Ostern ’26

Von Dro­hun­gen, Post­kar­ten und Schach­spie­le­rin­nen

Auf Zy­pern fin­den der­zeit die Kan­di­da­ten­tur­nie­re zur Schach­welt­mei­ster­schaft statt. Die Ge­win­ner dür­fen den je­wei­li­gen Welt­mei­ster her­aus­for­dern (bei den Her­ren ist es Dom­ma­ra­ju Gu­kesh aus In­di­en und bei den Da­men Ju Wen­ju aus Chi­na). Das er­in­nert mich an ei­ne An­ek­do­te, die ich mal vor lan­ger Zeit ge­le­sen ha­be. Der so­wje­ti­sche Schach­groß­mei­ster (und Welt­mei­ster) Mi­chail Bot­win­nik (1911–1995) hass­te Lärm und das Rau­chen. Je­der wuss­te das. Ir­gend­wann plat­zier­te ei­ner sei­ner Geg­ner vor der Par­tie Rauch­uten­si­li­en auf sei­ner Sei­te des Ti­sches: Streich­höl­zer, Aschen­be­cher, Zi­ga­ret­ten. Bot­win­nik wand­te sich an den Schieds­rich­ter, denn be­reits zu die­ser Zeit war das Rau­chen bei den Tur­nie­ren un­ter­sagt. Bot­win­niks Geg­ner (ich weiß nicht mehr, wer es war), wei­ger­te sich, die Sa­chen ab­zu­räu­men. Der Schieds­rich­ter zu Bot­win­nik: Sein Geg­ner rau­che ja nicht. Bot­win­nik: Aber er droht es! Und im Schach sei die Dro­hung schlim­mer als die Aus­füh­rung.

Es ist un­wahr­schein­lich, dass Do­nald Trump die Bot­win­nik-Epi­so­de kennt, wenn er und sei­ne Satra­pen wie Ru­bio und Hegs­eth fast stünd­lich dro­hen, die NATO zu ver­las­sen. Da­bei müs­sen sie die NATO gar nicht ver­las­sen, um das ein­deu­ti­ge Si­gnal zu sen­den: Der Ar­ti­kel 5, die Bei­stands­pflicht im Fal­le ei­nes An­griffs auf ein oder meh­re­re Mit­glie­der, ist nur noch Ma­ku­la­tur. Wer die geo­stra­te­gi­sche Aus­rich­tung der Trump-Re­gie­rung liest, kommt zu ei­nem ziem­lich ein­deu­ti­gen Ur­teil. Einst wies der re­pu­bli­ka­ni­sche Se­na­tor John Mc­Cain dar­auf hin, dass die Aus­for­mu­lie­rung des Bei­stands­ar­ti­kels sehr va­ge sei. Von der Post­kar­te bis zum Atom­schlag sei al­les mög­lich, so Mc­Cain da­mals. Trumps Stra­te­gen ha­ben sich längst für die Post­kar­te ent­schie­den.

Die Aus­tritts­dro­hung Trumps ist nur Spie­le­rei. Zum ei­nen – so wei­sen Le­ga­li­sten hin – be­nö­tigt Trump da­für ei­ne Zwei­drit­tel-Mehr­heit im Kon­gress. Ver­mut­lich wür­de er je­doch ver­su­chen, auch die­se Maß­nah­me erst ein­mal per De­kret um­zu­set­zen. Lang­wie­ri­ge ge­richt­li­che Ver­fah­ren droh­ten dann. Nach den Ele­fan­ten wür­de dann noch ein­mal ei­ne Dampf­wal­ze durch den Por­zel­lan­la­den fah­ren. Zeit­ver­schwen­dung und – un­nö­ti­ge Fest­le­gung.

Trump er­reicht mit dem Spiel um die Dro­hung mehr, als er mit de­ren Rea­li­sie­rung ge­win­nen könn­te. Ein for­ma­ler Aus­tritt wür­de näm­lich be­deu­ten, dass die ver­blie­be­nen Mit­glie­der ver­such­ten, kei­ne US-ame­ri­ka­ni­schen Waf­fen­sy­ste­me und Flug­zeu­ge mehr an­zu­schaf­fen. Die Rü­stungs­in­du­strie der USA ist al­ler­dings auf die­se Käu­fe an­ge­wie­sen; es wer­den gu­te US-Dol­lar da­mit ge­niert. Auch die stra­te­gi­schen Stand­or­te in Eu­ro­pa, al­len vor­an Ram­stein, stün­den dann zur Dis­po­si­ti­on. Dies wä­re auch im Hin­blick auf ei­ne Fo­kus­sie­rung auf Asi­en ei­ne stra­te­gi­sche Schwä­che der USA gro­ßen Aus­ma­ßes.

Trump schätzt die Eu­ro­pä­er als weich ein. Er glaubt, sie durch­schau­en sein Spiel nicht. Ei­ni­ge wer­den sich als Schlich­ter her­vor­tun; al­len vor­an NA­TO-Ge­ne­ral­se­kre­tär Rut­te. Mit­tel­fri­stig rech­net Trump auch wie­der mit Deutsch­land und Groß­bri­tan­ni­en. Sie wer­den sei­nen Wahn­sinns­krieg ge­gen den Iran am En­de be­zah­len. Die Ame­ri­ka­ner wis­sen, dass sie auf Jahr­zehn­te hin für die Eu­ro­pä­er nicht zu er­set­zen sind. Die ha­ben we­der Per­so­nal, noch die Ei­nig­keit, ih­re Ver­tei­di­gung und Ab­schreckung selbst zu or­ga­ni­sie­ren. Sie wer­den über kurz oder lang wie­der den be­que­men Weg ge­hen: Kauf von Rü­stungs­gü­tern bei den USA; Hoff­nung auf »nu­klea­re Teil­ha­be«.

Bot­win­nik soll die Par­tie ver­lo­ren ha­ben.

Das Schach­tur­nier auf Zy­pern ist üb­ri­gens wirk­lich in­ter­es­sant, ins­be­son­de­re was die Teil­neh­me­rin­nen an­geht. Von den acht Spie­le­rin­nen wä­ren ei­gent­lich drei Frau­en aus In­di­en qua­li­fi­ziert ge­we­sen, zwei aus Russ­land (sie star­ten un­ter der Flag­ge des Welt­schach­ver­bands), zwei aus Chi­na und ei­ne aus Aser­bei­dschan. Ei­ne in­di­sche Teil­neh­me­rin hat­te dann aus Si­cher­heits­grün­den ab­ge­sagt – ei­ne ukrai­ni­sche Spie­le­rin sprang ein. In der Teilnehmer(innen)liste feh­len ame­ri­ka­ni­sche und eu­ro­päi­sche Spie­le­rin­nen. Auch in der Top­li­ste der Schach­spie­le­rin­nen do­mi­nie­ren Chi­na und In­di­en.

Bei den Her­ren sieht es für »den We­sten« et­was bes­ser aus. Lei­der nimmt der stärk­ste Spie­ler gar nicht mehr teil an sol­chen Tur­nie­ren. Sie sind ihm zu lang und da­mit zu lang­wei­lig ge­wor­den.

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