Der Le­ser im In­for­ma­ti­ons­zeit­al­ter. Ei­ne Re­plik auf Ru­di Fu­ßi.

Über­fluss und Ver­füg­bar­keit von In­for­ma­tio­nen al­ler Art stel­len, ne­ben un­se­rem Fas­sungs­ver­mö­gen, in al­ler Deut­lich­keit die Fra­ge nach ih­rer Re­le­vanz: Um die Welt oder eher Teil­wel­ten (noch) ver­ste­hen und zu­sam­men­hal­ten zu kön­nen, müs­sen wir zwi­schen blo­ßer In­for­ma­ti­on und Wis­sen (bzw. Re­le­vanz) un­ter­schei­den, in an­ge­mes­se­ner Zeit, in­klu­si­ve der Mög­lich­keit der Ver­knüp­fung und (even­tu­ell) ge­naue­rer Prü­fung durch das Hin­zu­zie­hen wei­te­rer Quel­len. Dar­über hin­aus ist die Ver­füg­bar­keit und Zu­gäng­lich­keit von re­le­van­ter In­for­ma­ti­on und Wis­sen ei­ne de­mo­kra­ti­sche »For­de­rung« (Be­din­gung), da sie die dis­kur­si­ven Pro­zes­se und die Mei­nungs­bil­dung un­ter­stüt­zen oder über­haupt erst mög­lich ma­chen, das Wahl­ver­hal­ten be­ein­flus­sen und die Ent­schei­dun­gen der Po­li­tik.

Die De­re­gu­lie­rung von macht­er­hal­ten­den In­for­ma­ti­ons­bar­rie­ren ist ei­ne an­ti­au­to­ri­tä­re und an­tie­li­tä­re Be­gün­sti­gung de­mo­kra­ti­scher Ent­schei­dun­gen, aber kei­ne Ga­ran­tie1; das be­deu­tet nicht, dass un­ein­ge­schränk­te Trans­pa­renz ein wün­schens­wer­tes Ziel wä­re, denn In­trans­pa­renz si­chert un­se­re Pri­vat­sphä­re oder ver­hin­dert in der Di­plo­ma­tie ein Es­kalieren von Kon­flik­ten; aber für Dis­kus­sio­nen über po­li­ti­sche Fra­gen und Entschei­dungen ist sie not­wen­dig, kann feh­ler­haf­tes Wis­sen oder Nicht­wis­sen fal­sche oder interessen­geleitende Ent­schei­dun­gen zur Fol­ge ha­ben.

Dies legt, zwar kei­nes­wegs zwin­gend, aber doch na­he, dass ein re­le­van­tes, qua­li­ta­ti­ves jour­na­li­sti­sches Pro­dukt mög­lichst bar­rie­re­frei zu­gäng­lich sein soll­te, um sei­ner Re­le­vanz auch fak­tisch, näm­lich de­mo­kra­tie­po­li­tisch, ge­recht zu wer­den2 . — Ein lang­fri­sti­ger Ne­ben­ef­fekt aus­führ­li­cher und de­tail­lier­ter jour­na­li­sti­scher Ar­beit bei gleich­zei­ti­ger Re­duk­ti­on von blo­ßen Mel­dun­gen und knap­pen Kom­men­ta­ren wür­de der Informations­menge ih­re Spit­ze neh­men und zur Ent­schleu­ni­gung bei­tra­gen.

Ru­di Fu­ßi ist im Werk­statt­blog der NZZ Öster­reich »Auf der Su­che nach dem ver­lo­re­nen Ge­schäfts­mo­dell«: Er ist ei­ner­seits der An­sicht, dass Jour­na­lis­mus et­was wert sein müs­se und die Gra­tis­kul­tur un­se­lig sei, an­de­rer­seits geht es ihm »um Mehr­wert für den User, um den ra­di­ka­len Le­ser­nut­zen«. Ein­mal un­ge­ach­tet der Dis­kus­sio­nen um Ge­schäfts­mo­del­le, die ich ver­ste­he, und dem Fak­tum, dass gu­ter Jour­na­lis­mus Zeit und Geld be­nö­tigt: Ist nicht der Rück­schritt von der Gra­tis­kul­tur zu­gleich ein de­mo­kra­tie­po­li­ti­scher und könn­te es nicht sein, dass, da­von un­ab­hän­gig, die In­ter­es­sen und Ge­wohn­hei­ten der Le­ser ge­nau in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung ge­hen? Dass hier die Be­din­gun­gen ver­kannt wer­den?

Wenn ich mein Le­se­ver­hal­ten und mein Schreib­ver­hal­ten und da­mit mei­ne Aus­einandersetzung mit Po­li­tik ex­tra­po­lie­re (und die von Be­kann­ten und Freun­den hin­zu­zie­he), was über­zo­gen und auch falsch sein mag, dann fra­ge ich mich, ob die be­stehen­de Ent­wick­lung aus de­mo­kra­tie­po­li­ti­scher Sicht nicht ei­gent­lich fort­ge­setzt und er­wei­tert wer­den müss­te, auch, weil die die kla­re Tren­nung zwi­schen Schrei­ben­den und Re­zi­pi­en­ten ver­schwimmt, weil sich der Be­griff Öf­fent­lich­keit er­wei­tert und ver­än­dert hat und mit ihm die Aus­ein­an­der­set­zung (die­ser Text wä­re vor 30 Jah­ren nicht ge­schrie­ben und ge­le­sen wor­den). — Die ge­schmäh­te Gra­tis­kul­tur, die auf der Ver­füg­bar­keit und dem frei­en Zu­gang (und selbst­ver­ständ­lich an­de­rem, auch Fä­hig­kei­ten) be­ruht, ist nicht nur ei­ne im em­pha­ti­schen Sinn, sie zeigt auch, dass Wert­schät­zung nicht nur durch Geld aus­ge­drückt wer­den muss, son­dern auf Lei­den­schaft, ei­ner Sa­che, auf In­ter­es­se, usf., be­ruht und sich in Form von Kom­men­ta­ren und da­mit: Ver­tie­fung und Zeit aus­drückt. Sie dar­über hin­aus zu­tiefst de­mo­kra­tisch, setzt al­le auf den Bo­den der In­for­ma­ti­ons­gleich­heit und be­för­dert den Aus­tausch ge­mäß des Pri­mats des bes­se­ren Ar­gu­ments.

Dem­ge­mäß wä­re mei­ne Wunsch­zei­tung ei­ne per­sön­li­che Wahl, die sich heu­te von der New York Times bis zum Stan­dard er­streckt und mor­gen von der NZZ bis zum Ham­bur­ger Abend­blatt: Nein, nicht bloß Wunsch, es ist ein An­lie­gen dort le­sen zu kön­nen, wo ich weiß, dass Kom­pe­ten­zen vor­han­den sind, wo­hin mich mein In­ter­es­se oder ein The­ma, mei­ne Über­le­gun­gen, ei­ne Re­cher­che, führt. Ich ori­en­tie­re mich da­bei mehr an den Au­toren, als an den Mar­ken, die nach wie vor, al­ler­dings lang­sam ver­blas­sen­de, Land­mar­ken dar­stel­len (die zahl­rei­chen wei­te­ren Quel­len, die das Netz her­vor­ge­bracht hat, ein­mal bei­sei­te­ge­las­sen): Schlech­te Tex­te gibt es auch in der FAZ; Re­ents wer­de ich nach die­ser Be­spre­chung kaum mehr le­sen und der Zeit schon al­lei­ne ih­rer im­mer schrei­en­der wer­den­den Auf­ma­chung we­ni­ger Auf­merk­sam­keit schen­ken. — Emp­feh­lun­gen, et­wa über Twit­ter, wer­den im­mer wich­ti­ger: Da ich weiß, von wem die Emp­feh­lung stammt, kann ich mich im Re­gel­fall dar­auf ver­las­sen ei­nen or­dent­li­chen Text zu le­sen.

Ich schrei­be das nicht, weil ich nicht be­zah­len will, son­dern weil ich den frei­en Zu­gang für wich­tig hal­te und glau­be, dass die Ent­wick­lung und die Ge­wohn­hei­ten der Le­ser in die­se Rich­tung ge­hen (s.o.): Die ei­ne Zei­tung, die mir al­les Re­le­van­te in Haus lie­fert ist ei­ne be­que­me Il­lu­si­on; mich in­ter­es­sie­ren un­ter­schied­li­che Quel­len und un­ter­schied­li­che Be­trach­tun­gen: Ab­wä­gen, dar­über Nach­den­ken, be­wer­ten und Schlüs­se zie­hen kann ich selbst.

Fu­ßi schreibt: »Das ist kein Reich­wei­ten­mo­dell, kein Mas­sen­pro­dukt, das ist die Be­dienung ei­ner Ni­sche, ei­ner klar de­fi­nier­ten Ziel­grup­pe.« Ich fürch­te, dass es kei­ne klar de­fi­nier­ba­ren Ziel­grup­pen mehr gibt, es sei denn die Ziel­grup­pe setzt sich aus je­nen zu­sam­men, die gu­ten Jour­na­lis­mus schät­zen: Wenn ich heu­te ei­nen Ar­ti­kel zu ei­nem viel dis­ku­tier­ten The­ma mit ei­nem kur­zen Hin­weis ver­se­he, wird ihn je­der In­ter­es­sier­te, der dar­über stol­pert le­sen, egal wo er pu­bli­ziert wur­de: Man liest viel an­lass­be­zo­ge­ner als frü­her, sucht, wo sich Qua­li­tät fin­den könn­te, emp­fiehlt die­se wei­ter oder kon­sul­tiert Ag­gre­ga­to­ren: Man kehrt kei­nes­wegs re­gel­mä­ßig und ver­läss­lich im­mer wie­der an den ei­nen Ort zu­rück.

Das Pro­dukt kann ge­ra­de an­ge­sichts des Qua­li­täts­be­griffs nur ein »Zu­griffs­pro­dukt« sein: Wenn Jour­na­lis­mus re­le­vant ist, dann muss er in den Dis­kurs ein­flie­ßen kön­nen, je­der­zeit. Die Kon­se­quenz dar­aus wä­re ei­ne Zei­tungs­flat­rate, man mag mich des Ir­rea­lis­mus schel­ten, aber ich zah­le ger­ne ei­nen (mo­nat­li­chen?) Be­trag, wenn ich wei­ter­hin frei (und in Zu­kunft voll­stän­dig) auf »al­le« Zei­tungs­ar­chi­ve zu­grei­fen könn­te.

Schei­tern sei ei­ne Op­ti­on, meint Fu­ßi am En­de. Auch, wenn es aus Grün­den feh­len­der oder fal­scher Ana­ly­se ge­schieht? Oder ex­tra­po­lie­re völ­lig zu Un­recht die Ge­wohn­hei­ten ei­ner Min­der­heit?


  1. Ein klas­si­sches Bei­spiel sol­cher Bar­rie­ren ist das Amts­ge­heim­nis; ein wei­te­res, sich erst an­deu­ten­des, das Recht auf Ver­ges­sen, das der EuGH un­längst be­grün­de­te.  

  2. Der Be­deu­tung des Jour­na­lis­mus für die De­mo­kra­tie ein­ge­denk und die ir­re­füh­ren­de Selbst­zu­schrei­bung von der vier­ten Ge­walt zu­rück­wei­send.  

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  2. Schwie­ri­ges The­ma. Ein gan­zer Be­rufs­stand wird ja seit Jah­ren be­fragt. Zum ei­nen gibt es die un­zäh­li­gen Hob­by­schrei­ber (Blog­ger), al­so durch­aus ein Wett­be­werb, zum an­de­ren se­hen sich Me­di­en aus Prä­senz­grün­den ge­zwun­gen, ei­nen Teil ih­rer In­hal­te ko­sten­los ins Netz zu stel­len. Da­bei geht es – ich ma­che mir da nichts vor – we­ni­ger um die Be­feue­rung des heh­ren Dis­kur­ses in der Ge­sell­schaft als um Ap­pe­tit­an­re­ger, mit der Re­zi­pi­en­ten an­ge­regt wer­den sol­len, das Me­di­um mit­tel- oder lang­fri­stig zu er­wer­ben. Es ist ähn­lich wie bei der Au­to­wer­bung: Nie­mand steht auf und kauft sich dar­auf­hin ein neu­es Au­to, aber mit der Zeit ent­steht ein Image, ei­ne Mar­ke. Ei­ne Re­dak­ti­on, die zur Mar­ke ge­wor­den ist und ge­schickt ei­ni­ge Häpp­chen (vul­go: Gra­tis­in­hal­te) zur Ver­fü­gung ge­stellt hat, wird am En­de dann ei­nen öko­no­mi­schen Zu­ge­winn ver­bu­chen. So die Idee.

    Ob ein Zu­gangs-Abo hilft? Ich bin da rat­los. Oder Wer­bung? Es gibt die­se Sa­ti­re-Sei­te »Der Po­stil­lon«, die sich über Wer­bung fi­nan­ziert; der Be­trei­ber kann da­von der­zeit au­gen­schein­lich le­ben. Und sonst? Ei­nen Ar­ti­kel für 2 Eu­ro ab­zu­ru­fen – das ha­be ich bis­her nur ganz sel­ten ge­macht. Das FAZ-Ar­chiv ha­be ich für 30 Eu­ro im Jahr abon­niert (5 Frei­t­ex­te im Mo­nat; ich nut­ze das sel­ten). Zu­dem sind nicht al­le Tex­te ver­füg­bar (bspw. aus dem FAZ-Ma­ga­zin der 80er Jah­re).

  3. Stim­me dem hier Ge­sag­ten prin­zi­pi­ell zu, und klar: ich wür­de auch für ei­ne sol­che Zei­tungs­flat­rate be­zah­len. (Sie müss­te al­ler­dings deut­lich bil­li­ger sein als das Abon­ne­ment ei­ner klas­si­schen Pa­pier­ta­ges­zei­tung, denn er­stens fal­len ja die Pa­pier- und Druck­ko­sten weg, zwei­tens wird kein durch­schnitt­li­cher Le­ser im Netz mehr le­sen, rein men­gen­mä­ßig be­trach­tet, als ei­ne nor­ma­le Zei­tung an Text be­inhal­tet.) Das Pro­blem der Flat­rate dürf­te nur sein, wie man das Geld, das sich im Flat­rate­topf an­sam­melt, wie­der an die Pro­du­zen­ten zu­rück­ver­teilt. Denn ein Ar­ti­kel, der 100.000 Klicks kriegt, wird wohl zu­recht mehr Geld aus dem Topf for­dern, als ei­ner, der nur 100 mal ge­klickt wird. Ab­sei­ti­ge, un­spek­ta­ku­lä­re (al­so in­tel­lek­tu­ell an­spruchs­vol­le) The­men dürf­ten al­so in die­sem Flat­rate­jour­na­lis­mus auf der Strecke blei­ben, rei­ße­risch auf­ge­bausch­te Null­mel­dun­gen à la heftig.co, die mas­sen­haft auf Face­book ge­teilt wer­den, hin­ge­gen flo­rie­ren und den Haupt­teil des Ku­chens be­kom­men. Die­se Dy­na­mik der Ni­veau­ver­fla­chung durch Klick­ra­ten­op­ti­mie­rung er­le­ben wir ja heu­te schon, da die Wer­be­kun­den auch nur auf die Klick­ra­ten schie­len. Die Fra­ge wä­re, wie man die­ser Dy­na­mik in ei­nem durch Flat­rate fi­nan­zier­ten Jour­na­lis­mus et­was ent­ge­gen­set­zen kann.

  4. Es ist ge­wis­ser­ma­ßen ein Fluch, dass durch die Mes­sung der je­wei­li­gen Klicks jetzt deut­lich wird, was (an)gelesen wird und was nicht. Dar­un­ter lei­det ja spe­zi­ell das deutsch(sprachig)e Feuil­le­ton. Bis­her galt die Il­lu­si­on, dass der Le­ser so­zu­sa­gen al­le Mög­lich­kei­ten hat. Jetzt steht fest, dass er/sie die­se Mög­lich­kei­ten nicht nutzt und man kann ge­nau fest­stel­len, was quan­ti­ta­tiv In­ter­es­se und Ver­brei­tung fin­det. Ent­we­der Ver­la­ge ma­chen nun ei­ne »Misch­kal­ku­la­ti­on«, d. h. ab­sei­ti­ge Tex­te wer­den durch po­pu­lä­re »sub­ven­tio­niert«, oder man wird bou­le­var­des­ker. Der­zeit ist fast über­all letz­te­res zu be­ob­ach­ten.

  5. Den Wunsch nach ei­ner Flat­rate für den gan­zen Ki­osk hört man im­mer wie­der. Aber wer wünscht sich das? Der Wunsch kommt von der ra­ren Spe­zi­es der klas­si­schen In­ten­siv­nut­zer der Zei­tun­gen. Die­se Spe­zi­es ist aber mög­li­cher­wei­se (mei­ne Ver­mu­tung) schwind­süch­tig. Die Nut­zer­ma­s­sen ent­fer­nen sich im­mer mehr vom »ru­hig-in­tel­li­gen­ten Le­sen«, über­sprin­gen längst al­le denk­ba­ren Zei­tungs­al­li­an­zen und beu­ten das Netz für ei­nen über­eil­ten Eklek­ti­zis­mus (Hek­ti­zis­mus, könn­te man sa­gen) aus, der we­ni­ger mit plu­ra­li­sti­scher Nut­zung nach al­ter Li­be­ra­li­tät und Weis­heits­su­che, son­dern eher mit Zer­streu­ung und Zer­stäu­bung des Be­wusst­seins zu tun hat.
    Der _innere_ Trend geht weg vom »Le­se­ar­ti­kel« und hin zur schnel­len In­fo, zum Neu­ro­nen­fut­ter, zum »Auf­re­ger«, zum kurz hoch ge­schos­se­nen The­ma des Ta­ges. Oder an­ders ge­sagt: Die Zei­tun­gen ha­ben we­ni­ger das Pro­blem, ein neu­es Ge­schäfts­mo­dell auf­zu­zie­hen, als viel­mehr das Pro­blem, dass die Kund­schaft sich nicht mehr in ir­gend­et­was für län­ger als 30 Se­kun­den ver­tie­fen möch­te, auch weil ih­nen da­für die Zeit ge­stoh­len wird von In­stan­zen, die un­wei­ger­lich mehr und ein­fa­cher Auf­merk­sam­ke­wit ab­grei­fen kön­nen als aus­führ­lich re­cher­chier­te und sorg­fäl­tig ge­schrie­be­ne Ar­ti­kel. Man kann al­les öff­nen, man kann al­les gra­tis ma­chen, man kann auf Hun­der­te Ar­ten ei­nen Jour­na­lis­mus för­dern, der sich ei­nem tra­dier­ten Ethos ver­pflich­tet – wür­de das der po­li­ti­schen Kul­tur, der De­mo­kra­tie, der fun­dier­ten Mei­nungs­bil­dung noch viel hel­fen? Es ist doch mit den Hän­den zu grei­fen: Die Al­pha­bet-Kul­tur ist nicht mehr das, was sie mal war. Das »Le­se­bürf­nis« der Jüng­sten ist auf Bil­der und Clips. Und wir sind erst ein paar Jah­re hin­ein ins neue Jahr­tau­send, wo je­de blöd­sin­ni­ge Klei­nig­keit und je­de »Lust« so sanft und kom­for­ta­bel zu wer­den ver­spricht, dass im­mer we­ni­ger noch ein­se­hen _können_, war­um sie für ir­gend­et­was An­stren­gungs­be­reit­schaft und Sub­li­ma­ti­on auf­brin­gen soll­ten.
    Das Pro­blem sind mei­ner be­schei­de­nen An­sicht nach nicht das Geld, nicht der Zu­gang (im Wun­der­haus des Net­zes dif­fun­diert so­wie­so al­les, auch das Zu­rück­ge­hal­te­ne), es sind die Le­ser, die halb nicht mehr kön­nen, halb nicht mehr wol­len.
    Ob und wie »schlimm« das wä­re, weiß kei­ner. Der frü­he­re »Zei­tungs­jun­kie« war auch ei­ne ko­mi­sche Fi­gur, ein Al­les­ver­schlin­ger – die täg­li­che Sucht nach Ba­na­li­tä­ten ist ja nicht ganz neu. Die Lo­kal­tei­le, Spor­tei­le, »Mör­der­sei­ten« sind von die­ser Wahl­lo­sig­keit des Le­se­ver­gnü­gens und der »per­sön­li­chen In­ter­es­sen« ge­prägt – wenn das ver­schwin­det, was ver­schwin­det dann schon? Und an­de­rer­seits, wenn der »Geist schon früh kom­plett war« (J. Burck­hardt), dann wird er auch zu­letzt un­ter­ge­hen? Die Ni­schen wer­den klei­ner, aber viel­leicht wa­ren frü­he­re « ver­brei­te­te Auf­la­gen« eben auch nur Si­mu­la­tio­nen, hin­ter de­nen ei­ne viel klei­ne­re Le­se­wirk­lich­keit steck­te?

  6. Für mich als al­ten Al­pha­be­ti­sten sind das na­tür­lich kei­ne be­son­ders gu­ten Nach­rich­ten, aber ich fürch­te, die Ana­ly­se ist zu­tref­fend. Und in der Tat: viel­leicht er­scheint das nur auf den er­sten Blick als »schlimm«, nur weil man jetzt erst­mals sieht, wie klein die Ni­sche im­mer schon war, in der man sitzt.

  7. @Gregor
    Je­de Form der Be­zah­lung im Netz muss ent­we­der ei­ne Pau­scha­le sein (als Abo oder Flat­rate) oder, wenn pro Ar­ti­kel be­zahlt wer­den soll, mög­lichst rasch (ein Klick) und ein­heit­lich (am be­sten bei al­len gleich), sonst wird es nicht funk­tio­nie­ren. — Ei­ne Lö­sung ken­ne ich na­tür­lich nicht. Klar ist mir, was ich schät­ze und prak­ti­zie­re: Ich ver­fol­ge The­men (oder In­ter­es­sen), auch über lan­ge Zeit, und le­se ger­ne ent­ge­gen­ge­setz­te oder sich er­gän­zen­de Be­trach­tun­gen (auch über Emp­feh­lun­gen und Ag­gre­ga­to­ren). Des wei­te­ren gibt es na­tür­lich auch ein Be­dürf­nis nach Über­sicht: Was er­eig­net sich, was könn­te ver­fol­gens­wert sein? Und An­läs­se wie Dis­kus­sio­nen und Re­cher­chen. Es ist wie Du schreibst, ein Ar­chiv wür­de ich nicht zum Schmö­kern ver­wen­den.

    All das deu­tet, wenn ich mei­ne Ge­wohn­hei­ten be­trach­te, auf ei­nen Wan­del im Ge­gen­satz zu frü­her, wo man ei­ne oder viel­leicht zwei Zei­tun­gen be­frag­te (gut, im Kaf­fee­haus war es im­mer schon an­ders mög­lich). Ich ha­be den Ein­druck, dass die Mar­ken­bin­dung ab­nimmt, viel­leicht auch, weil die (be­rech­tig­te) Kri­tik über­all nach­zu­le­sen ist.

  8. @Andreas Wolf
    Die Flat­rate war die Fol­ge­rung aus mei­nen Ge­wohn­hei­ten und Be­ob­ach­tun­gen, dass ei­ne Ver­wirk­li­chung nicht ganz ein­fach ist, stimmt. Man könn­te die Ein­künf­te (zu­nächst?) in glei­chen Tei­len auf die be­tei­lig­ten Zei­tun­gen auf­tei­len (es ist ja so, dass ich die Flat­rate we­gen al­len in An­spruch neh­me, nicht we­gen ein­zel­ner; dar­über hin­aus wird es si­cher noch klas­si­sche di­gi­ta­le Abos ge­ben, für die, de­nen ein An­ge­bot reicht).

  9. @Fritz Iver­sen
    Ich ten­die­re mal in die ei­ne, mal in die an­de­re Rich­tung, aber oh­ne gu­te Em­pi­rie wird sich in die­ser Fra­ge nichts Ver­bind­li­ches fest­stel­len las­sen, da blei­ben per­sön­li­che Be­ob­ach­tun­gen und Spe­ku­la­tio­nen, der Jam­mer ist ja nicht neu. Gibt es we­ni­ger Vielleser als frü­her? Ich weiß es nicht, es kann so oder so sein (das Netz kann durch sei­ne Viel­falt und Zu­gäng­lich­keit auch In­ter­es­sen wecken). Au­ßer­dem än­dert man sich im Lauf der Jah­re, als Ju­gend­li­cher ha­ben mich Zei­tun­gen kaum in­ter­es­siert.

    Der Hek­ti­zis­mus hat m.E. auch mit dem End­ge­rät zu tun; ich ko­pie­re mitt­ler­wei­le al­le län­ge­ren Tex­te auf mei­nen Ebook-Re­ader und kann dann in Ru­he und un­ge­stört le­sen (kei­ne Emails die ein­tru­deln, kein Twit­ter, usw.). Klar, man muss sich die Zeit neh­men.

  10. »Gibt es we­ni­ger Vielleser als frü­her?« Jein. Vie­le Men­schen le­sen heu­te wahr­schein­lich weit, weit mehr »Buch­sta­ben pro Tag«, als sie je zu­vor ge­le­sen ha­ben. Die Men­ge ist aber nicht der Punkt. Der Punkt ist, wel­che An­stren­gun­gen noch da­mit ver­bun­den sein dür­fen, wel­che men­ta­len Gra­ti­fi­ka­tio­nen bei­gemischt sein müs­sen, wel­che Qua­li­tä­ten der Le­ser sich zu­mu­ten lässt.
    Es ist hoch wich­tig, was du, Me­tep­si­lo­n­e­ma, sagst, näm­lich dass die län­ge­re Lek­tü­re ent­spre­chen­de Le­se­sy­ste­me be­nö­tigt. Le­sen er­for­dert Ab­len­kungs­frei­heit. »Über­flie­gen«, »Scan­nen« geht im­mer, hat auch ge­ra­de bei simp­len Nach­rich­ten sein be­rech­tig­stes, fast wür­de ich sa­gen: emp­foh­le­nes An­wen­dungs­feld. Aber die Zah­lungs­be­reit­schaft er­for­dert Le­se­wün­sche in ei­nem mehr em­pha­ti­schen Sin­ne, da­her die Be­reit­schaft, das gan­ze An­bran­den­de für z.B. ei­ne hal­be Stun­de still zu stel­len. Des­we­gen ka­pri­zie­ren sich ja jetzt ei­ni­ge An­ge­bo­te dar­auf, die Ziel­grup­pe Wo­chen­end-Le­ser zu tref­fen (»Spie­gel« will auf Sams­tag vor­zie­hen, auch »Frei­tag« folgt dem Kon­zept).
    Em­pi­risch liegt in­so­fern Ma­te­ri­al da­zu vor, dass die Zei­tun­gen ja seit Jahr­zehn­ten ih­re ei­ge­ne de­mo­gra­phi­sche Ka­ta­stro­phe er­lei­den – ab­ge­se­hen da­von, dass die Zahl der Ge­bur­ten ab­nimmt (ab­so­lut), nimmt auch die re­la­ti­ve Zahl in den nach­wach­sen­den Jahr­gän­gen ab (pro­zen­tu­al). Und neu­lich zu le­sen (FAZ, glau­be ich), dass selbst im Haus­halt, wo der Va­ter vom Zei­tung­schrei­ben lebt, die Kin­der kein Stück Zei­tungs­pa­pier mehr in die Hand neh­men, al­so even­tu­ell noch nie in ih­rem Le­ben ei­ne Zei­tung von vor­ne bis hin­ten durch­ge­gan­gen sind.
    So mit­ten in der Tran­sit­hal­le ste­hend und be­reits ziem­lich mü­de, kön­nen wir ver­mut­lich gar nicht er­ken­nen, wo­hin die Rei­se geht. Es ist si­cher­lich mehr als ein läp­pi­scher »Me­di­en­wan­del«, hof­fent­lich we­ni­ger als ein »Men­schen­wan­del«.
    Für uns al­te Al­pha­be­ti­sten ist aber jetzt schon er­kenn­bar, dass das durch­schnitt­li­che Sprach­ver­mö­gen ge­fähr­det ist. Das Prä­zi­si­ons­ver­mö­gen. Das wird er­kenn­bar, wenn man al­te Be­schrei­bungs­tex­te aus dem 18./19., so­gar 20. Jahr­hun­dert liest, z.B. Rei­se­brie­fe. Neu­lich ging der »Wan­der­fal­ke« her­um – die­ses Ver­mö­gen, in der Spra­che Be­ob­ach­tun­gen zu fas­sen, kann man da mu­se­al be­stau­nen (wen in­ter­es­siert schon das The­ma, stau­nend ste­hen wir vor der Art, Spra­che zu nut­zen; noch emp­feh­lens­wer­ter als ei­nen Hoch­punkt der Be­schrei­bungs­li­te­ra­tur fin­de ich üb­ri­gens Gerard Man­ley Hop­kins »Jour­nal«, z.B. – ich schlag ein­fach auf: »... et­was graue Be­wöl­kung zwi­schen Schau­ern ge­rippt und fal­ten­fal­lend und ei­ni­ger wil­der leuch­ten­der gro­ßer Zaus­flaum an der Gren­ze ei­ner wei­ten Drift mit da­hin­ter auf­stei­gen­dem Blau – ob­wohl es zu gro­ße Let­tern wa­ren, um als Flaum be­zeich­net zu wer­den.«) Heu­te im­mer mehr und wei­ter durch die Welt rei­sen, aber nichts mehr mit ei­nem Wort fas­sen, son­dern nur Pho­to plus So­fort-Ma­ni­pu­la­ti­on. Wie soll da nicht ei­ne gan­ze Sprach­schicht, die sich mit der Be­schrei­bung von Ge­rü­chen, Far­ben, Stim­men, Lau­ten be­schäf­tigt, aus dem Le­ben der Men­schen ver­schwin­den – das Re­si­du­um ist da tat­säch­lich nur noch die Li­te­ra­tur, ein klit­ze­klei­ner Teil der Li­te­ra­tur, sonst ist das de­fi­ni­tiv auf dem Weg ins Ver­ges­sen­wer­den, was frü­her in Mil­lio­nen Ta­ge­bü­chern, Brie­fen, Bü­chern, auch Zei­tungs­ar­ti­kel be­hei­ma­tet war, das ist al­les im­mer wei­ter im Jen­seits von uns. Vor uns die Nach­zeit ... das näch­ste gro­ße Mensch­heits­pro­jekt ist der Ro­bo­ter­text ;)))

  11. Nun ja, @Fritz Iver­sen, so­wohl J. A. Baker als auch Ge­or­ge Man­ley Hop­kins wa­ren auch schon ih­rer Zeit völ­li­ge Aus­nah­men. Eben ei­ne hoch­raf­fi­nier­te Kunst­spra­che, an der sie je­weils ein Le­ben lang ge­ar­bei­tet ha­ben. So­was mit der Ge­brauchs­schrei­be­rei in Kon­sum­me­di­en zu ver­glei­chen ...
    Selbst­ver­ständ­lich gibt’s das heu­te auch noch, und nicht nur bei Pe­ter Hand­ke.

  12. Wenn ich das al­les hier so über­le­se – das Mei­ste im Scan-Mo­dus – kann ich mich des Ein­drucks schwer er­weh­ren:
    Mit all dem an uns nun auch noch de­le­gier­ten Nach­den­ken über »Ge­schäfts­mo­del­le« (wie wir ja auch das Obst im Su­per­markt sel­ber ab­wie­gen und da­bei ehr­lich zu sein ver­su­chen), sind wir al­le sel­ber schon klei­ne Ama­zons: Kom­pli­zen der Ver­lu­ste, ver­su­chen wir da­mit zu wach­sen.

  13. Mir kam wäh­rend des Nach­den­kens fol­gen­de As­so­zia­ti­on: Als die di­gi­ta­le Fo­to­gra­fie auf­kam, gab es viel­leicht ver­gleich­ba­re Dis­kus­sio­nen, von ei­nem be­fürch­te­ten Qua­li­täts- bis zu ei­nem Hand­werks­ver­lust, et­was wie Rich­tungs­strei­tig­kei­ten ent­brann­ten. Wer nie ana­log fo­to­gra­fiert hat, dem geht es viel­leicht ähn­lich wie je­man­dem der nie ei­ne Zei­tung aus Pa­pier in sei­nen Hän­den hielt. Tech­nisch ge­se­hen gibt es in bei­den Fäl­len, ana­log wie di­gi­tal, gu­te und schlech­te Fo­to­ap­pa­ra­te, gu­te und schlech­te Fo­to­gra­fen; sehr wahr­schein­lich kön­nen di­gi­ta­le Fo­to­ap­pa­ra­te all das, was frü­her ana­lo­ge konn­ten und noch ei­ni­ges mehr; fo­to­gra­fie­ren ist ein­fa­cher ge­wor­den und kom­for­ta­bler (be­que­mer), da man pro­bie­ren und wie­der lö­schen kann; was sich viel­leicht tat­säch­lich ge­än­dert hat, ist, dass frü­her kei­ne un­mit­tel­ba­re Kor­rek­tur über das Er­geb­nis mög­lich war, man muss­te wahr­schein­lich ein sehr gu­tes Ge­fühl ent­wickeln wel­che Ein­stel­lun­gen man be­nutzt und wie man sie va­ri­iert, das ist heu­te we­ni­ger zwin­gend (dar­über hin­aus hat die Di­gi­ta­li­sie­rung na­tür­lich auch das Be­trach­ten der Fo­tos u.a. ver­än­dert). Trotz­dem wir­ken die Dis­kus­sio­nen im Rück­blick et­was über­zo­gen (mei­ne Ein­schät­zung).

    Zum The­ma: Die ent­schei­den­de Fra­ge ist, ob die ge­sell­schaft­li­chen Ge­ge­ben­hei­ten, jen­seits von De­mo­gra­phie, den Kreis de­rer, die sich Zeit neh­men wol­len, be­schränkt (man könn­te auch sa­gen, die So­zia­li­sie­rung; dar­auf woll­te ich mit der Em­pi­rie hin­aus). Scan­nen hat na­tür­lich sei­nen Platz (Über­blick, Nach­rich­ten, we­ni­ger Wich­ti­ges).

    Das Netz hat viel­leicht den Vor­teil, dass ein per mail oder Twit­ter ver­schick­ter Link So­zia­li­sie­run­gen oder Ge­wohn­hei­ten durch­bre­chen oder zu­min­dest an­re­gend sein kann. — Und war es frü­her (18/19. Jhd.) nicht um den Durch­schnitt viel schlech­ter be­stellt?

    Das mit der So­fort-Ma­ni­pu­la­ti­on stimmt, man lässt sich wo­mög­lich auch we­ni­ger auf die ent­spre­chen­de Si­tua­ti­on ein, ist mehr Au­ßen­ste­hen­der, was die be­schrie­be­nen Aus­wir­kun­gen noch un­ter­stüt­zen sollt (aber da dürf­te man dann auch kei­nen Fo­to­ap­pa­rat in die Hand neh­men).

  14. Mit ei­ner Le­ser­be­schimp­fung wird man nicht wei­ter­kom­men. Zu Goe­thes Zei­ten war Kot­ze­bue der meist­ge­spiel­te Au­tor an den deut­schen Thea­tern. Die »Un­ter­hal­tung« hat im­mer ei­nen Vor­sprung ge­habt vor dem ho­hen Wort. Zu Leb­zei­ten kann­te kaum je­mand Kaf­ka; Proust muss­te sei­ne Re­cher­che an­fangs als »Self-Pu­blisher« zu ver­mark­ten. Der Olymp öff­ne­te sich so man­chem Au­tor erst 30, 40 Jah­re nach sei­nem Tod. Und auch da­mals war Li­te­ra­tur ein Ni­schen­kon­zept (wie man heu­te sa­gen wür­de). Ak­tu­ell glaubt je­der, der ei­ne Schreib- oder Jour­na­li­sten­schu­le ab­sol­viert hat, dass die nun an­ge­lern­ten Kennt­nis­se zwangs­läu­fig zu ei­nem fe­sten Ein­kom­men zu füh­ren ha­ben.

    Die Ba­lan­ce zwi­schen Au­tor und Re­zi­pi­ent ist ge­stört, weil die be­stehen­den öko­no­mi­schen Ver­hält­nis­se nur ein quan­ti­ta­ti­ves Den­ken zu­las­sen. Man muss Mas­se er­rei­chen. Mas­se ist oft ge­nug das Ge­gen­teil von Klas­se. Al­so muss man sich »an­pas­sen« – als Jour­na­list, Au­tor, Blog­ger, Stim­me. Al­les was sich die­sem Dik­tat ver­wei­gert wird dann im Zwei­fel als eli­tär ge­brand­markt und ab­ge­räumt.

    Dass das die Li­te­ra­tur be­trifft – ge­schenkt. Aber es gilt auch längst für den Jour­na­lis­mus. Wer über Ge­schäfts­mo­del­le für den Jour­na­lis­mus im Netz nach­denkt, muss auch dar­über nach­den­ken, wie man Re­zi­pi­en­ten dem Su­per­la­tiv- und Ge­sin­nungs-Jour­na­lis­mus wie­der ent­wöhnt. Wenn die SZ wahr­heits­wid­rig heu­te schreibt, Pu­tin hät­te ge­sagt, er kön­ne in zwei Wo­chen in War­schau sein, dann rich­tet so et­was mehr Scha­den für den Jour­na­lis­mus an als ei­ne üb­li­che Falsch­mel­dung.

    Viel­leicht brau­chen wir ein »Ge­schäfts­mo­dell« für ei­nen be­zahl­ba­ren Jour­na­lis­mus im In­ter­net. Aber zeit­gleich bräuch­te man ei­nen Jour­na­lis­mus, der ei­nem nicht sei­ne Mei­nung auf­zwängt und mit Pro­pa­gan­da nach Be­lie­ben würzt. Dann wer­den auch Men­schen be­reit sein, da­für zu be­zah­len. Was wir wo­mög­lich zu­erst brau­chen ist ei­ne Me­di­en­kri­tik, die nicht zählt wie oft der EuGH fälsch­lich als EU-Ge­richt be­zeich­net wur­de oder mo­niert, dass ir­gend­ein mut­maß­li­cher Straf­tä­ter nicht or­dent­lich ver­pi­xelt wur­de. Wir brau­chen ei­ne Me­di­en­kri­tik, die den Jour­na­lis­mus dort ent­tarnt, wo er ma­ni­pu­la­tiv wird. Wir brau­chen ei­ne Me­di­en­kri­tik, die Sprach­kri­tik be­treibt – und zwar nicht, um uns – wie­der ein­mal! – vom Ge­gen­teil zu »über­zeu­gen« und sel­ber sug­ge­stiv vor­geht, son­dern die dem Re­zi­pi­en­ten die Be­wer­tung sel­ber über­lässt. Die Kri­se des Jour­na­lis­mus ist auch ei­ne Kri­se der Jour­na­lis­mus­kri­tik.

  15. Dass »die Ba­lan­ce zwi­schen Au­tor und Re­zi­pi­ent« ge­stört ist, wä­re ei­ne ge­naue­re Be­trach­tung wert: Ist das bloß Un­zu­frie­den­heit mit der Be­richt­erstat­tung, weil sie nicht die ei­ge­ne Mei­nung (al­so die des Le­sers) ver­tritt (et­was das es im­mer gab)? Oder hat sie viel­mehr mit der an­ge­spro­che­nen Quan­ti­tät zu tun (al­so ei­nem Qua­li­täts­ver­lust)? Und dann müss­te man wei­ter fra­gen: Ha­ben sich die Ge­wohn­hei­ten im Netz so stark ge­än­dert, dass je­ne Le­ser, die Qua­li­tät in Pa­pier­form ge­le­sen ha­ben, das nun nicht mehr tun (bzw. sich bei »Jung­le­sern« das Ver­hal­ten von An­fang an an­ders ent­wickelt)? Neh­men wir die Ukrai­ne-Kri­se her: Da wur­de die Be­richt­erstat­tung viel­fach (und zu Recht) als ein­sei­tig kri­ti­siert (mitt­ler­wei­le nicht nur von den kom­men­tie­ren­den Le­sern, sie­he ARD, das wä­re al­so ein Bei­spiel, dass die an­ge­spro­che­ne Ent­wöh­nung mög­lich ist). Dar­aus könn­te man fol­gern, dass es nach wie vor ein nicht un­be­deu­ten­des Be­wusst­sein für die Qua­li­tät der Be­richt­erstat­tung gibt (und da­mit auch ein Ver­lan­gen nach ihr). War­um exi­stiert die­se Dis­kre­panz? Öko­no­misch ge­se­hen ist sie un­ver­ständ­lich, weil man da­mit auf mitt­le­re Sicht sei­ne Kun­den nicht mehr er­rei­chen wird und we­ni­ger Geld ver­dient (man müss­te in Qua­li­tät in­ve­stie­ren; das Ge­gen­teil be­feu­ert bloß den Ab­stieg). Im Netz ist es tech­nisch ge­se­hen auch re­la­tiv un­kom­pli­ziert, dass Qua­li­tät ei­ne ent­spre­chen­de Mas­se an Le­sern fin­det (Pro­ble­me wie Zu­gäng­lich­keit und Ge­schäfts­mo­del­le ein­mal au­ßen vor ge­las­sen). Dar­an kann es auch nicht lie­gen. Wenn die Qua­li­täts­pro­ble­me in ho­hem Maß tat­säch­lich dar­aus re­sul­tie­ren, dass man zu quan­ti­ta­tiv denkt und han­delt, muss sich zu al­ler erst ge­nau das än­dern. Ja, das hie­ße Sprach- und Jour­na­lis­mus­kri­tik be­trei­ben um ihn, sa­lopp for­mu­liert, in ei­ne an­de­re Rich­tung zu brin­gen; zu­gleich müss­ten die Le­ser aber das för­dern, was sie für gut (al­so Qua­li­tät) hal­ten (da sind dann Pro­jek­te wie die Kraut­re­por­ter viel­leicht kein schlech­ter An­satz).

    Die SZ schrieb üb­ri­gens von zwei Ta­gen (!).

  16. Zur Ba­lan­ce: Es ist na­tür­lich zu­nächst ei­ne Un­zu­frie­den­heit. Aber in­zwi­schen ist es mehr. Aus der Un­zu­frie­den­heit scheint ei­ne Ge­wiss­heit zu wer­den. Das sind Er­fah­run­gen, die sich da an­ge­sam­melt ha­ben. Da sind z. B. die Krie­ge und Kriegs­in­ter­ven­tio­nen nach 1989, in de­nen »der We­sten« sei­ne »Wer­te« »ver­tei­digt« hat (Irak/Kuwait; Ju­go­sla­wi­en; Af­gha­ni­stan; ak­tu­ell: Ukrai­ne). Nach­träg­lich stell­te sich die Si­tua­ti­on wenn nicht als an­ders, doch zu­min­dest als dif­fe­ren­zier­ter und schwie­ri­ger her­aus, als die Me­di­en es trans­por­tiert hat­ten. Im Ge­gen­teil: Vie­le Me­di­en lie­ßen sich in die Pro­pa­gan­da der ei­nen oder an­de­ren Sei­te ein­bin­den.

    Dar­aus ent­steht am En­de bei vie­len ei­ne Ab­nei­gung ge­gen al­les, was »Main­stream­me­di­en« so pu­bli­zie­ren. Und na­tür­lich su­chen sich dann Re­zi­pi­en­ten erst ein­mal das her­aus, was ih­nen mei­nungs­mä­ssig na­he ist, da die In­stanz nicht mehr exi­stiert. In­zwi­schen gibt es ja auch für je­de auch noch so kru­de Mei­nung ge­nug »Ex­per­ten«, die da mü­he­los et­was be­le­gen. Das Pro­blem ist aber haus­ge­macht: Durch die Even­ti­sie­rung von Nach­rich­ten und die oh­ne Not häu­fig vor­ge­nom­me­nen Ver­all­ge­mei­ne­run­gen blei­ben dif­fe­ren­zier­te Be­trach­tun­gen oft ge­nug auf der Strecke. Zu­dem glaubt man, dem Zu­schau­er, Le­ser, nur ein be­stimm­tes Quan­tum an Fak­ten zu­mu­ten zu kön­nen. Jour­na­li­sten nei­gen in­zwi­schen auch da­zu, ih­re ei­ge­ne Mei­nung zu ver­ab­so­lu­tie­ren. Hin­zu kommt das Ge­fühl, zu al­lem et­was sa­gen zu müs­sen. In ei­ner Live-Schal­tung mehr als 1x »Das weiß ich nicht« zu sa­gen, trau­en sie sich nicht, al­so kol­por­tie­ren sie ein Ge­rücht. Der Kon­junk­tiv, den sie viel­leicht noch ver­wen­den, wird spä­ter dann in der Nach­richt ge­tilgt.

    Ob »Kraut­re­por­ter« die Lö­sung ist, wird sich zei­gen. Zum ei­nen muss der Re­zi­pi­ent in Vor­la­ge tre­ten, d. h. die Kat­ze im Sack kau­fen. Kann man mal ma­chen. Dass da der Jour­na­lis­mus neu er­fun­den wird – das se­he ich noch nicht. Aber viel­leicht ir­re ich mich ja.

  17. Ja, der Ex­per­te, als Be­leg sui ge­ne­ris, ist et­was An­ti­de­mo­kra­ti­sches, was ge­ra­de dann ge­braucht wird, wenn es Ein­schät­zun­gen ab­zu­ge­ben gilt, dann wenn ei­gent­lich gar nie­mand weiß, wie sich z.B. ei­ne Kri­se ent­wickeln wird. — Dass Un­si­cher­hei­ten bei öf­fent­li­chen Per­so­nen zu sel­ten Raum fin­den, hängt si­cher­lich mit dem Zwang zur »Ver­mark­tung« zu­sam­men, man möch­te oder kann (?) nicht »schlecht« da­ste­hen (im schlimm­sten Fall geht man ein­fach nicht auf die Fra­ge ein).

    In­halt­lich stim­me ich Dir, an die­ser ei­nen An­kün­di­gung ge­mes­sen, was viel­leicht un­ge­recht ist, zu. Ich dach­te aber eher an das Ge­schäfts­mo­dell, die Ent­schei­dung des Le­sers, was er für fi­nan­zie­rens­wert hält; ge­fällt ihm die Rich­tung nicht mehr, dann hört er auf und lei­tet sein Geld zu an­de­ren um (man müss­te ei­ne flat­rate so ähn­lich or­ga­ni­sie­ren, dass je­der sein Geld auf be­stimm­te Me­di­en auf­teilt, nach ei­nem Schlüs­sel den er selbst be­stim­men kann; tut er das nicht, gibt es ei­nen Au­to­ma­tis­mus; und die, die oh­ne hin nur ein Me­di­um le­sen wol­len, wäh­len das klas­si­sche Abo).

  18. Ich wen­de mich we­ni­ger ge­gen den »Ex­per­ten« an sich, son­dern an den­je­ni­gen (oder die­je­ni­ge), die zum »Ex­per­ten« er­nannt wird, weil da­mit ei­ne be­stimm­te Ge­sin­nung ve­ri­fi­ziert wer­den soll. Mit der »Ex­per­ten­mei­nung« soll dann das Ur­teil er­höht und als ver­bind­lich dar­ge­stellt wer­den. Das, was dann nicht in das Bild passt, wird als »PR« oder so­gar »Pro­pa­gan­da« weg­ge­wischt.

    Zu den Ge­schäfts­mo­del­len kann ich we­nig sa­gen, aber von Gieß­kan­nen­lö­sun­gen hal­te ich nichts. Am En­de wird es ein Be­zahl­sy­stem sein müs­sen, dass pro Ar­ti­kel ei­nen ge­rin­gen Be­trag (50 Cent bis max. 1 Eu­ro) ver­langt. Not­wen­dig wä­re ein ein­fa­ches Sy­stem, dass prak­tisch mit ei­nem oder zwei Klicks ver­bind­lich wird. Dann taucht aber noch das Pro­blem der Wei­ter­ga­be auf: ein pdf bei­spiels­wei­se kann ich un­end­lich oft ver­schicken.

  19. Des­we­gen fin­de ich ein Gieß­kan­nen­prin­zip (mit Len­kungs­mög­lich­keit) ge­ra­de gut: Die Hür­den wür­den zu­min­dest für al­le Be­tei­lig­ten weg­fal­len. Aber egal wie die Lö­sung aus­sieht, Ein­fach­heit ist ent­schei­dend (und ein Preis, der es ver­schmer­zen lässt, wenn man den ei­nen oder an­de­ren Text und aus Man­gel an Zeit dann doch nicht liest).