Von Drohungen, Postkarten und Schachspielerinnen
Auf Zypern finden derzeit die Kandidatenturniere zur Schachweltmeisterschaft statt. Die Gewinner dürfen den jeweiligen Weltmeister herausfordern (bei den Herren ist es Dommaraju Gukesh aus Indien und bei den Damen Ju Wenju aus China). Das erinnert mich an eine Anekdote, die ich mal vor langer Zeit gelesen habe. Der sowjetische Schachgroßmeister (und Weltmeister) Michail Botwinnik (1911–1995) hasste Lärm und das Rauchen. Jeder wusste das. Irgendwann platzierte einer seiner Gegner vor der Partie Rauchutensilien auf seiner Seite des Tisches: Streichhölzer, Aschenbecher, Zigaretten. Botwinnik wandte sich an den Schiedsrichter, denn bereits zu dieser Zeit war das Rauchen bei den Turnieren untersagt. Botwinniks Gegner (ich weiß nicht mehr, wer es war), weigerte sich, die Sachen abzuräumen. Der Schiedsrichter zu Botwinnik: Sein Gegner rauche ja nicht. Botwinnik: Aber er droht es! Und im Schach sei die Drohung schlimmer als die Ausführung.
Es ist unwahrscheinlich, dass Donald Trump die Botwinnik-Episode kennt, wenn er und seine Satrapen wie Rubio und Hegseth fast stündlich drohen, die NATO zu verlassen. Dabei müssen sie die NATO gar nicht verlassen, um das eindeutige Signal zu senden: Der Artikel 5, die Beistandspflicht im Falle eines Angriffs auf ein oder mehrere Mitglieder, ist nur noch Makulatur. Wer die geostrategische Ausrichtung der Trump-Regierung liest, kommt zu einem ziemlich eindeutigen Urteil. Einst wies der republikanische Senator John McCain darauf hin, dass die Ausformulierung des Beistandsartikels sehr vage sei. Von der Postkarte bis zum Atomschlag sei alles möglich, so McCain damals. Trumps Strategen haben sich längst für die Postkarte entschieden.
Die Austrittsdrohung Trumps ist nur Spielerei. Zum einen – so weisen Legalisten hin – benötigt Trump dafür eine Zweidrittel-Mehrheit im Kongress. Vermutlich würde er jedoch versuchen, auch diese Maßnahme erst einmal per Dekret umzusetzen. Langwierige gerichtliche Verfahren drohten dann. Nach den Elefanten würde dann noch einmal eine Dampfwalze durch den Porzellanladen fahren. Zeitverschwendung und – unnötige Festlegung.
Trump erreicht mit dem Spiel um die Drohung mehr, als er mit deren Realisierung gewinnen könnte. Ein formaler Austritt würde nämlich bedeuten, dass die verbliebenen Mitglieder versuchten, keine US-amerikanischen Waffensysteme und Flugzeuge mehr anzuschaffen. Die Rüstungsindustrie der USA ist allerdings auf diese Käufe angewiesen; es werden gute US-Dollar damit geniert. Auch die strategischen Standorte in Europa, allen voran Ramstein, stünden dann zur Disposition. Dies wäre auch im Hinblick auf eine Fokussierung auf Asien eine strategische Schwäche der USA großen Ausmaßes.
Trump schätzt die Europäer als weich ein. Er glaubt, sie durchschauen sein Spiel nicht. Einige werden sich als Schlichter hervortun; allen voran NATO-Generalsekretär Rutte. Mittelfristig rechnet Trump auch wieder mit Deutschland und Großbritannien. Sie werden seinen Wahnsinnskrieg gegen den Iran am Ende bezahlen. Die Amerikaner wissen, dass sie auf Jahrzehnte hin für die Europäer nicht zu ersetzen sind. Die haben weder Personal, noch die Einigkeit, ihre Verteidigung und Abschreckung selbst zu organisieren. Sie werden über kurz oder lang wieder den bequemen Weg gehen: Kauf von Rüstungsgütern bei den USA; Hoffnung auf »nukleare Teilhabe«.
Botwinnik soll die Partie verloren haben.
Das Schachturnier auf Zypern ist übrigens wirklich interessant, insbesondere was die Teilnehmerinnen angeht. Von den acht Spielerinnen wären eigentlich drei Frauen aus Indien qualifiziert gewesen, zwei aus Russland (sie starten unter der Flagge des Weltschachverbands), zwei aus China und eine aus Aserbeidschan. Eine indische Teilnehmerin hatte dann aus Sicherheitsgründen abgesagt – eine ukrainische Spielerin sprang ein. In der Teilnehmer(innen)liste fehlen amerikanische und europäische Spielerinnen. Auch in der Topliste der Schachspielerinnen dominieren China und Indien.
Bei den Herren sieht es für »den Westen« etwas besser aus. Leider nimmt der stärkste Spieler gar nicht mehr teil an solchen Turnieren. Sie sind ihm zu lang und damit zu langweilig geworden.