Nichts wie weg

Stephan Thome: Besser als nie
Ste­phan Thome: Bes­ser als nie

An­dert­halb Jahr­zehn­te nach sei­nem Ge­sell­schafts­ro­man Grenz­gang macht Ste­phan Thome mit Bes­ser als nie aus sei­nem Ber­gen­stadt ei­nen Trai­ler­park.

2009 sorg­te der in Tai­wan le­ben­de Schrift­stel­ler Ste­phan Thome für ei­ne klei­ne Feuil­le­ton­dis­kus­si­on. Sein Erst­ling Grenz­gang spie­gel­te die Er­eig­nis­se ei­ni­ger Fi­gu­ren an­hand ei­nes al­le sie­ben Jah­re in ei­ner hes­si­schen Klein­stadt statt­fin­den­den, weit über die re­gio­na­len Gren­zen be­kann­ten, seit rund 200 Jah­ren ge­fei­er­ten Stadt- und Land­fe­stes mit dem Na­men Grenz­gang. Mit der Um­be­nen­nung des Or­tes vom rea­len Bie­den­kopf (rd. 12.000 Ein­woh­ner; Tho­mes Ge­burts­stadt) zum ima­gi­nä­ren Ber­gen­stadt (im Ro­man 7.000 Ein­woh­ner) soll­te die Fik­tio­na­li­sie­rung un­ter­stri­chen wer­den, wenn­gleich die Ri­tua­le des Fe­stes, et­wa die hi­sto­risch be­ding­ten Wan­de­run­gen rund um die Grenz­mar­kie­run­gen und die Peit­schen­schwün­ge über­nom­men wur­den. Für ei­ni­ge Kri­ti­ker war dies zu viel. Sie wit­ter­ten ei­ne »Re­nais­sance des deut­schen Pro­vinz­ro­mans«, ver­mut­lich weil die Haupt­fi­gu­ren we­der in Ber­lin, New York oder Pa­ris leb­ten und es sich nicht um schreib­ge­hemm­te Schrift­stel­ler, schöp­fungs­mü­de Künst­ler oder des­il­lu­sio­nier­te Aka­de­mi­ker han­del­te. Man ver­glich Tho­mes Klein­stadt­bio­top mit den da­mals neu her­aus­ge­kom­me­nen Wer­ken von Fo­ster Wal­lace und Bo­la­ño.

Nun fällt der Pro­vin­zia­lis­mus­vor­wurf fast im­mer dann, wenn Kri­ti­ker ih­re ei­ge­ne (Klein)Bürgerlichkeit, die sie mehr oder we­ni­ger er­folg­reich ver­drän­gen, all­zu deut­lich wie­der­erken­nen. Der Spie­gel kann manch­mal grau­sam sein. Im Fu­ror über­sa­hen sie, dass sich in den im Buch statt­fin­den­den Rück­blen­den der ein­zel­nen Prot­ago­ni­sten (um­fas­send die Jah­re zwi­schen 1985 und 2006 in Sie­ben­jah­ren-Schrit­ten) ein Mo­sa­ik über den Zu­stand des Lan­des ent­wickel­te. Thome setz­te die Grenz­gang-Fe­ste der­art, dass es 2006 mit dem »Som­mer­mär­chen« der Fuß­ball-WM in Deutsch­land zu­sam­men­traf. Liest man die Epi­so­den heu­te noch ein­mal nach, ist man er­staunt, wie ge­löst und frei man sich da­mals fühl­te.

Nach­träg­lich bin ich froh, die TV-Ver­fil­mung von Grenz­gang aus 2013 auf­grund wid­ri­ger Um­stän­de (der Re­kor­der nahm nicht auf) ver­passt zu ha­ben. So kann man sich nun, im neu­en Grenz­gang-Ro­man mit dem zu­nächst rät­sel­haf­ten Ti­tel Bes­ser als nie wei­ter­hin so vor­stel­len, wie man sie aus der Er­in­ne­rung (und den da­ma­li­gen No­ti­zen) re­kon­stru­iert hat­te.

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