Ist Gott ge­fähr­lich? – Ul­rich Beck und sei­ne schlich­ten The­sen

Ir­gend­wo ha­be ich mal ge­le­sen, Ul­rich Beck schrei­be manch­mal sehr schnell. Ei­nen Es­say oder ein klei­nes Buch in we­ni­gen Ta­gen – kei­ne Pro­blem. Hier­aus re­sul­tiert dann ge­le­gent­lich auch mal der Vor­wurf des Schnel­len, Vor­ei­li­gen; gar ei­nes kes­sen Zeit­geist­sur­fers. Sein neu­ester Es­say in der ak­tu­el­len Aus­ga­be der »ZEIT« scheint von die­ser Art zu sein. »Gott-ist-ge­fa­ehr­lich« schreibt der re­nom­mier­te So­zio­lo­ge und stu­pen­de Ri­si­ko­for­scher Beck dort und for­mu­liert fünf The­sen, die die­ses arg pau­scha­le Ur­teil be­stä­ti­gen sol­len – und ent­täu­schend schlicht da­her­kom­men.

Becks er­ste The­se be­schäf­tigt sich mit der Dua­li­tät Gläu­bi­ger und Un­gläu­bi­ger. Zwar po­stu­lier­ten re­li­giö­se Sy­ste­me die Gleich­heit al­ler Men­schen – aber im glei­chen Mo­ment, wo die­se Brücke ge­baut sei, zer­stö­re man durch die dua­li­sti­sche Lo­gik zwi­schen Un­gläu­bi­gen und Gläu­bi­gen die­se Ver­söh­nungs­ge­ste wie­der. Und Beck möch­te dem Ge­sund­heits­mi­ni­ster ins Stamm­buch schrei­ben: Re­li­gi­on tö­tet. Re­li­gi­on darf an Ju­gend­li­che un­ter 18 Jah­ren nicht wei­ter­ge­ge­ben wer­den.

Ein schö­nes Aper­çu und stim­mig mit den Daw­kins’ und Hit­chens’ die­ser Ta­ge. Beck sagt aber lei­der nicht, wem die­ser fe­sche Ap­pell des sä­ku­la­ren Trend­set­ters gilt. Gilt er dem Staat? Soll da­mit ge­sagt wer­den, dass der Staat sei­ne Auf­ga­be nicht mehr län­ger dar­in se­hen kann, im Re­li­gi­ons­un­ter­richt in den Schu­len die­se ei­ne Re­li­gi­on so­zu­sa­gen als Mo­no­pol zu ver­ord­nen bzw. zu ver­or­ten? Dann hät­te er Po­si­ti­on zu der Fra­ge ei­nes Ethik­un­ter­richts als Al­ter­na­ti­ve zum bis­he­ri­gen Re­li­gi­ons­un­ter­richt an den Schu­len be­zo­gen. Ei­nem Punkt, dem tat­säch­lich voll zu­zu­stim­men ist, denn auch wenn ei­ne nor­ma­ti­ve Tren­nung zwi­schen Staat und Kir­che in der Bun­des­re­pu­blik nicht exi­stiert, so wä­re doch ei­ne eher lai­zi­sti­sche Po­si­ti­on sei­ner In­sti­tu­tio­nen wün­schens­wert (und da­mit ein An­fang ge­macht). Al­lei­ne, um im in­ter­kul­tu­rel­len Kon­text an­de­re re­li­giö­se und ethi­sche Sy­ste­me vor­zu­stel­len.

Oder meint er, dass das Ver­bot mit re­li­giö­sen Sy­ste­men in Kon­takt zu kom­men, auch von sei­ten der Er­zie­hungs­be­rech­tig­ten ein­zu­for­dern ist? Will Beck in das pri­va­te Er­zie­hungs­mo­no­pol (Art. 6 GG) ein­grei­fen? Wohl kaum. Und wer er­klärt dann den Kin­dern Weih­nach­ten oder Ostern – oder wer­den die­se Fest­ta­ge gleich mit »sä­ku­la­ri­siert« und der kom­mer­zi­el­lem Ver­mark­tung end­gül­tig preis­ge­ge­ben? Und dann die Fra­gen von leuch­ten­den Kin­der­au­gen, was man denn in die­sen gro­ssen Ge­bäu­den da ma­che, in de­nen ei­ni­ge Men­schen im­mer an be­stimm­ten Ta­gen hin­ein­ge­hen? Wie den­je­ni­gen er­klä­ren, die im fort­ge­schrit­te­nen Ju­gend­li­chen­al­ter am Com­pu­ter be­reits gan­ze Welt­rei­che be­feh­li­gen oder Jagd­flie­ger­staf­feln kom­man­die­ren, dass das, was sich in die­sen omi­nö­sen Häu­sern ab­spielt, noch nichts für ih­re jun­gen, rei­nen See­len sei und die Ver­samm­lung der Gläu­bi­gen in Kir­chen, Mo­sche­en oder Syn­ago­gen da­mit ei­nen kon­spi­ra­ti­ven Cha­rak­ter be­kommt? Wür­de nicht ge­ra­de dann so­gar ei­ne ge­wis­se Neu­gier an­ge­sta­chelt?

Am An­fang macht sich Beck über die Drei-Ta­ge-Chri­sten und den Kon­sum der Kir­chen­thea­ter­dienst­lei­stung lu­stig – aber was ist mit die­sen Elf­mo­nats­at­he­isten ei­gent­lich, die ih­ren ra­tio­na­li­sti­schen Fu­ror im­mer dann spa­zie­ren füh­ren, wenn für sie ge­ra­de mal die Son­ne scheint?

Auch sei­ne zwei­te The­se hin­ter­lässt mehr Fra­gen als Ant­wor­ten. Sein Ver­such ei­ner Tren­nung zwi­schen »Re­li­gi­on« und »re­li­gi­ös« ist ir­gend­wie nicht über­zeu­gend – und im fort­schrei­ten­den Eklek­ti­zis­mus der Re­li­gio­nen, wie er ihn für Ja­pan be­schreibt, könn­te man doch als po­si­ti­ves Ele­ment die Ato­mi­sie­rung der Dog­men­gläu­big­keit zu je­der ein­zel­nen Re­li­gi­on er­ken­nen. Selt­sam – die­se Angst vor der Ver­mi­schung der ein­zel­nen re­li­giö­sen Bräu­che hat er dann si­cher­lich durch­aus mit den je­wei­li­gen Ex­ege­ten des »rei­nen Glau­bens« ge­mein.

Mit der drit­ten (Glau­be sticht Ver­stand – ist das nicht für je­de Welt­an­schau­ung im­ma­nent?) und vier­ten The­se greift Beck di­rekt die Ar­gu­men­te des ak­tu­el­len »neu­en Athe­is­mus« auf. Er er­kennt ei­ne vi­ru­len­te Nä­he zwi­schen der ma­nichäi­schen Welt der Re­li­gio­nen und des Na­tio­na­lis­mus. Die Ger­ma­ni­sie­rung des Chri­sten­tums wäh­rend der Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, ins­be­son­de­re ei­nes aggressive[n], antreibende[n] An­ti­se­mi­tis­mus pro­te­stan­ti­scher Ge­mein­den, er­kennt Beck nicht als Per­ver­tie­rung des christ­li­chen Men­schen­bil­des, son­dern als des­sen Fol­ge. Der Theo­lo­gen­na­tio­na­lis­mus wäh­rend des so­ge­nann­ten Drit­ten Rei­ches wird als In­spi­ra­ti­ons­quel­le für den To­ta­li­ta­ris­mus der Na­tio­nal­so­zia­li­sten ge­se­hen.

Das ist – mit Ver­laub – in die­ser Kon­ti­nui­tät ge­se­hen nichts an­de­res als Ge­schichts­klit­te­rung. Beck über­nimmt hier un­ge­lenk (und stark ver­kür­zend) Gold­ha­gens The­se vom spe­zi­fisch deut­schen »eli­mi­na­to­ri­schen An­ti­se­mi­tis­mus«, aber wäh­rend Gold­ha­gen aus­ge­spro­chen scharf die ka­tho­li­sche Kir­che (und auch den Va­ti­kan) an­greift, ka­pri­ziert sich Beck auf den Pro­te­stan­tis­mus, um in ei­nem Be­frei­ungs­schlag gleich das gan­ze Chri­sten­tum zu de­nun­zie­ren.

Beck setzt in der – be­rech­tig­ten – Ne­ga­ti­on der ab­so­lu­ti­sti­schen Wahr­heits­an­sprü­che der mo­no­the­isti­schen Re­li­gio­nen ein­fach den ab­so­lu­ti­sti­schen Wahr­heits­an­spruch sei­nes Sä­ku­la­ris­mus. Ich hät­te ger­ne er­fah­ren, wor­in die­ser be­steht. Statt­des­sen schreibt er sich ab an der Gei­sse­lung re­li­giö­ser Sy­ste­me. Am En­de wird ein we­nig über Gan­dhis »Hin­du­is­mus« er­zählt (für Beck ist Hin­du­is­mus of­fen­sicht­lich ho­mo­gen, was aber de­fi­ni­tiv nicht der Fall ist und da­mals schon gar nicht) und statt­des­sen Be­ton für die näch­ste Ver­göt­te­rung ge­rührt.

Al­so noch ein­mal die Fra­ge: Ist Gott ge­fähr­lich? Oder sind nur die­je­ni­gen ge­fähr­lich, die Gott für ih­re Zwecke usur­pie­ren? Na­tür­lich ist es ein ein­fa­ches Spiel, im­mer zu be­haup­ten, die Re­li­gi­on wür­de »miss­braucht«. Aber wird sie nicht in die­sem Mo­ment auch vom glü­hen­den Athe­isten »miss­braucht«, der sie als Fo­lie für sein wach­sen­des Un­be­ha­gen an der Mo­der­ne braucht? Und wie im­mer, wenn ein Pro­jekt zu schei­tern droht oder der Wind ins Ge­sicht weht, braucht es knor­ri­ge Sün­den­böcke, die leicht her­an­ge­zo­gen wer­den kön­nen (und es den Kri­ti­kern auch oft ge­nug leicht ma­chen).

Wird viel­leicht des­halb sug­ge­riert, auch in Rom wür­de den Un­gläu­bi­gen der Sta­tus des Men­schen über­haupt ab­ge­spro­chen? Wor­an macht er das ding­fest? Die neue Papst-En­zy­kli­ka sagt et­was an­de­res. Und so­gar im Ko­ran ist de­fi­niert, wer der »Un­gläu­bi­ge« ist. Frei­lich gibt es im Is­lam kei­ne ein­heit­li­chen Les­ar­ten.

Statt das Un­be­ha­gen an der Mo­der­ne, der so­zia­len Ver­ein­ze­lung, die Über­for­de­run­gen des in­di­vi­dua­li­sier­ten, jeg­li­cher Tran­szen­denz »be­frei­ten« Men­schen zu be­schrei­ben, wer­den die Ni­schen der teil­wei­se nur noch vir­tu­el­len Got­tes­ge­mein­den die­ser Welt da­für ver­ant­wort­lich ge­macht. Ver­wech­selt man nicht Ur­sa­che und Wir­kung? Ist Becks Be­schwö­rung des ge­fähr­li­chen Got­tes nicht eher ein ei­fer­süch­ti­ges Schau­en auf das, was im Pro­jekt der Mo­der­ne nicht mehr zu funk­tio­nie­ren scheint?

Kann man die be­droh­lich über­schwap­pen­de Wel­le an­ti­auf­klä­re­ri­scher Krea­tio­ni­sten aus den USA mit der Ban­nung jeg­li­cher Re­li­gi­on be­kämp­fen? Kann, und das ist nicht rhe­to­risch ge­fragt, die Mo­der­ne die an­ti­mo­der­nen Af­fek­te nur sei­ner­seits mit an­ti­mo­der­nen Af­fek­ten, al­so mit strik­ten Ver­bo­ten, schüt­zen? Was wä­re ei­ne Ge­sell­schaft wert, die ih­re Wer­te nur für ih­res­glei­chen ver­tei­digt und die Ge­fah­ren, die durch an­de­re Welt­an­schau­un­gen dro­hen oder zu dro­hen schei­nen, schlicht­weg ver­bie­tet ? Und wie kann das »Pro­jekt der Mo­der­ne«, wel­ches of­fen­sicht­lich mehr und mehr als Über­for­de­rung – auch und ge­ra­de in in­du­stria­li­sier­ten Ge­sell­schaf­ten – wahr­ge­nom­men wird, wie­der at­trak­tiv ge­macht wer­den?

Ich wünsch­te mir ei­ne in die­sem Sin­ne frucht­ba­re Re­li­gi­ons­kri­tik. Re­li­gi­ons­kri­tik, die ih­ren Ge­gen­stand nicht dif­fa­miert, son­dern wahr­nimmt, ih­re Vor­tei­le er­kennt, aber ih­re Nach­tei­le in ei­nem strikt welt­an­schau­lich neu­tra­len Staat be­kämpft.


Hier­mit ist dann erst ein­mal von mei­ner Sei­te zum The­ma Re­li­gi­on und Athe­is­mus Schluss.

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Re­li­gi­ons­mo­ni­tor
    Im Re­li­gi­ons­mo­ni­tor kann man die Fra­gen be­ant­wor­ten, die ver­mut­lich bei der­je­ni­gen letz­ten Um­fra­ge ge­stellt wor­den sind, bei der die Deut­schen mit 70% als »hoch­re­li­giö­ses Volk« ge­outet wur­den. Im Vor­spann wur­de ei­ne Aus­füll­zeit von 20 Mi­nu­ten an­ge­droht, da ich mich bei sehr vie­len Fra­ge­blöcken, die sich auf mei­ne re­li­giö­sen Prak­ti­ken be­zo­gen, ein­fach nur von oben nach un­ten durch­klicken muss­te, war ich nach 5 Mi­nu­ten fer­tig. Aus dem am En­de an­ge­fer­tig­ten PDF ha­be ich nicht er­fah­ren, ob ich nun als re­li­giö­ser Mensch im Sin­ne der Um­fra­ge ge­zählt wer­de oder wel­che Kri­te­ri­en für ei­ne sol­che Ent­schei­dung maß­geb­lich sind. Aber die Fra­ge­stel­lun­gen, die man durch­aus mit ei­ner ge­wis­sen Spitz­fin­dig­keit in­ter­pre­tie­ren kann, las­sen viel Raum für Be­lie­big­keit. Da be­stimmt der Auf­trag­ge­ber das Er­geb­nis.

  2. Dan­ke für den Link
    Die Fra­gen sind teil­wei­se reich­lich all­ge­mein ge­stellt und las­sen tat­säch­lich gro­sse In­ter­pre­ta­ti­ons­spiel­räu­me zu. Die Aus­wer­tung zeigt letzt­lich ja nur mei­ne Ant­wor­ten in der Re­la­ti­on zu den bis­he­ri­gen Ant­wor­ten der an­de­ren. Auch das ist ei­gent­lich nur von be­grenz­tem In­ter­es­se. Da­her fra­ge ich mich, was da­mit in­ten­diert ist.

  3. Ich se­he das et­was an­ders
    End­lich ha­be ich mir die Zeit ge­nom­men, Ull­rich Becks »Zeit«-Artikel selbst zu le­sen – und bin be­gei­stert. Ich ge­be durch­aus zu, dass mei­ne Be­gei­ste­rung auch da­her rührt, dass Beck in ähn­li­chen Bah­nen zu den­ken scheint, wie ich, und dass ich sei­ne The­sen ein­fach er­fri­schend fin­de, selbst wenn »in­tel­lek­tu­ell so­li­de« Re­li­gi­ons­kri­tik an­ders aus­sieht. Es ist eher »Re­li­gi­on­kri­tik aus dem Bauch raus«, die aber auch ih­re Be­rech­ti­gung hat. Ich lei­te aus Becks The­sen auch kei­nen »po­li­ti­schen Hand­lungs­be­darf« im Sin­ne ge­setz­li­cher Maß­nah­men ab, und se­he in ih­ren auch kei­ne athe­isti­sche Po­si­ti­on – sind die »po­ly-re­li­giö­sen« Ja­pa­ner et­wa Athe­isten?

    Beck ist, so­viel ich weiß, Agnostiker,ich bin Po­ly­the­ist – von da­her dürf­ten sich die Kon­se­quen­zen, die ich aus den The­sen zie­he, an­ders aus­se­hen, als die Becks (die er nur an­deu­tet). Aber ge­gen ei­ne Welt oh­ne Re­li­gio­nen (die kei­ne nicht-re­li­giö­se oder gar a-spi­ri­tu­el­le Welt wä­re) hät­te ich rein vom Ge­fühl her we­nig ein­zu­wen­den.

  4. Man kann na­tür­lich
    den The­sen zu­stim­men; aber im De­tail sind sie dann ge­le­gent­lich ein­fach falsch. Die gro­ssen Ka­ta­stro­phen des 20. Jahr­hun­derts ha­ben bei­spiels­wei­se mit­nich­ten re­li­giö­se Ei­fe­rer zu ver­ant­wor­ten. Hit­ler, Sta­lin, Mao, Pol Pot – das wa­ren al­les eher Agno­sti­ker, wenn nicht gar Athe­isten (was na­tür­lich über die Po­si­ti­on des Agno­sti­kers oder Ae­t­he­isten an sich nichts aus­sagt).

    Auch wird die Ge­fahr durch den is­la­mi­sti­schen Ter­ro­ris­mus viel zu hoch an­ge­sie­delt. Sie geht viel gra­vie­ren­der von den Evan­ge­li­ka­len aus (da hat Beck si­cher­lich Recht). Merk­wür­dig auch sein Schwei­gen zum Ju­den­tum. Na­ja, »aus dem Bauch her­aus« trifft es wohl. Von je­man­dem wie Beck will ich aber kei­nen Bauch ser­viert be­kom­men.

  5. Sie schrei­ben: »Die gro­ssen Ka­ta­stro­phen des 20. Jahr­hun­derts ha­ben bei­spiels­wei­se mit­nich­ten re­li­giö­se Ei­fe­rer zu ver­ant­wor­ten« und füh­ren Hit­ler in ei­ner Li­ste als »eher Agno­sti­ker« an. Da­zu möch­te ich mich äu­ßern.
    Al­le Ver­an­stal­tun­gen und Re­den der Na­zis wur­den mit Ze­re­mo­ni­en un­ter­malt. Auch An­kün­di­gun­gen hat­ten ei­nen re­li­giö­sen Klang: »Fei­er­stun­de von 13–14 Uhr. In der drei­zehn­ten Stun­de kommt Adolf Hit­ler zu den Arbeitern.«(zit.n. Klem­pe­rer, 1993, S.45) Die­se Re­de­wen­dung as­so­zi­ier­te Hit­ler als den Er­lö­ser, der zu den Men­schen kommt, und ist die Spra­che des Evan­ge­li­ums.

    Ob­wohl das Chri­sten­tum von den Na­zis selbst ab­ge­lehnt wur­de, setz­te Hit­ler und sei­ne Ge­folg­schaft die Spra­che des Evan­ge­li­ums ein. Die er­sten Ge­fal­le­nen wur­den kul­tisch und sprach­lich wie christ­li­che Mär­ty­rer be­han­delt, und auch das christ­lich ge­präg­te Wort ‘ewig’ wur­de im Fa­schis­mus sehr häu­fig an­ge­wen­det. Die bei der Feld­herrn­hal­le Ge­fal­le­nen nann­te Hit­ler »mei­ne Apo­stel, (...) ihr seid auf­er­stan­den im Drit­ten Reich« In fast je­der Re­de be­nutz­te Hit­ler das Wort ‘Vor­se­hung’: »Die Vor­se­hung führt uns, wir han­deln nach dem Wil­len des All­mäch­ti­gen.«

    Die Pseu­do­re­li­giö­si­tät des Fa­schis­mus ma­ni­fe­stier­te sich so­mit zum ei­nen in den christ­li­chen Re­de­wen­dun­gen und zum an­de­ren in den pre­digt­ar­ti­gen An­spra­chen so­wie dem altar­mä­ßi­gem Auf­baus des Re­de­pults.

  6. Sie spre­chen sel­ber von »Pseu­do­re­li­gio­si­tät« des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus (und des Fa­schis­mus). Dar­an gibt es kei­nen Zwei­fel. Den­noch ist die In­ten­ti­on des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus (und des Stalinismus/Maoismus) nicht auf re­li­giö­se Ide­en (Tran­szen­denz, Gott) an­ge­legt. Es wird kein »Him­mel­reich« im Jen­seits ver­spro­chen und der Herr, dem es zu fol­gen galt, war re­al exi­stie­rend. Man be­te­te kei­nen Gott an – der »Gott« war der »Füh­rer« (oder Sta­lin oder Mao oder Pol Pot). Sie ver­tra­ten je­doch im­ma­nent ir­di­sche In­ter­es­sen, die ideo­lo­gisch mit re­li­giö­sen Kon­no­ta­tio­nen gar­niert wur­den. Das ze­re­mo­ni­al-in­sze­na­to­ri­sche von Dik­ta­tu­ren hat zwar re­li­giö­se-er­lö­se­ri­sche Zü­ge, ist da­durch aber mit­nich­ten ei­ne »Re­li­gi­on«. (Man könn­te sonst – wie teil­wei­se ge­sche­hen – die In­sze­nie­rung zu Oba­mas In­au­gu­ra­ti­on oder Fuss­ball-Welt­mei­ster­schaf­ten als »re­li­gi­ös« be­zeich­nen.)

    Hit­ler (auch Go­eb­bels) be­dien­ten sich re­li­giö­ser Ver­glei­che, um ei­ne ge­wis­se Fas­sa­de auf­recht zu er­hal­ten. Die Kir­che konn­te (und woll­te) man nicht ver­bie­ten; der Wi­der­stand bis weit in das Bür­ger­tum wä­re zu gross ge­we­sen. An­ders bei Sta­lin in der UdSSR, der die Kir­che enorm drang­sa­lier­te.

  7. Auch wenn sich Hit­ler zu kei­ner Re­li­gi­on be­kann­te, so setz­te er sich doch in­ten­siv mit den neu­re­li­giö­sen Schrif­ten des Jörg von Lie­ben­fels aus­ein­an­der, der pri­mär von der ariso­phi­schen Welt­an­schau­ung des Gui­do von List ge­prägt war.
    Hit­ler galt als Stamm­le­ser von »Ost­ara«, der von Jörg von Lie­ben­fels her­aus­ge­brach­ten Zeit­schrift, der sich mas­siv für ei­ne Ent­mi­schung der Ras­sen ein­setz­te. Des­sen »re­li­giö­ses« An­lie­gen war, ei­ne »rein­ge­züch­te­te, wei­ße« Men­schen­ras­se zu schaf­fen, die wie­der über die »über­na­tür­li­chen Fä­hig­kei­ten des ur­sprüng­li­chen Gott­men­schen« ver­fü­gen soll­te.
    Jörg Lanz von Lie­ben­fels grün­de­te 1907 den Neu­temp­ler-Or­den oder Ordo No­vi Tem­pli, ei­nen nach dem hi­sto­ri­schen Temp­ler­or­den be­nann­ten ok­kul­ten Män­ner­bund, der un­ter an­de­rem für „Ras­sen­rein­heit“ und Rück­be­sin­nung auf tra­dier­tes ger­ma­ni­sches „Män­ner­recht“ ein­trat.

  8. Kei­ne Ah­nung, was A. H. so ge­le­sen hat. Hit­ler hat­te ei­nen jü­di­schen Arzt, den er fast ver­ehr­te und half, ins Exil zu kom­men – än­dert das et­was an sei­ner ver­bre­che­ri­schen Ein­stel­lung den Ju­den ge­gen­über? Hit­ler moch­te Wag­ner-Mu­sik – aber macht ihn das zum Mu­sik­ken­ner? (Das ist durch­aus nicht de­spek­tier­lich ge­meint)

    Es gibt ge­wis­se Ten­den­zen, Hit­ler (und auch Sta­lin) ir­gend­wie mit ei­nem ge­wis­sen re­li­giö­sen Glau­ben zu um­ge­ben (Daw­kins macht das im Got­tes­wahn). Die se­riö­sen Bio­gra­fi­en zu Hit­ler schwei­gen da­zu bzw. ver­nei­nen das. An­de­re ver­su­chen das vom Kopf auf die Fü­sse zu stel­len.

  9. Ob A.H.s An­sich­ten nun als re­li­gi­ös, pseu­di­re­g­li­gös oder ok­kult be­zeich­net wer­den kön­nen, das än­dert nichts an den Ver­bre­chen die ge­macht wur­den.
    Es gibt ein Zi­tat von Tre­vor Ra­ven­scroft, der 1941–1945 Kriegs­ge­fan­ge­ner in ei­nem deut­schen Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger war, wor­in »der Ok­kul­tis­mus der Na­zi-Par­tei un­ter kei­nen Um­stän­den der brei­ten Of­fent­lich­keit ent­hüllt wer­den soll­te«. Ra­ven­scroft war im zwei­ten Wel­krieg Kom­man­do-Of­fi­zier in der eng­li­schen Ar­mee und bei ei­nem Über­fall auf das Haupt­quar­tier von Rom­mel in Nord­afri­ka in Kriegs­ge­fan­ge­schaft ge­ra­ten und nach Deutsch­land ge­bracht. Sei­ne Er­fah­run­gen im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ver­an­lass­ten ihn spä­ter da­zu, Ge­schich­te zu er­for­schen und stieß da­bei auf die Le­gen­de des Lon­gi­nus-Spee­res.

    Die Le­gen­de des Lon­gi­nus-Spee­res dreht sich um die Waf­fe, mit wel­cher Chri­stus am Kreuz die Sei­te durch­bohrt wur­de (Ev. Joh. 19, 34–37). Im Lau­fe der Jahr­hun­der­te wur­den die­sem Speer ein­zig­ar­ti­ge Kräf­te zu­ge­schrie­ben und ver­schie­de­ne hi­sto­ri­sche Per­sön­lich­kei­ten ha­ben sich of­fen­bar in den Be­sitz die­ses »Ta­lis­mans der Macht« ge­bracht.
    Dr. Stein, den Hit­ler wäh­rend sei­ner Wie­ner Zeit ken­nen­ge­lernt hat­te, be­zeug­te, dass Hit­ler im Sep­tem­ber 1912 in sei­ner An­we­sen­heit in der Schatz­kam­mer der Wie­ner Hof­burg beim An­blick des Lon­gi­nus­spee­res ein Er­leuch­tungs­er­leb­nis, ei­ne Zu­kunfts­vi­si­on hat­te. Hit­ler soll da­mals ei­nen »Pakt mit dem Bö­sen« ge­schlos­sen ha­ben. Fort­an ha­be Hit­ler sich von der Vor­se­hung be­ru­fen, vom Schick­sal aus­er­wählt ge­fühlt. (Äu­sse­run­gen die­ser Art sind von Hit­ler tat­säch­lich zahl­reich über­lie­fert.)

  10. Der Ras­sis­mus, den Lanz von Lie­ben­fels (ehe­ma­li­ger Zi­ster­zi­en­ser-Mönch, Grün­der des neu­en Temp­ler­or­dens) und die Gui­do von List-Ge­sell­schaft mit der Ariso­phie ver­tra­ten, ist auch als so­zia­ler Ras­sis­mus zu ver­ste­hen. (Wie schon an­ge­führt war Hit­ler Stamm­le­ser der von Lanz her­aus­ge­ge­be­nen Schrif­ten.) Es ging – und geht – den Ario­so­phen dar­um, ei­gent­lich so­zia­le und po­li­ti­sche Ver­än­de­run­gen – in Rich­tung of­fe­ne de­mo­kra­ti­sche Ge­sell­schaft wie in Rich­tung So­zia­lis­mus – ab­zu­fan­gen, und die un­glei­chen so­zia­len Ver­hält­nis­se zu ze­men­tie­ren oder noch ex­tre­mer zu ge­stal­ten. Zu die­sem Zweck wer­den Men­schen auf­grund ih­rer eth­nisch-ge­ne­ti­schen Ab­stam­mung ab­ge­wer­tet. Ge­ge­be­nen­falls kön­nen „nie­de­re Ras­sen« je nach po­li­ti­schem Be­darf „kon­stru­iert« wer­den.
    Das „idea­le Feind­bild« war nicht nur für Hit­ler in „be­ster« ario­so­phi­scher Tra­di­ti­on „der Ju­de«, ge­ra­de weil es ei­gent­lich so we­nig kon­kret war. Egal, ob es ge­gen die „Bol­sche­wi­sten« oder das „in­ter­na­tio­na­le Fi­nanz­ka­pi­tal« ging – die Ju­den ga­ben in der Na­zi-Welt­sicht im­mer ei­nen brauch­ba­ren Sün­den­bock ab.

    In sei­nem Haupt­werk „Theo­zoo­lo­gia oder die Kun­de von den So­dom­säff­lin­gen und dem Göt­ter-Elek­tron« ver­trat Lanz von Lie­ben­fels die An­sicht, dass einst Mit­glie­dern der gött­li­chen Hier­ar­chie, die er „Elek­tro­zoa« nann­te, auf der Er­de ge­lebt hat­ten. Die „gu­ten« „Theo­zoa« hät­ten „Men­schen­hoch­zucht« be­trie­ben, wo­bei sie sich hoch­tech­ni­scher Hilfs­mit­tel be­dien­ten; die „ari­sche Ras­se« war das Re­sul­tat ih­rer Ver­su­che. Ih­re Ge­gen­spie­ler, die „Dä­mo­no­zoa« hät­ten sich mit den Tie­ren ver­mischt, wor­aus sich die „dunk­len Ras­sen« ent­wickelt hät­ten, die als »nie­de­re Ras­sen« oder als »Mond­völ­ker« be­zeich­net wur­den. Als sol­che wur­den spä­ter die Ju­den von den Na­zis be­trach­tet und ver­folgt.

    Lanz sah sich in ei­ner Zeit der Herr­schaft der „Nie­der­ras­sen« (um 1905) und ent­wickel­te ein Pro­gramm zur Be­sei­ti­gung die­ser Zu­stän­de. Es nimmt die Ras­sen­po­li­tik und Ju­den­ver­fol­gun­gen im NS-Staat vor­weg. Er emp­fahl Prä­mi­en für „Blon­de­hen«, Son­der­rech­te für Blon­de, Klö­ster für „Zucht­müt­ter«, Rein­zucht­ko­lo­ni­en, Viel­wei­be­rei für blon­de Män­ner, „Ehehel­fer« für zeu­gungs­un­fä­hi­ge Män­ner und ähn­li­ches. Als Maß­nah­men ge­gen die „Min­der­ras­si­gen«, emp­fahl er kin­der­lo­se Ehen, Pro­pa­gan­da von Ver­hü­tungs­mit­teln, Ka­stra­ti­on, Ste­ri­li­sa­ti­on, Pro­sti­tu­ti­on, Ein­stel­lung von Wohl­tä­tig­kei­ten, Skla­ve­rei, Zwangs­ar­beit, De­por­ta­tio­nen in die Wü­ste, Ver­wen­dung als „Ka­no­nen­fut­ter« im Krieg.