Wi­der die Kir­che als »Mar­ke«

Chri­sti­an Nürn­ber­gers flam­men­de Po­le­mik im letz­ten »Süd­deut­sche Zei­tung Ma­ga­zin« »Ko­rin­ther 9,99 Eu­ro« ist auch (und ge­ra­de!) für Athe­isten oder Agno­sti­ker ei­ne in­ter­es­san­te und be­we­gen­de Lek­tü­re. Denn hin­ter der Wut des Au­tors auf ei­ne see­len­lo­se Funk­tio­närs­kir­che ver­birgt sich ja der in­ni­ge (nicht zu de­nun­zie­ren­de) Wunsch, es mö­ge an­ders sein.

So wie die Kir­che nach Nürn­ber­gers Be­ob­ach­tung vor­an­schrei­tet, wird das aber nichts. Das Ein­zug ge­hal­te­ne Den­ken von den Mis­sio­na­ren ei­ner frem­den Re­li­gi­on passt na­tür­lich nicht zur christ­li­chen Bot­schaft. So wer­den auch noch die letz­ten Ge­treu­en mit dem öko­no­misch-wich­tig­tue­ri­schen Vo­ka­bu­lar schicker Wer­be­lüm­mel ver­trie­ben. Man könn­te, nein: man muss fra­gen, wie ver­zwei­felt die Kir­che sein muss, sich der­art aus­zu­ver­kau­fen.

Nürn­ber­gers Dia­gno­se ist ver­nich­tend:

Je­sus lebt – das ist heu­te kei­ne Ge­wiss­heit mehr, die das Da­sein der Chri­sten be­flü­gelt. Der Satz dient nur als Ge­schäfts­grund­la­ge ei­ner Funk­tio­närs­kir­che, als ge­mein­sa­me Grund­an­nah­me, an die man bes­ser nicht rührt, denn nie­mand könn­te heu­te noch ver­bind­lich sa­gen, was er ei­gent­lich be­deu­tet.

Nürn­ber­ger gei­sselt in deut­li­cher Spra­che die Mu­ta­ti­on des Got­tes­dien­stes zum Kun­den­dienst und be­schreibt ei­nen deut­li­chen Ge­gen­satz zu Ratz­in­gers Dik­tum der alt­mo­di­schen Fra­ge nach der Wahr­heit des Chri­sten­tums. Es gin­ge, so die et­was ver­knif­fen nach Ori­gi­na­li­tät hei­schen­de For­mu­lie­rung, nicht mehr um Erleuch­tung, son­dern al­len­falls noch um die rich­ti­ge Beleuch­tung.

Ins­be­son­de­re wer­den die ex­zes­si­ven Kom­mer­zia­li­sie­rungs­ver­su­che der evan­ge­li­schen Kir­che auf­ge­grif­fen. Be­grif­fe wie Mar­ke evan­ge­lisch, die von füh­ren­den Re­prä­sen­tan­ten wie EKD-Vor­sit­zen­der Hu­ber nicht nur ver­wen­det, son­dern auch ver­tre­ten wer­den, sind na­tür­lich Was­ser auf Nürn­ber­gers Müh­len. Aber auch An­ge­bo­te zu Klo­ster­ur­lau­ben wer­den als im Kern sinn­ent­leer­tes und bloss ef­fekt­ha­sche­ri­sches Trei­ben auf­ge­spiesst.

Der Ar­ti­kel er­zeug­te bei mir zwei­er­lei: Zu­nächst gro­sse Zu­stim­mung. Der Fu­ror des Au­tors ist fast greif­bar. Und dann? Die letz­ten Zei­len stim­men nach­denk­lich:

Der christ­li­che Glau­be war nie als in­di­vi­dua­li­sti­sche Pri­vat­sa­che ge­dacht, son­dern als öf­fent­li­che, stets auch po­li­ti­sche An­ge­le­gen­heit ei­ner Ge­mein­schaft. Gott hat­te sich sein Volk ur­sprüng­lich ein­mal er­fun­den, da­mit es die Not der Welt be­sei­ti­ge. Von ei­nem Rück­zug ins Pri­va­te und ei­ner De­le­ga­ti­on die­ser Auf­ga­be an den Staat war nie die Re­de, auch nicht da­von, dass die Kir­che das Geld an­de­rer Leu­te ein­samm­le und da­mit die Not lin­de­re.

Aber was will er wirk­lich? Ei­ne Wie­der­be­le­bung bzw. Durch­drin­gung re­li­giö­ser Wert­vor­stel­lun­gen wie der­zeit in den USA? Ei­nen Rück­zug hin­ter das Zwei­te Va­ti­ka­ni­sche Kon­zil? Wie soll die­se Rück­be­sin­nung auf die ur­christ­li­che Bot­schaft aus­se­hen (po­le­misch ge­fragt: et­wa wie je­ne fun­da­men­ta­li­sti­sche Le­feb­v­re-Be­we­gung der 80er Jah­re)?

Oder sucht Nürn­ber­ger ei­ne (neue) so­zia­le In­te­gra­ti­ons­kraft der Ge­sell­schaft über das Chri­sten­tum bzw. des­sen Wert­vor­stel­lun­gen zu kon­sti­tu­ie­ren? Ähn­lich dem, was u. a. Bo­tho Strauß für den Is­lam kon­sta­tiert?

Bei al­ler Em­pha­se wi­der die Kom­mer­zia­li­sie­rung der christ­li­chen Bot­schaft – wel­che Al­ter­na­ti­ven blei­ben in der heu­ti­gen »gott­lo­sen« Zeit den Kir­chen, sich Ge­hör zu ver­schaf­fen und dem dro­hen­den Ex­itus (vor al­lem auch fi­nan­zi­el­ler Art) zu ent­zie­hen?

18 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr schwie­rig
    Letzt­end­lich liegt dem Chri­sten­tum im­mer noch le­dig­lich die Ex­ege­se ei­nes ein­zi­gen Bu­ches zu­grun­de, das vor knapp 2000 Jah­ren ge­schrie­ben wur­de, in ei­ner voll­kom­men an­de­ren Welt. Es ist ei­gent­lich ein­leuch­tend, dass das nicht ewig rei­chen wird, so oft man die psy­cho­lo­gi­sche Kon­stanz des Men­schen über die Jahr­tau­sen­de auch be­to­nen mag. Je­de kon­kret for­mu­lier­te und ze­le­brier­te Re­li­gi­on muss ein­mal »vom Markt« ver­schwin­den, wenn ih­re Rah­men­be­din­gun­gen nicht mehr stim­men. Das Chri­sten­tum de­fi­niert sich aus­schließ­lich über die um Je­sus ran­ken­den My­then, wenn das nicht mehr reicht, dann bleibt nichts Ei­gen-Ori­gi­nä­res.

    Mit dem Ver­weis auf die le­dig­lich 1.8%, die die Kir­che selbst zu Ca­ri­tas und die Dia­ko­nie bei­steu­ern, greift er al­ler­dings da­ne­ben. Wenn die Kir­che sich trotz­dem »am Markt« be­haup­tet, dann liegt es doch of­fen­sicht­lich dar­an, dass an­de­re »An­bie­ter« es nicht »preis­gün­sti­ger« (und oh­ne re­li­giö­ses Un­ter­fut­ter) hin­be­kom­men. Ver­mut­lich sind al­so ent­we­der die Be­zah­lung oder die Ar­beits­be­din­gun­gen schlech­ter als von »athe­isti­schen Fir­men« leist­bar. Des­halb ist der Ei­gen­an­teil der Kir­che (bzw. ih­rer An­hän­ger) grö­ßer als die er­wähn­ten 1.8%.

  2. Der Ge­dan­ke,
    dass sich die Bot­schaft ei­ner Re­li­gi­on ir­gend­wann ein­mal »er­schöpft« oder un­ter­geht, ist in­ter­es­sant. Ich glau­be aber, dass es mit den Än­de­run­gen in so­zia­len und vor al­lem auch öko­no­mi­schen Ver­hält­nis­sen zu tun hat. Das Chri­sten­tum, dass Nürn­ber­ger of­fen­sicht­lich wie­der zu­rück­ha­ben will, gab es ja im Mit­tel­al­ter, be­kam bei den Ge­lehr­ten in der Auf­klär­zung ei­nen klei­nen »Knacks« – und hielt bei der Be­völ­ke­rung fast bis zur in­du­stri­el­len Re­vo­lu­ti­on. Je­des noch so klei­ne Dorf bei uns hat ei­ne Kir­che – weil die Kir­che, der sonn­täg­li­che Got­tes­dienst und die Kir­chen­fe­ste das gan­ze Jahr struk­tu­rier­ten. Ei­ne hoch or­ga­ni­sier­te, ar­beits­tei­li­ge Ge­sell­schaft hat in­zwi­schen schlicht­weg an­de­re Prio­riä­ten.

    Das Chri­sten­tum hat seit der Re­for­ma­ti­on und un­ter dem Ein­druck der Na­tur­wis­sen­schaf­ten bei uns zwei Strö­mun­gen ent­wickelt: Die ka­tho­li­sche Kir­che hält die Bi­bel (ins­be­son­de­re das NT der Ge­schich­te von Je­sus) für nicht in­ter­pre­tier- und hin­ter­frag­bar, d. h. das, was dort steht, ist wört­lich so zu neh­men. Die Schlag­wor­te, die heu­te bei vie­len Leu­ten nur noch ein Kopf­schüt­teln her­vor­brin­gen, lau­ten dann: Jung­frau­en­geburt; Wun­der­glau­be, usw.

    Die evan­ge­li­sche Kir­che in Deutsch­land gibt sich da seit vie­len Jahr­zehn­ten mo­der­ner. Ei­ne wört­li­che Ex­ege­se be­an­sprucht man dort nicht; vie­les sieht man im Kon­text der Er­zäh­lung.

    Die Kir­chen­aus­tritts­wel­le be­gann m. W. in den 70er Jah­ren – und zwar dort, wo man auf ex­ege­ti­sche Dog­ma­tik ver­zich­te­te, al­so in der evan­ge­li­schen Kir­che. In­zwi­schen ha­ben die Ka­tho­li­ken bei den Aus­trit­ten al­ler­dings »auf­ge­holt«. Hier­aus könn­te man den Schluss ab­lei­ten, dass auch ei­ne »gross­zü­gi­ge­re Aus­le­gung« der für uns heu­te »frem­den« Ge­schich­te (bzw. de­ren Ele­men­te) kei­ne Bin­dungs­kraft mehr er­zeugt.


    Kir­chen­an­teil
    Ich weiss nicht, ob er da­ne­ben­greift; die Zahl von 1,8% fin­det man in ent­spre­chen­den Krei­sen häu­fi­ger. Viel­leicht liegt der An­teil in Wirk­lich­keit et­was hö­her; es gibt Städ­te, die Zah­len bei Kin­der­gär­ten und Schu­len ver­öf­fent­li­chen – da schwankt der Kir­chen­an­teil zwi­schen 5% und 8%; ein­mal ha­be ich auch 15% ge­le­sen.

    Die Trä­ger­schaft der Kir­chen bei Schu­len, Kin­der­gär­ten, Al­ten­hei­men, usw. hat ja nichts da­mit zu tun, wo­her das Geld kommt. Die Kir­chen­steu­er­ein­nah­men lie­gen ak­tu­ell bei ca. 9 Mrd. Eu­ro im Jahr. Bei der un­glaub­li­chen Fül­le der Trä­ger­schaf­ten der Kir­chen muss al­lei­ne ma­the­ma­tisch der An­teil sehr ge­ring sein.

    In der Pra­xis (bspw. bei Al­ten­hei­men) sind Trä­ger wie Dia­ko­nie oder Ca­ri­tas nur »Durch­lauf­er­hit­zer« von Gel­dern, die letzt­lich fast al­le vom Staat (= Steu­er­zah­ler) zur Ver­fü­gung ge­stellt wer­den. Kirch­li­che Ein­rich­tun­gen un­ter­schei­den sich von »athe­isti­schen« kaum bis gar nicht – au­sser, dass die An­ge­stell­ten in der Re­gel ei­ner Kon­fes­si­on an­ge­hö­ren müs­sen. Die Be­zah­lung er­folgt nach gän­gi­gen Ta­ri­fen und we­der bes­ser noch schlech­ter als in der Pri­vat­wirt­schaft. Ge­werk­schaf­ten sind nicht ge­stat­tet; Ar­beit­neh­mer­inter­es­sen wer­den über so­ge­nann­te »Mit­ar­bei­ter­ver­tre­tun­gen« (MAV) ge­re­gelt.

  3. Al­ter­na­ti­ven
    Ist es nicht so, daß die christ­li­che Kir­che in der west­li­chen Welt in ei­ner in­halt­li­chen Glaub­wür­dig­keits­kri­se steckt? Ge­ra­de weil sie durch ih­ren in­halt­li­chen wie struk­tu­rel­len Dog­ma­tis­mus mit den öko­no­mi­schen und so­zia­len Um­brü­chen der Ge­sell­schaft nicht Schritt hal­ten kann? Ich ha­be mir letz­tes Jahr da­zu mal ein paar er­ste Ge­dan­ken ge­macht:

    Ideel­le Wer­te ent­ste­hen in­ner­halb der mensch­li­chen Ge­mein­schaft und ver­än­dern sich mit de­ren in­ne­rem Zu­stand. Ge­bo­te und Ver­bo­te der Of­fen­ba­rungs­re­li­gio­nen gel­ten hin­ge­gen als auf ewig fest­ge­schrie­be­ne Grund­sät­ze. Sie kön­nen die ideel­len Wer­te ei­ner mensch­li­chen Ge­mein­schaft zwar be­ein­flus­sen, müs­sen je­doch un­ab­hän­gig von ihr exi­stie­ren, da sie im Ge­gen­satz zur wan­del­ba­ren mensch­li­chen Ge­mein­schaft selbst un­wan­del­bar, weil gött­lich sind. Es mag pa­ra­dox klin­gen – aber ge­ra­de ih­re Gott­ge­ge­ben­heit hin­dert die Ver­hal­tens­re­geln der Of­fen­ba­rungs­re­li­gio­nen dar­an, als ideel­le oder mo­ra­li­sche Wer­te gel­ten zu kön­nen.

    Die Iro­nie an der Sa­che ist, daß der west­li­chen Ge­sell­schaft oh­ne die ver­bin­den­den ver­bind­li­chen Wer­te der ir­rele­vant ge­wor­de­nen Re­li­gi­on nun auch et­was We­sent­li­ches fehlt. Die Wer­te der Auf­klä­rung und des Hu­ma­nis­mus, die als Al­ter­na­ti­ve ja of­fen­bar auch nicht aus­rei­chen, hat man ei­nem zu­neh­mend hem­mungs­lo­sen Öko­no­mis­mus ge­op­fert. Al­les ist zum Ge­schäft ge­wor­den, der Mensch ein Dienst­lei­stungs­fak­tor, sei­ne Be­zie­hun­gen zu an­de­ren ein tem­po­rä­res Ver­trags­ver­hält­nis, das ge­löst wird, so­bald die Bi­lanz nicht mehr be­frie­digt. Die ex­tre­me in­ne­re Lee­re und Halt­lo­sig­keit be­wirkt ex­tre­me Hin­wen­dung zu al­lem, was Er­fül­lung und Halt ga­ran­tiert. Ex­tre­mis­mus aber wirkt wie gei­sti­ge Flieh­kraft. Denn was kein in­ne­res Gleich­ge­wicht mehr hat, bleibt nur auf­recht, wenn es schnell ro­tiert. Je ex­tre­mer die Ge­schwin­dig­keit, de­sto si­che­rer der Stand – bis die letz­te po­ten­ti­el­le En­er­gie auf­ge­braucht ist.

    Wel­che Al­ter­na­ti­ven den Kir­chen blei­ben? Je­den­falls nicht, mit­zu­ro­tie­ren. Da­mit gra­ben sie sich nur end­gül­tig das Grab, weil es eben kei­ne Al­ter­na­ti­ve ist, son­dern der fi­na­le Ver­zicht auf in­halt­li­che Iden­ti­tät. Nein, sie wer­den sich lang­fri­stig an den gu­ten al­ten Les­sing hal­ten müs­sen. Es über­zeugt nur als Heils­brin­ger, wer nach­weis­lich Heil bringt. Oder um wört­lich Les­sings Na­than zu zi­tie­ren:

    »Doch halt! Ich hö­re ja, der rech­te Ring
    Be­sitzt die Wun­der­kraft be­liebt zu ma­chen;
    Vor Gott und Men­schen an­ge­nehm. Das muss
    Ent­schei­den!
    ...
    Es stre­be von euch je­der um die Wet­te,
    Die Kraft des Steins in sei­nem Ring’ an Tag
    Zu le­gen! kom­me die­ser Kraft mit Sanft­mut,
    Mit herz­li­cher Ver­träg­lich­keit, mit Wohl­tun,
    Mit in­nig­ster Er­ge­ben­heit in Gott
    Zu Hilf’!«

    Wen al­so die Men­schen lie­ben und ach­ten – nicht, wem sie nur ge­hor­chen! – des­sen Wer­te wer­den am En­de als wirk­lich at­trak­tiv gel­ten. Wenn die Kir­chen ih­re Wer­te so ver­tre­ten wür­den, daß es sie sym­pa­thisch macht, sym­pa­thisch ge­nug, daß die Men­schen sich (wie­der) frei­wi­lig, al­so oh­ne Mis­si­ons­ar­beit, ih­nen an­schlie­ßen – dann hät­ten sie ei­ne Chan­ce. Je ge­bil­de­ter die Men­schen näm­lich wer­den, de­sto un­glaub­wür­di­ger wird re­li­giö­ser Ab­so­lut­heits­an­spruch.

    Mit an­de­ren Wor­ten: Ent­we­der die Kir­chen ver­zich­ten auf ih­ren dog­ma­ti­schen Ab­so­lut­heits­an­spruch und er­ar­bei­te­ten sich ih­re Glaub­wür­dig­keit von der Pi­ke auf neu, in­dem sie nach­wei­sen, daß sie den Men­schen gut tun – oder sie kön­nen nur dar­auf hof­fen, daß der all­ge­mei­ne Bil­dungs­stand wie­der sinkt. Was nur wahr­schein­lich ist, wenn die west­li­che Ge­sell­schaft kom­plett kra­chen geht.

    —————
    Ich weiß nicht, ob das jetzt al­les bis ins De­tail schlüs­sig ist. Hab mal mei­ne Ge­dan­ken zum The­ma ein­fach flie­ßen las­sen. Bin ge­spannt auf eu­re Ein­wän­de.

  4. Der Ein­wand, dass der Öko­no­mis­mus zur Sinn­ent­lee­rung ge­führt hat (um Dich jetzt sehr ver­kürzt wie­der­zu­ge­ben), ist ja rich­tig. Aber es sprä­che doch ge­ra­de für ei­ne neue oder er­neu­er­te Hin­wen­dung zum Glau­ben (wenn nicht zur Kir­che). Und na­tür­lich steckt die Kir­che (ins­be­son­de­re die ka­tho­li­sche) in der Fal­le: Op­fert sie bis­her ele­men­ta­re Dog­men ei­nem lau­en Zeit­geist, so ver­prellt sie noch den Rest der­je­ni­gen, die zu ihr ge­hal­ten ha­ben und ver­kommt ver­mut­lich in der Be­lie­big­keit von Mo­de­strö­mun­gen. In die Rich­tung geht ja Nürn­ber­gers Kri­tik.

    In­ter­es­sant ist Dei­ne (zu­tref­fen­de) Fest­stel­lung, dass die Glaub­wür­dig­keits­kri­se der Kirche(n) fast aus­schliess­lich bei uns, in der eu­ro­pä­isch-sä­ku­lar ge­präg­ten Kul­tur (der Auf­klä­rung) statt­fin­det. In an­de­ren Kul­tur­krei­se, die fast durch­weg ei­nen schlech­te­ren öko­no­mi­schen Sta­tus be­sit­zen, »boo­men« die Kirche(n) (Süd­ame­ri­ka; auch in Tei­len von Afri­ka). Viel­leicht liegt es dar­an, dass Kir­che dort noch so et­was wie »Ba­sis­ar­beit« lei­stet, d. h. die so­zia­le In­te­gra­ti­ons­kraft der Kirche(n) vor Ort ist dort we­sent­lich stär­ker als bei uns.

    Die Aus­nah­me bil­det da die USA, die ei­nen enor­men Zu­lauf re­li­giö­ser Be­sin­nung er­lebt. Man muss al­ler­dings be­rück­sich­ti­gen, dass sie Sä­ku­la­ri­sie­rung dort nie so weit vor­an­ge­schrit­ten war, wie in Eu­ro­pa.

    Ich dan­ke für die­sen sehr in­ter­es­san­ten Kom­men­tar und hof­fe, dass es hier­zu noch mehr Stim­men gibt.

  5. Je­sus lebt! – Schön für die, die dran glau­ben, aber was fan­ge ich da­mit an, dem dies zu glau­ben nicht mög­lich ist? Was ha­be ich mich in der Ju­gend be­müht, wur­de tag­ein, tag­aus mit der christ­li­chen Bot­schaft trak­tiert, zu Hau­se, im Kin­der­gar­ten, in der Schu­le, im CVJM und im Kon­fir­man­den­un­ter­richt – ei­ne Er­leuch­tung war mir nie be­schie­den, ob­wohl ich mir zeit­wei­se nichts sehn­li­cher wünsch­te. Die Kon­fir­ma­ti­on war dann mein letz­ter Kon­takt mit der Kir­che, ab­ge­se­hen von der Kir­chen­steu­er, die ich noch 25 Jah­re ent­rich­tet ha­be um dann mit 40 schließ­lich aus­zu­tre­ten. Merk­wür­di­ger­wei­se hat­te ich da­bei ein schlech­tes Ge­wis­sen, nicht we­gen mei­nes See­len­heils, son­dern weil ich mich da­mit der Zwangs­ent­rich­tung von „Spen­den“ ent­zog. Wi­der bes­se­res Wis­sen mach­te ich mir näm­lich vor, dass die Kir­che­steu­er in „gu­te Wer­ke“ flie­ßen wür­den und, da ich mich kann­te, ich auf frei­wil­li­ger Ba­sis sehr viel zu­rück­hal­ten­der beim Spen­den sein wür­de.
    Trotz die­ses per­sön­li­chen Hin­ter­grun­des hal­te ich die Kir­chen nach wie vor für wich­ti­ge Or­ga­ni­sa­tio­nen zur Ver­mit­te­lung ge­mein­sa­mer ethi­scher und so­zia­ler Wer­te, als Schutz­raum für Be­dräng­te und Ver­folg­te so­wie na­tür­lich auch als geist­li­chen Bei­stand für je­ne, die Halt und Ori­en­tie­rung im Spi­ri­tu­el­len su­chen und mög­li­cher­wei­se dort auch fin­den. Bei mir wä­re je­der Ver­such, mir „die alt­mo­di­sche Wahr­heit des Chri­sten­tums“ nä­her zu brin­gen, ver­geb­li­che Lie­bes­müh und da bin ich si­cher kei­ne Aus­nah­me.

    Nürn­ber­ger schreibt sei­ne Po­le­mik aus ei­ner sehr deut­schen Sicht, weil er mit Kir­chen ei­gent­lich nur die bei­den Amts­kir­chen, die evan­ge­li­schen Lan­des­kir­chen und die rö­misch-ka­tho­li­sche Kir­che, meint. Hier in Süd­afri­ka in­se­rie­ren je­des Wo­chen­en­de ca. 50 „Marken“-Kirchen mit ei­ge­nen Lo­gos in den Zei­tun­gen und bie­ten ih­ren „Church-Ser­vice“ an. Die mei­sten die­ser Kir­chen wer­den in Deutsch­land ab­schät­zig als Sek­ten be­zeich­net. Die mei­sten die­ser „Sek­ten“ ha­ben we­sent­lich grö­ße­re Ge­mein­den als die lu­the­ri­sche oder ka­tho­li­sche Kir­che, wel­che hier nur Glei­che un­ter Glei­chen sind und die Re­li­gi­on all­ge­mein spielt hier in der Be­völ­ke­rung, Wei­ßen wie Schwar­zen, In­dern oder Mos­lems, ei­ne we­sent­lich wich­ti­ge­re Rol­le als in Deutsch­land, wo­bei sich die Kir­chen als Dienst­lei­ster ver­ste­hen. „Je­sus is Lord“, die­sen Spruch fin­det man hier an je­dem zwei­ten Ta­xi, auf T‑Shirts, an Pla­kat­wän­den und in Schau­fen­ster­schei­ben. Selbst­ver­ständ­lich müs­sen sich die Kir­chen sel­ber fi­nan­zie­ren, d.h. ei­ne Kir­chen­steu­er gibt es na­tür­lich nicht. An­mer­ken will ich noch, dass ge­ra­de auf der re­li­giö­sen Ebe­ne ei­ne groß­ar­ti­ge To­le­ranz herrscht. Mus­lim-Bas­hing, wie es z.Zt. in Deutsch­land, bzw. Eu­ro­pa an der Ta­ges­ord­nung ist, ist hier gänz­lich un­be­kannt.

    Die Kir­chen­steu­er für McK­in­sey – jetzt sind mei­ne letz­ten Ge­wis­sens­bis­se be­sei­tigt!

  6. Ja, Nürn­ber­ger schreibt aus sehr »deut­scher« Sicht (mein Bei­trag ist es ja auch) – wie schön, dass Sie uns den Blick er­wei­tern und ein Stück er­klä­ren, war­um »Je­sus« in an­de­ren Län­dern durch­aus ei­ne »le­ben­di­ge Bot­schaft« dar­stellt! Viel­leicht ist un­se­re ge­tra­ge­ne Sa­kra­li­sie­rung mehr Ab­schreckung als An­sporn. Ich er­in­ne­re mich, als ich als Her­an­wach­sen­der Gos­pel­sän­ger und ‑tän­zer im Fern­se­hen sah – dann hat­te man das Ge­fühl: Das sind doch kei­ne Gläu­bi­gen! Freu­de und Tanz beim Got­tes­dienst? Das schien ja fast blas­phe­misch zu sein. Und es ging mir ähn­lich wie Ih­nen: Ich hät­te mir auch ge­wünscht, den Glau­ben, die Er­leuch­tung zu be­kom­men. Al­lei­ne – es kam nichts.

    Über Ostern lief spät­nachts »The Pas­si­on of the Christ« von Mel Gib­son. Man kann jetzt viel über das äs­the­ti­sche Kon­zept des Films sa­gen und könn­te auch klein­ka­riert die Feh­ler auf­füh­ren (bei kei­nem an­de­ren ver­gleich­ba­ren Film ging man der­art vor, nur um ihm »Ant­se­mi­tis­mus« vor­wer­fen zu kön­nen – was ab­so­lu­ter Un­fug ist). Mir hat die fast wol­lü­sti­ge Aus­brei­tung der Ge­walt nicht ge­fal­len, ob­wohl ich ver­ste­he, was Gib­son uns da­mit »sa­gen« will. Was ich nicht ver­ste­hen kann, ist, dass die re­li­giö­se Rech­te in den USA den Film so gut fand und fei­er­te. Mich hat die­ses Sze­na­rio eher noch mehr zwei­felnd an ei­nem evtl. Glau­ben an Je­sus (als Got­tes Sohn) ge­macht, als die­sen Zwei­fel aus­ge­räumt. Und wenn ich jetzt die­sen theo­re­ti­schen Über­bau mit Ih­rer le­ben­di­gen Schil­de­rung des »all­täg­li­chen Glau­bens« (nicht ab­schät­zig ge­meint!) ge­gen­über­stel­le, so er­klärt sich das »Pro­blem« der Kir­che so­fort: Den Glau­ben in­tel­lek­tu­ell zu stüt­zen, ihn zu un­ter­mi­nie­ren – das muss im Volk schei­tern. Dort zeigt sich an an­de­ren Stel­len, was Glau­ben be­deu­tet und er­schöpft sich nicht in der Dis­kus­si­on um ei­ni­ger Bi­bel­stel­len und de­rer Ex­ege­se.

    Si­cher­lich wür­de mir das »Je­sus is Lord« ir­gend­wann auf die Ner­ven ge­hen. Aber mein Re­spekt vor dem Glau­ben die­ser Men­schen, die Sie ge­schil­dert ha­ben, ist un­gleich hö­her als vor dem in­sti­tu­tio­nel­len Ein­heits­brei, der mir aus den (deut­schen) Amts­kir­chen ent­ge­gen­schlägt.

    Der Vor­wurf, dort sei­en »Sek­ten« am Werk, zeigt, wie gross die Angst der so mäch­ti­gen Amts­kir­chen sein muss: Sie müs­sen schon zur Dif­fa­mie­rung grei­fen.

  7. Ge­ra­de das un­nach­gie­big Dog­ma­ti­sche und In­to­le­ran­te an den eta­blier­ten Amts­kir­chen (sic!) ist doch die Schwach­stel­le, an der sie heu­te am mei­sten kran­ken. Wenn Re­li­gi­on zur ideo­lo­gi­schen Zwangs­jacke wird, ist sie nicht mehr in der La­ge, auf die Be­dürf­nis­se der Men­schen ein­zu­ge­hen, son­dern wird letzt­lich zum men­schen­feind­li­chen Selbst­zweck, dem dann fol­ge­rich­tig die Ba­sis weg­bröckelt. Ei­ne Re­li­gi­on, die die Men­schen un­glück­lich macht, ver­liert schließ­lich ih­ren Da­seins­zweck. Frei ge­leb­te Le­bens­lust macht Men­schen glück­lich, as­ke­ti­sche Zu­rück­hal­tung da­ge­gen macht sie in den mei­sten Fäl­len un­glück­lich, be­son­ders, wenn sie von au­ßen auf­er­legt ist. Al­so wen­den sich die Men­schen je­ner Re­li­gi­on zu, bei der sie sich glück­li­cher füh­len. Und wenn es dreist ei­ne »Sek­te« ist.

  8. @Anna Küh­ne
    Wenn das Dog­ma­ti­sche der Amts­kir­chen Ur­sa­che für den Mit­glie­der- und Ak­zep­tanz­schwund (dem Nicht­glau­ben­kön­nen bzw. ‑wol­len) sind – war­um ha­ben denn dann Sek­ten, die in oft viel stär­ke­rer Wei­se re­pres­siv sind, Zu­lauf? War­um war der Mit­glie­der­schwund bei der »freie­ren« evan­ge­li­schen Kir­che pro­por­tio­nal stär­ker als bei der eher au­to­ri­tä­ren ka­tho­li­schen Kir­che? Und war­um er­lebt der sehr dog­ma­tisch da­her­kom­men­de Pro­te­stan­tis­mus in den USA ei­ne so gro­sse Zu­stim­mung?

    Ich stim­me auch nicht per se da­mit über­ein, dass frei ge­leb­te Le­bens­lust die Men­schen glück­li­cher macht – ich glau­be, dass ge­ra­de das »anything goes«, wel­ches in un­se­rer Ge­sell­schaft im­mer mehr do­mi­niert, die Men­schen un­glück­lich macht und par­ti­ell über­for­dert.

    Das Phä­no­men, das black­con­ti be­schreibt, hat viel da­mit zu tun, dass sich Re­li­gio­si­tät in an­de­ren Län­dern viel stär­ker an den Im­pe­tus (die »Bot­schaft«) aus­rich­tet, wäh­rend hier sehr viel Wert auf For­ma­li­en ge­legt wird.

    Spe­zi­ell die ka­tho­li­sche Kir­che ist da in der Fal­le: »Lockert« sie ih­re Dog­men, ver­prellt sie die rest­li­chen Gläu­bi­gen (in den west­li­chen Län­dern) und setzt sich dem Vor­wurf aus, dem Zeit­geist nach­zu­ren­nen. Bleibt sie da­bei, sieht sie sich zu­neh­mend mit dem Vor­wurf der Welt­fremd­heit kon­fron­tiert. Was drin­gend er­for­der­lich wä­re: Ei­ne Art neu­es va­ti­ka­ni­sches Kon­zil, wel­ches das Zwei­te Kon­zil fort­schreibt.

  9. Kir­chen­kri­se und Sek­ten­zu­lauf
    @ Ge­org Keu­sch­nig,

    Sek­ten ha­ben in der west­li­chen Welt mei­nes Er­ach­tens des­halb so gro­ßen Zu­lauf, weil man sich in ei­ner Sek­te als et­was Be­son­de­res und Eli­tä­res vor­kom­men kann. Main­stream-Chri­sten­tum hat da ver­gleichs­wei­se we­nig zu bie­ten, weil es eben so dog­men­ver­kru­stet kon­ser­va­tiv ist und für vie­le Leu­te heuch­le­risch und un­glaub­wür­dig wirkt. Christ­li­che Dog­men kriegt man in die­sem Land ge­wis­ser­ma­ßen von Kind­heits­bei­nen ein­ge­impft, ob man will oder nicht. Chri­sten­tum ist in die­sem Land das all­ge­gen­wär­ti­ge Estab­lish­ment. Wer sich von die­sem Estab­lish­ment ab­set­zen will, sucht in re­li­giö­sen Fra­gen Op­po­si­tio­nel­les. In der DDR war die Kir­che die ein­zi­ge le­ga­le Op­po­si­ti­on, bei der sich al­les ge­sam­melt hat, auch Nicht­chri­sten, die ein­fach nur Struk­tu­ren brauch­ten, um op­po­si­tio­nell ak­tiv wer­den zu kön­nen. Die „Blockflöten“-Parteien, wie sie ge­nannt wur­den, wa­ren ja mehr Papp­ka­me­ra­den als po­li­tisch wirk­sa­me Op­po­si­ti­ons­in­stru­men­te. Im We­sten war im­mer schon ge­nau das Ge­gen­teil der Fall, wie ich nach der Wen­de mit Stau­nen er­fuhr.

    War­um war der Mit­glie­der­schwund bei der »freie­ren« evan­ge­li­schen Kir­che pro­por­tio­nal stär­ker als bei der eher au­to­ri­tä­ren ka­tho­li­schen Kir­che?

    Weil die Pro­te­stan­ten so oft un­säg­li­chen, kar­gen, lust­feind­li­chen Pu­ri­ta­nis­mus ver­brei­ten, ra­te ich mal. Guck dir doch nur die­se öden Mönchs­zel­len von Kir­chen an. Die Ka­tho­li­ken be­die­nen we­nig­stens an­satz­wei­se die sinn­li­chen Be­dürf­nis­se der Men­schen. Ei­ne ty­pi­sche ka­tho­li­sche Kir­che hat ein­fach Flair und Schön­heit. Man zün­det dort gern Ker­zen an, ein­fach so, weil ei­nem da­nach zu­mu­te wird, selbst wenn man nicht an den ei­nen all­mäch­ti­gen Gott glaubt, dem dort – oft eher ne­ben di­ver­sen Hei­li­gen – ge­hul­digt wer­den soll. Ei­ne ka­tho­li­sche Mes­se ist ein Ri­tu­al, bei dem auch Nicht­gläu­bi­gen an­däch­tig zu­mu­te wer­den kann. In ei­ner evan­ge­li­schen Kir­che wird das schwer, so­lan­ge nicht we­nig­stens die Or­gel spielt – zu­min­dest mei­ner ei­ge­nen Er­fah­rung nach.

    Und war­um er­lebt der sehr dog­ma­tisch da­her­kom­men­de Pro­te­stan­tis­mus in den USA ei­ne so gro­sse Zu­stim­mung?

    Weil Dog­ma­tis­mus und Fun­da­men­ta­lis­mus dem Selbst­wert­ge­fühl fast so schön schmei­cheln wie Sek­ten. Das ha­ben vie­le Leu­te gern, ist hier in Deutsch­land nicht an­ders. Wer die ver­meint­lich ab­so­lu­te Wahr­heit auf sei­ner Sei­te weiß, der sieht sich als et­was Bes­se­res im Ver­gleich zu An­ders­den­ken­den. Wer im Auf­tra­ge des all­mäch­ti­gen, un­fehl­ba­ren Got­tes han­delt, hat au­to­ma­tisch recht. Wer an­ders denkt, hat au­to­ma­tisch un­recht. Je nied­ri­ger das Bil­dungs­ni­veau und da­mit der gei­sti­ge Ho­ri­zont, de­sto ver­füh­re­ri­scher ist Fun­da­men­ta­lis­mus des­halb – was na­tür­lich nicht heißt, daß hoch­ge­bil­de­te Leu­te kei­nem Fun­da­men­ta­lis­mus ver­fal­len könn­ten (wenn ich da nur an be­stimm­te Fach­idio­ten den­ke), aber der Pro­zent­satz ist be­stimmt ge­rin­ger.

    Ich stim­me auch nicht per se da­mit über­ein, dass frei ge­leb­te Le­bens­lust die Men­schen glück­li­cher macht – ich glau­be, dass ge­ra­de das »anything goes«, wel­ches in un­se­rer Ge­sell­schaft im­mer mehr do­mi­niert, die Men­schen un­glück­lich macht und par­ti­ell über­for­dert.

    Mit frei ge­leb­ter Le­bens­lust mein­te ich nicht hem­mungs­lo­sen Sex und Ego­is­mus. Daß du das Wort „Le­bens­lust“ so auf­fasst, spricht doch schon Bän­de. Oder ha­be ich dich miß­ver­stan­den? Was ich je­den­falls mein­te, wa­ren öf­fent­lich la­chen, sin­gen, tan­zen, Emo­tio­nen raus­las­sen. Wo im­mer Men­schen das oh­ne Furcht vor so­zia­len Nach­tei­len tun kön­nen, ge­hen sie gern hin, wenn sie noch ei­ni­ger­ma­ßen ge­sund sind. Wie re­agie­ren denn die Men­schen hier in Deutsch­land, wenn je­mand sin­gend oder sum­mend öf­fent­li­che Trans­port­mit­tel be­nutzt oder die Stra­ße ent­lang geht oder im Su­per­markt ein­kauft? Sie gucken ei­nen an, als wä­re man schwach­sin­nig oder als müss­ten sie je­den Mo­ment ei­nen psy­cho­pa­thi­schen Aus­ra­ster be­fürch­ten. Stell dir mal vor, in ei­ner evan­ge­li­schen Kir­che wür­de ei­ner wäh­rend des stu­pi­den Ab­sin­gens von Nr. so­und­so Kir­che­ge­sang­buch Sei­te so­und­so zu tan­zen an­fan­gen? Oder zwi­schen laut­hals ge­schmet­ter­ten Lied­zei­len im­mer mal wie­der tief emp­fun­de­nes „ye­ah!“ von sich ge­ben? Was soll an ei­ner sol­chen le­bens­lust­feind­li­chen At­mo­sphä­re at­trak­tiv sein? In an­de­ren Tei­len der Welt sind die Chri­sten da weit we­ni­ger ver­krampft, ha­ben auch kei­ne Be­rüh­rungs­äng­ste, heid­ni­sche Ele­men­te zu über­neh­men. Ent­spre­chend ent­spannt stel­le ich mir die Si­tua­ti­on z.B. in Süd­afri­ka vor, wie black­con­ti sie be­schrie­ben hat. Das hat we­ni­ger mit dem Im­pe­tus zu tun, als mit der Art, wie man ihn mit den sinn­li­chen Be­dürf­nis­sen der Men­schen kop­pelt.

    Ich blei­be da­bei: Ei­ne Re­li­gi­on, die nicht mehr die Be­dürf­nis­se ih­rer Gläu­bi­gen er­fül­len kann, weil sie sich nicht an de­ren ver­än­der­te Le­bens­be­din­gun­gen an­pas­sen kann oder will, ver­liert nicht nur ih­re Exi­stenz­be­rech­ti­gung, son­dern auch ihr Fun­da­ment – die Men­schen näm­lich. Dann blei­ben nur noch lee­re Kir­chen üb­rig, als Bau­denk­mä­ler oder um­ge­wid­met zu ich­weiß­nicht­was. Ir­gend­wann wer­den der ka­tho­li­schen Kir­che im We­sten ein­fach die Gläu­bi­gen aus­ster­ben. Ein neu­es Kon­zil se­he ich vor­erst nicht kom­men. Aber ich laß mich gern über­ra­schen.

  10. @Anna Küh­ne
    Sek­ten
    Ich stim­me in dem Punkt des Eli­tä­ren zu. Aber Sek­ten sind (in der Re­gel) sehr viel dog­ma­ti­scher und auch hier­ar­chi­scher als die gän­gi­gen Kir­chen. Ver­mut­lich liegt für ei­ni­ge ge­ra­de hier­in ein Reiz. Das hat dann m. E. viel mit der Wer­te­ver­wi­schung in die­ser Ge­sell­schaft zu tun – Sek­ten (oder auch der dog­ma­tisch-fun­da­men­ta­li­sti­sche Pro­te­stan­tis­mus in den USA) bie­ten ein­fa­che Lö­sun­gen an – üb­ri­gens weit über das spi­ri­tu­el­le hin­aus bis hin­ein in die »Le­bens­wirk­lich­keit«. Das kann für vie­le ziem­lich at­trak­tiv sein, weil sie sich durch die Un­ter­wer­fung un­ter die­se Re­geln der Kom­ple­xi­tät der Welt ent­zie­hen.

    Ein an­de­rer Vor­teil könn­te in der so­zia­len In­te­gra­ti­ons­kraft von Sek­ten lie­gen (das, was Bo­tho Strauß für den Is­lam be­haup­tet): Man ist in klei­nen En­ti­tä­ten or­ga­ni­siert und ver­schwin­det nicht in ei­ner mehr oder we­ni­ger an­ony­men Mas­se. Letz­te­res er­klärt auch den Zu­lauf von Kir­chen oder Re­li­gi­on ge­ne­rell bspw. in to­ta­li­tä­ren Re­gi­men (wie Du das über die DDR kon­sta­tierst – und wie man jetzt am schii­ti­schen Wah­ha­bi­tis­mus fest­stellt).

    Pu­ri­ta­nis­mus des Pro­te­stan­tis­mus
    Dar­an ist si­cher­lich vie­les rich­tig. Ei­ner­seits. An­de­rer­seits ha­be ich fest­ge­stellt, dass evan­ge­li­sche Geist­li­che durch­aus viel mehr »im Le­ben« ste­hen als ka­tho­li­sche, die sich hin­ter for­mel­haf­ten Flos­keln ver­schan­zen. Ich ha­be das bei Be­er­di­gun­gen fest­ge­stellt – ka­tho­li­sche wa­ren im­mer streng ri­tua­li­siert; see­len­los. Die evan­ge­li­schen Pfar­rer ha­ben sich viel mehr Mü­he ge­ge­ben, den Ver­stor­be­nen ge­wür­digt, usw.

    An­pas­sung
    »Ei­ne Re­li­gi­on, die nicht mehr die Be­dürf­nis­se ih­rer Gläu­bi­gen er­fül­len kann, weil sie sich nicht an de­ren ver­än­der­te Le­bens­be­din­gun­gen an­pas­sen kann oder will, ver­liert nicht nur ih­re Exi­stenz­be­rech­ti­gung, son­dern auch ihr Fun­da­ment – die Men­schen näm­lich.«
    Ich hal­te die­se Schluss­fol­ge­rung in die­ser Kon­se­quenz für falsch. Ei­ne Re­li­gi­on, die sich – wie das Chri­sten­tum, aber auch der Is­lam – auf al­te Schrif­ten stützt, kann sich nicht in »vor­aus­ei­len­dem Ge­hor­sam« mehr oder we­ni­ger fort­lau­fend ver­än­der­ten Le­bens­ge­wohn­hei­ten an­pas­sen. Dann wä­re sie ir­gend­wann nur noch »Mainstream«-Religion. Die Fra­ge ist, ob die je­wei­li­gen Dog­men als sol­che ei­ne Re­le­vanz be­kom­men, die sie erst zur Be­din­gung der Teil­nah­me an der Ge­mein­schaft der Gläu­bi­gen macht. Das ist ver­mut­lich der Un­ter­schied zum Amts­kir­chen-Chri­sten­tum, wie es black­con­ti für Süd­afri­ka be­schreibt: Die star­ren Ri­tua­le – bei­spiels­wei­se beim Got­tes­dienst – ha­ben dort kei­ne Re­le­vanz bzw. sind nicht wich­tig.

    In­ter­es­sant ist in die­sem Zu­sam­men­hang, dass die Re­sul­ta­te des Zwei­ten Va­ti­ka­ni­schen Kon­zils das Ab­wen­den der Gläu­bi­gen (zu­min­dest in Eu­ro­pa) nicht auf­hal­ten konn­te. Ein neu­es Kon­zil se­he ich auch nicht, ob­wohl Be­ne­dikt si­cher­lich die In­tel­lek­tua­li­tät hät­te. Als Vor­sit­zen­der der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on war er je­doch vor sei­ner Papst­be­ru­fung nicht als be­son­ders re­for­me­risch auf­ge­fal­len (eher im Ge­gen­teil). Au­sser­dem wird er in sei­nem Al­ter ei­nen sol­chen Schritt nicht mehr vor­neh­men.

    Die­se Ge­dan­ken sind ziem­lich lai­en­haft; für »pro­fes­sio­nel­le« Er­läu­te­rung bzw. Wi­der­spruch bin ich dank­bar.

  11. Ei­ne Re­li­gi­on, die sich – wie das Chri­sten­tum, aber auch der Is­lam – auf al­te Schrif­ten stützt, kann sich nicht in »vor­aus­ei­len­dem Ge­hor­sam« mehr oder we­ni­ger fort­lau­fend ver­än­der­ten Le­bens­ge­wohn­hei­ten an­pas­sen. Dann wä­re sie ir­gend­wann nur noch »Mainstream«-Religion..

    »Vor­aus­ei­len­der Ge­hor­sam« ist doch gar nicht not­wen­dig bei der An­pas­sung ei­ner Re­li­gi­on an ver­än­der­te Le­ben­um­stän­de. »Nach­ei­len­der« wür­de ja schon rei­chen. Aber wenn ei­ne Re­li­gi­on da­zu nicht in der La­ge ist, weil sie sich an Wor­te und Grund­sät­ze klam­mert, die un­ter ganz an­de­ren Um­stän­den ge­äu­ßert wur­den, dann hat sie eben das ge­gen­wär­ti­ge Pro­blem – und nur Ver­än­de­rung kann es lö­sen hel­fen. Mei­ner Mei­nung nach.

  12. Nach­ei­len­der Ge­hor­sam
    Schö­ne For­mu­lie­rung.

    Be­zo­gen auf die ka­tho­li­sche Leh­re und das, was den Leu­ten na­tür­lich schwer fällt zu glau­ben: Die im­mer wie­der vor­ge­brach­ten, glei­chen, viel­leicht nur sym­bo­lisch als Me­ta­phern ge­mein­ten Bil­der – Jung­frau­en­geburt; die Wun­der Je­su. Sind sie es­sen­ti­ell? Sind sie heu­te über­haupt glaub­haft bzw. glau­bens­not­wen­dig? – Ich ver­mu­te, wir erziel(t)en hier schnell Ei­nig­keit...

    Aber: Die »Bot­schaft« an sich bleibt ja noch. Das Lei­den Je­sus’ für uns. Wie ist das heut­zu­ta­ge ver­mit­tel­bar? Gott schickt sei­nen Sohn, um ihn zu kreu­zi­gen? Wie kann dies heu­te Gül­tig­keit be­an­spru­chen? – Da­her fand ich Köpp­nicks Kom­men­tar so in­ter­es­sant (auch in sei­ner La­ko­nie): Was, wenn die Bot­schaft sich schlich­weg »über­lebt« hat? Was, wenn es »nicht mehr reicht«?

    Es gibt ei­nen Film von Jack Gold mit dem Na­men »Ka­tho­li­ken« (ich glau­be, es ist ei­ne Li­te­ra­tur­ver­fil­mung). Er spielt in den 80er Jah­ren (aus der Er­in­ne­rung re­ka­pi­tu­liert). Es geht um ei­nen Pfar­rer, der in ei­ner Ge­mein­de ist und Be­such be­kommt. Es ist die Zeit um Le­feb­v­re, als es kurz nach ei­ner Ab­spal­tung in­ner­halb der ka­tho­li­schen Kir­che aus­sah. An die De­tails der hand­lung kann ich mich jetzt nicht mehr er­in­nern. Am En­de je­doch kam in ei­nem für mich er­grei­fen­den Dia­log her­aus: Der Prie­ster gab zu, dass er nicht mehr glaubt! Er klopft sich vor die Brust und stellt fest: Da ist nichts mehr; nur noch ei­ne Lee­re. Welch’ ei­ne Ent­wick­lung! Je­mand stellt fest, dass er sein Le­ben ei­ner Sa­che hin­ge­ge­ben hat, die ihm ir­gend­wann ab­han­den ge­kom­men ist. Ich glau­be, der Film wird da­her von vie­len als lang­wei­lig ein­ge­stuft, weil die Di­men­si­on die­ses Un­glücks in der heu­ti­gen Zeit gar nicht mehr er­kannt wird.

  13. Re­spi­ri­tua­li­sie­rung, Jung­frau­en­schaft und die Mar­ke »Kir­che«.
    Wenn man man­chen So­zio­lo­gen, Theo­lo­gen und Re­li­gi­ons­wis­sen­schaft­lern glau­ben darf, dann er­le­ben wir zur Zeit ei­ne ge­wal­ti­ge Re­spi­ri­tua­li­sie­rung. Über de­ren Aus­maß kann man si­cher strei­ten, aber es ist wohl so. Grün­de kann man in der Ato­mi­sie­rung der Ge­sell­schaft, dem Zer­fal­len der Welt, in ih­rer un­durch­dring­li­chen Kom­ple­xi­tät, kurz­um in der Sehn­sucht nach dem Ei­nen und Gan­zen se­hen. Es ist nicht nur so, dass die Kir­che den Be­dürf­nis­sen un­se­rer Ge­sell­schaft nicht ge­recht wird, es ist evi­dent, dass sie auf ih­rem ur­ei­gen­sten Ge­biet, der Spi­ri­tua­li­tät ver­sagt. Sie ver­mag es­sen­ti­el­le Be­dürf­nis­se, tie­fe Sehn­süch­te der Men­schen nicht mehr auf­zu­grei­fen! Aber die­se Be­dürf­nis­se exi­stie­ren. Ver­steht die Kir­che die Men­schen nicht mehr? Oder ver­hält es sich um­ge­kehrt?

    Na­tür­lich, heu­te hal­ten die Amts­kir­chen kein Al­lein­ver­tre­tungs­recht für das See­le­heil ih­rer Gläu­bi­gen in Hän­den, ver­mut­lich muss um je­des ein­zel­ne Schäf­chen ge­kämpft wer­den, denn das An­ge­bot »im Su­per­markt der Spi­ri­tua­li­tät« ist groß, und der Su­chen­de greift schon mal in ein an­de­res Re­gal. Das In­ter­es­se in un­se­ren post­mo­der­nen Ge­sell­schaf­ten mag oft­mals auch gar nicht mehr in der le­bens­lan­gen Bin­dung an ei­ne re­li­giö­se In­sti­tu­ti­on lie­gen, man möch­te viel­mehr »pro­bie­ren«, was es denn so al­les gibt. Je­den­falls, der Zu­strom den re­li­giö­se (spi­ri­tu­el­le) Grup­pie­run­gen (»Sek­ten«) er­hal­ten hat sei­nen Ur­sprung wohl in ei­nem tie­fen mensch­li­chen Be­dürf­niss, we­ni­ger in dem Ge­fal­len an eli­tä­ren Ver­ei­ni­gun­gen.

    In­so­fern ist die Ver­mark­tung, die die Kir­che be­treibt nur lo­gisch. Man den­ke an die »Lan­ge Nacht der Kir­che« (gibt es bei euch si­cher auch, oder?), die un­glaub­lich er­folg­reich war. Die Leu­te wol­len kei­nen Leib mehr, die Häpp­chen hie und da rei­chen, und ih­re Be­dürf­nis­se sind ge­stillt.

    Für die west­li­che Welt mag gel­ten: Ent­we­der bleibt die Kir­che bei ih­ren »Prin­zi­pi­en«, dann kann sie wohl nur ei­nen klei­nen Kreis an­spre­chen, oder sie ver­kommt zur Mar­ke und gibt sich da­mit am En­de selbst preis. Die drit­te Mög­lich­keit wä­re frei­lich, die Men­schen wie­der an sich zu bin­den, in spi­ri­tu­el­ler Hin­sicht vor al­lem, aber auch in so­zia­ler, wo­bei die so­zia­len Aspek­te au­ßer­halb der west­li­chen Welt mit Si­cher­heit be­deu­ten­der sind.

    Sum­ma sum­ma­rum: Das was die­se Kir­che so kalt und leer er­schei­nen lässt ist, dass sie den Kon­takt zu den Men­schen und ih­ren Be­dürf­nis­sen, zu­min­dest in wei­ten Tei­len ver­lo­ren hat. Mög­li­cher­wei­se ha­ben sich die Be­dürf­nis­se vie­ler aber auch ge­än­dert, und man kann ih­nen – aus kirch­li­cher Sicht – nicht mehr ge­recht wer­den.

    Aber: Wenn die Lie­be das gan­ze Ge­setz ist, wenn das Chri­sten­tum die Re­li­gi­on der Näch­sten­lie­be ist – ich kann mir nicht vor­stel­len, dass die­ses mensch­li­che Be­dürf­nis je­mals ver­siegt.

    An der Jung­frau­en­schaft Ma­ri­as lässt sich gut er­ken­nen, in wel­cher Be­dräng­nis sich die Kir­che bis­wei­len be­fin­det. Zu­nächst scheint es auf der Hand zu lie­gen, den Aber­glau­ben ein­fach ab­zu­schaf­fen. Wir le­ben im zwan­zig­sten, mitt­ler­wei­le so­gar im ein­und­zwan­zig­sten Jahr­hun­dert, da sind sol­cher­lei Vor­stel­lun­gen ein­fach nicht mehr zeit­ge­mäß. Doch: Selbst wenn die Kir­che woll­te, sie darf nicht! Ent­sorgt man die Jung­frau­en­schaft Ma­ri­as, dann gibt man auch – zu­min­dest in Tei­len – die christ­li­che Vor­stel­lung vom lie­ben­den, mit­leid­vol­len und auch all­mäch­ti­gen Gott preis, denn die Jung­frau­en­schaft ist von ent­schei­den­der theo­lo­gi­scher Sym­bol­kraft. Gott hat sich den Men­schen hin­ge­ge­ben, aus ei­ge­ner Kraft, weil er es woll­te – und nur er! – hat er sei­nen Sohn ge­sandt. Ein Akt rei­ner Gna­de. Aus Lie­be. Man stel­le sich vor, es hät­te da­zu der Hil­fe ei­nes Men­schen be­durft. Was wä­re das für ein selt­sa­mer Gott? Des­halb muss Ma­ria Jung­frau sein. Und sie wird es blei­ben.

  14. Die Sa­che
    mit der »Jung­frau« be­ruht ver­mut­lich auf Über­set­zungs­feh­ler (Daw­kins greift das in sei­nem Buch auf, aber das hat­te ich auch schon vor­her ge­le­sen). Ur­sprüng­lich hat es ver­mut­lich »jun­ge Frau­en« ge­hei­ssen oder der Be­griff der Jung­frau galt nicht im »me­di­zi­ni­schen« Sinn.

    An­son­sten stim­me ich mit Dei­ner Dia­gno­se über­ein. Ich weiss na­tür­lich auch nicht, wie »die Kir­che« es schaf­fen soll, Leu­te an sich zu bin­den. In den USA ge­lingt dies in der Wie­der­be­le­bung re­gres­si­ver Wer­te und ein­deu­ti­ger Hier­ar­chien. Ich glau­be, so et­was hät­te hier we­ni­ger Chan­cen (hof­fent­lich!).

    An­son­sten er­in­ne­re ich mich oft an Hand­kes Ein­trag in sei­nem Jour­nal »Das Ge­wicht der Welt«: Trö­sten, oh­ne den Trost­lo­sen wahr­zu­neh­men (die Kir­che). Der Punkt wä­re, wie man die »Trost­lo­sen« bin­det, oh­ne sie in star­re Dog­men oder Sek­tie­rer­tum zu ver­wei­sen.

  15. Viel­leicht...
    Wenn es die Kir­che schafft, die­se in­di­vi­dua­li­sier­te Ge­sell­schaft zu in­te­grie­ren – die In­sti­tu­tio­nen da­für hät­te sie – dann ge­wän­ne sie si­cher­lich an Be­deu­tung. Sie müss­te ei­ne Art Fo­rum für die Ge­sell­schaft wer­den, ein Sen­so­ri­um ent­wickeln, aber ich ver­mu­te, dass ein sol­cher Pro­zess schlicht nicht von In­ter­es­se ist, je­der ge­nügt sich selbst. Na­ja, fast je­de­falls.

    Selbst wenn »die Jung­frau« ein Über­et­zungs­feh­ler ist, die Vor­stel­lung, dass die Zeu­gung Je­su ei­nes Man­nes be­durf­te, müss­te doch zu­mi­dest ver­wun­dern.

  16. Sie ver­wun­dert
    da­hin­ge­hend, wenn Je­sus auch gleich­zei­tig Got­tes Sohn sein soll. Wenn dann Jo­sef der Va­ter ist, kann das oben ge­nann­te At­tri­but nur me­ta­pho­risch sein. Das darf es aber nicht, weil sonst vie­le an­de­re Aus­sa­gen zu­sam­men­bre­chen, usw.

    Die Kir­che steckt in ei­nem Di­lem­ma: »Op­fert« sie ei­ni­ge (oder al­le) Dog­men, läuft sie dem Zeit­geist nach und ver­prellt ih­re bis­he­ri­ge Kli­en­tel. Bleit sie stur, ver­prellt sie die auf­ge­klär­ten Eu­ro­pä­er.

    Bleibt nur das, was black­con­ti mein­te: Die Gläu­bi­gen in an­de­ren Län­dern blen­den of­fen­sicht­lich sol­che Pro­ble­me ein­fach aus.

  17. Rich­tig.
    Was wä­re, wenn man die Zü­gel an ei­ni­gen Stel­len lockert, aber zen­tra­le Glau­bens­wahr­hei­ten un­an­ge­ta­stet lie­ße, al­so et­was für die ei­ne Kli­en­tel und et­was für die an­de­re tut? Das Prie­ster­amt für Frau­en öf­fen, im Ge­gen­s­zug aber die la­tei­ni­sche Mes­se för­dern (wie es jetzt auch ge­tan wird) usw. Klar, ein schwie­ri­ger Spa­gat. Und er ent­bin­det vor al­lem nicht da­von wie­der zu den Men­schen zu­rück­zu­fin­den.

    Pass auf, bald wer­den wir zu Krie­sen­ma­na­gern der Ka­tho­li­schen Kir­che!

    Aber es gibt auch Stim­men (z.B.Thomas Luck­mann), die die in­sti­tu­tio­na­li­sier­te Re­li­gi­on in den west­li­chen Ge­sell­schaf­ten am Ver­schwin­den und die in­di­vi­dua­li­sier­te im Kom­men se­hen. Ganz falsch ist das si­cher nicht.

  18. Gre­gor Keu­sch­niks kri­ti­scher Kom­men­tar zu Daw­kins Got­tes­wahn stimmt mit mei­nem ei­ge­nen sehr weit ge­hend über­ein. Das freut mich, und hier ist mein Kom­men­tar (lei­der oh­ne das Bild aus In­do­ne­si­en)
    mit herz­li­chem Gruß:

    WARUM GLAUBE UND NATURWISSENSCHAFT ZUSAMMENGEHÖREN
    Mein Wi­der­spruch ge­gen den ah­nungs­lo­sen „Got­tes­wahn“ des Bio­lo­gen Ri­chard Daw­kins
    Nach­denk­li­cher Kom­men­tar für Fe­bru­ar 2008 von Sieg­fried Böh­rin­ger

    Das neue Buch des bri­ti­schen Bio­lo­gen Ri­chard Daw­kins („Der Got­tes­wahn“) könn­te man igno­rie­ren, wenn es nicht als Best­sel­ler so viel In­ter­es­se ge­fun­den hät­te, und wenn es sich bei Daw­kins nicht um ei­nen welt­weit an­ge­se­he­nen Evo­lu­ti­ons­for­scher han­deln wür­de. Loh­nen­de Er­in­ne­run­gen an sein Werk sind auch in die­sem Buch auf­zu­fin­den in den Ab­schnit­ten zum Bei­spiel über die Be­din­gun­gen der Le­bens­ent­ste­hung im Uni­ver­sum S.188, über die „ego­isti­schen Ge­ne“ (sei­ne ei­ge­ne Theo­rie) S.298, und über die Gren­zen mensch­li­cher Wahr­neh­mung der Wirk­lich­keit (die „evo­lu­tio­nä­re Er­kennt­nis­theo­rie“) S.502. Auch ist sein „hu­ma­ni­sti­sches“ Ein­tre­ten für Frie­de, Ge­walt­lo­sig­keit und Frei­heit des Gei­stes in der Nach­fol­ge der gro­ßen Vor­kämp­fer Al­bert Ein­stein und Bert­rand Rus­sell al­ler Ach­tung wert. Ge­rea­de in Theo­lo­gie
    und Kir­che wä­re noch viel zu ler­nen und um­zu­den­ken, wenn die von Daw­kins (nicht nur von ihm) so lei­den­schaft­lich ver­tre­te­ne Wahr­heit der Evo­lu­ti­on als rein na­tur­haf­te Ent­wick­lung des Le­bens (auch des mensch­li­chen Le­bens ein­schließ­lich sei­ner Re­li­gio­si­tät) ern­ster ge­nom­men wür­de. So schließt sich auch Daw­kins den bei­den von ihm zi­tier­ten Be­kennt­nis­sen an: „Gott muß grö­ßer sein, als wir uns träu­men lie­ßen. – Ei­ne Re­li­gi­on, die die Grö­ße des Uni­ver­sums im Sin­ne der mo­der­nen Wis­sens­schaft be­tont, könn­te wahr­schein­lich auf we­sent­lich mehr .. Ehr­erbie­tung hof­fen als die her­kömm­li­chen Glau­bens­rich­tun­gen.“ (Carl Sa­gan) Und: „Das Wis­sen um die Exi­stenz des für uns Un­durch­dring­li­chen, die Ma­ni­fe­sta­tio­nen tief­ster Ver­nunft und leuch­tend­ster Schön­heit (un­se­rer Ver­nunft nur in ih­ren pri­mi­tiv­sten For­men zu­gäng­lich), dies Wis­sen und Füh­len macht wah­re Re­li­gio­si­tät aus.“ (Al­bert Ein­stein) Daß er sich selbst den­noch als „Athe­isten“ be­zeich­net, ist sei­ne Sa­che. (Die­se Zu­schrei­bung hat er tö­rich­ter­wei­se ein­fach von den ame­ri­ka­ni­schen Krea­tio­ni­sten über­nom­men. Im­mer­hin gibt es von ihm ei­nen Auf­satz mit dem Ti­tel „Athe­isten für Je­sus“.)

    Mein Seuf­zer: Wä­re Ri­chard Daw­kins doch als Bio­lo­ge und Hu­ma­nist bei der Sa­che, von der er et­was ver­steht, ge­blie­ben (als „Schu­ster bei sei­nem Lei­sten“), so hät­te sein Werk ein wich­ti­ger Bei­trag sein kön­nen zur welt­wei­ten, weit­ge­hend aus dem von ihm ver­pön­ten Got­tes­glau­ben ge­spei­sten Frie­dens­be­we­gung un­se­rer Zeit. Dies hat er sich ver­scherzt durch die be­reits im Ti­tel sei­nes neu­en Bu­ches sicht­ba­re pau­scha­le Ver­teu­fe­lung je­der Gläu­big­keit mit die­sen ab­we­gi­gen Be­haup­tun­gen: Die Na­tur­wis­sen­schaft­ler (und na­tur­wis­sen­schaft­lich Ge­bil­de­ten) sei­en al­le­samt Athe­isten und wür­den es nur aus „Krie­che­rei“ vor der herr­schen­den Mei­nung nicht zu­ge­ben / Der Gott der Bi­bel (be­son­ders des Al­ten Te­sta­men­tes) sei nichts an­de­res als ein „blut­rün­sti­ger Ty­rann“ / Die aber­gläu­bi­schen kirch­li­chen Dog­men wür­den be­reits den klei­nen Kin­dern wie ein Vi­rus ein­ge­impft / Die Re­li­gio­nen sei­en die ei­gent­li­chen, gar ein­zi­gen Ur­sa­chen von Ge­walt, Krieg und Ter­ror (als ob es im Chri­sten­tum nichts an­de­res gä­be als die von Daw­kins mit Recht an­ge­pran­ger­te Kriegs­ideo­lo­gie des Ge­or­ge Bush, im Is­lam nichts an­de­res als die Ter­ror-Ideo­lo­gie des Bin La­den) / Die ed­le­ren For­men von Re­li­gio­si­tät und Theo­lo­gie (wie bei Paul Til­lich oder Diet­rich Bon-hoef­fer) kön­ne man ver­ges­sen, weil sie zah­len­mä­ßig nicht ins Ge­wicht fal­len / Die Re­li­gi­on kön­ne zwar mensch­li­che Grund­be­dürf­nis­se be­frie­di­gen (et­wa nach Er­klä­rung, Er­mah­nung, Trost und In­spi­ra­ti­on) aber nur bis zum Au­gen­blick der „Des­il­lu­sio­nie­rung“. Ent­schei­dend für Daw­kins’ Kri­tik der Re­li­gi­on ist die Be­haup­tung ih­rer Un­wahr­heit. Die Exi­stenz ei­nes in der kos­mi­schen Rea­li­tät als al­les be­stim­men­de „Hand­lungs­in­stanz“ ge­gen­wär­ti­gen Got­tes, der das Uni­ver­sum er­schuf und to­tal kon­trol­liert, sei so un­wahr­schein­lich wie die (von Rus­sell ins Spiel ge­brach­te) Exi­stenz ei­ner Tee­kan­ne in ei­ner ent­fern­ten Um­lauf­bahn um die Son­ne. (Oder des gleich­ar­ti­gen „Flie­gen­den Spa­ghet­ti­mon­sters“) Es scheint, daß Daw­kins sich kein an­de­re­r­es Bild ei­nes Schöp­fer­got­tes vor­stel­len kann. Glück­li­cher­wei­se gibt es auch (was Daw­kins to­tal igno­riert)
    vie­le be­son­ne­ne­re Na­tur­wis­sen­schaft­ler, für ei­ne mensch­li­che Welt en­ga­gier­te Theolog/innen, Glau­bens­grup­pen und Kir­chen, und ei­ne star­ke Be­we­gung der „Re­li­gio­nen für den Frie­den“.
    Da­mit rech­net mit hof­fen­dem Blick auf die kom­men­de Zeit und grüßt herz­lich
    Sieg­fried Böh­rin­ger.

    VIEL-SAGENDE BILDER
    (36) Die wah­re Wirk­lich­keit Got­tes:
    Na­tur­wis­sen­schaft­lich we­der nach­weis­bar noch wi­der­leg­bar, weil sie nichts Ge­gen­ständ­li­ches im Uni­ver­sum dar­stellt
    und doch al­les Kos­mi­sche und Ir­di­sche trägt und um­fasst: in ei­nem macht­lo­sen, un­faß­ba­ren Hin­ter­grund
    von al­lem, was ist, im­mer
    auf der Sei­te der Macht­lo­sen zu fin­den, und al­lem Sei­en­den ge­gen­über frei­las­send, sor­gend, lei­dend, hof­fend, auf­be­wah­rend. So meint es die­se Ba­tik aus In­do­ne­si­en
    als Kern der Bot­schaft vom ge­kreu­zig­ten Je­sus.

    Da­her konn­te Diet­rich Bon­hoef­fer sa­gen „Ei­nen Gott, den es gibt, gibt es nicht“ und Paul Til­lich nicht vom nach­weis­ba­ren, aber vom of­fen­ba­ren (auf ganz an­de­re Wei­se wirk­li­chen) Gott spre­chen als vom „ganz Ei­ge­nen, das mich un­be­dingt an­geht“
    in den fol­gen­den nicht leicht faß­ba­ren und doch für un­ser Ver­ständ­nis von Welt, Mensch, Gott so be­deut­sa­men Sät­zen: „Ist das, was of­fen­bar wird, das ganz Ei­ge­ne, so ist es das, was mich un­be­dingt an­geht. – Es gibt kei­nen Ort, von dem aus man das Un­be­ding­te an­schau­en könn­te; es wür­de da­durch be­dingt wer­den, Ob­jekt wer­den, es wür­de auf­hö­ren, das un­be­dingt Ei­ge­ne zu sein, das, wor­in un­ser Sein wur­zelt.“
    Hier hät­ten wir al­le wohl noch viel zu ler­nen und um­zu­ler­nen –
    nicht nur ah­nungs­lo­se Na­tur­wis­sen­schaft­ler wie Daw­kins,
    die sich (fälsch­li­cher­wei­se) Athe­isten nen­nen.