Lá­szló Kra­szn­ahor­kai: Zsöm­le ist weg

László Krasznahorkai: Zsömle ist weg
Lá­szló Kra­szn­ahor­kai: Zsöm­le ist weg

Im Ge­gen­satz zu Herscht 07769, ei­nem Text, der aus ei­nem Satz be­stand, gibt es in Zsöm­le ist weg, dem neu­en Ro­man des Li­te­ra­tur­no­bel­preis­trä­gers Lá­szló Kra­szn­ahor­kai, im­mer­hin elf Ka­pi­tel und da­mit elf Sät­ze. Sie wer­den nur ge­le­gent­lich von fett­ge­druck­ten, co­mic­ar­ti­gen Ver­sa­li­en un­ter­bro­chen, die den Er­zähl­fluss aus­ein­an­der­rei­ßen, oh­ne da­bei die Chro­no­lo­gie aus der Sicht der Haupt­fi­gur zu ver­las­sen. Das von Hei­ke Flem­ming ins Deut­sche über­setz­te Buch er­in­nert stark an Tho­mas Bern­hard, gar­niert mit ei­ner Pri­se aus Der Fürst spricht (Jan Pe­ter Bre­mer).

In ei­nem Dorf auf ei­nem Berg in Un­garn, durch­aus drei Stun­den mit »Bus, Zug, Me­tro« von der Haupt­stadt ent­fernt, lebt in den 2010er Jah­ren ein ge­wis­ser Józ­sef Ka­da, zu Be­ginn der Ge­schich­te 91 Jah­re alt. Al­le nen­nen ihn On­kel Józ­si, aber er stammt, und das ist die Sen­sa­ti­on, aus der Ár­pá­den-Li­nie des un­ga­ri­schen Kö­nigs­hau­ses, wel­ches eben nicht mit Bé­la IV. 1301 aus­ge­stor­ben war, son­dern 750 Jah­re ver­deckt wei­ter exi­stier­te. On­kel Józ­si ist dem­nach ein Nach­fah­re von Dschin­gis Khan und die Herr­schaft der Habs­bur­ger wird nach­träg­lich zur Be­sat­zung er­klärt.

Bis­her hat Józ­si von sei­ner Ab­stam­mung we­nig Auf­he­bens ge­macht, aber er er­hält Be­such, im­mer häu­fi­ger und im­mer mehr und die­se Leu­te wol­len ihn wie­der auf den Thron brin­gen, Un­garn zur Mon­ar­chie ma­chen. So stellt man sich die Fin­dungs­kom­mis­si­on für den neu­en Da­lai La­ma vor. Mit »dem jun­gen Bag­idy« gibt es ei­nen Hi­sto­ri­ker, der zu­nächst skep­tisch ist, dann aber Quel­len ge­fun­den hat, die On­kel Józ­sis The­se stüt­zen. Der ist ei­gent­lich ein biss­chen le­bens­mü­de zu Be­ginn, wie sein Hund, Zsöm­le, der nur noch den Kopf he­ben kann. Die Be­su­cher kom­men nur in die Kü­che. Den Herd facht er nicht mehr an; es loh­ne sich nicht mehr. Den Kaf­fee kocht er auf zwei Herd­plat­ten.

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Lá­szló Kra­szn­ahor­kai: Herscht 07769

László Krasznahorkai: Herscht 07769
Lá­szló Kra­szn­ahor­kai: Herscht 07769

Rasch kom­men sie, die Ana­lo­gien. Da ist der fu­rio­se Ro­man »Zo­ne« von Mat­thi­as Énard, der 2010 ins Deut­sche über­setzt wur­de. Der Text ent­steht im Kopf ei­nes ehe­ma­li­gen Söld­ners wäh­rend ei­ner Zug­fahrt von Mai­land nach Rom; ein ein­zi­ger in­ne­rer Mo­no­log ei­ner zwie­lich­ti­gen Fi­gur (viel­leicht ein Kriegs­ver­bre­cher?) mit wil­den As­so­zia­tio­nen, hi­sto­rio­gra­phi­schen Ein­schü­ben, Ge­dan­ken­ket­ten, (Liebes-)Beichten, Göt­ter­be­schwö­run­gen, Schimpf‑, Hass‑, Ekel- und Schmäh­ti­ra­den, ei­ne Blei­wü­ste auf 600 Sei­ten aus nur we­ni­gen Sät­zen, viel­leicht drei oder vier, ei­ner Re­vue der Bar­ba­ren, die am und um das Mit­tel­meer in den letz­ten tau­send Jah­ren ge­haust, ge­herrscht, ge­vö­gelt und vor al­lem ge­mor­det ha­ben, ei­ne un­end­li­che Ge­schichts­stun­de, die man so schnell nicht ver­ges­sen wird und die man nicht auf­hö­ren kann zu le­sen.

Dar­an denkt man so­fort wenn man »Herscht 07769« zu le­sen be­ginnt, die­sen Mo­nu­men­tal­ro­man des 1954 ge­bo­re­nen Lá­szló Kra­szn­ahor­kai. Lei­der wur­de man in­zwi­schen vor­ge­warnt, dass die­se rund 400 Sei­ten tat­säch­lich nur aus ei­nem Satz be­stehen. Ein Apo­ka­lyp­ti­ker sei der Au­tor, so le­se ich, der noch nie et­was von ihm ge­le­sen hat­te, so als sei dies in die­sen hy­ste­ri­schen Zei­ten, die in­zwi­schen in na­he­zu je­der Nach­rich­ten­sen­dung klei­ne­re und gro­ße Apo­ka­lyp­sen in Aus­sicht stellt, noch et­was Be­son­de­res. Aber dies hier sei ein deut­scher Ro­man sagt ei­ner der­je­ni­gen, des­sen li­te­ra­ri­sche Ur­tei­le ich schät­ze, und es geht tat­säch­lich um Deutsch­land, ge­nau­er um Thü­rin­gen, den Ort Ka­na mit der Post­leit­zahl 07769, den es na­tür­lich nicht gibt, es ist ein fik­ti­ver, ein ver­wun­sche­ner Ort im Osten, den ir­gend­wie al­le ken­nen, ob­wohl kaum je­mand dort war, ein Syn­onym für Ost­deutsch­land, wie man es sich vor­stellt, denn »Ka­na mach­te nachts nicht den Ein­druck ei­nes Or­tes, an dem die Men­schen schön ru­hig schlie­fen, son­dern den ei­nes, aus dem man schon weg­ge­zo­gen war«. Spä­ter wird man mer­ken, dass der Na­me nicht nur ein Wort­spiel zum re­al exi­stie­ren­den Ort Kahla ist (Post­leit­zahl 07766), son­dern na­tür­lich auch an das Land Ka­na­an er­in­nert, in dem wahl­wei­se Milch und Ho­nig flie­ßen oder (und) Je­sus Was­ser in Wein ver­wan­del­te. Die­se As­so­zia­ti­on wird ein biss­chen ein­ge­hegt, denn die gan­ze To­po­gra­phie Thü­rin­gens in die­sem Buch kommt mit »Klar­na­men« vor, al­so ist das Drum­her­um erst ein­mal au­then­tisch (wie es die Kri­tik liebt).

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