
Ende der 1980er Jahre kam der Film Der Zufall möglicherweise des polnischen Regisseurs Krzysztof Kieślowski in die deutschen Kinos. Der Film, der bereits Jahre zuvor gedreht wurde und in Polen zunächst nicht gezeigt werden durfte, kumuliert in einer Szene, in der die Hauptfigur, ein Student namens Witek, nach dem Tod seines Vaters mit dem Zug nach Warschau fahren und sein Leben neu ordnen will. Nun werden drei verschiedene Szenarien durchgespielt. In der ersten Version erreicht er gerade noch den Zug und wird Jahre später zum kommunistischen Funktionär. In der zweiten Variante legt er sich am Bahnhof mit einem Polizisten an, was den Keim für ein Leben als Dissident legt. Auch in der dritten Version verpasst er den Zug knapp, begegnet stattdessen einer Studienkollegin, in die er sich verliebt. Die beiden heiraten und verbringen ihr Leben im unpolitischen Privaten. Am Schluss werden die drei Varianten wieder zusammengeführt, in dem Witek ein Flugzeug betritt, welches abstürzt.
Kieślowskis Meisterwerk inspirierte Regisseure, Drehbuchschreiber, aber auch Schriftsteller, um zu zeigen, wie kleine Nuancen Lebensläufe verändern können. Es ist anzunehmen, dass Szczepan Twardoch den Film seines Landsmanns kennt. Denn sein neuer Roman mit dem leicht merkwürdigen Titel Sehnsucht, übersetzt von Olaf Kühl, schreibt das kontrafaktische Denken in bisweilen absurd anmutenden Wendungen weiter. Der polnische Titel, der im Buch auch laufend zitiert wird, gibt die Richtung vor: »Sagen wir, [Erwin] Piontek«. Ein »Sagen wir«, dass den Leser stetig damit konfrontiert, dass es sich um ein fiktionales Möglichkeitswerkes handelt.
Es beginnt harmlos mit eben jenem Erwin Piontek, Mitte 70 (die Alters- bzw. Geburtsangaben sind etwas ungenau), der mit seiner Frau Marika, mit er 46 Jahre verheiratet ist, in Pilchowitz lebt. An und zu (vor allem an Freitagen – Piontek steht im polnischen für »Freitag«) lässt er sich noch um 4.15 Uhr wecken, um wie damals, als »Schießhauer« und Bergmann 1. Grades, seine Schicht zu beginnen. Punkt 4.45 Uhr sitzt er dann im Auto, um gerade noch rechtzeitig vor der Abfahrt von seiner Frau zu erfahren, dass er längst pensioniert ist, aber die halbe Stunde zwischen Aufstehen und Losfahrenwollen birgt viele schöne Erinnerungen für ihn. Und dann ist da noch diese jugendliche, bis heute anhaltende Bewunderung zu Leonid Taliga, der als erster Pole alleine die Welt umsegelte. Erwins damaliger Wunsch, die Bergmannausbildung zu beenden und Seemann zu werden, wurde vom Vater allerdings mit Schlägen auf das Gesäß beantwortet.
Die Perspektivlosigkeit des Rentnertrotts verwandelt irgendwann Erwin. Er holt heimlich die ersparten und eigentlich für die Tochter und deren Hausbau gedachten 10.000 Euro aus dem Versteck (alles in Bargeld und umgetauscht in Euro; den Banken traut Erwin nicht), ruft die Telefonnummer an, die eine Segeljolle anbietet, kauft Hals über Kopf die »Iskra«, deckt sich mit Lebensmitteln für 365 Tage ein, schreibt seiner Frau zwei SMS, in denen er seine Rückkehr für das nächste Jahr ankündigt und beginnt seine ganz eigene Weltumseglung. 29.000 Seemeilen sind das Ziel, so ganz ohne Segelerfahrung auf dem Meer, also imitiert er Taliga und umrundet stattdessen den Stausee von Rybnik, immer wieder, ununterbrochen, und wenn es einmal heißt, dass er nach seiner eigenen Statistik 300 Seemeilen »gemacht« und dabei zum 67. Mal den See umrundet hat, dann kann sich der Leser ausrechnen, dass Erwin rund 6.500 Runden drehen will.
Natürlich wird der »Verrückte« rasch zu einem Medienereignis und Twardoch erzählt das stellenweise lustig, all diese Reporter, Youtuber, Tiktoker, potentielle Sponsoren – Leute, denen sich Erwin erwehren muss und dies auch tut, indem er sie nach bestem Wissen und Gewissen ignoriert, weil sie ja eigentlich gar nicht da sind, denn normalerweise wäre Erwin eigentlich in Plymouth oder sonstwo. So rasch der Hype gekommen ist, so schnell ist er auch wieder zu Ende und es kommt die Winterzeit, der Schnee, die Kälte, der See friert nicht zu, aber auf dem Boot wird es bitterkalt, die Heizung hat keinen Brennstoff mehr und dann steht die Familie am Heiligen Abend am Stausee und er ist eigentlich auch bereit nach Hause zu kommen aber es kommt anders und dann ist der erste Teil zu Ende…
…und im zweiten Teil liegt ein gewisser Erwin Piontek im Sand in Südwestafrika, es ist 1905, über ihn ein gewisser Kaptein Hendrik Witbooi, der ihn gefangen nimmt und vielleicht bald erschießen wird. Twardoch rekapituliert die ganze Geschichte von Hendrik Witbooi, der ja tatsächlich gelebt hat, illustriert einige Hintergründe, streut weiter tatsächlich existierende Personen neben dem fiktiven, wie man liest, 1868 geborenen Erwin ein. Der kam mit 16 nach 101 tätiger Überfahrt in der Lüderitzbucht an, wurde deutscher Soldat und jetzt wird die deutsche Kolonialgeschichte erzählt von den Anfängen an, den rassistischen Auswüchsen bis zu den Massakern und Verbrechen der Deutschen an den Herero und Nama. Mittendrin der Bergmannsohn, der einst mit Idealen und Träumen einreisend, sich nun aus der Einheit versetzen lässt, in der Frauen ermordet werden, wenn sie aus dem Fluss trinken wollen und mutter- und hilflose Kinder in der Wüste zurückgelassen werden.
Witbooi lässt Erwin nur mit dem Leben davon kommen, wenn er dafür nach Deutschland fährt und einen gewissen Curt von François erschießt, der zwar einerseits dumm, anderseits jedoch der Mörder von Witboois Vater war. Piontek willigt ein, kauft aber erst einmal eine Farm, heiratet eine Frau, zeugt drei Kinder und erst nach Jahrzehnten (da ist Witbooi längst tot) macht er sich nach Berlin auf und alles endet in einem Fluss und Piontek wird zu einem algenübersäten Poseidon.
Aber da beginnt der dritte Teil und es übernimmt abermals ein anderer Erwin Piontek, um 1976 geboren, von jetzt an in Dauerzwist mit seinem Schöpfer, einem gewissen Szczepan Twardoch. Man schreibt das Jahr 2031, Polen ist seit einem Putsch 2028 ein antimoderner, internetbefreiter »Volksstaat« unter Führung von Professor Zenon Wilk, aber in Wirklichkeit handelt es sich um eine Marionette von russischen und belarussischen Gnaden und, das erfährt man so nebenbei, in Deutschland regiert inzwischen Bundeskanzler Tino Chrupalla. Leider sieht der Opel-Fachverkäufer Erwin Piontek dem Professor ähnlich und so kommt man auf die Idee, ihn zu entführen, legt letzte Hand an, um Äußerlichkeiten anzupassen (etwa Leberflecken aufzutätowieren) und hält ihn gefangen als Double, Kryptonym »Löwe II«, das Wilks Reden auswendig lernen sowie Gesten und Duktus übernehmen muss. Sogar beim Schäferstündchen muss er die Gepflogenheiten Wilks erlernen. Als der Professor mit »Marschall« angeredet werden will und das Militär anweist, Pläne zur »Wiedereingliederung der Sorben« in das »slawische Vaterland« auszuarbeiten, eskaliert die Lage und es beginnt ein groteskes Spiel – zum einen auf der Ebene der Handlung um Wilk und zu anderen mit dem verzweifelten Versuch der Figur Erwin Piontek, sich eine Autonomie vom Schreiber Szczepan Twardoch zu verschaffen.
Des Autors Pirouetten lassen den Leser bisweilen schwindelig werden, und so manche Wendung erweist sich als Trampelpfad ins Nichts. Die Politsatire vom »Volksstaat Polen« ist nur halbwegs geglückt, weil sie rasch in Spektakel aufgeht. Immerhin liefert das Buch Interpretationsmöglichkeiten en masse und ist damit eine Fundgrube für Exegeten und Literaturwissenschaftler. Mir gefällt der expressionistisch-existentialistische Twardoch, wie er sich im Erstling Morphin und dann, zu Könnerschaft verfeinert, in Drach und Demut zeigte, bedeutend besser als dieser (trotz der Kolonialproblematik) unernste clownesk-pompöse Mummenschanz über einen – wie sollte es bei Twardoch anders sein – schlesischen Zelig mit Seefahrerträumen quer durch die Jahrhunderte.