Li­te­ra­ri­sche Er­kun­dun­gen

In Zei­ten zahl­lo­ser li­te­ra­ri­scher Neu­erschei­nun­gen, die von rast­lo­sen Zir­ku­la­ti­ons­agen­ten in das Zen­trum der Auf­merk­sam­keit ge­pusht wer­den (sol­len), wei­chen vom Über­maß der Ent­täu­schun­gen zu­neh­mend er­mü­de­te Le­ser ver­stärkt auf Blü­ten­le­sen aus, in der ih­nen nicht nur Zu­sam­men­hän­ge und Pre­tio­sen aus ver­gan­ge­nen Li­te­ra­tur­wel­ten na­he­ge­bracht wer­den, son­dern das un­über­sicht­li­che Ta­bleau hel­fen, ein­zu­ord­nen. Ne­ben den eher auf­dring­lich-apo­dik­ti­schen, im Ab­stand von ei­ni­gen Jah­ren im­mer wie­der neu auf­ge­leg­ten Ka­non­de­bat­ten, sind dies an­spruchs­vol­le Mo­no­gra­fien, wie Ed­ward Franks Stran­ger than Fic­tion, ein Ver­such, drei­ßig Ro­ma­ne zu fin­den, die das 20. Jahr­hun­dert spie­geln oder, ern­ster, Hel­muth Kie­sels groß­ar­ti­ges Va­de­me­cum über die deutsch­spra­chi­ge Li­te­ra­tur zwi­schen 1933 und 1945.

Leopold Federmair: Portraits
Leo­pold Fe­der­mair: Por­traits

Be­son­ders be­liebt sind Schrift­stel­ler­por­traits. So bei Hel­mut Böt­ti­ger und, als em­pha­ti­scher Lob- und Trau­er­red­ner, Mi­cha­el Krü­ger. Por­traits heißt denn auch kurz und knapp die so­eben er­schie­ne­ne Auf­satz­samm­lung des öster­rei­chi­schen Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lers und Schrift­stel­lers Leo­pold Fe­der­mair. Al­ler­dings könn­te der Ge­gen­satz zum feuil­le­to­ni­sti­schen Krü­ger kaum grö­ßer sein. Ver­sam­melt sind 27 Tex­te über 26 »Schrift­stel­ler, Dich­ter & Den­ker«, ent­stan­den in drei Jahr­zehn­ten. Die Por­traits wur­den an ver­schie­de­nen Stel­len on­line oder auf Pa­pier pu­bli­ziert und für das Buch ge­ge­be­nen­falls den Ak­tua­li­tä­ten an­ge­passt. Manch­mal fin­det man Pu­bli­ka­ti­ons­da­ten, manch­mal nicht; ei­ne Bi­blio­gra­phie fehlt.

Ein­stiegs­hil­fen

Schon im Vor­wort be­tont Fe­der­mair die Sub­jek­ti­vi­tät sei­ner Aus­wahl, die nicht zu­letzt sei­nem kos­mo­po­li­ti­schen Le­ben und der Neu­gier auf frem­de Län­der und de­ren Li­te­ra­tur fußt. So kommt süd­ame­ri­ka­ni­sche Li­te­ra­tur vor, auch weil er un­ter an­de­rem län­ger in Ar­gen­ti­ni­en ge­lebt hat (und Spa­nisch spricht, die Wer­ke im Ori­gi­nal le­sen kann). Auch sei­ne Pro­fes­sur in Ja­pan zeigt Spu­ren. Ne­ben dem noch leid­lich be­kann­ten Kenzabu­ro Oe gibt es Auf­sät­ze zu zur tau­send Jah­re al­ten »Mäd­chen­li­te­ra­tur« von Sei Sho­na­gon so­wie über Ju­ni­chi­ro Ta­ni­zaki und den sich selbst als »Au­ßer­ir­di­schen« be­zeich­nen­den Hi­to­na­ri Tsu­ji.

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Hel­muth Kie­sel: Schrei­ben in fin­ste­ren Zei­ten

Helmuth Kiesel: Schreiben in finsteren Zeiten
Hel­muth Kie­sel:
Schrei­ben in fin­ste­ren Zei­ten

Schrei­ben in fin­ste­ren Zei­ten von Hel­muth Kie­sel ist Band XI der Ge­schich­te der deut­schen Li­te­ra­tur von den An­fän­gen bis zur Ge­gen­wart. Er schließt die Lücke zwi­schen Band X, der 2017 eben­falls von Kie­sel ver­fass­ten Ge­schich­te der deutsch­spra­chi­gen Li­te­ra­tur 1918 – 1933 und dem be­reits 2006 er­schie­ne­nen Band XII über die »deut­sche Li­te­ra­tur« nach 1945.

Es ist ei­ne Her­ku­les-Auf­ga­be, der sich Hel­muth Kie­sel un­ter­zo­gen hat und wenn man ehr­lich ist, dann kann man sich nie­mand an­de­ren vor­stel­len, der dies hät­te der­art groß­ar­tig be­wäl­ti­gen kön­nen. Um den Le­se­fluss nicht zu hem­men, ver­zich­tet Kie­sel voll­stän­dig auf Fuß- oder End­no­ten und ver­packt bi­blio­gra­phi­sche De­tails im Text. Das gilt auch für die den je­wei­li­gen Ka­pi­teln vor­an­ge­stell­ten bis­her er­schie­ne­nen Auf­sät­ze, Zu­sam­men­stel­lun­gen und Mo­no­gra­phien zu Teil­aspek­ten ei­nes The­mas. Im An­hang gibt es ne­ben ei­ner Aus­wahl­bi­blio­gra­phie ein de­tail­lier­tes Per­so­nen- und Sach­re­gi­ster. Be­son­ders de­tail­rei­che Aus­füh­run­gen zu Wer­ken, Prot­ago­ni­sten oder The­sen wer­den in klei­ne­rer Schrift ab­ge­druckt. Es ist mög­lich, die­se Stel­len zu über­sprin­gen, oh­ne den Zu­sam­men­hang zu ver­lie­ren. Ich ra­te da­von ab; was Hel­muth Kie­sel zu sa­gen hat, ist durch­weg fun­diert und in­ter­es­sant.

Im­mer wie­der wird Be­zug ge­nom­men auf Band X, der die 14jährige »Blü­te­zeit« der deut­schen Li­te­ra­tur um­fasst, um das Aus­maß des »ter­ro­ri­stisch durch­ge­setz­ten Bruchs mit der kul­tu­rel­len Tra­di­ti­on«, die sich mit dem 30. Ja­nu­ar 1933 zeig­te, deut­lich zu ma­chen. Kurz wird dis­ku­tiert, ob man von »Macht­er­grei­fung« oder, neu­tra­ler, »Macht­über­nah­me« re­den soll­te. Kie­sel ver­wen­det dann fast durch­gän­gig »Macht­er­grei­fung«.

Exil ge­gen bin­nen­deutsch

Kie­sel er­klärt, dass die um­fang­rei­che Gen­re- und Un­ter­hal­tungs­li­te­ra­tur nicht in die­se Epo­chen­be­trach­tung auf­ge­nom­men wur­de (ge­le­gent­lich zei­gen sich al­ler­dings Grenz­fäl­le). Der Fo­kus liegt auf »dich­te­risch her­aus­ra­gen­de und zeit­ge­schicht­lich auf­schluß­rei­che Li­te­ra­tur.« Ge­klärt wird der Un­ter­schied zwi­schen »deut­scher« und »deutsch­spra­chi­ger« Li­te­ra­tur und klar­ge­stellt, dass die im Exil ent­stan­de­ne Li­te­ra­tur selbst­ver­ständ­lich in die­se Be­trach­tung ein­be­zo­gen wer­den muss, weil sie ei­ne »Spiel­art« der deut­schen Li­te­ra­tur dar­stellt und die »po­li­ti­sche und ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lung Deutsch­lands nach 1933« als Haupt­the­ma hat­te. Die Exil­li­te­ra­tur trat an, »(1.) [zu] zei­gen, wo­zu das freie Deutsch­land kul­tu­rell fä­hig ist; (2.) die Wahr­heit über das na­tio­nal­so­zia­li­sti­sche Deutsch­land ver­brei­ten; (3.) den Kampf ge­gen Hit­ler un­ter­stüt­zen.« Letz­te­res war be­son­ders wich­tig für die kom­mu­ni­sti­schen Au­toren, die un­ter Le­bens­ge­fahr ver­such­ten, ih­re Li­te­ra­tur, aber auch Flug­blät­ter und Auf­ru­fe im Reich zu ver­brei­ten, um auf­klä­re­risch zu wir­ken. Die deutsch(sprachig)e Li­te­ra­tur aus dem Exil war min­de­stens zu Be­ginn sehr stark po­li­tisch grun­diert.

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