Al Qai­da – Tex­te des Ter­rors (III)

  • Ab­dul­lah Az­zam

Gilles Kepel / Jean-Pierre Milleli: Al-Qaida - Texte des Terrors

Gil­les Ke­pel / Jean-Pierre Mil­le­li: Al-Qai­da – Tex­te des Ter­rors


Az­zam wird all­ge­mein als der „gei­sti­ge Va­ter“ des Al-Qai­da Ter­ro­ris­mus be­zeich­net. Sei­ne Bio­gra­phie ist recht bruch­stück­haft über­lie­fert. Der 1941 im West­jor­dan­land ge­bo­re­ne Sohn ei­nes Le­bens­mit­tel­händ­lers (die Fa­mi­lie ist weit ver­zweigt), galt als klu­ges, wiss­be­gie­ri­ges Kind. Als Ju­gend­li­cher kam Az­zam in die Krei­se der Mus­lim­brü­der. Er wur­de Leh­rer, bis er sich An­fang der 60er Jah­re zur Auf­ga­be des Be­ru­fes ent­schlos­sen ha­ben muss. Er schrieb sich 1963 an der Uni­ver­si­tät von Da­mas­kus ein, stu­dier­te mus­li­mi­sches Recht und mach­te dort 1966 sei­nen Ab­schluss. Sei­ne Ar­beit hat­te den Ti­tel „Die Auf­lö­sung der Ehe in der is­la­mi­schen Rechts­spre­chung und dem bür­ger­li­chen Recht“.

Nach dem Sechs­ta­ge­krieg im Ju­ni 1967 emi­grier­te (floh?) Az­zam mit sei­ner Fa­mi­lie nach Jor­da­ni­en, d. h. er kam zu­nächst in ei­nem Flücht­lings­la­ger in al-Zar­qa un­ter (üb­ri­gens der Hei­mat­stadt von al-Zar­qa­wi), sie­del­te je­doch schnell in die Nä­he von Am­man, wo er an ei­ner Mäd­chen­schu­le un­ter­rich­te­te. 1968 schrieb sich Az­zam an der re­nom­mier­ten Al-Az­har-Uni­ver­si­tät in Kai­ro ein, wo er 1969 ein Ex­amen in is­la­mi­schem Recht ab­leg­te. 1970 ging Az­zam wie­der zu­rück nach Jor­da­ni­en.

Sei­ne Rol­le im pa­lä­sti­nen­si­schen Dschi­had der 70er Jah­re ist nicht ganz klar; hier gibt es teil­wei­se wi­der­sprüch­li­che Quel­len. Ver­mut­lich wird sein En­ga­ge­ment von sei­nen An­hän­gern be­deu­ten­der dar­ge­stellt, als es in Wirk­lich­keit war.

1971 ge­riet Az­zam in Kai­ro (wie­der an der Al-Az­har-Uni­ver­si­tät) in den Strom ra­di­ka­ler Kräf­te (an der Spit­ze Saiy­id Qutb, der spä­ter hin­ge­rich­tet wur­de). Az­zam ver­liess das Land 1973 mit dem Dok­tor­ti­tel in mus­li­mi­schem Recht – und ver­mut­lich mit ei­nem Netz­werk von Ver­bin­dun­gen in die ra­di­kal-is­la­mi­sti­sche Sze­ne, spe­zi­ell Ägyp­tens.

Von 1973 an lehr­te Az­zam nach kur­zem Zwi­schen­spiel in der Re­gie­rungs­ver­wal­tung wie­der an der Uni­ver­si­tät in Am­man, Jor­da­ni­en. Er war in­zwi­schen ei­ne hoch ein­fluss­rei­che Per­sön­lich­keit, galt als re­nom­mier­ter Ex­per­te für is­la­mi­sches Recht. Az­zam ge­riet mehr und mehr in Kon­flikt mit den Be­hör­den, de­nen die im­mer wei­ter­ge­hen­den po­li­ti­schen Di­men­sio­nen sei­ner Re­den hin zu ei­nem ra­di­kal-or­tho­do­xen Is­lam­ver­ständ­nis zu weit gin­gen. Als er sich 1980 über ei­ne Ka­ri­ka­tur, in der Geist­li­che als ame­ri­ka­ni­sche Spio­ne ver­spot­tet wur­den, ent­rü­ste­te, schau­kel­te sich sein Pro­test der­ar­tig hoch, dass er des Am­tes ent­ho­ben wur­de.

Mit­te 1980 ver­liess Az­zam Jor­da­ni­en und wur­de kurz Pro­fes­sor an der Kö­nig-Saud-Uni­ver­si­tät in Dschid­da. Ob Osa­ma Bin La­den, der zur glei­chen Zeit dort Wirt­schafts­leh­re stu­dier­te, Az­zam ken­nen­lern­te, wird all­ge­mein be­zwei­felt. Auf ei­ner Mek­ka-Pil­ger­fahrt im Ok­to­ber 1980 be­geg­ne­te Az­zam Scheich Ka­mal al-Sana­ni­ri, der vom Dschi­had ge­gen die Un­gläu­bi­gen in Af­gha­ni­stan seit 1979 be­seelt war. Al-Sana­ni­ri über­zeug­te Az­zam – er brach 1981 über Pa­ki­stan nach Af­gha­ni­stan auf. Dort traf er mit Bin La­den zu­sam­men und grün­de­te das „Dienst­lei­stungs­bü­ro“ (in Pe­scha­war), ei­ne Re­kru­tie­rungs­stel­le für Frei­wil­li­ge ge­gen den Kampf der so­wje­ti­schen Be­sat­zung, die dann, ab 1984 in ent­spre­chen­de Aus­bil­dungs­la­ger (die in Af­gha­ni­stan ge­grün­det wur­den) ver­bracht wur­den. Das „Dienst­lei­stungs­bü­ro“ kann als Keim­zel­le von Al-Qai­da gel­ten (Al-Qai­da heisst im Ara­bi­schen auch „die Ba­sis“.)

Az­zam kann rück­wir­kend wie ein „Bot­schaf­ter des Dschi­hads“ be­trach­tet wer­den. Un­er­müd­lich such­te er Un­ter­stüt­zer und Geld und un­ter­nahm sehr vie­le Rei­sen, u. a. auch meh­re­re in die USA (wo es üb­ri­gens nie Pro­ble­me bei der Ein- oder Aus­rei­se gab). Selbst dort ge­lang es ihm „Dienst­lei­stungs­bü­ros“ ein­zu­rich­ten, über die Mus­li­me Kon­takt auf­neh­men konn­ten, um dann mit der Waf­fe die So­wjets in Af­gha­ni­stan zu ver­trei­ben.

Ne­ben zahl­rei­chen Äm­tern in is­la­mi­schen Wohl­fahrts­or­ga­ni­sa­tio­nen war Az­zam auch ein pro­duk­ti­ver Au­tor, der in zahl­rei­chen Ar­ti­keln, Re­den, Bü­chern und In­ter­views die „Ideo­lo­gie“ des Dschi­hads ent­wickel­te. Er sah sich als Den­ker und Schrift­stel­ler.

Die Hin­ter­grün­de sei­nes To­des 1989, als er in Pe­scha­war von ei­ner Bom­be ge­tö­tet wur­de, sind un­klar. Es ist ei­ne Stär­ke des Tex­tes von Tho­mas Hegg­ham­mer, dass er über­mä­ssi­ge Spe­ku­la­tio­nen ver­mei­det. Tat­sa­che dürf­te sein, dass Az­zams An­sich­ten de­nen von Bin La­den zu­neh­mend wi­der­spra­chen.

Ob­wohl er in der Aus­wahl der Kämp­fer of­fen­sicht­lich nicht – wie Bin La­den – je­den Frei­wil­li­gen neh­men woll­te, son­dern auch auf die ideo­lo­gisch-re­li­giö­se Lau­ter­keit des Kämp­fers Wert leg­te (al­so bei­spiels­wei­se ei­ne ge­wis­se Bil­dung vor­aus­setz­te, aber auch Aus­bil­dung an der Waf­fe – sie­he Die fe­ste Ba­sis), gilt Az­zam als „ge­mä­ssig­ter“ als Bin La­den, der of­fen­sicht­lich be­reits sehr früh den Dschi­had auch das Ter­ri­to­ri­um des Fein­des ein­be­zie­hen woll­te, wäh­rend Az­zam der Mei­nung war, kei­ne At­ten­ta­te ge­gen das bzw. im Ge­biet „fer­ner Fein­de“ zu un­ter­neh­men. Az­zams Vor­stel­lung war eher die ei­nes Gue­ril­la­krie­ges, wäh­rend Bin La­den wohl früh als Apo­lo­get des Ter­rors gel­ten muss.

Den­noch ist der Ein­fluss Az­zams auf Al-Qai­da in viel­fa­cher Hin­sicht prä­gend ge­we­sen. Er hat den af­gha­ni­schen Dschi­had in sei­nen spä­ten Schrif­ten zu ei­nem welt­wei­ten Kon­flikt aus­ge­dehnt, d. h. über­all dort, wo Mus­li­me von „Un­gläu­bi­gen“ un­ter­drückt wer­den, ist es die Pflicht je­des Gläu­bi­gen, den Kampf auf­zu­neh­men. Aus­führ­lich er­läu­tert Hegg­ham­mer die ideo­lo­gi­sche Di­men­si­on von Az­zams Den­ken, wel­ches heu­te noch gilt, al­ler­dings sehr wohl „ver­fei­nert“ bzw. ra­di­ka­li­siert wur­de.

In den Tex­ten Az­zams kann man den Sin­nes­wan­del von der „kol­lek­ti­ven Pflicht“ zum Dschi­had zur „per­sön­li­chen Pflicht“ ei­nes je­den Mus­li­men zum Kampf ge­gen den Un­gläu­bi­gen aus­ma­chen. Hin­zu kommt, das „Dschi­had“, al­so der Hei­li­ge Krieg als phy­si­scher, be­waff­ne­ter Kampf de­fi­niert wird; die ur­sprüng­li­che Be­deu­tung könn­te auch »in­tel­lek­tu­el­ler Kampf« in­ter­pre­tiert wer­den. Hier­von ist bei Az­zam kei­ne Re­de mehr.

Je­der Mus­lim hat nun ak­tiv (phy­sisch) und mit der Waf­fe dem Hei­li­gen Krieg zu fol­gen. Wäh­rend bei der „kol­lek­ti­ven Pflicht“ noch Geld­mit­tel oder eher pas­si­ve „Hil­fe“ aus­reich­ten (Ge­be­te; mo­ra­li­sche Un­ter­stüt­zung; zi­vi­ler Un­ge­hor­sam ge­gen­über „welt­li­chen“ In­sti­tu­tio­nen, wie Be­hör­den oder Äm­tern), be­deu­tet der Schwenk zur „per­sön­li­chen Pflicht“ nichts ge­rin­ge­res als die Un­ter­ord­nung al­ler Be­dürf­nis­se für das ober­ste Ziel, die Un­gläu­bi­gen zu be­kämp­fen.

Akri­bisch ent­wirft Az­zam, wer von die­se Pflicht aus­ge­nom­men ist – es sind we­ni­ge Per­so­nen­grup­pen; so­gar Blin­de ha­ben im Rah­men ih­rer Mög­lich­kei­ten Ver­pflich­tun­gen. Der Dschi­had setzt auch die „nor­ma­len“ so­zia­len Ge­pflo­gen­hei­ten au­sser Kraft, so ist es bei­spiels­wei­se Frau­en ge­stat­tet, oh­ne Ge­neh­mi­gung ih­res Man­nes in den Dschi­had zu zie­hen.

In Sit­ten und Recht des Dschi­hads wer­den de­tail­liert die ver­bind­li­chen Ge­setz­mä­ssig­kei­ten fest­ge­legt. Das zu le­sen, ist teil­wei­se schwer er­träg­lich. Der Text ist ex­trem men­schen­ver­ach­tend. So wird bei­spiels­wei­se aus­gie­big ent­wickelt, wann Mön­che zu tö­ten sind (wenn sie in das so­zia­le Ge­fü­ge der Ge­sell­schaft, die zu „be­frei­en“ gilt, ein­ge­bun­den sind) und wann sie nicht ge­tö­tet wer­den sol­len (wenn sie als Ein­sied­ler le­ben). In­so­fern re­la­ti­viert sich das o. g. Wort des „ge­mä­ssig­ten“ Az­zam sehr deut­lich.

Az­zam un­ter­schei­det zwi­schen dem „of­fen­si­ven Dschi­had“, al­so der Ver­brei­tung des Is­lam auch in nicht-is­la­mi­sche Län­der und dem „de­fen­si­ven Dschi­had“, dem Ver­trei­ben der Un­gläu­bi­gen aus un­se­ren Län­dern. Die zi­tier­ten Tex­te las­sen den Schluss zu, dass zu­nächst ein­mal der de­fen­si­ve Dschi­had Prio­ri­tät hat. Al­ler­dings weist Az­zam sehr wohl auf die zahl­rei­chen Re­bel­len- und Se­zes­si­ons­grup­pen in der Welt hin, die dort als „un­ter­drück­te“ Mus­li­me ge­se­hen wer­den (bei­spiels­wei­se Chi­na, Phil­ip­pi­nen, Kasch­mir). Ge­le­gent­lich gibt es auch sehr de­zi­dier­te For­mu­lie­run­gen, die ein Welt­macht­stre­ben er­ken­nen las­sen: Wir kön­nen so­gar sa­gen, dass der Zweck des Dschi­hads (der Kampf) dar­in be­steht, die Schran­ken nie­der­zu­rei­ssen, die die­se Re­li­gi­on da­von ab­hal­ten, sich über den egas­am­ten Erd­kreis aus­zu­brei­ten.

Ein sehr wich­ti­ger Punkt, auf den im Buch mehr­fach hin­ge­wie­sen wird, ist, dass Az­zam das Mär­ty­rer­tum sehr ge­schickt in sei­ne or­tho­do­xe Aus­le­gung des Is­lam und sei­ne Ideo­lo­gie des Hei­li­gen Krie­ges ein­ge­bun­den hat. Mit die­ser, sei­ner In­ter­pre­ta­ti­on des Mär­ty­rer­tums, muss Az­zam wohl als der „Er­fin­der“ (min­de­stens je­doch der „Wie­der­ent­decker“) der Selbst­mord­at­ten­ta­te gel­ten.

Dass der Kampf auf dem We­ge Got­tes statt­fin­det („Wer kämpft, da­mit das Wort das Wort Got­tes den Sieg da­von­trägt, ist auf dem We­ge Got­tes.“), das ist ein an­er­kann­ter Ha­dith. Das ist ein Text, der Ge­set­zes­kraft be­sitzt. Wer in der Ab­sicht, dem Is­lam bei­zu­ste­hen, ge­tö­tet wor­den ist, ist ein Mär­ty­rer, an­dern­falls ist er es nicht.

Die „Be­loh­nun­gen“ wer­den üb­ri­gens an an­de­rer Stel­le in Form ei­nes „ech­ten“ Ha­diths zi­tiert:

Dies sind die sie­ben Ver­gün­sti­gun­gen, die dem Mär­ty­rer ge­währt wer­den: schon ab dem er­sten Bluts­trop­fen, der ver­gos­sen wird, wer­den ihm sei­ne Sün­den ver­ge­ben; er er­blickt sei­nen Platz im Pa­ra­dies; er trägt das Ge­wand des Glau­bens; er hei­ra­tet 62 Hu­ri­s¹; er er­lei­det nicht die Qua­len des Gra­bes; er wird nicht vom gro­ssen Schrecken heim­ge­sucht; er wird mit ei­nem Szep­ter der Wür­de aus Edel­stei­nen ge­krönt, die kost­ba­rer sind als die Welt und ih­re Schät­ze; er darf sich für sech­zig Per­so­nen aus sei­ner Fa­mi­lie ver­bür­gen.

¹Zu den Won­nen (ka­ra­mat), die dem Mär­ty­rer nach sei­nem Tod ge­währt wer­den, ge­hö­ren auch die 62 Hu­ris (al-hur), die ihn im Pa­ra­dies er­war­ten. Die­se Jung­frau­en von au­sser­ge­wöhn­li­cher Schön­heit sind ein wich­ti­ges Ele­ment der Vor­stel­lun­gen, die in der is­la­mi­schen Über­lie­fe­rung mit dem Mär­ty­rer­tod verb­nun­den wer­den.

  • Ay­man al-Za­wa­hi­ri

Al-Za­wa­hi­ri gilt der­zeit als die Num­mer Zwei bei Al-Qai­da, hin­ter Osa­ma Bin La­den. Auf Vi­de­os sind sie oft zu­sam­men zu se­hen. Sté­pha­ne La­croix stellt im Ein­füh­rungs­text al-Za­wa­hi­ri als Vor­den­ker des 11. Sep­tem­ber dar, was in spä­te­ren Zi­ta­ten (auch in den Tex­ten Bin La­dens) nicht schlüs­sig be­legt wird. Über­haupt hat der Text di­ver­se Män­gel und ent­hält teil­wei­se un­nö­ti­ge, sich selbst oder an­de­ren Tex­ten wi­der­spre­chen­de For­mu­lie­run­gen, so wird bei­spiels­wei­se Bin La­den im­mer noch als „Mil­li­ar­där“ be­zeich­net.

Aus­führ­lich wird al-Za­wa­hi­ris Le­bens­weg in­ner­halb der ägyp­ti­schen Is­la­mi­sten­sze­ne be­schrie­ben; ge­le­gent­lich sind die De­tails hier­über er­mü­dend und zu aus­schwei­fend.

Al-Za­wa­hi­ri wird 1951 ge­bo­ren, ent­stammt ei­ner eher kos­mo­po­li­tisch ori­en­tier­ten Ober­schicht und wächst in ei­nem Vor­ort von Kai­ro auf. Früh fühlt er sich den or­tho­dox-re­li­giö­sen Krei­sen der ägyp­ti­schen Mus­lim­brü­der ver­bun­den. Er stu­diert, wird Arzt (Chir­urg) und ar­bei­tet in ei­nem Kran­ken­haus der Bru­der­schaft. Sein re­li­giö­ser Ei­fer und sei­ne sehr in­di­rek­ten Ver­strickun­gen in den Mord um den da­ma­li­gen ägyp­ti­schen Prä­si­den­ten An­war as-Sa­dat brin­gen ihn 1981 ins Ge­fäng­nis. Merk­wür­di­ger­wei­se wird al-Za­wa­hi­ri aus­ge­rech­net dort zu ei­nem (viel­leicht dem) Füh­rer der ra­di­kal-is­la­mi­schen Be­we­gung Ägyp­tens. 1984 wird er frei­ge­las­sen und schliesst sich sehr schnell dem Wi­der­stand in Af­gha­ni­stan an. Da die is­la­mi­sti­sche Sze­ne in Ägyp­ten aus dem Land flieht (es gibt har­te Re­pres­sa­li­en), ver­sucht er in der „Dia­spo­ra“ die­se Kräf­te zu bün­deln.

La­croix schreibt, al-Za­wa­hi­ri hät­te von An­fang an oh­ne Kon­sul­ta­ti­on des da­mals sehr stark en­ga­gier­ten Az­zam (an der Sei­te Bin La­dens) agiert und qua­si ri­va­li­sie­rend, aut­ark von ihm ei­ne Dschi­ha­di­sten­be­we­gung im­ple­men­tiert. Nach Az­zams Tod 1989 sei­en er und Bin La­den un­zer­trenn­lich. Da­mit sug­ge­riert er ei­ne Ver­strickung von al-Za­wa­hi­ri was das At­ten­tat an Az­zam an­geht.

Nach Az­zams Tod fun­giert al-Za­wa­hi­ri als Ideo­lo­ge. La­croix geht so­gar so weit zu be­haup­ten, dass al-Za­wa­hi­ri nach den An­schlä­gen vom 11. Sep­tem­ber 2001 als Ge­dächt­nis der Be­we­gung zu be­trach­ten sei; Bin La­den sei nur noch cha­ris­ma­ti­sche Fi­gur und Sym­bol­ge­stalt. Er be­legt dies mit der stär­ke­ren me­dia­len Prä­senz al-Za­wa­hi­ris seit dem Ok­to­ber 2002; de­tail­liert wer­den sei­ne von Al-Dscha­si­ra aus­ge­strahl­ten Bot­schaf­ten auf­ge­zählt; in die­ser Zeit gibt es von Bin La­den sehr viel we­ni­ger Auf­trit­te.

Von den vier aus­ge­such­ten Tex­ten al-Za­wa­hi­ris sind zwei auf den er­sten Blick for­mal sehr wi­der­sprüch­lich. Ei­ner, Rit­ter un­ter dem Ban­ner des Pro­phe­ten, ist ein eher jour­na­li­sti­scher Text, der 2001 in ei­ner „pan­ara­bi­schen“ Zei­tung er­schien und an ei­ni­gen Text­stel­len von der Re­dak­ti­on re­di­giert wor­den sein dürf­te. Der zwei­te, 2002 ent­stan­de­ne, we­sent­lich in­ter­es­san­te­re, Die Treue und der Bruch, ist ein auf un­end­lich vie­len Ko­ran­zi­ta­ten ba­sie­ren­des, un­per­sön­li­ches Kon­vo­lut, wel­ches da­mit den auf spi­ri­tu­el­len Ge­biet aus­ge­wie­se­nen Lai­en al-Za­wa­hi­ri auch als re­li­giö­sen Füh­rer aus­wei­sen soll.

Al-Za­wa­hi­ri „be­legt“ hier ein­deu­tig nicht nur die Not­wen­dig­keit, son­dern die Pflicht je­des Mus­lim, in den Hei­li­gen Krieg zu zie­hen. Die Mas­se der Ko­ran­zi­ta­te, manch­mal nach we­ni­gen Sei­ten im­mer wie­der die glei­chen Su­ren red­un­dant zi­tie­rend, soll ei­ne un­er­schüt­ter­li­che, le­gi­ti­mier­te Deu­tungs­ho­heit sug­ge­rie­ren. Al-Za­wa­hi­ri geht wei­ter als Az­zam, da er die in­di­vi­du­el­le, per­sön­li­che Pflicht zum Dschi­had als not­wen­dig für die Um­ma, der Ge­mein­schaft der Mus­li­me (die nicht nur re­li­gi­ös kon­no­tiert ist, son­dern sehr wohl auch so­zia­le Kom­po­nen­ten auf­weist) be­trach­tet.

Den ma­te­ri­el­len Wohl­stand (des We­stens) greift al-Za­wa­hi­ri an, als den Ver­lust des Wis­sens um das Ge­bot des Gu­ten und des Ver­bots des Schlech­ten – ein im­mer wie­der­keh­ren­der Pas­sus, der die Ver­derb­heit der „Schrift­völ­ker“ (Chri­sten- und Ju­den­tum) sug­ge­rie­ren soll.

Al-Za­wa­hi­ri lehnt aber nicht nur die „gott­lo­sen Ty­ran­nen“ ab, al­so die sä­ku­la­ren Olig­ar­chen der is­la­mi­schen Staa­ten (wie bei­spiels­wei­se Hos­ni Mu­ba­rak in Ägyp­ten), son­dern auch die (west­li­che) De­mo­kra­tie:

Die De­mo­kra­tie ist ei­ne neue Re­li­gi­on, denn da, wo im Is­lam die Ge­setz­ge­bung von Gott (ge­rühmt sei Er!) kommt, kommt sie in der De­mo­kra­tie dem Volk zu. Es han­delt sich durch­aus um ei­ne neue Re­li­gi­on, die auf der Ver­gött­li­chung des Vol­kes be­ruht und die dem Volk das Recht Got­tes so­wie des­sen At­tri­bu­te ver­leiht.

Mit dem Re­kurs, dass aus­schliess­lich Got­tes Ge­setz­ge­bung zu gel­ten ha­be, wird im­pli­zit die Deu­tungs­ho­heit hier­für be­an­sprucht und be­haup­tet. Man könn­te sa­gen, dass al-Za­wa­hi­ri sich selbst min­de­stens teil­wei­se auf „gött­li­che“ Stu­fe stellt. Das ist ver­mut­lich im Sin­ne des Ko­ran un­is­la­misch, da, das wird sehr oft po­stu­liert, der letz­te Pro­phet Mo­ham­med war. Letzt­lich han­delt es sich al­so um nichts an­de­res als ei­ne spi­ri­tua­li­sier­te Form des Fa­schis­mus.

Es lohnt sich, die Aus­zü­ge aus Die Treue und der Bruch durch­zu­ar­bei­ten, auch wenn es ge­le­gent­lich gro­sser Ge­duld be­darf. Al-Za­wa­hi­ri geht 2002 be­reits deut­lich wei­ter als Bin La­den 2004 in Bot­schaft für das ame­ri­ka­ni­sche Volk. Er po­stu­liert nichts an­de­res als ei­nen glo­ba­len Dschi­had, ei­nen An­griffs­krieg ge­gen al­le und je­den, die nicht im Sin­ne der selbst­er­nann­ten Ex­ege­ten le­ben und han­deln.

Der Be­zug, der mit mög­lichst al­ten und au­then­ti­schen Ha­diths be­legt wer­den soll, steht in der Tra­di­ti­on or­tho­dox-sun­ni­ti­scher, wah­ha­bi­tisch-sala­fi­sti­scher Ex­ege­ten, u.a. auch des 18. Jahr­hun­derts und geht gleich­zei­tig weit über sie hin­aus. So ge­stat­tet sich al-Za­wa­hi­ri in ei­nem an­de­ren Text, die Fat­wa des wah­ha­bi­ti­schen, sehr hoch an­ge­se­hen Re­li­gi­ons­ge­lehr­ten Ben Baz (1909–1999) an­zu­grei­fen, die das Her­ein­ho­len der US-Trup­pen nach Sau­di Ara­bi­en recht­fer­ti­gen soll­te (wir er­in­nern uns, al-Za­wa­hi­ri ist aus­ge­bil­de­ter Arzt!).

Lei­der all­zu sel­ten – wenn die selbst er­nann­ten Ex­ege­ten „er­wischt“ wer­den: Wenn al-Za­wa­hi­ri Be­wei­se für die not­wen­di­ge Ab­leh­nung des nicht­mus­li­mi­schen an­dern zi­tiert, und nur den Is­lam als ein­zig wah­re Re­li­gi­on gel­ten lässt (und auch den „Ab­trün­ni­gen“ den Tod wünscht, al­so die­je­ni­gen Mus­li­me, die nicht nach den „wah­ren“ Vor­stel­lun­gen le­ben), so wird die Zwie­späl­tig­keit sei­ner Aus­le­gung ge­le­gent­lich selbst ei­nem Lai­en of­fen­bar:

{O ihr Un­gläu­bi­gen, euch eu­re Re­li­gi­on und mir mei­ne Re­li­gi­on} [109, 1–6]

Im Kom­men­tar hier­zu wird er­klärt, dass ex­akt die­se Stel­le ge­mä­ssig­ten Aus­le­gern als Be­leg für ein mög­li­ches „Ne­ben­ein­an­der“ der Re­li­gio­nen gilt.

4. und letz­ter Teil folgt


Tei­le: III
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