Hel­muth Kie­sel: Schrei­ben in fin­ste­ren Zei­ten

Helmuth Kiesel: Schreiben in finsteren Zeiten
Hel­muth Kie­sel:
Schrei­ben in fin­ste­ren Zei­ten

Schrei­ben in fin­ste­ren Zei­ten von Hel­muth Kie­sel ist Band XI der Ge­schich­te der deut­schen Li­te­ra­tur von den An­fän­gen bis zur Ge­gen­wart. Er schließt die Lücke zwi­schen Band X, der 2017 eben­falls von Kie­sel ver­fass­ten Ge­schich­te der deutsch­spra­chi­gen Li­te­ra­tur 1918 – 1933 und dem be­reits 2006 er­schie­ne­nen Band XII über die »deut­sche Li­te­ra­tur« nach 1945.

Es ist ei­ne Her­ku­les-Auf­ga­be, der sich Hel­muth Kie­sel un­ter­zo­gen hat und wenn man ehr­lich ist, dann kann man sich nie­mand an­de­ren vor­stel­len, der dies hät­te der­art groß­ar­tig be­wäl­ti­gen kön­nen. Um den Le­se­fluss nicht zu hem­men, ver­zich­tet Kie­sel voll­stän­dig auf Fuß- oder End­no­ten und ver­packt bi­blio­gra­phi­sche De­tails im Text. Das gilt auch für die den je­wei­li­gen Ka­pi­teln vor­an­ge­stell­ten bis­her er­schie­ne­nen Auf­sät­ze, Zu­sam­men­stel­lun­gen und Mo­no­gra­phien zu Teil­aspek­ten ei­nes The­mas. Im An­hang gibt es ne­ben ei­ner Aus­wahl­bi­blio­gra­phie ein de­tail­lier­tes Per­so­nen- und Sach­re­gi­ster. Be­son­ders de­tail­rei­che Aus­füh­run­gen zu Wer­ken, Prot­ago­ni­sten oder The­sen wer­den in klei­ne­rer Schrift ab­ge­druckt. Es ist mög­lich, die­se Stel­len zu über­sprin­gen, oh­ne den Zu­sam­men­hang zu ver­lie­ren. Ich ra­te da­von ab; was Hel­muth Kie­sel zu sa­gen hat, ist durch­weg fun­diert und in­ter­es­sant.

Im­mer wie­der wird Be­zug ge­nom­men auf Band X, der die 14jährige »Blü­te­zeit« der deut­schen Li­te­ra­tur um­fasst, um das Aus­maß des »ter­ro­ri­stisch durch­ge­setz­ten Bruchs mit der kul­tu­rel­len Tra­di­ti­on«, die sich mit dem 30. Ja­nu­ar 1933 zeig­te, deut­lich zu ma­chen. Kurz wird dis­ku­tiert, ob man von »Macht­er­grei­fung« oder, neu­tra­ler, »Macht­über­nah­me« re­den soll­te. Kie­sel ver­wen­det dann fast durch­gän­gig »Macht­er­grei­fung«.

Exil ge­gen bin­nen­deutsch

Kie­sel er­klärt, dass die um­fang­rei­che Gen­re- und Un­ter­hal­tungs­li­te­ra­tur nicht in die­se Epo­chen­be­trach­tung auf­ge­nom­men wur­de (ge­le­gent­lich zei­gen sich al­ler­dings Grenz­fäl­le). Der Fo­kus liegt auf »dich­te­risch her­aus­ra­gen­de und zeit­ge­schicht­lich auf­schluß­rei­che Li­te­ra­tur.« Ge­klärt wird der Un­ter­schied zwi­schen »deut­scher« und »deutsch­spra­chi­ger« Li­te­ra­tur und klar­ge­stellt, dass die im Exil ent­stan­de­ne Li­te­ra­tur selbst­ver­ständ­lich in die­se Be­trach­tung ein­be­zo­gen wer­den muss, weil sie ei­ne »Spiel­art« der deut­schen Li­te­ra­tur dar­stellt und die »po­li­ti­sche und ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lung Deutsch­lands nach 1933« als Haupt­the­ma hat­te. Die Exil­li­te­ra­tur trat an, »(1.) [zu] zei­gen, wo­zu das freie Deutsch­land kul­tu­rell fä­hig ist; (2.) die Wahr­heit über das na­tio­nal­so­zia­li­sti­sche Deutsch­land ver­brei­ten; (3.) den Kampf ge­gen Hit­ler un­ter­stüt­zen.« Letz­te­res war be­son­ders wich­tig für die kom­mu­ni­sti­schen Au­toren, die un­ter Le­bens­ge­fahr ver­such­ten, ih­re Li­te­ra­tur, aber auch Flug­blät­ter und Auf­ru­fe im Reich zu ver­brei­ten, um auf­klä­re­risch zu wir­ken. Die deutsch(sprachig)e Li­te­ra­tur aus dem Exil war min­de­stens zu Be­ginn sehr stark po­li­tisch grun­diert.

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Mit Ernst Jün­ger aus der Kom­fort­zo­ne

Die vor­nehm­li­che Hal­tung des ak­tu­el­len Le­sers der Bü­cher von Ernst Jün­ger in der mo­ral­ge­tränk­ten (li­te­ra­ri­schen) Öf­fent­lich­keit ist ge­beugt, die Lek­tü­re er­folgt vor­zugs­wei­se ver­steckt, das Re­den dar­über flü­sternd, in ste­ti­ger Ab­gren­zung so­wohl ge­gen Be­schimp­fun­gen wie auch un­will­kom­me­nen Um­ar­mun­gen be­grif­fen. In der Ni­sche zwi­schen ei­ner im Brust­ton der Un­kennt­nis vor­ge­brach­ten Ab­leh­nungs­ka­ma­ril­la und leid­li­chen, po­li­tisch mo­ti­vier­ten Ver­ein­nah­mun­gen be­fin­det sich der Jün­ger-Re­zi­pi­ent in stän­di­ger Acht­sam­keit. Wer si­cher ge­hen will, liest lie­ber Re­mar­que, Im We­sten nichts Neu­es. Da­bei er­scheint es wie ein Witz, dass Re­mar­que einst die Stahl­ge­wit­ter, je­ne li­te­r­a­ri­sier­te Form der Kriegs­ta­ge­bü­cher des Leut­nants Jün­ger aus dem Er­sten Welt­krieg, als »prä­zi­se, ernst, stark und ge­wal­tig« lob­te und ei­ne »wohl­tu­en­de Sach­lich­keit« her­aus­stell­te. Aber wer weiß das schon? Be­zie­hungs­wei­se: Wer will das wis­sen?

Und dann liest man plötz­lich so et­was:

  • »Ernst Jün­gers Kriegs­ta­ge­bü­cher lie­fern viel­leicht den be­sten und ehr­lich­sten Be­weis für die Schwie­rig­kei­ten, de­nen das In­di­vi­du­um aus­ge­setzt ist, wenn es sei­ne mo­ra­li­schen Wert­vor­stel­lun­gen und sei­nen Wahr­heits­be­griff un­ge­bro­chen in ei­ner Welt er­hal­ten möch­te, in der Wahr­heit und Mo­ral jeg­li­chen er­kenn­ba­ren Aus­druck ver­lo­ren ha­ben. Trotz des un­leug­ba­ren Ein­flus­ses, den Jün­gers frü­he Ar­bei­ten auf be­stimm­te Mit­glie­der der na­zi­sti­schen In­tel­li­genz aus­üb­ten, war er vom er­sten bis zum letz­ten Tag des Re­gimes ein ak­ti­ver Na­zi-Geg­ner und be­wies da­mit, daß der et­was alt­mo­di­sche Ehr­be­griff, der einst im preu­ßi­schen Of­fi­ziers­korps ge­läu­fig war, für in­di­vi­du­el­len Wi­der­stand völ­lig aus­reich­te.«

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