Pe­ter Slo­ter­di­jk: Der Fürst und sei­ne Er­ben

Peter Sloterdijk: Der Fürst und seine Erben
Pe­ter Slo­ter­di­jk: Der Fürst und sei­ne Er­ben

Kei­ne Fra­ge, das Co­ver ist ein Hin­gucker. Do­nald Trump als Re­nais­sance-Fürst, der Ge­sichts­aus­druck ru­hig, ein Fin­ger zeigt zu­rück. Ein Fürst und sei­ne Er­ben lau­tet der Ti­tel des Es­says von Pe­ter Slo­ter­di­jk und un­ter­sucht wer­den sol­len die »gro­ßen Män­ner im Zeit­al­ter der ge­wöhn­li­chen Leu­te«. Bei Slo­ter­di­jk pas­siert dies na­tür­lich in Sprün­gen und Rucken, die bis­wei­len Ver­wir­rung stif­ten und den­noch auch Er­kennt­nis­se bie­ten.

Ei­ne die­ser Er­kennt­nis­se lau­tet, dass die Für­sten »wie­der da« sind. Und das wird ei­nem ge­gen En­de ei­nen dicken Kloß im Hals zu­rück­las­sen. Bis da­hin wird hef­tig hin- und her­ge­schal­tet; man fühlt sich an Sport­kon­fe­ren­zen er­in­nert, nur sind es hier Zeit­ebe­nen. Vom Ein­tau­chen in Ma­chia­vel­lis Schrift Der Fürst geht es über die Um­trie­be von Papst Alex­an­der VI. zur fran­zö­si­sche Re­vo­lu­ti­on und Rous­se­au, macht ei­ne kur­ze Vi­si­te bei Carl Schmitt, ra­stet kurz im gol­de­nen Zeit­al­ter der Ver­fas­sungs­recht­ler und dann geht’s wie­der zu­rück ins 19. Jahr­hun­dert und der Po­li­tik des Ab­sur­den be­vor sor­gen­voll auf die Ge­gen­wart ge­schaut wird.

Slo­ter­di­jk re­fe­riert, dass die Ver­trei­bung aus dem Pa­ra­dies nur der er­ste von drei Sün­den­fäl­len der Mensch­heit war. Als zwei­ter Sün­den­fall wird »die frei­wil­li­ge Un­ter­ord­nung un­ter die je­wei­li­ge Ob­rig­keit«, der »Sturz in den hier­ar­chi­sier­ten Staat«, aus­ge­macht. Ver­mut­lich ei­ne zwangs­läu­fi­ge Maß­nah­me, ein Kol­la­te­ral­scha­den der Sess­haf­tig­keit des Men­schen. Es be­gann nun der Auf­stieg de­rer, die sich Für­sten nann­ten, Dy­na­stien grün­de­ten, Kö­ni­ge und Kai­ser her­vor­brach­ten. Die fran­zö­si­sche Re­vo­lu­ti­on mach­te dann aus dem Un­ter­ta­nen den Bür­ger. Der drit­te Sün­den­fall wur­de von Rous­se­au und sei­ner Er­fin­dung des »Volks« ein­ge­läu­tet. So wur­de statt des Für­sten der Bür­ger zum Sou­ve­rän er­klärt. Es bil­det sich das, was Slo­ter­di­jk »Ver­ti­ka­li­tät« nennt. Sie wird (in den Staa­ten, die wir »We­sten« nen­nen) in­zwi­schen als De­mo­kra­tie or­ga­ni­siert, d. h. die »Ka­ko­pho­nie zer­split­ter­ter Wil­lens­stim­men« wird in ein ge­mein­schafts­tra­gen­des Kon­zept ein­ge­bun­den. Die wohl zu tra­gen­de Fol­ge ist die per­ma­nen­te Dro­hung der »Ver­kle­bung der Ein­zel­nen in ihr Kol­lek­tiv«.

De­mo­kra­tie be­deu­tet: Die Bür­ger wäh­len in ei­nem »Akt der Macht­ab­tre­tung« durch Mehr­heits­ent­scheid ei­nen Herr­scher. Vi­ru­lent ist da­bei ei­ne »stets dro­hen­de Ver­ge­wal­ti­gung des ein­zel­nen durch auf­dring­li­che Fik­tio­nen ei­nes fu­sio­nier­ten Ge­mein­wil­lens.« Nach­träg­lich er­scheint es ei­ni­ger­ma­ßen über­ra­schend, dass in den letz­ten rund sieb­zig Jah­ren ei­ne Ba­lan­ce der un­ter­schied­li­chen In­ter­es­sen ganz gut ge­lang. Die ak­tu­ell wahr­ge­nom­me­ne »Kri­se der De­mo­kra­tie« ent­stammt, so Slo­ter­di­jk, der »Erb­last der Nai­vi­tät« bei der Im­ple­men­tie­rung von In­sti­tu­tio­nen. »Man mein­te wohl, die Funk­ti­on des Sou­ve­räns da­durch zu do­me­sti­zie­ren, daß man das Volk zu ei­nem sol­chen de­kla­rier­te, oh­ne zu fra­gen, ob es be­reit und vor al­lem: fä­hig sei, mit der Last des schein­ba­ren Oben­ste­hens auf ge­eig­ne­te Wei­se um­zu­ge­hen.« Sub­ti­le Wäh­ler­be­schimp­fung.

Aus­führ­lich wid­met sich Slo­ter­di­jk im Zick-Zack der Bon­mots dem Wan­del des Be­griffs des Sou­ve­räns vom Für­sten zum Bür­ger. Es ist un­ver­meid­bar, dass er da­bei Carl Schmitts De­fi­ni­ti­on »Sou­ve­rän ist, wer über den Aus­nah­me­zu­stand ent­schei­det« zi­tiert. Was bleibt, ist die Fort­set­zung als Per­si­fla­ge. Et­wa mit der Aus­sa­ge, sou­ve­rän sei »wer sich dem Ruf zum Er­wach­sen­wer­den un­ter dem Druck aku­ter Auf­ga­ben und chro­ni­scher Schwie­rig­kei­ten mit sei­ner gan­zen Exi­stenz aus­setzt.« Die­se eher als Er­gän­zung ver­stan­de­ne Er­klä­rung po­stu­lie­re, so Slo­ter­di­jk, dass »rei­fe Po­li­tik Er­wach­se­nen­sa­che blei­ben sol­le«. Ob man da­für über 70 Jah­re alt sein soll, bleibt in der Schwe­be.

Tref­fen­der ein wei­te­rer, aus­grei­fen­der Be­griff. Dem­nach ist sou­ve­rän, »wer im­stand ist, die Kom­mu­ni­ka­tio­nen der Bür­ger über die Macht­ha­ben­den bis in die ka­pil­la­re Ebe­ne zu über­wa­chen.« Da­mit ist das kurz­fri­stig gül­ti­ge Po­stu­lat, der Bür­ger sei der Sou­ve­rän, end­gül­tig Ver­gan­gen­heit. Der die­nen­de Ver­wal­ter wird wie­der durch den Für­sten er­setzt. Für den mo­der­nen Staat be­deu­tet das: »Sou­ve­rä­ni­tät ist nicht das sä­ku­la­re Ge­gen­stück der gött­li­chen All­macht, son­dern ein Vor­wand, um den Für­sten für recht­lich un­be­lang­bar zu er­klä­ren.« Selbst wenn die­ser Fürst auf Zeit ge­wählt sein soll­te.

Rasch nennt Slo­ter­di­jk hier na­tür­lich hier Chi­na, aber den Bo­gen zur EU und den ge­plan­ten Ein­grif­fen (Stich­wort: So­cial-Me­dia-Aus­weis­pflicht; Chat-Kon­trol­le ) spannt er über­ra­schen­der­wei­se nicht. Und wenn er »die Um­wand­lung der Rich­ter­schaft in ei­ne Ge­folg­schaft, die Ein­schüch­te­rung der frei­en Mei­nungs­aus­spra­che« und »die all­mäh­li­che Gleich­schal­tung der Me­di­en« be­klagt, fällt ihm nur die USA ein. Zu den Ver­fas­sungs­ge­richts­hö­fen ei­ni­ger eu­ro­päi­scher Län­der und dem DSA der EU ei­ser­nes Schwei­gen. Das ist be­dau­er­lich.

Slo­ter­di­jks Es­say ist nicht nur hi­sto­ri­en- son­dern auch frank­reich­la­stig. Hier kennt er sich aus und kann den Le­ser ma­xi­mal ver­wir­ren. In al­ler Aus­führ­lich­keit wird man in das Jahr 1852 ge­führt. Aus­gie­big wer­den die Aus­füh­run­gen des Schrift­stel­lers Vic­tor Hu­go ge­gen die An­ma­ßung von Lou­is-Na­po­lé­on zi­tiert, der sich »un­ter dem Na­men Na­po­le­on III. zum Kai­ser pro­kla­mier­te und die Zwei­te Re­pu­blik in das Zwei­te Em­pire um­be­nann­te.« Hu­go wie Slo­ter­di­jk er­ken­nen hier den »Ein­bruch des Ab­sur­den« in die Po­li­tik. Für die re­pu­bli­ka­ni­schen Fran­zo­sen blieb nur die »Selbst­kor­rup­ti­on« oder das Exil. Hu­go ent­schied sich für Letz­te­res und Slo­ter­di­jk zi­tiert amü­siert aus Hu­gos In­vek­ti­ven aus si­che­rer Ent­fer­nung ge­gen den Kai­ser. Lei­der fehlt der Hin­weis, dass ak­tu­ell sol­che For­men der Kri­tik vom deut­schen »Sou­ve­rän« an die po­li­ti­schen Man­dats­trä­ger der Lan­des- und Bun­des­par­la­men­te (EP ein­ge­schlos­sen) un­ter dem StGB-Ma­je­stäts­be­lei­di­gungs­pa­ra­gra­phen fal­len und mit Buß­gel­dern sank­tio­niert wür­den, nicht zu­letzt, weil Po­li­ti­ker Agen­tu­ren mit dem Auf­spü­ren von solch un­lieb­sam-fre­chen Sot­ti­sen be­auf­tra­gen und die Ju­stiz mit sol­chen Ver­fah­ren blockie­ren.

Re­sul­tiert aus der Kri­se des Um­gangs des Bür­gers mit dem »Oben­ste­hen« die­se neue Sehn­sucht nach dem Für­sten, wie er sich heut­zu­ta­ge in Fi­gu­ren wie Trump, Xi oder Pu­tin (et­was ab­ge­mil­dert: Or­bán oder Or­te­ga) zeigt? Staa­ten- und Ge­mein­schafts­kon­struk­tio­nen wa­ren, so Slo­ter­di­jk, zeit­ge­schicht­lich be­trach­tet im­mer nur vor­über­ge­hen­de Phä­no­me­ne. Er nennt sie »Im­pro­vi­sa­tio­nen«. Dank­ba­rer Ge­gen­stand der Im­pro­vi­sa­tio­nen vom Wech­sel von Sou­ve­rä­ni­tä­ten ist vor al­lem Frank­reich.

Im letz­ten Teil tritt Slo­ter­di­jk als Mah­ner auf, spricht von der »Te­le­ma­li­g­ni­tät«, dem »Fe­sti­val der Er­reich­bar­keit«, die es dem »Bö­sen« den »Ex­port von Un­wahr­heit« er­laubt, »ob in Form von ver­ba­len Dro­hun­gen, ob phy­sisch re­al in den Spra­chen der Luft­waf­fe und mit der bö­sen Fracht weit­tra­gen­der Ra­ke­ten. Man möch­te sich ernst­haft die Fra­ge stel­len, ob es je zu­vor so vie­le ›gro­ße Män­ner‹ mit gro­ßen An­sprü­chen ge­ge­ben hat, die be­reit sind, um der Macht wil­len ver­rückt zu wer­den.« Die For­mu­lie­rung wur­de deut­lich vor dem Iran-Krieg Trumps/Netanjahus ver­fasst.

Die ver­rück­ten Er­ben der Für­sten herr­schen nicht mehr über Stadt­staa­ten, son­dern kön­nen auf­grund ei­ner Fake-Nach­richt oder ge­fühl­ten Be­lei­di­gung in Echt­zeit do­ku­men­tiert mit ei­nem Knopf­druck die Welt aus­lö­schen. Slo­ter­di­jk teilt so­wohl ge­gen Rü­stungs­adep­ten wie ge­gen Un­ter­wer­fungs- und Frie­dens­red­ner aus. Be­mer­kens­wert, wie er dann, zur Wahl ge­stellt zwi­schen Pest und Cho­le­ra, zum Rea­li­sten wird. Ein Trost könn­te sein, dass auch die­se Epo­che nur ei­ne Im­pro­vi­sa­ti­on ist. Man muss sie ir­gend­wie über­ste­hen. Aber was kommt da­nach?

Ein neu­er Es­say!

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