Der Wil­le zum Nicht­wis­sen (2/9)

An­mer­kun­gen zu ei­ner Hand­voll le­gen­dä­rer Sät­ze

2 – Se­lig die Ar­men im Gei­ste...

»Se­lig die Ar­men im Gei­ste, denn ih­rer ist das Him­mel­reich«: ei­ner der zahl­rei­chen be­rühm­ten Sät­zen, die Chri­stus zu­ge­schrie­ben wer­den. Auch der Hei­land hat sich al­so für Dumm­heit, für gei­sti­ge Be­schränkt­heit aus­ge­spro­chen. Wer aufs Rä­so­nie­ren ver­zich­tet, kommt leich­ter ins Him­mel­reich als die Welt­klu­gen, die Ver­nünft­ler, wie Lu­ther sie spä­ter nen­nen soll­te. Frei­lich, wir ha­ben da ein klei­nes, aber fei­nes Über­set­zungs­pro­blem: Wel­che Art von Gei­stig­keit ist im Mat­thä­us-Evan­ge­li­um ei­gent­lich ge­meint? Eher die re­li­giö­se, der man im Deut­schen das Ad­jek­tiv »geist­lich« zu­ord­net, oder die verstandes­mäßige, mit der wir uns in er­ster Li­nie welt­li­chen Din­gen zu­wen­den? Im grie­chi­schen Text steht das No­men »Pneu­ma«. Da die alt­grie­chi­sche Spra­che ein vor­christ­lich ge­präg­tes Zei­chen­sy­stem ist, soll­te man doch an­neh­men, daß der Ver­fas­ser des grie­chi­schen Tex­tes die zwei­te Be­deu­tung im Sinn hat­te (Lu­ther ver­wen­det in sei­ner Über­set­zung das Wort »geist­lich«). Al­so Leu­te, die nicht zu den Klu­gen, den Stu­dier­ten, den Schrift­ge­lehr­ten ge­hö­ren. Sieht man sich den Kon­text an, fügt sich die­ser Ty­pus in die Rei­he der Se­lig­prei­sun­gen, die die Sanft­mü­ti­gen, Barm­her­zi­gen, Fried­lie­ben­den be­tref­fen.

An an­de­rer Stel­le er­klärt Chri­stus die Kin­der zu den be­vor­zug­ten Be­woh­nern des Him­mel­reichs. Ein kind­li­cher Geist, ein ein­fa­ches, nicht ver­bil­de­tes Ge­müt kann oh­ne Wenn und Aber er­löst wer­den. Liest man sich durch die Ge­schich­ten vom Men­schen­sohn, so fällt auf, daß er be­vor­zugt Au­ßen­sei­ter um sich schar­te, dar­un­ter so­gar Ver­bre­cher und Pro­sti­tu­ier­te, ne­ben Lei­den­den und Ge­brech­li­chen. Die Un­wis­sen­den und gei­stig Minder­bemittelten pas­sen da ins Bild. Der My­sti­ker Mei­ster Eck­hart fand für die von Chri­stus ge­mein­te Ar­mut fol­gen­de For­mel: »Ein ar­mer Mensch ist, wer nichts will, nichts weiß und nichts hat.« Arm im Gei­ste sind für Eck­hart je­ne, die ab­ge­löst sind vom Wis­sen, nach­dem sie sich in ih­rer geist­li­chen Exi­stenz da­von frei­ge­macht ha­ben. Er ge­steht zu, daß es im welt­li­chen Le­ben um Lie­ben und Er­ken­nen geht, doch der Schritt zur Er­leuch­tung set­ze den Ver­zicht auf die­se mensch­li­chen Fä­hig­kei­ten vor­aus. Man kann sich kaum ei­nen schär­fe­ren Ge­gen­satz zu Eck­harts Ide­al­fi­gur vor­stel­len als den smart­pho­ne­ab­hän­gi­gen di­gi­tal na­ti­ve, der zu je­der Ta­ges- und Nacht­zeit Such­ma­schi­nen, En­zy­klo­pä­di­en, In­for­ma­ti­ons­dien­ste, Über­set­zug­s­al­go­rith­men be­nutzt. Frei­lich, man kann das auch an­ders­rum se­hen: Der di­gi­ta­li­sier­te Mensch braucht gar nichts zu wis­sen, da die mei­sten in­tel­lek­tu­el­len Funk­tio­nen von Ma­schi­nen und Rech­nern über­nom­men wor­den sind. In ge­wis­ser Wei­se ist der Smart­pho­ne-Ma­ni­ker ein Ar­mer im Geist, der Gei­stig­keit und Ge­dächt­nis von sich ab­ge­trennt hat und sich nun ei­gent­lich hö­he­ren Din­gen zu­wen­den könn­te – wenn er nur Lust da­zu hät­te. Tat­säch­lich wen­det er sich bil­li­gen Ver­gnü­gun­gen zu, al­so welt­li­chen For­men der Dumm­heit.

Ein Groß­teil der Ge­schich­te des Chri­sten­tums spricht der ur­christ­li­chen Vor­stel­lung von Macht­lo­sig­keit, Sanft­mut und Nicht­wis­sen Hohn. Christ­li­che In­sti­tu­tio­nen wa­ren so­wohl Ga­ran­ten für die Ent­fal­tung des Gei­stes auf sämt­li­chen Ge­bie­ten als auch gna­den­lo­se Voll­strecker der Macht, die sie im Lauf der Jahr­hun­der­te ak­ku­mu­lier­ten. Wa­ren Dog­men und Macht ge­fähr­det, gin­gen emi­nen­te Ver­tre­ter der ober­sten In­sti­tu­ti­on ge­gen das schein­bar mensch­li­che Stre­ben nach im­mer mehr Wis­sen vor. Der be­kann­te­ste Fall ist der des Na­tur­wis­sen­schaft­lers Ga­li­leo Ga­li­lei, aber auch die bis heu­te nicht er­lo­sche­ne Be­kämp­fung der Dar­win­schen Ent­wick­lungs­leh­re spricht Bän­de. »Ep­pur si muo­ve«, die Son­ne dreht sich doch: der Le­gen­de nach hat Ga­li­lei öf­fent­lich an sei­nem Tat­sa­chen­wis­sen fest­ge­hal­ten.

-> 3 – Du sollst nicht den­ken!

- 1 – Ich weiß, dass ich nichts weiß

© Leo­pold Fe­der­mair

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17 Kommentare zu »Der Wil­le zum Nicht­wis­sen (2/9)«:

  1. sponge robotnick sagt:

    be­zie­hungs­wahn läuft wo­mög­lich stark über non_verbalisation
    na­ja, wenn ein die­ses nicht wis­sen­dings nicht ir­gend­wie ein­lullt.
    den­noch präch­tig.
    te ho­ly ghost, wa

    li­stened
    https://www.youtube.com/watch?v=EXHXzlRx0Ng

    ich füh­le dass ich nichts füh­le vs ich füh­le dass ich nicht füh­le

    ein be­deu­ten­der un­ter­schied

    #1

  2. sponge robotnick sagt:

    ich weiss dass ich nicht füh­le, ich weiss dass ich füh­len kann

    etc

    tx

    #2

  3. @sponge ro­bot­nick
    Ih­re letz­ten Kom­men­ta­re ha­be ich mal ge­löscht, da sie wirr wa­ren und zur Sa­che nichts bei­getra­gen ha­ben. Sie kön­nen sich ger­ne äu­ßern, wenn es Ih­nen wie­der bes­ser geht.

    #3

  4. Dauersauer sagt:

    »Se­lig die Ar­men im Gei­ste, denn ih­rer ist das Him­mel­reich«:
    Ein Satz, der in mei­nen Er­fah­run­gen im­mer dann an­ge­wen­det wird, wenn ei­ne ab­wer­ten­de Aus­sa­ge über ei­ne Per­son ge­macht wird.
    In Zei­ten, der Un­auf­ge­klärt­heit, si­cher ein Mit­tel, um sei­ne ir­di­schen An­sprü­che, ge­gen­über sei­nen Mit­men­schen, zu ver­tei­di­gen. Da gab man dem Kai­ser, was des Kai­sers ist.
    Den Got­tes­lohn er­hielt man im Jen­seits.
    Da konn­ten Bi­bel­sprü­che, wie eher geht ein Ka­mel durch ein Na­del­öhr, als das ein rei­cher in den Him­mel kommt, eben so hilf­reich sein.

    Als Athe­ist, zu de­nen ich mich zäh­le, ( wahr­schein­lich ge­ra­de Mo­de) spielt das Him­mel­reich kei­ne Rol­le in mei­nen Über­le­gun­gen.
    Was al­so kann der Sinn die­ses Sat­zes sonst sein, als ein ab­hal­ten von der Su­che nach Er­kennt­nis.
    Die For­mu­lie­rung, ich weiß, dass ich nichts weiß, geht eher in die Rich­tung, su­che und for­sche, al­so spornt zum Nach­den­ken an.
    Obi­ge Aus­sa­ge führt ge­nau zum Ge­gen­teil.

    #4

  5. »Nie wird der Gra­ben zu fül­len sein zwi­schen der Ge­wiß­heit mei­ner Exi­stenz und dem In­halt, den ich die­ser Ge­wiß­heit zu ge­ben su­che. Ich wer­de mir selbst im­mer fremd blei­ben. In der Psy­cho­lo­gie wie in der Lo­gik gibt es Wahr­hei­ten, aber kei­ne Wahr­heit. Das »Er­ken­ne dich selbst« des So­kra­tes ist eben­so­viel wert wie das »Sei tu­gend­haft« un­se­rer Beicht­stüh­le. Bei­de of­fen­ba­ren Sehn­sucht und zu­gleich Un­wis­sen­heit. Sie sind un­frucht­ba­re Spie­le­rei­en mit gro­ßen The­men. Sie sind nur in dem Ma­ße be­rech­tigt, als sie An­nä­he­run­gen sind.«

    »»Das Ge­bet«, sagt Alain, »stellt sich ein, wenn die Nacht das Den­ken über­kommt.« – »Es ist aber auch not­wen­dig, daß der Geist der Nacht be­geg­ne«, ant­wor­ten die My­sti­ker und die Exi­sten­tia­li­sten. Ge­wiß, aber nicht die­ser Nacht, die bei ge­schlos­se­nen Au­gen und al­lein durch den Wil­len des Men­schen ent­steht – ei­ner trü­ben und völ­lig dunk­len Nacht, die der Geist her­vor­bringt, um sich dar­in zu ver­lie­ren. Wenn er ei­ner Nacht be­geg­nen muß, dann mö­ge es die Nacht der Ver­zweif­lung sein, die hell bleibt, Po­lar­nacht, Nacht­wa­che des Gei­stes, aus der sich viel­leicht die wei­ße und un­be­rühr­te Klar­heit er­hebt, die je­den Ge­gen­stand im Licht der Klug­heit zeich­net.«

    Bei­de Zi­ta­te aus: Al­bert Ca­mus »Der My­thos des Si­sy­phos«, Ro­wohlt, 8.Aufl. 2006 (S 30 und S 85)

    #5

  6. Ich se­he die­sen Satz nicht so kri­tisch. Na­tür­lich kann man ihn als Jen­seits-Hoff­nung in­ter­pre­tie­ren und als Recht­fer­ti­gung für al­les mög­li­che zi­tie­ren.

    Man kann aber auch aus Hand­kes »Spiel vom Fra­gen« zi­tie­ren. Hier gibt es zwei Ar­che­ty­pen – der Mau­er­schau­er und der Spiel­ver­der­ber. Je­der ver­sucht in hei­te­rer Form den an­de­ren zu über­zeu­gen. Wenn der Mau­er­schau­er ei­ne Mu­schel sieht, das Zei­chen des Pil­gers, und sich dar­an er­freut er­in­nert es den Spiel­ver­der­ber nur an das Sym­bol ei­nes Mi­ne­ral­öl­kon­zerns. Ei­ne Vo­gel­fe­der, die der Mau­er­schau­er fin­det und freu­dig an­schaut, wird beim Spiel­ver­der­ber zu ei­nem Teil ei­nes Ka­da­vers. Der wit­zi­ge und leich­te Dia­log gip­felt schließ­lich in der Fra­ge des Spiel­ver­der­bers: »Du und dein Schö­nes. Wird man von sol­cher­art Schau­en nicht dumm?« Die Ant­wort des Mau­er­schau­ers: »Ja. Aber ge­sund dumm. Ent­waff­nend dumm. Zwi­schen­durch war ich ein­mal klug, ge­ra­de­zu krank vor Klug­heit und Wis­sen, aber durch mein Schau­en bin ich wie­der so dumm, be­griffs­stut­zig und sorg­los ge­wor­den wie als Kind.«

    Und ist es nicht der wis­sens­ge­tränk­te, geist­rei­che Faust, der un­glück­lich ge­nug ist sich auf Me­phi­sto­phe­les ein­zu­las­sen?

    #6

  7. Ca­mus wit­tert, ich glau­be nicht zu Un­recht, ei­nen Be­trug in der Si­cher­heit, die je­des me­ta­phy­si­sche Sy­stem ver­mit­telt (ver­mit­teln kann). Ähn­lich ver­hält es sich mit der Selbst­er­kennt­nis: Ist die ab­ge­schlos­sen­er­wei­se zu ha­ben? Soll­te man das mit Nach­druck an­stre­ben? Viel­leicht lässt der Nach­druck das Un­glück ent­ste­hen, nicht nur weil es ei­ne Be­gleit­erschei­nung des Er­ken­nens ist (was an sich nicht falsch ist), aber eben das an­de­re, die Äs­the­tik und das Spiel, über­geht. Es ist ja frap­pie­rend wie das Kin­dern ge­lingt und wie schwer es Er­wach­se­nen fällt (wenn sie denn über­haupt noch auf den Ge­dan­ken kom­men, es zu ver­su­chen, zum Le­bens­not­wen­di­gen rech­net man es ge­mein­hin ja nicht).

    #7

  8. @metepsilonema
    Ja, na­tür­lich war Ca­mus al­len Ideo­lo­gi­en und me­ta­phy­si­schen Trö­stun­gen ge­gen­über nicht nur skep­tisch – son­dern er hat sie de­zi­diert ab­ge­lehnt. Es gibt so­gar ir­gend­wo ei­ne Stel­le bei ihm in der er es als ei­ne Art cha­rak­ter­li­che Schwä­che gei­ßelt, wenn sich Men­schen kurz vor ih­rem Tod doch noch der Re­li­gi­on zu­wen­den.

    Zu­dem war Ca­mus fast ei­ne Art Ro­man­ti­ker, was die Re­fle­xi­ons­mög­lich­keit des Men­schen an­geht. Ei­ne »Se­lig­keit« im be­wusst-nai­ven Le­ben wä­re für ihn Ver­schwen­dung ge­we­sen.

    #8

  9. Dauersauer sagt:

    Wenn man es als Spiel be­trach­tet, so wür­de ich es als be­fruch­ten­des Ele­ment ei­ner Dis­kus­si­on be­trach­ten. Mau­er­schau­er und Spiel­ver­der­ber be­geg­nen sich auf Au­gen­hö­he.

    Lei­der sieht es in der Heu­ti­gen Rea­li­tät so aus, dass die of­fi­zi­el­le Les­art Ge­wicht hat, da­ge­gen der Kri­ti­ker sehr schnell in die Schmud­del­ecke ge­stellt wird.
    Und un­ter die­sem Ge­sichts­punkt se­he ich Zi­ta­te, wel­che den ab­so­lu­ten Wahr­heits­an­spruch be­inhal­ten, als Macht­in­stru­ment. Denn es wird nicht Ar­gu­men­tiert, son­dern ei­ne an­geb­lich be­stehen­de über­ge­ord­ne­te In­sti­tu­ti­on oder Macht ins Spiel ge­bracht, der ich mich nicht wi­der­set­zen kann. Ich kann das Zi­tat auch auf die Ta­ges­schau über­tra­gen. Bin ich an­de­rer Mei­nung, so wer­de ich schnell zum Gut­men­schen, Put­in­ver­ste­her, oder Neo­na­zi um­ge­deu­tet. Mit al­len Kon­se­quen­zen, wenn ich die­sen Stand­punkt in der Öf­fent­lich­keit ver­tre­te.

    #9

  10. Leopold Federmair sagt:

    @Gregor K. Nr. 6

    Faust ist ei­ne schil­lern­de Fi­gur, hat vie­le Fa­cet­ten, wie das gan­ze Dop­pel-Werk. Ich glau­be aber, man kann sa­gen, daß er aufs Gan­ze geht (»was die Welt im In­ner­sten zu­sam­men­hält«) und mo­nu­men­ta­le An­sprü­che stellt, die un­wei­ger­lich schei­tern müs­sen (ein un­glück­li­cher Si­sy­phos, nicht so fröh­lich wie der, den Ca­mus im Sinn hat). Da­ge­gen der der ge­las­se­ne Trost der Jen­sei­ti­gen, die na­tür­lich leicht re­den ha­ben: Wer im­mer stre­bend sich be­müht... (oder so ähn­lich). Faust hat so viel stu­diert, weil ihn das gro­ße Sy­stem ver­lockt, der ab­so­lu­te Zu­sam­men­hang, die Welt­erklä­rung, die auf nicht­wis­sen­schaft­li­chem Weg die Al­che­mi­sten ver­spre­chen (was dann auch zu ei­ner von Fau­stens Fa­cet­ten wird).

    Mit Ca­mus wür­de ich auch den­ken, daß wir uns von die­sen Zwän­gen, wo sie uns be­dro­hen, frei­ma­chen soll­ten. Was aber auch nicht hei­ßen soll, daß wir uns mit ei­nem Er­kennt­nis-Ato­mis­mus zu be­gnü­gen ha­ben.

    Kin­der ge­hen nicht dau­ernd aufs Gan­ze, sie ken­nen die Freu­de an je­dem ein­zel­nen Er­kennnt­nis­schritt, an den Ent­deckun­gen, wie man sie Tag für Tag macht. Das Wort »dumm« wür­de ich da­für lie­ber nicht ver­wen­den. Ei­ne Crux ist, daß Kin­dern die­se Freu­de zu­meist von der Schu­le nach und nach aus­ge­trie­ben wird.

    #10

  11. @Dauersauer
    Bin ich an­de­rer Mei­nung, so wer­de ich schnell zum Gut­men­schen, Put­in­ver­ste­her, oder Neo­na­zi um­ge­deu­tet.
    Ich glau­be ja, dass sich das nicht sehr ge­än­dert hat. Wenn man bspw. in ei­ner Klein­stadt, im Bü­ro, bei Freun­den oder Be­kann­ten ei­ne »ab­sei­ti­ge« Mei­nung ver­tre­ten hat­te, ge­scha­hen eben­falls die­se Um­deu­tun­gen. In den 1950er und 1960er Jah­ren konn­te dies so­zia­le und be­ruf­li­che Nach­tei­le ha­ben, spä­ter dann wur­de die Ge­sell­schaft to­le­ran­ter. Aber die­se Zeit ist ir­gend­wie vor­bei. Neu ist im Ver­gleich zu den 50ern, dass die At­tri­bu­te »Na­zi« und/oder »Gut­mensch« jetzt öf­fent­lich ge­macht wer­den. Kom­mu­ni­ka­ti­on hat sich in den öf­fent­li­chen Raum ver­la­gert – ist jetzt welt­weit sicht­bar.

    Wer ein­mal da­mit an­ge­fan­gen hat, hängt drin. Ich mer­ke das, wenn ich über die di­ver­sen Shit­stürm­chen mit mei­ner Frau re­de. Sie, die in kei­nem der so­ge­nann­ten so­zia­len Netz­wer­ke en­ga­giert ist, schmun­zelt im­mer wenn ich ihr da­von er­zäh­le. Sie kann die Auf­ge­regt­hei­ten nicht ver­ste­hen. Sie sind auch nur ver­ständ­lich, wenn man sich in den Kos­mos hin­ein­be­ge­ben hat. An­dern­falls er­schei­nen sie wie lä­cher­li­che Kin­der­gar­ten­pro­blem­chen. Das sind sie al­ler­dings in dem Mo­ment nicht mehr, wenn sich die »of­fi­zi­el­len« Me­di­en ähn­lich ge­rie­ren. Das ge­schieht im­mer häu­fi­ger. Al­so selbst wenn man den ak­tu­el­len Hy­ste­ri­en durch Ab­senz ent­flieht, wird man über die Hin­ter­tür von ih­nen ein­ge­holt. Das ist wo­mög­lich ein Grund, war­um man­che Men­schen den Me­di­en ge­ne­rell nicht mehr ver­trau­en: Sie be­mer­ken, dass es nur noch Mit­schwim­mer sind.

    Ich ha­be die 1950er Jah­re nicht mit­be­kom­men, aber was ich dar­über ge­hört und ge­le­sen ha­be legt mir den Schluss na­he, dass wir, was die To­le­ranz­be­reit­schaft an­geht, uns die­sem doch recht au­to­ri­tä­ren Jahr­zehnt wie­der an­nä­hern. Da ist – das ge­be ich zu – der Mau­er­schau­er ein Exot.

    #11

  12. Dauersauer sagt:

    Es war gar nicht mei­ne Ab­sicht, über ei­ne all­ge­mein ver­brei­te­tes Re­dens­art in den ta­ges­po­li­ti­schen Sprach­duk­tus ab­zu­glei­ten.
    Es bot sich ein­fach an.
    Ich bin froh, dass ich mich nicht al­lei­ne be­fin­de, und als no­to­ri­scher Nörg­ler war ge­nom­men wer­de.
    Auch wenn „Dau­er­sauer“ auf mei­nen per­ma­nen­ten See­len­zu­stand in letz­ter Zeit hin weist.
    Lei­der iso­liert man sich mit kri­ti­schem Nach­fra­gen und Nach­den­ken zu­se­hend.
    Von da­her ist ein Aus­tausch mit Men­schen, wel­che auch mal um die Ecke den­ken, recht be­le­bend und auch Ge­müts­bal­sam.

    #12

  13. Phorkyas sagt:

    »Das sind sie al­ler­dings in dem Mo­ment nicht mehr, wenn sich die »of­fi­zi­el­len« Me­di­en ähn­lich ge­rie­ren. Das ge­schieht im­mer häu­fi­ger. Al­so selbst wenn man den ak­tu­el­len Hy­ste­ri­en durch Ab­senz ent­flieht, wird man über die Hin­ter­tür von ih­nen ein­ge­holt. Das ist wo­mög­lich ein Grund, war­um man­che Men­schen den Me­di­en ge­ne­rell nicht mehr ver­trau­en: Sie be­mer­ken, dass es nur noch Mit­schwim­mer sind.«

    Das ist doch bei­na­he et­was Po­si­ti­ves; dass die Me­di­en und Ge­gen­me­di­en durch ih­re All­ge­gen­wart ge­wis­ser­ma­ßen durch­sich­tig wer­den. Ih­re Ten­den­zen und ihr ideo­lo­gi­scher Ein­schlag lie­gen nun noch of­fe­ner zu Ta­ge.

    #13

  14. @Phorkyas
    Das se­he ich an­ders, weil das Gros der Me­di­en­nut­zer für Un­ter­schei­dungs­spiel­chen we­der Zeit noch Lust hat. Das führt ja zu den »Fil­ter­bla­sen«. Wenn Pörk­sen bei­spiels­wei­se die­se Fil­ter­bla­sen ne­giert dann tut er dies aus der Sicht des haupt­be­ruf­li­chen Me­di­en­kri­ti­kers. Der »nor­ma­le« Re­zi­pi­ent hat an­de­res zu tun. Ideo­lo­gi­sche Ein­schlä­ge muss man ar­chäo­lo­gisch her­aus­ho­len. Das Spiel hier »Bild«, da »SZ«, hilft we­nig. Am En­de weiss man noch we­ni­ger.

    #14

  15. Phorkyas sagt:

    Es mag sein, dass den mei­sten Me­di­en­nut­zer Dif­fe­ren­zie­rung- oder auch ein um­fas­sen­de­res Mei­nungs­pan­ora­ma ziem­lich schnurz ist. In die­sem Me­di­en-To­hu­wa­bo­hu weiß ich auch schon längst nicht mehr was Ur­sa­che, Wir­kung, Kor­re­la­ti­on ist: Sind sol­che Phä­no­me­ne wie breit­bart oder AfD, Aus­druck da­von, dass die Leu­te wie­der Ein­deu­tig­kei­ten im Mei­nungs­meer an­stre­ben – aber war­um brül­len sie dann so laut mit­ten in die gan­ze Ka­ko­pho­nie? Oder ver­spü­ren sie gar auch die­ses Un­be­ha­gen, die Ten­denz der Haupt­me­di­en, über die wir uns hier un­ter­hal­ten, und kom­men nur zu et­was grob­schläch­ti­ge­ren Re­sul­ta­ten?
    Viel­leicht ima­gi­nie­ren wir nur un­ter­schied­li­che Ot­to-Nor­mal­me­di­en­be­nut­zer – den kann uns ver­mut­lich auch kei­ne re­prä­sen­ta­ti­ve Volks­er­he­bung de­stil­lie­ren.

    Was für mich je­den­falls das Haupt­pro­blem ist, dass da kei­ne gol­de­ne Mit­te mehr kon­stru­ier­bar ist, kein Dis­kurs statt­fin­den kann. Zwi­schen AfD und Geg­nern z.B. – das sind ein­fach schon di­ver­gen­te Wel­ten. Wie DLF und RT... Und manch­mal will ich mir dann am lieb­sten gar nichts mehr an­hö­ren (aber dem mor­gend­li­chen Ra­dio blei­be ich dann doch treu)

    #15

  16. @Phorkyas
    Sie be­nen­nen das Pro­blem auf den Punkt. Zwi­schen den di­ver­gen­ten Wel­ten fin­det m. E. des­halb kein Dis­kurs mehr statt, weil je­der auf sei­nen Ab­so­lut­heits­an­spruch pocht. Von Ga­da­mer ist ja über­lie­fert, dass ein Ge­spräch im­mer die Mög­lich­keit be­inhal­ten muss, dass der an­de­re recht ha­ben könn­te. Ich in­ter­pre­tie­re das als Grund­be­din­gung. Si­cher­lich, mit ei­nem Ho­lo­caust-Leug­ner kann ich mir schwer­lich ei­nen se­riö­sen Dis­kurs über den Ho­lo­caust vor­stel­len. Aber der­lei Ein­deu­tig­kei­ten gibt es ja we­ni­ger als man dies im All­tag glaubt.

    Hin­ter die­ser von Ih­nen skiz­zier­ten Si­tua­ti­on se­he ich den in­ni­gen Wunsch von Men­schen nach Ein­deu­tig­kei­ten, die nicht mehr hin­ter­fragt wer­den müs­sen. Die Welt ist ih­nen ein­fach zu kom­plex ge­wor­den. Da­her gibt es die­se zu­nächst vir­tu­el­len Feind­bil­der – wie ge­sagt: auf bei­den Sei­ten. Statt dis­kur­si­ver Aus­ein­an­der­set­zung gibt es nur noch Af­fekt.

    #16

  17. Solminore sagt:

    Mich er­in­nert das Bi­bel­zi­tat von den gei­stig Ar­men ein biß­chen an ei­nen an­de­ren, et­was über­stra­pa­zier­ten Spruch, »Man sieht nur mit dem Her­zen gut, etc.« Liegt bei­den Sprü­chen nicht die glei­che Be­haup­tung zu­grun­de? Wird nicht in bei­den Nai­vi­tät ge­gen Schläue, In­tui­ti­on ge­gen So­phi­ste­rei, Her­zens­glau­be ge­gen Pha­ri­sä­er­tum in Stel­lung ge­bracht? Aufs Dies­seits und sei­ne Er­for­der­nis­se ge­wen­det, kann so ei­ne For­de­rung nach der »auf­rech­ten Her­zens­sa­che« al­ler­dings ziem­lich in die Ho­se ge­hen.

    #17

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