Der Wald und die Bäu­me (IV)

Klick­ver­wei­ge­rung

Ich ken­ne Leu­te, die die Di­gi­ta­li­sie­rung ver­wei­gern, ob­wohl sie nicht um­hin kön­nen, de­ren tech­ni­sche Vor­tei­le doch ab und zu in An­spruch zu neh­men. Ein sieb­zig­jäh­ri­ger Schrift­steller ant­wor­te­te mir, als ich ihm ei­nen link vor­schlug und er­klä­rend hin­zu­füg­te, er müs­se nur dar­auf klicken, er klicke nicht. Das klang ka­te­go­risch, wie ein mo­ra­li­scher Im­pe­ra­tiv. Wie ich erst spä­ter be­merk­te, wuß­te er nicht, daß es da­bei nur um ei­ne Maus- oder Ta­sten­be­rüh­rung ging. Er klick­te nicht – aus Prin­zip, und die­ses Prin­zip war so leer wie vie­le der In­hal­te, zu de­nen uns die links im Netz füh­ren. Ich selbst, über­zeugt, kein Smart­phone zu brau­chen, weil ich nicht pau­sen­los ver­netzt und von der pri­mä­ren Wirk­lich­keit ab­ge­zo­gen sein will, fra­ge mich manch­mal, wie ich mir in Zu­kunft Kon­zert- oder Fahr­karten be­sor­gen wer­de, wenn ge­wis­se Ver­an­stal­ter, viel­leicht so­gar staat­li­che In­sti­tu­tio­nen, ih­re Kun­den zu die­ser Tech­nik zwin­gen und da­mit be­stimm­ten Fir­men in die Hän­de ar­bei­ten wer­den. Wenn es so­weit ist, wer­de ich end­gül­tig alt aus­se­hen.

© Leo­pold Fe­der­mair

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4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Da geht es dir ähn­lich wie mir mit mei­ner Face­book-Ver­wei­ge­rung. Ich füh­le mich schon ab und zu aus­ge­schlos­sen und den­ke, auch wenn Be­trie­be mit der Zeit ge­hen müs­sen und so vie­le Leu­te er­rei­chen kön­nen, soll­ten sie doch den Rest nicht ver­ges­sen. Wie kann es sein, dass Neu­ig­kei­ten erst bei FB ge­po­stet wer­den und erst viel spä­ter (oder gar nicht!) auf der ei­ge­nen Web­prä­senz? Sich so sehr ab­hän­gig zu ma­chen er­scheint mir fa­tal. Aber ich schwei­fe ab.

  2. Wo­nach ich in die­sen klei­nen Tex­ten (ei­ni­ge da­von, ein paar Bäu­me, wer­den noch auf Be­gleit­schrei­ben er­schei­nen) vor al­lem fra­ge, ist, wie und in wel­chem Maß die glo­ba­le Di­gi­ta­li­sie­rung un­se­re Kul­tur, Ge­wohn­hei­ten, Sprech­wei­sen und, last not least, un­se­re Ge­hir­ne be­ein­flußt und trans­for­miert. Vie­le Per­so­nen in fort­ge­schrit­te­nem Al­ter kön­nen und wol­len die­se Trans­for­ma­tio­nen nicht mit­ma­chen. Das ist in Ord­nung so und na­tür­lich auch nichts Neu­es, neu al­ler­dings die Be­schleu­ni­gung, sie be­wirkt, daß man früh alt aus­sieht, in ei­ner Welt, die dau­ernd ei­nen Ju­gend­lich­keits­druck aus­übt.
    Face­book ge­hört zu die­sen tief wir­ken­den di­gi­ta­len Struk­tu­ren. Das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­git­ter, dem sich die mei­sten User freu­dig oder un­be­wußt un­ter­wer­fen, re­du­ziert die Per­so­nen auf Rei­ze, de­nen sie fol­gen: like/dislike, Dau­men rauf, Dau­men run­ter... Mas­sen­haf­te Ent­la­dun­gen in Shitstorms ist ei­ne der Fol­gen.
    Man kann die FB-Wel­ten al­ler­dings aus der Di­stanz be­trach­ten, oh­ne sich rein­zie­hen zu las­sen. Ein biß­chen Frei­heit bleibt uns schon noch.

  3. Noch ha­be ich Lust mich zu ver­lau­fen, Brie­fe zu schrei­ben, Tex­ten zu fol­gen, de­ren Sinn sich mir erst mit der Zeit er­schließt, de­ren Ton­fall mich rührt, de­ren Mü­he und Ernst ich spü­re, de­ren Ver­annt­heit und wu­chern­de Maß­lo­sig­keit mich über­rollt. Noch ha­be ich Lust mit­zu­voll­zie­hen, was je­mand an­de­rer sieht, hört, be­denkt, auch wenn er sich da­für Platz und Zeit nimmt. Kür­ze = Wür­ze. Kurz und Wurz. Schnurz. Dau­men rauf, Dau­men run­ter. Und dann? War­um mei­ne emails kaum mehr ge­le­sen wer­den ha­be ich wohl ka­piert. Bei FB müss­te ich halt po­sten. Das er­reicht die Leut. Du bist frei­schaf­fen­der Mu­si­ker sagt man mir, da komm ich nicht aus, mich up to date zu prä­sen­tie­ren. Ich bin kein Tech­nik­muf­fel. Be­trei­be ei­ne Heim­sei­te seit vie­len Jah­ren. Aber die kann ich ge­stal­ten wie ich mag. Bei FB sieht al­les gleich aus. Mir ge­fällt das nicht. Ob ich mich um­stel­le, wenn ich das Ge­fühl ha­be die Mit­welt hat sich von mir ab­ge­na­belt? Man wird se­hen. Noch geht´s. – Im­mer­hin: Mit Neun­und­drei­ßig schon mal vor­füh­len wie das ist alt aus­zu­se­hen, ist doch was, oder?

  4. Für mei­ne Per­son liegt »die Di­gi­ta­li­sie­rung« wie so vie­les zwi­schen Ver­wei­ge­rung und un­ge­teil­ter Be­ja­hung: Face­book in­ter­es­siert mich eben­so­we­nig wie ein smart­pho­ne oder ein Fern­se­her, aber das Netz ist seit vie­len Jah­ren ein Ort des Aus­tau­sches, des Dis­ku­tie­rens und Schrei­bens, mit vie­len po­si­ti­ven As­pek­ten. — Ich se­he, als je­mand der die Di­gi­ta­li­sie­rung nicht von klein auf mit­ge­macht hat, noch kei­ne Nö­ti­gung.

    An­ders ist es für je­ne, die mit den di­gi­ta­len Ge­rä­ten qua­si von Ge­burt an auf­wach­sen: Dass Ba­by­fern­se­hen oder die häu­fi­ge Nut­zung von ta­blet und smart­pho­ne Ein­flüs­se auf die Ge­hirn­ent­wick­lung ha­ben (z.B. die Auf­merk­sam­keits­span­ne) wird man kaum be­strei­ten kön­nen.