Fran­cis Fu­ku­ya­ma: Der letz­te Mensch

Francis Fukuyama: Der letzte Mensch
Fran­cis Fu­ku­ya­ma: Der letz­te Mensch

Der Ti­tel des neu­en Bu­ches ist et­was merk­wür­dig, wenn man Fran­cis Fu­ku­ya­mas Schrif­ten nicht kennt: Der letz­te Mensch (Über­set­zer: Hel­mut Dier­lamm und Tho­mas Stau­der). Nach dem kur­zen Vor­wort scheint der 1952 ge­bo­re­ne Ame­ri­ka­ner mit ja­pa­ni­schen Wur­zeln mit die­sem Buch ei­ne Art Au­to­bio­gra­phie, ein Me­moir, vor­zu­le­gen. Er er­zählt von sei­ner Fa­mi­lie, den Drang­sa­lie­run­gen und In­ter­nie­run­gen ei­ni­ger Fa­mi­li­en­mit­glie­dern nach Pearl Har­bor, als in den USA al­le Ja­pa­ner un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht fie­len. Er er­zählt wei­ter von zer­stör­ten Kar­rie­ren, ge­bro­che­nen See­len, aus­ein­an­der­ge­ris­se­nen Fa­mi­li­en, der star­ken Per­sön­lich­keit sei­ner aka­de­misch ge­bil­de­ten Mut­ter und den li­be­ra­len An­sich­ten sei­nes pa­zi­fi­stisch ein­ge­stell­ten Va­ters, ein pro­mo­vier­ter Re­li­gi­ons­so­zio­lo­ge. Der Va­ter stand fünf­zehn Jah­re der »United Church of Christ« vor. Auch die Mut­ter war Chri­stin.

Fu­ku­ya­ma er­zählt über sein Stu­di­um, sei­nen be­ruf­li­chen Wer­de­gang, der zum größ­ten Teil in »In­sti­tu­tio­nen der öf­fent­li­chen Po­li­tik« statt­fand, streift nur kurz die Tätigkeit(en) im US-Au­ßen­mi­ni­ste­ri­um (Stich­wort: Ver­trau­lich­keit), schließ­lich sei­ne Lehr­tä­tig­kei­ten. Er er­zählt von sei­nen hand­werk­li­chen Fä­hig­kei­ten, den Schrei­ner­ar­bei­ten, der Her­stel­lung vom Baum­roh­ling bis zum »Pem­bro­ke-Tisch­chen im Fe­de­ral Style« (ei­ne fünf­jäh­ri­ge Ar­beit), der tie­fen Be­frie­di­gung die­ser Hand­ar­beit. Ei­ne Zeit lang sam­mel­te Fu­ku­ya­ma Lei­ca-Ka­me­ras. Spä­ter bau­te er Com­pu­ter, schrieb Pro­gram­me, will von den An­ge­bo­ten der Tech-Gi­gan­ten au­to­nom sein. Be­reit­wil­lig of­fen­bart er sei­ne Schwä­chen: Er ist un­sport­lich und zu sei­nem Be­dau­ern lei­der voll­kom­men un­mu­si­ka­lisch. Letz­te­res de­kre­tiert er auch als ein Ur-Pro­blem der USA, die in der Mu­sik im Ge­gen­satz zu Eu­ro­pa kei­ne »tie­fen kul­tu­rel­len Wur­zeln« ha­be. Es feh­le ei­ne »star­ke na­tio­na­le Mu­sik­tra­di­ti­on«; eu­ro­päi­sche klas­si­sche Mu­sik blie­be ein Phä­no­men der Ober­schicht.

Bis­wei­len por­trai­tiert er Per­sön­lich­kei­ten aus sei­nem aka­de­mi­schen Mi­lieu. Et­wa ei­ner sei­ner Leh­rer, Allan Bloom, der ein Schü­ler von Leo Strauss war (des­sen Phi­lo­so­phie wird knapp er­läu­tert). Man hät­te nach die­sen Aus­füh­run­gen Blooms Buch Der Nie­der­gang des ame­ri­ka­ni­schen Gei­stes von 1987 ger­ne ge­le­sen, aber es ist nicht mal mehr aus se­riö­sen an­ti­qua­ri­schen Quel­len ver­füg­bar. Man er­fährt et­was über sein Ver­hält­nis zu Sa­mu­el Hun­ting­ton und ist über­rascht zu er­fah­ren, wel­ches Fu­ku­ya­ma als sein wich­tig­stes Buch ein­schätzt.

Im Ty­ran­nen-Ka­pi­tel er­zählt er von zwei Pri­vat­vor­le­sun­gen 2006 und 2007 beim li­by­schen »Re­vo­lu­ti­ons­füh­rer« Gad­da­fi (Fu­ku­ya­mas Ur­teil über ihn fällt we­nig schmei­chel­haft aus) und ei­ne Be­geg­nung mit dem chi­ne­si­schen Po­li­ti­ker Wang Qis­han von 2015, der da­mals im eng­sten Um­feld von Xi Jin­ping ar­bei­te­te. Er schwärmt von Süd­ame­ri­ka und des­sen Welt­of­fen­heit (Ar­gen­ti­ni­en nimmt er da aus), skiz­ziert die Pro­ble­me Ko­lum­bi­ens, be­rich­tet über den Er­folg der »Trans­for­ma­ti­on der Stadt Me­del­lín« und rühmt die Er­fol­ge der »Lea­der­ship Aca­de­my-Pro­gram­me«, vor al­lem in den Län­dern der ehe­ma­li­gen UdSSR wie der Ukrai­ne und Ge­or­gi­en.

Sehr in­struk­tiv sind sei­ne Ein­las­sun­gen zum Völ­ker­recht und dem so­ge­nann­ten »Rea­lis­mus« in der Geo­po­li­tik. Fu­ku­ya­ma un­ter­schei­det den »Rea­lis­mus der Mit­tel« und den »Rea­lis­mus der Zie­le«. Letz­te­ren, des­sen pro­mi­nen­te­ster Ver­tre­ter John Me­ars­hei­mer ist und der die Ma­xi­mie­rung der na­tio­na­len In­ter­es­sen der Groß­mäch­te als al­lei­ni­ge Hand­lungs­in­di­ka­to­ren be­trach­tet, hält Fu­ku­ya­ma für un­ter­kom­plex, u. a. des­we­gen, weil die in­nen­po­li­ti­schen Ver­hält­nis­se der Mäch­te ver­nach­läs­sigt wird. Im Um­gang auf den An­griff Russ­lands auf die Ukrai­ne ver­tritt er die Po­si­ti­on, dass Ge­walt und Di­plo­ma­tie kei­ne Ge­gen­sät­ze sind. Trumps Au­ßen­po­li­tik, der Schul­ter­schluss mit Russ­land, sei al­ler­dings ein Rück­fall ins 19. Jahr­hun­dert.

Im Lau­fe die­ses Bu­ches lässt Fu­ku­ya­ma im­mer mehr sei­ne Bü­cher und Hy­po­the­sen Re­vue pas­sie­ren und so wird Der letz­te Mensch Ar­beits­nach­weis, Ver­ge­wis­se­rung, The­sen­bi­lanz und auch bis­wei­len Na­bel­schau. Am En­de wagt er ei­nen Aus­blick, wo­bei der Ti­tel nicht Ver­hei­ßung, son­dern Dro­hung ist, denn der »letz­te Mensch« ist je­ner, der den Er­run­gen­schaf­ten des­sen, was »li­be­ra­le De­mo­kra­tie« heißt, mit ei­ner Mi­schung aus Fahr­läs­sig­keit und Gleich­gül­tig­keit als selbst­ver­ständ­lich hin­nimmt und da­mit in­di­rekt ge­fähr­det. Man könn­te Be­grif­fe wie »De­ka­denz« oder »En­nui« bei­brin­gen, aber bei­de ver­wen­det Fu­ku­ya­ma nicht; es wür­de nicht sei­nem Ver­ständ­nis des Men­schen ent­spre­chen; sie wä­ren ihm ver­mut­lich zu de­ter­mi­ni­stisch.

Wei­ter­hin kämpft Fu­ku­ya­ma mit den In­ter­pre­ta­tio­nen sei­nes Welt­best­sel­lers von 1992 vom En­de der Ge­schich­te. Es be­ginnt da­mit, dass das Buch im ame­ri­ka­ni­schen Ori­gi­nal The End of Hi­sto­ry and the Last Man heißt; im Deut­schen fehlt der zwei­te Teil des Ti­tels. Mit dem En­de der Ge­schich­te be­zieht sich Fu­ku­ya­ma auf Leo Strauss, der ei­nen Bo­gen von He­gel über Rous­se­au und Marx bis zu den bei­den »Ko­di­fi­zie­rern der Kri­se der Mo­der­ne«, Fried­rich Nietz­sche und Mar­tin Heid­eg­ger, spann­te. Hier be­gann »das zeit­ge­nös­si­sche post­mo­der­ne Den­ken«: »An­sprü­che auf Wahr­heit oder ›Leit­nar­ra­ti­ve‹ ba­sie­ren nicht auf Ver­nunft oder em­pi­ri­scher Rea­li­tät, son­dern sind Struk­tu­ren, die den Wil­len der be­stehen­den Macht­ha­ber zum Aus­druck brin­gen und de­ren un­ter­drücke­ri­sches Han­deln recht­fer­ti­gen. Dies galt nicht nur für das phi­lo­so­phi­sche Den­ken, son­dern auch für das Vor­ha­ben der Auf­klä­rung, die Welt durch die mo­der­ne Na­tur­wis­sen­schaft zu ver­ste­hen.«

Fu­ku­ya­ma be­dau­ert das Ver­schwin­den des­sen, was er »Wahr­heit« nennt. Kri­ti­siert wer­den nicht nur die fran­zö­si­schen De­kon­struk­ti­vi­sten der 1970er und 80er, die fest­stell­ten, »Wahr­heits­be­haup­tun­gen dien­ten … le­dig­lich dem Macht­er­halt do­mi­nan­ter ge­sell­schaft­li­cher Ak­teu­re auf Ko­sten mar­gi­na­li­sier­ter Grup­pen.« Er sieht den »leicht­fer­ti­gen Re­la­ti­vis­mus« auch ge­gen­wär­tig prä­sent und er­klärt ihn zum En­de der Ver­nunft. Ei­ner der Ur­sa­chen für das Er­star­ken rechts­po­pu­li­sti­scher (aber auch links­po­pu­li­sti­scher) Fi­gu­ren in der Po­li­tik liegt, so die The­se, in der Ge­gen­re­ak­ti­on auf ex­tre­men und über­trie­be­nen Re­la­ti­vis­mus, der sich bis in die Na­tur­wis­sen­schaf­ten aus­ge­brei­tet ha­be. Als Bei­spiel nennt er un­ter an­de­rem die Ab­leh­nung bio­lo­gi­scher Tat­sa­chen wie sie in der »Trans­gen­der-Be­we­gung« de­kre­tiert wer­den. Die­se un­ter­gra­be nicht nur die bio­lo­gi­sche Tat­sa­che, dass es zwei Ge­schlech­ter ge­be, son­dern auch Dar­wins Se­lek­ti­ons­theo­rie und igno­rie­re (aus ideo­lo­gi­schen Grün­den – aber das schreibt er nicht) das ge­ne­ti­sche Er­be des Men­schen. Er plä­diert für Re­spekt ge­gen­über den­je­ni­gen, die sich trans­se­xu­ell füh­len, lehnt aber ein »po­li­ti­sches Recht« sol­cher Kon­struk­tio­nen ab.

Den­noch ist Fu­ku­ya­mas Hal­tung zu dem, was man »Iden­ti­täts­po­li­tik« nennt, nicht per se ne­ga­tiv. Es scheint, er sieht dar­in den Aus­druck des­sen, was der rus­sisch-fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Alex­and­re Ko­jè­ve als Be­dürf­nis nach An­er­ken­nung be­schreibt und für Fu­ku­ya­ma ei­nes »der grund­le­gen­den Trieb­kräf­te der Mensch­heits­ge­schich­te« dar­stellt. Er ver­wen­det für die­se Form der im­ma­te­ri­el­len An­er­ken­nung den so­kra­ti­schen Be­griff »Thy­mos«. Die­ser ist Dreh- und An­gel­punkt all sei­ner Be­ob­ach­tun­gen zu Ge­sell­schaft, Po­li­tik und Wirt­schaft. So sä­hen Öko­no­men den Men­schen all­zu ein­sei­tig als »ra­tio­na­le Nut­zen­ma­xi­mie­rer«, do­mi­niert von Ver­nunft und vor al­lem Be­gier­de. Der Schwach­punkt die­ser Mo­del­le lä­ge dar­in, das »Ver­lan­gen nach An­er­ken­nung« nicht be­rück­sich­tigt zu ha­ben. »Der Thy­mos ist der Sitz des Stol­zes, weil er auf dem Ge­fühl der ei­ge­nen Wer­tig­keit oder Wür­de be­ruht, oder dem, was wir heu­te nicht ganz tref­fend als Selbst­wert­ge­fühl be­zeich­nen.« »Thy­mos« wird zu ei­ner Art Le­bens- re­spek­ti­ve Staats­ziel aus­ge­ru­fen. Es müs­se ei­ne »li­be­ra­le Ge­sell­schaft« ge­schaf­fen wer­den, »die uni­ver­sel­le An­er­ken­nung ge­währt, in­dem sie den Bür­gern glei­che Rech­te ein­räumt: das Recht, sich zu äu­ßern, sich zu ver­sam­meln, zu glau­ben und durch Wah­len an der po­li­ti­schen Macht teil­zu­ha­ben.« Man möch­te ein­wen­den, dass dies ja ele­men­tar für de­mo­kra­ti­sche Ver­fas­sun­gen ist. Wo­zu es al­so noch ein­mal aus­for­mu­lie­ren?

Thy­mos kann im üb­ri­gen auch pro­ble­ma­ti­sche Zü­ge ha­ben. Zum ei­nen die »Me­ga­lo­thy­mie«, das »Stre­ben nach grö­ße­rer Ach­tung«. Die­se sei zwar die »Trieb­fe­der« für au­ßer­ge­wöhn­li­che Lei­stun­gen, bei­spiels­wei­se im Sport, den Kün­sten oder in den Wis­sen­schaf­ten, aber eben auch ein »Merk­mal von Nar­ziss­ten und Ty­ran­nen«. Ein über­stei­ger­ter Ty­mos kön­ne sich als »Quel­le zur Wut« äu­ßern, wenn man sich nicht ge­nug ge­schätzt fühlt und die An­er­ken­nung nur mehr für spe­zi­fi­sche­re Be­rei­che gilt.

Die Crux, die Fu­ku­ya­ma aus­macht: Die li­be­ra­len Ge­sell­schaf­ten Eu­ro­pas und der USA sei­en »po­li­tisch so frei und ma­te­ri­ell so wohl­ha­bend wie nie zu­vor in der Ge­schich­te der Mensch­heit.« Er be­zieht dar­in auch die so­zi­al eher schwä­che­ren Schich­ten ein und er­klärt: »Un­se­re Pro­ble­me hän­gen eher mit au­ßer­ge­wöhn­li­chem Über­fluss zu­sam­men als mit ma­te­ri­el­ler Not oder gro­ber Un­ge­rech­tig­keit.« Dies füh­re zu ei­ner Form von Über-In­di­vi­dua­lis­mus, in dem das Ge­mein­schafts­ge­fühl un­ter­re­prä­sen­tiert wä­re und kom­pli­zier­te oder un­an­ge­neh­me Din­ge de­le­giert wür­den, wie sich dies in der Aus­la­ge­rung not­wen­di­ger so­zia­ler und ge­sell­schaft­li­cher Ak­tio­nen zei­ge, wie bei­spiels­wei­se Ar­mee oder Ret­tungs­dien­ste, oder auch, das er­wähnt er als Ame­ri­ka­ner nicht, der Pfle­ge von An­ge­hö­ri­gen. In die­se Rich­tung sieht auch die auf­kom­men­de AI, der er skep­tisch ge­gen­über steht, nicht zu­letzt, weil es Kon­troll­ver­lu­ste ge­ben könn­te.

Fu­ku­ya­ma plä­diert für ei­nen star­ken Staat. Des­sen Auf­ga­be sei es, Recht und Ge­setz im Rah­men der Ver­fas­sung um­zu­set­zen. Der deut­sche Le­ser stutzt: Meint er et­wa ei­nen Für­sor­ge­staat, wie er sich in Deutsch­land ent­wickelt hat? Das bleibt un­er­ör­tert. Ver­wal­tun­gen und In­sti­tu­tio­nen, so Fu­ku­ya­ma, sei­en nütz­lich, soll­ten er­hal­ten blei­ben; ve­he­ment sei­ne Geg­ner­schaft zu Elon Musks »D.O.G.E«-Aktivitäten. Fu­ku­ya­ma for­dert im Ge­gen­teil Ver­trau­en und ver­fasst (ein biss­chen ver­zwei­felt, wie mir scheint) ein Plä­doy­er, den »ge­wähl­ten« Bü­ro­kra­ten zu »lie­ben«. Man soll ihn in Ru­he ar­bei­ten las­sen, Feh­ler durch Um­sicht ana­ly­siert wer­den. Ste­ti­ge Re­for­men sei­en bes­ser als ra­di­ka­le Ver­än­de­run­gen. Wo Mi­lei die Ket­ten­sä­ge an­setzt, wür­de Fu­ku­ya­ma wohl eher die Laub­sä­ge be­vor­zu­gen. Wer et­was be­we­gen wol­le, sol­le den »Marsch durch die In­sti­tu­tio­nen« an­tre­ten, so wird An­to­nio Gram­sci zi­tiert. Das sei »lang­wei­lig und zeit­rau­bend, aber nur so las­sen sich Fort­schrit­te er­zie­len. Es gibt kei­ne Ab­kür­zun­gen.« Der letz­te Satz klingt be­schwö­rend.

Da­bei er­kennt Fu­ku­ya­ma durch­aus Aus­wüch­se von Bü­ro­kra­tie und über­zo­ge­ner Par­ti­zi­pa­ti­on. Mo­der­ne li­be­ra­len De­mo­kra­tien neig­ten ger­ne zu ei­nem »Ver­fah­rens­fe­ti­schis­mus«, der not­wen­di­ge Ver­än­de­run­gen (bspw. In­fra­struk­tur­maß­nah­men) be- oder gar ver­hin­de­re, da je­der Ein­wand nach ju­ri­sti­scher Be­gut­ach­tung ver­lan­ge. In die­sem Zu­sam­men­hang spricht er auch von »Ve­to­kra­tie« (er zeigt im üb­ri­gen, dass dies auch für Stam­mes­ge­sell­schaf­ten wie Pa­pua-Neu­gui­nea oder den Sa­lo­mo­nen gilt, frei­lich aus an­de­rer Per­spek­ti­ve). Bei­spiel ist ne­ben »Stutt­gart 21« vor al­lem die Um­welt­ge­setz­ge­bung von Ka­li­for­ni­en, die je­dem Bür­ger er­laubt, ge­gen Ge­set­ze oder Be­schlüs­se zu kla­gen, die in ir­gend­ei­ner Form der Um­welt scha­den könn­ten. Hier­von wird, wie es scheint, groß­zü­gig Ge­brauch ge­macht, et­wa beim Stra­ßen­bau oder an­de­ren Maß­nah­men, die ver­meint­lich dro­hen, die ei­ge­ne Le­bens­qua­li­tät ein­zu­schrän­ken.

Die bis­he­ri­gen gro­ßen Vi­sio­nen der Men­schen (et­wa die Re­li­gi­on, aber auch die Na­ti­on) sind ver­schwun­den, mar­gi­na­li­siert oder dis­kre­di­tiert. Ge­sucht wird von Fu­ku­ya­ma ei­ne »at­trak­ti­ve Vi­si­on für ei­ne Zu­kunft, für die es sich zu ster­ben lohnt.« Sur­ro­ga­te wie »Ver­fas­sungs­pa­trio­tis­mus« (er zi­tiert Ha­ber­mas) sei­en zu schwach. Fu­ku­ya­ma for­dert von li­be­ra­len Ge­sell­schaf­ten ei­ne »na­tio­na­le Iden­ti­tät«. Das Pro­blem ist, dass es ei­ne Iden­ti­tät sein müss­te, die nicht ag­gres­siv na­tio­na­li­stisch und/oder au­to­ri­tär kol­lek­ti­vi­stisch ist. Hier­für müss­te dann auch der Bür­ger ein­ge­bun­den wer­den. Ei­nen Wi­der­spruch zu sei­nem »Vetokratie«-Befund sieht er nicht.

Fu­ku­ya­mas Dik­tum von ei­nem star­ken Staat be­kommt ins­be­son­de­re vor dem Hin­ter­grund der di­ver­sen Mi­li­tär-In­ter­ven­tio­nen der USA in an­de­ren Län­dern ei­ne wich­ti­ge Be­deu­tung. So be­reut er heu­te, sei­ne Un­ter­schrift un­ter ein Pa­pier ge­setzt zu ha­ben, in dem der Sturz Sad­dam Hus­s­eins ge­for­dert wur­de. Die The­se, dass die Bush-Re­gie­rung ge­wusst ha­be, dass es im Irak in den 2000er Jah­ren kei­ne Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen ge­ge­ben ha­be, be­zeich­net er al­ler­dings als Ver­schwö­rungs­theo­rie. So sieht er we­ni­ger die mi­li­tä­ri­schen An­grif­fe auf Af­gha­ni­stan und den Irak und die Be­sei­ti­gung der je­wei­li­gen Re­gime als Feh­ler, son­dern be­klagt das Feh­len jeg­li­cher Plä­ne, um ei­nen neu­en, ro­bu­sten Staat zu im­ple­men­tie­ren. Hier ha­be es an kul­tu­rel­len Wis­sen ge­fehlt; man sei auf lo­ka­le, »op­por­tu­ni­sti­sche Schar­la­ta­ne« her­ein­ge­fal­len und ha­be nicht be­rück­sich­tigt, dass bei­spiels­wei­se is­la­mi­sti­sche Par­tei­en und de­ren Ge­dan­ken­gut weit ver­brei­tet wa­ren.

Den Pla­nern des Irak­krie­ges wird Nai­vi­tät kon­sta­tiert: »Sie er­war­te­ten, dass sich die In­sti­tu­tio­nen ei­nes mo­der­nen Staa­tes spon­tan ent­wickeln wür­den: funk­tio­nie­ren­de Märk­te, ein Ge­richts­sy­stem, Po­li­zei und Schutz für Pri­vat­ei­gen­tum.« Die Bush-Re­gie­rung dach­te an Deutsch­land 1945. Aber Fu­ku­ya­ma blickt in die Ge­schich­te, zeigt, dass die USA sich »be­reits mehr­fach oh­ne gro­ßen Er­folg am Auf­bau von Staat­lich­keit ver­sucht« hät­ten, »auf den Phil­ip­pi­nen um die Wen­de zum 20. Jahr­hun­dert, in Ni­ca­ra­gua in den 1930er-Jah­ren, in Viet­nam in den 1960er-Jah­ren und nicht zu­letzt auch im ame­ri­ka­ni­schen Sü­den in der Zeit nach dem Bür­ger­krieg.« Fast im­mer ha­be man am En­de die Län­der in ei­nem schlech­te­ren Zu­stand zu­rück­ge­las­sen, als vor den In­ter­ven­tio­nen. Die feh­len­den Ideen zur neu­en Staa­ten­bil­dung sei­en auch dar­in zu se­hen, dass es im­mer schon ei­ne »tief ver­wur­zel­te ame­ri­ka­ni­sche Ab­leh­nung staat­li­cher Kon­trol­le« ge­ge­ben ha­be und maß­geb­li­che po­li­ti­sche Kräf­te im Land den Staat eher re­du­zie­ren als aus­bau­en woll­ten (u. a. wird das Ge­sund­heits­sy­stem an­ge­führt). Die­se sich un­ter Trump ex­po­nen­ti­ell ver­stär­ken­de Ent­wick­lung nennt er »Krebs­ge­schwür«.

2004 brach Fu­ku­ya­ma, der sich bis da­hin als »Fal­ke« ge­se­hen hat­te, öf­fent­lich mit den Neo­kon­ser­va­ti­ven wie et­wa Paul Wol­fo­witz, mit und für den er in den 1980er-Jah­ren zu­sam­men­ge­ar­bei­tet hat­te. Der äu­ße­re An­lass war ein Ga­la­di­ner, un­ter an­de­rem mit Dick Che­ney, ei­ni­ge Mo­na­te nach Be­ginn der In­ter­ven­ti­on. Man fei­er­te in Fest­re­den ei­nen gro­ßen ame­ri­ka­ni­schen Sieg. Aber die Rea­li­tät, so wuss­te Fu­ku­ya­ma, sah an­ders aus: Der Irak ver­sank be­reits im Bür­ger­krieg und ame­ri­ka­ni­sche Sol­da­ten wur­den »durch am Stra­ßen­rand de­po­nier­te Bom­ben in die Luft ge­jagt.« Er hielt die­se Heu­che­lei nicht aus, schrieb ei­ne Kri­tik des Krie­ges in der New York Times und ver­fass­te sein Buch Schei­tert Ame­ri­ka?

Den Bruch nahm er als Be­frei­ung, er konn­te nun »auch bei meh­re­ren an­de­ren, da­von völ­lig un­ab­hän­gi­gen Pro­ble­men, die Po­si­ti­on … wech­seln«. Als Bei­spiel nennt er die De­re­gu­lie­rung des Fi­nanz­we­sens, die we­sent­lich zur Fi­nanz­kri­se 2008 bei­getra­gen ha­be (et­wa das Aus­set­zen des Glass-Stea­gall-Acts). Ge­sell­schafts­po­li­tisch ori­en­tier­te sich Fu­ku­ya­ma weg von der »he­gel­schen The­se von der wach­sen­den Ra­tio­na­li­tät des Gei­stes« hin zu ei­nem Den­ken im »so­zia­len Zir­kel«. In Eu­ro­pa wür­de man ihn als ge­mä­ßigt-pro­gres­si­ven So­zi­al­de­mo­kra­ten ein­ord­nen, der ger­ne »am En­de ei­ner Mails sein Pro­no­men« an­gibt, »um der Welt zu zei­gen, dass man Trans­gen­der-Per­so­nen re­spek­tiert.« Sei­ne Po­si­ti­ons­wech­sel nahm man ihm zu­nächst übel, aber nach ei­ni­ger Zeit glät­te­ten sich die mei­sten per­sön­li­chen Ver­hält­nis­sen wie­der.

Im Schei­tern der In­ter­ven­tio­nen in Af­gha­ni­stan und dem Irak sieht Fu­ku­ya­ma auch ei­nen Grund für das Auf­kom­men von Do­nald Trump, der sei­nen An­hän­gern ei­ne spe­zi­el­le Art von Iso­la­tio­nis­mus und neu­er, in­ne­rer Stär­ke ver­sprach. Auch wenn Fu­ku­ya­ma die Plan- und Pro­gramm­lo­sig­keit der De­mo­kra­ten be­klagt, über Sym­pa­thien ein­zel­ner von ih­nen für links­so­zia­li­sti­sche Pro­gram­ma­tik den Kopf schüt­telt und die pro-pa­lä­sti­nen­si­schen und an­ti­se­mi­ti­schen Zwi­schen­fäl­le an den Uni­ver­si­tä­ten mit Grau­en sieht, be­trach­tet er die MA­GA-Be­we­gung un­ter Do­nald Trump als die größ­te Ge­fahr der Ge­gen­wart in den USA. Le­sens­wert sind sei­ne Aus­füh­run­gen zu den Ent­wick­lun­gen der Ver­ei­nig­ten Staa­ten in den letz­ten Jahr­zehn­ten. Mit Trump, so der Be­fund, ist se­riö­se po­li­ti­sche Ar­beit nur noch schwer­lich mög­lich.

Wel­che Fol­gen hat das? »Die der­zei­ti­ge Welt­ord­nung«, so bi­lan­ziert Fu­ku­ya­ma, sei »ge­spal­ten durch ei­ne Kluft zwi­schen den Ge­de­mü­tig­ten und ih­ren ehe­ma­li­gen Un­ter­drückern. Es herrscht gro­ße Ver­bit­te­rung und Wut ge­gen­über den Eli­ten, die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren die Nor­men, Stan­dards und Er­war­tun­gen für das Ver­hal­ten fest­ge­legt ha­ben, und der Wunsch, ih­re Welt durch ei­ne an­de­re zu er­set­zen. Aber da wir uns tat­säch­lich am En­de der Ge­schich­te be­fin­den, gibt es kei­ne kla­re Vi­si­on für die Art von Welt, die den Sta­tus quo er­set­zen soll.« Mo­der­ne Staa­ten sei­en, so er­gän­zend, »in­hä­rent fra­gil«. Op­ti­mis­mus sieht an­ders aus.

Ein klei­ner Clou am En­de des Bu­ches: Es gibt ei­ne »kom­men­tier­te Bi­blio­gra­phie«, in der nicht nur ein­zel­ne, von Fu­ku­ya­ma als wich­tig er­ach­te­te Wer­ke noch ein­mal auf­ge­führt sind, son­dern auch kurz zu­sam­men­ge­fasst wer­den. Vie­le die­ser Tex­te und Bü­cher sind lei­der nur in eng­li­scher Spra­che ver­füg­bar. Das ist das Schick­sal de­rer, die sich für Geo­po­li­tik in­ter­es­sie­ren.

Man mag nicht je­dem Be­fund Fu­ku­ya­mas zu­stim­men und die In­kon­si­sten­zen lie­gen auf der Hand; da­her die Ver­wei­se von ihm auf wei­ter­ge­hen­de Ana­ly­sen. Aber Der letz­te Mensch ist ei­ne an­re­gen­de, viel­leicht so­gar not­wen­di­ge Lek­tü­re.

1 Kommentar zu „Fran­cis Fu­ku­ya­ma: Der letz­te Mensch“

  1. Der »letz­te Mensch« stammt aus Nietz­sches »Za­ra­thu­stra«, und ich den­ke, für Fu­ku­ya­ma ist das der Be­woh­ner der post­mo­der­nen, zum hi­sto­ri­schen Still­stand ge­kom­me­nen Welt. Ein Men­schen­ty­pus oh­ne gro­ße Per­spek­ti­ven, oh­ne Glau­ben, oh­ne Ei­fer. Wir al­le, im We­sten, sind in ge­wis­ser Wei­se der letz­te Mensch. Durch den ge­gen­wär­ti­gen Tech­no­lo­gie­glau­ben wer­den wir in die Rich­tung ei­nes Über­men­schen­tums, auch Post- oder Trans­hu­ma­nis­mus ge­nannt, ge­trie­ben, das Leu­ten wie Pe­ter Thiel vor­schwebt. Die­sen letz­ten Satz fü­ge ich hin­zu; ver­mut­lich ist er im Sinn der Aus­füh­run­gen von Fu­ku­ya­ma.

    An­mer­kung zu ei­nem De­tail: Dass die Mu­sik in den USA kei­ne tie­fen kul­tu­rel­len Wur­zeln ha­be, hal­te ich für ei­ne Mär. Die­ser Blick ist ver­engt auf das »Klas­si­sche«. Dass ei­ne klas­si­sche Mu­sik­tra­di­ti­on fehlt bzw. schwach ist, ist doch klar, wenn man be­denkt, wie kurz die US-ame­ri­ka­ni­sche, post­ko­lum­bia­ni­sche Kul­tur­ge­schich­te ist.

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