Ak­tiv oder er­zwun­gen?

Mi­ni­ster­prä­si­den­tin Han­ne­lo­re Kraft ha­be ihr Ka­bi­nett um­ge­bil­det. So ver­mel­de­te der Re­gie­rungs­sen­der WDR heu­te früh in sei­nen Ra­dio­nach­rich­ten. Man fragt sich: War­um? Die Lö­sung steht in der »Ana­ly­se« im WDR-Bei­trag von Rei­ner Kel­lers. »Lah­me En­ten« sei­en aus­ge­tauscht wor­den, heißt es dort. Und »drin­gend nö­tig« sei es in min­de­stens ei­nem Fall ge­we­sen. Die Mi­ni­ster­prä­si­den­tin ha­be noch die Pen­si­ons­gren­ze ab­ge­war­tet. Aber jetzt wer­de ge­han­delt.

So lau­tet ver­mut­lich die amt­li­che Ver­si­on. Die FAZ hin­ge­gen mel­det, dass die drei Mi­ni­ster schein­bar aus »pri­va­ten« Grün­den sel­ber ge­gan­gen sein sol­len. Kraft hät­te das Ka­bi­nett um­bil­den müs­sen. Das wä­re – nach al­len Ge­set­zen des Jour­na­lis­mus – min­de­stens ei­ne klei­ne po­li­ti­sche Kri­se.

Was stimmt al­so? Denn es ist ein Un­ter­schied, ob ei­ne Re­gie­rungs­chefin ak­tiv als Han­deln­de Ka­bi­netts­um­bil­dun­gen vor­nimmt oder durch Rück­trit­te da­zu ge­zwun­gen wird. Die Süd­deut­sche Zei­tung ent­schei­det sich für ei­nen Zwi­schen­weg; nichts Ge­nau­es weiss man nicht. Da­für, dass Jour­na­li­sten bei je­der Ge­le­gen­heit das Gras wach­sen hö­ren, ist die Re­ak­ti­on auf die drei Ka­bi­netts­um­bil­dun­gen in den öf­fent­lich-recht­li­chen Me­di­en durch­gän­gig ver­hal­ten (um es freund­lich zu for­mu­lie­ren).

Auf tagesschau.de ist auf der Ti­tel­sei­te der ge­plan­te Bör­sen­gang der Scha­eff­ler-Grup­pe wich­ti­ger als das Stüh­le­rücken im Ka­bi­nett des be­völ­ke­rungs­stärk­sten Bun­des­lan­des. heute.de in­ter­es­siert sich da­für mehr für Papp­mö­bel auf ih­rer Start­sei­te.

Wie sieht es in den Lo­kal­me­di­en aus? Die si­cher­lich nicht SPD-freund­li­che Rhei­ni­sche Post spricht über­ra­schen­der­wei­se eben­falls nicht von Rück­trit­ten. Ähn­lich auch die WAZ. Bei­de wei­sen auf die vol­len Pen­si­ons­an­sprü­che der »lah­men En­ten« (sie­he oben) hin. Das dürf­te bei den kom­mu­na­len Stich­wah­len am Sonn­tag si­cher­lich zu ei­ner gu­ten Wahl­be­tei­li­gung füh­ren.

So ganz ge­plant scheint dann die Ka­bi­netts­um­bil­dung nicht ge­we­sen zu sein. Ak­tu­ell (14.30 Uhr) ist die Ka­bi­netts­li­ste noch un­ver­än­dert.

Screenshot 21.9.2015 - 14.30 Uhr

Screen­shot 21.9.2015 – 14.30 Uhr

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8 Kommentare zu »Ak­tiv oder er­zwun­gen?«:

  1. Pingback: Wir schaffen das in Nordrhein-Westfalen?

  2. Doktor D sagt:

    Dass man vor­her kein Ge­mun­kel ir­gend­wo las, neh­me ich als Hin­weis, dass Frau Kraft das in­itiiiert hat, mit dem ein oder an­de­ren ge­treu­en. Wie schlau das jetzt so kurz vor der OB-Wahl-End­run­de ist, stel­le ich aber mal in Fra­ge.

    #1

  3. Als Düs­sel­dor­fer weiß man ja seit dem schein­bar zwangs­läu­fi­gen Rats­be­schluss, dem ehe­ma­li­gen OB El­bers (CDU) ab so­fort EUR 4200/monatlich als Pen­si­on zu­kom­men zu las­sen, was man un­ge­fähr an­stel­len muss, da­mit un­se­re ehe­ma­li­gen Wür­den­trä­ger nicht von heu­te auf mor­gen ins Elend ab­stür­zen. In­so­fern ist man na­tür­lich Frau Kraft dank­bar für ihr War­ten.

    Rat­los ste­he ich vor dem Fak­tum, dass die Mel­dung des In­te­rims­trai­ners von Bo­rus­sia Mön­chen­glad­bach für die Me­di­en wich­ti­ger ist als das NRW-Ka­bi­nett.

    #2

  4. chargesheimer sagt:

    Das der Ar­beits­mi­ni­ster aus­ge­wech­selt wer­den soll­te, wur­de auch in der Öf­fent­lich­keit bzw. in den Me­di­en schon ab dem Früh­som­mer »ge­mun­kelt«. Ich war des­we­gen im­mer dar­auf ge­spannt, wer Nach­fol­ger wird und ha­be da­mit schon gar­nicht mehr ge­rech­net, dass er geht und ha­be es dann ir­gend­wann als nicht un­üb­li­che Spe­ku­la­ti­on ab­ge­tan.
    Dass der neue Trai­ner von Mön­chen­glad­bach mehr Auf­merk­sam­keit in den Print­me­di­en er­hält als der Ka­bi­nett­wech­sel, ist ein Aus­druck der ent­po­li­ti­sie­rung der Be­völ­ke­rung, die seit dem Rück­tritt Wil­ly Brandts nicht nur in der Wahl­be­tei­li­gung sicht­bar ge­wor­den ist. Für mich ha­ben aber auch die Me­di­en ei­nen ge­hö­ri­gen An­teil an die­ser Ent­wick­lung, in­dem sie die Prio­ri­tä­ten in der Be­richt­erstat­tung im­mer mehr an kurz­fri­sti­gen (mög­li­chen) Auf­la­gen­stei­ge­run­gen aus­rich­ten, als an den nicht im­mer leicht durch­schau­ba­ren po­li­ti­schen Er­eig­nis­sen oder Zu­sam­men­hän­gen. Vor al­lem in den letz­ten Jah­ren wird im­mer pla­ka­ti­ver und im­mer we­ni­ger nach­hal­tig und ana­ly­tisch be­rich­tet. Ob es sich da­bei um Feind­bil­der (z.B. Pu­tin, Krim, Ukrai­ne, Sy­ri­en usw.) han­delt oder schlicht um PR für die je­wei­li­ge Re­gie­rung han­delt. Man­che sa­gen: »Das Volk ist doof, aber ge­ris­sen.« und des­we­gen miß­trau­en im­mer mehr Men­schen den Me­di­en in Deutsch­land und in­ter­es­sie­ren sich auch im­mer mehr für viel­leicht »wert­freie­ren« Mel­dun­gen wie z.B. die Mel­dun­gen zum neu­en Mön­chen­glad­ba­cher Trai­ner.
    Ich selbst stau­ne ja auch im­mer noch und im­mer wie­der, wie hier im Blog in den meist auf ho­hem Ni­veau statt­fin­den­den Dis­kus­sio­nen über Kunst und Li­te­ra­tur das »Feuil­le­ton« der ent­spre­chen­den Zei­tun­gen be­müht oder mit ein­be­zo­gen wird. Ich ha­be mich seit lan­gem auch da­von schon ver­ab­schie­det und ris­kie­re es da­bei ge­las­sen und mit Gleich­mut, mög­li­cher­wei­se als alt­mo­disch oder nicht auf dem Stand der Din­ge an­ge­se­hen zu wer­den. Für mich sind die mei­sten in die­sem Me­tier (der Me­di­en) lei­der nicht kom­pe­tent oder kor­rupt. Oder be­sten­falls Lohn­schrei­ber...

    #3

  5. Ich selbst stau­ne ja auch im­mer noch und im­mer wie­der, wie hier im Blog in den meist auf ho­hem Ni­veau statt­fin­den­den Dis­kus­sio­nen über Kunst und Li­te­ra­tur das »Feuil­le­ton« der ent­spre­chen­den Zei­tun­gen be­müht oder mit ein­be­zo­gen wird.
    Zu­nächst ein­mal Dank für das Lob – vor al­lem na­tür­lich an die Kom­men­ta­to­ren. In­ter­es­sant ist der Ein­schub, dass das Feuil­le­ton der Zei­tun­gen »be­müht oder mit ein­be­zo­gen« wür­de.

    Mich wür­de in­ter­es­sie­ren, war­um das falsch sein soll. Zum ei­nen gibt es ei­ne Ru­brik »Li­te­ra­tur­kri­tik in der Kri­tik«. Hier ist die­se Me­ta-Text-Ar­beit prak­tisch Pro­gramm. Man kann dar­über dis­ku­tie­ren, ob in die­sem Blog der­lei Kri­tik an der Kri­tik zu­viel ge­macht wird. Aber es ist auch ab­seits die­ses Res­sorts zu­wei­len not­wen­dig, den Re­so­nanz­raum des Feuil­le­tons der gän­gi­gen Me­di­en zu be­rück­sich­ti­gen. Man kann na­tür­lich ein voll­kom­men aut­ar­kes in­tel­lek­tu­el­les Le­ben ver­fech­ten, aber da­mit wür­de ich im Prin­zip ähn­lich ver­fah­ren wie die­je­ni­gen, die man kri­ti­siert. Auch die po­li­ti­sche Be­richt­erstat­tung in den Me­di­en kann ich nur kri­ti­sie­ren, wenn ich sie min­de­stens zur Kennt­nis neh­me.

    Ich glau­be üb­ri­gens nicht, dass sich in sin­ken­den Wahl­be­tei­li­gun­gen ei­ne Ent­po­li­ti­sie­rung zei­gen muss. Es gibt min­de­stens noch zwei an­de­re Er­klä­rungs­mög­lich­kei­ten: Zum ei­nen sind die Nicht­wäh­ler ein­fach zu­frie­den mit dem be­stehen­den Sy­stem und se­hen kei­ne Not­wen­dig­keit sich zu be­tei­li­gen. Oder sie ha­ben re­si­gniert, weil ih­nen die Al­ter­na­ti­ven feh­len. Wenn es dar­um geht, Ver­än­de­run­gen um­zu­set­zen, stei­gen Wahl­be­tei­li­gun­gen auch schon ein­mal, so bspw. 1998 bei der Bun­des­tags­wahl als Kohl ab­ge­wählt wur­de auf 82,2%. Zur Bei­be­hal­tung ei­ner Gro­ßen Ko­ali­ti­on oder wenn in ei­ner Kom­mu­ne ein Kan­di­dat auf > 70% der Stim­men er­war­tet wird, bleibt man dann schon ein­mal zu Hau­se.

    Die Ent­po­li­ti­sie­rung se­he ich da­hin­ge­hend, dass Po­li­tik als Ma­nage­ment-Auf­ga­be an­ge­se­hen wird. Ri­chard von Weiz­säcker for­mu­lier­te dies in den 1990er Jah­ren schon. Sinn­ge­mäss mein­te er, dass der Bür­ger sei­ne po­li­ti­schen Am­bi­tio­nen an die Po­li­tik de­le­giert ha­be. Die­se soll sei­nen Wohl­stand wenn mög­lich meh­ren und ihn an­son­sten bit­te in Ru­he las­sen. Die am­tie­ren­de Kanz­le­rin hat die­ses Sy­stem per­fek­tio­niert.

    #4

  6. chargesheimer sagt:

    Es ist na­tür­lich über­haupt nichts fal­sches dar­an, hier im Blog das Feuil­le­ton zu be­mü­hen oder mit ein­zu­be­zie­hen. Mit mei­nem Stau­nen woll­te ich nur zum Aus­druck brin­gen, dass es hier im­mer noch so­vie­le Men­schen gibt, die noch nicht wie ich re­si­gniert ha­ben und das Feuil­le­ton noch le­sen. Und: Das sei er­wähnt, sich meist sehr kon­kret und sach­lich da­mit aus­ein­an­der­set­zen, was aus mei­ner Sicht ne­ben der in­ten­si­ven in­te­lek­tu­el­len Aus­ein­an­der­set­zung auch im­mer ei­nen ge­wis­sen (zeit­li­chen) Auf­wand be­deu­tet. Ich den­ke manch­mal, wenn ich hier als in­ter­es­sier­ter, aber stil­ler Le­ser an den Dis­kus­sio­nen »teil­neh­me«, dass es die­ser Mü­he so oft nicht wert ist, sich mit dem ei­nen oder an­de­ren Kom­men­tar aus den Print­me­di­en so in­ten­siv aus­ein­an­der­zu­set­zen. Aber na­tür­lich ist mei­ne Ein­stel­lung da­zu et­was re­si­gna­tiv. Die­se Ein­stel­lung ge­gen­über den Print­me­di­en wur­de als Sa­men mit dem »Stern« und den Hit­ler­ta­ge­bü­chern und ei­ni­ge sehr un­an­ge­neh­me per­sön­li­che Er­fah­run­gen mit dem »Spie­gel« in mir ge­legt. Seit­dem weiß ich aus er­ster Hand, wie Ar­ti­kel ent­ste­hen kön­nen.
    Nicht mehr wäh­len zu ge­hen, ist für mich ein sehr un­po­li­ti­sches Ver­hal­ten. Wir ha­ben mitt­ler­wei­le ein so brei­tes Par­tei­en­spek­trum, dass ei­gent­lich al­les »al­ter­na­tiv­los« von rechts bis links ab­ge­deckt sein müß­te. Al­ler­dings ken­ne ich vie­le fru­strier­te ehe­ma­li­ge SPD-Wäh­ler, die tat­säch­lich für sich kei­ne Al­ter­na­ti­ve se­hen und nicht mehr zur Wahl ge­hen.
    Ich glau­be auch nicht so ganz an die Über­le­gung, dass es Men­schen ge­ben könn­te, die aus Zu­frie­den­heit nicht zur Wahl ge­hen. Wenn ich als po­li­tisch be­wuß­ter Mensch po­li­tisch zu­frie­den bin, dann sor­ge ich doch da­für, dass »mei­ne Par­tei« mit mei­ner Stim­me da­zu bei­trägt, die­sen Zu­stand zu si­chern. Die »Zu­frie­den­heit«, die mich da­von ab­hält ist eben­falls für mich ein, wie ich fin­de, nun doch ein un­re­flek­tier­tes und un­po­li­ti­sches Ver­hal­ten, al­so eher Be­quem­lich­keit oder Des­in­ter­es­se. Die­ses Ar­gu­ment der mög­li­cher­wei­se zu­frie­de­nen Nicht­wäh­ler ist mir zu sim­pel und wird ger­ne von den Po­li­ti­ker da­zu be­nutzt, die für mich be­denk­lich sin­ken­de Wahl­be­tei­li­gung schön zu re­den.
    Das gan­ze »jun­ge Volk«, was für mich so ab Ge­burts­jahr 1985 be­ginnt, kann ja wohl nicht wirk­lich mit ih­rer per­sön­li­chen Si­tua­ti­on zu­frie­den sein! Da­bei ist egal ob es sich jetzt um die Aus­bil­dungs­si­tua­ti­on, um die Si­tua­ti­on an den Hoch­schu­len oder ganz all­ge­mein um Ar­beits­ver­hält­nis­se dreht. Ich mag mich ir­ren, aber da über­wiegt doch Re­si­gna­ti­on, ver­bun­den mit po­li­ti­scher Pas­si­vi­tät.
    Weiz­säcker hat aus mei­ner Sicht Un­recht, wenn er be­haup­tet, der Bür­ger hat sei­ne po­li­ti­sche Am­bi­tio­nen de­le­giert. Denn das wür­de doch be­deu­ten, dass der Bür­ger in der Rea­li­tät Am­bi­tio­nen hät­te und sich ei­ne Par­tei zur per­sön­li­chen Wahl aus­sucht, oder? Des­we­gen glau­be ich, dass der deut­sche Bür­ger nicht sei­ne Am­bi­tio­nen an die Po­li­ti­ker de­le­giert, son­dern sich heu­te oft nur in den TV-Ses­sel zu­rück­lehnt und sei­ne (po­li­ti­sche) Hoff­nun­gen pas­siv dif­fus auf die Po­li­ti­ker pro­ji­ziert. Da­her klappt das auch so gut mit Frau Mer­kel, sie sug­ge­riert, dass sich die Leu­te bei ih­rem »un­auf­ge­reg­tem« po­li­ti­schen Ak­ti­vis­mus (man­che nen­nen das auch »In­ak­ti­vi­tät«), wohl und si­cher füh­len dür­fen.
    U.a. des­we­gen ist ak­tu­ell die Mel­dung über den neu­en Trai­ner der Bo­rus­sia für vie­le be­deuten­ter als der Wech­sel im NRW-Ka­bi­nett. Und wenn das kei­ne Ent­po­li­ti­sie­rung ist...
    Ich wün­sche Ih­nen al­le wei­ter­hin die Kraft und die Aus­dau­er sich hier in die­sem Blog auf dem bis­he­ri­gen Ni­veau (na­tür­lich auch mit dem Feuil­le­ton!) aus­ein­an­der zu set­zen.

    #5

  7. For­mal ha­ben Sie Recht, wenn Sie Wahl­ent­hal­tun­gen als un­po­li­tisch cha­rak­te­ri­sie­ren. Aber ich stel­le mal die The­se auf, dass »Pro­test­wäh­len« fast noch un­po­li­ti­scher ist (ob rechts oder links): Hier wird ein (po­li­tisch mo­ti­vier­ter) Af­fekt ka­na­li­siert, ob­wohl man mit den Ide­en der ge­wähl­ten Par­tei nicht oder nur ru­di­men­tär über­ein­stimmt. Mir ist je­der zu Hau­se ge­blie­be­ner NPD-Wäh­ler lie­ber als der­je­ni­ge, der sie aus min­de­ren Mo­ti­ven (s. o.) an­kreuzt. (Wo­bei man in bei­den Fäl­len nicht die Au­gen ver­schlie­ßen darf, dass es sol­che Mei­nun­gen gibt.)

    Na­tür­lich ist die The­se der all­ge­mei­nen Zu­frie­den­heit nicht zu ver­all­ge­mei­nern. Es gibt auch Fru­stra­ti­on bei den Nicht­wäh­lern. Was Sie zum Par­tei­en­spek­trum sa­gen, stimmt na­tür­lich. Aber eben nur theo­re­tisch: Ei­ne Stim­me für ei­ne Par­tei, die mit sehr gro­ßer Wahr­schein­lich­keit nicht über die 5%-Hürde kommt, gilt – zu Recht – als ver­lo­re­ne Stim­me. Und die Un­ter­schie­de zwi­schen den Uni­ons­par­tei­en und SPD sind auch nur noch mar­gi­nal. All­zu oft gibt es ei­ne Gro­Ko zwi­schen Uni­on, SPD und Grü­nen. Al­len­falls die Lin­ke lei­stet hier ab­wei­chen­de Mei­nun­gen, aber ver­mut­lich auch nur, weil es fol­gen­los ist. Grund­sätz­li­che po­li­ti­sche De­bat­ten gibt es in die­sem Land seit den 1980er Jah­ren nicht mehr. Die Zei­ten, dass die Bun­des­tags­wah­len Rich­tungs­wah­len wa­ren, sind seit­dem vor­bei. Auf der Kom­mu­nal­ebe­ne setzt sich der Ein­druck durch, dass die Lo­kal­po­li­tik nur ei­nen sehr be­grenz­ten Wir­kungs­spiel­raum hat.

    Von Weiz­säckers The­se ent­stand, als es die In­fla­ti­on der Talk­shows noch nicht gab. Ich glau­be schon, dass es ei­ne Art in­for­mel­len Ver­trag zwi­schen Wäh­lern und Po­li­tik gab bzw. so­gar gibt. Die po­li­ti­schen Kon­sen­se wa­ren die der po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Eli­ten. Das lief so lan­ge gut, so lan­ge es nicht zu Pro­ble­men kam. Nach wie vor gibt es kei­ne fun­da­men­ta­len po­li­ti­schen De­bat­ten, die ge­führt wer­den und den Bür­ger über­zeu­gen sol­len, statt ihn vor voll­ende­te Tat­sa­chen zu stel­len. Bei­spie­le sind die EU (Ost­erwei­te­rung, Eu­ro) und jetzt, ak­tu­ell, die Flücht­lings­pro­ble­ma­tik. Al­les ist »al­ter­na­tiv­los« oder wird mit Durch­hal­te­pa­ro­len zu­ge­klei­stert (»Wir schaf­fen das« – es ist schwie­rig, auf ein »Wir« zu re­kur­rie­ren, dass es vor­her nicht gab).

    Das be­deu­tet nicht, dass es zu al­lem so­fort Volks­ab­stim­mun­gen zu ge­ben ha­be. Aber die Furcht der Funk­ti­ons­trä­ger vor sol­chen Äu­ße­run­gen zeigt: Man miss­traut den ei­ge­nen Über­zeu­gun­gen und der Kraft der Ar­gu­men­te. Die Le­gi­ti­ma­ti­on für ihr Han­deln al­le vier Jah­re ge­rät für vie­le da­mit zur Far­ce.

    #6

  8. Das »Wis­sen« was zu tun sei, der Man­gel an of­fe­nen Dis­kus­si­ons­pro­zes­sen, die oft feh­len­de To­le­ranz ge­gen­über dem, was man nicht hö­ren möch­te, eben: Al­ter­na­tiv­lo­sig­keit (der schon wie­der be­müh­te Un­ter­gang der EU), Kor­rekt­heit, Phra­se, Emo­ti­on, man­geln­des Ver­ständ­nis für die Zu­stän­dig­kei­ten von Po­li­tik und Staat, ein un­ver­ständ­li­ches Miss­trau­en dem Ar­gu­ment ge­gen­über, ein Pri­mat der Mo­ral, ei­ne im­mer wie­der selt­sam kon­sen­sua­le, dün­ne me­dia­le Be­richt­erstat­tung, usf., all das ent­frem­det die Bür­ger von den Po­li­ti­kern, för­dert Miss­trau­en und stärkt je­ne Par­tei­en, die die lee­ren Fel­der be­set­zen und de­nen man sie ei­gent­lich nicht hät­te über­las­sen sol­len. Da ist vie­les haus­ge­macht, zu­gleich exi­stiert da­für aber kaum ein Ver­ständ­nis auf der Ebe­ne der Po­li­tik.

    #7