Der Is­la­mi­sche Staat: II. Wie Kriegs­trei­ber »ar­gu­men­tie­ren«.

Noch mehr als sonst, muss man sich die Ar­gu­men­te der­je­ni­gen, die so­ge­nann­te mi­li­tä­ri­sche In­ter­ven­tio­nen be­für­wor­ten, an­se­hen. Ein Bei­spiel aus der öster­rei­chi­schen Pres­se.

Ei­ne In­ter­ven­ti­on zur Ver­hin­de­rung hu­ma­ni­tä­rer Ka­ta­stro­phen be­darf ei­ner aus­führ­li­chen Be­grün­dung: Sie ist nur nach Aus­schöp­fung al­ler an­de­ren Mit­tel, der Aus­sicht auf Er­folg und un­ter ei­nem Man­dat der Ver­ein­ten Na­tio­nen ge­recht­fer­tigt. Er­folg be­deu­tet hier ei­ne (meist un­aus­ge­spro­che­ne) Ab­wä­gung von Men­schen­le­ben: Bes­ser we­ni­ge, als vie­le To­te; bes­ser ein paar hun­dert, als zehn­tau­sen­de. Das ist ein Kal­kül im An­ge­sicht ei­ner of­fe­nen Zu­kunft: Ei­ne In­ter­ven­ti­on kann die La­ge wei­ter ver­schlech­tern und das Ge­gen­teil be­wir­ken.

Der Ti­tel »Ge­gen den Krieg und für Frie­den sein: Eu­ro­pä­er, das ge­nügt nicht!« lässt vor­sich­tig wer­den, ste­hen doch der­zeit ei­ni­ge eu­ro­päi­sche Na­tio­nen im Krieg ge­gen den Is­la­mi­schen Staat, wa­ren sie in der Ver­gan­gen­heit doch an den In­ter­ven­tio­nen in Li­by­en, im Irak oder in Af­gha­ni­stan be­tei­ligt und ha­ben un­längst ei­ne ag­gres­si­ve Hal­tung der NATO ge­gen Russ­land un­ter­stützt. Man ahnt: Die Eu­ro­pä­er sind noch zu weich, sie müs­sen mehr Ver­ant­wor­tung über­neh­men, be­reit sein für den Frie­den Krieg zu füh­ren: Die Re­sul­ta­te sol­cher Vor­ha­ben lie­gen im Irak oder in Af­gha­ni­stan vor al­ler Au­gen, der Er­halt des Frie­dens war häu­fig we­der Grund noch Re­sul­tat sol­cher In­ter­ven­tio­nen und das Cha­os da­nach grö­ßer als zu­vor. — Ver­mut­lich stecken hin­ter die­ser Rhe­to­rik hand­fe­ste In­ter­es­sen, aber se­hen wir uns die Ar­gu­men­te ein­mal an.

Be­reits im Kopf­text be­ginnt die Ver­dre­hung der Tat­sa­chen: Nicht zehn­tau­sen­de, son­dern et­wa 6000 Zi­vi­li­sten be­fan­den1 sich zur Pu­bli­ka­ti­ons­zeit des Texts noch in Ko­ba­ne. Doch das be­vor­ste­hen­de Mas­sa­ker muss mög­lichst ge­wal­tig ge­zeich­net wer­den, da­mit die Kon­tra­ste – pa­zi­fi­sti­sche Eu­ro­pä­er auf der ei­nen Sei­te, die hu­ma­ni­tä­re Ka­ta­stro­phe auf der an­de­ren – auch ei­ne emo­tio­na­le Wir­kung beim Le­ser ver­ur­sa­chen, der aus eben die­ser das ei­ge­ne Ver­sa­gen be­grei­fen soll: Eu­ro­pa sieht ta­ten­los zu, es soll­te aber han­deln, aus mo­ra­li­schen Grün­den. Die­se sind des­halb wich­tig, weil man dann nicht an Recht, Ge­rech­tig­keit oder gar Hu­ma­ni­tät den­ken muss. Das soll­te man aber, denn hu­ma­ni­tär ist die In­ter­ven­ti­on selbst nicht, son­dern erst ih­re Fol­gen, das oben be­schrie­be­ne Kal­kül, von dem wir nicht wis­sen ob es auf­geht. Dar­über hin­aus er­hebt die Mo­ral den ei­ge­nen Stand­punkt und för­dert die Blind­heit (die schlech­te­ste Art Po­li­tik zu ma­chen).

Da­mit die Fron­ten mög­lichst klar wer­den, müs­sen Er­doğan und die Tür­kei dä­mo­ni­siert wer­den, was re­la­tiv ein­fach ist, wenn man die In­ter­es­sen der Kur­den au­ßer Acht lässt: Er­doğan sei ein bru­ta­ler Macht­po­li­ti­ker, pak­tie­re mit den wahn­sin­ni­gen Is­la­mi­sten (man be­ach­te dass zwi­schen fa­na­tisch und wahn­sin­nig ein Un­ter­schied be­steht) und schla­ge De­mon­stra­tio­nen ge­walt­sam nie­der: All dies hat ei­nen rea­len Bo­den, wird aber mög­lichst so ge­zeich­net, dass es in die »Ar­gu­men­ta­ti­on« passt; Zwei­fel blei­ben au­ßen vor: Dass Er­doğan mit den Is­la­mi­sten pak­tie­re ist nicht be­wie­sen, es gibt al­len­falls Hin­wei­se für de­ren (mehr oder we­ni­ger) pas­si­ve Un­ter­stüt­zung; und ob die To­ten und Ver­letz­ten bei den De­mon­stra­tio­nen (den­ken wir an Ham­burg) nur auf Über­grif­fe staat­li­cher Sei­te be­ru­hen, darf be­zwei­felt wer­den. Ab­schlie­ßend wird die Po­si­ti­on der Tür­kei in­ner­halb der NATO rein mo­ra­lisch an­ge­grif­fen, ob­wohl es durch­aus mi­li­tä­ri­sche Ar­gu­men­te gä­be. — Eu­ro­pa müs­se sich auf dem Feld der Mo­ral ver­dient ma­chen und sei­ne Eh­re wie­der­her­stel­len (ei­ne ar­chai­sche Lo­gik).

Durch ei­ne sol­che Vor­gangs­wei­se er­spart man sich mü­he­vol­le Ana­ly­sen und lei­stet zu­gleich ei­ne mo­ra­li­sche Mo­bi­li­sie­rung, Grün­de für ei­ne In­ter­ven­ti­on feh­len: Die aus­ge­schöpf­ten Mit­tel und die Um­stän­de des zu ver­hin­dern­den Mas­sa­kers oder die Aus­sicht auf Er­folg. — Da­ne­ben drängt sich die Fra­ge auf: Wo war der wer­te Ver­fas­ser ei­gent­lich, als die Men­schen zu tat­säch­lich zehn­tau­sen­den in den Kriegs­wir­ren in Sy­ri­en um­ka­men? Beim Nä­gel­schnei­den? Der Zeit­punkt der Wort­mel­dung ist ein wei­te­res In­diz da­für, dass die Grün­de für die­sen Kom­men­tar me­dia­len, po­li­ti­schen oder in­ter­es­se­ge­lei­te­ten, je­den­falls nicht hu­ma­ni­tä­ren, Ur­sprungs sind.

Was fehlt ist ei­ne Art Se­gen, der die Un­ver­brüch­lich­keit des Un­ter­fan­gens si­cher­stellt, am be­sten von mög­lichst weit oben, und da Gott nicht mehr gut an­kommt, wir er­in­nern uns an die Kreuz­zugs­rhe­to­rik, sind welt­li­che Au­to­ri­tä­ten, in die­sem Fall Ein­stein und Freund, die ge­trof­fe­ne Wahl: Wenn die­se bei­den schon ei­ne Welt­po­li­zei woll­ten, dann ist das über je­den Zwei­fel er­ha­ben, man kann sich wei­te­re Ar­gu­men­te spa­ren und den Platz an­der­wär­tig nut­zen: »Ist ei­ne sol­che [Welt­po­li­zei] im Rah­men der UNO nicht rea­li­stisch durch­setz­bar, dann ist es die mo­ra­li­sche Pflicht der west­li­chen Welt, die Ein­hal­tung der grund­le­gen­den Men­schen­rech­te auch in an­de­ren Län­dern, nö­ti­gen­falls auch mit mi­li­tä­ri­schen Mit­teln, zu ver­tei­di­gen.« Kurz­um: Steht die UNO un­se­ren In­ter­es­sen im Weg, dann oh­ne sie. Bleibt nur noch zu klä­ren wen man sich vor­nimmt: Chi­na viel­leicht? Oder Sau­di Ara­bi­en? Oder klei­ner: Bo­ku Ha­ram?

Ei­ne In­ter­ven­ti­ons­ideo­lo­gie, die als Frie­dens­si­che­rung durch­ge­hen soll, be­nö­tigt ei­ne hi­sto­ri­sche Ab­si­che­rung: Das Pro­blem ei­ner sol­chen Ar­gu­men­ta­ti­on ist, dass man da­durch zwar zei­gen kann, dass In­ter­ven­tio­nen sinn­voll wa­ren (oder ge­we­sen wä­ren), ei­ne Ga­ran­tie für die Ge­gen­wart ge­ben sol­che Bei­spie­le frei­lich nicht: Der Ver­fas­ser wählt die Mas­sa­ker von Ru­an­da 1994 und Sre­bre­ni­ca 1995. Er­läu­tert wer­den sie nicht und das hat sei­nen Grund2. Bei­de Bei­spie­le sind mit der Si­tua­ti­on vor Ko­ba­ne nicht zu ver­glei­chen, da UNO-Trup­pen vor Ort wa­ren und die­se hät­ten ent­we­der han­deln (Man­dat) oder ver­stärkt wer­den müs­sen. Und zur Äu­ße­rung der mo­ra­li­schen Pflicht, wä­re zu über­le­gen, ob ei­ne In­ter­ven­ti­on, al­so die Durch­set­zung von Rech­ten un­ter Miss­ach­tung eben­die­ser Rech­te ei­gent­lich mo­ra­lisch sein kann, son­dern nicht viel­mehr als ei­ne Art von Aus­nah­me­hand­lung oder Aus­nah­me­zu­stand be­grif­fen wer­den müss­te (Kal­kül, s.o.).

Wenn man ein­mal so­weit ist, muss noch der zu er­war­ten­den Kri­tik vor­ge­beugt wer­den, und das ge­schieht – er­ra­ten – durch das Ver­dikt An­ti­ame­ri­ka­nis­mus. Um das wei­ter ab­zu­si­chern wird zwar fak­tisch rich­tig, aber dem Kon­text nach falsch, die ame­ri­ka­ni­sche Hil­fe und die eu­ro­päi­schen Ver­säum­nis­se in der Be­kämp­fung von Ebo­la her­vor­ge­ho­ben. Dann ver­liert der Au­tor sei­ne Li­nie, fährt ei­nen An­griff ge­gen Deutsch­land (Pan­nen der Bun­des­wehr) und ei­nen ge­gen den öster­rei­chi­schen Bun­des­prä­si­den­ten (der an­geb­lich, es passt zur sei­ner »Lo­gik«, et­was wie die mo­ra­li­sche In­stanz der Na­ti­on sein soll; viel­leicht hilft ein Blick in die Ver­fas­sung). Sei­ne ab­schlie­ßen­de For­mel ist be­mer­kens­wert, weil sie, wie un­längst auch bei Ort­ner, Äng­ste schürt, aber kei­ne Kon­se­quen­zen zie­hen will:

»Es steht zu be­fürch­ten, dass sich die pas­si­ve, ja ver­ant­wor­tungs­lo­se Hal­tung Eu­ro­pas noch bit­ter rä­chen wird. Den fürch­ter­li­chen Ent­wick­lun­gen in der is­la­mi­schen Welt und de­ren Aus­wir­kun­gen vor al­lem auf Eu­ro­pa wer­den wir – frü­her oder spä­ter – mit viel mehr Ent­schlos­sen­heit ent­ge­gen­tre­ten müs­sen. Je spä­ter das aber ge­schieht, de­sto hö­her wird der Preis wer­den.«

Da­bei wä­re ge­ra­de die Fort­set­zung von In­ter­es­se, aber viel­leicht soll der Le­ser ja kriegs­lü­sternd die­se Leer­stel­le tap­pen. — In dem vor­lie­gen­den Text fin­det sich kein ein­zi­ges Ar­gu­ment für ei­ne mi­li­tä­ri­sche In­ter­ven­ti­on, noch wird auf ei­ne ex­ter­ne Ana­ly­se ver­wie­sen; als Er­satz die­nen Über­trei­bun­gen, Un­rich­tig­kei­ten und Ver­dre­hun­gen, Schein- und Au­to­ri­täts­ar­gu­men­te: – der uni­ver­sa­le Klei­ster, der das wack­li­ge Ge­rüst zu­sam­men­hält, ist die Mo­ral. So­lan­ge sol­che Herr­schaf­ten schrei­ben, ist al­les halb so schlimm, be­ein­flus­sen sie da­ge­gen po­li­ti­sche Ent­schei­dungs­trä­ger, müs­sen wir um Frie­den und Hu­ma­ni­tät fürch­ten.

An­mer­kung: Ich hat­te für den zwei­ten Text ei­gent­lich et­was an­de­res ge­plant, aber dann doch dies ein­ge­scho­ben (es passt im wei­te­sten Sinn zur The­ma­tik).


  1. Laut Wikipedia einige Tausend, vice news spricht von Zivilisten die sich außerhalb der Stadt vor der Grenze befinden, die Zahlen sind etwa doppelt so hoch; weitere Angaben und zu den damit verbundenen Interessen der Kurden dort

  2. Bei dieser Gelegenheit sei bezweifelt, ob die Form eines meinugsäußernden Kommentars der verhandelten Problemstellung überhaupt angemessen sein kann.