Gräu­el der Ge­gen­wart ‑2/11-

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Keh­re ich zu mei­nem frü­he­ren Re­zen­sen­ten­da­sein zu­rück, wenn ich mir jetzt das Buch von Vi­via­ne For­re­ster vor­neh­me? Ich hat­te, als ich es mir bei Ama­zon – hor­ri­bi­le dic­tu, aber in der ja­pa­ni­schen Pro­vinz gibt es kaum ei­ne an­de­re Mög­lich­keit, rasch an ein aus­län­di­sches Buch zu kom­men – be­stell­te, ein paar der Le­ser­kom­men­ta­re ge­le­sen, wo­von mir zwei Rich­tun­gen im Ge­dächt­nis blie­ben: Die ei­nen mein­ten, das Buch sei un­wis­sen­schaft­lich, die Ver­fas­se­rin ein Schön­geist oh­ne viel Ah­nung von der Öko­no­mie; die an­de­ren mein­ten, es sei höchst ak­tu­ell, die ge­sell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen der letz­ten Jah­re hät­ten das Ge­schrie­be­ne voll und ganz be­stä­tigt. Nun in­ter­es­sie­re ich mich, wenn ich den Ge­brauchs­wert ei­nes sol­chen Buchs ab­schät­zen soll, nicht so sehr für sei­ne Ak­tua­li­tät, son­dern er­hof­fe mir eher et­was wie Zeit­lo­sig­keit, al­so daß es an Pro­ble­me und Ge­füh­le rührt, für die der land­läu­fi­ge Jour­na­lis­mus kein Sen­so­ri­um hat. Den­noch be­kam ich wäh­rend der Lek­tü­re die­se Fra­ge nicht ganz aus dem Kopf, und an den Stel­len, wo For­re­ster von den Ban­lieues spricht, die frü­her oder spä­ter Auf­ruhr und sinn­lo­se Ge­walt er­le­ben wür­den, oder vom lang­sa­men Ein­sickern des Neo­li­be­ra­lis­mus in die Ge­hir­ne, von der im­mer brei­te­ren Ein­wur­ze­lung ei­ner auf Fi­nanz­spe­ku­la­ti­on aus­ge­rich­te­ten, com­pu­ter­ge­steu­er­ten, welt­weit ver­netz­ten Wirt­schaft, von der Öko­no­mi­sie­rung und Mo­ne­ta­ri­sie­rung noch der in­tim­sten Le­bens­be­rei­che, von der Ver­nich­tung ei­ner gro­ßen Zahl von Ar­beits­plät­zen durch Au­to­ma­ti­sie­rung und Ro­bo­te­ri­sie­rung (wo­bei ei­ne al­les in al­lem ge­rin­ge­re Zahl von meist pre­kä­ren neu­en Ar­beits­plät­zen ge­schaf­fen wird) – an all die­sen und an­de­ren Stel­len konn­te ich nicht um­hin, mit dem Kopf zu nicken: Ja, so ist es, der Lauf der Din­ge hat sich seit­dem nicht ge­än­dert. Viel­leicht rührt das wah­re Ak­tu­ell-Sein ja un­mit­tel­bar an die Zeit­lo­sig­keit; be­schei­de­ner aus­ge­drückt: ac­tua­li­tas hie­ße Weit­blick, Öff­nung der En­ge, Sinn für Zusammenhänge.

Den­noch, es war nicht sei­ne Ak­tua­li­tät, die mich in das Buch hin­ein­zog, son­dern die Tat­sa­che, daß ich mich in sei­ner Haupt­fi­gur wie­der­erkann­te: Der Über­flüs­si­ge, der Pa­ra­sit, das war ich. Ich in den neun­zi­ger Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts, als For­re­ster das Buch schrieb. Na­tür­lich hat­te ich schon da­mals ge­wußt, daß ich nicht der ein­zi­ge in ei­ner sol­chen La­ge war, und doch spür­te ich je­nen be­rühm­ten Schlag auf das Haupt, als ich er­kann­te, daß ich, der Ein­zig­ar­ti­ge, der die­se La­ge ja gleich­falls auf ein­zig­ar­ti­ge Wei­se schrift­lich fest­ge­hal­ten und re­flek­tiert hat­te, nicht der Ein­zi­ge war, son­dern ei­ner von vie­len, ja, sehr vie­len. For­re­ster hat­te schon da­mals den so­zio­lo­gi­schen Hin­ter­grund zu mei­nen Er­zäh­lun­gen ge­lie­fert. Ei­ni­ges da­von war, wenn­gleich auf ganz an­de­re Wei­se, mit an­de­rer Hal­tung und an­de­rer Spra­che, in Houelle­becqs Aus­wei­tung der Kampf­zo­ne zu le­sen, die ich 1997 über­setz­te (oh­ne mir mehr als ein be­schei­de­nes Zei­len­ho­no­rar zu er­war­ten). Das Ori­gi­nal war in Frank­reich 1994 er­schie­nen. Ich weiß nicht, ob es Frau For­re­ster ge­le­sen hat­te; in Frank­reich war es zu die­sem Zeit­punkt nur in In­si­der­krei­sen be­kannt. In der Bi­blio­gra­phie am En­de von Der Ter­ror der Öko­no­mie scheint der Ti­tel nicht auf. Je­den­falls le­sen sich gan­ze Pas­sa­gen wie theo­re­ti­sche Ver­all­ge­mei­ne­run­gen von Houelle­becqs Ro­man, des­sen Held zu den De­pra­vier­ten und Pa­ra­si­ten zählt (oh­ne ar­beits­los zu sein).

© Leo­pold Federmair

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  1. Ich muss den Ka­pi­ta­lis­mus und die Glo­ba­li­sie­rung ein Stück weit in Schutz neh­men: es sind de fac­to nicht al­le, die von der Öko­no­mie be­tro­gen wer­den, son­dern nur ein ge­wis­ser Pro­zent­satz. Für die Ge­samt­heit der Gräu­el ist die Öko­no­mie so­wie­so nicht al­lein-ver­ant­wort­lich, da­zu kommt der Schrecken der Na­tur und die Ag­gres­si­vi­tät des Menschen.
    Ich ha­be auch sehr lan­ge über die­se merk­wür­di­ge Par­al­le­le zwi­schen Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gie und Ar­beits­welt nach­ge­dacht. Die ei­gent­lich exi­sten­zi­el­le Di­men­si­on hat ja noch nicht ein­mal ei­ne spe­zi­fi­sche An­walt­schaft: je­der darf sich selbst den Be­ruf aus­su­chen, und je­der ist auf sich selbst zu­rück ge­wor­fen, wenn was schief geht.
    Der Markt be­wer­tet uns wie­der­holt neu, ak­tu­ell, und schein­bar mei­stens klein­lich und »ego­istisch«, was ex­akt rich­tig ist, weil es der Nut­zen der An­de­ren ist, der das Ein­kom­men de­fi­niert. Und häu­fig ist der Nut­zen gar nicht zu er­ken­nen, weil er sehr sub­ti­len so­zia­len An­for­de­run­gen ge­nügt, zum Bei­spiel der po­li­tisch kor­rek­ten Ori­en­tie­rung beim Lehr­per­so­nal, die sich bei Kar­rie­ren auszahlt...
    Ich weiß von zwei Ent­wick­lungs­pa­ra­do­xa, die uns zu schaf­fen ma­chen: die Ent­fal­tung per­sön­li­cher Fä­hig­kei­ten, ba­sie­rend auf An­la­gen und In­ter­es­sen; und der Kom­pro­miss mit den un­mit­tel­ba­ren Ver­wand­ten bzw. Wahl­ver­wand­ten. Wer­de, der Du bist, aber lass Dich je­den Sonn­tag mal blicken, und tu’ nicht so von oben herab...

    Man müss­te al­so theo­re­tisch dar­stel­len, in­wie­fern die Öko­no­mie die per­sön­li­che Ent­wick­lung ver­hin­dert, was sie zwei­fel­los tut. Da­zu ist aber auch ein Stück Rea­lis­mus not­wen­dig, weil die Be­gab­ten un­ter den De­pra­vier­ten nicht häu­fi­ger sind als un­ter den Er­folg­rei­chen. Al­ler­dings ist die Vi­ta der »Pa­ra­si­ten wi­der Wil­len« in­ter­es­san­ter, weil sie mehr Po­ten­zi­al hat­ten, und rück­blickend be­trach­tet auch viel dra­sti­scher be­tro­gen wor­den sind. Von wem?! Ich wür­de sa­gen, vom Schick­sal, ob­wohl das na­tür­lich nichts bedeutet...

  2. Das Pa­ra­do­xon liegt dar­in, dass es ge­ra­de die Öko­no­mie, d. h. der re­al exi­stie­ren­de Ka­pi­ta­lis­mus ist, der in den letz­ten Jahr­zehn­ten Mil­lio­nen aus Ar­mut her­aus­ge­bracht hat (ich mei­ne da­bei nicht Houelle­becq oder Frau For­re­ster). Das »Gräu­el« ist ein ent­wick­lungs­ge­schicht­li­ches Ur­teil; die Mas­se der Men­schen wird die­se erst noch kennenlernen. 

    Ich ma­che es un­gern, aber sa­ge es trotz­dem: in den wei­te­ren Fol­gen wer­den wir auf aus­rei­chen­den Dis­kus­si­ons­stoff um die »Gräu­el« sto­ßen. Freue mich schon darauf.

  3. Aus der Ar­mut ge­holt: Ja, aber das hat auch der re­al exi­stie­ren­de So­zia­lis­mus ge­tan, und er hat aus­gie­big da­mit an­ge­ge­ben: Bei uns gibt es kei­nen Hun­ger, Brot ko­stet fast nichts, je­der hat Ar­beit und ein Dach überm Kopf... Das Le­ben in die­sem So­zia­lis­mus oder Kom­mu­nis­mus war auf an­de­re Art ein Gräu­el. Zu­erst im buch­stäb­lich­sten Sinn, dann durch Über­wa­chung, Kon­trol­le, Ein­schlie­ßung. Ich den­ke, es ist eher die ge­ne­rel­le tech­nisch-öko­no­mi­sche Ent­wick­lung, die die Ar­mut be­sei­tigt hat. War­um das in Afri­ka nicht recht klappt, wä­re ei­ne kniff­li­ge Fra­ge, zu der ich lei­der nicht viel bei­tra­gen kann. Ko­lo­nia­lis­mus ist si­cher nicht al­lein schuld (da neh­me ich ei­ne pri­va­te Be­mer­kung Gre­gors auf).

  4. Wel­cher »re­al exi­stie­ren­de« So­zia­lis­mus ist ge­meint? Der von Ku­ba? Oder Chi­na (der Mil­lio­nen To­te in Hun­gers­nö­ten ge­for­dert hat)? Der So­wjet­uni­on (un­ter Sta­lin eben­falls Mil­lio­nen Hun­ger­to­te; von den po­li­ti­schen gar nicht zu reden)? 

    Die afri­ka­ni­schen Staa­ten sind noch ver­gleichs­wei­se jung. Sie bil­den all­zu oft kei­ne Iden­ti­tät, da ih­re Gren­zen will­kür­lich ge­zo­gen sind. Zu­dem kom­men kli­ma­ti­sche Nach­tei­le. Den Rest er­le­di­gen kor­rup­te Herrscher.

  5. Ich mein­te den ost­eu­ro­päi­schen Kom­mu­nis­mus. Chi­na na­tür­lich auch nicht bes­ser (»Kul­tur­re­vo­lu­ti­on« etc.). Ku­ba hat­te und hat die­sel­ben De­fek­te wie et­wa die So­wjet­uni­on, ex­tre­me Grau­sam­kei­ten gab es aber we­nig. War­um bloß, die gro­ßen kul­tu­rel­len Lei­stun­gen sind dort nie ab­ge­ris­sen. Ich wür­de eher sa­gen: Trotz Kommunismus.

  6. Ich ver­mu­te, die Po­len, Tsche­chen oder Ru­mä­nen trau­ern ih­ren Herr­schern nicht be­son­ders nach. Wenn­gleich es tat­säch­lich in ei­ni­gen Län­dern tat­säch­lich so et­was wie Re­vi­val für kom­mu­ni­stisch in­spi­rier­te Par­tei­en gibt. 

    Zeit­gleich da­zu hat der (in Tei­len staat­lich ge­lenk­te) Ka­pi­ta­lis­mus in Chi­na Mil­lio­nen Men­schen in ei­ne wohl­ha­ben­de Mit­tel­schicht ge­führt. (Dass aus Chi­na kei­ne De­mo­kra­tie ge­wor­den ist, stört die Öko­no­mie nicht. Die­ser Lern­pro­zess hält im We­sten noch an: Bis­her war man der ir­ri­gen Mei­nung De­mo­kra­tie und Markt­wirt­schaft sei­en Be­din­gung. Das muss sich al­ler­dings erst noch be­wei­sen; bis­her sieht es nicht so aus.)

  7. Das ver­mu­te ich auch (Ost­eu­ro­pa, inkl. Ost­deutsch­land). Was Chi­na be­trifft: Ich be­zie­he mich auf die Epo­che, in der die KP ernst­haft ei­ne kom­mu­ni­sti­sche Wirt­schaft und Ge­sell­schaft auf­zu­bau­en ver­such­te. Da­von ist man ab­ge­gan­gen. Was bleibt, sind ei­ne mehr oder we­ni­ger kom­mu­ni­sti­sche Ideo­lo­gie und ei­ne Ein­par­tei­en­dik­ta­tur, ge­paart mit ei­nem ka­pi­ta­li­sti­schen Wirt­schafts­sy­stem. In der Zeit der Herr­schaft Mao Ze­dongs und sei­ner Ge­treu­en star­ben ‑zig Mil­lio­nen an Hun­ger (»Gro­ßer Sprung nach vor­ne«) und Tau­sen­de wur­den aus po­li­ti­schen Grün­den oder auch nur in­fol­ge von De­nun­zia­ti­on in Ar­beits­la­ger ge­steckt oder ge­tö­tet. Das soll­ten wir ge­nau­so­we­nig ver­ges­sen wie die Op­fer der Sta­lin-Dik­ta­tur. Das 20. Jahr­hun­dert war nicht nur we­gen der Krie­ge grau­en­haft. Al­les in al­lem hal­ten wir uns im 21. Jh. noch ver­gleichs­wei­se gut.

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