ge Streu­ne­rin, die ih­re Mut­ter bei ei­nem bru­ta­len Mord ver­liert, fin­det eben­falls ei­ne An­stel­lung und als de­ren Me­mo­ry­kar­te von Wal­lace wie­der auf­ge­deckt wird, sucht man das Ge­gen­stück erst ein­mal ha­stig ei­ni­ge hun­dert Sei­ten zu­rück.

So lau­fen die schein­bar zu Be­ginn so dis­pa­ra­ten Er­eig­nis­se und Schil­de­run­gen al­le bei der IRS in Peo­ria zu­sam­men, aber auch das ge­schieht nicht wohl ge­ord­net und pa­ri­tä­tisch und man­che Fi­gur, die viel­ver­spre­chend ein­ge­führt wird, taucht im spä­te­ren »Bürokraten­gewimmel« nie mehr auf. Auch wech­seln sich Ka­pi­tel von ei­ner hal­ben oder ei­nen Sei­te mit el­len­lan­gen und zu­wei­len er­mü­den­den ab. Da er­zählt im Rah­men ei­ner Art Mitarbeiter­befragung (in­sze­niert von Leo Ste­cyk) Chris Fog­le über ein­hun­dert­sie­ben Sei­ten über sei­ne Kind­heit und Ju­gend der 1970er Jah­re – aber in­mit­ten der beim Le­ser sich ein­stel­len­den Er­mü­dung wird im­mer­hin ein Zeit- und Sit­ten­bild des ame­ri­ka­ni­schen Mit­tel­stands in der Pro­vinz ge­lie­fert. Ge­gen En­de gibt es ein 79seitiges Ka­pi­tel, wel­ches im Gro­ßen und Gan­zen aus ei­nem Dia­log zwi­schen Sha­ne Dri­ni­on und Mer­edith Rand im Meibeyer’s be­steht, ei­nem (fik­ti­ven) Hap­py-Hour-Fei­er­abend­lo­kal in Peo­ria, wel­ches von et­li­chen IRS-Mit­ar­bei­tern auf­ge­sucht wird, wo­bei Sha­ne sich als eher ge­fühl­los-kau­zi­ger Jung­geselle zeigt, wäh­rend die schö­ne »Sah­ne­schnit­te« Mer­edith nass­forsch und spöt­tisch sich aus­ge­rech­net die­sem Sha­ne of­fen­bart und suk­zes­si­ve ih­re Ehe­pro­ble­me mit dem an­geb­lich schwer­kran­ken Ed­ward aus­brei­tet, den sie mehr aus Mit­leid und in Er­war­tung ei­nes bal­di­gen To­des ge­hei­ra­tet hat­te, der sich aber nun nicht ein­stellt. Be­mer­kens­wert in die­sem Ka­pi­tel ist we­ni­ger das Ge­sag­te als die lau­fen­den Ein­schü­be, die er­zäh­len, wie Sha­ne im­mer ein biss­chen mehr von sei­nem Stuhl le­vi­ta­ti­ons­ar­tig zu schwe­ben be­ginnt, was – wel­che Über­ra­schung – we­der Mer­edith noch die Kol­le­gen be­mer­ken, die sich lie­ber ein Base­ball­spiel im Fern­se­hen an­se­hen. Ge­gen En­de sind es 4,45 cm, die Shanes Ge­säß von der Sitz­flä­che des Stuhls trennt. Vor al­lem von die­sem Ka­pi­tel, wel­ches vielver­sprechend be­ginnt, wird man mit der Zeit ei­ni­ger­ma­ßen ent­täuscht, da die Aus­for­mung der Cha­rak­te­re (so­wohl der bei­den di­rekt Be­tei­lig­ten als auch von Mer­edith’ Ehe­mann, der zum Ge­gen­stand des Ge­sprächs wird) nicht fort­schrei­tet, viel­leicht aber auch, weil die Er­war­tung des Le­sers (ra­di­ka­ler Ehe­ein­blick und/oder hei­ßer Flirt mit dem Kauz) ein­fach nur aus­bleibt und das Ge­spräch in et­wa so ver­läuft, wie sol­che Ge­sprä­che auch im »rich­ti­gen Le­ben« ver­lau­fen – näm­lich ins Nichts, in Un­ver­bind­lich­kei­ten und die schein­bar in­ti­me At­mo­sphä­re ver­flüch­tigt sich ge­ra­de als es be­gin­nen könn­te in­ter­es­sant wer­den zu Gun­sten des all­ge­mei­nen Small­talk, nur das im »rich­ti­gen Le­ben« nie­mand vor ge­spann­ter Auf­merk­sam­keit oder was auch im­mer auf sei­nem Stuhl zu schwe­ben be­ginnt. Schwe­ben­der statt ma­gi­scher Rea­lis­mus.

Nicht aus­zu­den­ken, was Wal­lace da noch ge­stri­chen, ver­än­dert, ein­ge­fügt und wie er wei­ter­ge­schrie­ben hät­te. In­ten­siv ge­lan­gen ihm die Ka­pi­tel, in de­nen es um die trocke­nen, sprö­den Ar­beits­ab­läu­fe, die Re­geln des For­mu­lar­we­sens nebst Aus­nah­men und die in­ner­be­hörd­li­chen In­ter­ak­tio­nen und Kom­mu­ni­ka­tio­nen geht und das »Dienst­welsch« nicht nur in den Dia­lo­gen be­stim­mend wird. So wer­den die Mit­ar­bei­ter zu­sätz­lich zu ih­ren Na­men mit ih­rer Ge­halts- bzw. Be­sol­dungs­grup­pe ver­se­hen wie Sol­da­ten in ei­ner Ar­mee mit ih­rem Dienst­grad. Zum Teil ex­zes­siv wird da in die Ma­te­rie des ame­ri­ka­ni­schen Steu­er­rechts ein­ge­drun­gen und bei der Lek­tü­re er­in­nert man sich manch­mal dar­an, dass von so­ge­nann­ten Ex­per­ten das deut­sche Steu­er­recht als we­sent­lich kom­pli­zier­ter bzw. kom­ple­xer be­trach­tet wird, was in An­be­tracht des­sen, was man dort über das ameri­kanische Steu­er­we­sen der 1980er Jah­re liest, merk­wür­dig an­mu­tet, aber dann spie­len die po­li­ti­schen Im­pli­ka­tio­nen hin­ein: Die­se 1980er Jah­re sind der Be­ginn des Markt- bzw. Wirt­schafts­li­be­ra­lis­mus, Rea­gan ist Prä­si­dent und die gra­vie­ren­den, po­li­tisch mo­ti­vier­ten Än­de­run­gen ste­hen wo­mög­lich un­mit­tel­bar be­vor. Ins­be­son­de­re hier­auf wä­re der Ro­man si­cher­lich noch zu­rück­ge­kom­men: Von die­ser Zeit an nahm nicht nur die Steu­er­po­li­tik in den USA ei­ne Wen­de, de­ren Fol­gen (durch­aus zu­nächst neu­tral ge­meint) bis zum heu­ti­gen Ta­ge bis weit über de­ren Lan­des­gren­zen hin­aus wir­ken.

So wird auch noch das Loch­kar­ten­sy­stem der IRS um­ge­stellt, was ei­nen nicht ge­rin­gen Auf­wand be­deu­tet und mehr­mals schim­mert durch, dass im dann fol­gen­den, näch­sten Schritt dar­auf hin­ge­ar­bei­tet wer­den soll, dass die ein­fa­che­ren Ar­bei­ten mehr und mehr von Ma­schi­nen, d. h. Com­pu­tern über­nom­men wer­den soll, die ent­spre­chend auf die For­mu­la­re pro­gram­miert wer­den. Die gan­zen Prü­fungs­vor­gän­ge, die noch von Men­schen vor­ge­nom­men wer­den, wä­ren dann au­to­ma­ti­siert. Wer – falls vor­han­den – auf sei­ne ei­ge­ne Er­werbs­bio­gra­fie in die­ser Zeit zu­rück­blickt, wird nach­träg­lich den sich auf ver­schie­de­ne Art und Wei­se an­kün­di­gen­den Epo­chen­wan­del aus­ma­chen, der sich in Deutsch­land et­was spä­ter er­eig­ne­te, aber schlei­chend und fast un­be­merkt von stat­ten ging (wie fast al­le wirk­li­chen Re­vo­lu­tio­nen, die dau­er­haf­te und un­wi­der­ruf­li­che Ver­än­de­run­gen er­zeu­gen und die ja nur ganz sel­ten ruck­ar­tig und af­fek­tiv er­fol­gen).

Wal­lace zieht nicht un­char­mant et­li­che li­te­ra­tur­theo­re­ti­sche Ka­nin­chen aus dem Zy­lin­der: Das Spiel mit den Zei­ten wur­de schon er­wähnt. Auch die Fi­gu­ren, die man zum Teil nur durch den Sprach­duk­tus iden­ti­fi­zie­ren muss (bei­spiels­wei­se wird ei­ne Per­son so­fort auf­fäl­lig und ver­folg­bar, die in schät­zungs­wei­se je­dem drit­ten Satz die Phra­se »so die Schie­ne« ein­fügt wie das Kli­schee es bei Schwei­zern mit ih­rem »odr?« vor­sieht), sind trotz des ge­le­gent­li­chen Hangs zur Gro­tes­ke kom­plex an­ge­legt und bie­ten Ex­ege­ten man­nig­fal­tig Mög­lich­kei­ten zu aus­gie­bi­gem Theo­re­ti­sie­ren und Re­flek­tie­ren. Wal­lace ver­legt ger­ne und zahl­reich dop­pel­te Bö­den, die häu­fig ge­nug tra­gen. Et­wa wenn ein An­ge­stell­ter von ei­nem an­ge­ket­te­ten Hund er­zählt, der, in dem er sich aus frei­en Stücken auf ein Ge­biet be­schränkte, dass nicht den ge­sam­ten Ra­di­us der Ket­te um­fass­te, sei­ne Wür­de wie­der er­lang­te. »Au­ßer­halb die­ses Ge­biets«, das er sich sel­ber ab­steck­te, »in­ter­es­sier­te ihn nichts. […] Al­so nahm er die Ket­te nie zur Kennt­nis. Er hass­te sie nicht. Die Ket­te. Er hat­te sie ein­fach un­wich­tig ge­macht. […] Er hat­te ganz ei­ge­ne Macht. Sein gan­zes Le­ben an die­ser Ket­te.«

Ge­le­gent­lich mel­det sich aus dem Jahr 2005 ein Ich-Er­zäh­ler, ein ge­wis­ser Da­vid Wal­lace, der eben­falls da­mals für kur­ze Zeit in die­se Be­hör­de ein­trat, da­von aus­gie­big und -ufer­nd mit ex­zes­si­ven Fuß­no­ten be­rich­tet, et­wa wie er von ei­ner Frau emp­fan­gen wird (im Gegen­satz zu den an­de­ren, zahl­rei­chen An­kom­men­den), so­gar ei­nen Fel­la­tio von der Ab­ho­le­rin er­hält, al­le Schlan­gen um­geht bzw. vor­ge­las­sen wird und schließ­lich in ei­nem Kol­le­gen­feld von lau­ter hoch do­tier­ten Steu­er­prü­fungs-Ex­per­ten ge­rät, bis ihm lang­sam klar wird, dass es sich um ei­ne Na­mens­ver­wechs­lung mit ei­nem an­de­ren Da­vid Wal­lace han­delt was dann da­zu führt, das der Er­zäh­ler Wal­lace das Na­men­er­ken­nungs­sy­stem der Be­hör­de auf das Aus­führ­lich­ste be­schreibt und die Un­zu­läng­lich­kei­ten die­ses Pro­gramms deut­lich her­vor­hebt. Und die­ser Wal­lace er­zählt dann auch was das vor­lie­gen­de Buch ei­gent­lich ge­nau ist, näm­lich »ei­ne nicht fik­tio­na­le Au­to­bio­gra­fie mit Ein­spreng­seln aus re­kon­struk­ti­vem Jour­na­lis­mus, Or­ga­ni­sa­ti­ons­psy­cho­lo­gie, ele­men­ta­rer Staatsbürger­kunde, Steu­er­theo­rie, usw«.

Nein, ich möch­te nicht in den Chor der­je­ni­gen ein­stim­men, die »Der blei­che Kö­nig« lang­wei­lig oder pas­send spie­ßig zur Ma­te­rie fin­den. Ja, es steht ir­gend­wo, dass Lan­ge­wei­le aus­zu­hal­ten der Schlüs­sel der Bü­ro­kra­tie sei und die von Ver­tei­di­gern ge­le­gent­lich vor­ge­brach­te The­se, dass ge­ra­de im Er­zeu­gen der Lan­ge­wei­le die­se be­son­ders pla­stisch wird und da­her das Er­zeu­gen von Lan­ge­wei­le vom Au­tor ge­ra­de­zu be­ab­sich­tigt war, fin­de ich eher mit­tel­mä­ßig. Auch den Lo­ben­den, die ob der zu­wei­len über­bor­den­den Termino­logie des Bu­ches (der ech­te Da­vid Fo­ster Wal­lace hat wohl tat­säch­lich Se­mi­na­re be­sucht, um die­ses Steu­er­sy­stem zu ver­ste­hen) ih­re Gunst et­was vor­ei­lig ver­tei­len, fol­ge ich nicht.

Der Le­ser soll­te nicht vor­ei­lig vor den zu­wei­len reich­lich aus­ge­walz­ten Fach­ter­mi­ni die Waf­fen strecken (ein­fach wei­ter­le­sen!) und aus der Tat­sa­che, dass das Buch in den 80ern an­ge­sie­delt ist, kei­ne fal­schen Schlüs­se zie­hen. Die im Sub­text be­schrie­be­nen so­zia­len In­ter­ak­tio­nen, Fir­men­prä­sen­ta­tio­nen und in­ner­be­trieb­li­chen Seil- und Feind­schaf­ten könn­te man sich so auch heu­te noch sehr gut vor­stel­len, dar­an dürf­te sich im Kern nichts ver­än­dert ha­ben. Die Be­hör­de wird, wie man nach und nach er­fährt, eben auch zu ei­ner Art Sam­mel­punkt für Leu­te mit merk­wür­dig an­mu­ten­den ko­gni­ti­ven, so­zia­len oder son­sti­gen Fä­hig­kei­ten. Die IRS bie­tet An­ony­mi­tät und Ge­mein­schaft, Hier­ar­chie und Si­cher­heit. Man er­hält bei An­stel­lung ei­ne neue So­zi­al­ver­si­che­rungs­num­mer be­gin­nend mit ei­ner »9«, die man Zeit sei­nes Le­bens be­hält und wie ein Stig­ma als Mit­ar­bei­ter der Be­hör­de aus­wei­sen wird und das auch, wenn man längst an­der­wei­tig be­schäf­tigt wind. Die Fi­gu­ren sel­ber fach­sim­peln in ih­rer ganz ei­ge­nen Be­flis­sen­heit auch noch in den spär­li­chen aber ge­nau fest­ge­leg­ten Pau­sen und in Kan­ti­nen­run­den über pro­gres­si­ve Mehrwertsteuer­sätze, Be­ar­bei­tungs­quo­ten, Haf­tungs­aus­schlüs­se oder ver­än­der­te For­mu­la­re mit ent­spre­chend neu zu be­ach­ten­den Zif­fern (6c und 6d statt frü­her 5c und 5d) und se­hen sich als »Cow­boys von heu­te«, die für das Ge­mein­wohl Steu­er­erklä­run­gen über­prü­fen.

Da­bei kommt die­ser po­ly­pho­ne, ge­le­gent­lich eben ka­ko­pho­ne Ro­man­kos­mos oh­ne Kaf­ka-Blei­we­ste, pla­ka­ti­ver Ka­pi­ta­lis­mus­kri­tik oder Adam Smith’ Ge­sell­schafts- und Staats­entwurf aus. Weit und breit kei­ne Dys­to­pie, die ei­ne Welt­herr­schaft fin­ste­rer Ärmel­schonerträger vor­be­rei­tet. Auch die Chefs, die Wal­lace auf­lau­fen lässt, sind fast al­le fach­lich fä­hi­ge Köp­fe. Von so­zi­al­ro­man­ti­schem Kitsch mit Mob­bing-, Streß- und an­de­ren, wil­li­gen Op­fern und all den Kli­schees über die Tri­stesse des An­ge­stell­ten­da­seins und der geist­tötenden Mo­no­to­nie des Bü­ro­all­tags bleibt der Le­ser ver­schont. Kurz ge­sagt al­so: Ein Glücks­fall, da sämt­li­che aus­ge­tre­te­nen We­ge nicht be­gan­gen wer­den. Da­für nimmt man man­chen Tram­pel­pfad ger­ne in Kauf und lernt schrä­ge Per­so­nen ken­nen, die mit ih­rer »fo­ren­si­schen Buch­prü­fung« in ei­ner ganz ei­ge­nen Welt zu le­ben schei­nen. Das al­les ist ei­ne Mi­schung aus Dil­bert-Co­mics, Bret Easton El­lis (frei­lich oh­ne Mas­sen­mör­der), ei­ner Pri­se Lo­ri­ot, Tho­mas Bern­hard und vor al­lem ganz viel ame­ri­ka­ni­scher Se­rie­n­ä­s­the­tik, die in den 80er Jah­ren be­gann und in­zwi­schen längst als neue Er­zähl­kunst des 21. Jahr­hun­derts ge­fei­ert wird. Es gibt vie­le, viel­leicht zu vie­le Stel­len, die un­fer­tig, über­flüs­sig oder ein­fach nur red­un­dant da­her­kom­men und an Clau­de Syl­vans­hi­nes Fak­ten­hu­be­rei er­in­nern. Hat man sich je­doch erst ein­mal auf Zeit und Ge­gen­stand ein biss­chen ein­ge­las­sen und ein gut funk­tio­nie­ren­des Per­so­nen­ver­zeich­nis an­ge­legt, kann man die­ses Buch durch­aus ge­nie­ßen.

Und der Ti­tel? Wer ist der »blei­che Kö­nig«? Ist es Mer­edith’ Mann, der »blei­che Ed­ward«, der Kränk­li­che, der da­mit zur Al­le­go­rie wür­de? Viel­leicht ist es ei­ne Me­ta­pher für die all­gegenwärtige und not­wen­di­ge Vor­schrif­ten- und Re­gel-Bü­ro­kra­tie, die so­wohl her­risch als auch sprö­de da­her­kommt mit ih­ren chlor­ge­bleich­ten For­mu­la­ren da­her­kommt? Oder ei­ne selbst­iro­ni­sche An­spie­lung des Au­tors auf sich und/oder sein Opus? Und wäh­rend man dar­über grü­belt, ist man wie­der mit­ten­drin…

Dieser Beitrag wurde unter Literatur abgelegt und mit , verschlagwortet. Permalink zum Artikel

8 Kommentare zu »Da­vid Fo­ster Wal­lace: Der blei­che Kö­nig«:

  1. Sophie sagt:

    Ich er­in­ne­re mich noch dun­kel, was mich blut­jung an den be­sten Ro­ma­nen fas­zi­niert hat. Es war ei­ne phan­ta­sti­sche Rei­se durch ein Wurm­loch, das sich schein­bar nach au­ßen öff­net, auf ei­ner rou­te ima­gin­aire. Da­bei konn­te man er­staun­li­che Leu­te ken­nen ler­nen und wur­de vom be­glei­ten­den Er­zäh­ler noch kennt­nis­reich über die Welt und ih­re Be­woh­ner i.a. in­for­miert.

    Letz­te­res scheint Wal­lace zu lei­sten, man er­fährt ei­ne Men­ge über das ame­ri­ka­ni­sche Steu­er­recht. Ein in­ter­es­san­tes The­ma, viel­fach un­ter­schätzt. Aber was ist mit den er­staun­li­chen Leu­ten?!– Ich ha­be noch nicht viel ge­le­sen von Wal­lace, aber mir scheint, die lässt er weg. Mir per­sön­lich nimmt das viel von der Freu­de, denn auch auf ima­gi­nä­ren Rei­sen (zu­mal in Wirk­lich­keit) möch­te man be­son­de­re Men­schen ken­nen ler­nen. Es gibt nur Steck­brie­fe, Kli­schees, Ma­rio­net­ten.
    Ich möch­te mal be­haup­ten, Wal­lace glaubt nicht an sei­ne Fi­gu­ren. Er macht sich höch­stens über sie lu­stig. Da fehlt die Lie­be... Und, weil wir schon da­von re­den: da fehlt der Sex!

    #1

  2. Ein­spruch! Die Leu­te kom­men ja vor; der Mensch, der un­ter die­sem schreck­li­chem Fak­ten­se­hen lei­det. Den wür­de ich schon ger­ne ken­nen­ler­nen. Oder Leo, der al­tru­isti­sche Schü­ler, der dann Per­so­nal­chef wird und auch dort al­les rich­tig ma­chen will. Oder der Schwit­zen­de. Und all die an­de­ren. Und nein: Er macht sich nicht über sie lu­stig; die­sen Ein­druck hat­te ich kei­nes­falls. Er über­zeich­net viel­leicht, aber ge­ra­de in die­ser dem Rea­lis­mus ein biss­chen über­höh­ten Sicht­wei­se ist das Buch dann in­ter­es­sant.

    Lei­der kann man ja Wal­lace kei­nen Wunsch­zet­tel mehr schicken. Ob’s ihn in­ter­es­siert hät­te? (Hof­fent­lich nicht.)

    #2

  3. herr.jedermann sagt:

    Auch von die­sem Schrift­stel­ler ha­be ich noch nie et­was ge­le­sen ... und bin doch jetzt ziem­lich neu­gie­rig ge­wor­den!

    #3

  4. Bonaventura sagt:

    Ich fand es nur in ganz we­ni­gen Tei­le über­zeu­gend: http://www.vigilie.de/2013/david-foster-wallace-der-bleiche-koenig/

    #4

  5. Viel­leicht war ich auch ein biss­chen zu po­si­tiv, aber es ist sehr sel­ten, ei­nen wirk­lich gu­ten fik­tio­na­len Text über das Bü­ro- und An­ge­stell­ten­we­sen zu fin­den, der nicht ent­we­der sei­ne Fi­gu­ren bzw. das Um­feld lä­cher­lich macht oder vor gän­gi­gen Kli­schees nur so strotzt. Vor die­sem Hin­ter­grund schien mit Wal­lace’ Text min­de­stens ori­gi­nell, was na­tür­lich nicht zu­letzt ei­ni­gen gro­tes­ken und kar­ne­val­es­ken Ein­fäl­len ge­schul­det ist. Da­mit wird dann der auf­kom­men­de Rea­lis­mus ein biss­chen auf­ge­weicht. An­son­sten könn­te man ja auch gleich ei­nen Fern­seh­sen­der grün­den, der 24/7 ein­fach ein Bü­ro ab­filmt.

    #5

  6. Bonaventura sagt:

    Heut­zu­ta­ge wohl eher 8/5. Den­noch ent­sprä­che das den In­ten­tio­nen von Wal­lace viel­leicht ge­nau­er als sein ei­ge­ner Ro­man.

    #6

  7. die_kalte_Sophie sagt:

    @Georg
    Das mag stim­men, ein paar in­ter­es­san­te Ty­pen kom­men schon vor...
    Aaaaber: ei­ne in­ter­es­san­te Frau?! Ein Mann, der ei­ne in­ter­es­san­te Frau liebt?! Ei­ne Lie­be, die auch von Se­xua­li­tät ge­prägt ist, und ex­pli­zit be­schrie­ben wird?!
    Ich mei­ne nicht, dass es sich um (m)einen Wunsch­zet­tel han­delt, im Ge­gen­teil: ver­schärft zur Kri­tik wür­de ich sa­gen: Wal­lace hat ei­ne Sche­re im Kopf.
    Er schreibt wie vie­le ame­ri­ka­ni­sche Au­toren FÜR DEN ERFOLG in sei­nem kul­tu­rel­len Mi­lieu.
    Das ist nicht ein­fach künst­le­ri­sche Frei­heit. Das nennt man »spie­ßig«.

    #7

  8. Er­in­nert ein biss­chen an den Witz vom Ame­ri­ka­ner, der ein van-Gogh-Bild sieht und fragt, ob der Mann nicht auch was pas­send zur Woh­nungs­ein­rich­tung in blau ge­malt ha­be.

    #8