Me­sut Özil

Jetzt hat er sich al­so doch ge­mel­det. In drei kurz hin­ter­ein­an­der ge­schal­te­ten Tex­ten – auf Eng­lisch und auf ei­ge­nem Brief­pa­pier. Wer auch im­mer die Tex­te ver­fasst hat – die Dra­ma­tur­gie spricht für ein sorg­sam kon­stru­ier­tes Vor­ge­hen. Zu­nächst pocht Me­sut Özil auf sei­ne tür­ki­schen Wur­zeln und be­grün­det da­mit den Fo­to­ter­min mit Er­doğan. Er ne­giert da­bei die ...

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Bo­tho Strauß: Der Fort­füh­rer

Botho Strauss: Der Fortführer
Bo­tho Strauss: Der Fort­füh­rer

Vom Idio­ten (idio­tes) über den Höh­len­be­woh­ner zum »Fort­füh­rer« – der Rei­gen der re­fle­xiv-apho­ri­sti­schen, bis­wei­len zeit- und kul­tur­kri­ti­schen No­ta­te von Bo­tho Strauß, die fast ein ei­ge­nes Gen­re kre­ieren, geht wei­ter. Be­zeich­nen­der­wei­se sind die­se drei Bü­cher in drei ver­schie­de­nen Ver­la­gen pu­bli­ziert wor­den; ein­zig »Oni­rit­ti«, das kryp­tisch­ste der drei, ist in Strauß’ Haus­ver­lag Han­ser er­schie­nen.

Schon das Co­ver vom »Fort­füh­rer« ver­wei­gert sich in sei­ner Na­tur­lei­nen-Op­tik jeg­li­chen De­si­gnat­ti­tü­den. Wüss­te man es nicht bes­ser, könn­te es sich auch um ein Buch aus den 1950er Jah­ren han­deln. Nicht nur an die­ser Klei­nig­keit ist spür­bar, wie der Au­tor mit den fast schon re­flex­haft da­her­kom­men­den Zu­schrei­bun­gen des Li­te­ra­tur­be­triebs spielt. Da­bei wird die selbst­re­fle­xi­ve Nach­denk­lich­keit, die hin­ter den zu­wei­len trot­zi­gen Ein­las­sun­gen steckt, ge­flis­sent­lich über­se­hen. »Ich ha­be nie mit­ten im Le­ben ge­stan­den«, stellt Strauß an ei­ner Stel­le fest. Er le­be »als Trouvaille…von Trou­vail­len« heißt es an­de­ren­orts. Sich selbst ver­or­tet der Dich­ter al­so weit drau­ßen, jen­seits von Kum­pel­haf­tig­keit und Trend­set­ting.

Ei­gent­lich han­delt es sich bei Strauß’ neue­stem Buch um zwei Bü­cher. In »Zwi­schen Jetzt und Nu« wer­den in vier­zehn Ka­pi­teln in der Form von Pro­sa­ge­dich­ten »bit­ter­ste Fünk­chen« (Strauß) ge­zün­det, die zum Teil ähn­lich my­stisch-sur­re­al klin­gen wie in »Oni­rit­ti«. Strauß zeigt sich dies­mal vor al­lem als ein »Ge­fan­ge­ner sei­nes Zun­gen­schlags«, plä­diert vol­ler Lei­den­schaft für ei­ne Spra­che, die »glüht wie feu­ri­ges Ei­sen kurz vor der Schmel­ze«, macht es sich ab­sichts­voll un­ge­müt­lich in ei­ner »Hüt­te aus Alt­spra­che« und er­zählt ei­ne Men­ge skur­ri­ler Din­ge, wie et­wa ei­ne Per­son, die ihr Le­ben lang die Ker­ne der Kir­schen auf­ge­ho­ben hat, die sie ge­ges­sen hat­te. Er se­ziert ei­nen Blu­men­strauß, ent­deckt an ei­nem Sand­strand ein­hun­dert Jah­re al­te Mul­den von Frau­en, fei­ert das »Wun­der der Er­schöp­fung«, dif­fe­ren­ziert zwi­schen Nichs­tuer und Fau­len­zer, ent­deckt die »Gottver­lassenheit des Dis­ku­tie­rens«, macht Kin­der zu »Er­fah­rungs­ur­alten«, die »erst zu klei­nen Er­wach­se­nen [wer­den], wenn sie an der Er­fah­rungs­ar­mut der Er­wach­se­nen teil­neh­men und teil­neh­men müs­sen« und ent­wickelt ei­ne Dys­to­pie über ei­ne Han­dy-App, die bei Per­so­nen auf Wunsch »aus­ge­such­te Er­in­ne­rungs­zo­nen mit Dun­kel­stof­fen ‘be­schießt’, al­so schwärzt«.

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Ge­rüch­te und Fake-News

Nach dem gest­ri­gen Elf­me­ter­dra­ma zwi­schen Dä­ne­mark und Kroa­ti­en, kurz vor 23.00 Uhr, be­en­de­te das ZDF ha­stig sei­ne Sport­über­tra­gung (im­mer­hin blie­ben ei­nem lä­cher­li­che In­ter­views mit Spie­lern und eben­so über­flüs­si­ge Ana­ly­sen er­spart) und schal­te­te ein »heu­te jour­nal spe­zi­al« auf. Hart­näckig ka­men Ge­rüch­te auf, Horst See­ho­fer ha­be sei­ne Äm­ter (In­nen­mi­ni­ster und CSU-Vor­­­sit­­zen­­der) zur Ver­fü­gung ge­stellt und sei zu­rück­ge­tre­ten. ...

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Ju­lia En­cke: Wer ist Mi­chel Hou­el­le­becq

Julia Encke: Wer ist Michel Houllebecq?
Ju­lia En­cke:
Wer ist Mi­chel Houl­le­becq?

»Por­trät ei­nes Pro­vo­ka­teurs« nennt der Ver­lag (?) Ju­lia En­ckes Buch »Wer ist Mi­chel Hou­el­le­becq«. Und fast hät­te es da­zu ge­führt, dass ich es nicht ge­le­sen hät­te, denn »Pro­vo­ka­teur« oder dann die im In­halts­ver­zeich­nis ka­pi­tel­mä­ssi­gen Über­schrif­ten wie »Der Schrift­stel­ler«, »Der Ro­man­ti­ker« oder gar »Der Vi­sio­när« las­sen das Schlimm­ste be­fürch­ten. Der­art kon­di­tio­niert bin ich dann doch ans Le­se­werk ge­gan­gen. Und am En­de auf­at­mend: Nein, die­ses Buch ist kein feuil­le­to­ni­sti­scher Schmock, kei­ne mit Auf­decker­po­se ver­fass­te, sen­sa­ti­ons­hei­schen­de Pseu­do­deu­tungs­ma­schi­ne­rie. Ju­lia En­cke ge­lingt – so viel sei vor­weg ge­nom­men – ein de­zi­dier­tes Bild über Le­ben und Werk ei­nes der am mei­sten zi­tier­ten zeit­ge­nös­si­schen eu­ro­päi­schen Schrift­stel­lers.

Schon im Vor­wort zeigt die Ver­fas­se­rin wie Hou­el­le­becq in der Öf­fent­lich­keit »plan­mä­ssig die Gren­zen von Fi­gu­ren- und Au­toren­re­de« ver­wischt und vor­gibt »die dar­aus re­sul­tie­ren­de all­ge­mei­ne Auf­re­gung nicht zu ver­ste­hen«. Da­bei wer­den die me­dia­len Auf­ge­regt­hei­ten, die meist auf­grund von Äu­ße­run­gen in In­ter­views und Ge­sprä­chen hoch­ko­chen, von ihm nicht nur in kauf ge­nom­men, son­dern re­gel­recht ge­pflegt. »Was er [Hou­el­le­becq] in Ab­re­de stellt, ist ei­ne Über­ein­kunft: näm­lich die, dass Li­te­ra­tur und öf­fent­li­che Re­de zwei un­ter­schied­li­che Or­te des Spre­chens sind, mit de­nen sich auch un­ter­schied­li­che Re­geln des Spre­chens ver­binden«. Der Nach­teil die­ses Ver­fah­rens ist die Ver­schmel­zung von Werk bzw. den Haupt­prot­ago­ni­sten in sei­nen Wer­ken (die sehr häu­fig den Vor­na­men »Mi­chel« tra­gen) mit der rea­len Per­son Houl­le­becq. Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lich ist dies min­de­stens in Deutsch­land fast ein Sa­kri­leg, aber Hou­el­le­becq schert sich, wie En­cke deut­lich macht, um sol­che Be­find­lich­kei­ten nicht. Der Preis da­für ist ge­wollt: Miss­ver­ständ­nis­se, Verein­nahmungen, vor­ei­li­ge Rück­schlüs­se von rea­ler Per­son auf Prot­ago­ni­sten und vice ver­sa. Aber eben auch Auf­merk­sam­keit.

Deut­lich wird En­cke wenn es um die all­zu ein­fa­che Ver­knüp­fung zwi­schen Fik­ti­on und Au­to­bio­gra­phi­schem geht: »Die Be­zü­ge sind da, und na­tür­lich schöpft er schrei­bend aus dem Vol­len. Bloß prä­sen­tiert er…dabei zum ei­nen im­mer nur ei­ne Wahr­heit, näm­lich sei­ne ei­ge­ne. Zum an­de­ren wählt er aus, ver­frem­det, über­treibt. Er fik­tio­na­li­siert; und er­zeugt da­mit je­nen Be­deu­tungs­spiel­raum, mit dem er Ge­wiss­hei­ten – und das heißt auch: bio­gra­phi­sche Ge­wiss­hei­ten – er­schüt­tern will und den Zwei­fel nährt. Das Spiel mit wie­der­erkenn­ba­ren De­tails, die auf das Le­ben oder die Per­son des Au­tors ver­wei­sen, ge­hört so­mit zu sei­nen li­te­ra­ri­schen Ver­fah­ren.«

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Mi­cha­el An­ge­le: Schirr­ma­cher

Michael Angele: Schirrmacher - Ein Portrait
Mi­cha­el An­ge­le:
Schirr­ma­cher – Ein Por­trait

Zu Be­ginn sei­nes als »Por­trait« aus­ge­wie­se­nen Bu­ches be­rich­tet Mi­cha­el An­ge­le, dass er nur zwei E‑Mails von Frank Schirr­ma­cher er­hal­ten hat­te. Bei­de ha­be er ge­löscht. Den Vor­wurf der Nä­he zu sei­nem por­trai­tier­ten Sub­jekt kann man ihm al­so schwer­lich ma­chen. Im wei­te­ren Ver­lauf des Bu­ches wird die­se An­nah­me be­stä­tigt. Ich hin­ge­gen ha­be nur zwei Tweets von Schirr­ma­cher er­halten. Ei­ner als Re­ak­ti­on auf die­sen Text des­sen Link ich ihm ge­schickt hat­te. Er zeigt an, dass Thi­lo Sar­ra­zin in sei­nem eu­ro­kri­ti­schen Buch zu ei­nem gro­ßen Teil aus FAS und FAZ zi­tiert. Er fand das »sehr in­ter­es­sant« (mehr nicht). Von »Nä­he« al­so auch bei mir kei­ne Spur.

Es dro­hen zwei Sze­na­ri­en mit ei­nem Buch, dass sich »Schirr­ma­cher« nennt: Zum ei­nen könn­te es ei­ne Ha­gio­gra­phie wer­den. Oder je­mand möch­te Schirr­ma­cher de­mon­tie­ren, dem arg­lo­sen Le­ser dunk­le Sei­ten des Me­di­en­men­schen und Feuil­le­to­ni­sten ent­hül­len. Nach der Re­zen­si­on in der SZ schien es sich um Letz­te­res zu han­deln. Wo­bei An­dri­an Kreye wohl ein an­de­res Buch ge­le­sen ha­ben muss, denn um ei­ne »Bio­gra­fie« han­delt es sich bei An­ge­le nun wirk­lich nicht. Und ob Schirr­ma­cher wirk­lich ein »bril­lan­ter Den­ker« war? Zwei­fel sind da er­laubt.

Aber was macht An­ge­le? Er be­fragt Weg­ge­fähr­ten, Kol­le­gen, Mit­lei­den­de, Ge­schass­te, Freun­de, Kum­pel. Am En­de, in ei­nem sehr le­sens­wer­ten Epi­log, auch noch Schirr­ma­chers Mut­ter. Vie­le der Zeu­gen woll­ten an­onym blei­ben, was An­ge­le ak­zep­tiert aber nicht da­von ab­hält, sie zu zi­tie­ren. Die End­no­ten, die er setzt, ge­ben das Da­tum des Ge­sprächs oder der Nach­richt an, nicht de­ren Ur­he­ber. An­ge­le lässt zu­wei­len auch di­ver­gie­ren­de Aus­sa­gen zu, was nur ober­fläch­lich be­trach­tet be­lie­big ge­nannt wer­den kann. Er weiss na­tür­lich wie un­zu­ver­läs­sig Zeu­gen sind. Aber er zeigt da­mit, wie Schirr­ma­cher längst in der Bran­che zum My­thos ge­wor­den ist. Da wird dann so­gar der Vo­gel­schiss »auf die Schul­ter des Her­aus­ge­bers« bei ei­nem Aus­flug zum Nie­der­wald­denk­mal zum be­rich­tens- und deu­tungs­wür­di­gen De­tail.

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Kur­zer Hin­weis

Durch ei­ne Um­stel­lung von http auf https kann es sein, dass sich die ver­ehr­ten Kom­men­ta­to­rin­nen und Kom­men­ta­to­ren ein­ma­lig neu ein­log­gen müs­sen. Ein neu­es Kenn­wort o. ä. ist nicht er­for­der­lich. Wei­ter­hin viel Freu­de am Aus­tausch.

Frau Grüt­ters und der Frei­raum

Wenn man auf die Web­sei­te der »Staats­mi­ni­ste­rin für Kul­tur und Me­di­en« geht, er­kennt man sehr schnell, wor­um es wirk­lich geht: Ums Geld. Ge­nau­er: Um 1,67 Mil­li­ar­den Eu­ro für die Kul­tur­för­de­rung 2018, die, so die Mi­ni­ste­rin »ein star­kes Zei­chen für die Kul­tur als Grund­la­ge un­se­rer of­fe­nen, de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft« bil­den. Wer et­was wei­ter forscht, kann ei­ni­ge ge­för­der­te Pro­jek­te aus dem Jahr 2017 nach­le­sen. Es geht um Film­förderung, Denk­mal­pfle­ge aber auch – man ist über­rascht – um die Deut­sche Wel­le und die Bay­reu­ther Fest­spie­le. Ver­mut­lich wür­den all die­se Gel­der auch oh­ne die Staats­ministerin und de­ren Stel­le (die im üb­ri­gen kein Mi­ni­ste­ri­um dar­stellt; an­ders, als der Ti­tel dies sug­ge­riert) aus­ge­ge­ben. Aber un­ter Ger­hard Schrö­der wur­de nun ein­mal ei­ne Bun­des­be­auf­trag­ten-Stel­le für Kul­tur aus­ge­schrie­ben – und seit­dem bei­be­hal­ten. Die »Kul­tur­schaf­fen­den« sol­len wohl ab­seits der üb­li­chen län­der­spe­zi­fi­schen För­de­run­gen ei­ne zen­tra­le An­sprech­stel­le ha­ben. Rund 190 Per­so­nen (laut Wi­ki­pe­dia) ar­bei­ten in die­ser Be­hör­de.

Die Mi­ni­ste­rin in die­sem Amt hat – fast noch mehr als in an­de­ren Mi­ni­ste­ri­en – vor al­lem me­dia­le Auf­ga­ben. Sie ist das »Ge­sicht« der Kul­tur­för­de­rung, was in­so­fern leicht ver­fälschend ist, weil in Deutsch­land Kul­tur pri­mär Län­der­sa­che ist (der Bund trägt rund nur 15% der ge­sam­ten Kul­tur­för­de­rung in Deutsch­land). Im­mer­hin: Pro Kopf be­trägt die Kul­tur­för­de­rung rund 120 Eu­ro (Stand: 2013).

Dem­zu­fol­ge ist Mo­ni­ka Grüt­ters, die am­tie­ren­de Staats­mi­ni­ste­rin, ge­ra­de­zu om­ni­prä­sent in den Me­di­en ver­tre­ten. Ihr neue­ster Coup ist ein kur­zer »Gast­bei­trag« im »Tages­spiegel«, der be­reits in der Über­schrift ei­ni­ges ver­spricht: »Das In­ter­net bie­tet mehr Frei­raum, als De­mo­kra­tie ver­trägt.«

Wer die Ge­pflo­gen­hei­ten im Jour­na­lis­mus kennt weiß zwar, dass die Ti­tel von Tex­ten nur sel­ten von den Au­toren sel­ber stam­men und meist von Re­dak­teu­ren ver­fasst wer­den, aber wenn man wei­ter­liest of­fen­bart sich dort ein sehr frag­wür­di­ges Ge­dan­ken­gut. Nicht aus­zu­den­ken, wenn so et­was von ei­nem der AfD-Wich­te oder ei­nes Po­li­ti­kers der Lin­ken ver­fasst wor­den wä­re. Aber bei Mo­ni­ka Grüt­ters regt sich kaum je­mand auf. Da­bei gibt es durch­aus ei­ni­ges Be­mer­kens­wer­tes in die­sem Bei­trag.

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Vor­sich­ti­ge An­deu­tung

Letz­te Wo­che schick­te mir Leo­pold Fe­der­mair neun Tex­te. Es sind An­mer­kun­gen zu »le­gen­dä­ren Sät­zen« wie »Ich weiß, daß ich nichts weiß« oder aber das Mot­to die­ser Sei­te hier »Den­ken ist vor al­lem Mut«. Fe­der­mair trans­for­miert die­se Sät­ze in die heu­ti­ge Zeit und zeigt wie sie un­ter den Be­din­gun­gen des di­gi­ta­len Zeit­al­ters zu neu­er und auch – zu­wei­len – an­de­rer Be­deu­tung kom­men. Ich wür­de die­se Tex­te ger­ne in neun Tei­len über zwei, drei Mo­na­te ver­teilt pu­bli­zie­ren, zu­mal sie auch ge­nü­gend Stoff für Dis­kus­si­on bie­ten. Mit der Hand­voll re­gel­mä­ssi­ger Kom­men­ta­to­ren könn­ten sich zu­sätz­li­che in­ter­es­san­te Aspek­te er­ge­ben.

Fast zur glei­chen Zeit wur­de ich je­doch auf ei­ne an­de­re Sa­che auf­merk­sam, der ich bis­her kaum Be­deu­tung bei­gemes­sen hat­te. En­de Mai die­sen Jah­res tritt die so­ge­nann­te »Da­ten­schutz-Grund­ver­ord­nung« (DSGVO) der Eu­ro­päi­schen Uni­on in kraft. Bis­her hat­te ich die­ses Da­tum als für mich eher ir­rele­vant ein­ge­schätzt. Ein biss­chen goog­len hier und dort zeigt mir al­ler­dings, dass die Sa­chen nicht so ein­fach lie­gen. Es ist näm­lich keines­wegs so, dass die­ses Ver­ord­nungs­mon­strum nur die gro­ßen In­ter­net­an­bie­ter trifft. Auch Blogs wer­den da­von be­trof­fen sein. Et­wa, wenn es um die­sen neu­en Fe­tisch der Ent­äu­sse­rungs­kul­tur, das so­ge­nann­te »Recht auf Ver­ges­sen«, geht. Kom­men­ta­to­ren (meist Rechts­an­wäl­te) in­ter­pre­tie­ren dies so, dass am En­de auch der Blog­be­trei­ber es er­mög­li­chen muss, dass je­mand bei­spiels­wei­se sei­ne Kom­men­ta­re je­der­zeit lö­schen kön­nen muss – ob nach drei Mi­nu­ten oder eben auch in vier Jah­ren. IP- und E‑­Mail-Adres­sen müs­sen eben­falls ir­gend­wann ge­löscht wer­den. Oder es müs­sen eben Tools ein­ge­rich­tet wer­den, die dies er­mög­li­chen. Tools, die Word­Press nicht im An­ge­bot hat. Tools, die im­mer mehr Ar­beit ma­chen, weil sie nach Up­dates auch im­mer an­ge­passt wer­den müs­sen.

Na­tür­lich hat je­der das Recht sei­ne Mei­nung zu än­dern. Aber war­um muss dann ein Kom­men­tar­strang, in dem se­ri­ös dis­ku­tiert wur­de und der Re­kurs nimmt auf Kom­men­ta­re an­de­rer, aus­ein­an­der­ge­ris­sen wer­den? Kann man nicht ein­fach in ei­nem an­de­ren Kom­men­tar schrei­ben, dass man heu­te ei­ne an­de­re Mei­nung ver­tritt? Und war­um soll es plötz­lich ge­setz­lich ge­re­gelt wer­den, ob ich ei­ne Mail-Adres­se ei­nes meist mir un­be­kann­ten Kom­men­ta­tors wün­sche oder nicht?

Aber wenn ich den An­for­de­run­gen die­ser Ver­ord­nung nicht ge­nü­ge dro­hen Ab­mah­nun­gen – und es wird si­cher­lich ei­ne Men­ge »An­wäl­te« ge­ben, die im Ju­ni mit ih­ren dement­sprechenden »Ge­winn­ma­xi­mie­rungs­pro­gram­men« be­gin­nen wer­den. Set­ze ich mich dem aus? Schon die Im­pres­sumpflicht, die ei­ne Adres­se ver­lang­te statt ei­ner E‑Mail, stört mich. (Dass es im­mer noch Ak­teu­re gibt, die sich hier schein­bar fol­gen­los ent­zie­hen kön­nen, ist be­mer­kens­wert.) Und auch dass ich be­stimm­te Ana­ly­se­pro­gram­me auf An­ra­ten mei­nes »Ma­schi­ni­sten« ent­fernt ha­be (Ab­mahn­ge­fahr: man konn­te im Quell­text er­ken­nen, wer sie – halb il­le­gal schein­bar – ver­wen­det), stör­te mich schon sehr. War­um soll ich, der mit Müh und Not 30, 40 Le­ser pro Bei­trag er­reicht, in vor­aus­ei­len­dem Ge­hor­sam päpst­li­cher als der Papst sein? Den­noch ha­be ich es ge­macht. Wer mich jetzt liest – ich ha­be kei­ne Ah­nung, es sei denn, es kom­men­tiert je­mand. Die neue Ver­ord­nung macht aus je­den Blog­ger je­doch erst ein­mal ei­nen wü­ten­den Da­ten­samm­ler. Ein blo­ßer Hin­weis auf das, was man tut (und nicht tut) ge­nügt nicht mehr. Pa­ter­na­lis­mus halt, an­ge­ord­net von Idio­ten, die kei­ne Ah­nung ha­ben, was sie da­mit an­rich­ten.

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