Pas­cal Mer­cier: Der Fluss der Zeit

Pascal Mercier: Der Fluss der Zeit
Pas­cal Mer­cier: Der Fluss der Zeit

Vom 2023 ver­stor­be­nen Pas­cal Mer­cier kennt man vor al­lem den Nacht­zug nach Lis­sa­bon, sein größ­ter Er­folg; ver­filmt mit Je­re­my Irons und Bru­no Ganz, wo­bei der Au­tor mit der Um­set­zung sei­nes Ro­mans ins­be­son­de­re was die Dia­lo­ge an­ging, ha­der­te, um es freund­lich aus­zu­drücken. Mer­ciers Werk blieb mit ins­ge­samt vier Ro­ma­nen und ei­ner No­vel­le über­schau­bar. Nun wer­den erst­mals fünf klei­ne Er­zäh­lun­gen aus dem Nach­lass un­ter dem Ti­tel Der Fluss der Zeit pu­bli­ziert.

In Die Über­ga­be gibt es ei­nen Mann, der in ein Pfle­ge­heim über­sie­deln muss und sein seit 99 Jah­ren in der Fa­mi­lie be­find­li­ches Haus an die neu­en Käu­fer über­ge­ben möch­te. Es ent­wickelt sich ei­ne von ihm in­sze­nier­te, stun­den­lan­ge, selt­sa­me Füh­rung durch die Räum­lich­kei­ten. Kurz nach der Ver­ab­schie­dung klin­gelt der Mann noch mehr­mals, um das ein oder an­de­re noch zu kor­ri­gie­ren oder Ver­ges­se­nes mit­zu­neh­men, um dann, als letz­te Ge­ste, et­was Merk­wür­di­ges zu tun.

Auch in Die Woh­nung geht es um ei­ne Im­mo­bi­lie. Ein gut sa­tu­rier­tes Ehe­paar der Ober­schicht lernt ei­nen jun­gen, auf­stre­ben­den, aber ak­tu­ell ver­letz­ten Pia­ni­sten ken­nen, dem droht, sei­ne ge­lieb­te und in­spi­rie­ren­de Woh­nung durch ei­nen Ei­gen­tü­mer­wech­sel zu ver­lie­ren. Sie be­schlie­ßen, die Woh­nung mit dem Geld ei­ner Erb­schaft zu kau­fen. Aber dann? Von ihm Mie­te neh­men? Ihn miet­frei woh­nen las­sen? Oder gar ihm die Woh­nung schen­ken? Wird nicht der Druck der Dank­bar­keit das Ge­fühl der Frei­heit über­la­gern?

In der letz­ten Ge­schich­te, Die Man­sar­de, geht es eben­falls vor­der­grün­dig um ei­ne Woh­nung – eben ei­ne Man­sar­de in Hei­del­berg, in der ein Pro­fes­sor der Lin­gu­istik vor vier­zig Jah­ren vier Se­me­ster sei­nes Stu­di­ums ge­lebt hat­te. Statt sich auf dem Kon­gress die Re­de ei­nes aka­de­mi­schen Wi­der­sa­chers an­zu­hö­ren, sucht er das Haus mit der Man­sar­de auf, klin­gelt bei sei­nem da­ma­li­gen Ver­mie­ter­ehe­paar und wird herz­lich auf­ge­nom­men. Wenn er von sich und sei­nem Wer­de­gang er­zäh­len soll, stockt er bis­wei­len. Er bit­tet, in sei­ner ehe­ma­li­gen Man­sar­de, die fast un­ver­än­dert ist, ein oder zwei Näch­te schla­fen zu dür­fen. Die Er­in­ne­run­gen an die un­be­schwer­te Zeit des Stu­di­ums, die Vor­stel­lun­gen im Pro­gramm­ki­no und die Ro­ma­ne von Ray­mond Chand­ler sol­len die Zeit und das Le­bens­ge­fühl zu­rück­brin­gen. Zu­nächst lässt man sich von den Schil­de­run­gen, dem Schwel­gen in der Ver­gan­gen­heit, der Un­be­schwert­heit hin­rei­ßen. Dann je­doch durch­lebt der Prot­ago­nist sei­ne Er­nüch­te­run­gen; der Ver­such, die Zeit an­zu­hal­ten, droht zu schei­tern, aber es er­gibt sich auch da­durch et­was Neu­es.

Am schwäch­sten ist die Er­zäh­lung über das War­ten auf ei­nen Be­fund – ist es Krebs oder nicht? Sehr skur­ril und un­ter­halt­sam hin­ge­gen Töd­li­cher Lärm um den Bus­fah­rer und an­ge­hen­den Le­ser Wil­helm, der im Lau­fe der Jah­re im­mer stär­ker un­ter Ge­räusch­über­emp­find­lich­kei­ten litt und da­bei von sei­nem Stief­sohn der­art in den Wahn­sinn ge­trie­ben wur­de, dass er sich über die Brü­stung ei­nes ita­lie­ni­schen Ho­tel­bal­kons aus dem Fen­ster in den Tod stürz­te. Der Er­zäh­ler ist der Kom­mis­sar, der die Le­bens­ge­schich­te des Man­nes durch die Er­zäh­lun­gen sei­ner Frau in Er­fah­rung bringt. Am En­de er­scheint der Sui­zid nicht nur un­aus­weich­lich, son­dern als letz­ter Akt der Selbst­be­stim­mung.

Im Klap­pen­text wird Mer­cier als »Mei­ster des phi­lo­so­phi­schen Er­zäh­lens« ge­prie­sen. Der in­ter­es­sier­te Le­ser soll sich von die­ser Aus­sa­ge nicht von der Lek­tü­re ab­hal­ten las­sen. Ja, die Be­find­lich­kei­ten von Mer­ciers Fi­gu­ren nei­gen trotz der ei­gent­lich knap­pen Form ge­le­gent­lich zur Opu­lenz und en­gen dann dem Le­ser den In­ter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum ein. Aber den­noch strah­len sie in be­stimm­ten Mo­men­ten ei­ne selt­sam-hei­te­re, fast an­rüh­ren­de Me­lan­cho­lie aus, die den­noch nie in rüh­ri­ge Al­ters-Sen­ti­men­ta­li­tät ab­glei­tet. Man ist am En­de froh, die­se manch­mal Gleich­nis­sen ähn­li­chen Er­zäh­lun­gen ge­le­sen zu ha­ben.

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