Kollektivgespenst gegen Individualgespenst

Wiederleseversuch über Nicolas Borns »Die erdabgewandte Seite der Geschichte«.

Nicolas Born: Die erdabgewandte Seite der Geschichte

Nicolas Born: Die erdabgewandte Seite der Geschichte

Nach der Beschäftigung mit Nicolas Borns letztem Roman »Die Fälschung« und der hierin deutlich geäußerten Journalismus- und Sprachkritik (die, wie ich analysiere, als ein Vorläufer der Kritik Peter Handkes an der Berichterstattung zu den Jugoslawien-Kriegen der 1990er Jahre gelten kann) besorgte ich mir antiquarisch den bekanntesten Roman Borns »Die erdabgewandte Seite der Geschichte«, der drei Jahre vor der »Fälschung« erschienen war und für den Lyriker Born so etwas wie den Durchbruch bedeutete.

Mein Exemplar war die 6.-8. Tausend-Auflage 1976. Die Klappentexte bestanden vor allem aus Ausschnitten aus Rezensionen, naturgemäß alle lobend. Wie nicht anders zu erwarten stand an erster Stelle ein Satz von Marcel Reich-Ranicki, dann etwas von Wolfram Schütte. Auf der hinteren Klappe ist dann noch eine Passage aus Peter Handkes Begleitschreiben zum Buch aus der »Zeit« abgedruckt.

Ich erinnere mich das Buch vor vielen Jahren aus der Bibliothek entliehen und nach wenigen Seiten weggelegt und schließlich vor der Abgabefrist zurückgegeben zu haben. Zu exzessiv schien mir die Klage des Ich-Erzählers über sich, seine Freundin Maria und überhaupt die Welt.

Nach der Lektüre des schönen Textes von Hilmar Klute zum 80. Geburtstag des 1979 gestorbenen Nicolas Born griff ich nun zum Buch. Es war eben auch das sanfte Plädoyer Klutes für die »neue Subjektivität«, die die deutschsprachige Literatur lange Zeit prägte und – wenn man genau hinschaut – längst wiedergekehrt ist, freilich anders als damals in den 1970er Jahren (hierauf wird noch einzugehen sein), die mich nun wieder neugierig machte.

Borns Roman ist in der Ich-Form geschrieben; die Parallelen, die einem damit zum Leben des Autors einfallen, werden damit mindestens billigend in Kauf genommen. Die Figur lebt in Berlin, ist ein wie man heute sagen würde prekär lebender Schriftsteller. Seine Freundin Maria ist, wie es im Klappentext heißt, Schallplattenagentin. Beide sind somit im weitesten Sinn im Kulturbetrieb zu Hause. Der Erzähler hat eine Tochter (Ursel), die im Ruhegebiet bei der Mutter lebt. Der Kontakt zu Ursel ist rege; man verbringt Ferien miteinander und die Tochter lernt dabei auch Maria und die Szene kennen. Der beste Freund des Erzählers ist Lasski, der sich entgegen zur Hauptfigur bereits in den Zynismus geflüchtet hat und unter der sich weltverbesserisch gebenden Figuren der Kulturszene damit eine Außenseiterposition einnimmt. (Es gibt Interpretationen, die in Lasski eine gewisse Nähe zu Rolf Dieter Brinkmann erkennen.)

Einen großen Raum in dem Buch nimmt das Verhältnis der Hauptfigur zu Maria ein, welches wie ein Teig immer wieder geknetet und ausgewalzt wird. Beide nehmen es mit der sexuellen Treue nicht so genau, aber die Verletzungen liegen auf anderen Gebieten; zuweilen nur in Gesten oder einzelnen Worten. Dabei schwanken die Gemütszustände der beiden erheblich. Insbesondere der Ich-Erzähler, der sich selbst einmal als »ausgebrann­ter Lebensprofi« beschreibt, wechselt häufig von einer zur anderen Minute die Stimmung. Wie Born dies beschreibt ist sehr lesenswert, weil er seine Figur nicht pathologisieren möchte, sondern nüchtern, zuweilen fast lakonisch erzählen lässt. Handke verglich diesen Ton sogar mit Raymond Chandler.

Was das Buch aber seinerzeit aus der Masse der »Innerlichkeits«-Literatur herausgehoben hat war die desillusionierte Sicht des Protagonisten auf die Welt und die zuweilen sezierende Beobachtung des politischen Treibens innerhalb der Szene. Er stand damit zwischen den »Engagierten«, deren Beschreibungen mühelos an das heutige links-grüne Meinungsspektrum andocken kann (freilich im Spiegel der Zeitdifferenz zwischen 1976 und der Gegenwart) und dem Zynismus Lasskis, der alle Hoffnung auf eine bessere Welt aufgegeben hatte. »Viele unserer Bekannten wurden schnell immer politischer, das hieß erst einmal, daß sie prinzipiell wurden und gewisse Verständigungen abkapselten gegen jeden Zweifel, andererseits, daß sie immer weniger gelten ließen, auch immer weniger Menschen gelten ließen und nach und nach ihre Eigenschaften aufgaben. […] Ich fühlte mich manchmal in der Umarmung in den Tropen verseuchter Missionare.«1

Borns Erzähler erahnt zwar die Diskrepanz zwischen den wohlklingenden Worten seiner Freunde und deren Taten. Wie weit man in der Szene von dem, was man Realität nennt, entfernt ist, erkennt er erst im Krankenhaus, als der Bettnachbar, ein Kranführer, ihn mit seiner Welt der Ordnung, des Gleichmaßes und des Sich-Abfindens konfrontiert. Als der Kranführer Besuch von seiner Frau und der verheiraten Tochter erhält, bekommt er ein umfassendes Bild darüber:

»Er war beruhigt, daß es solche Leben auch noch gab, in denen vielfältige Nöte Sicherheiten erzeugten, Notsicherheiten. Die Einschränkungen und die damit verbundenen Beschränkungen wurden langsam zu Maßstäben für ein normales Leben. Alle meine Einwände kamen mir zweitrangig vor, hämisch und überheblich. Ich meinte, das alles solle es geben. Das war beabsichtigte Zucht und Symmetrie, ein Leben der Notverordnungen, das ich mir beinahe schon wie eine andauernde friedliche Entspannung vorstellte. Lasski hatte einmal gesagt, er würde am liebsten normal und schlicht sein, am liebsten ganz klein werden in der Menge, mit einem Durchschnittseinkommen, Ansichten, die nicht auffallen, das Leben aus zweiter Hand annehmen, als wäre es noch immer aus erster Hand, schließlich wäre das nur die sanfteste Mogelei, während alles höhere Reflektieren ins Kriminelle gehe.«2

Er erinnert an Lasskis Worte über Überdruss an das, was man vielleicht Intellektualität nennen könnte (von Born aber derart nie ausgesprochen wird):

»Der Überdruß käme ja daher, daß man sich das gemogelte Leben, da es schon einmal ein gemogeltes Leben sei, auch noch bewußt mit dem Gehirn wiederhole und damit der Unerträglichkeit des gemogelten Lebens die allerunerträglichste Dimension hinzufüge, das Bewußtsein davon. Es gibt Leute, hatte Lasski gesagt, von ihrem Überdruß leben. Sie benutzten das Gehirn nicht zum einfachen Erkennen, sondern wollten mit ihm sich selbst in den Dingen finden und sich selbst für das Wesen der Dinge halten. Das macht sie schmierig und brav und sogar unmöglich, ja, sie selbst werden unmöglich.3

Später wird er zu Maria sagen:

« …die Gesellschaft erschöpft einen so, die Gemeinschaft der vielen Menschen, auf die du deine Aufmerksamkeit verteilen mußt, die Teams und Gruppen höhlen dich aus, verdünnen dich. Keinen lernst du mehr genau kennen, kennen vor lauter Kooperationen, Parteiungen und die unweigerlichen, immer neu benannten Gemeinsamkeiten, Überein­stimmungen, die eingeheizten Gemeinschaftsprogramme geben die den Rest. Das Kollektivgespenst gegen das Individualgespenst.«4

Es ist nur logisch, dass die Schreibversuche des Schriftstellers als Vergeblichkeit, als Scheitern interpretiert werden. Ständig kommen ihm die Ideale, die »Meinungen« dazwischen. Er befindet sich auf der »erdabgewandten« Seite des Lebens – aber die zugewandte Seite ist die, dies es abzulehnen gilt aber eben auch ersehnt wird. Diese Diskrepanz ist schriftstellerisch nicht zu erfassen, zumal immer wieder die Phänomene von sozialen und politischen Interdependenzen überlagert werden:

»Etwas fiel mir ein, das ich noch notieren wollte, was vielleicht so etwas wie meine endlich gefundene politische Meinung war, und warum ich eigentlich meine Wut nie zu einer politischen Wut werden ließ, mit der doch andere so etwas machten, wie die Dinge anpacken. Anstatt auch meine Ansichten zu bündeln und öffentlich einzusetzen, trug ich sie wie wandernde Splitter in mir herum, wie etwas Teures, Behütetes, das sofort an Wert verlöre, wenn ich es veröffentlichte. Bloß noch als Oberfläche verstand ich Meinungs­blöcke, Meinungsbildungen, unter der die Interessengegensätze abge­sprochen waren, weil diese Gegensätze noch eine Weile gebraucht wurden für die sichere Vernichtung der Geschichte.«5

Er will sich von Maria trennen, verlässt Berlin und verlebt einen Sommer mit Ursel. Hier erkennt der Leser, dass inzwischen Jahre vergangen sein müssen – das Mädchen wurde zur jungen Frau. Eine überstürzte Liebesbezeugung ihres Vaters wehrt sie ab – seitdem gibt es einen Knacks in der Beziehung zur Tochter. Er erfährt in diesem Urlaub von Lasskis plötzlichem Tod. Zur Beerdigung fährt er nicht; die ihn umgebende Natur und das Gärtnern seiner Tochter sind ihm wichtiger. Bei dem Versuch des Schreibens rekapituliert und reflektiert er darüber, welche Erfahrungen ihm eigentlich zur Verfügung stehen:

»Was hatte ich alles mit diesen Händen angefaßt? Wie fühlten sich Mauern an, Haut, Fell? Wie fühlte sich Wasser an, Papier, Wolle? Wo waren die Berührungen geblieben? Nur in Erinnerungen? Keine Gefühle, dachte ich, nur noch Gefühlsrekonstruktionen, Einbildungen.6

Am Ende fährt er wieder zurück nach Berlin und beobachtet in der letzten Szene des Romans aus der Entfernung Maria, wie sie auf einer Messe arbeitet und mit Fotografen und Kollegen umgeht.

Es gibt in diesem Buch keine Entwicklung, keinen Aus- aber auch keinen Einweg, kein Rezept. Was erstaunt ist die Fähigkeit des Ich-Erzählers zur genauen, nahezu exakten Beschreibung von Gegenständen, Ereignissen aber auch Gemütszuständen. Dies passt nicht ganz zu der mühevollen Schreibarbeit, was am deutlichsten sichtbar wird, wenn er sich darüber beklagt, Maria in seiner Erzählung immer mehr zu verfremden, während er doch als Roman-Ich präzise von ihr und ihren Gefühlen erzählen kann. Man kann sich das Erzähl-Ich vielleicht als eine Art oraler Erzähler vorstellen, der die Ereignisse noch einmal rekapituliert und plötzlich wie befreit wirkt. Dazu passt das durchgängig gewählte Präteritum.

Das Erzählen der Ich-Figur bleibt abgesehen von den wörtlichen Reden der Protagonisten (die nicht besonders hervorgehoben wird) von jeglicher Interpretation frei. Es bleibt beim phänomenologischen Erfassen. Hierin liegt der Unterschied zu der zeitgenössischen Innerlichkeitsprosa, die man vor allem geballt beim Bachmannpreis-Wettbewerb präsentiert bekommt (allerdings nicht nur dort). Da die Phänomene nicht mehr als genügend empfunden und der Leser (die Leserin) in eine bestimmte Richtung gelenkt werden soll, werden diese so häufig immer auch noch interpretiert. Bei Born geschieht dies nicht, so dass manche Sätze wie fremd wirken, weil sie scheinbar (oder tatsächlich) nicht in den Handlungsablauf passen. Dabei wird lediglich (lediglich?) die Wahr­nehmungsmaschine des Erzählers fortgeschrieben. Wenn er Schlussfolgerungen zieht, dann nur auf sogenannte gesellschaftliche oder politische Themen bzw. deren Auswirkungen. Es ist Lasski, der mit der Welt abgeschlossen hat; der Erzähler ist gar nicht in der Lage, es ihm gleich zu tun, weil er nicht weiss, was geschehen wird und dies auch nicht wissen möchte.

Borns Figur ist erwartungslos, weil sie illusionslos geworden ist. Und sie ist illusionslos geworden, weil sie den Versprechungen und Gewissheiten nicht (mehr) vertraut. Vor diesem Hintergrund wirkt der Roman nach 40 Jahren fast noch (oder wieder?) modern. Dass ich ihn damals, in den 1980ern vermutlich, nicht ausgehalten habe, dürfte damit zusammenhängen, dass man sich damals vielleicht von der Illusionslosigkeit nicht anstecken lassen wollte.


  1. Nicolas Born: »Die erdabgewandte Seite der Geschichte«, Rowohlt, 1976, S. 46 

  2. S. 137 

  3. ebd. 

  4. S. 151 

  5. S. 187 

  6. S. 231 

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3 Kommentare zu »Kollektivgespenst gegen Individualgespenst«:

  1. Dieter Kief sagt:

    »Die Figur des Lasski zielt nicht nur auf H.C. Buch, der sich darin wiedererkennt. Der Ich-Erzähler in Piwitts Autobiographie berichtet von der gemeinsamen Wohnstatt am Wannsee. In Lasski sollte ja auch „vieles von seinen Nebenleuten erkennbar werden“ (ESG 146). Vgl. Buch, Nicht versöhnt, S. 38, 40. Vgl. Hermann Peter Piwitt: Deutschland. Versuch einer Heimkehr. Hamburg 1981, S. 74–92.«

    »Dass ich ihn damals, in den 1980ern vermutlich, nicht ausgehalten habe, dürfte damit zusammenhängen, dass man sich damals vielleicht von der Illusionslosigkeit nicht anstecken lassen wollte.«
    .
    Sie waren noch nicht so weit. Ok.
    .
    Es ist merkwürdig weit weg, das alles, und in Ihrer Besprechung poppt doch etliches wieder auf – von vor vierzig oder so Jahren – – Zeitmaschine Literatur. Toll.

    Vieles bei Born zielt auf linke Desillsuionierung. Auf Freuds Abwehrmechanismen und Pink Floyd – eine überaus aparte Mischung, die Born, der flächendeckenden Ignoranz der Frankfurter-Schule fixierten deutschen Literaturkritik zum Trotz, auch noch im Titel verankerte, damit es nur keiner je übersehen könnte, ohne später wenigstens von – nun ja: Mir z. B., hehe, getadelt werden zu können (Erdabgewandte Seite = The Dark Side of the Moon (auch hier ist Freud mit an Bord des »Interstallar Overdrive« (nochmal Pink Floyd) – eh kloa!

    Jordan B. Peterson und Camille Paglia und Jonathan Haidt und Markus Schär (NZZ) machen genau an der Stelle weiter, wo Born und Piwitt (für mich der wichtigste von den Dreien) und Brinkmann damals ihre fruchtbarsten Kontroversen situierten: Nämlich um dasProblemknäuel herum, das in der kollektiven Dämmerung der linken Selbstüberforderung sich damals trefflich und Ring um Ring wie zwanglos ausweitete und abzeichnete.

    #1

  2. Danke für den Kommentar. Auf H. C. Buch wäre ich nicht gekommen. Interessant. Von Piwitt kenne ich so gut wie Nichts.

    #2

  3. Dieter Kief sagt:

    Die 2 Romane Die Rothschilds und Die Gärten im März und die Essay-Bände Boccherini und andere Bürgerpflichten und Die Umseglung von Kap Hoorn und Deutschland, Versuch einer Heimkehr – das beste von Piwitt, by and large.

    #3

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