Yel­low Fi­scher

Es war ein lau­er Som­mer­abend 1998. Die Pla­ka­te hat­te ich schon vor­her ge­se­hen. Wir schlen­der­ten am Rhein ent­lang und plötz­lich kam uns die Idee, die Rhein­ter­ras­sen zu be­su­chen. Josch­ka Fi­scher hielt dort ei­ne Wahl­kampf­re­de. Es be­gann mit dem Ka­ba­ret­tist Vol­ker Pis­pers, der ei­ni­ge Witz­chen über Kohl und des­sen (ma­ro­der) Re­gie­rung mach­te. Wir sehn­ten die Zeit her­bei, dass sol­che Wit­ze nicht mehr ge­macht wer­den konn­ten.

Dann kam er. Ha­ger, mön­chisch, fast ein biss­chen kränk­lich sah er aus. Er soll so­gar, flü­ster­te man sich zu, vor­her noch am Rhein ge­joggt ha­ben. 9/11 war noch sehr weit weg und au­sser­halb un­se­rer Vor­stel­lun­gen. Die Stim­me halb­wegs fest; der Wahl­kampf, »Ihr ver­steht«. We­ni­ge Wo­chen da­nach er­ken­nen wir Fi­scher beim An­tritts­be­such in Wa­shing­ton im Fern­se­hen kaum wie­der – in ed­lem Zwirn, die Kör­per­spra­che fast un­ter­wür­fig, gar ängst­lich; wie ein Gym­na­si­ast, der gu­ten Ein­druck bei dem rei­chen On­kel ma­chen möch­te. Hun­dert Jah­re spä­ter oder: Wie schnell geht das?

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Nach­le­se 30. In­ge­borg-Bach­mann-Preis: Exo­tis­mus und Au­then­ti­zi­tät

18 Au­toren le­sen ih­re li­te­ra­ri­schen Tex­te vor und an­schlie­ssend dis­ku­tie­ren neun Ju­ro­ren hier­über. Die­ses Set­ting ist die Aus­gangs­po­si­ti­on für den so­ge­nann­ten »In­­­ge­­borg-Bach­­mann-Preis«, volks­tüm­lich auch »Wett­le­sen« ge­nannt (als wä­re je­ner der Sie­ger, der zu­erst fer­tig sei). Ana­chro­ni­sti­scher kann Fern­se­hen nicht sein, als dies zu über­tra­gen. Aber es kann auch – wenn die Bei­trä­ge und Dis­kus­sio­nen »stim­men«– ...

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Deutsch­lands Fa­mi­li­en­po­li­tik im Blind­flug

Kaum ein The­ma hat in den letz­ten Mo­na­ten die In­nen­po­li­tik so be­stimmt wie die de­mo­gra­fi­sche Ent­wick­lung Deutsch­lands und das »Aus­blei­ben« von Kin­dern. Das ging bis zur An­pran­ge­rung gan­zer Be­rufs- und Ge­sell­schafts­grup­pen. Die kon­ser­va­ti­ve Re­gres­si­on zur Fa­mi­lie und dem gän­gi­gen Fa­mi­li­en­bild der 50er Jah­re (mit­in­iti­iert bei­spiels­wei­se von Udo di Fa­bi­os »Kul­tur der Frei­heit« oder auch – klü­ger – von Schirr­ma­chers »Mi­ni­mum«) ging ein­her mit ei­nem (teil­wei­se na­tio­nal da­her­kom­men­den) Alar­mis­mus – als wä­re die Kri­sen­haf­tig­keit der So­zi­al­sy­ste­me mo­no­kau­sal er­klär­bar und lie­sse sich mit der blo­ssen Zu­füh­rung neu­er »Bei­trags­zah­ler« lö­sen. (Wo­her dann die Ar­beits­plät­ze kom­men sol­len, blieb in die­ser Dis­kus­si­on üb­ri­gens im­mer merk­wür­dig un­ter­be­lich­tet.)

In sei­nem lo­bens­wer­ten Ar­ti­kel »Po­ker­spie­le an der Wie­ge« de­cou­vriert Björn Schwent­ker nun die sta­ti­sti­schen (Fehl-)Methoden, die für die Po­li­tik die Grund­la­ge zu ih­rer neu­en Hin­wen­dung zur Fa­mi­lie füh­ren. Deutsch­lands Fa­mi­li­en­po­li­tik be­fin­det sich im Blind­flug – die Er­he­bung der Ge­bur­ten­zif­fern ist lücken­haft und geht teil­wei­se von fal­schen Vor­aus­set­zun­gen aus.

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Hans Ma­gnus En­zens­ber­ger: Schreckens Män­ner – Ver­such über den ra­di­ka­len Ver­lie­rer

Hans Magnus Enzensberger: Schreckens Männer - Versuch über den radikalen Verlierer
Hans Ma­gnus En­zens­ber­ger: Schreckens Män­ner – Ver­such über den ra­di­ka­len Ver­lie­rer

Was „Schreckens Män­ner“ am An­fang in­ter­es­sant macht, ist, dass En­zens­ber­ger ver­sucht, ei­ne Ty­po­lo­gie des fru­strier­ten, ge­schei­ter­ten und dann „aus­ra­sten­den“ Mes­ser­ste­chers, Mör­ders oder Amok­läu­fers zu ent­wer­fen, oh­ne mit dem er­ho­be­nen Zei­ge­fin­ger in alt­lin­ker Ma­nier aus­schliess­lich „die Ge­sell­schaft“ ver­ant­wort­lich zu ma­chen. Sein Ver­such geht da­hin, die per­sön­li­chen Um­stän­de des­je­ni­gen zu hin­ter­fra­gen, oh­ne in psy­cho­lo­gi­sche, vor al­lem je­doch so­zio­lo­gi­sche Deu­tungs­mu­ster zu ver­fal­len (letz­te­res de­zi­diert – er­ste­res schei­tert zwangs­läu­fig [so­viel muss vor­weg­ge­nom­men wer­den]).

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Das Hei­den­reich-Kaf­fee­kränz­chen: »Le­sen!« im ZDF

Ge­stern wie­der „Le­sen!“ im ZDF mit El­ke Hei­den­reich, der Frau mit dem „gro­ssen Herz für schlech­te Bü­cher“ (Iris Ra­disch).

Die­se Sen­dung zeigt das Elend der Ver­mitt­lung von Li­te­ra­tur durch / im Fern­se­hen. In drei­ssig Mi­nu­ten nu­delt Frau Hei­den­reich ih­re höchst­per­sön­li­che Aus­wahl von Bü­chern her­un­ter. Es sind meist um die 20 – de­zi­dier­te Be­spre­chun­gen sind da na­tür­lich nicht mög­lich. Haupt­sa­che „Le­sen“! (Der läng­ste Part der Ru­he in der Sen­dung ist das Vor­le­sen aus ei­nem Hör­buch – dies­mal Scott Fitz­ge­rald.)

Ih­re Kri­te­ri­en blei­ben da­bei im Dun­keln bzw. sind (ver­mut­lich) an ei­ner vul­gär-äs­the­ti­schen Li­nie zwi­schen Un­ter­hal­tungs­ro­man und po­li­tisch-kor­rek­ter Mi­lieu­pro­sa fest­zu­ma­chen.

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