Der 20. Ju­li

A.d.L.e.R: Aus dem Le­ben ei­ner Rik­scha­fah­re­rin – Nr. 2

Wir ha­ben 28 Grad, ei­ne hauch­fei­ne Bri­se und ein paar Zier­wölk­chen im Him­mel. Ich ha­be zwei Da­men die Lin­den her­auf­ge­bracht, fah­re durchs Bran­den­bur­ger Tor hin­durch und fin­de den Platz auf der an­de­ren Sei­te, na­ment­lich: den »Platz des 18. März«, (an dem die »Stra­ße des 17. Ju­ni« be­ginnt), ab­ge­sperrt mit rot­wei­ßen Git­tern, hin­ter de­nen al­le fünf Me­ter Po­li­zi­sten und Po­li­zi­stin­nen in schuss­si­che­ren We­sten ste­hen, um die Ab­sper­rung zu si­chern. Un­ter den Bäu­men auf der nord­west­li­chen Sei­te Ein­satz­fahr­zeu­ge der Po­li­zei, eins ne­ben dem an­de­ren, ei­ne Wa­gen­burg ums Ge­löb­nis her­um. Öf­fent­li­ches Ge­löb­nis der Re­kru­ten un­ter Aus­schluss der Öf­fent­lich­keit. Weit­räu­mi­ge Ab­sper­run­gen, Si­cher­heits­zo­nen, Zu­fahr­ten. Von der Ecke Behrenstraße/Ebertstraße, über die nörd­li­che Tier­gar­ten­hälf­te bis zum Bahn­of rauf: Al­les dicht. Der Auf­bau der Ab­sper­run­gen und der Tri­bü­ne vor dem Reichs­tag ist seit ei­ner Wo­che im Gan­ge ge­we­sen. Seit ei­ner Wo­che wim­mel­te es von Po­li­zei und Feld­jä­gern und Sol­da­ten, die al­le so ta­ten, als wä­re über­haupt nichts los bei ih­rem ner­vö­sen Hin und Her.

Ein Hub­schrau­ber zieht auf, die bei­den Da­men zie­hen ab, ich ver­zieh mich in den Schat­ten. Dort steht ein Kol­le­ge, der sich beim be­sten Wil­len nicht er­klä­ren kann, wie­so ei­gent­lich das Ge­löb­nis nicht in ei­nen nächt­li­chen Fackel­zug ein­ge­bun­den, und wie­so Wehr­kun­de noch nicht wie­der als Pflicht­fach an Schu­len ein­ge­führt ist.

»Du sach mal«, frag ich, denn er muss es wis­sen, er hat ge­dient, »glaubst Du, dass man mit ei­ner Ar­mee, die sich im ei­ge­nen Lan­de von der Po­li­zei vor den Bür­gern schüt­zen las­sen muss, dass man mit so ei­ner Ar­mee noch ei­nen Krieg ge­win­nen kann?«

»Ver­giss die Ar­mee, ich weiß was Bes­se­res.«

Ich ver­su­che die Ar­mee zu ver­ges­sen und den­ke dar­an, wie vor­hin, kurz be­vor ich mit den zwei Da­men los­ge­fah­ren bin, un­ser Ober­po­li­ti­sie­rer vom Dienst im Ton­fall nüch­tern­ster Sach­lich­keit er­klär­te, er kön­ne sich die­se Welt oh­ne Ar­me­en und Waf­fen nicht vor­stel­len, er sei si­cher, dass das nicht funk­tio­nie­re, und wie dar­auf­hin ein an­de­rer Kol­le­ge, von dem ge­nau dies zu er­war­ten ge­we­sen war, den Ton­fall des Ober­po­li­ti­sie­rers imi­tier­te: »Dar­an kann man sehr gut se­hen, wie er­folg­reich die ka­pi­ta­li­sti­sche Pro­pa­gan­da ist: Sie ar­bei­tet so ef­fi­zi­ent, dass man sich et­was so Na­he­lie­gen­des, Ein­fa­ches und Schö­nes nicht ein­mal mehr vor­stel­len kann.«

Ich wi­der­set­ze mich der ka­pi­ta­li­sti­schen Pro­pa­gan­da und stel­le mir die­se Welt oh­ne Ar­me­en und Waf­fen vor, in der Tat ein na­he­lie­gen­der, ein­fa­cher und schö­ner Ge­dan­ke, wäh­rend­des­sen mein Kol­le­ge sich auf­rich­tet. Er lüm­melt näm­lich, wenn er auf Kun­den war­tet, im­mer so hin­ge­fle­gelt in sei­ner Rik­scha her­um, die Fü­ße auf den Sat­tel ge­legt, den Arsch auf der Kan­te, aber jetzt setzt er sich auf­recht hin und strahlt übers gan­ze Ge­sicht: «Ge­stern hab ich Pro­mi­nenz ge­fah­ren!«

Er er­zählt mir, dass ge­stern am Reichs­tag un­ter all den an­de­ren ein Tou­rist um die Sech­zig so her­um­ge­stan­den ha­be, auf je­mand ge­war­tet, dem sei wohl lang­wei­lig ge­we­sen, und da ha­be er, der Tou­rist, ihn, mei­nen Kol­le­gen, an­ge­spro­chen. Der Tou­rist ha­be auf die fer­tig auf­ge­bau­te Tri­bü­ne fürs Ge­löb­nis ge­zeigt und ge­fragt, was das für ei­ne Ver­an­stal­tung sei.

»Gar nicht so ein­fach, die Ar­mee zu ver­ges­sen«, wer­fe ich ein, und er:

»Des­halb ma­chen die das ja.«

Je­den­falls ha­be er dem Tou­rist ge­ant­wor­tet: »Da müs­sen die Re­kru­ten schwö­ren, dass sie be­reit sind, ihr Le­ben für Va­ter­land und Öl zu ge­ben.« So sei man ins Ge­spräch ge­kom­men, und zwar auf Eng­lisch, Schmal­spur-Eng­lisch, der Tou­rist sei aus Hol­land ge­we­sen, und er, mein Kol­le­ge, ha­be sei­ne An­sich­ten übers Mi­li­tär und die Schrift über dem Ein­gang des Reichs­tags­ge­bäu­des nicht hin­term Berg ge­hal­ten. Der nie­der­län­di­sche Tou­rist ha­be mit ihm und sei­nen An­sich­ten sym­pa­thi­siert und eher bei­läu­fig an­ge­merkt, dass sein Groß­on­kel in die­sem Ge­bäu­de mal Feu­er ge­legt ha­be, und dass des­sen Na­me auf dem Schild falsch ge­schrie­ben sei. Dann sei die Frau her­an­ge­kom­men, auf die er ge­war­tet hat­te, und sie sei­en ein Stück mit ihm ge­fah­ren.

»Mä­äänsch, da­schan­ding!«

»Jau, das war der Groß­nef­fe von Ma­ri­nus van der Lub­be!«

»Da kann ich na­tür­lich nicht mit­hal­ten, mit mei­nem ol­len Zwie­bel-Gün­ter.«

Wir un­ter­hal­ten uns über den Reichs­tags­brand und be­dau­ern, dass es da­mals nicht hin­ge­hau­en hat, und vor al­lem, dass sie Ma­ri­nus van der Lub­be er­wischt und er­mor­det und vier an­de­re gleich mit­ver­haf­tet ha­ben. Von den Fol­gen gar nicht zu re­den. Au­ßer­dem stel­len wir fest, dass heu­te vie­le Kol­le­gen und Kol­le­gin­nen nur des Ge­löb­nis­ses we­gen gar nicht raus­ge­kom­men sind. Und da wir uns nicht in der La­ge se­hen, et­was Ähn­li­ches wie sei­ner­zeit Ma­ri­nus van der Lub­be auf­zu­füh­ren, ma­chen wir Fei­er­abend und haun ab.

© Ste­pha­nie Bart

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