Sta­tio­nen ei­ner Rei­se

Neu­es über den »freund­li­chen« Rolf Die­ter Brink­mann

1968 ge­lang es Gün­ter Rohr­bach, da­mals ge­ra­de »Lei­ter Fern­seh­spiel« im WDR ge­wor­den, die »Herrn« Rolf Die­ter Brink­mann und Ralf-Rai­ner Ry­gul­la für ein Fern­seh­spiel »zu ge­win­nen«, das un­ter »jun­gen Men­schen« spie­len soll. Rohr­bach war am­bi­tio­niert, woll­te dem eher drö­gen Fern­seh­spiel ei­nen Fern­sehfilm ent­ge­gen­set­zen, such­te neue Au­toren und war be­reit für Ex­pe­ri­men­te. Rohr­bach war für ei­ni­ge Jahr­zehn­te ein gro­ßer Er­mög­li­cher, hol­te nicht zu­letzt das Fern­se­hen aus sei­ner Be­tu­lich­keits­ecke. (Lei­der war dies nur ein Auf­flackern; in­zwi­schen sind die öf­fent­lich-recht­li­chen Me­di­en ver­seucht mit Ba­na­li­tä­ten und Tri­via­li­tä­ten.)

In Nor­bert Wehrs neu­em Schreib­heft 107 kann man er­gän­zend zum Brink­mann-Dos­sier Zer­split­ter­te Ge­gen­wart der letz­ten Num­mer erst­mals so­wohl das Ex­po­sé als auch das ein Jahr spä­ter ent­stan­de­ne Dreh­buch zum ge­plan­ten Film nach­le­sen. Ein­ge­rahmt wird dies von Mi­cha­el Tö­te­bergs in­struk­ti­ven Be­mer­kun­gen über das Film­schaf­fen Brink­manns und ei­nem Ge­spräch von Mi­cha­el Rü­ger mit Ralf-Rai­ner Ry­gul­la.

Norbert Wehr (Hrsg.): Schreibheft 107
Nor­bert Wehr (Hrsg.): Schreib­heft 107

Nach­dem der WDR auf das Ex­po­sé ver­trags­ge­mäß ei­nen Vor­schuss be­zahlt hat­te, fuh­ren die bei­den erst ein­mal nach Lon­don und kauf­ten Bü­cher. Der Ti­tel des ge­plan­ten Films lau­te­te Der Ab­stieg und Brink­mann ent­wickel­te fast so et­was wie ei­ne So­zi­al­stu­die ei­nes 21jährigen, der zu Be­ginn in ei­ner Schü­ler­band singt und zu­nächst Er­folg hat. Ir­gend­wann muss er sich dann je­doch sein feh­len­des mu­si­ka­li­sches Emp­fin­den ein­ge­ste­hen. Er ist »ein­fach schlecht«, heißt es, aber kann noch ein­mal in ei­ne an­de­re Band wech­seln, al­ler­dings er­folg­los. Es folgt der Aus­zug bei den El­tern; chro­ni­sche Geld­not. Der Kon­takt mit der zwei Jah­re äl­te­ren Schwe­ster bleibt. Sie en­ga­giert sich im SDS, wäh­rend er kein In­ter­es­se an po­li­ti­scher Ak­ti­on ver­spürt. Statt­des­sen ver­dingt er sich als Disc­jockey, rutscht suk­zes­si­ve in ein halb­kri­mi­nel­les Mi­lieu ab, wird schließ­lich Ku­rier­fah­rer. Der Schluss ist, wie es im Ex­po­sé heißt, ei­ne »Kri­mi-Ak­ti­on«: »Schüs­se, Schreie, Lich­ter«, schließ­lich Kri­po und Hand­schel­len.

Brink­mann und Ry­gul­la ha­ben ex­ak­te Vor­stel­lun­gen von Tem­po, Ein­stel­lun­gen und (»Be­we­gung: sehr wich­tig: der gan­ze Film muß lau­fend durch Schnel­lig­keit be­stimmt wer­den!«) und be­schreibt aus­führ­lich, wie der so­zia­le Ab­sturz des Jun­gen in­sze­niert wer­den soll. Er zeigt sich zu­min­dest in­spi­riert vom so­zio­lo­gi­schen Dis­kurs der Zeit, cha­rak­te­ri­siert die »Schicht­zu­ge­hö­rig­keit« und will die »soziale[n] Zwän­ge, die Zwän­ge der Grup­pen­zu­ge­hö­rig­kei­ten« zei­gen.

Wei­ter­le­sen ...