Von Ver­harm­lo­sern und Über­trei­bern

An­fang der 90er Jah­re be­ob­ach­te­te der Schrift­stel­ler Bo­do Mor­shäu­ser ei­nen Pro­zess ge­gen vier jun­ge Män­ner, die ei­ne Frau be­sta­lisch er­mor­det hat­ten und min­de­stens teil­wei­se dem rech­ten Mi­lieu zu­ge­ord­net wur­den. Mor­shäu­ser fuhr nach Kel­ling­hu­sen, traf auf Skin­heads, Xe­no­pho­be und so­zi­al ge­schei­ter­te Exi­sten­zen. Er fand im Verfassungs­schutz­bericht von 1986 ei­nen Hin­weis auf den Ort. Es gab / gibt ei­ne Neo­na­zi-Sze­ne. 1987 kam es zu ei­nem Tref­fen in Kel­ling­hu­sen, zu dem die rechts­ra­di­ka­le »FAP« auf­ge­ru­fen hat­te. (Die »FAP« wur­de 1995 vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ver­bo­ten.) Mor­shäu­ser be­rich­tet von ei­ner Po­li­zei­es­kor­te für die Rechts­ra­di­ka­len und spär­li­chen Gegen­demonstrationen.

In­ter­es­sant ist die in sol­chen Fäl­len zu be­ob­ach­ten­de Di­cho­to­mie, die als re­prä­sen­ta­tiv bis zum heu­ti­gen Tag an­ge­se­hen wer­den kann. Mor­shäu­ser macht im Dis­kurs um Rechts­extremismus Ver­harm­lo­ser und Über­trei­ber aus. Bei­de Sei­ten trei­ben ihr idiotisch­es Mei­nungs­spiel, das eher ein Vor­ur­teils­re­cy­cling ist. Je­der will sich vor dem Pro­blem und vor der Ge­gen­sei­te ins Recht so­wie die Ge­gen­sei­te ins Un­recht set­zen. Hand­lungs­im­puls ist nicht, das Pro­blem zu lö­sen, al­so erst mal zu be­nen­nen – was schon schwie­rig ist, weil Teil des Pro­blems so­fort auch die sind, die mit die­sen ver­fluch­ten zwei Mei­nun­gen auf­kreu­zen, je­ner Schein­dif­fe­renz, die sie für die Dif­fe­renz hal­ten.

Im kon­kre­ten Fall ru­bri­zier­te Mor­shäu­ser Po­li­zei und Po­li­tik in die Grup­pe der Ver­harmloser. Sie hat­ten fal­sche gu­te Grün­de, über die rechts­ex­tre­me Er­neue­rung zu schwei­gen.. Die Über­trei­ber agier­ten rhe­to­risch über­zo­gen, nen­nen den fa­schi­stisch, der nur da­bei ist, Ta­bu­zo­nen zu ent­decken (und auf ei­ne stößt). Die Ver­harm­lo­ser mei­nen, man kön­ne die Ge­fahr her­bei­re­den. Die Über­trei­ber sa­gen, man kön­ne die Ge­fahr her­bei­schwei­gen.

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Bo­do Mor­shäu­sers Es­say »Haupt­sa­che Deutsch«, dem die­se Zi­ta­te ent­nom­men sind, ist von 1992. Er­staun­lich, wie die ak­tu­el­len Ge­scheh­nis­se rund um die so­ge­nann­te »Zwickau­er Neo­na­zi-Grup­pe« ähn­li­che Struk­tu­ren im me­dia­len Dis­kurs er­ken­nen las­sen.

Auch hier gab es Ver­harm­lo­ser, wie die jahr­zehn­te­lang un­ko­or­di­niert, sich schein­bar in ei­ner Art per­ver­sen Wett­be­werb ge­gen­über­ste­hen­den (so­ge­nann­ten) Ermittlungs­behörden. Die Mord­se­rie an tür­ki­sche und grie­chi­sche Im­biß­bu­den­be­sit­zer führ­te al­lei­ne durch die Tat­sa­che, dass sie in un­ter­schied­li­chen Bun­des­län­dern ver­übt wur­de, zu ei­nem schein­bar un­über­wind­li­chen Kom­pe­tenz­ge­ran­gel und zu ei­ner de­sa­strö­sen Kom­mu­ni­ka­ti­on der Dien­ste un­ter­ein­an­der. Hin­zu kommt der schein­bar um­fas­sen­de Ein­satz von so­ge­nann­ten V‑Leuten, die wie un­ko­or­di­nier­te Spio­ne in die Sze­ne ein­ge­schleust wer­den, wo­bei merk­wür­di­ger­wei­se ih­re rechts­ex­tre­me Ge­sin­nung nicht be­fragt wird. Die­se Vor­ge­hens­wei­se trägt in­di­rekt mit zur Ver­harm­lo­sung bei.

Die Dis­kus­si­on um die bei­spiels­lo­se Mord­se­rie wird je­doch der­zeit ein­deu­tig von den Über­trei­bern do­mi­niert. Der »Spie­gel« ti­tel­te rei­ße­risch von ei­ner »Brau­nen Ar­mee Frak­ti­on«. Die Mör­der wer­den als »Ter­ro­ri­sten« be­zeich­net, was in zwei Punk­ten der gän­gi­gen De­fi­ni­ti­on von Ter­ro­ris­mus wi­der­spricht. Zum ei­nen ist die po­li­ti­sche Bot­schaft zwei­fel­haft bis nicht er­kenn­bar. Die Mör­der sind Ras­si­sten, aber ein wie auch im­mer struk­tu­rier­tes po­li­ti­sches »Pro­gramm« wie wei­land die RAF (und sei es auch noch so blöd­sin­nig) ist nicht be­merk­bar. Auch der wich­tig­ste Punkt des Ter­ro­ris­mus, Angst und Schrecken in der Be­völ­ke­rung durch mög­lichst aus­führ­li­che Pu­bli­ka­ti­on der Ter­ror­ak­te zu er­zeu­gen, ist nicht ge­ge­ben. Nils Mink­mar weist zu recht dar­auf hin, dass die Mor­de »als Bot­schaft an an­de­re Ge­sin­nungs­ge­nos­sen« zu ver­ste­hen wa­ren. Ei­ne Ver­or­tung der Mör­der und de­ren Hel­fer als »ter­ro­ri­sti­sche Ver­ei­ni­gung« dürf­te straf­recht­lich schwer auf­recht zu er­hal­ten sein. Das Ru­brum »Ter­ror­zel­le« ist ei­ne me­dia­le Auf­bau­schung, so rei­ße­risch wie dumm und ei­ne un­zu­läs­si­ge Tri­via­li­sie­rung des Be­griffs des Ter­ro­ris­mus.

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Mor­shäu­ser be­rich­tet in sei­nem Es­say von ei­ner Dis­kus­si­on in ei­nem Ost­ber­li­ner Ju­gend­klub 1990. Ein Mann fragt, ob es nicht bes­ser wä­re, rechts­ra­di­ka­le Par­tei­en nicht zu ver­bie­ten. Zwar wird dem Mann kon­ze­diert, die wich­ti­ge Fra­ge ge­stellt zu ha­ben; die Ant­wor­ten aber sind zö­ger­lich bis abweisend…Daß man Rechts­ex­tre­men erst zu­hört, be­vor man »ge­gen sie an­geht«, auf die­se Idee kom­men die »Lin­ken« hier nicht. Ihr Welt­bild scheint so un­er­schüt­ter­lich zu sein, daß sie längst Be­scheid wis­sen über Nähr­bö­den und an­de­re Erd­for­men, die ih­ren po­li­ti­schen Geg­nern hel­fen; um dann dar­über zu jam­mern, daß Rech­te es ver­stün­den, sich zu­sam­men­zu­schlie­ßen…

Fast hilf­los im­mer wie­der die Ne­bel­ker­ze, die be­vor­zugt von der Po­li­tik, die jah­re­lang nichts zur Be­kämp­fung des Rechts­ex­tre­mis­mus ge­tan hat, ge­zün­det wird. Es ist die Re­de vom Ver­bot der NPD. Die Ver­bots­for­de­rung ist ein wohl­fei­ler und bil­li­ger Ter­mi­nus. Man klopft sich sel­ber auf die Schul­ter und geht dann zur Ta­ges­ord­nung über. Ein NPD-Ver­bot ist je­doch we­der mög­lich noch ziel­füh­rend, wenn es um die Be­kämp­fung von Rechts­extremismus geht. Zum ei­nen ist die Durch­set­zung der NPD mit V‑Leuten noch stär­ker als 2003, als das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt das Ver­bots­ver­fah­ren ver­warf. Der Glau­be, man kön­ne die V‑Leute ein­fach ab­zie­hen, in den Vor­ru­he­stand schicken wie aus­ge­dien­tes Per­so­nal und da­nach zü­gig die Par­tei ver­bie­ten, ist lä­cher­lich. Zum an­de­ren ist ei­ne ra­di­ka­le und ras­si­sti­sche Ge­sin­nung nicht per Ukas ver­biet­bar. Auch Vor­schlä­ge, die NPD auf le­ga­lem Weg fi­nan­zi­ell aus­zu­trock­nen, dürf­ten zum Schei­tern ver­ur­teilt sein. Es sei denn, man än­dert das Ver­fah­ren zur Par­tei­en­fi­nan­zie­rung fun­da­men­tal. Dass im üb­ri­gen Geld nicht al­les ist, hat das Schei­tern der eben­falls rechts­ex­tre­men DVU ge­zeigt, die trotz ih­res Mil­lio­nen­mä­zens Frey glück­li­cher­wei­se nicht auf Dau­er re­üs­sie­ren konn­te.

Die For­de­rung nach ei­nem NPD-Ver­bot ist Aus­weis von Hilf­lo­sig­keit. Po­li­ti­ker zei­gen da­mit, dass sie nicht ge­willt oder nicht in der La­ge ist, den Kampf ge­gen den Rechts­extremismus mit po­li­ti­schen und dis­kur­si­ven Mit­teln zu füh­ren. Das wä­re ein stei­ni­ger Weg, der nicht oh­ne fi­nan­zi­el­le Auf­wen­dun­gen rea­li­sier­bar ist. Auf Dau­er soll­te man sich aber fra­gen, ob es nicht sinn­vol­ler ist, so­zia­le und po­li­ti­sche Maß­nah­men ge­gen Rechts- wie Links­ra­di­ka­lis­mus zu fi­nan­zie­ren oder lie­ber zwie­lich­ti­gen V‑Leuten das Geld in den Ra­chen wirft, die ih­re Un­zu­ver­läs­sig­keit mehr als nur ein­mal be­wie­sen ha­ben.

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Im me­dia­len Raum flir­ren in­zwi­schen längst auch die gän­gi­gen Pau­schal­über­trei­bun­gen. Me­ly Ki­yak zi­tiert aus ei­ner Stu­die, in der rund ein Drit­tel der deut­schen Be­völ­ke­rung dem Satz « Die Bun­des­re­pu­blik ist durch die vie­len Aus­län­der in ei­nem ge­fähr­li­chen Maß über­frem­det« zu­stim­men wür­den. Da­bei ad­dier­te sie der Ein­fach­heit hal­ber »überwiegen­de« und voll­stän­di­ge Zu­stim­mung. Die Sta­ti­stik über die­je­ni­gen, die über ein »ge­schlossenes rechts­ex­tre­mes Welt­bild« ver­fü­gen sol­len, zi­tiert sie nicht. Sie fin­det sich 22 Sei­ten wei­ter – in der glei­chen Stu­die. Es sol­len 2010 in der Ge­samt-Bun­des­re­pu­blik 8,2% ge­we­sen sein (ein An­stieg nach 2008 7,6%; im Ver­gleich bei­spiels­wei­se zu 2004 – 9,8% – im­mer noch we­ni­ger).

Merk­wür­dig an der Stu­die ge­ne­rell: Ob­wohl man be­haup­tet, ei­ne re­prä­sen­ta­ti­ve Be­fra­gung durch­ge­führt zu ha­ben, ist der Grad der Be­frag­ten mit Haupt­schul­ab­schluss ex­or­bi­tant hö­her als in Wirk­lich­keit (43,7% zu 32,1%), die Zahl der be­frag­ten Ab­itu­ri­en­ten da­ge­gen nicht ein­mal halb so hoch wie im Bun­des­durch­schnitt (7,3% in der Stu­die [Sei­te 70]; 17% in der Be­völ­ke­rung).

Ki­yaks Fu­ror mag in An­be­tracht der Ver­bre­chen ver­ständ­lich sein, ist aber ein ty­pi­sches Bei­spiel für die Rhe­to­rik der Über­trei­ber: »Noch sind kei­ne hoch­ran­gi­gen Po­li­ti­ker in De­mut und Scham vor die Op­fer­fa­mi­li­en ge­tre­ten und ha­ben um Ver­zei­hung ge­be­ten.« Der Kon­tra­punkt ist der­zeit we­ni­ger po­pu­lär. Alex­an­der Wal­lasch ver­tritt ihn: »Wer sich für die­se Ver­bre­chen schämt (noch da­zu stell­ver­tre­tend für ein gan­zes Land) an­statt sei­ne Kraft dar­auf zu kon­zen­trie­ren, sie mit al­ler Här­te zu ver­fol­gen und als das zu ver­ur­tei­len, was sie sind: Schwer­kri­mi­nell, der gibt An­lass für Scham.«

Ki­yak möch­te die deut­sche Ge­sell­schaft in to­to für die Mor­de mit­ver­ant­wort­lich ma­chen. Sie spielt mit der Kol­lek­tiv­schuld­the­se und ver­langt »auf­rich­ti­ge Rück­trit­te« von Po­li­ti­kern, als sei­en die­se die Ur­he­ber für die Ver­bre­chen oder hät­ten sie min­de­stens bil­li­gend in Kauf ge­nom­men.

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Im be­reits er­wähn­ten Es­say von Mor­shäu­ser wird do­ku­men­tiert, wie die un­ter staat­li­cher An­lei­tung an­ge­wach­se­ne Nor­mal­dis­kri­mi­nie­rung tür­ki­scher Bür­ger in der Bundes­republik in den 70er Jah­ren suk­zes­si­ve vor­an­schritt. »Zu­zugs­sper­re« (1975), Vi­sum­pflicht (1980), »Rück­kehr­prä­mie« (1983) – nur ei­ni­ge der po­li­ti­schen »Maß­nah­men«. Es wer­den Äu­ße­run­gen der da­ma­li­gen Mi­ni­ster­prä­si­den­ten Wall­mann und Stoi­ber zi­tiert (letz­te­rer be­fürch­te­te, dass die Ge­sell­schaft »durch­raßt« wer­de).

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Op­fer und Tä­ter sei­en durch die Spra­che »sym­bo­lisch aus­ge­bür­gert« wor­den, meint An­drea Dern­bach im »Ta­ges­spie­gel«. Die Be­zeich­nung »Dö­ner-Mor­de« gei­ßelt sie – be­rech­tig­ter­wei­se – als men­schen­ver­ach­tend. Zu un­ter­su­chen wä­re je­doch, ob es sich um ei­nen of­fi­zi­ell le­gi­ti­mier­ten Be­griff han­delt oder nicht (was ihn nicht bes­ser macht). Statt­des­sen ver­wen­det sie die­sen Be­griff, um Er­mitt­lungs­be­hör­den, Po­li­ti­kern und Jour­na­li­sten pau­schal zu un­ter­stel­len: »Die ‘Döner’-Toten ge­hö­ren nicht ‘zu uns’. Sie sind die An­de­ren, die Frem­den.«

Dern­bach stört sich aber auch an der Be­zeich­nung »Na­zi-Trio« und denkt da­bei an »an die trott­li­ge Pan­zer­knacker­ban­de aus Do­nald Duck oder an Do­nalds drei nied­li­che Nef­fen.« Die Ge­sell­schaft wür­de mit­tels die­ser Be­grif­fe die Tä­ter eben­so aus ih­rer Mit­te ver­sto­ßen wie die Op­fer. Aber was soll sie sonst tun?

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Die Pro­ble­me wer­den nicht da­durch ge­löst, dass man in der Ab­wä­gung zwi­schen Ver­harm­lo­ser ge­gen Über­trei­ber dem Über­trei­ber aus em­pha­ti­schen Grün­den zu­stimmt.

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Zum Ka­ta­log in die­ser auf­ge­heiz­ten Stim­mung, die zum gro­ßen Teil durch das stümper­hafte Ver­hal­ten der Er­mitt­lungs­be­hör­den be­för­dert wird, ge­hört die For­de­rung nach ei­ner »dis­kri­mi­nie­rungs­frei­en« Be­richt­erstat­tung. Ich war­te noch auf die Aus­wir­kun­gen die­ser Ide­en, fürch­te je­doch, dass ich den tür­ki­schen Ge­mü­se­händ­ler, der stolz sei­ne tür­ki­sche Fah­ne auf der Kas­se ste­hen hat, un­ter dem Vor­wurf des Ras­sis­mus in Zu­kunft nicht mehr »tür­kisch« nen­nen darf. Die Sprach­po­li­zei wird auch dort ein­ge­setzt wer­den, wo sie nichts zu su­chen hat.

Auf ei­ne fa­ta­le Art und Wei­se spielt man un­ge­wollt den Ver­äch­tern ei­nes de­mo­kra­ti­schen, mul­ti­na­tio­na­len Staa­tes in die Hän­de. Auch sie schwär­men von ei­ner »rei­nen«, he­te­ro­ge­nen En­ti­tät; sie mö­gen kei­ne Dif­fe­renz, wol­len al­les be­gra­di­gen.

Ich be­ken­ne mich je­doch zur Dif­fe­renz. Ich mag sie. Ich möch­te, dass ei­ne Spra­che in den Me­di­en die Di­ver­si­tät ei­ner Ge­sell­schaft nach­zeich­net und nicht aus dif­fu­ser, übervor­sichtiger Angst, die auch ei­ne ge­wis­se falsch ver­stan­de­ne Scham ist, ver­schweigt. Ich möch­te nicht ei­ne ste­ri­le Spra­che ok­troy­iert be­kom­men, nur weil Ras­si­sten even­tu­ell et­was falsch ver­ste­hen könn­ten. So selbst­ver­ständ­lich es in­zwi­schen tür­kisch­stäm­mi­ge Kom­mis­sa­re im »Tat­ort« gibt, so selbst­ver­ständ­lich soll­te es auch sein, dass ein Tür­ke ein­mal der Tä­ter ist, oh­ne dass man vor der Hä­me von ein paar Schwach­köp­fen Angst hat. Und ich möch­te bei der Fahn­dung nach Ver­bre­chern nicht im­mer nur den Hin­weis auf ei­ne frem­de Staats­bür­ger­schaft hö­ren.

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Mor­shäu­ser war un­zu­frie­den mit den gän­gi­gen Deu­tungs- und Er­klä­rungs­mu­stern, die über den Rechts­ex­tre­mis­mus kur­sie­ren: Ich ha­be das Ge­fühl, al­le er­zäh­len mir das glei­che. Im all­ge­mei­nen ist so­zio­lo­gi­scher Kon­sens, dass es bei Rechts­ex­tre­men und Neo­na­zis um Ver­lie­rer der Mo­der­ni­sie­rungs­schü­be der 60er und 80er Jah­re han­delt. In bei­den Fäl­len gab es Wahl­er­fol­ge für rech­te Par­tei­en (die NPD kratz­te bei der Bundes­tagswahl 1969 an der 5%-Hürde), was als Be­leg her­an­ge­zo­gen wird. Mor­shäu­ser fehlt der Hin­weis auf den deutsche[n] Zu­sam­men­hang, der doch bei kei­nem an­de­ren The­ma so of­fen­kun­dig ist.

Der Schlüs­sel für den fah­ri­gen, von Af­fek­ten ge­präg­ten und of­fen­sicht­lich wir­kungs­lo­sen Um­gang mit dem Rechts­ex­tre­mis­mus liegt in der im­mer noch ve­he­ment ge­pfleg­ten Di­cho­to­mie zwi­schen »rechts« und »links«. Der ne­ga­ti­ve Na­tio­na­lis­mus links hat dem Na­tio­na­lis­mus rechts zu sei­ner Or­tung ver­hol­fen. Ge­nau­er be­trach­tet bor­gen bei­de Grup­pie­run­gen mehr oder we­ni­ger ver­deckt von Ideo­lo­gi­en der Un­gleich­heit. Da­bei ist der ne­ga­ti­ve Na­tio­na­lis­mus im Be­wußt­sein ei­nes »Linken«…so tief ver­an­kert, daß er ihn eben­so we­nig merkt wie ein »Rech­ter« sei­nen Na­tio­na­lis­mus. Ver­su­che, ei­ne ver­mit­teln­de Po­si­ti­on ein­zu­neh­men, schei­tern. Je­der wird zum Feind, wer die Feind­bildru­he stört. Die­se Feind­bildru­he hilft nur den im Stel­lung­krieg Er­starr­ten.

Jah­re spä­ter ver­sucht der grü­ne Po­li­ti­ker Ro­bert Ha­beck ei­nen lin­ken Pa­trio­tis­mus zu for­mu­lie­ren – eng an­ge­lehnt an Ha­ber­mas’ Ver­fas­sungs­pa­trio­tis­mus und oh­ne Pickel­hau­be. Lin­ker Pa­trio­tis­mus ist ein »ra­tio­na­ler Ge­sell­schafts­ver­trag« mit ei­ner »emo­tio­na­len An­spra­che, eine[r] ge­mein­sa­men Idee«, da­mit ein »Pa­thos der Zu­sam­men­ge­hö­rig­keit« ent­ste­hen kann, in dem das Ge­mein­wohl wie­der neu ent­deckt wird. Die Re­so­nanz blieb dünn; zu dünn. Da­bei bie­tet Ha­becks Ent­wurf – bei al­len Schwä­chen im De­tail – die Mög­lich­keit, Be­grif­fe wie Ge­mein­wohl und Ge­sell­schaft po­si­tiv und neu zu ver­or­ten und in ei­ne neue, de­mo­kra­tisch-plu­ra­li­sti­sche Ge­sell­schafts­ord­nung zu über­füh­ren. Wich­ti­ge po­li­ti­sche Ka­te­go­ri­en wer­den neu be­stimmt und von ih­rem leicht tü­meln­den Haut­gout be­freit.

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Der wei­land in der DDR ver­ord­ne­te An­ti­fa­schis­mus ent­lud sich zu Be­ginn der 90er Jah­re in po­grom­ar­ti­gen Aus­schrei­tun­gen (Ho­yers­wer­da; Ro­stock-Lich­ten­ha­gen). Zwar ist der Rechts­ra­di­ka­lis­mus kein ty­pisch ost­deut­sches Phä­no­men, aber west­deut­sche und ost­deut­sche Rechts­ex­tre­mi­sten un­ter­schei­den sich in der In­ten­si­tät der Feind­bil­der. Mor­shäu­ser mach­te min­de­stens 1992 bei ost­deut­schen Rechts­ex­tre­mi­sten ein schär­fe­res und ra­di­ka­le­res Feind­bild aus. Die Ent­wick­lun­gen ge­ben ihm recht. Wer von »Rechts­terrorismus« spricht, soll­te sich viel­leicht auf den Ter­ror in den eu­phe­mi­stisch ge­nann­ten »na­tio­nal be­frei­ten Zo­nen« kon­zen­trie­ren, statt sich in wohl­fei­lem Ver­bots-Ge­quat­sche zu er­ge­hen. Die Bür­ger dort hät­ten si­cher­lich ganz ger­ne mal Herrn Fried­rich, Herrn Lam­mert, Herrn Ga­bri­el oder Frau Roth zu Be­such. Oder ein­fach ge­nü­gend Po­li­zei, die für die Wie­der­her­stel­lung ei­nes de­mo­kra­ti­schen Ge­mein­we­sens sorgt. Wie wä­re es da­mit?


Die kur­siv ge­setz­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem Buch »Haupt­sa­che Deutsch« von Bo­do Mor­shäu­ser.

29 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ein selt­sam wi­der­sprüch­li­cher Bei­trag, wenn auch gut­ge­mein­ter Ar­ti­kel. Ein­mal kön­ne man die V‑Leute nicht ein­fach ab­zie­hen, dann wird ge­for­dert, kein Geld mehr den V‑Leuten. Ja was denn nun. Zu­dem sind mei­nes Wis­sens die V‑Leute kei­ne »Spio­ne« oder Un­der­co­ver, son­dern sind Rechts­ex­trme aus der Sze­ne, die an­ge­wor­ben wur­den.
    Ha­jo Fun­ke, Prof. der Po­li­tit­wis­sen­schaft, hat den so­for­ti­gen Rück­zug der V‑Leute ge­for­dert, zu­mal mit dem Geld wei­te­re rechts­ra­di­ka­le Ak­tio­nen un­ter­stützt oder Aus­rü­stung an­ge­schafft wur­de.
    Zu­min­dest eins wür­de man mit ei­nem Ver­bot, so es denn kä­me, er­rei­chen, dass die Neo­na­zis nicht mehr öf­fent­lich die Op­fer ver­höh­nen und die Po­li­zei ih­re Auf­mär­sche und Ver­samm­lun­gen schüt­zen müss­te.
    Was sind po­li­ti­sche oder so­zia­le Maß­neh­men ge­gen Rechts? In Meck-Pom sind so­wohl Grü­ne als auch an­de­re Par­tei­en nicht ge­ra­de mit Mit­glie­dern ge­seg­net. Die Kir­chen fal­len eben­falls aus. Wer soll die So­zi­al­ar­beit ma­chen? Die Sport­ver­ei­ne? Man schaue nach Ro­stock oder Dres­den.
    Ar­beits­plät­ze und An­ge­bo­te als Er­satz für feh­len­de Ar­beits­plät­ze oder so­zia­le Ein­rich­tun­gen, na­tür­lich, da ge­he ich mit. Aber mit Auf­klä­rung er­reicht man eben­so­we­nig wie bei der da­ma­li­gen RAF. Ne­ben­bei, bei der RAF von ei­nem Pro­gramm oder von ernst­zu­neh­men­den Ide­en zu spre­chen, hal­te ich für ab­we­gig, zu­mal, wenn man da­mit die Rech­ten noch der Pro­gramm- und Ide­en­lo­sig­keit über­füh­ren möch­te.
    Kann es nicht sein, dass, ab­ge­se­hen von die­sem Mord­kom­man­do, es in ei­ner Ge­sell­schaft von 80 Mill im­mer ein paar Hun­dert Idio­ten ge­ben wird, ge­gen die die Ge­sell­schaft oder die Politik/Parteien nicht viel ma­chen kön­nen?
    Was ist denn mit den Kra­wal­len zum 1. Mai oder wenn es im Kiez­vier­tel zu be­stimm­ten Ter­mi­nen rund geht? Was war mit den bren­nen­den Fahr­zeu­gen in Ber­lin, nichts hört man mehr. Wird nicht mehr er­mit­telt?
    Wo wa­ren denn die schlau­en Me­di­en? War­um hat nie­mand im Um­feld der Po­li­zi­stin re­cher­chiert, als be­kannt war, sie kommt aus Zwickau?
    Der Ver­fas­sungs­schutz hat ver­sagt, er wird auch wie­der ver­sa­gen, so­lan­ge die Kri­mi­nel­len von rechts und links sich ab­schot­ten und in be­stimm­ten Regionen/Kreisen als un­auf­fäl­li­ge Bürger/Außenseiter le­ben. Da­mit wer­den wir le­ben müs­sen, da hel­fen auch kei­ne an­kla­gen­den Es­says, die nach­her al­les vor­her ge­wusst ha­ben.
    Auch die Vor­schlä­ge, Herrn Lam­mert sol­le sich vor Ort se­hen las­sen, hal­te ich nicht für fair und ziel­füh­rend. Ge­ra­de Lam­mert hat sich stets für Im­mi­gran­ten und an­de­re Min­der­hei­ten ein­ge­setzt. Eben­so­we­nig hal­te ich die For­de­rung nach mehr Po­li­zei für ei­ne er­folg­ver­spre­chen­de Idee. Meist wer­den die Ta­ten dann aus­ge­führt, wenn die Po­li­zei nicht da­bei ist. Und ge­ra­de der Mord in Heil­bronn be­weist doch, dass Po­li­zei al­lein auch nicht hilft.
    Kri­ti­sie­ren kann man leicht, wirk­lich hilf­rei­che und sinn­vol­le Vor­schlä­ge ha­be ich noch von nie­man­dem ge­hört. Die mo­men­ta­ne Hek­tik und der po­li­ti­sche Ak­tio­nis­mus wer­den in ei­ni­gen Wo­chen vor­bei sein, die Mi­se­re/­Ar­beits-/Aus­bil­dungs­si­tua­ti­on der jun­gen Leu­te in Meck-Pom, Sach­sen-An­halt, Sach­sen, Thü­rin­gen, Bran­den­burg bleibt noch ein paar Jah­re.

  2. Ih­re Lek­tü­re mei­nes Bei­tra­ges ist un­ge­nau. Der Ein­satz von Po­li­zei und Ord­nungs­hü­tern be­zog sich auf die so­ge­nann­ten »be­frei­ten Zo­nen«. Ob sich Herr Lam­mert von sei­nem ge­heiz­ten Ab­ge­ord­ne­ten­bü­ro aus für ir­gend­wel­che Mi­gran­ten mit schön for­mu­lier­ten Re­den ein­ge­setzt hat, in­ter­es­siert mich nicht. Dass es sol­che »be­frei­ten Zo­nen« gibt, ist die Schan­de.

    Ich weiss auch nicht, wie Sie auf die Kau­sa­li­tät kom­men, dass ei­ne mi­se­ra­ble Ar­beits- und Aus­bil­dungs­si­tua­ti­on ur­säch­lich für Rechts­ra­di­ka­lis­mus steht. Min­de­stens ei­ner der Mör­der stamm­te zum Bei­spiel aus re­la­tiv gu­tem Haus. Dass al­le Neo­na­zis per se dumm und per­spek­tiv­los sind, ist ein Kli­schee.

    Ich ver­mag auch kei­nen Wi­der­spruch dar­in zu ent­decken, Geld­zah­lun­gen an V‑Leute ein­zu­stel­len (ich le­se über ab­surd ho­he Zu­wen­dun­gen; kei­ne Ah­nung, ob die stim­men) und gleich­zei­tig die Un­mög­lich­keit zu se­hen, da­nach ein Ver­bots­ver­fah­ren aus dem Hut zu zie­hen. Sehr vie­le An­ga­ben auf die sich das Ver­bots­ver­fah­ren be­zie­hen könn­te, wä­ren wohl noch von V‑Leuten. Der Vor­gang ist un­mög­lich durch­zu­zie­hen. In­ter­es­sant fän­de ich Mi­cha­el Sprengs An­satz, die Par­tei mit den öf­fent­li­chen Aus­sa­gen ih­rer Funk­tio­nä­re in Straf­ver­fah­ren zu ver­wickeln. Ein zu­ge­ge­ben stei­ni­ger Weg (wie­der ein­mal), aber we­nig­stens sau­ber und oh­ne par­tei­ische V‑Leute. Letzt­lich sind V‑Leute ein Er­satz für se­riö­se Er­mitt­lun­gen. Da­bei wis­sen die Er­mitt­ler nicht, wel­che An­ga­ben ih­nen ver­schwie­gen wer­den. Das hat m. E. sehr viel mit ei­ner Spio­na­ge­tä­tig­keit ge­mein.

    Dass gut ge­mein­te Es­says nicht hel­fen, mag Ih­re Mei­nung sein. Ver­mut­lich stimmt es auch. Al­lei­ne mag ich mich Ih­rem Fa­ta­lis­mus der Aus­weg- und Sinn­lo­sig­keit von al­lem nicht – noch nicht – an­zu­schlie­ßen. Ich fra­ge mich dann üb­ri­gens, war­um Sie so­was über­haupt le­sen.

  3. Als ich so 17, 18 war (Mit­te 1980er), das war zu den gro­ßen Zei­ten der FAP in Ober­hes­sen und der Wet­terau, war ich, durch selt­sa­me bio­gra­phi­sche Ver­strickun­gen und Zu­fäl­le, ei­ni­ge Mo­na­te lang Teil der rech­ten Skin/Hool-Sze­ne dort. Das Fas­zi­nie­ren­de war, ne­ben dem un­glaub­lich ho­hen Skan­da­li­sie­rungs­po­ten­zi­al ge­gen­über mei­nen brav-lin­ken Ge­sell­schafts­kun­de- und Deutsch-Leh­rern, die Er­leb­nis-In­ten­si­tät, die Ge­walt, Schmerz, Wut und Furcht er­mög­li­chen. Das war, zu­min­dest am An­fang, nur ganz lo­se mit neo-na­zi­sti­scher Ge­sin­nung ver­bun­den. Das schien mir nur ein wei­te­res, in­ten­si­vie­ren­des Mo­ment zu sein. Es war ei­gent­lich egal, ge­gen wen man an­trat, ob tür­ki­sche Dis­co-Gang, US-ame­ri­ka­ni­sche Sol­da­ten oder an­de­re Hools oder die Po­li­zei – Haupt­sa­che, Ac­tion. Dro­gen, v.a. Auf­putsch­mit­tel ha­ben da­bei ei­ne wich­ti­ge Rol­le ge­spielt. NPD / DVU und Po­li­zei ha­ben von zwei En­den her ver­sucht, die­se ma­ro­die­ren­den Grup­pen un­ter Kon­trol­le zu be­kom­men. Das ist ih­nen auch ganz gut ge­lun­gen: Die ei­nen wur­den ech­te Neo-Na­zis und gin­gen in ein ganz bür­ger­li­ches Le­ben, ein paar wirk­lich cha­ris­ma­ti­sche Leit­fi­gu­ren drif­te­ten völ­lig in Ge­wal­t­räu­sche ab und lan­de­te im Ge­fäng­nis, ei­ner auch auf dem Fried­hof, und Leu­te wie ich be­ka­men ei­nen Schrecken vor sich selbst und fan­den mehr oder we­ni­ger gut wie­der in die »Nor­ma­li­tät« zu­rück.
    Ich ver­mu­te, die­se In­ten­si­täts­er­fah­rung spielt noch im­mer ei­ne wich­ti­ge Rol­le auf dem Weg in neo-na­zi­sti­sche Grup­pen – und ge­gen die schlich­te Lust an der Ge­walt kann man sehr schlecht an­ar­gu­men­tie­ren.
    Zu der Neo-Na­zi-Sze­ne in Ost­deutsch­land: Lei­der ist in vie­len Or­ten die Po­li­zei, v.a. die lo­ka­le, kei­ne Hil­fe ge­gen Na­zis, son­dern Teil des Pro­blems: schlecht aus­ge­bil­det, ten­den­zi­ell selbst rechts-au­to­ri­tär, ras­si­stisch und in vie­len Fäl­len ein­fach Feig­lin­ge. (Zu­min­dest in der Ge­gend in Meck­len­burg, in der ich mich ein biss­chen aus­ken­ne.)

  4. @Doktor D
    Sehr in­ter­es­sant. Hat­ten Sie Küh­nen ken­nen­ge­lernt?

    Was Sie zur Po­li­zei sa­gen: Mag stim­men, ja. Aber der Staat muss dann eben dem­entspre­chend han­deln.

  5. @ Gre­gor Keu­sch­nig
    War­um gleich be­lei­digt, wenn Wi­der­sprü­che an­ge­spro­chen wer­den. Dass Sie un­fair ar­gu­men­tie­ren, zeigt doch Ihr Vor­wurf des be­heiz­ten Bü­ros von Lam­mert. Hät­te ein un­be­heiz­tes Bü­ro et­was ver­hin­dert oder nütz­te es ei­nem Op­fer?
    Sie ge­hen nicht dar­auf ein, dass V‑Leute als Rechts­ex­tre­me an­ge­wor­ben wur­den. Man wuss­te ge­nau, dass sie wei­ter­hin die­ses Ge­dan­ken­gut be­sa­ßen . Nach Aus­sa­gen ei­ni­ger Ex-Rechts­ex­tre­mer, wuss­te auch die Grup­pe stets um die Rol­le des V‑Mannes und man sprach die In­for­ma­tio­nen an den Ver­fas­sungs­schutz ab und kas­sier­te. Zum Teil 6stellige Be­trä­ge! Das ist ein Skan­dal.
    Al­lein ur­säch­lich, si­cher nicht, aber dass die aus­sichts­lo­se Ar­beits- und Aus­bil­dungs­si­tua­ti­on vie­le Ju­gend­li­che in Kon­takt zu Rechts­ra­di­ka­len kom­men ließ, be­le­gen vie­le Un­ter­su­chun­gen. Was wä­ren denn sonst Ih­re an­ge­mahn­ten so­zia­len Ak­tio­nen?
    Dass ein Mit­glied aus gu­tem Hau­se war, ist ein doch kein ernst­zu­neh­mer Ein­wand, wir sind doch hier nicht bei Pop­pers Fal­si­fi­ka­ti­on. Es wird auch ir­gend­ei­nen net­ten Rechts­ra­di­ka­len ge­ben.
    Ich tei­le doch Ih­re Wut und Em­pö­rung über den Rechts­ra­di­ka­lis­mus, ich kann nur nicht wie Sie so­fort die Schul­di­gen aus­ma­chen und gu­te Rat­schlä­ge ge­ben, die das Pro­blem an­geb­lich lö­sen wer­den oder doch zu­min­dest die Si­tua­ti­on sehr ver­bes­sern.
    Dass bei ei­ner Be­völ­ke­rung von 80 Mill. im­mer ein paar Hun­dert oder auch paar Tau­send ideo­lo­gisch ver­blen­de­te und hass­erfüll­te Men­schen vor­han­den sein wer­den, muss ich glau­be ich nicht groß be­le­gen. Schau­en Sie mal in die frü­her als so li­be­ral gel­ten­den Län­der wie Dä­ne­mark, Nor­we­gen, Finn­land oder in die Nie­der­lan­de.
    Idio­ten war zu­ge­ge­ben als flap­si­ge Cha­rak­te­ri­sie­rung ge­meint, nicht als Fest­stel­lung der In­tel­lek­tua­li­tät der Rech­ten. Nor­ma­ler­wei­se hät­ten Sie das nor­ma­ler­wei­se auch so kom­mu­ni­ziert, aber Sie ha­ben sich halt ge­är­gert.
    Tut mir leid, wenn ich Sie ge­kränkt ha­ben soll­te. Ich ging da­von aus, dass je­mand, der ge­gen vie­le kräf­tig aus­teilt, auch ein we­nig ein­stecken kann.

  6. Ja, aber nur ganz ober­fläch­lich. Er war da gra­de aus dem Ge­fäng­nis ent­las­sen und litt schon un­ter den er­sten schwe­re­ren Sym­pto­men sei­ner HIV-Er­kran­kung – und ich war schon wie­der auf dem Weg der Bes­se­rung. (Ich ver­ste­he die­se Epi­so­de im­mer als ei­ne Form tem­po­rä­ren Wahn­sinns bei mir.) Ge­ra­de die Po­li­ti­sie­rung bzw. der Ver­such, die Leu­te zu or­ga­ni­sie­ren und ge­zielt ein­set­zen zu kön­nen, hat für vie­le mei­ner da­ma­li­gen Kum­pa­ne die Sa­che un­in­ter­es­sant ge­macht. Es gibt ja nur we­nig de­pri­mie­ren­de­res und spie­ßi­ge­res als Neo-Na­zi-Po­lit­ver­an­stal­tun­gen – und da­bei war Küh­nen schon ein gu­ter Red­ner, sehr un­bür­ger­lich und er hat­te, zu­min­dest er­in­ne­re ich das so, jen­seits sei­nes An­ti­se­mi­tis­mus, An­ti­ame­ri­ka­nis­mus und Ras­sis­mus ganz in­ter­es­san­te so­zia­le Ide­en. (Mir ist klar, das Spie­ßig­keit kei­ne wirk­lich gu­te po­li­ti­sche Ka­te­go­rie ist, aber für mich und ei­ni­ge an­de­re war das da­mals ein wich­ti­ger Punkt.)

    Die mei­sten NPD-/D­VU-Men­schen und ‑Ver­laut­ba­run­gen, die mir seit­her un­ter­ge­kom­men sind, at­men den Geist wild­ge­w­ord­ne­ner Haus­mei­ster und Block­war­te – und so massen-at­trak­tiv ist das ver­mut­lich auch heu­te nicht. Au­ßer in man­chen ver­lo­re­nen Re­gio­nen Meck­len­burg-Vor­pom­merns und Bran­den­burgs so­wie im Erz­ge­bir­ge, wo die »Na­tio­nal be­frei­ten Ge­bie­te«, schon in der Be­zeich­nung schwingt für mich viel An­ge­be­rei mit, wo man sich als Küm­me­rer zu pro­fi­lie­ren sucht.
    Sie ha­ben na­tür­lich recht, dass es Auf­ga­be des Staa­tes ist, da ver­nünf­tig und über­zeu­gend Prä­senz und Ak­ti­ons­fä­hig­keit zu zei­gen. In Meck­len­burg-Vor­pom­mern hat sich das auch nach ei­ni­gen sehr un­rühm­li­chen Auf­trit­ten deut­lich ge­bes­sert, aber wenn man in man­chen Städt­chen mit der lo­ka­len Po­li­zei­wa­che zu­sam­men­ar­bei­ten muss – das kann ei­nen schon sehr wü­tend ma­chen. Zum Ver­hal­ten des säch­si­schen »Ver­fas­sungs­schut­zes« und der säch­si­schen Po­li­zei, die durch die ak­ti­ve Be­hin­de­rung und Kri­mi­na­li­sie­rung der Ar­beit von In­itia­ti­ven ge­gen Rechts, zur Op­fer­be­treu­ung und zum Aus­stieg fak­tisch und sym­bo­lisch den Auf­bau von neo-na­zi­sti­schen Struk­tu­ren un­ter­stützt, fällt mir al­ler­dings nichts mehr ein, au­ßer der For­de­rung, dass sich dar­um end­lich mal ei­ne Un­ter­su­chungs­kom­mis­si­on küm­mern soll­te.

  7. Nur drei An­mer­kun­gen:
    1. Ich ha­be den ver­link­ten Bei­trag über den Ter­ro­ris­mus zwar nur kurz über­flo­gen, aber ich den­ke, dass man viel­leicht doch in den hier dis­ku­tier­ten Fäl­len von »Ter­ro­ris­mus« spre­chen kann. Die Ta­ten wa­ren po­li­tisch mo­ti­viert, sie hat­ten sym­bo­li­schen Cha­rak­ter, ha­ben Un­schul­di­ge ge­trof­fen und soll­ten An­ders­den­ken­de ein­schüch­tern. Al­le an­de­ren Kri­te­ri­en er­schei­nen mir da eher zweit­ran­gig.

    2. Die Be­hin­de­rung der Ver­fol­gung der­ar­ti­ger Ver­bre­chen durch die Po­li­zei- und Ju­stiz­or­ga­ne ist ein gu­tes Bei­spiel für die Sinn­lo­sig­keit der deut­schen Klein­staa­te­rei. Die Bil­dungs­po­li­tik ist ein wei­te­res und die Läh­mung der deut­schen In­nen­po­li­tik noch eins.

    3. Dass es vie­le der­ar­ti­ge Vor­gän­ge vor al­lem in Ost­deutsch­land gibt, hat si­cher meh­re­re Grün­de. Mich macht es ziem­lich trau­rig – ich se­he es an mei­nen äl­te­ren Be­kann­ten und Ver­wand­ten – dass sich die DDR-»Piefigkeit« so lan­ge hält. Im Nach­hin­ein wun­dert es mich des­halb ziem­lich we­nig, wie lan­ge sich nach dem Drit­ten Reich ge­wis­se Res­sen­ti­ments ge­hal­ten ha­ben, trotz ver­lo­re­nem Krieg und al­lem. Es ist wohl wirk­lich so, dass be­stimm­te Ver­hal­tens­wei­sen nicht mal mit de­nen aus­ster­ben, die sie selbst im Ori­gi­nal ge­lernt ha­ben, nein, auch Kin­der und En­kel sind noch von die­ser Denk­wei­se in­fi­ziert. Die so­zia­len Ver­hält­nis­se im Osten soll­ten hin­ge­gen lang­sam als Er­klä­rungs­mu­ster aus­ge­dient ha­ben, denn in ei­ni­gen Ge­gen­den West­deutsch­lands ist es nicht bes­ser oder so­gar schlech­ter.

  8. @DoktorD
    Über das »Kümmerer«-Tum gab es vor­ge­stern ei­nen Film bei »Fron­tal 21«. Ir­gend­wo – »na­tür­lich« im Osten – hat­te die NPD ein Kin­der­fest or­ga­ni­siert – und al­le gin­gen hin. Da wird es al­ler­dings der NPD und den Rech­ten auch sehr ein­fach ge­macht: Es feh­len Struk­tu­ren an­de­rer Par­tei­en und Or­ga­ni­sa­tio­nen. Da stösst dann die NPD in ei­ne Lücke hin­ein. Das ist auf Dau­er viel ge­fähr­li­cher als die dump­fe Pa­ro­lendre­scherei. Die de­mo­kra­ti­schen Par­tei­en ver­sa­gen hier auf der gan­zen Li­nie und trei­ben lie­ber Sym­bol­po­li­tik.

    @Köppnick
    Na­ja, es ist – den gän­gi­gen Kri­te­ri­en nach – kein Ter­ro­ris­mus, weil es kei­ne nach au­ßen ge­rich­te­te »Bot­schaft« gab. Der jetzt ge­fun­de­ne Be­kennerfilm dien­te wohl eher der Re­kru­tie­rung nach in­nen. Dass ein Zu­sam­men­hang der Mor­de nicht so oh­ne wei­te­res her­zu­stel­len war, zeigt sich ja auch, dass in den Me­di­en vor­her kaum je­mand die­sen kon­stru­iert hat­te. Jetzt wissen’s al­le bes­ser und for­dern, for­dern, for­dern.

    Ter­ror ist für mich eher die Usur­pie­rung von Städ­ten oder Stadt­tei­len durch Rech­te. Auch hier ver­sa­gen al­le In­sti­tu­tio­nen.

    Zur DDR-»Piefigkeit«. Ich glau­be nicht, dass Rechts­ex­tre­mis­mus un­be­dingt ein spe­zi­fi­sches DDR-Pro­blem ist; das konn­te man viel­leicht noch bei den Aus­schrei­tun­gen zu Be­ginn der 90er Jah­re sa­gen. An­son­sten ist die rech­te Sze­ne auch in West­deutsch­land seit Jahr­zehn­ten prä­sent – wie al­lei­ne schon im Es­say von Mor­shäu­ser nach­zu­le­sen ist. Die »Re­pu­bli­ka­ner« zo­gen ab En­de der 80er Jah­re (al­so noch vor der Wie­der­ver­ei­ni­gung) in di­ver­se Län­der­par­la­men­te ein ein, droh­ten bspw. 1990 im baye­ri­schen Land­tag ein­zu­zie­hen (4,9%) und der CSU die Mehr­heit strei­tig zu ma­chen und wa­ren von 1992–2001 im ba­den-würt­te­m­ber­gi­schen Land­tag; mit 10,9% bzw. 9,1%! (Die NPD 1968–1972.) Ei­ne Kor­re­la­ti­on zwi­schen »arm« (bzw. Mo­der­ni­sie­rungs­ver­lie­rer) und »rechts« ist da weit und breit nicht zu er­ken­nen. Sie wird im­mer dann ger­ne ver­brei­tet, weil man kom­ple­xe Er­klä­rungs­an­sät­ze – die auch Kon­se­quen­zen be­din­gen wür­den – scheut.

  9. In Meck­len­burg-Vor­pom­mern sind auf der lo­ka­len Ebe­ne CDU und Linke/PDS ziem­lich groß­flä­chig ver­tre­ten – und ge­nau de­nen ha­ben es vie­le Ge­mein­den zu ver­dan­ken, dass jah­re­lang vor der Neo­Na­zi-Pest ganz ganz fest die Au­gen ver­schlos­sen wur­de. Was oft heißt, dass es heu­te im­mer­noch ei­ni­ges an Zi­vil­cou­ra­ge ver­langt, sich für die SPD oder die Grü­nen öf­fent­lich wahr­nehm­bar zu en­ga­gie­ren. Cem Öz­de­mir kann da ei­ni­ges zu er­zäh­len (der hat sich im letz­ten Land­tags­wahl­kampf sehr ein­ge­setzt). Ei­gent­lich bräuch­te man ei­ne kon­zer­tier­te Ak­ti­on al­ler de­mo­kra­ti­schen Par­tei­en auf der lo­ka­len Ebe­ne, aber da herrscht dann oft ei­ne Dump­fig­keit un­ter den CDU/PDS-Funk­tio­nä­ren ... man könn­te in die Tisch­kan­te bei­ßen. Aber ich bin ziem­lich zu­ver­sicht­lich, dass es lang­sam bes­ser wird, ge­he aber auch da­von aus, dass gan­ze Land­stri­che in Vor­pom­mern und Bran­den­burg (Ucker­mark) schon von der po­li­ti­schen Land­kar­te der de­mo­kra­ti­schen Par­tei­en ver­schwun­den sind – weil sich der Auf­wand für die paar Män­ne­kens am Ran­de der be­wohn­ten Welt nicht lohnt. Und er wer­den ja auch im­mer we­ni­ger.

  10. Zwei­er­lei:

    1) Viel­leicht kön­nen wir ver­su­chen zu ei­ner De­fi­ni­ti­on oder ei­nem Ver­ständ­nis von Extremismus/Radikalismus zu kom­men (wenn wir bei­de Wör­ter ein­mal syn­onym ver­wen­den)? Die Über­trei­ber, vor al­lem im me­dia­len Dis­kurs, las­sen ger­ne die Gren­ze zu links oder rechts ver­schwim­men, um ei­ne ih­nen fern ste­hen­de po­li­ti­sche Hal­tung als gan­ze (mo­ra­lisch) dis­kre­di­tie­ren zu kön­nen: Be­inhal­tet Radikalismus/Extremismus Ge­walt­be­reit­schaft oder kann man ei­ne be­stimm­te »mo­de­ra­te­re Gei­stes­hal­tung« schon als sol­chen be­zeich­nen? Und was wä­ren die Kon­se­quen­zen dar­aus?

    2) Was wä­re zu tun? Ist vor­ran­gig ein Ab­wehr­kampf, ei­ne »Schlacht« zu füh­ren oder gibt es an­de­re Mit­tel und We­ge? Ste­hen hier ein­an­der un­ver­söhn­li­che Grund­hal­tun­gen ge­gen­über, die für ei­ne li­be­ra­le De­mo­kra­tie ei­ne Art Kampf ge­gen Wind­müh­len be­deu­ten, der aber un­be­dingt ge­führt wer­den muss? Oder han­delt es sich bei Radikalismus/Extremismus um ei­nen (vor­sich­tig for­mu­liert) »Irr­tum«, den man »auf­klä­ren« kann (was aber ei­nen, den Ra­di­ka­len ge­gen­über, über­le­ge­nen Stand­punkt ein­schließt und al­len da­mit ein­her­ge­hen­den Pro­ble­men)?

  11. @metepsilonema
    Zu­nächst hilft die Wi­ki­pe­dia-De­fi­ni­ti­on nicht be­son­ders wei­ter. Nicht je­de ex­tre­mi­sti­sche po­li­ti­sche Ein­stel­lung stellt gleich ei­ne Ge­fahr der De­mo­kra­tie dar. Liest man im Ar­ti­kel wei­ter, kommt man aber auf den mei­nes Er­ach­tens ent­schei­den­den Kern: Wich­tig ist, ob das je­wei­li­ge po­li­ti­sche Welt­bild das de­mo­kra­ti­sche Prin­zip und de­ren In­sti­tu­tio­nen ak­zep­tiert, al­so bei­spiels­wei­se auch Nie­der­la­gen ak­zep­tiert, die auf de­mo­kra­ti­sche Wart und Wei­se zu­stan­de ge­kom­men sind. Wenn dies nicht der Fall ist, soll­te man von Ex­tre­mis­mus spre­chen.

    Die Fra­ge bleibt dann, ob man ex­tre­mi­sti­sche Grup­pie­run­gen (al­so auch Par­tei­en) ver­bie­ten soll. Schließ­lich rich­ten sie sich ge­gen die »FDGO«. Be­für­wor­ter von Ver­bo­ten ar­gu­men­tie­ren mit den Er­fah­run­gen der Wei­ma­rer Re­pu­blik: Die Geg­ner der De­mo­kra­tie be­die­nen sich ih­rer so lan­ge, bis sie le­gi­ti­miert sind und schaf­fen sie dann ab. Geg­ner ar­gu­men­tie­ren da­mit, dass man Ideo­lo­gi­en nicht ab­schal­ten kann; ein Ver­bot ist häu­fig nur kos­me­ti­scher Na­tur.

    Im Nach­kriegs­deutsch­land gab es zwei grö­sse­re Wel­len von Ex­tre­mis­mus-Er­for­schun­gen. 1950 mit dem so­ge­nann­ten Ade­nau­er-Er­lass und dann noch ein­mal 1972 mit dem Ra­di­ka­len­er­lass.

    In den 50er Jah­ren wur­den zwei Par­tei­en ver­bo­ten: 1952 die SRP, ei­ne sich na­tio­nal­so­zia­li­stisch ge­rie­ren­de Par­tei, die bei den Land­tags­wah­len in Nie­der­sach­sen 1951 11% be­kam. Schließ­lich wur­de 1956 die KPD ver­bo­ten. In den 70er Jah­ren fi­xier­te man sich da­bei aus­schließ­lich auf den Links­ex­tre­mis­mus (der Ter­ror der RAF war noch vi­ru­lent); Ge­fah­ren von rechts sah man da­mals nicht. (Der »Ra­di­ka­len­er­lass« war ei­ne Maß­nah­me der in­nen­po­li­tisch sehr stark un­ter Druck ge­ra­te­nen so­zi­al-li­be­ra­len Ko­ali­ti­on, der von CDU/CSU vor­ge­wor­fen wur­de, auf dem lin­ken Au­ge blind zu sein. Er ge­schah aus vor­aus­ei­len­dem Ge­hor­sam, dass der Links­ex­tre­mis­mus nicht als Wahl­kampf­the­ma in­stru­men­ta­li­siert wer­den konn­te.)

    Ich weiss nicht, ob es da­mit ge­tan ist, ex­tre­mi­sti­sche po­li­ti­sche An­sich­ten als »Irr­tum« an­zu­se­hen. Be­trach­tet man an­de­re Län­der stellt man fest, dass die­se Form der Irr­tü­mer längst sa­lon­fä­hig ist. Der­zeit ist ei­ne Wel­le rechts­ex­tre­mi­sti­scher Par­tei­en in Eu­ro­pa en vogue. Sie ver­knüp­fen ge­schickt EU-kri­ti­sche Ein­wän­de mit xe­no­pho­ben Pa­ro­len. In­ter­es­sant wä­re die Fra­ge, war­um sie ei­nen der­ar­ti­gen Zu­lauf be­kom­men. Hier spie­len wohl Über­sät­ti­gungs­phä­no­me­ne mit den »alt-be­kann­ten« Par­tei­en und de­ren Prot­ago­ni­sten ei­ne Rol­le. Und auch die ak­tu­el­le Ohn­macht ge­gen­über welt­weit agie­ren­den Fi­nanz­kon­zer­nen. So­ge­nann­te Glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­ker fin­den sich längst auch in der rech­ten Sze­ne.

  12. # 11
    Auch auf die Ge­fahr hin, wie­der in ein Fett­näpf­chen zu tre­ten.
    »Nie­der­la­gen zu ak­zep­tie­ren, die auf de­mo­kra­ti­sche Art und Wei­se zu­stan­de­ge­kom­men sind.« Das ist Vor­aus­set­zung um kein Ex­tre­mist zu sein!

    Was ist mit dem Er­mäch­ti­gungs­ge­setz von 1933? Ob­wohl es Ver­haf­tun­gen von Kom­mu­ni­sten und an­de­ren Po­li­ti­kern bzw. Ab­ge­ord­ne­ten gab, wur­de es mit Un­ter­stüt­zung des Zen­trums an­ge­nom­men. For­mal de­mo­kra­tisch le­gi­ti­miert. Ich wür­de in die­sem Fall al­ler­dings den Ge­gen­ern des Ge­set­zes, al­so der SPD und den Kom­mu­ni­sten, des­we­gen kei­nes­wegs Ex­tre­mis­mus vor­hal­ten.
    Sach­lich rich­tig wird die Si­tua­ti­on in den 50er Jah­ren be­schrie­ben. Al­ler­dings war das KPD-Ver­bot hef­tig um­strit­ten und wä­re spä­ter nicht mehr zu­stan­de­ge­kom­men. Man muss sich nur die da­ma­li­ge Rich­ter­schaft in der Bun­des­re­pu­blik an­se­hen. Die mei­sten agier­ten auch im 3. Reich als Rich­ter und kein Rich­ter ist je­mals des­halb ver­ur­teilt wor­den. For­mal de­mo­kra­tisch le­gi­ti­miert, aber für vie­le ein po­li­ti­sches Ur­teil.
    Der Ra­di­ka­len­er­lass war kei­nes­wegs nur vor­aus­ei­len­der Ge­hor­sam, son­dern auch der Ver­such der SPD, die di­ver­sen Grup­pen auf der Lin­ken, von Sta­mo­kap bis Mao­isten, so­ewie die An­hän­ger der DKP beim Marsch durch die In­sti­tu­tio­nen ab­zu­weh­ren und Bünd­nis­se auf lo­ka­ler Ebe­ne mit der SPD zu ver­hin­dern. Fall Ben­ne­ter etc..
    Ich kann mich sehr gut an die da­ma­li­gen Dis­kus­sio­nen er­in­nern. Für mich ein ekla­tan­ter Feh­ler der SPD. Dass man gleich­zei­tig ver­such­te, sich nach links ab­zu­gren­zen und da­mit der Pa­ro­le von Geiß­ler »Frei­heit statt So­zia­lis­mus« den Wind aus den Se­geln zu neh­men, ist rich­tig, hat aber trotz­dem nichts ge­nützt, denn es wur­de doch ein sol­cher La­ger­wahl­kampf.
    In den End­sechh­zi­ger Jah­ren wur­de durch­aus ge­gen rechts in den Me­di­en ge­schrie­ben. Denn da­mals stand die NPD vor dem Ein­zug in den Bun­des­tag, man be­kam 1969 im­mer­hin 4,3 %, und es gab im­mer noch die al­li­ier­ten Rechts­vor­be­hal­te. Die BRD war durch­aus noch nicht sou­ve­rän. Sie­he auch da­mals die Dis­kus­si­on um die Not­stands­ge­set­ze.
    Ex­tre­mis­mus ist im­mer ei­ne Fra­ge der De­fi­ni­ti­on und än­dert sich na­tür­lich. Was in den fünf­zi­ger und zu Be­ginn der sech­zi­ger Jah­re als ex­trem galt, ist heu­te de­mo­kra­ti­scher Stan­dard bzw. de­mo­kra­ti­scher All­tag.
    Wer sich an den Auf­tritt der Grü­nen in den Par­la­men­ten in den 80er Jah­ren er­in­nert, ent­deckt auch da ei­nen ge­hö­ri­gen Wan­del, wenn man heu­te sieht, wie ge­las­sen man auf den Auf­tritt der Pi­ra­ten in Ber­lin re­agiert.
    Das Pro­blem mit den Rech­ten wird durch die Än­de­rung ih­rer Tak­tik zu­künf­tig noch grö­ßer. Man tritt nicht mehr nur mit Glat­zen und Sprin­ger­stie­fel auf, son­dern ar­ran­giert Kin­der­fe­ste, Nach­hil­fe- und Be­treu­ungs­ak­tio­nen, geht al­so kon­kret in die Re­gi­on. Die Be­rich­te im Fern­se­hen, u.a. Fron­tal 21, zeig­ten doch, dass die Be­su­cher sich nicht dar­an stör­ten, dass die NPD der Ver­an­stal­ter war. Und dies nach Be­kannt­wer­den der Mor­de.
    Auch der Bei­trag von Dok­tor D. zeigt doch, dass man sich be­wusst von den lin­ken Mei­nun­gen ab­gren­zen woll­te, oft war es so­gar egal, bei wem man sich en­ga­gier­te, Haupt­sa­che ge­gen die Mehr­heit oder das »bür­ger­li­che Mi­lieu«.
    Es scheint in der »Natur/Kultur« vie­ler Men­schen zu lie­gen, dass man sich ge­gen Frem­de oder an­de­re ab­grenzt. Die­se An­de­ren kön­nen po­li­tisch, re­li­gi­ös oder kul­tu­rell de­fi­niert wer­den. Dass muss gar nicht mehr na­tio­na­li­stisch de­fi­niert wer­den. Sie­he Frank­reich mit den Fran­zo­sen afri­ka­ni­scher Her­kunft. In Mar­seil­le wählt, wer da­zu­ge­hö­ren will, Front na­tio­nal (FN), auch die Ein­wan­de­rer.
    Kann man wirk­lich auf die Ver­nunft hof­fen?

  13. @Gregor/Norbert

    Ich glau­be nicht, dass de­mo­kra­ti­sche Sy­ste­me »rich­ti­ge« Er­geb­nis­se lie­fern oder »un­fehl­bar« sind – in Sum­me sind sie der Ver­such ge­sell­schaft­li­che Ent­schei­dun­gen auf dis­kur­si­ver Ba­sis zu fin­den und zu le­gi­ti­mie­ren. Sol­che Sy­ste­me kön­nen selbst­ver­ständ­lich, von im Grun­de an­ti­de­mo­kra­ti­sche Kräf­ten, be­nutzt wer­den, um an die Macht zu ge­lan­gen und dann ih­rer­seits an­de­re Sy­ste­me zu eta­blie­ren. Das ist ei­ne Ge­fahr, der man sich stel­len muss und die im­mer wie­der keh­ren wird, auch weil die frei­heit­li­che Grund­ord­nung es ver­bie­tet schon der­ar­ti­ge Mei­nun­gen (als sol­che) zu be­kämp­fen.

    Aber dem Extremismus/Radikalismus sind grund­le­gend an­ti­de­mo­kra­ti­sche Zü­ge ei­gen, das kann man fest­hal­ten, al­lein, weil er, schon per De­fi­ni­ti­on, im­mer ein Rand­phä­no­men ist: Die ra­di­ka­le Grup­pe muss ih­re Ide­en der Mehr­heit auf­zwin­gen. Aber stoßt man hier nicht auf ei­nen zwei­ten We­sens­zug, den der Ge­walt­be­reit­schaft, der auch ein Ver­stoß ge­gen ein be­stimm­tes Mensch und Welt­bild ist? Theo­re­tisch lässt sich ei­ne Ge­walt­herr­schaft auch auf Mehr­heits­ent­schei­dun­gen auf­bau­en: Un­se­re De­mo­kra­ti­en ver­su­chen dies zu ver­hin­dern in dem sie die Ge­wal­ten tren­nen und Min­der­hei­ten schüt­zen.

    Zum Frem­den noch: Es liegt in der Na­tur des Men­schen, sich ge­gen das Frem­de zu stel­len, wo es ihm be­geg­net, weil es das Ei­ge­ne in Fra­ge stellt; die Er­fah­rung von Fremd­heit ist ein Er­le­ben, das als sol­ches ein­mal zu ak­zep­tie­ren ist, nur soll­te man sich die Re­fle­xi­on dar­über nicht er­spa­ren. War­um ist et­was fremd? Wie be­geg­ne ich ihm?
    Ich glau­be das gilt (viel­leicht ge­ra­de) auch für Ein­stel­lun­gen, die ei­nem selbst fern lie­gen. Und es bringt mich da­hin zu­rück, dass es viel­leicht nicht aus­reicht, die­je­ni­gen zu be­kämp­fen, die ih­rer­seits das Frem­de be­kämp­fen.

  14. @Norbert
    Nein, Sie ha­ben recht. Mei­ne For­mu­lie­rung war un­ge­nau. Aber auch Ihr Hin­weis auf das Er­mäch­ti­gungs­ge­setz von 1933 ist un­rich­tig. Es ist näm­lich tat­säch­lich for­mal nicht le­gi­tim ge­we­sen, da die ge­wähl­ten KPD-Ab­ge­ord­ne­ten (81) er­zwun­ge­ner­ma­ßen nicht an­we­send wa­ren. Auch 26 SPD-Ab­ge­ord­ne­te wa­ren aus­ge­schal­tet. Des­wei­te­ren hat­te das Pro­ze­de­re et­was putsch-ar­ti­ges, da der Ver­an­stal­tungs­ort von Pö­bel­trup­pen der Na­zis um­stellt wur­de.

    Nicht ganz un­er­heb­lich ist auch der In­halt: Er ent­hielt Be­stand­tei­le, die weit über die an­son­sten in der Wei­ma­rer Re­pu­blik fast Usus ge­wor­de­nen Not­ver­ord­nun­gen hin­aus gin­gen, bspw. die Zu­las­sung von Par­tei­en. So konn­te man nun al­le po­li­ti­schen Par­tei­en au­ßer der NSDAP ver­bie­ten – was na­tür­lich auch ge­schah Dies stand na­tür­lich in Wi­der­spruch zur Wei­ma­rer Ver­fas­sung. Ein sol­ches Ge­setz ist in ei­ner ge­fe­stig­ten De­mo­kra­tie per se un­gül­tig. Es ist ver­gleich­bar, als schlös­se A mit B ei­nen Ver­trag, C zu tö­ten. Je­dem ist so­fort klar, dass ein sol­cher Ver­trag nich­tig ist.

    Na­tür­lich kön­nen und dür­fen de­mo­kra­tisch ge­trof­fe­ne Ent­schei­dun­gen be­fragt und ab­ge­lehnt wer­den. Aber es darf eben nur in­sti­tu­tio­nell ge­sche­hen (hier­zu zäh­len üb­ri­gens auch De­mon­stra­tio­nen). Ein in­ter­es­san­tes Bei­spiel ist Stutt­gart 21. Hier hat­ten sich jah­re­lang nur ei­ni­ge we­ni­ge um die Aus­wir­kun­gen die­ses Pro­jek­tes ge­küm­mert und ge­mahnt. Selbst bei den Grü­nen war dies kein The­ma – ab­ge­se­hen von ei­ni­gen Lo­kal­po­li­ti­kern. Erst als in­sti­tu­tio­nell al­les be­schlos­sen war – for­mal wohl kor­rekt – und die Bau­trupps zum Fäl­len der Bäu­me an­rück­te, wach­ten die Leu­te auf. Plötz­lich wur­de dies the­ma­ti­siert. Ich wer­fe das den Pro­test­lern nicht vor, wohl al­ler­dings den Grü­nen in ih­rer Gän­ze als Par­tei – sie hat­te ih­re Lo­kal­po­li­ti­ker im Re­gen ste­hen las­sen, als es noch Mög­lich­kei­ten zu Ver­än­de­run­gen ge­ge­ben hät­te. Pro­ble­ma­tisch wird es nun, wenn die heu­te statt­fin­den­de Ab­stim­mung über die Mit­tel des Lan­des von der Ver­lie­rer­sei­te (das Er­geb­nis soll ja of­fen sein) nicht an­er­kannt wür­de. Dies mein­te ich mit der Ak­zep­tanz von de­mo­kra­ti­scher Le­gi­ti­ma­ti­on.

    Im­mer wie­der flammt in sol­chen Dis­kus­si­on die Sor­ge um die »fal­schen« Ent­schei­dun­gen auf, die in De­mo­kra­ti­en fäl­len kön­nen. Sie ist ver­bun­den mit ei­ner gro­ssen Skep­sis ge­gen­über den Ent­schei­dun­gen der Mas­se. Die­ser Vor­be­halt ist üb­ri­gens sehr alt; be­reits in der Wei­ma­rer Re­pu­blik wa­ren die Vor­be­hal­te ge­gen­über de­mo­kra­tisch ge­trof­fe­nen Ent­schei­dun­gen sehr gross. Es ist auch kein spe­zi­fisch deut­sches Phä­no­men – als das all­ge­mei­ne Wahlecht im 19. Jahr­hun­dert in Eng­land zur Dis­kus­si­on stand, schien es den bis da­hin agie­ren­den Eli­ten als ein Un­ding, von Ent­schei­dun­gen des Vol­kes ab­hän­gig zu sein.

    Wenn man ge­nau hin­sieht, ha­ben sich die Ar­gu­men­ta­ti­ons­mu­ster kaum ge­än­dert: Man glaubt, ei­nen rich­ti­gen Weg ge­fun­den zu ha­ben und will die­sen Weg un­ab­hän­gig von kurz­fri­sti­gen Mei­nungs­strö­mun­gen in der Mas­se um­set­zen. Wenn man bö­se ist, stellt man fest, dass auf die­se Art und Wei­se die eu­ro­päi­sche Ei­ni­gung in den mei­sten Län­dern der EU um­ge­setzt wur­de. Sie wur­de als zu kost­bar emp­fun­den, um sie ei­ner Wahl aus­zu­set­zen. Das Er­geb­nis ist nun, dass sich in vie­len Par­tei­en so­ge­nann­te rechts­po­pu­li­sti­sche Grup­pie­run­gen bil­den und mas­sen­wei­se Zu­spruch fin­den. Statt sich auf de­ren Ar­gu­men­te nun ein­zu­las­sen und die­se suk­zes­si­ve zu ent­zau­bern, wer­den sie – das ist ein­fa­cher – ver­teu­felt. Dies führt je­doch zu­meist nicht zum Ab­schwel­len des Phä­no­mens, son­dern ver­leiht ih­nen noch ei­nen ge­wis­sen Mär­ty­rer­sta­tus.

    De­mo­kra­tie ist – hier­über kann kein Zwei­fel be­stehen – im­mer auch ein »Ri­si­ko«. Wenn man das nicht möch­te, muss man Al­ter­na­ti­ven be­nen­nen. Wor­in be­stün­de sie? Ei­ne »gu­te Dik­ta­tur«? Ist das nicht ein Wi­der­spruch in sich? Bit­te um Vor­schlä­ge.

  15. A schließt mit B ei­nen Ver­trag auf Ko­sten von C ist in BW ge­ra­de zwei­mal auf un­er­hör­te Wei­se pas­siert. Zu glau­ben, dass Bahn­pro­jekt wä­re zum Woh­le des Lan­des er­son­nen wor­den, ist ab­surd. Da­her kann man mo­nie­ren, dass die Grü­nen dies zu spät er­kannt hat­ten (konn­ten sie es über­haupt?), än­dert aber nichts an der Tat­sa­che, dass das po­li­ti­sche Sy­stem in sol­chen Fäl­len völ­lig ver­sagt. Man er­in­nert sich viel­leicht an die An­fangs­sze­ne aus Per An­hal­ter durch die Ga­la­xis.

    Es fehlt er­stens Trans­pa­renz und zwei­tens das seit rö­mi­scher Zeit be­kann­te Sy­stem der Checks and Ba­lan­ces (Man schaue z.B. auf das Sy­stem aus Sym­pa­thi­kus und Pa­ra­sym­pa­thi­kus, auch tech­nisch viel­fach ver­wen­det). Dies ist in der deut­schen Ver­fas­sung aus be­kann­ten Grün­den un­zu­rei­chend ge­löst und be­darf drin­gen­der Än­de­rung. Hät­te bei S21 voll­stän­di­ge Trans­pa­renz (ei­ne ele­men­ta­re For­de­rung an den per­fek­ten Markt) über die Be­din­gun­gen und Fi­nan­zie­rung be­stan­den, wä­re die­ses Pro­jekt un­ter bür­ger­li­cher Kon­trol­le nie­mals zu Stan­de ge­kom­men. Al­so, her mit dem Volks­tri­bun!

    Das glei­che gilt im we­sent­li­chen für die Über­nah­me der EnBW-An­tei­le.

    P.S. Ich ha­be ge­stern ge­hört, dass Pro­jek­te ge­gen Links­ra­di­ka­le mit bis zu 90% ge­för­dert wer­den, die ge­gen Rech­te aber nur bis ma­xi­mal 50%. Ein To­tal­ver­sa­gen!?

  16. Auch den Kri­ti­kern der Art und Wei­se, wie die EU- und Eu­ro-Ver­trä­ge zu­stan­de ge­kom­men sind, kann man wie den S21-Kri­ti­kern ent­ge­gen hal­ten: for­mal al­les le­gal und de­mo­kra­tisch le­gi­ti­miert, hät­tet euch mal frü­her be­schwe­ren sol­len. (Noch lie­ber aber na­tür­lich wird EU-Geg­ner qua­si Kriegs­trei­be­rei vor­ge­wor­fen, das fin­de ich ja im­mer ganz be­son­ders kon­struk­tiv.)
    Aber zu­rück zum The­ma: Selt­sa­mer­wei­se äh­neln sich ja rechts­ex­tre­me und die üb­li­chen Main­stream-Po­li­tik-Dis­kur­se dar­in, dass stän­dig auf Wahr­heit und Rich­tig­keit re­fe­ren­ziert wird – und nicht dar­auf, dass de­mo­kra­ti­sche Ver­fah­ren de­li­be­ra­tiv sind und kein Theo­lo­gie-Se­mi­nar, um die Wahr­heit her­aus­zu­fin­den oder durch­zu­set­zen. Die­se Un­fä­hig­keit, Dif­fe­renz aus­zu­hal­ten (selbst wenn man Teil der Mehr­heit ist) und Kon­flik­te po­li­tisch, d.h. für mich v.a. dis­kur­siv, zu ver­han­deln, scheint mir, je län­ger ich mich selbst po­li­tisch in­ter­es­sie­re und en­ga­gie­re, das Haupt­pro­blem un­se­rer ge­gen­wär­ti­gen Si­tua­ti­on zu sein. Um es völ­lig ver­kürzt, aber pla­stisch aus­zu­drücken: In Deutsch­land ha­ben im­mer noch viel zu we­nig Spaß dran, sich wirk­lich hef­tig zu strei­ten, aber sehr vie­le gar kein pro­blem da­mit, den an­de­ren den Mund zu ver­bie­ten.

  17. @Doktor D
    Es be­steht schon ein Un­ter­schied zu ei­ner kom­mu­nal- bzw. lan­des­po­li­ti­schen Ent­schei­dung mit öf­fent­li­chen An­hö­run­gen und dem EU- bzw. Maas­tricht-Ver­trag bzw. ‑Ver­trä­gen. Letz­te­re sind tat­säch­lich nur auf sehr ab­strak­ter Ebe­ne le­gi­ti­miert; die EU-Kom­mis­si­on ist es ja nur sehr ein­ge­schränkt. Hier­in liegt m. E. ein Kern­pro­blem der eu­ro­päi­schen In­te­gra­ti­on: Sie ist aus ei­ner dif­fu­sen Furcht vor der »fal­schen« Ent­schei­dung der Bür­ger nicht aus­rei­chend le­gi­ti­miert wor­den. Volks­ab­stim­mun­gen zu ent­schei­den­den EU-Fra­gen (Eu­ro; Ver­fas­sung) gab es nur sehr ver­ein­zelt und ne­ga­ti­ve Er­geb­nis­se wur­den qua­si durch ei­ne er­neu­te Ab­stim­mung ver­än­dert (mit ein paar Schön­heits­kor­rek­tu­ren).

    Die Ab­stim­mung über »Stutt­gart 21« zeigt mir, dass ein Vor­be­halt ge­gen­über so­ge­nann­ter »di­rek­ter De­mo­kra­tie« nicht so ein­fach von der Hand zu wei­sen ist. Ent­schei­dend ist hier die Be­tei­li­gung der Bür­ger, die doch ziem­lich er­schreckend nied­rig ist. Ich ha­be ähn­li­ches bei kom­mu­na­len Ent­schei­dun­gen in Düs­sel­dorf fest­ge­stellt; fast im­mer wur­de hier erst gar nicht das Quo­rum er­reicht. Da­bei wur­de u. U. ein ge­wis­ses The­ma me­di­al sehr hoch an­ge­sie­delt – am En­de stell­te sich dann je­doch zu­meist Des­in­ter­es­se her­aus. Ähn­li­ches be­fürch­tet man wohl in der Ak­zep­tanz grund­le­gen­der Fra­gen.

    Ich stim­me Ih­nen zu, wenn Sie vom »Grund­übel« spre­chen, wel­ches dar­in be­steht, Dif­fe­renz nicht mehr aus­zu­hal­ten – auf bei­den Sei­ten. Das scheint je­doch schon sei­ne Ba­sis in den Me­di­en zu fin­den. Je­de Dis­kus­si­on bspw. in­ner­halb ei­ner Par­tei ist gleich ein »Streit«, »Är­ger« oder »Zoff«. Ei­ne Wahl ist ein »Macht­kampf«. Der Fe­tisch heißt »Ge­schlos­sen­heit«. Das Ziel ist die Wa­gen­burg, das kla­re Welt­bild; gut und bö­se fein säu­ber­lich sor­tiert.

    Ich glau­be nicht, dass das ein Phä­no­men der Zeit ist. Es wird nur deut­li­cher.

  18. @GK: Der Ver­gleich war auch eher iro­nisch ge­meint, wo­bei: Zu­min­dest das ba­den-würt­tem­ber­gi­sche Lan­des­par­la­ment scheint re­la­tiv sy­ste­ma­tisch über die da­mals schon be­kann­ten Bud­get-Spren­gun­gen von CDU-Re­gie­rung und Bahn des­in­for­miert wor­den zu sein. Da scheint sich mir auch ei­ne ge­wis­se pa­ter­na­li­stisch-au­to­ri­tä­re Hal­tung ge­gen­über den klei­nen Dub­be­les zu zei­gen, die halt net so recht wis­sen, was gut für sie ist. Die Re­gie­rung aber schon. (Ko­sten­wahr­heit hät­te aber wahr­schein­lich gar nix an der un­be­ding­ten Zu­stim­mungs­wü­tig­keit der da­ma­li­gen CDU/F­DP/SPD-Frak­tio­nen ge­än­dert.)
    Ich fand die Be­tei­li­gung an der Ab­stim­mung er­staun­lich hoch (zu­min­dest im Ver­gleich zu an­de­ren Volks­ab­stim­mun­gen), aber viel­leicht ge­be ich mich auch mit zu­we­nig zu­frie­den.
    Wür­den Sie die Kon­flikt­scheue / Kon­sens­sucht als ty­pi­sches Merk­mal der deut­schen po­li­ti­schen Kul­tur se­hen? Oder sit­ze ich da ei­nem Kli­schee auf? Mir kommt die Fra­ge in dem Sinn, da bei mei­ner ei­ge­nen Re-De­mo­kra­ti­sie­rung die Er­fah­rung an­gel­säch­si­scher Streit­kul­tur (aber auch in der idea­len Form als de­ba­ting club an Unis) ei­ne wich­ti­ge Rol­le ge­spielt hat.
    Dass die mei­sten Men­schen Po­li­tik nur noch als me­dia­les Spe­kat­kel er­fah­ren, ist m. E. ein wei­te­res Pro­blem: Wenn man nicht selbst we­nig­stens ein paar Mal, und wenn auch nur in klei­nen kom­mu­nal­po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen ak­tiv war, hat man ziem­lich un­rea­li­sti­sche Vor­stel­lun­gen, wie Po­li­tik pas­siert (qua­si als Hand­werk). Zu Ver­schwö­rungs­theo­ri­en und zu die­ser für mich wirk­lich ab­sto­ßen­den Nör­ge­lig­keit ge­gen­über Po­li­ti­kern, die uns ja al­le für dum und blöd ver­kau­fen, ist es dann nicht mehr weit. Seit­dem ich po­li­tisch en­ga­giert bin, ist mein Re­spekt vor und Ver­ständ­nis Po­li­ti­kern deut­lich ge­stie­gen.

  19. @Doktor D
    Pro­jek­te wie die­ser Bahn­hof wer­den ko­sten­sei­tig im­mer ge­rin­ger ver­an­schlagt, als sie es dann sind. Es ist je­doch nicht von der Hand zu wei­sen, dass hier ein ge­wis­ser Grö­ßen­wahn bei den Bau­her­ren Ur­ständ fei­ert, der schwer nach­zu­voll­zie­hen ist. Man muß al­ler­dings be­den­ken: Meh­dorn neig­te im­mer schon zu ex­zes­si­ven Bau­ten (Bahn­hö­fe in Ber­lin, Leip­zig), die al­le­samt voll­kom­men über­zo­gen wa­ren. Wenn man dann durch so man­che Ruhr­ge­biets- oder Ei­fel­pro­vinz mit der Bahn ge­fah­ren war, sah man Mi­ni­bahn­hö­fe, die man pro­blem­los als Ku­lis­se für ei­nen Film hät­te her­an­zie­hen kön­nen, der 1947 spielt.

    Zur Konfliktscheuheit/Konsenssucht: Ich bin nicht si­cher, ob es sich um ein spe­zi­fisch deut­sches Phä­no­men han­delt. Was ist mit Öster­reich – ein Land, dass seit vie­len Jah­ren prak­tisch nur im Kon­sens exi­stiert? Oder die Kon­kor­danz­de­mo­kra­tie Schweiz? bei­des üb­ri­gens Län­der mit star­ken rechts­po­pu­li­sti­schen Par­tei­en. Die po­li­ti­schen De­bat­ten in Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en und auch in den USA wer­den oft mit un­gleich grö­sse­rer Schär­fe ge­führt, wo­bei in­zwi­schen die USA nicht un­be­dingt mehr das be­ste Bei­spiel ab­gibt. Ver­mut­lich do­mi­niert in deut­schen Dis­kur­sen mehr als in an­de­ren Län­dern ab ei­ner ge­wis­sen Stu­fe der Dis­kus­si­on der per­sön­li­che An­griff zu Un­gun­sten des Ar­gu­ments. Man kann im­mer wie­der fest­stel­len: Im Zwei­fel be­kommt dann die Per­son das Fett weg. Das gilt im üb­ri­gen auch um­ge­kehrt (auch wenn das sel­te­ner ist): Te­le­ge­ne bzw. me­di­al be­gab­te Per­sön­lich­kei­ten wer­den eher hof­fiert. Sie wer­den aber auch schnell wie­der »ent­sorgt« – ja nach La­ge und Zeit­geist.

    Die Per­so­na­li­sie­rung von öf­fent­li­chen Dis­kur­sen trägt am En­de da­zu bei, dass es the­ma­tisch eher lau bleibt und zu ver­här­te­ten Fron­ten führt, die oft ge­nug mit der Sa­che nichts mehr zu tun ha­ben.

    Im Pri­va­ten hat man’s ger­ne har­mo­nisch. Oft hört man – bei äl­te­ren Men­schen – den Satz: Über Po­li­tik und Re­li­gi­on spricht man nicht. Dar­in liegt die Furcht vor Dis­kus­si­on, vor dem An­ecken.

  20. In Öster­reich hat das m.E. ei­ner­seits hi­sto­ri­sche (die Re­pu­blik ent­stand aus ei­nem Kon­sens der po­li­ti­schen Kräf­te), an­de­rer­seits macht­po­li­ti­sche Grün­de (kei­ne Par­tei gibt frei­wil­lig ih­re Ein­fluss und Macht­sphä­ren her: Man tauscht sie oder ver­zich­tet wech­sel­sei­tig).

    Ein Kon­sens ist nichts grund­sätz­lich ne­ga­ti­ves, es hängt nur da­von ab wie er zu­stan­de kommt; er be­deu­tet ei­nen (ge­sell­schaft­li­chen) Aus­gleich, was lang­fri­stig wich­tig ist (Ge­rech­tig­keit) und sich mit den Ar­gu­men­ten des an­de­ren aus­ein­an­der­ge­setzt und sie ver­stan­den zu ha­ben.

    So­lan­ge (haupt­säch­lich) ar­gu­men­ta­tiv ge­strit­ten wird, ist nichts da­ge­gen ein­zu­wen­den, al­les an­de­re kann mir aber ge­stoh­len blei­ben.

  21. Na­tür­lich ist ein Kon­sens nicht per se ne­ga­tiv. Es kommt nur dar­auf an, ob man ei­nem vor­aus­ei­len­den Har­mo­nie­be­dürf­nis ge­hor­chend ei­nen Kon­sens so­zu­sa­gen »um je­den Preis« an­strebt.

    An­de­rer­seits kann der Ver­zicht auf ei­nen Kon­sens auch falsch sein. So wer­den bei­spiels­wei­se in Gro­ßen Ko­ali­tio­nen be­stimm­te Po­li­tik­fel­der ein­fach aus­ge­spart, weil sich bei den bei­den Par­tei­en kei­ne Ei­ni­gung er­zie­len lässt. Die Fol­ge ist, dass not­wen­di­ge An­pas­sun­gen nicht statt­fin­den, um den Ko­ali­ti­ons­frie­den nicht zu ge­fähr­den. Oder es fin­den nur halb­her­zi­ge, klei­ne­re Kor­rek­tu­ren statt, die nie­man­dem weh tun.

    In den USA er­le­ben wir in der ra­di­ka­len Ver­wei­ge­rung der so­ge­nann­ten »Tea-Party«-Bewegung die Ent­zau­be­rung ei­nes Dis­kur­ses: Bis­her war man da­von aus­ge­gan­gen, dass es ein ge­wis­ses über­ge­ord­ne­tes In­ter­es­se gibt, wel­ches über ei­nen Kom­pro­miß ei­nen Kon­sens her­stellt. Auf ver­blüf­fen­de Art und Wei­se wird dies nun aus­ge­he­belt. Sol­che For­men der Ra­di­kal­ver­wei­ge­rung sind tat­säch­lich de­mo­kra­tie­feind­lich. Aber wie da­mit um­ge­hen? In Eu­ro­pa wür­de man in­sti­tu­tio­nell über Neu­wah­len ei­ne sol­che Si­tua­ti­on ver­su­chen zu re­geln. In den USA ist das schein­bar nicht mög­lich.

    Zu­sam­men­fas­send viel­leicht: Ein Kon­sens, der um sei­ner selbst Wil­len an­ge­legt ist, birgt die Ge­fahr von Sta­gna­ti­on so­zia­ler, po­li­ti­scher und öko­no­mi­scher Ent­wick­lung. Man kann das sehr gut bei den Ent­schei­dun­gen des Eu­ro­päi­schen Ra­tes er­ken­nen; hier do­mi­niert der Kom­pro­miss bzw. Kon­sens bis hin zur ho­möo­pa­thi­schen Aus­dün­nung von Ar­gu­men­ta­ti­ons­strän­gen. In­ter­es­san­ter­wei­se sind die Fol­gen bei der Kon­fron­ta­ti­on um je­den Preis ähn­lich.

  22. Klei­ne Er­gän­zung: Bo­do Mor­shäu­ser im Deutsch­land­ra­dio Kul­tur: Die al­ten Er­zäh­lun­gen der Ehe­ma­li­gen über die brau­ne Mord­se­rie – Die rich­ti­gen Fra­gen stel­len – mp3, ca. 4:20 Min.

  23. # 13 @metepsilonema
    Na­tür­lich brin­gen de­mo­kra­ti­sche Sy­ste­me nicht im­mer rich­ti­ge oder un­fehl­ba­re Ent­scheidn­gen zu­stan­de. Was sind das über­haupt, wer de­fi­niert, was rich­tig oder falsch ist. Je­den­falls ist­das Er­geb­nis ei­nes Dis­kur­ses auch nicht un­fehl­bar. Al­le Sei­ten brin­gen doch nur die Ar­gu­men­te, die für sie spre­chen und ver­schwei­gen die an­de­ren. An­de­rer­seits we´ß ich auch kei­nen bes­se­ren Weg, als über Kom­mu­ni­ka­ti­on und öf­fent­li­chen Dis­kurs. In Ham­burg ka­men zum Bei­spiel Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen beim Volks­ent­scheid über die Schul­form durch. Das Er­geb­nis war ganz si­cher nicht rich­tig im Sin­ne der All­ge­mein­heit. Schwie­ri­ges The­ma.

    Auch hier kann ich so nicht zu­stim­men. Als die Grü­nen be­gan­nen, hat­ten sie ex­tre­me oder ra­di­ka­le Vor­schlä­ge. Die Durch­set­zung mit Ge­walt wur­de aber nur von ei­ner Min­der­heit be­für­wor­tet. Wenn wir an die Ver­mumm­ten oder Rechts­ra­di­ka­len den­ken, dann mag die The­se von der Ge­walt­be­reit­schaft stim­men, aber ge­ne­rell ha­be ich da­mit Pro­ble­me. So wa­ren For­de­run­gen nach Gleich­be­rech­ti­gung der Frau­en zu Be­ginn des Jahr­hun­derts bis zur Mit­te ra­di­kal und ex­trem für die Män­ner­ge­sell­schaft, aber wur­den doch nie mit Ge­walt­ak­tio­nen vor­ge­tra­gen.
    Den Aus­sa­gen zum Frem­den stim­me ich zu, ver­mis­se aber die Er­kennt­nis, dass uns die­ses Pro­blem nie ver­las­sen wird, im Ge­gen­teil, es wird in Zu­kunft im­mer wich­ti­ger wer­den. Ob­wohl pa­ra­do­xer­wei­se die Men­schen noch nie so in­for­miert über an­de­re wa­ren als heu­te. Aber es geht eben vor al­lem auch um In­ter­es­sen und häu­fig ums nack­te Über­le­ben.

  24. # 14 @ G. K.
    Da kann man strei­ten, ob die feh­len­den Stim­men der Kom­mu­ni­sten et­was ge­än­dert hät­ten. Dass ich selbst die­sen Vor­gang als nicht de­mo­kra­tisch zu­stan­de­ge­kom­men an­se­he , hat­te ich ge­schrie­ben. Aber das Zen­trum hat sich oh­ne Ter­ror zu der Zu­stim­mung ent­schlos­sen, weil man auf kei­nen Fall ei­ne lin­ke Re­gie­rung woll­te.
    Al­so so ein­deu­ti­gun­de­mo­kra­tisch war die Sa­che nicht.
    Eben­so das mög­li­che Par­tei­en­ver­bot. Man le­se ein­mal Carl Schmitt nach. Ich stim­me dem nicht zu, aber es gab schon ernst zu neh­men­de Ar­gu­men­te.
    Das Bei­spiel mit den Ver­trä­gen hilft nicht wei­ter, weil es das Pro­blem nicht er­fasst.

    Ich stim­me aus­drück­lich zu, dass de­mo­kra­ti­sche Ent­schei­dun­gen nur in­sti­tuio­nell ge­än­dert wer­den soll­ten. Aber ich plä­die­re auch für mehr Volks­ent­schei­de, ob­wohl hier die Ge­fahr be­steht, dass sich par­ti­ku­la­re In­ter­es­sen durch­set­zen. Aber auch im Par­la­ment sind par­ti­ku­la­re In­ter­es­sen ver­tre­ten, sie­he FDP.
    Nein, auch ich weiß kei­ne bes­se­re Re­gie­rungs­form. Aber ich se­he im Mo­ment ei­ne sehr schlim­me Ten­denz. Die Be­völ­ke­rung ist mit vie­lem un­zu­frie­den, vor al­lem mit so­zia­len Pro­ble­men kon­fron­tiert und straft des­halb die je­wei­li­ge Re­gie­rung un­ver­hält­nis­mä­ßig ab. So in Un­garn, in Groß­bri­tan­ni­en, jetzt in Spa­ni­en, so 2005 die SPD, nach Hartz IV. Ich be­fürch­te, dass da­durch die Re­gie­run­gen noch we­ni­ger zu not­wen­di­gen, aber un­po­pu­lä­ren Ent­schei­dun­gen kom­men, weil sie die Macht er­hal­ten wol­len.
    Wie man das ver­hin­dern kann, weiß ich nicht und mein Hang zum Fa­ta­lis­mus lässt mich nichts Gu­tes ah­nen.

  25. @Norbert
    Was sind das über­haupt, wer de­fi­niert, was rich­tig oder falsch ist. Je­den­falls ist­das Er­geb­nis ei­nes Dis­kur­ses auch nicht un­fehl­bar.

    Zu­stim­mung.

    Al­le Sei­ten brin­gen doch nur die Ar­gu­men­te, die für sie spre­chen und ver­schwei­gen die an­de­ren. An­de­rer­seits we´ß ich auch kei­nen bes­se­ren Weg, als über Kom­mu­ni­ka­ti­on und öf­fent­li­chen Dis­kurs.

    Jein, ein ernst ge­mein­ter Dis­kurs soll­te das m.E. nicht. Oder, falls doch, dann könn­te ei­ne Hoff­nung dar­in be­stehen, dass die Viel­zahl der zu hö­ren­den Stim­men, den In­ter­es­sier­ten die Mög­lich­keit bie­tet doch zu ei­nem ob­jek­ti­ve­ren Bild zu kom­men. Die Fra­ge wä­re, in­wie­weit die­se Stim­men über­haupt gleich be­rech­tigt ge­hört wer­den kön­nen. Bes­se­ren Weg weiß ich auch kei­nen.

    Extremismus/Radikalismus: Das ist ge­nau das Pro­blem, das ich ger­ne ge­löst hät­te. Mir ver­schwim­men in den me­dia­len Dis­kus­sio­nen die Be­grif­fe zu sehr, meist weiß man eben nicht, was dar­un­ter zu ver­ste­hen ist; meint rechts­ra­di­kal nur be­stimm­te Ide­en oder auch Hand­lungs­be­reit­schaft (Ge­walt)?

    Nein, die Pro­ble­ma­tik des Frem­den wird uns nicht ver­las­sen, aber sie hat mit In­for­miert­heit we­nig zu tun: Es ist ein Un­ter­schied ob ich weiß, dass es Frau­en gibt, die in an­de­ren Län­dern le­ben und Ganz­kör­per­schlei­er tra­gen oder ob ich ih­nen in der Nach­bar­schaft be­geg­ne. Die Er­fah­rung, die emo­tio­na­le Be­rüh­rung, das oder der Frem­de, ist ei­ne je­weils an­de­re.

  26. @ Me­tep­si­lo­n­e­ma
    Noch ein­mal zur Fremd­heit. Es ist auch ein äs­the­ti­sches Phä­no­men. Wenn et­was Frem­des schön, exo­tisch, an­spre­chend oder über­ra­schend da­her­kommt, kann ich gut da­mit um­ge­hen. Das Kopf­tuch bei ei­ner schö­nen jun­gen Tür­kin wird mich über­haupt nicht stö­ren, im Ge­gen­teil. Doch das Kopf­tuch bei ei­ner »un­an­sehn­li­chen« al­ten Bett­le­rin stört mich dann auch noch. Ob­wohl ich weiß, dass die­se Frau in ei­ner an­de­ren Ge­sell­schaft so­zia­li­siert wur­de und sie al­so nicht für ihr Aus­se­hen und Ver­hal­ten ver­ant­wort­lich zu ma­chen ist, kann ich mich mei­nen Ge­füh­len nie ent­zie­hen. Mach­mal schä­me ich mich, oft ver­drän­ge ich mei­ne Ge­füh­le und wid­me mich schnell an­de­ren Din­gen.

  27. @Norbert
    Sie ha­ben recht, Äs­the­tik spielt mit her­ein. Aber was ich ei­gent­lich mein­te ist die Er­fah­rung des Nicht­da­zu­ge­hö­rens, des Aus­ge­sto­ssen­seins (sich aus­ge­sto­ssen füh­len), des Nicht­ein­ge­la­den­seins, der Ver­stö­rung, Ir­ri­ta­ti­on, De­sta­bi­li­sie­rung, Un­si­cher­heit, usw.

    Sich für sei­ne Ge­füh­le zu schä­men hat ver­mut­lich we­nig Sinn, ob­wohl ich das selbst auch tue – was ich für wich­tig hal­te: Wer die­se Er­fah­rung von Fremd­heit kennt, der wird sie auch bei an­de­ren vor­aus­set­zen und ak­zep­tie­ren kön­nen und es wird ihm hel­fen ihr Ver­hal­ten ver­ste­hen oder nach­voll­zie­hen zu kön­nen.