Tem­pel­hüp­fen

Mit dem her­ein­bre­chen­den Früh­jahr be­gann ich wie­der aus dem Fen­ster mei­ner Woh­nung, die im zwei­ten Stock ei­nes klei­nen Hau­ses in Fa­vo­ri­ten, dem 10. Wie­ner Ge­mein­de­be­zirk, lag, in den lang­ge­zo­ge­nen In­nen­hof hin­un­ter zu schau­en. Im Win­ter blieb der Hof ei­gen­ar­tig still und ich hielt mein Fen­ster ge­schlos­sen, da die kal­te Luft durch die Spal­te zwi­schen Fen­ster­rah­men und Flü­gel zog, die ich mit Tü­chern und Decken ab­zu­dich­ten such­te: Ich ver­fluch­te bei­na­he täg­lich die Haus­ver­wal­tung, die stets vor­gab, die of­fen­sicht­lich­sten Schä­den re­pa­rie­ren zu las­sen, die den Tisch­ler vor­bei­schick­te, um ei­nen Ko­sten­vor­anschlag vor­zu­neh­men, aber dann nichts mehr von sich hö­ren ließ. Ich hüll­te mich in dicke Decken, denn ich saß ger­ne ne­ben dem Fen­ster und las, trotz­dem der un­ter dem Fen­ster­brett hän­gen­de Heiz­kör­per den Luft­strom kaum zu er­wär­men ver­moch­te.

Manch­mal blieb der Schnee lang im Hof lie­gen, viel län­ger als in der Um­ge­bung, da die Son­ne zu die­ser Jah­res­zeit kaum auf den Bo­den her­ab reich­te und nur die Wän­de über­spielend vor­über zog. Durch mein Fen­ster fiel da­her auch im Win­ter et­was Son­ne und sie half mir die Dü­ster­nis die­ser Jah­res­zeit zu über­ste­hen, de­ren Fol­gen ich erst mit dem Oster­fest an dem sich ab­zeich­nen­den Ge­gen­satz so rich­tig be­merk­te: Von da an öff­ne­te ich spä­te­stens am frü­hen Nach­mit­tag, wenn ich wie­der zu Hau­se war, das Fen­ster, das in der Hö­he der Baum­kro­ne ei­nes Ahorns, der im Som­mer bei­na­he den hal­ben Hof be­schat­te­te, lag und des­sen Äste an die Schei­be klopf­ten, wenn sich der Wind reg­te. Das Früh­jahr be­gann für mich mit der Blü­te des Ahorns, mit den run­den, gelb­grü­nen Knöp­fen, die vor mei­nem Fen­ster auf und ab tanz­ten. Bald nach ih­nen ka­men die Blät­ter, dun­kel und braun­rot zu­erst, dann färb­ten sie sich rasch hell­grün, so wie die Blü­ten und bil­de­ten ei­nen be­le­ben­den Kon­trast zur schwar­zen, ris­si­gen Bor­ke und dem Grau des Hofs.

Ich war durch die Äste vor mei­nem Fen­ster ver­bor­gen und hat­te den­noch, zwi­schen ih­nen hin­durch, ei­ne gu­te Sicht in den Hof, da es sich an sei­nem hin­te­ren En­de be­fand. Der Baum muss­te alt sein, viel­leicht war er be­reits wäh­rend des Baus des Hau­ses, vor acht­zig, neun­zig Jah­ren ge­pflanzt wor­den: Er zwäng­te sich aus ei­nem en­gen Gür­tel aus Pflaster­steinen her­aus, der bloß ein klei­nes Feld Wie­se um­fass­te; an­son­sten war der Hof be­to­niert und ein al­ter Zieh­brun­nen stand un­weit des Baums an der Wand, ein funk­ti­ons­lo­ses Re­likt, das nie­mand weg­ge­räumt hat­te. Der Baum wirk­te bei­na­he trot­zig, wie er da voll Le­ben aus dem Be­ton her­aus wuchs, von Mau­ern und Haus­wän­den be­drängt, die ihm den­noch we­der Wür­de noch Schön­heit neh­men konn­ten. Der Be­ton­bo­den des Hofs war ris­sig, löch­rig und ver­wa­schen, er war nicht in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten, ja viel­leicht nie, er­neu­ert wor­den. Wenn man durch den Hof spa­zier­te, konn­te man den Ab­rieb un­ter den Schuh­soh­len spü­ren, Sand und Kies, Kalk- und Ze­ment­staub, die sich aus der bis­wei­len flä­chig auf­ge­bro­che­nen, rau­en Flä­che ge­löst hat­ten: Manch­mal, wenn die Ein­gangs­tür in den Hof of­fen stand und es win­dig war, fuhr die Luft her­ein und trieb den Staub vor sich her und die Haus­wän­de hin­auf: Im Herbst misch­ten sich dür­res Laub, her­ab­ge­fal­le­ne Zwei­ge, Kunst­stoff- und Pa­pier­fet­zen hin­ein und man moch­te mei­nen, wenn man ein Stück weit vom Fe­ster weg­ste­hend in die Däm­me­rung hin­aus­sah, dass drau­ßen die Wil­de Jagd vor­über zog.

Man muss­te quer durch den Hof ge­hen, um zum Ein­gang des Hau­ses zu ge­lan­gen und wenn man aus ihm in den Hof hin­aus­trat, dann sah man ge­nau auf die et­was schief er­rich­te­te, weiß ver­putz­te, aber längst schmut­zig und brü­chig ge­wor­de­ne Zie­gel­mau­er, die den Hof zum näch­sten hin be­grenz­te. Ne­ben dem Ein­gang stand ein klei­ner, run­der Tisch und ein paar Stüh­le. Ge­wöhn­lich war der Hof leer, nur manch­mal stan­den ei­ni­ge Be­wohner ne­ben dem Tisch um zu rau­chen oder Wein zu trin­ken. Der Lack der Ses­sel und des Ti­sches war an vie­len Stel­len ris­sig ge­wor­den und ab­ge­split­tert, was kein Wun­der war, denn er stand seit vie­len Jah­ren, ich kann mich gar nicht mehr er­in­nern wie lan­ge, vor Ort, das gan­ze Jahr über und selbst wenn die Gar­ni­tur da­für ge­macht wor­den war, sie trug Spu­ren da­von: Ro­stig-brau­ne Flecken dran­gen über­all her­vor und man muss­te ge­nau hin­se­hen, wenn man den Schmutz vom Rost un­ter­schei­den woll­te. Der Hof war al­so sich selbst über­las­sen, und mit der Aus­nah­me, dass die Haus­ver­wal­tung im Herbst das Laub weg­schaf­fen ließ, war er ein Ort der nie­man­den küm­mer­te, au­ßer man woll­te ins Freie tre­ten, um der En­ge der Woh­nun­gen oder der Hit­ze im Som­mer zu ent­flie­hen. Dann sah man kurz her­um, ver­ge­wis­ser­te sich, dass al­les beim Al­ten war, klopf­te die Asche in die klei­ne Do­se, die auf dem Tisch stand oder nipp­te an sei­nem Glas und war in Ge­dan­ken oder Träu­me ver­sun­ken, die rasch vom Hof oder dem Haus weg­führ­ten, Träu­me, die et­was aus­mal­ten oder für kur­ze Zeit ge­gen­wär­tig wer­den lie­ßen, das we­gen sei­ner Unerreich­barkeit die kar­ge Um­ge­bung tran­szen­dier­te und ei­ne mär­chen­haf­te Glück­se­lig­keit schuf. Man konn­te Stim­men hö­ren, die von Or­ten er­zähl­ten an de­nen sie nicht wa­ren und Au­gen se­hen, die eben­die­se Or­te be­trach­te­ten und es dau­er­te nicht lang, da war al­les, oh­ne dass man dar­über trau­rig ge­we­sen wä­re, vor­bei und man ging ge­mein­sam die Stie­gen hoch, wünsch­te ei­ne gu­te Nacht und ver­sperr­te die Tür. Den­noch hat­te der Hof ei­nen Be­sit­zer, ich sa­ge das in der Spra­che der Äl­te­ren, der Er­wach­se­nen, die Kin­der selbst hät­ten das ge­wiss nicht so ge­se­hen und sie ha­ben den Hof wohl an­ders wahr­ge­nom­men: Viel­leicht spie­gel­te ih­re Wahr­neh­mung ih­re Lieb­lings- und Auf­ent­halts­or­te, den Ver­lauf des Bo­dens den sie ab­schrit­ten, die Pfla­ster­stei­ne auf de­nen sie ba­lan­cier­ten, die Mauer­ecken in de­nen sie lehn­ten, den Ab­gang zu den Kel­lern oder den Baum, in des­sen Ästen sie manch­mal la­gen und hin­gen. Ich sa­ge viel­leicht, denn ich bin viel äl­ter: Die Kin­der un­se­res Hau­ses nutz­ten den Hof je­den­falls zum Spie­len, manch­mal schon am Vor­mit­tag, meist je­doch am frü­hen Nach­mit­tag, und es wa­ren die Kin­der, nicht der Hof, die mich zum Fen­ster lock­ten, und mich dort er­staun­lich lang fest­hiel­ten: Ich glau­be sie ha­ben ih­ren Be­ob­ach­ter nie ent­deckt und hät­ten, feh­len­den Arg­wohns oder ih­rer Un­be­küm­mert­heit we­gen, auch nie dar­an ge­dacht, dass es ei­nen sol­chen ge­ben könn­te.

Es kam häu­fig vor, dass die Kin­der ei­ni­ge Zeit lang her­um stan­den, so wie je­mand der un­schlüs­sig ist, dem die Zeit lang wird, der et­was sucht und erst nach ei­ni­ger Zeit, ei­ni­gem Hin und Her, et­was fin­det, das er tun könn­te. Stets ent­schlos­sen sich die Kin­der zu spie­len und ich sah im Hof nie et­was an­de­res, ich sah sie nicht le­sen oder ih­re Haus­auf­ga­ben ma­chen: Viel­leicht, weil sie das Wich­ti­ge be­reits er­le­digt hat­ten und man sie erst gar nicht hät­te ge­hen las­sen, be­vor es nicht zu En­de ge­bracht war: Spie­len könnt ihr, wenn die wich­ti­gen Din­ge er­le­digt sind!, so stell­te ich mir die Re­de der Er­wach­se­nen vor: Und falls sie so nicht dach­ten, dann be­lä­chel­ten sie doch das, was die Kin­der mit Hin­ga­be ta­ten, weil sie es nicht mehr in Er­stau­nen ver­set­zen konn­te und sie sich dar­über vor ih­rem ei­ge­nen Un­ver­ständ­nis ret­te­ten: Dass ei­ne sol­che Ein­stel­lung al­les Spie­le­ri­sche bis zur Pu­ber­tät hin aus­ge­trie­ben hat­te oder dass es schlicht und ein­fach über­se­hen wur­de, war, an­ge­sichts des le­bens­not­wen­dig An­de­ren, von dem an­ge­nom­men wur­de, dass man es eben brauch­te, um sich sei­nen Platz zu si­chern, kein Übel, son­dern Teil des Er­wach­sen­wer­dens. — Und dass es im­mer so ge­macht wor­den war, ja so sein müs­se, das konn­te kei­ne Ent­schuldigung da­für sein, dass al­le Miss­ver­ständ­nis­se, Un­acht­sam­kei­ten und Grob­hei­ten der Er­zie­hung in die­sem Un­ver­ständ­nis ih­ren Ur­sprung hat­ten: Un­zwei­fel­haft ist es ei­ne Auf­ga­be der Er­zie­hen­den, sich der Welt der Kin­der, al­ler of­fen­ba­ren Schwie­rig­kei­ten zum Trotz, an­zu­nä­hern.

Ich hat­te mei­ne Freu­de dem Trei­ben der Kin­der zu­zu­se­hen, ich ach­te­te nicht wie lan­ge ich am Fen­ster stand, ich ließ die Zeit ver­strei­chen und spür­te, wie sie sich dehn­te: Mit Si­cher­heit war ich kein Kind ge­blie­ben, ich war auch kein kind­li­cher Mensch und ich war ih­nen ihr Kind­sein im Heu­te kei­nes­falls nei­dig, im Ge­gen­teil, ich war froh die­sen Lebens­abschnitt nicht in je­ner Zeit ver­brin­gen zu müs­sen, die die mei­ne als Er­wach­se­ner ist. Erst nach und nach be­griff ich, was mich bei­na­he ma­gisch zum Fen­ster zog, und dass es ei­gent­lich gar nicht das Spiel war, das ich zwar be­wun­der­te und das den Kin­dern den kar­gen Hof bei­na­he täg­lich zu ei­ner an­de­ren Welt wer­den ließ. Was mich am Fen­ster hielt, war et­was an­de­res und es freu­te mich, dass die­se Kin­der es ihr ei­gen nen­nen konn­ten, denn es war et­was, das al­lem We­sent­li­chen, und da­mit auch dem Spiel, zu­grun­de lag, das es we­sent­lich erst wer­den ließ.

Die Kin­der ka­men nie ein­zeln in den Hof, das heißt die er­sten die ka­men, ka­men nie al­lein, son­dern zu zweit, manch­mal auch zu dritt. Sie tra­fen, so­fern sie kei­ne Ge­schwi­ster wa­ren, ih­re Freun­de vor der Tür und lie­fen dann ge­mein­sam hin­aus. Sel­ten wa­ren mehr als fünf oder sechs Kin­der zu­ge­gen, und meist spiel­ten sie bis die ein­fal­len­de Abend­son­ne, die die Kan­ten und Ris­se im Be­ton zum Glim­men brach­te, ver­schwun­den war, bis es Abend­essen gab oder es kühl und dun­kel zu wer­den be­gann. Die äl­te­sten von ih­nen ka­men da­nach manch­mal zu­rück und er­kun­de­ten den Hof mit Ta­schen­lam­pen oder dem grel­len Leuch­ten ih­rer Mo­bil­te­le­fo­ne, die ih­nen ge­hör­ten oder die sie sich von ih­ren El­tern oder Ge­schwi­stern aus­ge­borgt hat­ten.

Ich stieß bei mei­nen Be­ob­ach­tun­gen auf Spie­le, die ich selbst ein­mal als Kind ge­spielt hat­te, und sie weck­ten Er­in­ne­run­gen, de­nen ich lan­ge nach­spü­ren muss­te, bis sie klar ge­nug und da­mit wie­der prä­sent ge­wor­den wa­ren. Ich dach­te, dass die­se, mei­ne oder un­se­re da­mals und ih­re dort un­ten längst ver­ges­sen wor­den wa­ren, je­den­falls war ich spä­ter nie wie­der auf die­se Spie­le ge­sto­ßen, we­der selbst noch über mei­nen Freun­des­kreis, in dem es zahl­rei­che Kin­der gab. Sie pass­ten auch nicht mehr in die­se Welt, sie wider­sprachen ihr und den­noch, sie hät­ten ihr gut ge­tan. Aber dort un­ten, in die­sem unschein­baren Hof wur­den sie manch­mal noch ge­spielt, der Was­ser­mann et­wa, den wir im­mer mit Derb­hei­ten ver­se­hen hat­ten: »Dum­mer, dum­mer Was­ser­mann, mit wel­cher Far­be dür­fen wir hin­über­fah­ren…!« Ich hat­te lan­ge hin­se­hen müs­sen, bis ich den Fluss oder den Oze­an der Kin­der ge­fun­den hat­te: Es war ein et­was dunk­ler ge­färb­ter, brei­ter Strei­fen im sonst ein­heit­lich ge­färb­ten Be­ton­bo­den, viel­leicht war er nach­träg­lich aus­ge­bes­sert oder mit ei­ner an­de­ren Be­ton­char­ge ge­gos­sen wor­den. Er war das Reich des Was­ser­manns, an dem die Spie­ler vor­bei muss­ten und der es nicht dul­de­te, wenn man hin­durch woll­te, oh­ne sich an sei­ne Re­geln zu hal­ten. Manch­mal über­ka­men mich Me­lan­cho­li­en, wenn ich die Kin­der im schwin­den­den Licht spie­len sah, wie zer­brech­li­che We­sen ka­men sie mir vor, mit ei­nem ei­gen­ar­tig frem­den und den­noch rich­ti­gem Tun. Manch­mal hielt ich es dann nicht län­ger aus, ich schloss das Fen­ster und zog mich in mei­ne Woh­nung zu­rück, bis sie sich lang­sam über mei­nen son­sti­gen Ver­rich­tun­gen ver­lo­ren.

Wo­her kann­ten die Kin­der die­se Spie­le? Ein leich­ter Wind zog durch den Hof und lies die klei­nen Blü­ten und ih­re lan­ge Staub­fä­den vor mei­ner Na­se in un­re­gel­mä­ßi­gen Bewe­gungen schwan­ken, de­nen ich be­gie­rig folg­te und in de­nen ich mich ver­lor. Erst nach und nach be­merk­te ich, dass mein Blick schon vor ge­rau­mer Zeit in der Baum­kro­ne hän­gen ge­blie­ben war, ich wuss­te nicht wie lan­ge und wo ich zu­vor hin­ge­se­hen hat­te: Von un­ten dran­gen jetzt hel­le Stim­men her­auf, Kin­der, die ne­ben ein­an­der stan­den, un­schlüs­sig und plau­dernd: Dann aber tra­ten sie ein Stück weit aus­ein­an­der und ei­nes von ih­nen, ein Bub mit dunk­len Locken und ei­nem blau­en Pull­over, lief zur Mau­er hin­über und brach ein Stück Zie­gel, dort wo der Putz ab­ge­bröckelt war, her­aus: Er kam zu den an­de­ren zu­rück und zog brei­te, oran­ge­ro­te Li­ni­en auf den grau­en Be­ton: Es wa­ren Qua­dra­te, die di­rekt an ein­an­der an­schlos­sen: Drei hin­ter­ein­an­der, zwei ne­ben­ein­an­der, dann ei­nes, dann wie­der zwei ne­ben­ein­an­der und wie­der ei­nes, das Wen­de­feld. Ich war ge­spannt, ob er schon schrei­ben konn­te und ja, er konn­te: Der Bub trug mit den drei hin­ter­ein­an­der lie­gen­den Käst­chen be­gin­nend, in je­des ei­ne Zahl von eins bis neun ein. Dann zähl­ten die Kin­der aus – ich konn­te den Spruch hier oben nicht hö­ren, aber er muss­te re­la­tiv kurz sein –, und ein Mäd­chen mit ei­nem blon­dem Zopf, be­gann: Ich selbst hat­te mir die­ses Spiel nie zu ei­gen ge­macht, und ob­wohl ich die Re­geln kann­te, hat­te ich, wenn, bloß ab­fäl­lig zu­ge­se­hen und fast nie ge­spielt: Ein Mäd­chen­spiel, und da­mit war es für uns er­le­digt ge­we­sen! Aber im Hof stan­den die Din­ge an­ders: Der Bub mit den Locken reich­te dem Mäd­chen mit dem Zopf das Stück Zie­gel, sie warf und nach­dem es im rich­ti­gen Feld, dem er­sten, lie­gen ge­blie­ben war, sprang sie los: Sie setz­te über das er­ste Feld hin­weg und durch­sprang die bei­den näch­sten auf ei­nem Bein, dann lan­de­te sie beid­bei­nig, in je­dem Feld mit ei­nem Fuß, ge­nau wie es sein soll­te, sprang auf ei­nem Bein in das sech­ste, lan­de­te wie­der beid­bei­nig, sprang ins Wen­de­feld und voll­führ­te ei­ne hal­be Dre­hung. Ih­re Be­we­gun­gen flos­sen mit ei­ner Selbst­ver­ständ­lich­keit da­hin, die mir be­reits in mei­ner Kind­heit auf­ge­fal­len war und die ich ins­ge­heim be­wun­dert hat­te: Es war ei­ne Ver­bin­dung von Acht­sam­keit und lang­wie­ri­ger Übung, die ei­nen so be­we­gen ließ: Viel­leicht war ich da­mals auch ein we­nig ei­fer­süch­tig ge­we­sen. Auf dem Rück­weg und vor dem er­sten Feld an­ge­kom­men, beug­te sich das Mäd­chen auf ei­nem Bein ste­hend, hin­ab, es hob den Zie­gel, oh­ne die Not­wen­dig­keit ei­ne Be­we­gung aus­glei­chen zu müs­sen, auf und sprang an den Start­punkt zu­rück. Das Spiel trug ei­ne Viel­zahl von Na­men und exi­stier­te wohl schon seit es Kin­der gab: Es war in ei­nem Mo­ment ge­schaf­fen wor­den, in dem ein Über­maß an Zeit ei­ne ein­fa­che und zu­gleich zün­den­de Idee ge­bo­ren hat­te: Ir­gend­je­mand nahm ein Stück Krei­de oder ei­nen Stein in die Hand und krit­zel­te ein paar Sche­men auf den Bo­den, be­nann­te die Re­geln und die um ihn Ste­hen­den nah­men sie an: Es war die Ge­burt ei­nes, viel­leicht des er­sten, Spiels, das wie al­le an­de­ren auch ei­nem äu­ße­ren Mo­ment von Frei­heit und ei­ner in­ne­ren Not­wen­dig­keit ent­sprach, oh­ne die es nicht sein hät­te kön­nen. Die­se in­ne­re Not­wen­dig­keit war viel­leicht nur die nach ei­ner rhyth­mi­schen Be­we­gung, wie sie wohl al­le Kin­der ha­ben und ei­ne nach Ge­mein­sam­keit, nach gemein­samem Er­le­ben. Aber auch Spie­le wie der Was­ser­mann und Don­ner-Wet­ter-Blitz, das mir ge­ra­de ein­fiel, ent­spran­gen die­ser Be­dingt­heit: Sie wa­ren er­fun­den wor­den, weil die Zeit da war, das zu tun und Zeit war, zu spie­len. Un­ver­füg­te Zeit, dar­an war die Kind­heit reich. — Aber mit der Ge­ring­schät­zung des Spiels ih­rer Kin­der, das der Ge­ring­schät­zung ih­res ei­ge­nen und da­mit ih­rer selbst, gleich kam, bra­chen die Er­wach­se­nen auch den Stab über ei­ne Zeit, die ih­nen nichts Nütz­li­ches zu ge­ben ver­moch­te.

Das Mäd­chen warf den Zie­gel be­reits in das drit­te Feld: Ich hat­te den Über­blick ver­lo­ren und wuss­te nicht, ob schon je­mand aus­ge­schie­den war: Die Son­ne be­gann be­reits schräg ein­zu­fal­len und die Li­ni­en leuch­te­ten gelb her­auf: Die Kin­der blie­ben un­er­müd­lich bei ih­rer Sa­che, ei­ne, die sie sich selbst auf­er­legt hat­ten und die ih­nen des­we­gen auch ent­sprach. Die Karg­heit des Hofs schien mir in die­sem Au­gen­blick ei­ne Be­din­gung da­für zu sein, so wie die der Zeit, ei­ne war: Es war stil­ler ge­wor­den und man konn­te das Hal­len der Sprün­ge und die Stim­men der Kin­der deut­li­cher hö­ren. Das Mäd­chen mit dem blon­den Zopf hielt sich ge­ra­de den Bauch vor La­chen: Of­fen­bar hat­te ei­ner der Sprin­ger ei­nen Feh­ler ge­macht.

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3 Kommentare zu »Tem­pel­hüp­fen«:

  1. Groß­ar­tig! Ich dan­ke herz­lichst, die­ser Text hat mei­ne weh­mü­ti­ge Sai­te zum Schwin­gen ge­bracht...

    #1

  2. Freut mich sehr! Dan­ke!

    #2

  3. Pingback: Tempelhüpfen | Makulatur

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