Der Gro­sse Krieg

»Er­spart prak­tisch al­les an­de­re zum 1.Weltkrieg: Her­fried Münk­ler« twit­ter­te Frank Schirr­ma­cher am 28. Ja­nu­ar 2014 und ver­link­te auf ein In­ter­view mit dem Au­tor in der FAZ. Ich kann das nicht be­ur­tei­len. Ne­ben ei­ni­gen ober­fläch­li­chen, zu­wei­len effekt­hascherischen Ge­denk­sen­dun­gen in Ra­dio und Fern­se­hen ha­be ich ne­ben Her­fried Münk­lers Buch »Der Gro­sse Krieg – Die Welt 1914–1918« nur noch Ernst Pi­pers »Nacht über Eu­ro­pa« ge­le­sen.

Die Bü­cher sind kaum mit­ein­an­der ver­gleich­bar. Münk­ler lie­fert ei­ne Ge­samt­über­sicht des Krie­ges auf rund 780 Sei­ten mit 70 Sei­ten klein­ge­druck­ter An­mer­kun­gen. Die Biblio­graphie am En­de des Bu­ches – sat­te 40, eben­falls klein­ge­druck­te Sei­ten mit über 800 Li­te­ra­tur­ver­wei­sen – bie­tet für na­he­zu je­des The­ma zum Er­sten Welt­krieg – und sei es noch so spe­zi­ell – Ver­tie­fungs­mög­lich­kei­ten. Pi­per bie­tet mit Pro­log und Ex­kur­sen 15 Auf­sät­ze auf 485 Sei­ten mit mehr als 50 Sei­ten An­mer­kungs­teil. Da­bei stellt er ein­zel­ne As­pek­te des Krie­ges in den Vor­der­grund wie die Kriegs­lust der In­tel­lek­tu­el­len, die Rol­le der Schweiz und das Wü­ten der Deut­schen in Bel­gi­en. De­tail­lier­te mi­li­tä­ri­sche und geo­stra­te­gi­sche Er­läu­te­run­gen feh­len da­ge­gen.

Herfried Münkler: Der Große Krieg - Die Welt 1914 - 1918

Her­fried Münk­ler:
Der Gro­sse Krieg –
Die Welt 1914 – 1918

Ob­wohl schein­bar zur Ver­dich­tung ge­zwun­gen, hat man bei Münk­ler nie­mals den Ein­druck, nur ober­fläch­lich in­for­miert zu wer­den. So wid­met er sich aus­gie­big der Kriegs­schuld­fra­ge und be­merkt, dass die Ursachen­debatte fast im­mer als Schuld­de­bat­te ge­führt wer­de – bis heu­te. Die Fritz-Fi­scher-The­se von der al­lei­ni­gen Kriegs­schuld Deutsch­lands lehnt er ab – das ist au­ßer bei ei­ni­gen bri­ti­schen Hi­sto­ri­kern in­zwi­schen weit­ge­hend Kon­sens. Münk­ler ver­teilt kei­ne Schuld­kärt­chen. Die deut­sche Re­gie­rung war, so sei­ne The­se, über die ex­plo­si­ve La­ge im Som­mer 1914 nach dem At­ten­tat von Sa­ra­je­wo sehr wohl alar­miert. Den »Blan­ko­scheck«, den man dem Bünd­nis­part­ner Öster­reich-Un­garn er­teil­te, in­ter­pre­tiert er als »wag­hal­sig«, aber nicht verant­wortungslos. Man glaub­te ein­fach, dass Russ­land »kei­ne Kö­nigs­mör­der decken« wer­den und rech­ne­te da­mit, dass Öster­reich-Un­garn ei­nen be­grenz­ten Schlag ge­gen Ser­bi­en aus­füh­ren konn­te, oh­ne dass Russ­land als Ver­bün­de­ter Ser­bi­ens in­ter­ve­nie­ren wür­de. Aber Wien han­del­te nicht. Erst fast vier Wo­chen nach dem At­ten­tat re­agier­te man auf di­plo­ma­ti­schen Ka­nä­len. Die Do­nau­mon­ar­chie, »dem Tem­po der mo­der­nen Welt nicht ge­wach­sen«, ver­pass­te ih­re Mög­lich­kei­ten ei­nes zeit­lich be­grenz­ten Mi­li­tär­schlags. So­wohl Russ­land als auch Öster­reich-Un­garn wa­ren mit der Si­tua­ti­on auf dem Bal­kan über­for­dert.

Das ist nur ein As­pekt, den Münk­ler aus­gie­big be­leuch­tet. Ge­zeigt wird eben­falls, wie et­li­che An­nah­men und Über­le­gun­gen am En­de durch die Rea­li­tät wi­der­legt wur­den. Pau­schal lässt sich mit Si­cher­heit sa­gen, dass die po­li­ti­schen Kräf­te so­wohl bei den Mit­tel­mäch­ten aber auch in Frank­reich und Russ­land zu schwach ge­gen­über den je­wei­li­gen Scharf­ma­chern bei den Mi­li­tärs wa­ren. Da­bei kommt es Münk­ler im­mer wie­der dar­auf an, ei­ner schein­ba­ren Aus­weg­lo­sig­keit das Wort zu re­den. Sein Ver­ständ­nis von Po­li­tik ist em­pha­tisch. Die ver­meint­li­che »Al­ter­na­tiv­lo­sig­keit«, die nach dem At­ten­tat in Sa­ra­je­wo in ei­ner Art Au­to­ma­tis­mus zum Kriegs­aus­bruch ge­führt ha­ben soll, lehnt er ka­te­go­risch ab und bringt hier­für gu­te Ar­gu­men­te. Die Ka­ta­stro­phe muss­te nicht aus­bre­chen; sie hät­te je­der­zeit ab­ge­wen­det wer­den kön­nen, wenn man nur ge­wollt hät­te.

Trotz der Ab­leh­nung Deutsch­land die al­lei­ni­ge Kriegs­schuld zu­zu­wei­sen, legt Münk­ler den Fo­kus des Ver­sa­gens in der po­li­ti­schen Klas­se des Reichs, der an­ti­bür­ger­li­chen »Reichs­tagsmehrheit« mit der SPD an der Spit­ze, dem über­for­der­ten und in­nen­po­li­tisch zwi­schen An­ne­xio­ni­sten und Ge­mä­ßig­ten la­vie­ren­den Reichs­kanz­ler Beth­mann-Hollweg und vor al­lem Wil­helm II., der am En­de dem Mi­li­tär das Feld über­ließ. Grö­ßen­wahn und Roh­heit von Leu­ten wie Ti­r­pitz, Lettow-Vor­beck oder Lu­den­dorff las­sen ei­nem, der­art kon­zen­triert ver­ab­reicht, schau­dern. Zwar wur­de Deutsch­land 1914 »her­vor­ra­gend ver­wal­tet, aber schlecht re­giert«, so Münk­ler kühl. Und der Groß­macht­an­spruch Öster­reich-Un­garns war, wie sich sehr bald her­aus­stel­le, durch sei­ne mi­li­tä­ri­schen Fä­hig­kei­ten nicht ge­deckt.

Aus­führ­lich wird die Kriegs­lust ins­be­son­de­re bei den In­tel­lek­tu­el­len in na­he­zu al­len eu­ro­päi­schen Län­dern re­fe­riert und der Zeit­geist, der der an­geb­li­chen Ver­weich­li­chung durch den jahr­zehn­te­lan­gen Frie­den über­drüs­sig war (»Neur­asthe­nie«) vor­ge­führt oh­ne in ei­nen bi­got­ten An­kla­ge­ton zu ver­fal­len. Dass die Kriegs­be­gei­ste­rung in Ber­lin, Wien, Pa­ris und St. Pe­ters­burg haupt­säch­lich durch die Mit­tel- und Ober­schich­ten der ent­spre­chen­den Län­der for­ciert wur­de, lässt Münk­ler nicht gel­ten. Vor­über­ge­hend ha­be der Krieg, ins­be­son­de­re in Deutsch­land, durch al­le Schich­ten hin­weg ei­ne Art Ge­mein­schafts­ge­fühl er­zeugt. Die Fol­gen wa­ren im Au­gust 1914 für die al­ler­mei­sten un­vor­her­seh­bar. Als sich die en­thu­si­asti­schen Vor­her­sa­gen nicht er­füll­ten, ebb­te die Be­gei­ste­rung schnell ab.

Es ist ei­ne der Vor­zü­ge des Bu­ches, dass Münk­ler im­mer wie­der ei­ne wohl­tu­en­de, di­stan­zier­te Nüch­tern­heit wal­ten lässt. So hält er bei­spiels­wei­se die Fol­gen des Gas­kriegs, der vom deut­schen Mi­li­tär for­ciert wur­de, für über­schätzt. Der psy­cho­lo­gi­sche Vor­teil zu Be­ginn ver­puff­te schnell. Ein­dring­lich weiß Münk­ler über den Schlief­fen-Plan, die durch Deutsch­land ver­letz­te Neu­tra­li­tät Bel­gi­ens (nebst der ver­üb­ten Kriegs­ver­bre­chen) und den da­durch pro­vo­zier­ten Kriegs­ein­tritt Groß­bri­tan­ni­ens und die di­ver­sen Schlach­ten in Bel­gi­en und Frank­reich zu er­zäh­len, ver­gisst da­bei auch nicht die oft mit gro­ßer Bru­ta­li­tät ge­gen die Zi­vil­be­völ­ke­rung ge­führ­ten Kämp­fe an der so­ge­nann­ten Ost­front. Die Er­eig­nis­se in den deut­schen Ko­lo­ni­en (vor al­lem in Afri­ka) wer­den um­fas­send be­han­delt. Und wer weiß et­was von der kur­zen Zeit des deut­schen Ost­im­pe­ri­ums 1917/18? Die im Buch ab­ge­druck­ten Kar­ten sind in­struk­tiv; das ver­wen­de­te mi­li­tä­ri­sche Vo­ka­bu­lar ver­langt je­doch ge­wis­se Kennt­nis­se. Ne­ben den gro­ßen The­men wird auch das Le­ben der Sol­da­ten in den Schüt­zen­grä­ben ge­schil­dert, der so­ge­nann­te »Schüt­zen­gra­ben­so­zia­lis­mus«, die Rat­ten­pla­gen nebst Seu­chen (spä­ter dann die spa­ni­sche Grip­pe) und das fast märchen­hafte Weih­nach­ten an der West­front 1914/15, dass zu vor­über­ge­hen­den Waffenstill­ständen und freund­schaft­li­chen Sze­nen der an­geb­li­chen Tod­fein­de führ­te.

Münk­lers Kern­the­se, war­um der Krieg so lan­ge dau­er­te: »Die Waf­fen­tech­nik ver­lieh wäh­rend des ge­sam­ten Krie­ges der Ver­tei­di­gung ei­nen Vor­teil ge­gen­über dem An­griff. Da­mit durch­kreuz­te sie die am Of­fen­siv­den­ken ori­en­tier­ten Stra­te­gie­grund­sät­ze bei­der Sei­ten. Die un­vor­her­ge­se­hen lan­ge Dau­er des Krie­ges war nicht zu­letzt ei­ne Fol­ge des­sen, dass die Chan­cen des Stand­hal­tens im Ver­hält­nis zum Er­zwin­gen der Ent­schei­dung durch ei­nen An­griff deut­lich ge­wach­sen wa­ren.« Lu­zi­de wird her­aus­ge­ar­bei­tet, dass dies lang­fristig den Deut­schen scha­de­te, die vor al­lem 1915 gro­ße Trup­pen­tei­le an der Ost­front ge­bun­den hat­ten.

Die USA – ein Sie­ger fast wi­der Wil­len

Die Wen­de kam erst 1917 und es ge­hört zu den Stär­ken die­ses Bu­ches, wie Münk­ler das Zau­dern der ame­ri­ka­ni­schen Re­gie­rung, die sich aus dem Krieg her­aus­hal­ten woll­te und ei­nen Kurs der Neu­tra­li­tät fuhr, do­ku­men­tiert. Es ging nicht zu­letzt um ein Wahlver­sprechen des Prä­si­den­ten Woo­d­row Wil­son. Am En­de gab die In­ter­ven­ti­on der USA den Aus­schlag und soll­te ih­ren Auf­stieg als Welt­macht be­för­dern. Pa­ra­do­xer­wei­se ist das En­de des Krie­ges 1918 auch für die eu­ro­päi­schen Sie­ger­mäch­te ei­ne Art Pyr­rhus­sieg. Groß­britannien und Frank­reich gin­gen nicht nur de­mo­gra­phisch son­dern vor al­lem öko­no­misch ge­schwächt aus dem Krieg her­vor. Groß­bri­tan­ni­en wur­de Schuld­ner der USA und das bri­ti­sche Pfund als Welt­leit­wäh­rung zu Gun­sten des US-Dol­lar ab­ge­löst.

Zwei Im­pe­ri­en ver­schwan­den: Das oh­ne­hin fra­gil ge­wor­de­ne Os­ma­ni­sche Reich – an der Sei­te der Mit­tel­mäch­te kämp­fend – zer­fällt schon fast wäh­rend der Krie­ges. Und auch Öster­reich-Un­garn wird in di­ver­se künst­li­che Na­tio­nal­staa­ten, die den Keim für zu­künf­ti­ge Kon­flik­te in sich bar­gen, auf­ge­teilt. Deutsch­land wur­de nicht nur mit ho­hen Re­pa­ra­tio­nen be­straft, son­dern büß­te al­le Ko­lo­ni­en, Eu­pen-Mal­me­dy, El­saß-Loth­rin­gen und das Saar­land ein. Au­ßer­dem wur­de das Rhein­land be­setzt. Ita­li­en muss­te sei­ne hoch­flie­gen­den Welt­macht­plä­ne ad ac­ta le­gen. Die USA be­grün­de­ten ih­ren My­thos als »Macht des Gu­ten« im Er­sten Welt­krieg. Sie wa­ren öko­no­misch, mo­ra­lisch und geo­stra­te­gisch die Ge­win­ner die­ses Krie­ges.

Es fällt schwer, die­sem Ge­met­zel auch noch Vor­tei­le zu­zu­spre­chen. Tat­säch­lich hat­te der Krieg ei­nen ge­wal­ti­gen tech­ni­schen und na­tur­wis­sen­schaft­li­chen »Mo­der­ni­sie­rungs­schub« aus­ge­löst, was Münk­ler gleich zu Be­ginn an­spricht und im Lau­fe des Bu­ches im­mer wie­der be­le­gen kann. Schon wäh­rend des Krie­ges be­gann ein Aus­bau der die So­zi­al­ge­setz­ge­bung. Mit dem En­de 1918 fand ei­ne Klas­sen­ni­vel­lie­rung statt und das Bil­dungs­bür­ger­tum ver­lor sei­ne kul­tu­rel­le Deu­tungs­ho­heit. Die Eman­zi­pa­ti­on der Frau­en sieht Münk­ler nicht durch den Krieg be­för­dert; am En­de wa­ren dann wie­der in Män­ner in den Po­si­tio­nen, die Frau­en vor­über­ge­hend be­setz­ten.

Chi­na 2014 wie wei­land Deutsch­land?

Münk­ler lehnt ve­he­ment die In­ter­pre­ta­ti­on des »lan­gen Welt­kriegs« von 1914 bis 1945 ab. Auch hier spricht er sich ge­gen ei­nen De­ter­mi­nis­mus aus, der prak­tisch schon im Frie­den von 1918 die Na­zis als na­tür­li­che Kon­se­quenz aus­malt. Der Er­ste Welt­krieg ist für Münk­ler ein »Kom­pen­di­um für das, was al­les falsch ge­macht wer­den kann«. Das gilt so­wohl für den Be­ginn als auch für das En­de. So zeigt sich, dass die rü­de Zer­schla­gung des li­be­ral­sten eu­ro­päi­schen Im­pe­ri­ums der da­ma­li­gen Zeit, Öster­reich-Un­garn, nicht un­we­sent­lich zu den Span­nun­gen der 1930er Jah­re ge­führt hat. Nicht nur in den ha­stig ge­schaf­fe­nen Na­tio­nal­staa­ten, die oh­ne Rück­sich­ten auf die je­wei­li­gen Eth­ni­en auf dem Reiß­brett ent­stan­den, be­mäch­tig­ten sich suk­zes­si­ve »Dik­ta­to­ren im Ge­ne­rals­rang« der Macht. »Im Herbst 1938, al­so zwan­zig Jah­re nach Kriegs­en­de, war von den da­mals ent­stan­de­nen par­la­men­ta­ri­schen De­mo­kra­ti­en in Mit­tel­eu­ro­pa nur noch ei­ne ein­zi­ge in­takt, die in der Tsche­cho­slo­wa­kei. Al­le an­de­ren Staa­ten Mit­tel­eu­ro­pas und des Bal­kans so­wie Ita­li­en und Spa­ni­en wur­den von Mi­li­tärs do­mi­niert oder von Dik­ta­to­ren be­herrscht, die sich zu­meist auf ein mit dem Gro­ßen Krieg ver­bun­de­nes Cha­ris­ma stütz­ten.«

In­ter­es­sant ist Münk­lers Ge­dan­ke im nach­wort­ähn­li­chen letz­ten Ka­pi­tel des Bu­ches, in­dem er das ak­tu­el­le Chi­na mit Deutsch­land 1914 ver­gleicht. Chi­na wer­de von wirt­schaftlich eben­falls auf­stre­ben­den Na­tio­nen wie In­di­en, Viet­nam und In­do­ne­si­en »in die Mit­te ge­nom­men«. Die sich bil­den­den »an­ti­im­pe­ria­len Ko­ali­tio­nen« ge­gen­über dem star­ken Chi­na könn­ten da­zu füh­ren, dass man in Pe­king ähn­lich wie 1914 in Deutsch­land »Ein­krei­sungs­äng­ste« ent­wick­le und mit »Prä­ven­tiv­kriegs­ide­en« spie­len könn­te. Chi­nas Auf­bau ei­ner star­ken Kriegs­flot­te birgt so­wohl für die Nach­barn als auch für die im In­di­schen Oze­an stra­te­gisch en­ga­gier­ten USA Kon­flikt­po­ten­ti­al. Die An­ge­le­gen­heit könn­te durch die ak­tu­el­le Ent­wick­lung in der Ukrai­ne, die Münk­ler noch nicht kann­te, ver­stärkt wer­den, da Chi­nas Ko­ope­ra­ti­on mit Russ­land seit der An­ne­xi­on der Krim und den se­pa­ra­ti­sti­schen Um­trie­ben in der Ost­ukrai­ne stockt. Zwar scheint der Ge­dan­ke et­was kon­stru­iert und auch die Mög­lich­keit ei­ner Im­plo­si­on des Viel­völ­ker­rei­ches Chi­na wird au­ßer Acht ge­las­sen, aber die im­mer wie­der ins Feld ge­führ­ten wirt­schaft­li­chen In­ter­es­sen, die ei­ner be­waff­ne­ten Aus­ein­an­der­set­zung prak­tisch per se Ein­halt ge­bie­ten, zün­den nicht, wie schlüs­sig am Bei­spiel des Er­sten Welt­kriegs ge­zeigt wer­den kann. Tat­säch­lich war das Eu­ro­pa von 1914 öko­no­misch sehr stark mit­ein­an­der ver­floch­ten. Deutsch­land war min­de­stens auf dem Weg, Groß­bri­tan­ni­en als füh­ren­de Wirt­schafts­macht ab­zu­lö­sen. Hin­zu ka­men die ver­wandt­schaft­li­chen Ver­knüp­fun­gen der mon­ar­chi­schen Herr­scher von Groß­bri­tan­ni­en, Deutsch­land und Russ­land. All dies hat am En­de ver­blüf­fen­der­wei­se kei­ne Rol­le ge­spielt.

Ernst Piper: Nacht über Europa

Ernst Pi­per: Nacht über Eu­ro­pa

Pi­pers Kul­tur­ge­schich­ten

Pi­pers Buch »Nacht über Eu­ro­pa« trägt den durch­aus küh­nen Un­ter­ti­tel »Kul­tur­ge­schich­te des Er­sten Welt­krie­ges«. Kühn, weil Pi­per kei­ne »Kul­tur­ge­schich­te« ge­schrie­ben hat, son­dern al­len­falls »Kul­tur­ge­schichten«. Wie be­reits er­läu­tert, wer­den mi­li­tä­ri­sche, geo­po­li­ti­sche und stra­te­gi­sche De­tails aus­ge­blen­det. Pi­per be­schäf­tigt sich punk­tu­ell in Auf­sät­zen über be­stimm­te Teil­as­pek­te des Krie­ges. So wird die an­fäng­li­che Kriegs­fas­zi­na­ti­on bei Künst­lern und In­tel­lek­tu­el­len schon im Pro­log über Ge­org Trakl the­ma­ti­siert. Es gibt noch zwei wei­te­re, län­ge­re Auf­sät­ze, die sich mit die­ser The­ma­tik aus­einandersetzen. Die Li­ste der kriegs­lü­ster­nen Prot­ago­ni­sten, de­nen sich Pi­per wid­met, ist auf den er­sten Blick im­po­sant: Ge­org Heym, Lud­wig Meid­ner, Karl Scheff­ler, Max Lie­ber­mann und Max Beck­mann nebst ei­ni­gen an­de­ren Künst­lern der »Ber­li­ner Se­ces­si­on«, Ot­to Dix, Ernst Stad­ler, Her­mann Löns, Ri­chard Deh­mel, Ju­li­us Bab, Ernst Lissau­er, Lud­wig Gang­ho­fer, Ernst Tol­ler, na­tür­lich Tho­mas Mann, Ger­hart Haupt­mann, Max Rein­hardt, En­gel­bert Hum­per­dinck, Lud­wig Ful­da und Her­mann Sun­dermann und ihr Auf­ruf »An die Kul­tur­welt«, Hein­rich Claß, Bru­no Bauch, Wer­ner Som­bart, Ro­bert Mu­sil, Her­mann Hes­se (sei­ne »Dua­li­tät«) – um nur ei­ni­ge zu nen­nen, die zi­tiert und be­wer­tet wer­den. Auch die eher sel­te­ne Geg­ner­schaft wird er­wähnt: Her­warth Wal­den, Franz Pfem­fert und sei­ne Zeit­schrift »Die Ak­ti­on«, Hein­rich Mann oder Ge­org Fried­rich Ni­co­lai. Ge­zeigt wird auch, wie die eu­ro­päi­schen aka­de­mi­schen Netz­wer­ke, die über al­le Na­tio­na­li­tä­ten weit­ge­hend gut und für al­le frucht­bar funk­tio­nier­ten, zer­ris­sen. Nicht al­les Schlech­te wird beim deut­schen Ex­pres­sio­nis­mus ver­or­tet – ir­gend­wann gibt es doch noch ei­nen Auf­satz über den ita­lie­ni­schen Fu­tu­ris­mus, der dann – kor­rek­ter­wei­se – als Vor­läu­fer des (ita­lie­ni­schen) Fa­schis­mus ent­wickelt wird.

Die Lek­tü­re die­ser Ka­pi­tel ist mit der Zeit er­mü­dend. Pi­per zi­tiert mit fast lust­vol­ler Red­un­danz die na­tio­na­li­sti­sche und zum Teil ras­si­sti­sche Spra­che der Prot­ago­ni­sten und klagt da­bei fort­wäh­rend an. Bei den­je­ni­gen, die am En­de des­il­lu­sio­niert oder gar trau­ma­ti­siert wie­der zu­rück­keh­ren, lässt er dann ganz so­zi­al­de­mo­kra­tisch Mil­de wal­ten. Statt aus­gie­bi­ger Zi­ta­te (wer möch­te schon die­sen ge­ball­ten Un­sinn in ei­nem populär­wissenschaftlichen Buch oh­ne Un­ter­lass le­sen?) hät­te man ger­ne et­was über die Zeit sel­ber er­fah­ren. Hier­zu hat Pi­per lei­der zu oft die gän­gi­gen Scha­blo­nen zu bie­ten. Die Pres­se war »völ­kisch-na­tio­na­li­stisch« (dem­zu­fol­ge auch das Volk), es herrsch­te ei­ne »Großstadt­feindlichkeit und Agrar­ro­man­tik« und na­tür­lich darf der »preu­ßi­sche Mi­li­ta­ris­mus« nicht feh­len.

In punk­to Mi­li­ta­ris­mus er­in­nert man sich dann wie­der an Münk­ler. Er stellt fest, dass das Deut­sche Reich aus drei Krie­gen her­vor­ge­gan­gen war und da­durch das Mi­li­tär bis in »bür­ger­li­che Krei­se hinein…als Ga­rant der na­tio­na­len Ein­heit an­ge­se­hen« wur­de. Aber auch das ge­hört zur Rea­li­tät der da­ma­li­gen Zeit: »Im wil­hel­mi­ni­schen Deutsch­land war die Uniform…ebenso ein Sym­bol für die Di­stanz der tra­di­tio­nel­len Mi­li­tär­eli­ten ge­gen­über der Ge­sell­schaft«, al­so so et­was wie das letz­te Sta­tus­sym­bol ei­ner zu­neh­mend ega­li­tä­rer wer­den­den Ge­sell­schaft. Hin­zu kam, dass der »Mi­li­ta­ris­mus« hin­ter den Ku­lis­sen ziem­lich her­un­ter­ge­kom­men war: »Man hat­te kei­ne hin­rei­chen­den Mu­ni­ti­ons­vor­rä­te an­ge­legt, ge­schwei­ge denn für ei­ne ent­spre­chen­de Be­vor­ra­tung mit Roh­stof­fen und Le­bens­mit­teln ge­sorgt, und es stan­den auch nicht ge­nü­gend Trup­pen zur Ver­fü­gung.« Die Militär­ausgaben so­wie der An­teil an Sol­da­ten an der Ge­samt­be­völ­ke­rung wies für Deutsch­land eben­falls kei­ne be­son­de­ren Si­gni­fi­kan­zen aus. So gab Frank­reich 3,9% sei­nes Bruttosozial­produkts für das Mi­li­tär aus, Deutsch­land 3,5%, Russ­land 4,6%. Das deut­sche Mi­li­tär war zu­dem ge­spal­ten. Das Mi­li­ta­ris­mus­ar­gu­ment hat für Münk­ler nur in Be­zug auf die »in­ne­re Struk­tur« des Reichs ei­ne ge­wis­se Re­le­vanz.

Wie in ei­nem Kli­ma des all­sei­ti­gen Mi­li­ta­ris­mus die SPD bei den Reichs­tags­wah­len 1912 34,8% der Stim­men er­reich­te, bleibt bei Pi­per un­klar. Da­bei sind es dann aus­ge­rech­net sei­ne Aus­füh­run­gen über den »Burg­frie­den« und das Ver­hal­ten der SPD bei der Zu­stim­mung zu den Kriegs­kre­di­ten, die sehr le­sens­wert sind (hier wird dann das Stim­men­ver­hält­nis der SPD im Reichs­tag an­ge­spro­chen). So hoff­te die Par­tei­spit­ze der So­zi­al­de­mo­kra­ten zu Be­ginn des Krie­ges auf po­li­ti­sche Sa­tis­fak­ti­ons­fä­hig­keit und mehr Ein­fluss. Aber erst als der Krieg hoff­nungs­los ver­lo­ren war band das po­li­ti­sche und mi­li­tä­ri­sche Estab­lish­ment Deutsch­lands die SPD in Ent­schei­dun­gen ein. Da hat­te sich aber die Ar­bei­ter­be­we­gung schon ge­spal­ten – in SPD und USPD; letz­te­re als Kriegs­geg­ner, die es, wie Pi­per zeigt, schon 1914 gab, die sich aber dem Frak­ti­ons­zwang beug­ten und Ab­stim­mun­gen ein­fach fern­blie­ben. Dem po­li­ti­schen Li­be­ra­lis­mus ging es 1917/18 auch nicht bes­ser. Im­mer­hin: Die wil­hel­mi­ni­schen Herr­schafts­eli­ten ver­schwan­den nach Kriegs­en­de weit­ge­hend bzw. fan­den sich spä­ter in re­ak­tio­nä­ren und na­tio­na­li­sti­schen Par­tei­en wie­der.

Zwei an­de­re Ka­pi­tel in »Nacht über Eu­ro­pa« he­ben sich eben­falls von den zu­wei­len arg sche­ma­ti­schen Dar­stel­lun­gen der an­de­ren Auf­sät­ze ab. Zum ei­nen wenn es um die Rol­le der Schweiz und de­ren Exi­lan­ten geht. Und zum an­de­ren gibt es ei­ne sehr in­ter­es­san­te Dar­stel­lung über die »La­ge des Ju­den­tums« zu Zei­ten des Krie­ges in Eu­ro­pa. Pi­per be­schreibt das loya­le Ver­hält­nis der jü­di­schen Sol­da­ten zu Deutsch­land – und den Knacks, der sich in­ner­halb der Ar­mee durch den dis­kri­mi­nie­ren­den Er­lass des preu­ßi­schen Kriegs­mi­ni­sters Adolf Wild ein­stell­te, der un­ter dem Schlag­wort »Ju­den­zäh­lung« trau­ri­ge Be­rühmt­heit er­lang­te. Der An­ti­se­mi­tis­mus, be­son­ders vi­ru­lent im Of­fi­ziers­korps, wur­de da­mit über die Hin­ter­tür hof­fä­hig ge­macht (of­fi­zi­ell war an­ti­se­mi­ti­sche Pro­pa­gan­da ver­bo­ten und un­ter­lag der Zen­sur). Auch in die­sem Ka­pi­tel kann Pi­per aber sei­ner Lieb­lings­be­schäf­ti­gung, In­tel­lek­tu­el­le for­mel­haft nach Kriegs­be­für­wor­tern und Kriegs­geg­nern zu sor­tie­ren, nicht ganz wi­der­ste­hen. Da­bei bleibt zum Bei­spiel das am­bi­va­len­te Ver­hält­nis ei­nes Gu­stav Land­au­er zum Krieg eher rät­sel­haft als das es auf­ge­fä­chert wird. Am Ran­de wird auch die in Eu­ro­pa auf­kom­men­de Be­we­gung des Zio­nis­mus ge­streift und die Ge­schich­te um die »Bal­four-De­kla­ra­ti­on« ent­wickelt.

Feh­len­de Me­mo­ri­al­kul­tur in der Wei­ma­rer Re­pu­blik

Am En­de sucht Pi­per nach Grün­den für das Schei­tern der Wei­ma­rer Re­pu­blik und das Er­star­ken des Na­zi­tums. Da­bei er­scheint sei­ne pla­ka­tiv vor­ge­brach­te und nicht aus­formulierte The­se von der »Ge­walt­er­fah­rung des Er­sten Welt­kriegs« als »Schlüs­sel für das Auf­kom­men der po­li­ti­schen Ge­walt und…entscheidende men­ta­le Vor­aus­set­zung für den Auf­stieg des Fa­schis­mus und des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus« we­ni­ger. Rich­tig ist al­ler­dings, dass sich die »Po­li­tik­feind­lich­keit«, ur­sprüng­lich aus dem Bür­ger­tum kom­mend, zeig­te sich im öko­no­misch kri­sen­ge­schüt­tel­ten Deutsch­land der 1920er Jah­re im wach­sen­den Zu­spruch der de­mo­kra­tie­feind­li­chen Par­tei­en, wo­bei Pi­per sehr ein­sei­tig auf die rechts­na­tio­na­len Kräf­te re­flek­tiert und die Kom­mu­ni­sten, die we­sent­lich zur De­kon­struk­ti­on der er­sten deut­schen De­mo­kra­tie bei­tru­gen, weit­ge­hend ver­schont. Auch die Un­fä­hig­keit der de­mo­kra­ti­schen Par­tei­en, sich über pro­gram­ma­ti­sche Dif­fe­ren­zen hin­weg ge­gen Rechts- wie Links­ra­di­ka­le zu stem­men, bleibt un­er­ör­tert.

In­ter­es­sant Pi­pers so­zio­kul­tu­rel­le Ein­wür­fe. Die Er­in­ne­rung an die Schrecken des Krie­ges wach­zu­hal­ten, das Schick­sal der Ge­zeich­ne­ten (Ver­krüp­pe­lun­gen, Blind­heit, Trauma­tisierungen) zu wür­di­gen – dies war oh­ne Ver­bit­te­rung und ver­blen­de­tem Re­kurs auf die Ver­gan­gen­heit of­fen­bar nicht mög­lich. So gab es laut Pi­per kein Grab des un­be­kann­ten Sol­da­ten, »das als Kri­stal­li­sa­ti­ons­punkt der Me­mo­ri­al­kul­tur hät­te die­nen kön­nen«. Ver­misst wird das, was man heu­te ge­mein­hin ein kon­sti­tu­ie­ren­des »Nar­ra­tiv« nennt. Die Wei­ma­rer Re­pu­blik hat­te kei­nen Na­tio­nal­fei­er­tag. Die De­mo­kra­tie in Deutsch­land wur­de mit der Nie­der­la­ge ver­knüpft. Hin­zu kam, dass Deutsch­land im Frie­den von Ver­sailles 1918 ge­de­mü­tigt wur­de. Dies zeig­te sich un­ter an­de­rem dar­in, dass auf den Schlacht­fel­dern die Kreu­ze der ge­fal­le­nen deut­schen Sol­da­ten durch­gän­gig schwarz wa­ren, die der Sie­ger weiß. Pi­per fin­det noch an­de­re, klei­ne Zei­chen, die das Bild run­den: Deutsch­land blieb Pa­ria, was die ent­spre­chen­den na­tio­na­li­sti­schen Kräf­te the­ma­ti­sie­ren konn­ten. Dass mit Paul von Hin­den­burg aus­ge­rech­net der »Sie­ger von Tan­nen­berg« und Ur­he­ber der fa­ta­len wie bös­ar­ti­gen Dolch­stoß­le­gen­de die jun­ge De­mo­kra­tie ret­ten soll­te, ist fast schon ei­ne Per­ver­si­on. Pi­per er­läu­tert zum Schluss wie die Na­zis ab 1933 prak­tisch naht­los an die Er­zäh­lun­gen und My­then der Kai­ser­zeit an­knüp­fen konn­ten und ei­nem He­ro­is­mus hul­dig­ten.

Ob­wohl Münk­lers Buch auf­grund ei­ner kom­ple­xen Ge­samt­dar­stel­lung des Krie­ges straf­fer ge­führt wird, hat man bis auf die ge­nann­ten Aus­nah­men ver­blüf­fen­der­wei­se nicht den Ein­druck, dass man durch die zum Teil in ad­di­ti­vem Stil ver­fass­ten Es­says Pi­pers wesent­lich mehr er­fährt. Münk­ler schafft es mit sei­ner über­le­ge­nen Küh­le mehr den Le­ser auf­zu­rüt­teln als Pi­per mit sei­nem zu­wei­len arg mo­ra­li­sie­ren­den Duk­tus.

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15 Kommentare zu »Der Gro­sse Krieg«:

  1. Pingback: Die Ukraine, hundert Jahre später

  2. Doktor D sagt:

    Herz­li­chen Dank für die aus­führ­li­che Be­spre­chung. Ich ha­be ge­ra­de Clarks Schlaf­wand­ler ge­le­sen und bin da­bei, mein Un­be­ha­gen mit dem Buch in Wor­te zu fas­sen. Dem­nächst da­zu hof­fent­lich mehr von mir.

    #1

  3. Das wür­de mich sehr in­ter­es­sie­ren, da ich auch über­legt hat­te, Clark noch zu le­sen. Aber die an­dau­ern­de Lek­tü­re über die­se Sa­che hat mich dann doch zu sehr de­pri­miert.

    (Ger­ne in ei­nem ei­ge­nen Bei­trag! Sie wis­sen ja...)

    #2

  4. Doktor D sagt:

    Ich hab’ mir das Wo­chen­en­de da­für vor­ge­nom­men.

    #3

  5. Ich ha­be Münk­lers Buch vor et­wa ei­nem hal­ben Jahr ge­le­sen, Clarks soll fol­gen so­bald ich Zeit ha­be (ei­ne Dis­kus­si­on dar­über wä­re be­grü­ßens­wert). Ge­fühlt lie­fert Münk­ler ei­ne um­fas­sen­de, gut les­ba­re, ab­wä­gen­de Dar­stel­lung mit ei­ner Fül­le an De­tails (trotz­dem spricht das Buch ei­nen brei­te­ren Le­ser­kreis an).

    Die Schuld­fra­ge ist wis­sen­schaft­lich nicht zu be­ant­wor­ten, da sie ei­ne Wer­tung be­deu­tet, die die wis­sen­schaft­li­che Me­tho­dik (ei­gent­lich) aus­schließt (so weit ich mich er­in­ne­re hat Münk­ler das auch aus­ein­an­der ge­hal­ten). Der Auf­stieg Deutsch­lands zu ei­ner wirt­schaft­li­chen Groß­macht wur­de si­cher­lich (trotz al­ler Ver­flech­tun­gen in­ner­halb Eu­ro­pas) von man­chen Staa­ten als Be­dro­hung emp­fun­den (vice ver­sa fühl­te sich Deutsch­land ein­ge­kreist und et­li­che der Be­tei­lig­ten wa­ren der An­sicht, dass ein Krieg, soll­te er ge­führt wer­den, mög­lichst rasch ge­führt wer­den muss, denn an­dern­falls wür­de der Geg­ner zu stark sein und wä­re nicht mehr zu be­sie­gen; ein De­tail war­um man so dach­te war m.E. dass Frank­reich über Kre­di­te den Aus­bau des rus­si­schen Ei­sen­bahn­net­zes Rich­tung We­sten fi­nan­zier­te, das für ei­ne ra­sche Mo­bil­ma­chung na­tür­lich wich­tig war).

    Kei­ne eu­ro­päi­sche Groß­macht dach­te an ei­nen lan­gen Krieg (die Ein­schät­zun­gen auf Sei­ten Öster­reich-Un­garns la­gen, glau­be ich, et­wa bei ei­nem hal­ben Jahr) und nie­mand hat­te ei­nen sol­chen er­war­tet (was die mensch­li­chen Ver­lu­ste und das Leid an­be­langt; an­der­seits den Ein­satz und Auf­wand von Ma­te­ri­al und die Än­de­run­gen in der Tak­tik, Stich­wör­ter: Sturm­an­griff und Ma­schi­nen­ge­wehr). Der un­er­mess­li­che Auf­wand und die Ver­lu­ste auf bei­den Sei­ten wa­ren mit ent­schei­dend für die vor­ge­hab­ten und tat­säch­li­chen Frie­dens­schlüs­se (man muss­te ei­nen »Ge­winn« als »Ent­schä­di­gung« nach Hau­se brin­gen). Und na­tür­lich ha­ben die Frie­dens­schlüs­se von Ver­sailles, St. Ger­main und Tria­non et­was zum wei­te­ren Ver­lauf des 20. Jahr­hun­derts bei­getra­gen (Münk­ler be­merkt ir­gend­wo, man hät­te mehr Fin­ger­spit­zen­ge­fühl ge­habt ha­ben kön­nen; über­haupt sind die kon­tra­fak­ti­schen Be­trach­tun­gen auf­schluss­reich, weil man da­durch den My­thos der Un­aus­weich­lich­keit in Fra­ge stellt).

    In­ter­es­sant das Ka­pi­tel über die Po­si­tio­nen der In­tel­lek­tu­el­len, im Be­son­de­ren Max We­ber (im We­sent­li­chen ei­ne Stim­me der Ver­nunft, aber auch hier do­mi­nier­ten auf wei­ter Strecke die Ide­en ei­ner Läu­te­rung oder Rei­ni­gung durch den Krieg, u.ä.).

    Der Ver­gleich mit Chi­na ist m.E ein schö­nes Bei­spiel da­für, dass man aus der Ge­schich­te zu ler­nen ver­su­chen kann, ob­wohl sie sich nicht wie­der­holt (Um­gang mit auf­stei­gen­den Groß­mäch­ten).

    Gut ein­ge­floch­ten hat Münk­ler auch ei­ni­ge li­te­ra­ri­sche Dar­stel­lun­gen und Zeug­nis­se.

    #5

  6. Dan­ke. Letz­te­res be­treibt Münk­ler wirk­lich mit Kön­ner­schaft, et­wa wie er Jün­ger als ei­ne Art Zeit­zeu­ge des sol­da­ti­schen All­tags zu Wort kom­men lässt (und sei­nen ari­sto­kra­ti­schen Kriegs-He­ro­is­mus lie­gen lässt). Auch sei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit Tho­mas Manns »Ge­dan­ken im Krie­ge« ist sehr gut ge­lun­gen – ähn­li­ches ver­sucht ja auch Pi­per, der aber so­fort mo­ra­li­sie­rend wird, was Münk­ler ver­mei­det, ob­wohl man na­tür­lich ge­nau weiss, wie er da­zu steht.

    #6

  7. Joseph Branco sagt:

    Ich ha­be die Bü­cher von Clark und Münk­ler chro­no­lo­gisch ge­le­sen und da­durch die Mög­lich­keit zum di­rek­ten Ver­gleich der Her­an­ge­hens­wei­se an die Fra­ge der Kriegs­schuld ge­habt. Münk­ler presst mir da­bei die Fra­ge nach den Ur­sa­chen des Krie­ges zu stark durch die Dis­kurs­ma­tri­ze, um sau­be­re Kan­ten zu er­hal­ten. Clark ist da viel ge­nau­er (hat na­tür­lich auch viel mehr Raum), pla­sti­scher. Er lie­fert so vie­le De­tails, die un­be­dingt nö­tig zum Ver­ste­hen sind, für die in Dar­stel­lun­gen üb­li­chen For­mats ein­fach kein Platz ist. Ein Jam­mer.

    Im nach­hin­ein wür­de ich sa­gen, dass ich den Clark mit mehr Ge­winn ge­le­sen ha­be, mich deut­lich bes­ser be­fä­higt füh­le, die Ge­schich­te ein­zu­ord­nen. So sehr sich die Ma­te­ri­al­schlach­ten des 1. Welt­krie­ges als Ele­men­tar­kat­rasto­phen in das Welt­ge­dächt­nis ein­ge­brannt ha­ben, se­he ich die Fra­ge nach den Ur­sa­chen des Krie­ges als in­ters­san­ter an, in­ter­es­san­ter, weil die Me­cha­nis­men der Ju­likri­se auch heu­te noch brand­ge­fäh­lich sein kön­nen.

    Das wei­ter oben ein Un­be­ha­gen ge­äu­ßert wird, kann ich nach­voll­zie­hen, da Clark vie­le der in Deutsch­land üb­li­chen Re­fle­xe nicht pa­rat hat, da­her manch­mal fast ten­den­zi­ös wirkt. Be­ur­tei­len, ob das der deut­schen Sicht­wei­se oder nur dem mi­li­tä­ri­schen Prag­ma­tis­mus der bri­ti­schen Sphä­re ge­schul­det ist, kann ich nicht.

    #7

  8. Doktor D sagt:

    @Joseph Bran­co: Münk­lers Gro­ßer Krieg ist deut­lich län­ger als Clarks Schalf­wand­ler. Wenn man die Ori­gi­nal­aus­ga­ben ver­gleicht, hat Münk­ler ca. 200 Sei­ten mehr Um­fang.
    Clark stützt sich fast aus­schließ­lich auf die of­fi­zi­el­len Ak­ten, »ver­gisst« aber ab und an an­zu­mer­ken, wenn die Da­tie­rung ei­ner Ak­ten­no­tiz oder ei­nes Te­le­gramms um­strit­ten ist. Ei­ne kul­tur- und men­ta­li­täts­ge­schicht­li­che Ein­ord­nung, die den Na­men ver­dient hat, gibt es nicht. Clark lie­fert im Prin­zip ei­ne klas­si­sche Ge­schichts­schrei­bung aus der Per­sepkti­ve der Ka­bi­net­te. In­ter­es­sant ist sein An­satz, Kon­zep­te und Be­griff­lich­kei­ten der In­ter­na­tio­nal-Re­la­ti­ons-Stu­dies zur In­ter­pre­ta­ti­on und Dar­stel­lung der Vor­gän­ge zu be­nut­zen.

    #8

  9. Clark ist ja hef­tig an­ge­gan­gen wor­den – von bri­ti­schen Hi­sto­ri­kern (u. a. Roehl in der SZ), den Ser­ben, de­nen er wohl ei­ne gra­vie­ren­de Mit­schuld gibt, und in Deutsch­land pu­bli­zi­stisch vor al­lem in der »Zeit«, in der Vol­ker Ull­rich sein Ge­schichts­bild na­tür­lich nicht mehr re­vi­die­ren möch­te und prompt das Re­vi­sio­nis­mus­häm­mer­chen aus dem Schrank her­vor­holt.

    #9

  10. Doktor D sagt:

    Das für mich ir­ri­tie­ren­de an Clarks Schlaf­wand­lern – ab­ge­se­hen von die­sem sub­li­me­ly in­a­de­qua­te tit­le (wie mei­ne bri­ti­sche Freun­din sag­te): Die tat­säch­li­che Kon­struk­ti­on sei­ner wie ge­schmiert vor sich hin sur­ren­den Er­zähl­ma­schi­ne hat mit der in der Ein­lei­tung pro­pa­gier­ten »Un­par­tei­lich­keit« (nach dem Wie, nicht nach dem War­um fra­gen) we­nig zu tun. Am Schluss weiß man ge­nau, wer Schuld ist: Ser­bi­en als Schur­ken­staat und Pro­xy Ruß­lands, Ruß­land im im­pe­ria­len, pan­sla­wi­schen Wahn und das schwer neu­ro­ti­sche Frank­reich, das Ruß­land auf­wie­gelt, um dem Deut­schen Reich die Re­van­che für 70/71 ab­zu­rin­gen. Bri­tan­ni­en fühlt sich an sei­ne Bünd­nis­ver­pflich­tun­gen ge­gen­über Frank­reich und Ruß­land ge­bun­den, das Deut­sche Reich an die sei­nen zur KuK-Mon­ar­chie – voi­là: The shit hits the fan.
    Das kann man ja so se­hen – nur ist die Ein­lei­tung und das Framing, das Clark sei­nem Buch gibt, dann im be­sten Fal­le falsch, im schlech­te­sten un­ehr­lich.

    #10

  11. Norman sagt:

    In­ter­es­san­te und poin­tier­te Be­spre­chung! Ich ha­be die glei­che Paa­rung be­spro­chen:
    https://notizhefte.wordpress.com/2014/06/10/der-grose-krieg-in-dicken-banden/

    #11

  12. @Norman
    In­ter­es­sant und Dank für den Hin­weis.

    #12

  13. Joseph Branco sagt:

    @Doktor D
    Ich füh­le mich nicht ge­täuscht, da Clark am An­fang klar dar­stellt, dass al­le ver­füg­ba­ren Quel­len mas­si­ver Ma­ni­pu­la­ti­on aus­ge­setzt wa­ren, so­dass man noch mehr zwi­schen den Zei­len le­sen muss, als der ge­plag­te Hi­sto­ri­ker schon sonst ge­zwun­gen ist. Auch dass Clark ver­sucht ei­ne Ge­schich­te zu er­zäh­len, ir­ri­tiert mich nicht. Er stellt eher der dem Jah­res­tag ge­schul­de­ten auf­nah­me­freund­li­chen Öf­fent­lich­keit ei­ne The­se zur Dis­kus­si­on. Ein Pa­per sä­he si­cher­lich an­ders aus.

    Der »grö­ße­re Raum« be­zog sich üb­ri­gens nur auf die Fra­ge nach den Ur­sa­chen des Krie­ges. Da hat­te Clark na­tür­lich mehr Mög­lich­kei­ten als Münk­ler. Als be­sag­te De­tails könn­te man als Bei­spiel die Rol­le des mi­li­tä­ri­schen Ein­grei­fen Ita­li­ens in Nord­afri­ka nen­nen, das erst den de­so­la­ten Zu­stand des os­ma­ni­schen Rei­ches zu Ta­ge för­der­te und da­mit den Bal­kan­krie­gen den Weg bahn­te. Oder viel­leicht auch der Ner­ven­zu­sam­men­bruch Vi­via­nis in St. Pe­ters­burg. Die­se Zu­sam­men­hän­ge wa­ren mir vor­her nicht klar und sind bei Clark zu hauf zu fin­den. Letzt­end­lich be­ur­tei­len, wo Fik­ti­on Fak­ten nie­der­streckt, kann ich als Laie so oder so nicht. Aber je mehr In­for­ma­tio­nen zur Ver­fü­gung ste­hen, de­sto lich­ter wird der Ne­bel.

    Der Ver­such Münk­lers die Al­ter­na­ti­ven »des lan­gen« und »des kur­zen« We­ges in den Krieg dar­zu­stel­len, emp­fin­de ich ge­gen­über der ge­schlos­se­nen Dar­stel­lung Clarks eher als ge­zwun­gen. Die »ge­schmier­te Er­zähl­ma­schi­ne« se­he ich in dem Sin­ne eher als Plus.

    #13

  14. Doktor D sagt:

    @Joseph Bran­co: Ah, mir war nicht be­wusst, dass Münk­ler, den ich ja noch nicht ge­le­sen ha­be, den gan­zen Krieg be­han­delt. Da­ge­gen hat Clark dann wirk­lich episch viel Platz. Dem­nächst aber mehr zu dem, was mich ir­ri­tiert. Ich sit­ze ge­ra­de dran – und für ei­nen Kom­men­tar ist es jetzt schon zu lang.

    #14