Klei­ne Bei­trä­ge zur Her­zens­bil­dung (2)

Ein In­ter­view mit Leo­pold Fe­der­mair, ge­führt von Ma­sa­hi­ko Tsu­chi­ya ‑2. Teil

Hier Teil 1

Wie stehst du als Es­say­ist zur ja­pa­ni­schen Kul­tur und Ge­sell­schaft? Wie be­schreibst du dei­ne Ja­pan-Er­fah­run­gen? Mit Iro­nie und Witz, nicht wahr?

Ich fürch­te, zum Witz ha­be ich kein gro­ßes Ta­lent, aber ganz oh­ne Iro­nie kann je­mand wie ich we­der le­ben noch schrei­ben. Ich ha­be sehr ver­schie­de­ne Zu­gän­ge, aber das be­trifft nicht nur Ja­pan, son­dern al­le »Ge­gen­stän­de«. In ei­nem Buch wie Die gro­ßen und die klei­nen Brü­der ver­mi­sche ich be­wußt die Gen­res, von der Re­por­ta­ge bis zur ly­ri­schen Kurz­pro­sa. Der um­fang­reich­ste Teil des Buchs sind die To­kyo Frag­men­te, die ich im­mer noch fort­füh­re, sie er­schei­nen re­gel­mä­ßig, mit von mir ge­mach­ten Fo­tos, im On­line-Ma­ga­zin fixpoetry.com. In die­sen Frag­men­ten er­kun­de ich mit ei­nem ge­wis­sen Maß an Sy­ste­ma­tik, aber zu­gleich an­ar­chisch, in­dem ich mich und die Spra­che trei­ben las­se, die ja­pa­ni­sche Groß­stadt. Da­bei in­ter­es­sie­ren mich klei­ne All­tags­sze­nen und Or­te ab­seits der tou­ri­sti­schen Pfa­de – ob­wohl ich auch die­se nicht grund­sätz­lich ver­schmä­he. Es gibt so­gar ei­nen ro­ten Er­zähl­fa­den in die­sen Frag­men­ten, er wird in er­ster Li­nie von ei­ner Bar in Musashi­koya­ma und der dort sich re­gel­mä­ßig ein­fin­den­den dra­ma­tis per­so­nae ge­bil­det. Im Prin­zip sind die­se Ge­schich­ten nicht fik­tio­nal, aber es ist auch Er­fun­de­nes da­bei. Mei­ne Lieb­lings­sze­ne dar­in ist er­fun­den, auch de­ren Prot­ago­nist.

An­de­rer­seits schrei­be ich Ro­ma­ne wie Wand­lun­gen des Prin­zen Gen­ji, die eng mit mei­nen rea­len Er­fah­run­gen ver­bun­den sind, wo aber die Ge­samt­an­la­ge fik­tio­nal ist und auch die dar­in vor­kom­men­den Fi­gu­ren von et­wai­gen Vor­bil­dern in der Wirk­lich­keit mehr oder min­der stark ab­wei­chen. Die­ser Ro­man ent­hält auch ei­ne es­say­isti­sche Ebe­ne, die wie­der­um zu gro­ßen Tei­len aus Nach­er­zäh­lun­gen und Kom­men­ta­ren zum Gen­ji-Mo­no­ga­ta­ri be­stehen. Schon der Ro­man Er­in­ne­rung an das, was wir nicht wa­ren spielt aber et­wa zur Hälf­te in Ja­pan, zur an­de­ren in Ar­gen­ti­ni­en (die drit­te Hälf­te in Eu­ro­pa). Bei die­sem Buch, bis­her mein um­fang­reich­stes, in­ter­es­sier­te mich be­son­ders die Ge­gen­über­stel­lung sehr un­ter­schied­li­cher Kul­tu­ren mit teil­wei­se ge­gen­sätz­li­chen Le­bens­ge­wohn­hei­ten wie der ar­gen­ti­ni­schen und der ja­pa­ni­schen. Ich le­be gern zwi­schen sol­chen Ge­gen­sät­zen, weiß aber auch aus ei­ge­ner Er­fah­rung, daß so ei­ne Exi­stenz gro­ßen in­ne­ren Druck er­zeu­gen kann. Es gibt Gren­zen des Iden­ti­täts­plu­ra­lis­mus.

Wo­für in­ter­es­sierst du dich zur Zeit und war­um?

Es wird wahr­schein­lich bis zu mei­nem Le­bens­en­de so sein, daß ich ei­ne be­stimm­te Zahl von Pro­jek­ten vor mir ha­be, die ich zu rea­li­sie­ren be­strebt bin. Al­les zu schaf­fen, wird die Zeit nicht rei­chen. Auch das muß man ak­zep­tie­ren. Der­zeit schrei­be ich an ei­nem Ro­man, der durch ein ja­pa­ni­sches fait di­vers an­ge­regt ist, aber ei­nen ima­gi­nä­ren Schau­platz hat. Seit ei­ni­gen Wo­chen glau­be ich, die rich­ti­ge Form da­für ge­fun­den zu ha­ben, nach­dem ich jah­re­lang dar­an her­um­ge­dacht und her­um­pro­biert ha­be. Wie Ken­zabu­ro Oe sagt, die Form ist das Ent­schei­den­de. Ein an­de­res Pro­jekt, in dem ich stecke, ist die Über­set­zung ei­nes um­fang­rei­chen Ly­rik­zy­klus von Juan Ramón Ji­mé­nez, 1916 wäh­rend sei­ner Ame­ri­ka­rei­se ent­stan­den. Und dann ha­be ich noch ei­ne Idee, die ich bes­ser nicht ver­ra­te. Es hat mit der Fi­gur Adolf Hit­lers zu tun und ist das er­ste Mal, daß ich das Ge­fühl ha­be, man könn­te mir die Idee klau­en, wenn ich sie wei­ter­erzäh­le.

Wie schreibst du Ro­ma­ne oder Er­zäh­lun­gen? Bis dei­ne li­te­ra­ri­sche Form aus­ge­reift ist und dich selbst über­zeugt?

Das ist ziem­lich un­ter­schied­lich, je nach Pro­jekt, The­ma, Form­ent­schei­dung usw. Be­stimm­te Din­ge muß ich schnell schrei­ben, für an­de­re muß ich mir Zeit las­sen. Im all­ge­mei­nen gilt, daß li­te­ra­ri­sche Ge­bil­de rei­fen müs­sen, auch die Idee muß rei­fen, aber die Rei­fe­zeit­dau­er ist un­ter­schied­lich. Man kann auch zu lan­ge war­ten, das Ge­bil­de – oder die Idee – be­ginnt dann zu ver­mo­dern. Bei den Ro­ma­nen und Er­zäh­lun­gen hat es sich mit der Zeit so er­ge­ben, daß ich sie in ei­ner er­sten und zwei­ten Fas­sung nie­der­schrei­be, dann aber lie­gen las­se, oft drei, vier, fünf Jah­re. Wand­lun­gen des Prin­zen Gen­ji ha­be ich im we­sent­li­chen 2008 ge­schrie­ben, er­schie­nen ist das Buch 2014, die letz­ten Be­ar­bei­tun­gen da­tie­ren aus die­sem Jahr. Für mich ist es gut, wenn ich Ab­stand zu mei­nen Hervor­bringungen ha­be, vor­her fällt mir die »End­fer­ti­gung« schwer. Wahr­schein­lich aus Scheu und Scham, die bei mir an­schei­nend groß sind. Das heißt, daß ich durch­aus ziem­lich viel fei­le. Aber auch in die­sem Punkt glau­be ich, daß man zu­viel tun kann. Es gibt in der Li­te­ra­tur aus­ge­tüf­tel­te und aus­ge­feil­te Wer­ke, die viel­leicht per­fekt sein mö­gen, de­nen es aber an Le­ben fehlt, an Spon­ta­nei­tät. Sie neh­men dann auch dem Le­ser die Luft, die er zum At­men braucht. Ich den­ke, im Rück­blick, daß frü­her, als ich um die drei­ßig war, mei­ne Scheu mich ge­hemmt hat und aus die­sem Grund be­stimm­te Wer­ke un­aus­ge­go­ren sind. Ich hat­te kei­ne Be­ra­ter und Hel­fer, kei­ne kon­kre­ten Vor­bil­der, auch nicht in mei­ner Ju­gend. Und hät­ten sich wel­che an­ge­bo­ten, hät­te ich sie mög­li­cher­wei­se ab­ge­lehnt, aus Scheu oder aus Dumm­heit, oder aus bei­dem.

Wel­che Be­zie­hun­gen hast du zu den Ver­le­gern? Manch­mal kon­flikt­reich, oder doch eher pro­duk­tiv?

Es kommt vor, daß ich es be­dau­re, da­mals kei­ne Hel­fer ge­habt zu ha­ben. Ein Ver­le­ger, ein Lek­tor soll­te ja ei­gent­lich ein Hel­fer sein. Aber letz­ten En­des be­daue­re ich gar nichts, je ne re­g­ret­te ri­en, ich den­ke ge­ra­de an ei­ne Sze­ne in ei­nem Do­ku­men­tar­film über Leo­nard Co­hen, wo der Dich­ter-Sän­ger spon­tan die­se Zei­len aus dem Lied von Edith Piaf singt. Spä­ter ha­be ich die po­si­ti­ve Zu­sam­men­ar­beit mit die­sen kri­ti­schen Le­sern, den Lek­to­ren, ken­nen und schät­zen ge­lernt. Ein Ver­lag soll­te dar­über hin­aus na­tür­lich hel­fen, die Bü­cher un­ter die Leu­te zu brin­gen. In mei­nem Fall muß ich mich wohl oder übel da­mit be­scheiden, daß mei­ne Bü­cher nur ei­ne klei­ne Mi­no­ri­tät in­ner­halb der oh­ne­hin schon klei­nen Mi­no­ri­tät der Le­ser er­rei­chen kön­nen. Ei­ne Au­torin, Si­byl­le Mu­lot, mein­te ein­mal, sie sei­en für die hap­py few ge­schrie­ben. Ob sie hap­py sind oder nicht, weiß ich nicht, aber es gibt sie na­tür­lich, die­se few, und ich ste­he da­zu, für sie zu schrei­ben, wenn über­haupt für je­man­den. Das ist na­tür­lich ei­ne eli­tä­re Po­si­ti­on, und es ist mir sehr lan­ge schwer ge­fal­len, mich da­zu zu be­ken­nen, weil mir im ge­sell­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Sinn das Eli­tä­re gar nicht so na­he liegt. Mitt­ler­wei­le ha­be ich die­se Fra­gen wei­ter durch­dacht und mei­ne, daß es un­ter den ge­gen­wär­ti­gen ge­sell­schaft­li­chen Be­din­gun­gen gar kei­nen an­de­ren Weg gibt, um noch po­si­ti­ve Ver­än­de­run­gen zu er­zie­len, als den Weg der Aus­bildung und Mul­ti­pli­zie­rung klei­ner Eli­ten. Zum Bei­spiel die Eli­te der Le­ser. Pe­ter Hand­ke spricht manch­mal vom »Volk der Le­ser«, aber es ist eher ein Völk­chen. Wirk­lich volks­tüm­lich wird Li­te­ra­tur, wie ich (und wir) sie ver­ste­hen, wohl nie mehr wer­den. Die Li­te­ra­tur ist nicht volks­tüm­lich.

Ich bin et­was vom The­ma ab­ge­kom­men... Lan­ge Zeit konn­te ich über­haupt kei­nen Ver­lag fin­den, und da­nach war mei­ne Si­tua­ti­on schwie­rig. Bei Deu­ticke, dem Wie­ner Ver­lag, der heu­te zum Han­ser-Kon­zern ge­hört, woll­te man mich auf den Es­say­isten fest­le­gen. Im Rit­ter Ver­lag hob da­mals Ralph Kle­ver ei­ne Buch­rei­he aus der Tau­fe, bei der er be­wußt von der je­wei­li­gen Au­toren­per­sön­lich­keit ab­sah, ganz im Un­ter­schied zu den al­ler­mei­sten Ver­la­gen, die sehr stark per­so­na­li­sie­ren, ei­ner­seits aus kom­mer­zi­el­len Grün­den, anderer­seits aber auch im In­ter­es­se der Au­toren, die na­tür­lich als Per­so­nen be­han­delt, be­treut und kon­ti­nu­ier­lich ver­öf­fent­licht wer­den wol­len. Da­nach kam ich zu edi­ti­on se­le­ne, ei­ner Art Un­der­ground-Ver­lag, der zwar in­ter­es­san­te Pro­jek­te hat­te, aber nicht den lan­gen Atem, um viel da­von zu ver­wirk­li­chen. Erst seit 2005 kann ich im Ot­to Mül­ler Ver­lag ei­ni­ger­ma­ßen ru­hig mei­ne Bü­cher her­aus­brin­gen. Viel­leicht zu ru­hig, schon mög­lich.

Al­les in al­lem ist die Kom­mer­zia­li­sie­rung und Kon­zen­tra­ti­on im Ver­lags­we­sen für Außen­seiter wie mich un­gün­stig. Beim Schrei­ben selbst neh­me ich dar­auf kei­ne Rück­sicht, man kann nicht stän­dig auf die äu­ße­ren Be­din­gun­gen star­ren. Ich ver­su­che, neue Me­di­en, neue Pu­bli­ka­ti­ons­for­men zu son­die­ren und even­tu­ell zu nut­zen, aber auch da über­wiegt die Skep­sis vor der Eu­pho­rie. Die ho­he Ge­schwin­dig­keit des Pu­bli­zie­rens im In­ter­net hat Vor- und Nach­tei­le. In letz­ter Zeit hat mich auch die Kom­bi­na­ti­on von Bild und Text, für die das In­ter­net neue Mög­lich­kei­ten bie­tet, zu in­ter­es­sie­ren be­gon­nen.

Wie be­ur­teilst du als Au­tor die li­te­ra­ri­sche Land­schaft in Öster­reich?

Ir­gend­wann in den zwan­zi­ger Jah­ren wur­de Ro­bert Mu­sil ein­mal ge­fragt: Gibt es ei­ne öster­rei­chi­sche Li­te­ra­tur? Sei­ne Ant­wort war: Ja, aber mit Ma­ßen. Dem kann ich zu­stim­men, glau­be aber, daß das spe­zi­fisch Öster­rei­chi­sche lang­sam ver­schwin­det. Glo­ba­li­sie­rung, Kom­mer­zia­li­sie­rung und kul­tu­rel­le Plu­ra­li­sie­rung, mit­ein­an­der ver­bun­de­ne, aber auch ganz un­ter­schied­li­che Phä­no­me­ne, an de­nen wahr­schein­lich al­le Au­toren mehr oder we­ni­ger star­ken An­teil ha­ben, lö­schen die­se Spe­zi­fi­ka aus. Faßt man die kom­mer­zi­ell er­folg­rei­chen öster­rei­chi­schen Au­toren ins Au­ge – zum Bei­spiel die öster­rei­chi­schen Er­zäh­ler im Han­ser Ver­lag –, so ist da­von oh­ne­hin nichts mehr zu be­mer­ken. Und mas­sen­me­di­al wahr­ge­nom­men wer­den nur noch die Au­toren sol­cher Ver­la­ge. Und was nicht in den Me­di­en vor­kommt, exi­stiert nicht. Be­stimm­te In­ter­net-Ma­cher sind so­gar über­zeugt, daß au­ßer­halb vom Netz nichts exi­stiert. Dem­nach wä­re die Wirk­lich­keit an sich vir­tu­ell ge­wor­den.

Ei­ne Be­son­der­heit, die in Öster­reich fort­be­steht, ob­wohl auch sie ins Wan­ken ge­ra­ten ist, be­steht dar­in, daß ver­hält­nis­mä­ßig viel öf­fent­li­che Gel­der für Au­toren und Künst­ler auf­ge­wen­det wer­den. Öster­reich ver­steht sich nach wie vor als Land der Kul­tur. Das führt un­ter an­de­rem zu der gro­ßen Zahl von Au­toren, die Öster­reich her­vor­bringt. Ich glau­be, es sind in Re­la­ti­on zur Ein­woh­ner­zahl deut­lich mehr als in Deutsch­land oder der Schweiz. Und vie­le von ih­nen schrei­ben gut, es ist nicht nur die Quan­ti­tät, auch die Qua­li­tät ist be­mer­kens­wert. Das ist ein po­si­ti­ver, er­freu­li­cher Zug, den wir ver­tei­di­gen soll­ten. Denn auch in Öster­reich gibt es ge­nug Stim­men, die mei­nen, al­les Un­nö­ti­ge und Un­ren­ta­ble ver­nach­läs­si­gen zu müs­sen. Was die­se Leu­te frei­lich als nö­tig emp­fin­den (falls sie nicht oh­ne­hin die Auf­fas­sung ver­tre­ten, der Markt sol­le al­les re­gu­lie­ren), dar­auf kann ich mei­ner­seits ver­zich­ten, ich fin­de es un­nö­tig. Die Par­tei der Grü­nen wird man spon­tan eher als kul­tur­freund­lich ein­stu­fen. Der Kul­tur­ver­ant­wort­li­che die­ser Par­tei be­schäf­tigt sich aber am lieb­sten mit dem Song-Con­test der eu­ro­päi­schen Fern­seh­an­stal­ten, al­so ei­nem Phä­no­men der kom­mer­zi­el­len Mas­sen­kul­tur. Das bringt viel­leicht Stim­men, für Künst­ler jen­seits des Kom­merz­be­triebs muß das aber be­denk­lich sein.

Leopold Federmair - © Leopold Federmair

Leo­pold Fe­der­mair – © Leo­pold Fe­der­mair

Was denkst über den Ero­tis­mus im Gen­ji-Mo­no­ga­ta­ri und in der Ge­gen­wart in Ja­pan?

Die­se Fra­ge be­zieht sich of­fen­bar auf mei­nen letz­ten Ro­man. Ich bin kein be­son­de­rer Spe­zia­list des Ero­ti­schen, aber es han­delt sich du um ei­nes der mensch­li­chen Phä­no­me­ne, ei­nes der Er­fah­rungs­fel­der, die je­der Mensch kennt und die auch mich in­ter­es­sie­ren. Se­xua­li­tät hat mich seit je­her ver­stört, be­un­ru­higt, ein ru­hig-har­mo­ni­sches Ver­hält­nis da­zu konn­te ich bis heu­te nicht ge­win­nen – was viel­leicht in der Na­tur der Sa­che liegt, denn Se­xua­li­tät ist Wil­le im Scho­pen­hau­er­schen Sinn, ist un­ab­läs­si­ge Be­we­gung, ist der In­be­griff von Le­ben. Die­se De­fi­ni­ti­on führt gleich mit­ten hin­ein in die Pro­ble­ma­tik des Se­xu­el­len und Ero­ti­schen in Ja­pan, weil es in die­sem Land ganz of­fen­sicht­lich ei­nen Man­gel gibt, der nicht nur in­di­vi­du­ell emp­fun­den wird, von den ei­nen ja, von den an­de­ren nein, son­dern eben als ge­sell­schaft­li­ches Pro­blem, über das man an­de­rer­seits nicht oder nur sehr, sehr in­di­rekt oder ab­strakt spricht, weil Ja­pan ein Land ist, in dem Ta­bus stär­ker und ver­bind­li­cher und dau­er­haf­ter wir­ken als an­ders­wo.

Zu­gleich be­steht in Ja­pan bis heu­te ein star­ker Sinn für Äs­the­tik – das Äs­the­ti­sche und das Ero­ti­sche sind für mich grund­sätz­lich mit­ein­an­der ver­bun­den, ich fol­ge dar­in der Auf­fas­sung Kier­ke­gaards. Man ver­sucht aber, es nach Mög­lich­keit im Zaum zu hal­ten. Das Le­ben­di­ge, Spon­ta­ne ver­schwin­det nach und nach aus dem All­tags­le­ben. Im Gen­ji-Mo­no­ga­ta­ri spürt man sei­ne Prä­senz, auch des­halb ist die Er­zäh­lung als sol­che in­ter­es­sant, span­nend, ab­wechs­lungs­reich, den die Be­schrei­bun­gen der hö­fi­schen Fe­ste al­lein, der Mond­näch­te und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men (in de­nen Ge­dich­te ei­ne we­sent­li­che Rol­le spie­len), wür­den den heu­ti­gen Le­ser rasch er­mü­den. Zu wel­chem Zeit­punkt die­se Le­ben­dig­keit aus dem ja­pa­ni­schen All­tag ver­schwun­den ist – na­tür­lich nicht ganz, aber es gibt doch ei­ne spür­ba­re Schwä­chung –, weiß ich nicht, ver­mu­te aber, daß es zwei Schü­be gab. Der er­ste könn­te in der Mei­ji-Zeit statt­ge­fun­den ha­ben, als man vor al­lem Deutsch­land und Eng­land nach­ei­fer­te. Man über­nahm nicht nur den Links­ver­kehr, son­dern auch die vik­to­ria­ni­sche Mo­ral, und da die Be­har­rungs­kräf­te in Ja­pan sehr stark sind, wirkt die­se hier län­ger fort als im Ur­sprungs­land. Über die Edo-Zeit weiß ich nur we­nig, aber wenn ich mit der Heian-Zeit ver­glei­che, wie sie sich im Gen­ji-Mo­no­ga­ta­ri oder im Kopf­kis­sen­buch dar­stellt, dann muß hier ei­ne gro­ße Ver­än­de­rung statt­ge­fun­den ha­ben. Ju­ni­chi­ro Ta­ni­za­ki ver­bin­det sie mit dem Sieg der Krie­ger­ka­ste, der Sa­mu­rai und des Sho­gu­n­ats. Auch das wä­re ei­ne mög­li­che Er­klä­rung. Es ist tat­säch­lich auf­fäl­lig, wie ge­ring die Be­deu­tung der Kriegs­kunst in der Heian-Kul­tur ist, wäh­rend im mit­tel­al­ter­li­chen Deutsch­land, den­ken wir et­wa an das Ni­be­lun­gen-Lied, vor al­lem vom Krieg die Re­de ist, und von der Lie­be nur in ei­nem sehr for­ma­li­sier­ten Sinn, wo­bei auch hier wie­der nur Krie­ger auf­tre­ten. In der hö­fi­schen Ge­sell­schaft des Gen­ji-Mo­no­ga­ta­ri ha­ben die Kün­ste, Mu­sik, Li­te­ra­tur, Kal­li­gra­phie, auch das Zeich­nen und Ma­len, und na­tür­lich die Lie­bes­kunst, und die Kunst des Ge­sprächs, ei­nen viel hö­he­ren Stel­len­wert.

Der zwei­te Schub hat mei­ner Mei­nung nach in der Zeit nach dem Zwei­ten Welt­krieg statt­ge­fun­den. Ich glau­be, so rich­tig ein­ge­setzt hat er erst mit der wirt­schaft­li­chen Kri­se, die in den neun­zi­ger Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts be­gann. In den fünf­zi­ger Jah­ren war es not­wen­dig, ein Be­völ­ke­rungs­wachs­tum zu er­zie­len, und das war oh­ne se­xu­el­le Reg­sam­keit na­tür­lich nicht mög­lich. Vor ei­ni­ger Zeit sah ich ei­nen Film aus den frü­hen fünf­zi­ger Jah­ren, ei­nen Spiel­film über Hi­ro­shi­ma, der zu­gleich do­ku­men­ta­ri­schen Cha­rak­ter hat, ähn­lich wie Kuroi ame von Ma­su­ji Ibu­se, kein so be­deu­ten­des Kunst­werk, aber für mich sehr in­ter­es­sant, weil man da das zer­stör­te, im Wie­der­auf­bau be­find­li­che Hi­ro­shi­ma se­hen konn­te, so­wie zahl­rei­che Lai­en­schau­spie­ler, Kin­der, de­ren spon­ta­nes Ver­hal­ten. Ei­ne Schar Kin­der hüpf­te vor der Ka­me­ra von ei­ner noch un­fer­ti­gen Brücke in ei­nen der Flüs­se, die beim Atom­bom­ben­an­griff ver­seucht wor­den wa­ren und un­mit­tel­bar da­nach ko­chend heiß wa­ren. Vie­le Ver­letz­te stürz­ten sich am Mor­gen des 6. Au­gust hin­ein und ka­men so ums Le­ben. We­ni­ge Jah­re spä­ter dann die­se Kin­der, die in un­ge­brem­ster Le­bens­freu­de in den mehr oder min­der sau­be­ren Fluß sprin­gen. Heu­te wä­re das völ­lig un­denk­bar, über­all hört man »ab­u­nai, ab­u­nai«, in den Flüs­sen ba­det nie­mand mehr, von Sprün­gen ganz zu schwei­gen. (Ge­stern ha­be ich beim Jog­ging im Park so­gar ge­hört: »Ab­u­nai, inu ga...« Ein Pu­del wur­de ei­nem Pu­del ge­fähr­lich.) Das Le­ben ist wohl­ge­ord­net, aber lang­wei­lig, es ist un­le­ben­dig ge­wor­den. Auf die Kri­se ant­wor­tet man in Ja­pan mit ei­nem »Noch mehr, noch bes­ser!« Man muß noch mehr ar­bei­ten, mo­to gam­bari­mas­hou, die­ses Ver­hal­ten stel­le ich so­wohl an der Uni­ver­si­tät als auch an der Grund­schu­le fest, wo die Kin­der schon für die­se Si­tua­ti­on trai­niert wer­den, und in den Fir­men wird es nicht an­ders sein. Zu­gleich wird aber die tat­säch­lich zu er­le­di­gen­de Ar­beit nicht mehr, son­dern we­ni­ger, des­halb »macht« man sich Ar­beit oder tut so, als wür­de man ar­bei­ten. »Min­na iso­gashii...« Um sich abends nach der Ar­beit oder am Wo­chen­en­de nach ei­nen Ge­schlechts­part­ner um­zu­se­hen, bleibt für vie­le gar kei­ne Zeit mehr. Hin­zu kommt die strik­te Tren­nung der ein­zel­nen Be­rei­che, die in Ja­pan stär­ker als über­all sonst auf der Welt ist. Die Klei­dung zum Bei­spiel – ich ha­be lan­ge ge­braucht, um zu ver­ste­hen, daß es nicht dar­um geht, sich or­dent­lich oder schön zu klei­den. Es geht dar­um, mög­lichst un­auf­fäl­lig und mög­lichst we­nig in­di­vi­du­ell zu wir­ken. Die mei­sten die­ser dunk­len An­zü­ge und Ko­stü­me sind von min­de­rer Qua­li­tät. Ich selbst zie­he gern An­zü­ge an, aber auch wenn ich An­zü­ge tra­ge, möch­te ich mich nach mei­nem Ge­schmack klei­den, al­so so, daß ich (oder die an­de­ren, na­tür­lich denkt man auch an die Wir­kung) es als schön emp­fin­de. Ge­nau das wird aber in Ja­pan be­reits als Her­aus­for­de­rung, als man­geln­de An­pas­sung ver­stan­den.

Der­lei Be­ob­ach­tun­gen könn­te ich wei­ter aus­füh­ren, es ist nicht der Ort da­für. Ich den­ke, die­se Ent­wick­lun­gen, die­se Schü­be ha­ben da­zu ge­führt, daß so­wohl die Ero­tik als auch die Äs­the­tik ste­reo­ty­pi­siert, al­so ge­zähmt wor­den ist und letzt­lich zu ei­ner En­tero­ti­sie­rung ge­führt hat, die auch die schwa­chen Ge­bur­ten­zah­len nach sich zieht (ob­wohl es da­für noch an­de­re Grün­de gibt). So­gar die Na­tur­lie­be, die man im Gen­ji-Mo­no­ga­ta­ri zu spü­ren glaubt, ist ver­lo­ren­ge­gan­gen, in­dem sie rest­los rhe­to­ri­siert wur­de. Ich glau­be, daß »der Ja­pa­ner«, wenn so ei­ne Ver­all­ge­mei­ne­rung über­haupt zu­läs­sig ist, die Na­tur nicht liebt, son­dern als stö­rend emp­fin­det. Man muß sie auf Di­stanz hal­ten, in stren­ge kul­tu­rel­le oder mas­sen­kul­tu­rel­le oder kom­mer­zi­el­le For­men gie­ßen und im üb­ri­gen be­sei­ti­gen, wenn sie kon­kret stört. Man kann sich ja auch mit Pla­stik­kirsch­blü­ten be­gnü­gen. Ja­pa­ner sind un­ter an­de­rem auch sehr ge­schickt in der Si­mu­la­ti­on.

Was meinst du zu dei­ner li­te­ra­ri­schen Spra­che? Dein Schreib­stil ist sehr bild­halft und prä­zis, das ist je­den­falls mein Ein­druck. Wo­her kommt die­se Bild­haf­tig­keit der Spra­che?

Ge­ra­de ge­stern ha­be ich in ei­nem Es­say ge­schrie­ben, daß der Stil ei­nes Au­tors in sei­nem Kör­per wur­zelt. Ei­gent­lich stammt die­ser Ge­dan­ke von Nietz­sche, und ich glau­be, er hat recht, so­fern man »Kör­per« nicht zu eng de­fi­niert, son­dern als Ge­samt­heit sinn­li­cher Dis­po­si­tio­nen und Fä­hig­kei­ten in ih­rer je­weils spe­zi­fi­schen Aus­prä­gung ver­steht, denn je­des In­di­vi­du­um ist na­tür­lich an­ders. Der Stil ei­nes Au­tors ver­rät et­was über sei­ne Per­son, nicht nur über sei­nen Geist, son­dern über sei­ne sinn­li­che Prä­senz. Des­halb ist Stil nur sehr be­dingt »er­lern­bar«, und des­halb auch mei­ne Zwei­fel an der Sinn­haf­tig­keit von Crea­ti­ve-Wri­ting-Kur­sen, von Dich­tungs­aka­de­mi­en wie in Leip­zig. Nicht, daß es schlecht wä­re, sol­che Kur­se ab­zu­hal­ten, aber man darf sich nicht zu­viel da­von er­war­ten. (Ich ver­mu­te oh­ne­hin, daß man dort eher lernt, sich selbst dar­zu­stel­len und zu ver­mark­ten.) So­weit ich die­se Din­ge an mir selbst re­flek­tie­re – zu­viel Re­fle­xi­on kann das Schöp­fe­ri­sche, kann die Aus­übung be­hin­dern –, ver­su­che ich, mich ei­nem Ide­al zu nä­hern, das in der Ver­bin­dung al­ler Sei­ten der Sprach­kunst be­steht: Rhyth­mus, Klang, Bild­lich­keit, Den­ken, In­tel­lek­tua­li­tät, er­zäh­le­ri­sche Struk­tu­ren, die Dy­na­mik (oder auch Col­la­ge) nar­ra­ti­ver Se­quen­zen usw. Li­te­ra­tur ist Mu­sik, Bild, Den­ken, Er­zäh­len in ei­nem. Ei­gent­lich ei­ne tri­via­le Fest­stel­lung. Ein Mu­si­ker, ein Ma­ler, so­gar ein Den­ker kann sich mehr auf das Hand­werk kon­zen­trie­ren, sei­ne spe­zi­fi­schen Fer­tig­kei­ten sind wahr­schein­lich wich­ti­ger als bei ei­nem Au­tor, der dies und je­nes kön­nen muß und ei­gent­lich gar kein rich­ti­ger Spe­zia­list ist.

Wenn ich zu­rück­blicke – als Ju­gend­li­cher hat mich der rein sprach­li­che As­pekt fas­zi­niert. Was ich da­mals schrieb, wür­de man, wenn es nicht zu hoch ge­grif­fen wä­re, als »avant­gar­di­stisch« be­zeich­nen. Das Ger­ma­ni­stik-Stu­di­um hat mich vom Schrei­ben eher ab­ge­hal­ten, aber im aka­de­mi­schen Kon­text ha­be ich ge­se­hen, daß ich Es­says schrei­ben kann und daß die­se auch li­te­ra­ri­schen Wert ha­ben. Dann ha­be ich ent­deckt, daß, im­mer noch im es­say­isti­schen Be­reich, das Por­trät ein Gen­re ist, das mir liegt. Aber der er­ste Schritt zu ei­ner er­zäh­len­den Li­te­ra­tur, die dann auch re­gel­mä­ßig pu­bli­ziert wur­de, in Zeit­schrif­ten oder in Bü­chern, war ein Schritt zur kon­se­quen­ten Be­schrei­bung der Au­ßen­welt, fast im Sin­ne des Nou­veau ro­man. Ein Text, der mir heu­te be­zeich­nend scheint und den ich des­halb gern mag, weil er ne­ben dem De­skrip­ti­ven ei­ne my­sti­sche Stim­mung ent­fal­tet, ist Bild­be­schrei­bung. Ein an­de­rer heißt – be­zeich­nend – Die Schau­kä­sten. Im Lauf der Zeit ha­be ich aber auch ge­merkt, daß rei­ne Be­schrei­bung ei­gent­lich ein Ding der Un­mög­lich­keit ist. Die ra­di­kal­sten Be­schrei­ber, zum Bei­spiel Fran­cis Pon­ge, sind sich rasch dar­über klar ge­wor­den, daß ihr Un­ter­fan­gen sie in phi­lo­so­phi­sche Be­rei­che führt und Sprach­skep­sis sich zwangs­läu­fig ein­stellt. Ein Ding zu be­schrei­ben, ist ei­gent­lich ab­surd, ei­ne Si­sy­phos­ar­beit, selbst mit der Be­schrei­bung ei­nes Blei­stifts oder ei­nes Ra­dier­gum­mis wird man nie­mals fer­tig, man kommt nicht da­mit zu­ran­de. Man kann ei­gent­lich nur evo­zie­ren, an­deu­ten, um­schrei­ben, be­schwö­ren. Um­schrei­ben, nicht be­schrei­ben. Wach­ru­fen, zum (sprach­li­chen) Le­ben er­wecken. So bin ich, was mei­ne ei­ge­ne Ar­beit be­trifft, lang­sam da­zu über­ge­gan­gen, mich doch mehr für das Er­zäh­len zu in­ter­es­sie­ren, das man als – mehr oder we­ni­ger ge­schick­tes – Ver­knüp­fen von un­voll­kom­me­nen, oft auch nur ab­ge­ris­se­nen oder an­ge­ris­se­nen Be­schrei­bun­gen ver­ste­hen kann. Die­se Un­voll­kom­men­heit muß man da­bei na­tür­lich ak­zep­tie­ren, sonst kann man nicht er­zäh­len, man kommt schlicht und ein­fach nicht wei­ter. Ein Er­zäh­ler will wei­ter­kom­men. Ein Dich­ter nicht, er will sich viel­leicht – ver­sen­ken.

Wie stehst du zu Au­then­ti­zi­tät und Fik­tio­na­li­tät? Willst du et­was Au­then­ti­sches, Do­ku­men­ta­ri­sches su­chen, oder eher ei­ne mög­li­che Rea­li­tät?

Wie ich oben schon sag­te, kein Au­tor, nicht ein­mal ein Kon­struk­teur von Sci­ence-Fic­tion, kann die Rea­li­tät, die er er­fährt oder frü­her er­fah­ren hat, völ­lig aus­blen­den. Ich für mei­nen Teil will das auch gar nicht, ich will mich im­mer mit Wirk­lich­keit auseinander­setzen, wenn ich schrei­be, will erst ein­mal be­stim­men, was Wirk­lich­keit – »mei­ne« oder »un­se­re« – über­haupt ist, die be­son­de­ren Merk­ma­le zeit­ge­nös­si­scher Wirk­lich­keit, sie zu be­stim­men ist gar nicht leicht, oder auch hi­sto­ri­sche Wirk­lich­keit. Von Rand­be­rei­chen wie Re­por­ta­ge oder Phan­ta­stik ein­mal ab­ge­se­hen, ist in er­zäh­len­der Li­te­ra­tur im­mer ein Wi­der­spiel oder Ge­gen­spiel – »ob­jeu«, fran­zö­sisch, der Be­griff stammt von Pon­ge – von Wirk­lich­keits­dar­stel­lung und Fik­ti­on, Phan­ta­sie und Rea­li­tät im Gang.

Mu­sil hat vor bald hun­dert Jah­ren den Mög­lich­keits­sinn pro­pa­giert. Die Er­zeu­gung von vir­tu­el­len Wel­ten ist mitt­ler­wei­le tri­via­li­siert, vie­le Leu­te le­ben mehr im Vir­tu­el­len als in ei­ner Wirk­lich­keit im her­kömm­li­chen Sinn. Un­ter die­sen Be­din­gun­gen scheint es mir wich­ti­ger, den Wirk­lich­keits­sinn wie­der­zu­be­le­ben. Mu­sil ist schwer ver­al­tet. Ein Buch, an dem ich der­zeit schrei­be, vor­aus­sicht­lich wird es 2016 pu­bli­ziert, ein Es­say­band, hat den Ar­beits­ti­tel »Vom Wirk­lich­keits­sinn zum Mög­lich­keits­sinn (und zu­rück)«.

Was ist für dich wich­ti­ger, mensch­li­che Ge­schich­ten (Er­zäh­lung) oder li­te­ra­ri­sche Spra­che (Aus­drucks­form)? Ob­wohl si­cher bei­de Ele­men­te wich­tig sind und schwer zu tren­nen sind.

Na­tür­lich bei­des, aber in ei­ner Zeit, in der ge­dul­di­ge Sprach­ar­beit eher ge­ring ge­schätzt wird (ob­wohl es wei­ter­hin zahl­rei­che Au­toren gibt, die sich ihr wid­men), wür­de ich, wenn ich müß­te, für die Spra­che op­tie­ren. Li­te­ra­tur ist Sprach­kunst. Aber Li­te­ra­tur er­zählt auch. Sie kann nicht oh­ne Spra­che aus­kom­men, aber sie kann oh­ne ge­schrie­be­ne Wor­te aus­kommen, sie kann auch münd­lich sein und war es in frü­he­ren Zei­ten. Es gibt Au­toren, de­ren Ta­lent im Er­zäh­len an sich be­steht, der sprach­li­che Aus­druck ist se­kun­där, viel­leicht so­gar we­ni­ger »gut«, oder un­ge­schickt, aber das macht nichts, wenn die Er­zähl­kraft stark ge­nug ist. Ein we­sent­li­cher As­pekt sol­cher Li­te­ra­tur ist das Ge­ne­rie­ren, das Zu­ein­an­der- und In­ein­an­der­füh­ren von epi­schen Se­quen­zen. Die­se Tat­sa­che, die so­zia­le Be­deu­tung des Er­zäh­lens an sich, ob münd­lich oder schrift­lich, muß man re­spek­tie­ren, und ich für mei­nen Teil schät­ze et­li­che die­ser Au­toren, die gut er­zäh­len und sich we­nig um die Spra­che küm­mern. Da­zu kommt dann wei­ter­hin die Fra­ge, ob Er­fun­de­nes oder Er­leb­tes oder Ge­hör­tes der Er­zähl­in­halt ist. Auch das nicht­fik­tio­na­le Er­zäh­len kann ei­ne ho­he Kunst sein. So­gar das Auf­neh­men von In­ter­views, wo der In­ter­view­er meist nur we­ni­ge Wor­te bei­steu­ert, kann durch die Füh­rung des Dia­logs, durch die Sti­mu­lie­rung, Be­ein­flus­sung und Mo­del­lie­rung der Er­zäh­lung des In­ter­view­ten, Aus­druck ho­her Er­zähl­kunst sein.

Fremd­heit und Ver­las­sen­heit ge­hö­ren zu dei­nen Mo­ti­ven, nicht wahr? Wie kann man die­se Er­fah­run­gen ins Po­si­ti­ve ver­wan­deln?

Da ich ge­ra­de in ei­nem Ca­fé im Bahn­hof von Hi­ro­shi­ma sit­ze und dies die letz­te Fra­ge ist und ich den In­ter­view­er, al­so dich, in we­ni­gen Mi­nu­ten am Bahn­steig ab­ho­len soll, wer­de ich mich be­mü­hen, die­se Fra­ge mög­lichst kurz zu be­ant­wor­ten. Und ich se­he so­gleich die Schwie­rig­keit, denn Kür­ze ist oft das Er­geb­nis von lan­gem Nach­den­ken. Und ei­ne Sen­tenz aus mei­nem Sen­ten­zen­buch ab­zu­schrei­ben, ist mir auch zu blöd. Au­ßer­dem ist die­ses Sen­ten­zen­buch noch nicht fer­tig. Wenn es ei­nes Ta­ges fer­tig sein wird, wird es wahr­scheinlich »Buch der Wi­der­sprü­che« hei­ßen. Ein Vor­läu­fer die­ses Buchs ist das be­reits er­wähn­te Lob der Ent­frem­dung. Dort be­to­ne ich, daß es ein Wi­der­spiel zwi­schen Fremd­heit und Ver­traut­heit gibt. Und jetzt muß ich ge­hen.

Nagoya/Hiroshima, März 2015, per E‑mail

Hier ist das voll­stän­di­ge Ge­spräch als pdf-Do­ku­ment.


© Ma­sa­hi­ko Tsuchiya/Leopold Fe­der­mair