An­ti­qui­tä­ten und Freund­lich­keit

Zu­ge­ge­ben, lan­ge Zeit war mei­ne Ab­nei­gung ge­gen die Fi­gur, die sich im Fern­se­hen Horst Lich­ter nennt so groß, dass ich im­mer wenn ich durch Zu­fall beim Chan­nel­crossing auf »Ba­res für Ra­res« stieß bin­nen Se­kun­den um­schal­te­te. Ein Koch, der für Mag­gi Wer­bung ge­macht hat­te. Un­mög­lich. Und auch sonst. Ir­gend­wann war ich ein­mal zu mü­de, blieb auf dem Sen­der und plötz­lich er­kann­te ich dort jen­seits von Small­talks, Ex­per­ti­sen, Preis­ge­bo­ten und Geld­zäh­len ein zeit­ge­nös­si­sches Phä­no­men wür­dig von So­zio­lo­gen und son­sti­gen stu­dier­ten Ta­xi­fah­rern bei Ge­le­gen­heit ein­mal ge­nau­er ana­ly­siert zu wer­den.

Wie hell­sich­tig er­scheint das Lied vom Ver­sau­fen des Häus­chens der Groß­mutter aus den 1920er Jah­ren. Denn die mei­sten der von den po­ten­ti­el­len Ver­käu­fern vor­ge­brach­ten Kost­bar­kei­ten (wo­bei die Va­ria­ti­ons­brei­te sehr groß ist – zwi­schen 20 Eu­ro und – ein­mal ei­ne be­son­de­re Mün­ze – 35.000 Eu­ro, vom Nip­pes bis zum Old­ti­mer ist al­les mög­lich) sind Fund- bzw. Erb­stücke, was nicht nur von Lich­ter im Plausch ab­ge­fragt wird son­dern oft ge­nug von den fünf Händ­lern, die in schein­ba­rer Harm­lo­sig­keit fra­gen, wo­her man denn bit­te­schön die­sen Ge­gen­stand ha­be, her­aus­ge­kit­zelt wird. Da­bei be­deu­tet Erb­stück na­tür­lich im­mer auch, dass der Ver­käu­fer rein gar nichts auf­ge­bracht hat – sein Ein­standspreis ist null Eu­ro. Jetzt muss man nur her­aus­be­kom­men, ob das Stück­chen von ei­ner na­hen oder fer­nen Ver­wand­ten (Freund/Freundin) stammt – und schon kann man auch den emo­tio­na­len Wert für den Ver­käu­fer ta­xie­ren. Je ge­rin­ger die­ser ist, de­sto lu­kra­ti­ver der Ein­kauf.

Tat­säch­lich wird, wenn man die Sen­dung über ein paar Mo­na­te ge­se­hen hat, über­wie­gend der Groß­el­tern-, Tan­ten- und On­kel­haus­stand ver­kauft und da­mit al­les, was ei­ner be­stimm­ten Epo­che an­ge­hört und Ge­nera­tio­nen einst als kost­bar, wert­voll oder wich­tig er­schien ab­ge­wickelt. Por­zel­lan (Mei­ßen, wo­bei Mei­ßen Syn­onym für Er­nüch­te­rung ist), Sil­ber in al­len Va­ria­tio­nen, Schmuck jeg­li­cher Art und Pro­ve­ni­enz, Sta­tu­et­ten, Bron­zen, Bier- und son­sti­ge Krü­ge, Pickel­hau­ben, Ge­mäl­de, die zu groß, zu klein oder zu spe­zi­ell sind und so­gar Mö­bel­stücke. Kurz: De­vo­tio­na­li­en aus ver­gan­ge­nen Zei­ten, die nun vom so­li­den Mit­tel­stand des 21. Jahr­hun­derts zur Auf­fül­lung der Ur­laubs­kas­se oder als klei­ne Un­ter­stüt­zung für Kin­der und/oder En­kel die­nen sol­len. Die mei­sten Ge­gen­stän­de die auf die­se Art ver­flüs­sigt wer­den sol­len stam­men aus der so­ge­nann­ten Grün­der­zeit (ab 1870) bis hin­ein in die 1930er Jah­re. Ob Ab­sicht oder nicht – der ge­drill­te Schnurr­bart des Mo­de­ra­tors er­scheint kon­ge­ni­al. Die Na­zi­jah­re kom­men kaum vor. Es geht dann wie­der wei­ter mit den 1950er Jah­ren, »Ma­de in US-Zo­ne«, vor al­lem Blech- und an­de­res Spiel­zeug und dann na­tür­lich die 1970er, das, was als Vin­ta­ge bzw. Re­tro gilt.

Das Kon­zept ist der Sen­dung ein­fach: Po­ten­ti­el­ler Ver­käu­fer trifft auf Mo­de­ra­tor und Ex­per­te – hier wird eru­iert was das Stück wert ist und brin­gen könn­te. Die Fra­gen von Lich­ter sind im­mer gleich: Wo­her kommt es? Was möch­te man er­zie­len? (Wie hoch ist die Schmerz­gren­ze?) Was macht man mit dem Geld? (Das wird auch noch bei ei­ner Schät­zung von 100 Eu­ro oder we­ni­ger ab­ge­fragt.) Und dann: Was sagt der Experte/die Ex­per­tin? Ist die Dif­fe­renz zwi­schen Er­war­tung und Ex­per­ti­se zu groß bleibt der Zu­gang zum Händ­ler- bzw. Auk­ti­ons­raum ver­wehrt. An­son­sten zückt Lich­ter das »Händ­ler­kärts­chen« und nach ei­nem kur­zen (wie über­flüs­si­gem State­ment des Ver­käu­fers zur Ex­per­ti­se) be­ginnt ir­gend­wann Pha­se zwei. Der Ver­käu­fer be­tritt den Händ­ler­raum (und muss für die Ka­me­ra ge­nau auf ei­nem Punkt ste­hen). Dort sitzen/stehen die omi­nö­sen Händ­ler, die nun auf den Ge­gen­stand bie­ten. Da­nach gibt es dann noch ein (eben­so über­flüs­si­ges) State­ment des Ver­käu­fers, der sich zu­meist freut und die Geld­schei­ne in die Ka­me­ra hält.

Die Ex­per­ti­se, die die Händ­ler, die auf das Stück bie­ten, nicht ken­nen, soll den Ver­käu­fer da­vor schüt­zen sein Ob­jekt zu preis­wert ab­zu­ge­ben (und manch­mal ist ja so­gar ei­ne Fäl­schung da­bei, die aus­ge­siebt wer­den muss). Aber das Pro­ze­de­re dient auch da­zu, die even­tu­ell zu ho­hen Er­war­tun­gen ein­zu­däm­men. Aber hier ist nicht der ein­zi­ge Grund, dass das Zu­sam­men­sein von Ver­käu­fer, Mo­de­ra­tor und Ex­per­te der wich­ti­ge­re Teil der Sen­dung ist. Licht­ers fast pe­ne­trant-schmer­zen­de Freund­lich­keit, die zu­wei­len am Ran­de des Er­träg­li­chen ist, wird bei nä­he­rer Sicht zu ei­ner im­mens wich­ti­gen Kom­po­nen­te um den ob­szö­nen Akt des Ab­sto­ssens und Geld­ma­chens zu hu­ma­ni­sie­ren. Da­bei pflegt der Mo­de­ra­tor ei­ne Ma­rot­te, die ei­nem zu­wei­len in Weiß­glut bringt: Er ver­sucht zu Be­ginn dem Ver­käu­fer (den Ver­käu­fern) sein »Du« auf­zu­schwät­zen, so als sei der fünf­mi­nü­ti­ge Mo­ment der Be­ginn ei­ner ewig­li­chen Freund­schaft und man er­tappt sich als Zu­schau­er bei der kur­zen Vor­ab­vor­stel­lung der Ver­käu­fer da­bei, dass man ab­schätzt, wem er das »Du« aus sei­ner Men­schen­kennt­nis her­aus ein­mal nicht an­bie­tet (und vor al­lem: war­um).

Wie wich­tig die­ses manch­mal als pein­lich wahr­ge­nom­me­ne Ver­fah­ren ist zeigt sich, wenn man es an­ders macht wie in der Sen­dung »Viel zu bie­ten«, die auf zdfneo als ei­ne Art ver­schärf­te Ver­si­on des Trö­del­show­busi­ness lief. Hier sa­ßen die vier so­ge­nann­ten Händ­ler auf Stüh­len und be­äu­gen ei­nen Ver­käu­fer. Ziel war hier aus­schließ­lich das Feil­schen, Hin­ter­grün­de zum Ob­jekt gab es kaum bzw. wur­den nicht ab­ge­fragt (ei­ne Ex­per­ti­se, die in ei­nem Satz ein­ge­streut wur­de, blieb an­onym). Die Ver­käu­fer wur­den auf­ge­for­dert, ei­nen Preis zu nen­nen – das Ge­gen­teil des­sen, was bei »Ba­res für Ra­res« pas­siert (hier er­folgt das Ab­fra­gen der »Schmerz­gren­ze« durch die Auf­käu­fer zu­meist erst, wenn das Bie­ten stockt). Je­mand der bei »Viel zu bie­ten« ver­kau­fen woll­te muss ein Ob­jekt für das er 200 Eu­ro er­zie­len woll­te zu­nächst ein­mal mit 600 oder mehr ein­stel­len. Nach dem zwei­ten Biet­vor­gang durch die Händ­ler (man lag dann viel­leicht bei 90 Eu­ro) folg­te schon die freund­li­che, aber be­stimm­te Auf­for­de­rung »mas­siv« her­un­ter­zu­ge­hen. War­um das so sein soll wur­de nicht kom­mu­ni­ziert. Der Ver­käu­fer ging dann zum Bei­spiel auf 400 Eu­ro her­un­ter was je­dem klar­mach­te, dass er ma­xi­mal mit 200 rech­ne­te. All die­se Be­we­gun­gen wur­den durch Kas­sen­ge­bim­mel vom Sen­der or­che­striert. Am En­de ver­kauf­te er dann für 150. Hier wur­de gna­den­los ver­ramscht; An­ti­qui­tä­ten oder kost­ba­re Stücke wie in der Licht­ersen­dung gab es eher sel­ten und hät­ten auch eher ge­stört. Die Käu­fer in »Vie­les zu bie­ten« ge­rier­ten sich als ei­ne Mi­schung aus »Kö­nig von St. Pau­li« und ori­en­ta­li­schem Ba­sar. Da­für kauf­ten sie auch Showacts ein und zahl­ten knapp über Min­dest­lohn. Da­für lie­ßen sie sich dann auch noch fei­ern.

Wer »Viel zu bie­ten« ge­se­hen hat­te, weiß »Ba­res für Ra­res« plötz­lich zu schät­zen. Das gro­ße Vor­bild – »Kunst und Krem­pel« vom Baye­ri­schen Rund­funk – wird hier mit sanf­ter Wall­dorf­päd­ago­gik und ge­pfleg­ter Auk­ti­ons­haus­at­mo­sphä­re ge­kreuzt. Da be­kennt Lich­ter nach drei Mi­nu­ten, dass es ei­nen ganz be­son­de­ren Men­schen ken­nen­ge­lernt ha­be. Oder al­les ist »wie ein Träum­chen«. Es ist in­ter­es­sant, dass er sehr oft die Gren­zen des­sen, was man Pri­vat­sphä­re nennt, nicht nur be­rührt, son­dern be­wusst ver­letzt. Er will die­se über­trie­be­ne Har­mo­nie und un­ter­schwel­lig be­kommt es der Sen­dung sehr gut. So­gar wenn ein Ver­käu­fer (oder ei­ne Ver­käu­fe­rin) hilf­los vor den zau­dern­den Händ­lern steht, eilt er hin­auf und er­klärt erst ein­mal, was Sa­che ist.

Der­lei In­ter­ven­tio­nen sind je­doch eher sel­ten, denn es ge­hört zum Kon­zept, dass die Händ­ler nicht als raff­gie­ri­ge Schlecht­red­ner auf­tre­ten, son­dern eben­falls »men­scheln«. Schnell er­kennt man die Rol­len­spie­le. Da ist der knor­ri­ge Pro­let aus der Ei­fel der so­gar bei den bri­ti­schen Kron­ju­we­len noch mit ei­nen Start­ge­bot von »80 Eu­ro« be­gin­nen wür­de. Dann die di­stin­gu­ier­te jun­ge Schmuck­händ­le­rin. Der freund­lich-char­man­te Öster­rei­cher mit Gel­fri­sur, der ei­nem so­fort Ver­trau­en ein­flößt. Das Punk-Kü­ken aus dem Osten mit ei­ge­nem Schloss. Der alt-ba­ju­wa­ri­sche Phil­an­throp und Frau­en­ver­eh­rer mit Hem­den, die selbst Jür­gen von der Lip­pe nicht frei­wil­lig an­ge­zo­gen hät­te. Das ist die Stamm­be­leg­schaft aber da­ne­ben gibt es noch zahl­rei­che an­de­re Prot­ago­ni­sten, die al­le­samt leicht in be­stimm­te Sche­ma­ta ein­zu­ord­nen sind. Vie­les wür­de oh­ne die Fern­seh­ka­me­ras nie an­ge­kauft wer­den, aber die Auf­merk­sam­keit, die die­se Sen­dung ver­spricht, hilft es so man­chen Fehl­kauf zu ver­schmer­zen.

Nur sel­ten wird die­se Har­mo­nie ge­stört. Ein­mal wur­de für ein hoch ein­ge­schätz­tes Ob­jekt nur et­was mehr als ein Drit­tel ge­bo­ten. Die ob­li­ga­to­ri­sche Fra­ge »Wol­len Sie das Ge­schäft mit XY ab­schlie­ssen« nerv­te den Ver­käu­fer. Er ne­gier­te ein we­nig barsch. Das locken­de »Hier be­kom­men Sie aber so­fort Bar­geld« wur­de von ihm schließ­lich ge­kon­tert mit »Ich brau­che das Geld nicht so­fort« und in die­sem Au­gen­blick bröckel­te kurz die Fas­sa­de. Dar­auf ist man nicht ein­ge­rich­tet und wenn es ein­mal zäh läuft legt man auch schon ein­mal als Lock­an­ge­bot das Geld auf den Tisch. Tritt dann der Ver­käu­fer auf den Tre­sen zu, ist das Ge­schäft be­sie­gelt. Die­ses all­zu deut­li­che Her­aus­stel­len die­ses Verkaufs­charakters stört je­doch die Au­ra der Sen­dung; es ge­schieht zum Glück sel­ten. Und im­mer bleibt der Aus­weg: Man muss nicht ver­kau­fen, ob­wohl es manch­mal ein biss­chen be­lei­digt wirkt, wenn Ver­käu­fer ihr Stück wie­der mit­neh­men.

Na­tür­lich stellt man sich die Fra­ge wie­viel nun Fake ist. Wo­her wis­sen die Ex­per­ten die Da­ten des fran­zö­si­schen Por­zel­lan­ma­lers so ge­nau? Wie kann man wis­sen, wann das Spiel­zeug­au­to pro­du­ziert wur­de? Und war­um hat der Händ­ler ge­nau die 570 Eu­ro in der Ta­sche, die der Ver­käu­fer er­löst hat? Und was ge­schieht mit all de­nen, die sich in die Schlan­ge an­ge­stellt ha­ben und nicht das omi­nö­se Ein­tritts­kärt­chen er­hal­ten?

Un­ge­klärt bleibt auch, an wen die Händ­ler die Ar­ti­kel ver­kau­fen (ab­ge­se­hen da­von, dass nun Mil­lio­nen Leu­te den Ein­kaufs­preis ken­nen). Denn wer legt heu­te noch Wert auf ei­ne Ta­schen­uhr die ein­hun­dert Jah­re alt ist? Wer de­ko­riert sei­ne Woh­nung mit ei­nem Tee­ser­vice von 1880 aus Sil­ber? Wer kauft ei­nen An­hän­ger aus der Ju­gend­stil­zeit? War­um ei­ne Mei­ssen­fi­gur? Es müs­sen al­le­samt Men­schen sein, die sich der Wa­ren- und Ur­laubs­welt ent­zo­gen ha­ben bzw. für ei­nen Mo­ment ent­zie­hen wol­len. Zeit­rei­sen­de viel­leicht. Oder Samm­ler, die dann ir­gend­wann sel­ber ih­re Samm­lung wie­der ver­kau­fen. Da­bei sind es die rüh­rend­sten Mo­men­te, wenn Samm­ler ih­re Stücke ver­kau­fen, die Samm­lung »auf­lö­sen« wie es heißt, und die jahr­zehn­te­lan­ge Be­schäf­ti­gung und Hin­ga­be nur ein paar hun­dert Eu­ro ein­bringt, weil »der Markt« in­zwi­schen zu­sam­men­ge­bro­chen ist (was all­zu oft stimmt) oder die ge­sam­mel­ten Stücke eben doch nur »Floh­markt­fun­de« sind (das ul­ti­ma­ti­ve To­des­ur­teil je­des Ar­ti­kels). Der Kauf­kraft­schwund ist es da­bei nicht, eher der ide­el­le Ver­lust, der wirk­lich schmerzt. Das Wis­sen um das Un­ho­no­rier­ba­re und da­her im heu­ti­gen Den­ken prak­tisch wert­lo­se des­sen, was man einst mit Schön­heit und Äs­the­tik ver­band und dem man sich ein Stück weit hin­gab. Die Bot­schaft ist deut­lich: Samm­lun­gen ver­spre­chen nichts mehr; sie sind nicht amor­ti­sier­bar. Ihr Wert ist oft nur au­ßer­halb ei­nes »Mark­tes«. Wenn der Aus­ver­kauf droht, wird es bit­ter. Dann ver­söhnt auch die Aus­sicht auf ei­nen Ur­laub nicht mehr.

Die Er­kennt­nis, der aus die­ser Sen­dung kommt und ein Trost sein könn­te liegt dar­in, dass der Ramsch, der seit Jahr­zehn­ten Kauf­häu­ser und Ge­schäf­te voll­stopft, für im­mer wert­los blei­ben wird. Un­vor­stell­bar, dass je­mand ir­gend­wann ein­mal heu­ti­ge Gebrauchsgegen­stände zum An­kauf an­bie­tet. Aber bis da­hin lau­fen im­mer mehr Ent­rümp­ler und Schatz­su­cher mit Lu­pen über die Dach­bö­den und Trö­del­märk­te und ent­zif­fern Pun­zen und Si­gna­tu­ren. Die Händ­ler stöh­nen längst. Je­der macht sich über Nacht zum Hob­by­ex­per­ten. Wo einst die »Dingse vom Dach« ein harm­lo­ses Ra­te­ver­gnü­gen ver­spra­chen, wird nun al­les li­qui­diert, was nicht mehr in die Ein­rich­tung passt. Das Fern­se­hen be­ginnt der­weil das Gen­re aus­zu­beu­ten. Zwi­schen­zeit­lich gab es mit »Cle­ver ab­ge­staubt« in zdfneo ei­ne Mi­schung aus Quiz und Trö­del­show, die recht schnell wie­der in der Ver­sen­kung ver­schwand. »Gut ge­schätzt ge­winnt«, vom ZDF im Mai ge­star­tet (ei­ne eher un­durch­sich­ti­ge Spiel­show) gibt es noch. In­zwi­schen zie­hen auch an­de­re Sen­der nach. Es droht ei­ne me­dia­le In­va­si­on und ir­gend­wann kann man die Ex­per­ti­sen schon vom Fern­se­hen aus vor­neh­men und das so­und­so­viel­te Schu­co-Mo­dell­au­to oder die ewig be­kann­te und be­lieb­te Mei­ßen­fi­gur ma­chen den Zu­schau­er ab ei­nem ge­wis­sen Punkt mü­de. Aber Koch­shows gibt’s ja auch im­mer noch. Das ist dann al­ler­dings kein Trost – eher ei­ne Dro­hung.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Vor ein paar Jah­ren hat­te ich das zwei­fel­haf­te Ver­gnü­gen, sol­che Erb­stücke zu ver­sil­bern. Der Be­such bei ei­ni­gen Händ­lern hat­te schon ver­schie­den­ste For­men des Ekels her­auf­be­schwo­ren, als ich dann doch noch auf sym­pa­thi­sche Men­schen in ei­nem Auk­ti­ons­haus ge­sto­ßen war.

    Kon­sens bei den Händ­lern war, dass die Käu­fer sol­cher Pre­zio­sen ge­ra­de aus­ster­ben. Zu­min­dest bei uns. In Russ­land und Chi­na z.B. kann alt­eu­ro­päi­scher Chic wohl noch punk­ten. So kann bei den Ver­stei­ge­run­gen des Ak­ti­ons­hau­ses auch via In­ter­net aus dem Aus­land mit­ge­bo­ten wer­den. Ich ha­be dort selbst noch für »Mei­ßen mit ab­ge­bro­che­nen Flü­geln« Sum­men er­hal­ten, mit de­nen ich nicht ge­rech­ne­te hät­te.

    Mei­ne Toch­ter liebt die­se Sen­dung üb­ri­gens. Ich ha­be die Dia­lek­tik zwi­schen (ge­spiel­ter) Freu­de über Schö­nes und Feil­schen um 10 Eu­ro nicht ver­stan­den und fühl­te mich le­dig­lich ab­ge­sto­ßen.

  2. Zur »Recht­fer­ti­gung« mei­nes Bei­trags kann ich viel­leicht an­brin­gen, dass ich be­ruf­lich jahr­zehn­te­lang in (Groß-)Händlerkreisen ver­kehr­te und da­von leb­te. Da wur­de selbst in der In­du­strie um Zehn­tel­pfen­ni­ge ge­feilscht. Am schlimm­sten wa­ren die klei­nen Un­ter­neh­men. Ei­ner be­kam ein­mal im Jahr 30 Säcke ei­ner teu­ren Che­mi­ka­lie. Wir hat­ten die­se vom Her­stel­ler im­por­tiert. Das Net­to­ge­wicht pro Sack war mit 20 kg an­ge­ge­ben. Der In­ha­ber nahm die Wa­re an und ver­wog ei­gen­hän­dig die 30 Säcke, ver­fass­te ein »Ge­wichts­pro­to­koll« und stell­te am En­de 300 gramm Fehl­ge­wicht fest. Das Pro­dukt ko­ste­te rund EUR 12/kg. Die 4 Eu­ro zog er von der Rech­nung ab. Da­bei hat­te man noch Glück, dass er die Ar­beits­stun­de für das Wie­gen nicht in Rech­nung stell­te.

    Auf Bü­cher­märk­ten er­le­be ich stän­dig die­ses Feil­schen um 1 oder 2 Eu­ro. So et­was stösst mich auch im­mer ab. Ich kau­fe die Bü­cher ein­fach nicht, wenn sie mir zu teu­er sind.

  3. Schö­ner Bei­trag, dan­ke. Freun­de al­ter tech­ni­scher Ge­rät­schaf­ten (wie z.B. von Hi­Fi-Ton­band­ge­rä­ten und an­de­rem Audio-»Geraffel« aus den 1970ern) wun­dern sich zu­wei­len sehr über die läp­pi­schen Er­lö­se, die die Be­sit­zer der­ar­ti­ger Pre­zio­sen in »Ba­res für Ra­res« er­zie­len, ob­wohl für die­se Ge­rä­te (im­mer noch) ein brei­ter Samm­ler-Markt exi­stiert.

    Ge­ra­de bei tech­ni­schem Ge­rät, wel­ches schon an­hand der Ty­pen­be­zeich­nung ein­deutig spe­zi­fi­zier­bar ist, kann doch jede(r) heut­zu­ta­ge in Se­kun­den­schnel­le heraus­finden, was ver­gleich­ba­re Tei­le wert sind bzw. ein­brin­gen kön­nen. Ei­ne eBay-Re­cher­che zu un­ter­las­sen, sich der frag­wür­di­gen Ex­per­ti­se von TV-Show-Hän­d­­lern in ei­ner weit­ge­hend ge­scrip­te­ten Sen­dung aus­zu­set­zen und her­nach nur mit ei­nem Bruch­teil des bei Di­rekt­ver­kauf er­lös­ba­ren Gel­des heim­zu­ge­hen, ist nach mei­nem Da­für­hal­ten nicht ra­tio­nal zu er­klä­ren. Oder et­wa doch?

    Le­se­tipp:

    http://old-fidelity.de/thread-18183.html

    (lei­der nur für an­ge­mel­de­te Fo­ri­sten sicht­bar)

  4. Na­ja, die Ex­per­ti­sen wer­den ja nicht von den Händ­lern er­stellt. Und es wird stän­dig be­tont, dass es sich bei den Auf­käu­fern eben um Händ­ler han­delt und nicht um Samm­ler. In der Zu­sam­men­set­zung der Händ­ler men­delt sich mit der Zeit her­aus, dass die­se ge­ra­de von elek­tro­ni­sche Ge­rät­schaf­ten we­nig bis gar kei­ne Ah­nung ha­ben, was da­mit zu tun ha­ben könn­te, dass sie das nicht schwer­punkt­mä­ssig ver­kau­fen. Es geht in der Sen­dung tat­säch­lich mehr um Schmuck, Uh­ren, Por­zel­lan, Ge­mäl­de, Sil­ber bzw. al­les an­de­re was zwi­schen 1870 und 1930 her­ge­stellt wur­de. Das bil­det wohl den Schwer­punkt der Kun­den ab, die die Händ­ler ha­ben.

  5. Den­noch ist die Sen­dung ge­scrip­ted, d.h. die Händ­ler und die Gut­ach­ter wuß­ten vor­her, was sie zu se­hen krie­gen (und konn­ten sich ent­spre­chend schlau­ma­chen). Der Fo­cus liegt auf Un­ter­hal­tung und nicht auf Er­kennt­nis­ge­winn... Und es bleibt die Fra­ge, war­um je­mand ei­nen Zwi­schen­händ­ler mit­ver­die­nen läßt bei Arte­fak­ten, de­ren ak­tu­el­ler Wert sich leicht er­mit­teln läßt.

  6. Na­ja, die Sen­dung dürf­te min­de­stens zum Teil ge­scrip­ted sein. Und zur Not gibts ja bei den Händ­lern im­mer noch ein Ta­blet auf dem man ganz schnell Prei­se nach­schla­gen kann.

    Die Su­che nach ei­nem ech­ten Samm­ler ge­stal­tet sich für ei­nen Ver­käu­fer un­ter Um­stän­den recht zeit­auf­wen­dig, so dass man dann lie­ber auf Händ­ler zu­rück­greift. Zu­dem spielt wohl der Fak­tor des »Da­bei­ge­we­sen-Seins« ei­ne Rol­le, d. h. die Ver­käu­fer möch­ten ein­fach auch mal ins Fern­se­hen.

  7. Äs­the­tik, At­mo­sphä­re und In­sze­nie­rung spie­len in der ge­gen­wär­ti­gen Aus­prä­gung des Ka­pi­ta­lis­mus’ »un­se­rer« Ge­sell­schaf­ten ei­ne gro­ße Rol­le, weil nur sie noch Wachs­tum ver­spre­chen, das Un­nö­ti­ge wird funk­tio­na­li­siert, im Sin­ne ei­nes »Mehr« an Le­ben, dem­ge­gen­über schwin­det der Ge­brauchs­wert der Wa­ren, ho­ri­zon­ta­le Schich­tun­gen der Ge­sell­schaft ent­ste­hen, ei­ne Art grup­pie­ren­der Lu­xus­kon­sum, weit jen­seits des­sen was Be­dürf­nis ist (in die­sem Bänd­chen knapp, prä­zi­se und kri­tisch be­schrie­ben).

    Da­mit wä­re der Sinn »des Da­bei­seins« um­ris­sen, der doch über ein blo­ßes Da­bei­sein hin­aus­geht: Der Ver­käu­fer und sein Ge­gen­stand (sei­ne Ge­gen­stän­de) er­schei­nen in ei­nem an­de­ren Licht und füh­len (oder le­ben) durch den Auf­tritt an­ders (sy­stem­lo­gisch ge­se­hen). Ra­tio­nal ist das nicht oder dann doch wie­der.

    In­ter­es­sant ist, was An­ti­qui­tä­ten, Krem­pel, Ra­ri­tä­ten,..., in die­sem Zu­sam­men­hang be­deu­ten könn­ten, wenn sie nicht Ge­gen­stand ei­ner Sam­mel­tä­tig­keit sind (ich las ein­mal, müss­te nach­se­hen wo, da­von, dass in­ner­halb der Mo­der­ne ein hi­sto­ri­sie­ren­des, ord­nen­des Be­wusst­sein nö­tig sei, da sie ja ei­ne Fort­schritts­be­we­gung dar­stel­le und dem Neu­en ei­nen be­son­de­ren Sta­tus bei­mes­se, man muss al­so wis­sen, was über­holt ist): Haf­tet an ih­nen nichts Ge­gen­wär­ti­ges mehr, dann könn­te man in post­mo­der­nen Zei­ten da­von aus­ge­hen, dass das In­ter­es­se an ih­nen, in dem oben skiz­zier­ten Zu­sam­men­hang, ge­ring ist, weil es – so­zu­sa­gen – nicht ver­stan­den wird (oder eben nur in Aus­nah­me­fäl­len Ver­wen­dung fin­det): Mit ei­nem Adels­brief aus dem 18 Jhd. kann man sich heu­te nicht wirk­sam in­sze­nie­ren, mit ei­nem Fleece von Jack Wolfs­kin hin­ge­gen schon.

  8. Den Adels­brief gab es heu­te. Er fand kei­nen Käu­fer, weil die Dif­fe­renz zwi­schen Ge­bot und Wunsch zu groß war (1100 vs 3000). Ty­pi­sches Samm­ler­stück; Händ­ler ha­ben da un­ter Um­stän­den Jah­re auf La­ger.

    Der Wert der ver­äu­ßer­ten Ge­gen­stän­de macht sich nur noch am Markt­preis fest. Nie er­fährt man bes­ser, was es be­deu­tet, wenn sich et­was nach An­ge­bot und Nach­fra­ge rich­tet. Stücke, die in mü­he­vol­ler Hand­ar­beit ge­fer­tigt wur­den, wer­den kaum mehr den Wert die­ser Hand­ar­beit er­lö­sen (es gibt sel­te­ne Aus­nah­men). Ein 150-tei­li­ges Por­zel­lan­set aus dem Jahr 1930 – kom­plett und gut er­hal­ten – bringt ge­ra­de ein­mal 280 oder 300 Eu­ro. An­schaf­fungs­preis war über 3000 (um­ge­rech­net auf Kauf­kraft noch hö­her).