Da­ni­el Kehl­mann: Du hät­test ge­hen sol­len

Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen

Da­ni­el Kehl­mann:
Du hät­test ge­hen sol­len

Ein na­men­lo­ser Dreh­buch­schrei­ber fährt An­fang De­zem­ber mit Frau Su­san­na und der vier­jäh­ri­gen Toch­ter Esther in die Ber­ge. Sie ha­ben über AirB­nB ein Haus an­ge­mie­tet. Der Mann muss un­be­dingt die Fort­set­zung sei­ner er­folg­rei­chen Film­ko­mö­die schrei­ben; der Produ­zent sitzt ihm im Nacken. Er lebt mit sei­nen Fi­gu­ren Ja­na und El­la, ent­wirft al­ber­ne Dia­lo­ge, ba­stelt an Beziehungs­problemen. All dies fin­det sich in ei­nem Ta­ge­buch, in dem er ne­ben sei­nen Dreh­buch­ent­wür­fen un­ter­schieds­los auch pri­va­te Din­ge wie die di­ver­sen Strei­te­rei­en mit Su­san­na (die im­mer­hin, im Ge­gen­satz zu ihm, ir­gend­wann ein­mal stu­diert hat) oder die eher put­zig-hilf­lo­sen Dia­lo­ge mit Esther no­tiert.

So wird der Le­ser Zeu­ge des sich fül­len­den Ta­ge­buchs und zu­wei­len ver­schwim­men die Gren­zen zwi­schen Schrei­be­rei und re­al Er­leb­tem. Es ist fast ein Drit­tel der Er­zäh­lung vor­bei, als der Au­tor mit dem Au­to die Ser­pen­ti­nen­stra­sse hin­un­ter ins Dorf in den Ge­mischt­wa­ren­la­den fährt. Nein, es ist kein schö­nes Dorf: ei­ne Stra­ße, ei­ne Kir­che und ge­gen­über der La­den. Al­le Kli­schees, die man von ei­nem Tan­te-Em­ma-La­den ab­seits der Tou­ris­mus­rou­ten in Bay­ern ha­ben kann, wer­den sorg­fäl­tig aus­ge­brei­tet. Der In­ha­ber ist lang­sam, schrul­lig und spricht Dia­lekt. Und der La­den ist teu­er. Vor al­lem aber macht er ein paar my­ste­riö­se An­deu­tun­gen zum Haus, fragt, wie es sich dort wohnt und ob er mit dem Be­sit­zer ge­spro­chen ha­be und rät schließ­lich un­ver­hofft: »Geht schnell weg.« Et­was Ge­heim­nis­um­wit­ter­tes brei­tet sich aus und nach der Rück­kehr vom Dorf­la­den wird das An­we­sen, zu­nächst als ge­räu­mig und fast lu­xu­ri­ös emp­fun­den, schnell zu ei­nem Spuk­haus. Die Toch­ter, die von den El­tern nachts mit ei­ner Vi­deo­ka­me­ra be­ob­ach­tet wird, kann nicht mehr schla­fen und auch Su­san­na fühlt sich un­wohl. Der Er­zäh­ler wird von al­ler­lei Merk­wür­dig­kei­ten er­schüt­tert. Er bleibt bei­spiels­wei­se im Spie­gel un­sicht­bar. Ein gru­se­li­ges Bild ei­ner Frau mit »eng bei­ein­an­der­lie­gen­den Au­gen« ist plötz­lich nicht mehr da. Alp­träu­me ver­ur­sa­chen zit­tern­de Hän­de. Rech­te Win­kel sind nicht mehr 90 Grad, son­dern 100 oder 80. Und wer hat »Geh weg« ins Ta­ge­buch ein­ge­tra­gen? Dann ent­deckt er auch noch auf dem Mo­bil­te­le­fon von Su­san­na zwei­deu­ti­ge SMS ei­nes ge­wis­sen Da­vid.

Ein Vor­teil hat die­ses Spuk­set­ting: Die dümm­li­chen Dreh­buch­dia­lo­ge ver­schwin­den. Und wei­ter? Wird der Le­ser zum Zeu­gen ei­nes be­gin­nen­den Wahn­sinns? Je­de zwei­te Re­zen­si­on hat auf »Shi­ning« von Ste­phen King ver­wie­sen oder Da­vid Lynch ins Spiel ge­bracht. Die Par­al­le­len sind un­ver­kenn­bar. Auch Os­car Wil­des »Das Ge­spenst von Can­ter­vil­le« kommt ei­nem in den Sinn. Aber ver­glei­chen be­deu­tet nicht gleich­set­zen. Denn so et­was wie Span­nung oder gar Thrill stellt sich mit die­sem Buch nicht ein. Und das hat nichts mit der knap­pen Form der 95 Sei­ten zu tun. Der Au­tor ver­sucht al­les, ein My­ste­ry-Ge­fühl zu kul­ti­vie­ren und zu stei­gern. So ver­sagt plötz­lich der Han­dy­emp­fang (wirk­lich gru­se­lig). Su­san­na ist ver­schwun­den. Der Va­ter flüch­tet mit sei­ner Toch­ter durch den dunk­len Wald – um dann wie­der am Haus, dem Aus­gangs­punkt, an­zu­kom­men. Er ver­sucht, sich zu ar­ran­gie­ren. Dann taucht die Su­san­na wie­der auf. Sie ge­steht ei­nen Feh­ler ein und es be­ginnt zu reg­nen. Der Mann will im Haus blei­ben und nach­den­ken. Su­san­na fährt sie mit Esther weg.

»Wor­te. Sie tref­fen nicht, wie es wirk­lich ist«, heißt es ein­mal und da­mit be­schreibt man ziem­lich prä­zi­se auch die­ses Buch. Die Er­schei­nun­gen des Ich-Er­zäh­lers wir­ken we­der be­droh­lich noch wahn­sin­nig, son­dern eher ko­misch. Sie wer­den nicht er­zählt, son­dern nur be­haup­tet und rou­ti­nier­ter Lust­lo­sig­keit an­ein­an­der­ge­reiht. Es kommt ei­nem vor wie ein schlecht in­sze­nier­tes Zau­ber­kunst­stück, von dem man nicht ein­mal die Auf­lö­sung er­fahren möch­te. Da­zu pas­sen die drei lee­ren Sei­ten (93 bis 95) am En­de. Im­mer­hin kann sich der ge­neig­te Le­ser den Schluss jetzt sel­ber schrei­ben.

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