Ali­ce Mun­ro: Zu viel Glück

Alice Munro: Zu viel Glück

Ali­ce Mun­ro: Zu viel Glück

Es gibt Au­toren, die seit Jah­ren der­art in­nig ge­lobt wer­den, dass man ih­nen ir­gend­wann nicht ent­kom­men kann. Die über die Jah­re auf­ge­bau­te Er­war­tungs­hal­tung (»Literaturnobelpreis­kandidat!«) führt fast zwangs­läu­fig in ei­ne Ent­täu­schung (zu­meist mitt­le­rer Di­men­si­on): Na­ja, nicht schlecht – aber gleich No­bel­preis?

Es ge­hört zu den letzt­lich un­er­klär­li­chen Ge­heim­nis­sen ei­nes Le­ser­le­bens, war­um man sich aus­ge­rech­net für die­sen oder je­nen Au­toren be­gei­stert. Ist man dem Au­tor, der Au­torin na­he? Oder ist es das Ge­gen­teil, die un­er­reich­ba­re Di­stanz? Ergriffen­heit ver­sus Aben­teu­er­lust? Su­chen nach Par­al­le­len oder Flucht aus dem Be­kann­ten? Auf­ge­ho­ben­sein oder Stell­ver­tre­ter­le­ben?

Wer emp­feh­len und über­zeu­gen möch­te, muss auch ver­glei­chen. Aber hier be­ginnt dann zu­meist das Di­lem­ma: Was, wenn der an­de­re dem Ver­gleich gar nicht zu fol­gen ver­mag? Emp­feh­lun­gen spie­geln im­mer die Le­bens­welt des­sen wi­der, der sie aus­spricht. Ein Viel­leser hat ei­ne an­de­re Er­war­tung als ein Ge­le­gen­heits­le­ser. Freund­schaf­ten wer­den bei geziel­ten Buch­ge­schen­ken manch­mal auf ei­ne har­te Pro­be ge­stellt. Ein Schrift­stel­ler emp­fiehlt aus an­de­ren Grün­den als ein Li­te­ra­tur­kri­ti­ker. Bei­den at­te­stie­ren die Le­ser ei­ne ge­wis­se Neu­tra­li­tät. Nichts könn­te fal­scher sein. Und: Die Neu­tra­li­tät wä­re so­gar eher hin­der­lich, weil ja ge­ra­de die Sub­jek­ti­vi­tät der Per­son, de­ren Emp­feh­lung man folgt, er­wünscht ist. Kei­ne In­stanz, de­rer der Le­ser sich be­dient, ist frei von Res­sen­ti­ments, Set­zun­gen, Kon­zep­tio­nen, Idea­len und Wün­schen. Und das ist ja ei­ner der Grün­de, war­um man sich ih­rer be­dient.

Ali­ce Mun­ro ist ei­ne Au­torin, die seit Jah­ren all­seits ge­lobt und mit zu­wei­len rüh­ren­dem Dackel­blick emp­foh­len wird. Nicht nur von Jo­na­than Fran­zen, der nach Pau­la Fox 1996 die Mun­ro für den ame­ri­ka­ni­schen Le­ser emp­fahl. Im deutsch­spra­chi­gen Raum ge­nießt die 1931 ge­bo­re­ne Ka­na­die­rin schon lan­ge mehr als nur den Ruf des Ge­heim­tips. Re­gel­mä­ßig über­schla­gen sich die Feuil­le­tons mit Hym­nen über die­se Pro­sa. Ih­re Neu­erschei­nun­gen wer­den in­zwi­schen zeit­nah ins Deut­sche über­setzt. Die Au­torin sel­ber pu­bli­ziert seit 1968 (mit durch­aus grö­ße­ren Pau­sen). Bis auf ei­nen Ro­man aus­schließ­lich Er­zäh­lun­gen – ein Phä­no­men, dass, weil so un­ty­pisch (= un­kom­mer­zi­ell) für den (deutsch­spra­chi­gen) Buch­markt, ei­ni­ge Kri­ti­ker be­son­ders für sie ein­nimmt.

Die un­ty­pi­sche Ti­tel­ge­schich­te

So geht man denn mit dem Bal­last der gut(gemeint)en Emp­feh­lun­gen an ein Buch wie »Zu viel Glück« her­an. Auf 365 Sei­ten gibt es zehn Ge­schich­ten. Die Ti­tel­ge­schich­te ist die läng­ste mit fast 60 Sei­ten und steht am En­de. Sie ist un­ty­pisch für die an­de­ren neun Er­zäh­lun­gen und über­rascht mit ei­nem em­pha­ti­schen, zu­wei­len pa­the­ti­schen Ton. Es geht um ei­ne rea­le Per­son, der rus­si­schen Ma­the­ma­ti­ke­rin So­fia Kow­a­lew­ska­ja (1850–1891). In ei­nem klei­nen Nach­wort zeigt sich Mun­ros Ver­bun­den­heit mit die­ser Per­sön­lich­keit. Er­zählt wird in Rück­blen­den ih­re für die da­ma­li­ge Zeit un­ge­wöhn­li­che Kar­rie­re – als Frau im Wis­sen­schafts­be­trieb des 19. Jahr­hun­derts zu re­üs­sie­ren. Seit 1884 war sie Pro­fes­so­rin an der Uni­ver­si­tät Stock­holm. Sie galt als ma­the­ma­ti­sche Ko­ry­phäe, ver­fass­te auch ei­ne Au­to­bio­gra­phie mit ih­ren Kind­heits­er­in­ne­run­gen und en­ga­gier­te sich po­li­tisch für Frauen­rechte. Mun­ro ent­wickelt das Ta­bleau des Le­bens die­ser be­mer­kens­wer­ten Frau auf der lang­wie­ri­gen und stra­pa­ziö­sen Zug­rei­se im kal­ten Fe­bru­ar 1891 von Pa­ris über Ber­lin nach Stock­holm. Pri­va­tes und Be­ruf­li­ches ge­hen in ei­nem gro­ßen Er­in­ne­rungs­strom in­ein­an­der. Der Le­ser er­fährt von ih­rer ho­hen Be­ga­bung, den Pro­ble­men, die ei­ne Frau im wissen­schaftlichen Kos­mos des 19. Jahr­hun­derts hat­te und von ih­ren Zwei­feln, sich wie­der neu zu ver­hei­ra­ten, da ihr Bräu­ti­gam mit ei­ner zum Teil er­schrecken­den Käl­te auf ih­re Brie­fe ant­wor­tet. We­ni­ge Ta­ge nach der An­kunft in Stock­holm stirbt Kow­a­lew­ska­ja über­ra­schend an ei­ner Lun­gen­ent­zün­dung. »Zu viel Glück« sol­len ih­re letz­ten Wor­te ge­we­sen sein.

Am En­de be­wun­dert man Mun­ros Viel­sei­tig­keit, die ei­nem vor­her mit ih­rer Mi­schung aus sprö­der Er­bar­mungs­lo­sig­keit, fast ge­kün­stel­ter Käl­te, die als La­ko­nie miss­ver­stan­den wer­den könn­te, und sei­nem Tick Sus­pen­se à la Chab­rol ver­blüff­te (und auch ein biss­chen nerv­te). Ih­re Haupt­fi­gu­ren sind meist Frau­en der wei­ßen (ka­na­di­schen) Mit­tel­schicht, die häu­fig durch ein ein­schnei­den­des Er­eig­nis aus der nor­ma­len »Bahn« des Le­bens ge­wor­fen wur­den.

So fährt in der er­sten Ge­schich­te (»Di­men­sio­nen«) die 23jährige Do­ree mit dem Bus zu Lloyd. Do­ree ar­bei­tet un­ter ih­rem zwei­ten Vor­na­men Fleur am­bi­ti­ons­los als Zimmer­mädchen in ei­nem Ho­tel. Sie hat ei­ne an­de­re Fri­sur als »da­mals« und ei­ne Men­ge abge­nommen. War­um? Lloyd war – wie sich spä­ter her­aus­stellt – ihr Mann. Be­hut­sam wird die Ge­schich­te vom Ken­nen­ler­nen der bei­den er­zählt. Sie hei­ra­ten und in schnel­ler Fol­ge stel­len sich drei Kin­der ein. Lloyd wird mit der Zeit im­mer merk­wür­di­ger und so­gar Do­rees Freund­schaft zur we­sent­lich eman­zi­pier­te­ren Mag­gie miss­fällt ihm. Lloyd wird zum Pa­ra­noi­ker. Und als sich Do­ree ei­nes Abends bei Mag­gie ein­fin­det und dort über­nach­tet, nimmt die Ka­ta­stro­phe sei­nen Lauf. Am näch­sten Tag kommt sie zu­rück und Lloyd hat die Kin­der um­ge­bracht. Sie wa­ren schon tot, als sie ihn am Abend vor­her an­ge­ru­fen hat­te.

All dies ent­wickelt sich im Lauf der Er­zäh­lung, der Fahrt mit den Bus­sen zu der An­stalt, in der Lloyd, der ehe­ma­li­ge Kran­ken­pfle­ger, ein­sitzt. Sie be­sucht ihn, bricht den Kon­takt wie­der ab, nimmt ihn wie­der auf. Wech­sel­bad der Ge­füh­le. Et­li­ches bleibt der Phan­ta­sie des Le­sers über­las­sen und gibt Raum für Spe­ku­la­ti­on. Lloyd lebt in ei­ner an­de­ren Welt, schickt Do­ree merk­wür­di­ge Brie­fe (in de­nen er ihr be­schreibt, wie er die Kin­der im Him­mel sieht). Als sie Lloyd wie­der be­su­chen will, er­eig­net sich wäh­rend der Fahrt mit dem Bus ein schwe­rer Un­fall. Ein Mann wird aus sei­nem Au­to her­aus­ge­schleu­dert. Do­ree ge­lingt es, ihn wie­der­zu­be­le­ben, weil sie sich an Lloyds Un­ter­wei­sun­gen even­tu­el­le für Not­fäl­le mit den Kin­dern er­in­nert. In die­sem Mo­ment er­kennt sie, dass ihr Be­such nicht not­wen­dig ist. »Sie müs­sen nicht nach Lon­don?« fragt der Bus­fah­rer und sie ant­wor­tet Nein.

»Nichts per­sön­li­ches«

In »Er­zäh­lun­gen« wird von ei­nem Aus­stei­ger­ehe­paar er­zählt. Jon ist Schrei­ner in der Pro­vinz; Joy­ce un­ter­rich­tet an der Schu­le Mu­sik. In die Idyl­le er­scheint Erie, die als Lehr­ling bei Jon an­fängt. Erie ist das Ge­gen­teil von Joy­ce – nicht be­son­ders ge­bil­det, mit ei­nem Al­ko­hol­pro­blem, tä­to­wiert; von ab­wei­sen­der Schüch­tern­heit. Sie war wie ein Haus­tier. Aber es ge­schieht et­was mit Jon. Ei­nes Ta­ges be­merkt Joy­ce, dass er in Erie ver­liebt ist. Es kommt zur Tren­nung. Die Er­zäh­lung macht ei­nen jä­hen Schnitt. Jah­re spä­ter ist Joy­ce die drit­te Ehe­frau von Matt, ei­nem hoch an­ge­se­hen Neu­ro­psy­cho­lo­gen in der Van­cou­ver So­cie­ty. Er wird 65 Jah­re alt und auch sei­ne bei­den Ex-Frau­en sind zur Ge­burts­tags­fei­er ge­kom­men. Dort lernt sie Chri­stie ken­nen, ei­ne jun­ge Schrift­stel­le­rin. Es stellt sich her­aus, dass Chri­stie Eries Toch­ter ist und in ei­ner Er­zäh­lung Joy­ces Un­ter­richt mit ihr als Kind ver­ar­bei­tet hat. Als sich Joy­ce nach ei­ner Le­sung in die Schlan­ge der­jenigen stellt, die das Buch von Chri­stie si­gniert ha­ben möch­ten, of­fen­bart sie sich ihr nicht. Und da ist die Ge­schich­te auch schon zu En­de.

Manch­mal sind die­se Er­zäh­lun­gen fast rhaps­odisch und es gibt am Schluss nur lo­se En­den. Dies sind dann zu­wei­len kom­pli­ziert ge­bau­te Rät­sel­kon­struk­te, die nur an­näh­rungs­wei­se durch den Le­ser auf­zu­lö­sen sind und sich jeg­li­cher strin­gen­ten Auf­lö­sung ver­wei­gern. In der Er­zäh­lung »Tief­lö­cher« wird auf noch nicht ein­mal drei­ßig Sei­ten das Le­ben von Kent er­zählt. Kent stürz­te als Kind bei ei­nem Fa­mi­li­en­aus­flug im Wald in ein Loch und brach sich bei­de Bei­ne. Den­noch schien sei­ne Kar­rie­re vor­ge­zeich­net: ex­zel­len­te No­ten an der High­school. Sei­ne wis­sen­schaft­li­che Lauf­bahn schien so klar. Dann kam es an­ders. Nach sechs Mo­na­ten auf dem Col­le­ge ver­schwand Kent heißt es la­pi­dar. Er ar­bei­te­te in ei­nem La­den in To­ron­to als Au­to­rei­fen­ver­käu­fer. Plötz­lich ist er weg. Nach drei Jah­ren kam ein Brief aus Ka­li­for­ni­en. Er schrieb sei­ten­wei­se von sei­nem ei­ge­nen Le­ben. Nicht von des­sen prakt­ischer Sei­te, son­dern da­von, was er sei­ner Über­zeu­gung nach da­mit an­fan­gen soll­te – und an­fing. Er plä­diert für das Auf­ge­ben des in­tel­lek­tu­el­len Hoch­muts und er­zählt von ei­nem Nah­tod­erleb­nis. Ein Auf­leh­nungs­pam­phlet oh­ne Be­zug auf sei­ne Fa­mi­lie; nach sei­nen Ge­schwi­stern er­kun­digt er sich nicht, weil er kei­ne Ant­wort will. Und wie­der Jah­re spä­ter ent­deckt Sal­ly, Kents Mut­ter, ih­ren Sohn im Fern­se­hen, wie er bei ei­nem Groß­feu­er hilft. Es ge­lingt ihr, Kent aus­fin­dig und die bei­den tref­fen sich. Er war völ­lig er­graut, ei­ni­ge Zäh­ne fehl­ten, sein Ge­sicht zer­furcht, der Kör­per ha­ger; er hink­te. Er um­arm­te sie nicht – was sie auch nicht er­war­te­te – leg­te ihr aber leicht die Hand auf den Rücken, um sie in die Rich­tung zu len­ken, in die er mit ihr ge­hen woll­te. Kent, einst Hoff­nung der Fa­mi­lie, ist ein Bett­ler, lebt zu­meist auf der Stra­ße. Das Ver­spre­chen, in Ver­bin­dung zu blei­ben – es dürf­te Ma­ku­la­tur sein. Sie zit­tert vor Wut Und dann: Ver­achtung. Nein. Dar­um geht es nicht. Nichts Per­sön­li­ches.

Die Fra­gi­li­tät der Idyl­le

Idyl­len sind die Aus­gangs­punk­te. Klein­ste Ver­än­de­run­gen ver­mö­gen die­se zu zer­stö­ren und ein gan­zes Le­ben zu prä­gen. In »Kin­der­spiel« er­zählt ei­ne Mar­le­ne die Ge­schich­te von ihr und Char­le­ne. Sie lern­ten sich in ei­nem Som­mer-Fe­ri­en­la­ger ir­gend­wann in den 50er Jah­ren ken­nen. Ein Fe­ri­en­la­ger, in dem Mit­tel­schich­t­el­tern ih­re Kin­der für ei­ni­ge Wo­chen ru­hi­gen Ge­wis­sens ab­ge­ben kön­nen. Es sind, wie sich spä­ter her­aus­stellt, die schön­sten zwei Wo­chen im Le­ben von Mar­le­ne. Kurz vor En­de der Zeit be­kom­men sie Be­such von Sonderlinge[n], Kin­dern aus so­zi­al schwä­che­ren Fa­mi­li­en, de­nen der Auf­ent­halt für ei­ni­ge Ta­ge durch ka­ri­ta­ti­ve Or­ga­ni­sa­tio­nen er­mög­licht wird. Mit da­bei ist über­ra­schend auch Mar­le­nes Nach­bars­kind Ver­na, ei­ne Son­der­schü­le­rin mit merk­wür­di­gen Ver­hal­tens­wei­sen, mit de­nen Mar­le­ne über­for­dert ist. Sie hat­te Char­le­ne vor­her von Ver­na er­zählt und sie als ei­ne Art aso­zia­les Schreck­ge­spenst dar­ge­stellt. Pünkt­lich zur An­kunft der Son­der­lin­ge, auf die, wie die La­ger­lei­te­rin in ei­ner An­spra­che be­tont, be­son­ders viel Rück­sicht zu neh­men ist, ver­schlech­tert sich das Wet­ter. Die letz­te Ba­de­mög­lich­keit be­vor die Kin­der ab­ge­holt wer­den (und die »Son­der­lin­ge« in den Bus ver­bracht wer­den), fin­det in ge­drück­ter Stim­mung statt.

Jah­re spä­ter sieht sie Char­le­nes Hoch­zeits­pho­to in der Zei­tung. Und viel­leicht fünf­zehn Jah­re spä­ter er­hielt sie ei­nen Brief von Char­le­ne über Mar­le­nes Ver­lag. Bei­de Ma­le hat­te sie über­legt, mit Char­le­ne Kon­takt auf­zu­neh­men, dies je­doch ver­wor­fen. Die­se Verweig­erungshaltung mu­tet merk­wür­dig an, zu­mal die zwei Wo­chen im La­ger mit der­artiger Glück­se­lig­keit er­in­nert wur­den. Schließ­lich er­hält Mar­le­ne ei­nen Brief, in dem ihr mit­ge­teilt wird, dass Char­le­ne schwer krebs­krank in ei­nem Kran­ken­haus liegt und den un­be­ding­ten Wunsch hat, sie noch ein­mal zu se­hen. Sie ent­schließt nach ei­ni­gem Zö­gern hin­zu­ge­hen. Char­le­ne schläft je­doch un­ter Se­da­ti­va. Die Pfle­ge­rin drückt ihr ei­nen Brief in die Hand. In die­sem Brief bit­tet Char­le­ne ih­re ehe­ma­li­ge Freun­din zu ei­nem Pfar­rer zu ge­hen. Der Le­ser be­ginnt zu ah­nen, dass Mun­ro die letz­ten Stun­den des Fe­ri­en­la­gers nicht zu En­de er­zählt hat. Mar­le­ne trifft den Pfar­rer nicht an. Man will ihn ho­len. Wäh­rend sie auf ihn war­tet, kom­men ihr die Er­in­ne­run­gen. In ei­nem An­fall aus Über­mut und Hass hat­ten die bei­den Freun­din­nen beim letz­ten Schwim­men am See des Fe­ri­en­la­gers Ver­nas Kopf so lan­ge un­ter Was­ser ge­drückt, bis die­se tot war. Bis man das Mäd­chen ver­miss­te, wa­ren die bei­den von ih­ren El­tern ab­ge­holt wor­den. Die­se Tat hat bei­de Le­ben ge­prägt. Es bleibt of­fen, ob ei­ne Ver­ge­bung, ei­ne Süh­ne, mög­lich ist.

In der Er­zäh­lung »Freie Ra­di­ka­le« gibt es am En­de so­gar ei­ne mo­ra­li­sche Poin­te. Ei­ne krebs­kran­ke Frau, die ih­ren ei­gent­lich ge­sun­den Mann durch ei­nen plötz­li­chen Herz­an­fall ver­liert wird in ih­rem Haus über­fal­len. Der Tä­ter ge­steht ihr drei Mor­de, die er eben be­gan­gen hat und zeigt der ver­stör­ten Frau die Fo­tos der Lei­chen. Es scheint so, als ha­be er es auf ihr Au­to ab­ge­se­hen. Die Frau ahnt, dass sie auch in Le­bens­ge­fahr ist und be­ginnt, ei­nen nicht be­gan­ge­nen Mord zu ge­ste­hen, da­mit er sie sel­ber ver­schont. Wäh­rend der be­droh­li­chen Sze­ne­rie merkt sie, wie die Tat­sa­che, dass sie un­rett­bar an Krebs er­krankt ist, ih­re To­des­angst nur kurz ver­drängt. Ih­re Ge­schich­te er­füllt je­doch ih­ren Zweck, die Frau bleibt un­ver­sehrt und der Mann fährt mit dem ge­stoh­le­nen Au­to da­von. Schließ­lich wird sie vom klop­fen­den Po­li­zi­sten ge­weckt. Der Mann er­litt ei­nen Un­fall und war so­fort tot.

So un­ter­schied­lich die ein­zel­nen Er­zäh­lun­gen auch sind – cha­rak­te­ri­stisch ist, dass nicht vie­le Wor­te ge­macht wer­den. Das ist nur schein­bar ein Pa­ra­do­xon. To­de wer­den fast im­mer wie bei­läu­fig, in ein, zwei Sät­zen be­schrie­ben; als er­zäh­le sie von ei­nem Aus­flug. In­dem das ver­meint­lich Gro­ße nicht als sol­ches er­scheint, be­kommt das Klei­ne, schein­bar Un­be­deu­ten­de, ei­nen hö­he­ren Wert. Der Grad der Er­schüt­te­run­gen der Fi­gu­ren bleibt ge­heim­nis­voll. Nach au­ßen er­schei­nen sie un­be­ein­druckt, wäh­rend sie im In­nern wü­ten. Die­ses Wü­ten muss der Le­ser aus den Spu­ren, die Mun­ro legt, er­ah­nen. War­um Do­ree an je­nem Abend Mag­gie auf­ge­sucht hat­te, was ge­nau Jon an Erie fas­zi­nier­te, wie Chri­stie die Un­ter­richts­stun­den mit Joy­ce emp­fand, war­um Kent vom Col­le­ge ging, was die de­pres­si­ve Frau ver­an­laß­te, ih­ren Mann im Wald zu su­chen – der Le­ser er­fährt es nicht. Hin­zu kommt, dass Mun­ro mit den un­ter­schied­li­chen In­for­ma­ti­ons­gra­den spielt. Le­ser, Haupt- und Ne­ben­fi­gu­ren ha­ben nicht den glei­chen Stand. Dies macht den Reiz die­ser Pro­sa aus: Ei­ner­seits wird man in ei­ne her­me­ti­sche Si­tua­ti­on hin­ein­ge­zo­gen. An­de­rer­seits ver­bleibt ge­nü­gend Raum für Phan­ta­sie, Spe­ku­la­ti­on. Was man an­son­sten je­der Kurz­ge­schich­te als Ma­kel an­krei­den wür­de – hier wird es als be­son­de­re Kunst ze­le­briert.

Mehr als die Kon­struk­ti­on der Ge­schich­ten und de­ren Chro­no­lo­gie bleibt die evo­zier­te Stim­mung in Er­in­ne­rung. Es ist ei­ne Me­lan­ge aus Hoff­nungs­lo­sig­keit und Sehn­sucht, Aus­ge­lie­fert­sein und trot­zi­gem Selbst­be­haup­tungs­wil­len, die sich im­mer wie­der ab­wechseln. Mun­ros Fi­gu­ren sind Ge­zeich­ne­te. Sie blei­ben zu­meist un­ter ih­ren Möglich­keiten. Ei­ne Ge­schich­te en­det mit dem Satz Ich wur­de er­wach­sen und alt. Wie grie­chi­sche Hel­den, die ih­rem Schick­sal nicht ent­kom­men kön­nen, so haf­ten die Schick­sa­le an ih­nen. Ali­ce Mun­ro er­zählt von die­sen Um­stän­den auf ih­re un­prä­ten­tiö­se, küh­le Art. Es ist ein schma­ler Grat für den Le­ser: Er kann sich die­ser Stim­mung hin­ge­ben und in ihr schwel­gen. Oder er kann sich durch den blo­ßen Kon­sum der Ge­schich­ten der Welt ent­zie­hen und al­les von sich wei­sen. Wer die er­ste Va­ri­an­te wählt, wird von Ali­ce Mun­ros Er­zäh­lun­gen fas­zi­niert sein. Kommt dann noch ei­ne Spur Iden­ti­fi­ka­ti­on mit der je­wei­li­gen Prot­ago­ni­stIn hin­zu, dürf­te es um den Le­ser ge­sche­hen sein. Eig­net man sich je­doch die Küh­le und Di­stanz der Au­torin sel­ber an, so bleibt au­ßer sti­li­sti­scher Be­wun­de­rung und dem ein oder an­de­ren Bild we­nig. Man klappt am En­de das Buch zu. Und be­stellt noch ei­nen Cap­puc­ci­no.


Die kur­siv ge­setz­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.
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17 Kommentare zu »Ali­ce Mun­ro: Zu viel Glück«:

  1. Es ge­hört zu den letzt­lich un­er­klär­li­chen Ge­heim­nis­sen ei­nes Le­ser­le­bens, war­um man sich aus­ge­rech­net für die­sen oder je­nen Au­toren be­gei­stert. Ist man dem Au­tor, der Au­torin na­he? Oder ist es das Ge­gen­teil, die un­er­reich­ba­re Di­stanz? Ergriffen­heit ver­sus Aben­teu­er­lust? Su­chen nach Par­al­le­len oder Flucht aus dem Be­kann­ten? Auf­ge­ho­ben­sein oder Stell­ver­tre­ter­le­ben?

    Mir er­scheint das we­ni­ger ge­heim­nis­voll: Da ist a) si­cher­lich ei­ne per­sön­li­che Kom­po­nen­te, die – wie auch im­mer ge­stal­te­te – Be­deu­tung steht in ei­nem Be­zug zu ei­nem be­stimm­ten Le­ser, viel­leicht ähn­lich wie bei ei­nem Stück Mu­sik, da ist es auch oft schwie­rig zu klä­ren war­um ge­ra­de die­ses ei­ne so gut ge­fällt (z.B. ver­schie­de­ne Biographien/Erlebnisse/Hintergründe). Und b) er­öff­nen be­stimm­te Autoren/Bücher »Räu­me«: In dem Ver­ständ­nis wä­re es dann kei­ne Ant­wort, kei­ne ab­schlie­ßen­de zu­min­dest, es wirft auf, stößt an, deu­tet auf Wi­der­sprü­che, usw. usf... in­so­fern wür­de ich so­gar sa­gen, dass nicht das stim­mi­ge Gan­ze (ge­ge­be­ne Er­klä­run­gen), son­dern eher das Frag­men­ta­ri­sche fas­zi­niert, weil es an­regt selbst wei­ter zu über­le­gen, zu er­fin­den, viel­leicht so­gar zu schrei­ben.

    #1

  2. Mei­ne Fra­ge be­traf ei­gent­lich dass, was Du un­ter a) zu­sam­men­fasst. Und ich kann es für mich gar nicht ab­schlie­ßend be­ant­wor­ten. Manch­mal be­gei­stert mich et­was, weil es mir na­he­geht und na­he­liegt – und manch­mal, weil es an­ti­po­disch zu mei­ner Rea­li­tät steht. Ent­schei­dend ist da­bei – die Spra­che (und, in Gren­zen, die Form). Aber es ist durch­aus merk­wür­dig, dass mich man­che Au­toren mit ih­rem Erst­ling oder den er­sten bei­den Bü­chern ein­ge­nom­men ha­ben – und da­nach dann nur noch schul­ter­zuckend zu­rück­lie­ßen. Ich ver­mag (bzw. ver­moch­te) nicht um­fas­send die Grün­de zu er­klä­ren. War es, dass da je­mand im­mer wei­ter das glei­che Buch ge­schrie­ben hat? Oder war es die Vor­her­seh­bar­keit des­sen, was die­ser Au­tor schrieb? Bei an­de­ren Au­toren wie­der­um blieb und blei­be ich »dran« – mit Ver­gnü­gen, Ge­winn und Em­pa­thie.

    #2

  3. Na­ja, was kann man schon ab­schlie­ßend be­ant­wor­ten? Aber ich glau­be, ich ha­be ei­ne Vor­stel­lung, was bei mir selbst wich­tig sein könn­te. Nä­he ist z.B. wich­ti­ger als Di­stanz (wo­bei es ei­ne Di­stanz gibt, die wie­der zu et­was wie Nä­he wird – aber ein Au­tor, der im­mer un­ver­ständ­lich, al­so di­stan­ziert bleibt, was soll­te man mit dem?). Die Spra­che ist ent­schei­dend, ja. Aber un­ter der Be­din­gung, die Du schon an­ge­führt hast: Eig­net man sich je­doch die Küh­le und Di­stanz der Au­torin sel­ber an, so bleibt au­ßer sti­li­sti­scher Be­wun­de­rung und dem ein oder an­de­ren Bild we­nig. Es ist al­so nicht nur die Schön­heit, son­dern eben­so das was mit­schwingt, un­ge­sagt bleibt oder an­ge­deu­tet wird (al­so letzt­lich auch das, was wir selbst mit­brin­gen und hin­ein­le­sen).

    Ist das tat­säch­lich merk­wür­dig, dass nicht al­le Bü­cher ei­nes Au­tors ein­neh­men? Hie­ße das nicht zu viel Kon­ti­nui­tät von ei­nem Au­tor zu er­war­ten? Der än­dert ja Stil, Spra­che, Denk­wei­se, Form, usw. – Au­toren wol­len Ent­wick­lun­gen oder pro­bie­ren Neu­es aus, da kann gar nicht al­les ge­fal­len (und viel­leicht auch: weil man sich selbst ver­än­dert und der Hin­ter­grund nicht gleich bleibt).

    #3

  4. Das ist ei­ne schö­ne und für al­lem be­grün­de­te Kri­tik. Letz­lich las ich zu Ali­ce Mun­ro in der F.A.Z. ei­nen Ar­ti­kel, von dem man dies nicht sa­gen konn­te. Ich ge­hö­re si­cher zu den Le­se­rin­nen, die sich (?) in der be­schrie­be­nen »Me­lan­ge aus Hoff­nungs­lo­sig­keit und Sehn­sucht« wie­der fin­den. An­de­rer­seits ge­fällt mir ge­ra­de die Di­stanz, die sich auf die Fra­ge nach dem »War­um?« ein­fach nicht ein­lässt. (Da­mit möch­te ich mich iden­ti­fi­zie­ren, kann es aber frei­lich nicht.) Ich fin­de auch nicht, dass es we­nig ist, wenn von ei­nem Text »das ei­ne oder an­de­re Bild« und Be­wun­de­rung für den Stil bleibt. Al­so: Ich ge­hö­re zu de­nen, die Ali­ce Mun­ro seit Jah­ren be­gei­stert le­sen. Ich ent­deck­te ei­ne ih­rer Ge­schich­ten im New Yor­ker (Mo­rel, der bei mir im Blog schreibt, wies mich dar­auf hin.) Das war ein Sog, der bis heu­te an­hält. Dan­ke für die­se Re­zen­si­on. Das Buch ha­be ich hier lie­gen (auf Eng­lisch), bin aber noch nicht da­zu ge­kom­men es zu le­sen. (Rom for­dert!) Herz­li­che Grü­ße M.

    #4

  5. @Melusine Bar­by
    Ich ha­be nicht un­be­dingt der Be­ant­wor­tung der Fra­ge nach dem »War­um« das Wort ge­re­det. Li­te­ra­tur braucht das »War­um« nicht »auf­zu­lö­sen« (um nicht den sa­lop­pen Be­griff des »lie­ferns« zu ver­wen­den). Den Mord an den drei Kin­dern muss mir ei­ne Er­zäh­lung nicht »er­klä­ren«. Aber die Per­son des Lloyd, des­sen Ver­dü­ste­rung und Wahn, wird mir nicht plau­si­bel. Die Er­zäh­le­rin, die nicht Doree/Fleur ist, leuch­tet das Le­ben der Frau nach dem Mord an ih­ren Kin­dern aus, wäh­rend die Per­son Lloyd selt­sam matt bleibt und in ei­ner Mi­schung aus psy­chi­schem Wrack und Eso­te­ri­ker ge­schil­dert wird.

    Na­tür­lich ge­schieht dies ab­sichts­voll. Mun­ro ver­sucht erst gar nicht, den Tä­ter zu psy­cho­lo­gi­sie­ren oder des­sen Tat zu er­klä­ren. Das gibt es ja auch zur Ge­nü­ge. In dem Do­ree am En­de ei­nem Mann das Le­ben mit den Mit­teln ret­tet, die sie bei Lloyd ge­lernt hat­te (er war Kran­ken­pfle­ger), wird die Tat an den Kin­dern so­zu­sa­gen »auf­ge­ho­ben«. Die »Schuld« der Mut­ter, die Kin­der ge­bo­ren zu ha­ben, die ihr Mann dann er­mor­det hat, ist ex­or­ziert. Hier liegt die Mo­ral die­ser Ge­schich­te: Hät­te Do­ree ih­ren Mann nicht ken­nen­ge­lernt, wä­re die­ser ver­un­fall­te Mann, dem sie das Le­ben ge­ret­tet hat, ge­stor­ben. Mun­ro spielt mit sol­cher Sym­bo­lik, die zum Teil ins re­li­gi­ös-me­ta­phy­si­sche drif­tet – oh­ne dies ex­pli­zit an­zu­spre­chen.

    Die Ge­schich­ten ka­men mir häu­fig wie Zu­falls­be­kannt­schaf­ten vor, mit de­nen man ins Ge­spräch kommt, viel­leicht so­gar ei­nen schö­nen Tag ver­bringt und dann nie mehr wie­der sieht.

    Mun­ro ist ei­ne gro­ße Sti­li­stin – und das Sie als Schrift­stel­le­rin dies be­wun­dern, ist ver­ständ­lich. Ich be­wun­de­re es auch. Aber die Küh­le ih­res Stils lässt mich am En­de doch eher kalt. Ich ha­be das Ge­fühl zum Voy­eur ge­macht zu wer­den, der mit gro­ßem Ge­schick der Au­torin Puz­zle­stein­chen zu­sam­men­zu­set­zen hat.

    Ähn­lich wie mich der ma­gi­sche Rea­lis­mus ei­nes Már­quez mit sei­ner über­bor­den­den Fa­bu­lier­lust über­for­dert (wenn­gleich es na­tür­lich gro­sse Li­te­ra­tur dar­stellt), so be­frem­det mich Mun­ros Ab­ge­klärt­heit, die auch manch­mal ein biss­chen wie ei­ne Po­se da­her­kommt.

    #5

  6. Ich ver­ste­he die­se »Käl­te« – und gut. Ei­ne Idee, aber bis­her eben bloß ein Ide­en­fun­ke, oh­ne dass ich das auf die Schnel­le belegen/zeigen, könn­te, wä­re, ob die­ses Emp­fin­den auch ge­schlechts­spe­zi­fi­sche Hin­ter­grün­de hat. Bleibt nicht sehr oft in der Li­te­ra­tur die Ge­stalt ei­ner Frau eben­so rät­sel­haft, un­ge­grün­det, dem Prot­ago­ni­sten wie ein Schick­sal be­geg­nend und ihn be­stim­mend? Und liegt nicht – viel­leicht – auch dar­in et­was, was Mun­ros Grö­ße aus­macht: dass bei ihr – ganz un­auf­ge­regt, oh­ne et­was be­wei­sen zu wol­len – es Män­ner sind, die so fremd blei­ben, so rät­sel­haft und – ja – auch so gleich­gül­tig. Mun­ro zeigt – und das mei­ne ich nun gar nicht ein­schrän­kend – ei­ne Welt von ei­nem weib­li­chen Blick­punkt her. Es wä­re wün­schens­wert, wenn man bis­wei­len er­ken­nen könn­te, dass viel gro­ße Li­te­ra­tur (die da­mit kei­nes­wegs ab­ge­wer­tet wird) eben ei­nen männ­li­chen Stand­punkt ein­nimmt. (Aber – wie ge­sagt – das ist nur ei­ne Idee!)

    #6

  7. Phorkyas sagt:

    @Melusine: da­mit schla­gen Sie aber bei mir Fun­ken,.. wohl aber den des Wi­der­spruchs. Die Re­zen­si­on er­in­ner­te mich ein we­nig an https://www.begleitschreiben.net/bjarte-breiteig-von-nun-an/ – des­sen Er­zäh­lun­gen mich ähn­lich kühl ge­las­sen ha­ben, auch wenn ich den Reiz der Leer­stel­len merk­te, den schnör­kel­los-schö­nen Stil moch­te, so hat die­se Ir­ri­ta­ti­on nicht viel mehr aus­ge­löst... Nur bin ich jetzt ge­ra­de selbst nicht mehr si­cher, ob das wirk­lich als Ge­gen­bei­spiel taugt, weil in die­sem Buch doch ge­ra­de häu­fig Frau­en der Prot­ago­nist sind (kann ich lei­der ge­ra­de nicht über­prü­fen).

    (Die­ses mit dem »Frau­en als Geheimnis«-Topos, das Sie an­deu­ten er­scheint mir aber sehr in­ter­es­sant, ging es doch auch bei Herrn Ra­nickis Streit dar­um

    #7

  8. @Phorkyas
    Ich glau­be, der Streit Löff­ler vs. MRR kann hier­für nicht her­hal­ten. Denn tat­säch­lich ha­ben bei­de ih­re ge­schlechts­spe­zi­fi­schen Rol­len ab­ge­spult: Frau Löff­ler sug­ge­rier­te bei MRR ei­ne ge­wis­se Al­ters­geil­heit und MRR wur­de eben­falls deut­lich un­ter­halb der Gür­tel­li­nie ak­tiv. Bei­de ver­fe­stig­ten Kli­schees. Am pein­lich­sten fand ich Ka­ra­sek, der sei­nem Men­tor bei­sprach statt zu ver­mit­teln. Na­ja.

    Ob es ei­ne spe­zi­fisch weib­li­che Sicht gibt? Neu­lich wie­der ein­mal von Frau Ra­disch her­aus­ge­stellt (im Li­te­ra­tur­club im Fern­se­hen). Viel­leicht soll­te man die­se Dif­fe­renz eher gen­der-mä­ßig kon­no­tie­ren.

    #8

  9. Ei­gent­lich, lie­ber Keu­sch­nig, woll­te ich ja ge­ra­de n i c h t auf ei­ne »spe­zi­fisch weib­li­che Sicht« hin­wei­sen (dar­über wird ja dau­ernd und über­all ge­nug ge­sagt), son­dern ver­deut­li­chen, dass wir es lau­fend mit ei­ner »spe­zi­fisch männ­li­chen Sicht« zu tun ha­ben, die sich als sol­che aber nicht zu er­ken­nen gibt oder er­kannt wird, son­dern All­ge­mein­gül­tig­keit be­haup­tet (und auch at­te­stiert be­kommt). Dies Miss­ver­ständ­nis in­des be­stä­tigt ja wie­der­um mich in m e i n e m (Vor-)urteil. ;-)

    #9

  10. Nana­na: Dass die do­mi­nie­ren­de Sicht von Welt ei­ne Kon­struk­ti­on (wei­ßer) Män­ner dar­stellt, ist ein nicht all­zu neu­er Ge­dan­ke ... ist ja nicht so, dass man das nir­gends hört (was nichts über den Wahr­heits­ge­halt aus­sagt).

    #10

  11. Selbst wenn man(n) das ab und an h ö r t (bzw. liest), b e d a c h t wird es doch bei der Be­ur­tei­lung der künst­le­ri­schen Pro­duk­ti­on (wei­ßer) Män­ner so gut wie nie – dass es sich mög­li­cher­wei­se um ei­ne sehr be­grenz­te Sicht auf Welt han­delt. Ich hö­re statt­des­sen al­lent­hal­ben, dass für »Qua­li­tät« das Ge­schlecht kei­ne Rol­le spie­le, selbst­ver­ständ­lich. Dass ge­ra­de die­je­ni­gen, die so re­den, im Bü­cher­schrank zu min­de­stens 80% die qua­li­täts­hal­ti­gen Wer­ke von (wei­ßen) Män­nern ste­hen ha­ben, kei­ne Kom­po­ni­stin­nen ken­nen und al­len­falls ei­ne Hand­voll bil­den­der Künst­le­rin­nen hat ein­wand­frei nur da­mit zu tun, dass »Qua­li­tät« eben vor al­lem von (wei­ßen) Män­nern für (wei­ße) Män­ner ge­lie­fert wird. Das ver­steht sich doch von selbst ;-).

    (Man­no­mann, ist die wie­der zickig. Im­mer das glei­che däm­li­che Gen­der-Ge­quat­sche ist. Hat man doch al­les schon ge­hört. Re­den wir mal über wirk­lich wich­ti­ge Sa­chen...)

    #11

  12. @Melusine Bar­by
    Re­den wir mal über wirk­lich wich­ti­ge Sa­chen…)
    Ger­ne.

    #12

  13. Phorkyas sagt:

    wirk­lich wich­ti­ge Sa­chen – Et­wa Li­te­ra­tur? Ich fin­de ja, die macht um so mehr Spaß, je un­wich­ti­ger sie ist. So­bald es um po­li­tisch-/ ge­sell­schaft­lich re­le­van­te Fra­gen ge­hen soll oder die wich­tig­sten Bü­cher des Jahr­zehnts, des Herb­stes, der Wo­che ver­han­delt wer­den sol­len, da er­greift mich der Flucht­re­flex.
    (Als die Gen­der­fra­ge hier so hoch­schwapp­te, spür­te ich in mir ei­ne ähn­li­che Ab­wehr­hal­tung auf­kei­men – da­bei ist es nicht be­denk­lich, wenn Sie selbst die­se schon als un­wich­tig ab­tun, Me­lu­si­ne? – nur ist´s viel­leicht nicht ge­ra­de der Ort,.. wo­bei mich in die­sem Zu­sam­men­hang auch ei­ne Kri­tik von Phil­ip Roth in­ter­es­sie­ren wür­de – die ich lei­der nicht lie­fern kann, da ich noch nichts von ihm ge­le­sen ha­be)

    #13

  14. @Phorkyas
    Mir er­geht es, was den Flucht­re­flex an­geht, ähn­lich, wenn mir ei­ne Wich­tig­keit oder ei­ne the­ma­ti­sche Re­le­vanz von au­ßen ein­ge­re­det wer­den soll. Da­her ver­su­che ich zu­meist das Feuil­le­ton zu igno­rie­ren, wenn ich mir vor­ge­nom­men ha­be, ein Buch zu le­sen. Das geht lei­der nicht im­mer; ei­gent­lich und streng ge­nom­men fast nie voll­stän­dig.

    Ich bin ein An­hän­ger des nai­ven Le­sens. Wenn ein Au­tor [hier als Neu­trum ge­wählt!] mir un­be­kannt ist, ist es mir recht. Am lieb­sten möch­te ich gar nichts über ihn wis­sen. Schon in klein­sten Ein­zel­hei­ten schlum­mert das Vor-Ur­teil, das Vor­ge­fer­tig­te, Ab­ruf­ba­re, An­ge­le­se­ne, Be­haup­te­te be­ginnt sich in den Le­se­ein­druck breit­zu­ma­chen. Das Ge­schlecht ist (fast im­mer) der Punkt, der sich am we­nig­sten ge­heim­hal­ten lässt. Bei Ali­ce Mun­ro kommt dann ja noch an­de­res An­ge­le­se­ne hin­zu – ob man will oder nicht. (Da­her mei­ne »Ein­lei­tung«.)

    Das »Ab­tun« als »Gen­der-Ge­quat­sche« ist viel­leicht nur ein sanf­tes Ko­ket­tie­ren. In Wirk­lich­keit er­mü­den mich sol­che De­bat­ten. Ich wies be­reits auf ei­ne Li­te­ra­tur­club-Sen­dung mit Frau Ra­disch hin. Als im Ge­spräch die männ­li­chen Dis­ku­tan­ten ge­gen ein Buch spra­chen, die weib­li­chen eher da­für, fiel ihr in ih­rer ar­gu­men­ta­ti­ven Hilf­lo­sig­keit nichts an­de­res ein, als ei­nen Man­n/­Frau-Ge­gen­satz zu er­ken­nen.

    Ich glau­be, dass es sol­che Dif­fe­ren­zen tat­säch­lich gibt. War­um auch nicht? Und Me­lu­si­ne hat hier Ar­gu­men­te ge­lie­fert; das ge­schieht im Rah­men sol­cher Dis­kus­sio­nen eher sel­ten. All­zu häu­fig wer­den die­se Ka­te­go­ri­sie­run­gen als end­gül­ti­ge Ur­tei­le prä­sen­tiert. Da­mit ent­le­digt man sich vor­sorg­lich der Dis­kus­si­on und lässt – schön post­mo­dern – al­les gel­ten.

    #14

  15. @Melusine Bar­by

    Ich ten­die­re im­mer mehr zum Kon­struk­ti­vis­mus: All­zu ri­gi­de An­sprü­che auf Deu­tungs­ho­heit in­ter­es­sie­ren mich im­mer we­ni­ger: Wer mir sei­ne Sicht mit­tei­len will, kann das ger­ne tun, ich wer­de aber miss­trau­isch, wenn ich so­fort fol­gen soll. Wenn mir das, was je­mand zu sa­gen hat »ge­fällt«, dann wird sich mein Stand­punkt oh­ne­hin ver­än­dern – so­viel Re­la­ti­vis­mus darf es schon sein.

    #15

  16. Pingback: Alice Munro: Über die Erzählung “Manche Frauen” aus dem Band “Zu viel Glück” « Der Buecherblogger

  17. Funke Elke sagt:

    Ich ha­be von Mun­roe ei­ni­ges ge­le­sen und auch über sie. Ei­gent­lich nur Po­si­ti­ves und da ich da­mit so mei­ne Pro­ble­me ha­be, ha­be ich jetzt mal nach Kri­ti­ken ge­sucht und bin so auf die­ser Sei­te ge­lan­det.- Sehr in­ter­es­sant und ich wer­de mir ei­ni­ges da­zu über­le­gen. Für fun­dier­te Kom­men­ta­re ha­be ich jetzt ge­ra­de kei­ne Zeit und auch viel­leicht nicht die nö­ti­ge Kom­pe­tenz. Nur so viel, all das , was hier so ge­lobt wird, fin­de ich ei­gent­lich ziem­lich pro­ble­ma­tisch und den Ver­gleich mit Tsche­chov to­tal da­ne­ben. Na ja, ich wer­de mir die Sa­che noch ge­nau­er über­le­gen.

    #16