Ulf Po­s­ch­ardt: Bück­bür­ger­tum

Ulf Poschardt: Bückbürgertum
Ulf Po­s­ch­ardt: Bück­bür­ger­tum

Im letz­ten Jahr fei­er­te Ulf Po­s­ch­ardt1 mit sei­ner Phil­ip­pi­ka über das Shit­bür­ger­tum ei­nen Spie­gel-Best­sel­ler, ob­wohl (oder trotz?) des Starts der Pu­bli­ka­ti­on im Selbst­ver­lag. Rasch fand sich mit dem West­end-Ver­lag ei­ne of­fi­ziö­se Blei­be. Po­s­ch­ardt fand statt der lie­be­vol­len Be­zeich­nun­gen wie »ju­ste-mi­lieu« oder ein­fach nur »Gut­men­schen« ei­ne neue Vo­ka­bel für je­ne mo­ra­lin­sauren Bes­ser­wis­ser, die an­de­ren un­ge­fragt Es­sens , Rei­se , Lek­tü­re , Sprach , Mo­bi­li­täts- und Ver­hal­tensim­pe­ra­ti­ve er­teilt und Ve­ge­ta­ris­mus, au­to­frei­es Le­ben, an­ti­dis­kri­mi­nie­ren­de Lek­tü­re, gen­der­sprach­li­che For­mu­lie­run­gen und CO2-neu­tra­le Le­bens­wei­se zu Dog­men er­hebt. Be­droh­lich fand Po­s­ch­ardt, dass die­se Kli­en­tel in­zwi­schen gro­ße Tei­le der Po­li­tik und Me­di­en­öf­fent­lich­keit usur­piert ha­ben und ih­re Mis­si­on po­li­ti­schen, öko­no­mi­schen und kul­tu­rel­len Pro­zes­sen über­stül­pen. Wer dis­ku­tie­ren will oder gar wi­der­spricht, wird aus dem Dis­kurs­raum ex­kom­mu­ni­ziert. De­bat­ten wer­den zu Ge­sin­nungs­prü­fun­gen, bei Nicht­ge­fal­len dro­hen Shits­torm und Pe­ti­ti­on.

Die osten­ta­ti­ve Schnodd­rig­keit des Buchs ba­lan­cier­te ge­konnt zwi­schen Ma­ni­fest, Wut­text und In­vek­ti­ve gar­niert mit ei­ner Pri­se Über­mut. Po­s­ch­ardt ver­stand es, mit sei­nem »jour­na­li­sti­schen Dresch­fle­gel­ak­tio­nis­mus« (Chri­stoph Nar­holz) ei­ne von po­li­ti­scher Re­si­gna­ti­on er­fass­te Ziel­grup­pe, lo­ka­li­sier­bar ir­gend­wo zwi­schen Ralf Dah­ren­dorf und Lud­wig Er­hard, ei­ne Spra­che zu ge­ben. Da­bei di­stan­zier­te er sich sorg­fäl­tig von rechts­na­tio­na­li­stisch-völ­ki­schem Ge­dan­ken­gut der ver­meint­li­chen Al­ter­na­ti­ve und mach­te auch nicht den Feh­ler, sich zu tief in Ta­ges­ak­tua­li­tä­ten zu be­ge­ben, son­dern blieb bei theo­re­ti­schen Be­trach­tun­gen zum gro­ßen Gan­zen. Da­mit er­reich­te er bei al­ler rhe­to­ri­schen Schär­fe ei­ne ge­wis­se Ela­sti­zi­tät und bis­wei­len Hei­ter­keit. Letz­te­re be­för­dert da­durch, dass sug­ge­riert wur­de, das Shit­bür­ger­tum lä­ge in den letz­ten Zü­gen trotz der Mit­läu­fer, die er da­mals »Lauch­bour­geoi­sie« oder, kür­zer, »Lauch« nann­te. Das Shit­bür­ger­tum, so hieß es, ha­be »ei­ne Päd­ago­gik der Angst ent­wor­fen, um die­se Bour­geoi­sie loy­al zu hal­ten.«

Kaum ein Jahr spä­ter geht Po­s­ch­ardt dar­an, das Ver­hält­nis zwi­schen Shit­bür­gern und ih­ren Mit­ma­chern ge­nau­er zu be­trach­ten. Die Ge­mü­se­kon­no­ta­ti­on wur­de in der Bio­ton­ne ent­sorgt, statt­des­sen ist nun vom Bück­bür­ger die Re­de, ei­nem »Zom­bie der Zi­vil­ge­sell­schaft. Es ist der Bür­ger, der sich selbst auf­ge­ge­ben hat.« Band zwei die­ser Deutsch­land-So­zio­lo­gie heißt dem­entspre­chend Bück­bür­ger­tum, was streng ge­nom­men un­ge­nau ist, weil es ei­ne ge­wis­se Au­to­no­mie zwi­schen den bei­den Schich­ten na­he­legt, die der Au­tor sel­ber ne­giert, sind doch die Gren­zen eher flie­ßend.

Nach Po­s­ch­ardt ist der Bück­bür­ger der Er­mög­li­cher des Shit­bür­gers, der, so könn­te man schlie­ßen, sei­ne Mün­dig­keit an Kants Gar­de­ro­be ab­ge­ge­ben hat. »Wäh­rend die Shit­bür­ger-In­tel­lek­tu­el­len ei­nen Plan ha­ben, dient sich der Bück­in­tel­lek­tu­el­le ih­ren Plä­nen an und er­gänzt sie durch Un­zu­frie­den­heit und Groll.« Bück­bür­ger ha­ben in ei­ner »Mi­schung aus Feig­heit und Op­por­tu­nis­mus« ih­re Über­zeu­gun­gen der Pro­gram­ma­tik und den Re­geln der Shit­bür­ger un­ter­wor­fen und er­war­ten ei­ne wie auch im­mer ge­ar­te­te in­for­mel­le Be­loh­nung oder, im gün­stig­sten Fall, ei­ne Mo­ne­ta­ri­sie­rung sei­nes Bückens.

Wie konn­te es da­zu kom­men? Aus­führ­li­cher und deut­lich struk­tu­rier­ter als im er­sten Band ana­ly­siert Po­s­ch­ardt die Ent­wick­lung Deutsch­lands und geht zu­rück bis 1945, nach dem Zi­vi­li­sa­ti­ons­bruch der Na­zis. Da­mals ent­stand rasch »ein neu­es Bür­ger­tum – nicht durch Rück­kehr al­ter Eli­ten, son­dern durch wirt­schaft­li­chen Wie­der­auf­bau, so­zia­le Mo­bi­li­tät und die In­sti­tu­tio­nen der jun­gen De­mo­kra­tie.« Schon die­se The­se ist kühn, ging doch bei­spiels­wei­se für man­chen Wirt­schafts­ka­pi­tän die Rei­se un­ge­hin­dert wei­ter Fein Po­s­ch­ardts Be­ob­ach­tung, der Selbst­re­ha­bi­li­ta­ti­on des auf­kom­men­den in­tel­lek­tu­el­len Shit­bür­ger­tums »sanc­to su­bi­to« ge­gen­über sei­ner Mit­schuld an den Ver­bre­chen zwi­schen 1933 und 45. Hier greift er vor al­lem die Grup­pe 47 und de­ren Prot­ago­ni­sten an und blen­det zu­gleich weit­ge­hend die zahl­rei­chen durch Na­zi-Mit­glied­schaf­ten (und teil­wei­se mehr) kon­ta­mi­nier­ten Po­li­ti­ker­kar­rie­ren aus. Öko­no­misch ent­stand ein durch die so­zia­le Markt­wirt­schaft kaum für mög­lich ge­hal­te­ner Auf­schwung bin­nen we­ni­ger Jah­re – die Prot­ago­ni­sten wa­ren je­doch häu­fig die glei­chen. Be­reits An­fang der 1960er Jah­re gab es mah­nen­de Stim­men, die vor Selbst­zu­frie­den­heit und Kon­su­mis­mus warn­ten. Nach ei­ni­gen klei­nen Re­zes­sio­nen En­de der 1960er Jah­re nahm die Staats­ver­schul­dung in den 70ern ra­sant zu. Das war »der Be­ginn des öko­no­mi­schen Ir­rea­lis und zu­gleich der An­fang ei­nes bür­ger­li­chen Ap­pease­ments mit ab­neh­men­der Am­bi­ti­on.« Der Bück­bür­ger wan­der­te da­mals ab ins Pri­va­te, woll­te in Ru­he ge­las­sen wer­den und sei­nen Wohl­stand ge­nie­ßen.

Nach­ein­an­der wer­den im Buch fast al­le In­sti­tu­tio­nen und ge­sell­schaft­li­chen Fel­der un­ter­sucht: Der selbst­ver­schul­de­te, im­mer zü­gi­ger auf­kom­men­de Be­deu­tungs­ver­lust der Kir­chen et­wa, der, so hört man, mit dem Zwei­ten Va­ti­ka­ni­schen Kon­zil be­för­dert wur­de. Be­son­ders pi­kant die Ein­schü­be über Funk­ti­on und Not­wen­dig­keit des Knie­ens in der ka­tho­li­schen Lit­ur­gie, die im Ge­gen­satz zum Bücken steht. Hier läuft Po­s­ch­ardt zu gro­ßer Form auf. Auch die Un­ter­wan­de­rung des Kul­tur­be­triebs mit »ge­bück­ten«, vul­go: ge­läu­ter­ten Ex-Na­zi-An­hän­gern, die sich pro­gres­siv ga­ben und lan­ge Zeit ver­hin­dern konn­ten, das ih­re Ver­gan­gen­heit ruch­bar wur­de, wird ana­ly­siert. Als ei­ne tra­gi­sche Fi­gur hat Po­s­ch­ardt Sieg­fried Un­seld aus­ge­macht, ei­nen eher bür­ger­li­chen In­tel­lek­tu­el­len, »FDP-Wäh­ler und Hel­mut-Schmidt-Fan«, der zum »Bück­bür­ger aus Kal­kül« wur­de und aus sei­nem Suhr­kamp-Ver­lag ei­nen »Zeit­geist­lie­fe­ran­ten« mach­te, »der die Bon­ner Re­pu­blik spä­te­stens ab Mit­te der Sech­zi­ger­jah­re bei ih­rem Kampf um in­ne­re Li­be­ra­li­tät ziem­lich al­lein­ließ.« Un­seld ha­be sich vor sei­nen Lek­to­ren ge­bückt und da­mit gut ver­dient. Die Ver­dien­ste des Ver­lags für die in­tel­lek­tu­el­le Ent­wick­lung der Bun­des­re­pu­blik räumt Po­s­ch­ardt dann doch noch ein.

Na­tür­lich be­kom­men auch die 68er das üb­li­che Fett ab. Auf de­ren Bluff sei­en die Bück­bür­ger rein­ge­fal­len. Brandts Re­gie­rungs­bil­dung 1969 kom­men­tiert Po­s­ch­ardt als ei­ne Nie­der­la­ge, ge­gen die von den Bür­ger­li­chen we­nig Ge­gen­wehr ge­kom­men sei. We­nig er­staun­lich, dass Po­s­ch­ardt den von ihm als In­tel­lek­tu­el­len vor­ge­stell­ten Franz Jo­sef Strauß 1980 ger­ne als Kanz­ler ge­se­hen hät­te. Wie wä­re wohl dann die Ein­heit ab­ge­lau­fen?

Schmidts Feh­ler, die Grü­nen als po­li­ti­schen Kon­kur­rent nicht ernst ge­nom­men zu ha­ben, wird er­staun­li­cher­wei­se über­se­hen. Da­mals brach ei­ner Volks­par­tei ein Flü­gel weg. Die Par­al­le­len zur Ge­gen­wart – das Schrump­fen der Uni­on in den Nicht­wäh­ler­be­reich oder zu Gun­sten der AfD – sieht er auch nicht. Lo­gisch, dass die Ana­ly­se zu den Grü­nen er­wart­bar scharf aus­fällt. »Bei der Grün­dung der Grü­nen wirk­ten an­ti­mo­der­ne rech­te Mi­lieus und eso­te­ri­sche Strö­mun­gen« mit. Es tra­fen sich »Ord­nungs­po­li­tik und Heils­er­war­tung in ei­ner ge­mein­sa­men Tech­nik- und Fort­schritts­feind­schaft«. Dies zei­ge sich, so Po­s­ch­ardt, bis heu­te (Atom­aus­stieg, Au­tof­eind­lich­keit). Po­s­ch­ardt über­sieht, dass die Grü­nen sich in­zwi­schen ver­bür­ger­licht und ih­re Rän­der ab­ge­schlif­fen ha­ben. Ihr er­folg­rei­cher Marsch durch die In­sti­tu­tio­nen ist vor al­lem in der Über­re­prä­sen­ta­ti­on grü­ner Po­li­tik­ent­wür­fe in den Me­di­en sicht­bar und noch auf Jah­re hin ze­men­tiert.

Die Kohl-Jah­re wer­den in mil­dem Licht be­trach­tet. »Als Sym­bol­fi­gur neu­deut­scher In­te­gri­tät setz­te Hel­mut Kohl die deut­sche Ein­heit ge­gen ei­nen lin­ken und zö­ger­li­chen Zeit­geist durch«, heißt es, aber »den Kampf für ei­ne gei­stig-mo­ra­li­sche Wen­de hat er nach­hal­tig ver­lo­ren und dann auch auf­ge­ge­ben.« Kaum ein Wort zur Fort­set­zung des so­zi­al-li­be­ra­len Wirt­schafts­ka­pi­ta­lis­mus.

Po­s­ch­ardt ent­wickelt für Deutsch­land ei­ne La­wi­ne des Nie­der­gangs, die sich mit der Kanz­ler­schaft von An­ge­la Mer­kel noch be­schleu­nigt hat. Da­bei war Mer­kel 2003 als Re­for­me­rin in den Wahl­kampf ge­gan­gen. Aber nach der »Fast-Nie­der­la­ge« än­der­te sie ih­re po­li­ti­schen Ko­or­di­na­ten schlag­ar­tig. Zu be­trach­ten war dies in der TV-Run­de un­mit­tel­bar nach der Wahl, als Schrö­der, ver­mut­lich ge­stützt auf fal­sche Hoch­rech­nun­gen, Mer­kel un­flä­tig at­tackier­te. Po­s­ch­ardt nennt die­sen Mo­ment die »Trans­sub­stan­tia­ti­on« Mer­kels. Schrö­der hat­te vor Ka­me­ras Mer­kel un­ge­wollt zur Kanz­le­rin ge­macht. In den nun fol­gen­den 16 Jah­ren per­fek­tio­nier­te sie das »post­he­roi­sche Re­gie­ren: Macht oh­ne Pa­thos, Ent­schei­dung oh­ne Dra­ma, Füh­rung durch Mo­de­ra­ti­on.« Er­staun­lich da­bei ih­re Fle­xi­bi­li­tät: Als Um­welt­mi­ni­ste­rin un­ter Kohl noch ent­schie­de­ne Be­für­wor­te­rin der Atom­kraft, be­schloss sie ein­sam und aus wahl­tak­ti­schen Über­le­gun­gen (Land­tags­wahl Ba­den-Würt­tem­berg) den Aus­stieg, nach­dem noch kurz zu­vor Lauf­zeit­ver­län­ge­run­gen be­schlos­sen wur­den. Nie­mand wi­der­sprach. Ih­re Frak­ti­on in­klu­si­ve Ko­ali­ti­ons­part­ner (da­mals die FDP) bück­ten.

Mer­kel ver­sprach den Deut­schen, »den Er­folg ih­rer Ex­port­wirt­schaft (nach Chi­na), das bil­li­ge Gas (aus Russ­land) und die gün­sti­ge Si­cher­heit (aus den USA)« als »ein Ge­schenk der Ewig­keit«. Un­ter­des­sen ver­rot­te­te die In­fra­struk­tur weil der Fe­tisch der »schwar­zen Null« wich­ti­ger war. All das fiel nicht auf, weil Mer­kels Kanz­ler­schaft ab 2008 von meh­re­ren Kri­sen über­schat­tet war. Es galt je­weils, den Sta­tus quo so rasch wie mög­lich wie­der her­zu­stel­len. »Mer­kel be­herrsch­te we­ni­ger The­men als Si­tua­tio­nen«, bi­lan­ziert Po­s­ch­ardt. Am En­de, als Mer­kel im De­zem­ber 2021 ab­trat, »war die Uni­on in ih­rer bür­ger­li­chen Iden­ti­tät ent­kernt«, so der Be­fund. Kri­ti­ker wur­den ver­bannt oder re­si­gnier­ten. Die Par­tei, so fällt ei­nem ein, war (oder ist?) in ei­nem ähn­li­chen Zu­stand wie die SPD nach Hel­mut Schmidts Sturz.

Gut ver­steckt fin­det sich ein Hin­weis auf ei­ne sich über die Jahr­zehn­te an­ge­sam­mel­te »kul­tu­rel­le Igno­ranz der Uni­on«, die sich ei­ner »äs­the­ti­schen Ver­staubt­heit« zei­ge, »die sie als Schat­ten kon­ser­va­ti­ven Selbst­has­ses seit den Um­brü­chen der Stu­den­ten­re­bel­li­on ver­folgt.« Selbst Kohl, so sug­ge­riert die­se Stel­le, konn­te dies nicht än­dern. Im Ge­gen­satz zu Mer­kel hol­te die­ser zu Be­ginn al­ler­dings pro­fes­so­ra­len Rat, Kurt Bie­den­kopf et­wa oder, wie Po­s­ch­ardt be­son­ders her­vor­hebt, Ri­ta Süss­muth. Die Er­geb­nis­se sind be­kannt.

Po­s­ch­ardts Ma­nö­ver sind mit­un­ter ge­wagt. So nimmt er ei­nen Text vom ein­sti­gen CDU-Mit­glied Alex­an­der Gau­land nach Mer­kels Atom­aus­stieg-Ent­schei­dung 2011 als Fo­lie da­für, war­um sich das kon­ser­va­ti­ve Bür­ger­tum von der Uni­on ver­ab­schie­de­te und der AfD zu­wand­te. Es ist ei­ne Poin­te die­ses Bu­ches, dass die Re­ne­ga­ten dann nur in ei­nem kur­zen Ka­pi­tel über das »Si­lent Quit­ting«, je­ner »pas­siv-ag­gres­si­ven Ka­pi­tu­la­ti­on vor den Her­aus­for­de­run­gen der Zi­vil­ge­sell­schaft« ei­ne Rol­le spie­len. De­ren »in­ne­re Kün­di­gung« zei­ge sich, so die Schluss­fol­ge­rung, schließ­lich in der Wahl­ka­bi­ne beim heim­li­chen Kreuz­chen für die AfD. Hier fa­sert der Bück­bür­ger-Be­griff aus.

Kei­ne Fra­ge, die Be­mer­kun­gen über Boo­mer (»ha­ben ge­lernt, Kon­flik­te zu ver­wal­ten, statt sie aus­zu­tra­gen«), Op­por­tu­ni­sten (»ein Mensch, der Ge­le­gen­hei­ten er­kennt und nutzt, wäh­rend an­de­re noch nach Prin­zi­pi­en su­chen«), Jo­via­le (»ver­ste­hen sich als Dis­kurs-Blau­helm­mis­si­on«) oder »Sta­tus-quo-Ver­tei­di­ger« (ih­re Angst, »ei­ne wirk­lich kri­ti­sche Selbst­re­fle­xi­on kön­ne die Bun­des­re­pu­blik rui­nie­ren«) sind poin­tiert, schmis­sig und un­ter­halt­sam. Aber beim nä­he­ren Hin­se­hen wirkt dann doch ei­ni­ges mit­un­ter in­kon­si­stent. Wenn er bei­spiels­wei­se über das E‑Auto als Di­stink­ti­ons­merk­mal des Shit­bür­gers her­zieht und es zum Fe­tisch des Bück­bür­gers macht, ver­gisst er die Zei­ten, in de­nen ein Por­sche 911, oder die di­ver­sen Mer­ce­des- und BMW-Mo­del­le die glei­che Funk­ti­on als Mit­tel- bzw. Ober­schicht­sym­bol aus­üb­te. Schwer zu er­tra­gen ist auch Po­s­ch­ardts Ent­zücken über Do­nald Trump. Des­sen »Zu­rück­drän­gung wo­ker Un­ter­neh­mens­kul­tur und ESG-Eso­te­rik« ha­be, so heiß­te es ernst­haft, den »glo­ba­li­sier­te Ka­pi­ta­lis­mus über Nacht« ver­än­dert. Als wä­re dies von al­ler­größ­ter Wich­tig­keit ge­we­sen und ent­schul­di­ge Trumps de­sa­strö­se Außen‑, Wirt­schafts- und Geo­po­li­tik.

Po­s­ch­ardts in­sze­niert sei­ne Be­schrei­bung der Ge­gen­wart im Über­trei­bungs­mo­dus, er­blickt ei­nen »weit­ge­hend rot-grü­nen ›Staat im Staa­te‹ oder ›Deep Sta­te‹ aus NGOs, Kir­chen und öf­fent­lich-recht­li­chen Me­di­en«. Filz brin­ge »ei­ge­ne Leu­te in Po­si­ti­on«. Ein »Bür­ger­krieg oh­ne Kampf, Un­ter­wan­de­rung im Be­am­ten­ge­wand.« Kein Stein bleibt auf dem an­de­ren. Sei­ne Ab­rech­nung mit dem Kul­tur­be­trieb ist tref­fen­der, als man sich das ein­ge­ste­hen möch­te. Auch mit sich sel­ber geht er ins Ge­richt, wenn er zer­knirscht aus sei­nem Leit­ar­ti­kel von 2015 über das in der Flücht­lings­kri­se ge­reif­te Bür­ger­tum zi­tiert und die­sen Faux­pas aus heu­ti­ger Sicht »ex­em­pla­risch für ei­ne bück­bür­ger­li­che Selbst­be­rau­schung am mo­ra­lisch Er­ha­be­nen und schein­bar Mög­li­chen« nimmt.

Ern­ster die Be­schäf­ti­gung mit Alex­an­der Do­bridts Es­say von 2018, in der ei­ner »bür­ger­lich kon­ser­va­ti­ve Re­vo­lu­ti­on« das Wort ge­re­det wird. Dob­rindt ha­be ver­sucht, den von rechts kon­ta­mi­nier­ten Be­griff ins de­mo­kra­ti­sche Spek­trum zu trans­for­mie­ren. Ziel sei ei­ne »christ­lich-abend­län­di­sche Leit­kul­tur als nor­ma­ti­ves Fun­da­ment von Po­li­tik, Ge­sell­schaft und In­te­gra­ti­on«. Po­s­ch­ardt gibt zu, dass Dob­rindts Vor­schlag in ei­ner »Lit­ur­gie der Di­stan­zie­run­gen« der bücken­den Par­tei­freun­de mün­de­te und schei­ter­te.

Und nun? Po­s­ch­ardt ruft die Not­wen­dig­keit ei­nes »kämp­fen­den mün­di­gen Bür­gers« aus. »Die Vor­aus­set­zung ei­nes sä­ku­la­ri­sier­ten Wer­te­sy­stems ist die bür­ger­li­che Iden­ti­tät als Kampf.« Die­ser Kampf »gilt der Ree­ta­blie­rung ei­ner sym­me­tri­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­si­tua­ti­on und der kul­tu­rel­len Selbst­be­haup­tung – als Kon­ser­va­ti­ve, Li­be­ra­le oder nur ir­gend­wie nicht-lin­ke Bür­ger­li­che an der Speer­spit­ze des Fort­schritts.« Der Schwer­punkt muss sich ver­schie­ben »vom Staat zur Bür­ger­ge­sell­schaft«. Po­s­ch­ardt po­stu­liert ei­ne bür­ger­lich-li­be­ra­le Light-Ver­si­on der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats: »Die Vor­aus­set­zun­gen der Frei­heit ent­ste­hen durch das ver­ant­wort­li­che Han­deln der Bür­ger selbst.« Bür­ger, hört die Si­gna­le…

Aber wie will er das er­rei­chen? Mit ei­nem neu­en Marsch durch die In­sti­tu­tio­nen? Die von Po­s­ch­ardt vie­le Jah­re lang ge­prie­se­ne FDP wur­de in der Am­pel zer­rie­ben und ist zer­strit­ten. Die Uni­on be­fin­det sich in ba­by­lo­ni­scher Ge­fan­gen­schaft ei­ner »Brand­mau­er«, die, so heißt es, »mit an­ti­fa­schi­sti­scher Folk­lo­re geschmückt…rechte Mehr­hei­ten zu un­rech­ten Mehr­hei­ten um­fri­siert.« Sie ze­men­tiert nicht nur die Do­mi­nanz lin­ker Po­li­tik, weil ei­ne ähn­li­che Ab­gren­zung zur Par­tei der Lin­ken nicht exi­stiert, son­dern lässt die AfD in­di­rekt längst mit­re­gie­ren. Po­s­ch­ardt the­ma­ti­siert das merk­wür­di­ger­wei­se nicht.

Denn wie im­mer, wenn es kon­kret wird, flüch­tet er sich in die feuil­le­to­ni­stisch mö­blier­te Berg­hüt­te. So prä­sen­tiert er als de­si­gnier­te Lö­sung den »Fight­bür­ger«, ein Kämp­fer »ge­gen die Zu­mu­tung« von Zu­mu­tun­gen. Aber auch der dürf­te nicht oh­ne in­sti­tu­tio­nel­le Or­ga­ni­sa­ti­on aus­kom­men. Po­s­ch­ardts Ver­spre­chen ist Band 3 sei­ner Bür­ger­kun­de. Wer­de ich es le­sen? Ja, war­um nicht?


  1. Man erspare mir die Nennung der Funktionen, die Poschardt innerhalb der Springer- bzw. WELT-Gruppe damals hatte bzw. heute hat – es verändert sich zu schnell 

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