Ro­ber­to Bo­laño: 2666

Roberto Bolaño: 2666

Ro­ber­to Bo­laño: 2666


Das Buch be­ginnt so harm­los. Drei Li­te­ra­tur­pro­fes­so­ren (Jean-Clau­de Pel­le­tier aus Frank­reich, Ma­nu­el Es­pi­no­za aus Spa­ni­en und Pie­ro Mo­ri­ni aus Ita­li­en) und die eng­li­sche Li­te­ra­turdo­zen­tin Liz Nor­ton (spä­ter hei­ßen sie nur noch die Kri­ti­ker) ent­wickeln über die Jah­re ei­ne Af­fi­ni­tät zum Werk des deut­schen Schrift­stel­lers Ben­no von Ar­chim­bol­di. An­fangs ein Ge­heim­tip, for­cie­ren nicht zu­letzt die vier die Re­zep­ti­on Ar­chim­bol­dis in der Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft; un­ter an­de­rem auch durch Über­set­zun­gen. Auf Kon­gres­sen, Col­lo­qui­en und an­de­re Zu­sam­men­tref­fen (die es of­fen­sicht­lich reich­lich gibt) ler­nen sie sich per­sön­lich ken­nen und ver­tie­fen nicht nur ih­re fach­li­chen Kennt­nis­se. Durch Liz Nor­ton kommt es zu al­ler­lei Lie­bes­ver­wick­lun­gen; die Da­me hat zu­nächst Pel­le­tier als Ge­lieb­ten, et­was spä­ter dann Es­pi­no­za, län­ge­re Zeit bei­de par­al­lel und min­de­stens ein­mal auch gleich­zei­tig. Die kör­per­li­chen Ge­b­re­sten Mo­ri­nis (er ist im All­tag auf ei­nen Roll­stuhl an­ge­wie­sen) schei­nen da Bar­rie­ren zu bil­den, wo­bei es am En­de die­ses er­sten Teils dann doch noch ei­ne Über­ra­schung gibt.

Ne­ben die­sen In­ter­ak­tio­nen un­ter den vier Kri­ti­kern (Te­le­fon-, Mail-, Gesprächs­austausch), dem ge­le­gent­li­chen Be­äu­gen, den Idio­syn­kra­si­en, den Ver­let­zun­gen, den Merk­wür­dig­kei­ten, den Se­xu­al­stel­lun­gen und –fre­quen­zen – al­les in ei­ner Mi­schung zwi­schen Pro­to­koll und Re­por­ta­ge auf­be­rei­tet – geht es na­tür­lich auch um Li­te­ra­tur. Das Ge­schrie­be­ne bleibt die ein­zi­ge Re­fe­renz für die Adep­ten, denn Ar­chim­bol­di ist so phan­tom­haft wie im rea­len Le­ben sonst nur Tho­mas Pyn­chon. Sei­ne Ma­nu­skrip­te kom­men aus Ita­li­en oder Grie­chen­land und ein­zig die grei­se Ver­le­ge­rin An­na Bu­bis kennt ihn per­sön­lich (man er­fährt da­zu im Lau­fe des Bu­ches mehr). Au­ßer Bu­bis gibt es selbst im Ver­lag (der teil­wei­se dem Fi­scher-Ver­lag nach­emp­fun­den ist), den die Kri­ti­ker auch be­su­chen, kei­ne Spur und au­ßer der Che­fin auch nie­man­den, der nach­weis­lich mit Ar­chim­bol­di je­mals kom­mu­ni­ziert hat. Man weiß nur, dass er ha­ger und sehr groß ist und blon­de Haa­re ge­habt ha­ben soll. Nicht ein Bild exi­stiert; an der Stel­le auf der Wand der Ver­le­ge­rin, an die sie sich er­in­nern, ei­nen gro­ßen, ha­ge­ren Mann mit ihr ge­se­hen zu ha­ben, war am näch­sten Tag ei­ne wei­ße Stel­le.

Ab und an fin­det sich dann doch ein Zeu­ge, bei­spiels­wei­se der­je­ni­ge, der den Schrift­stel­ler 1959 bei ei­ner Le­sung im Frie­si­schen ken­nen­ge­lernt (eher: ge­se­hen) ha­ben will. Und sie hän­gen an den Lip­pen die­ses Man­nes, des­sen Be­richt förm­lich auf­ge­saugt wird (Bo­laño braucht da­zu nur ei­nen Satz – der al­ler­dings sechs Sei­ten um­fasst und von Fries­land bis nach Bue­nos Ai­res führt). Als Ar­chim­bol­di En­de der 90er Jah­re mehr­mals als No­bel­preis­kan­di­dat ge­han­delt wird, steigt der Un­ter­neh­mungs­geist der Kri­ti­ker den grei­sen Dich­ter (der 1920 in »Preu­ßen« ge­bo­ren wur­de und Hans Rei­ter heißt – viel mehr bio­gra­fi­sche In­for­ma­tio­nen be­sit­zen sie nicht) zu tref­fen, ihn zu in­ter­view­en und ei­ner brei­te­ren Öf­fent­lich­keit be­kannt zu ma­chen (ob­wohl die Zei­ten der gro­ßen Er­folg­lo­sig­keit des Dich­ters of­fen­sicht­lich vor­bei sind, denn ein­mal, als die Be­schäf­ti­gung der Vier mit ih­rem Hel­den kurz nach­ließ, wird be­merkt, dass des­sen An­se­hen hin­ter ih­rem Rücken wuchs).

Von der Bur­les­ke zu »Twin Peaks«

Da­bei wer­den nicht nur die (lä­cher­lich er­schei­nen­den) Hah­nen­kämp­fe in­ner­halb der Ger­ma­ni­sten­zunft süf­fi­sant aus­ge­brei­tet (die Ar­chim­bol­di-An­hän­ger tei­len sich in zwei La­ger, die sich an­fangs un­ver­söhn­lich ge­gen­über­ste­hen) son­dern auch die Am­bi­tio­nen der Vier, in­ner­halb der Kri­ti­ker­ka­ste mit ei­ner Sen­sa­ti­on re­üs­sie­ren zu wol­len. Und als es ein va­ges Ge­rücht gibt, Ar­chim­bol­di be­fin­de sich in ei­ner ame­ri­ka­nisch-me­xi­ka­ni­schen Grenz­stadt ma­chen sich drei der vier (der Ita­lie­ner bleibt zu Hau­se) nach San­ta Te­re­sa auf, die­sem (fik­ti­ven) Ort, der – wie man hört – durch ei­ne enor­me Se­rie von Frau­en­mor­den seit Jah­ren auch über­re­gio­nal Schlag­zei­len macht. Dort tref­fen sie Pro­fes­sor Amal­fi­ta­no, der dort mit ih­nen nach Hans Rei­ter re­cher­chiert (man sucht al­le Ho­tels nach ei­nem Deut­schen ab).

Mit der An­kunft der Eu­ro­pä­er in Me­xi­ko kippt die At­mo­sphä­re des Ro­mans, der bis da­hin ei­ne eher hei­ter-iro­ni­sche Bur­les­ke auf den eu­ro­päi­schen Li­te­ra­tur­be­trieb war. Auf den letz­ten rund 80 Sei­ten des er­sten »Bu­ches« (von ins­ge­samt 200 Sei­ten) reift ein un­ter­schwel­lig wa­bern­des Be­dro­hungs­sze­na­rio her­an, wel­ches im wei­te­ren Ver­lauf stän­dig ge­stei­gert wird, ein Ge­fühl der Un­wirk­lich­keit auch beim Le­ser aus­löst und im vier­ten Teil in ei­nen gro­ßen apo­ka­lyp­ti­schen Strom ku­mu­liert.

Die Er­mitt­lun­gen in San­ta Te­re­sa blei­ben er­folg­los; Rei­ter bleibt un­auf­find­bar, wo­bei im­mer Zwei­fel blei­ben, ob er je­mals an­ge­kom­men sein soll (ei­ne Um­weg-Par­al­le­le zur Un­wis­sen­heit des Le­sers des Bu­ches, der nie in den Ge­nuß auch nur ei­nes Ar­chim­bol­di-Sat­zes kommt). Ei­ne trü­be Stim­mung macht sich un­ter den Kri­ti­kern breit; Nor­ton fliegt zu­rück (und lan­det in Ita­li­en bei Mo­ri­ni). Es­pi­no­za bän­delt un­ter­des­sen mit ei­ner sehr jun­gen Tep­pich­ver­käu­fe­rin an wäh­rend Pel­le­tier in der Ho­tel­lob­by die Ro­ma­ne von Ar­chim­bol­di zum wie­der­hol­ten Mal liest. Amal­fi­ta­no ist gro­ßen Stim­mungs­schwan­kun­gen un­ter­wor­fen, manch­mal selt­sam fah­rig, dann wie­der der per­fek­te Gast­ge­ber, was zu den wil­de­sten Spe­ku­la­tio­nen An­laß gibt.

Über Amal­fi­ta­no han­delt dann der zwei­te Teil (mit knapp 80 Sei­ten das kür­ze­ste Ka­pi­tel). Er kommt ei­gent­lich aus Spa­ni­en und ihn hat es durch letzt­lich un­ge­nann­te Um­stän­de nach Me­xi­ko ver­schla­gen. Sei­ne Frau geht ei­nes Ta­ges aus dem Haus und lässt ihn mit der klei­nen Toch­ter al­lei­ne. Jah­re spä­ter kehrt sie kurz wie­der zu­rück, hat in Frank­reich ein wei­te­res Kind be­kom­men. Sie hat AIDS und ver­lässt Amal­fi­ta­no nach kur­zer Zeit wie­der. Pri­vat ge­schei­tert und mit dem Ge­fühl des ver­kann­ten In­tel­lek­tu­el­len wird er im­mer schrul­li­ger. Sei­ne Vor­trä­ge an der Uni­ver­si­tät wer­den fast un­ver­ständ­lich. Ei­nes Ta­ges hört er ei­ne Stim­me, die er mal für den Groß­va­ter, dann wie­der für den Va­ter hält; er wird wahn­sin­nig, glaubt aber, den Wahn­sinn be­herr­schen zu kön­nen, wenn er ihn als sol­chen an­nimmt. Der­weil taucht sei­ne Toch­ter Ro­sa in der Ju­gend­sze­ne von San­ta Te­re­sa im­mer wei­ter ein.

Der drit­te Teil han­delt von dem schwar­zen ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur­re­por­ter Quin­cy Wil­liams (der merk­wür­di­ger­wei­se Os­kar Fa­te ge­nannt wird). Fa­tes Mut­ter ist ge­stor­ben und durch die Er­mor­dung des Kol­le­gen, der sich mit dem Bo­xen be­schäf­tigt, wird er von sei­ner Re­dak­ti­on ge­be­ten ei­ne Sport­re­por­ta­ge über ei­nen Box­kampf zu ma­chen, der in San­ta Te­re­sa statt­fin­det (ein Kampf zwi­schen ei­nem ame­ri­ka­ni­schen und ei­nem me­xi­ka­ni­schen Bo­xer – ei­ne ver­krampf­te Al­le­go­rie auf das am­bi­va­len­te Ver­hält­nis zwi­schen den USA und Me­xi­ko). Durch Ge­sprä­che mit Ein­hei­mi­schen und lo­ka­le Be­rich­te wird Fa­te auf die Mord­se­rie auf­merk­sam. Der Box­kampf bringt den er­war­te­ten Sie­ger (Fa­te trifft am Ring Ro­sa Amal­fi­ta­no, die ihn fas­zi­niert). Er bit­tet sei­ne Re­dak­ti­on, über die Mord­se­rie be­rich­ten zu dür­fen, was je­doch ab­ge­lehnt wird, da kein In­ter­es­se dar­an be­stün­de. Ge­gen En­de ver­bün­det er sich halb­her­zig mit ei­ner Jour­na­li­stin und be­sucht mit ihr den Haupt­ver­däch­ti­gen der Mor­de im Ge­fäng­nis. Es ist Klaus Haas, ein gro­ßer, blon­der Mann, ein Deut­scher, der die ame­ri­ka­ni­sche Staats­bür­ger­schaft be­sitzt, seit Jah­ren auf die Wie­der­auf­nah­me sei­nes Ver­fah­rens war­tet (seit sei­ner In­haf­tie­rung ging die Mord­se­rie un­ver­min­dert wei­ter) und Pres­se­kon­fe­ren­zen aus dem Ge­fäng­nis her­aus mit dem Han­dy or­ga­ni­siert und in der Ge­fäng­nis­hier­ar­chie sehr schnell zur Füh­rungs­fi­gur auf­steigt.

Ein­hun­dert­vier Er­mor­de­te auf drei­hun­dert­zwei­und­vier­zig Sei­ten

Der vier­te Teil be­ginnt im Jahr 1993 (en­det En­de 1997) und li­stet li­ta­nei­ar­tig die teil­wei­se fürch­ter­lich ent­stell­ten Lei­chen­fun­de auf. Es sind ein­hun­dert­vier to­te Frau­en (vom zehn­jäh­ri­gen Kind bis zur rei­fen Ehe­frau) auf drei­hun­dert­zwei­und­vier­zig Sei­ten. Trotz di­ver­ser Ex­kur­se, bei­spiels­wei­se über ei­nen ver­mut­lich sa­kro­pho­bi­schen Kir­chen­schän­der, der un­ter­schied­li­chen Cha­rak­te­re der Ge­richts­me­di­zi­ner von San­ta Te­re­sa, den Frau­en­wit­zen der Po­li­zei, ei­nem Snuff-Vi­deo-Ring (der dann doch nicht zu exi­stie­ren scheint) und dem Be­such ei­nes ame­ri­ka­ni­schen Pro­fi­lers, der die ört­li­che Po­li­zei un­ter­stüt­zen soll – un­wei­ger­lich be­ginnt der durch Lek­tü­re und ent­spre­chen­de Fil­me kon­di­tio­nier­te Le­ser kri­mi­na­li­sti­sche Über­le­gun­gen, sucht nach ei­nem Sche­ma, nach Ge­mein­sam­kei­ten, kurz: er be­tä­tigt sich als Ama­teur­kom­mis­sar, folgt den Spu­ren, ent­wickelt Theo­ri­en, ver­sucht, »Tä­ter­pro­fi­le« zu phan­ta­sie­ren. Dies al­les bleibt je­doch frucht­los; das Buch ver­wei­gert sich je­der Auf­klä­rung. Zu un­ter­schied­lich die Art und Wei­sen der Er­mor­dun­gen (auch hier wer­den stets al­le Ein­zel­hei­ten aus­ge­brei­tet – vom Ver­we­sungs­zu­stand bis zum In­ter­es­se der me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät von San­ta Te­re­sa an dem Leich­nam). Und zu ver­schie­den die Op­ferpro­fi­le, ob­wohl es meist Ar­bei­te­rin­nen aus den im Um­land be­find­li­chen Bil­lig­lohn­fa­bri­ken sind.

Die Po­li­zei ist über­for­dert, aber auch des­in­ter­es­siert. Die Fäl­le wer­den häu­fig sehr schnell ad ac­ta ge­legt; Spu­ren­si­che­rung am Tat­ort ist meist ein Fremd­wort und gibt es Spu­ren, die wei­ter ver­folgt wer­den müs­sen, dann ver­sagt merk­wür­di­ger­wei­se oft Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­ge oder es gibt wi­der Er­war­ten kein Re­sul­tat. Als ei­ni­ge Op­fer vor­her in ei­nem be­stimm­ten Fahr­zeug­typ (»Pe­re­gri­no«) ein­stei­gend ge­se­hen wur­den, wer­den die Er­mitt­lun­gen in dem Mo­ment ein­ge­stellt, als die Po­li­zi­sten sich bei ei­ni­gen dicken Fi­schen un­be­liebt ge­macht hat­ten, de­ren Söh­ne, die Jeu­nesse do­rée von San­ta Te­re­sa, na­he­zu die ge­sam­te Pe­re­gri­no-Flot­te der Stadt be­sa­ßen.

So sind die Kom­mis­sa­re des­il­lu­sio­niert oder kor­rupt oder bei­des (früh wird der po­ten­ti­el­le »Nach­wuchs« auf das be­stehen­de Sy­stem ver­gat­tert). Der Po­li­zei­chef wird mit dem ame­ri­ka­ni­schen Kon­sul, dem Bür­ger­mei­ster und mit Per­so­nen, die als Dro­gen­bos­se ver­däch­tigt wer­den, bei Fe­sten oder Zu­sam­men­künf­ten ge­se­hen. Of­fi­zi­ell gilt die Mord­se­rie mit der Ver­haf­tung von Klaus Haas als ab­ge­schlos­sen, ob­wohl sie wei­ter­geht. Spä­ter nimmt man noch ei­ne an­de­re Grup­pe fest – mit ähn­li­chem Re­sul­tat. Haas be­schul­digt aus dem Ge­fäng­nis her­aus in ei­ner Pres­se­kon­fe­renz ei­ne in der Stadt hoch an­ge­se­he­ne Fa­mi­lie der Mor­de, aber nie­mand glaubt ihm.

Von der Un­mög­lich­keit, zu wei­nen

Nur ei­ner ragt da her­aus: Der Mitt­drei­ssi­ger Juan de Di­os Mar­tí­nez. Er si­chert noch ge­wis­sen­haft Spu­ren. Wo an­de­re fünf Stun­den brau­chen um an den Tat­ort zu kom­men, ist er in ei­ner Stun­de da. Er sucht und be­fragt Zeu­gen und er klärt Fäl­le auf (al­ler­dings nur die­je­ni­gen, die nichts mit dem/den Se­ri­en­mör­dern zu tun ha­ben; auf die an­de­ren wird er ir­gend­wann gar nicht mehr an­ge­setzt). Mar­tí­nez ist die Ker­ze in die­sem Pan­op­ti­kum der Dü­ster­nis. Er hat ein Ver­hält­nis mit ei­ner rund fünf­zehn Jah­re äl­te­ren Ärz­tin und Lei­te­rin ei­ner Ir­ren­an­stalt, die er bei den Er­mitt­lun­gen zum Kir­chen­schän­der ken­nen- und lie­ben­lernt. Die wohl­ha­ben­de und ge­bil­de­te Frau, die sich Mar­tí­nez al­le vier­zehn Ta­ge in ih­rer Woh­nung in ei­nem fe­sten Ri­tu­al hin­gibt, will ei­ner­seits die­sen Ort ver­las­sen und sich in Eu­ro­pa neu eta­blie­ren – ist aber an­de­rer­seits da­zu nicht in der La­ge.

Es sind die­se Sze­nen der Kon­tem­pla­ti­on (hier blei­ben uns auch schlüpf­ri­ge De­tails aus der Zu­sam­men­kunft der bei­den er­spart), die dann aus dem Nach­rich­ten­ton und im Stru­del der im­mer dich­ter wer­den­den End­zeit­stim­mung her­aus­ra­gen und die­sen Teil des Ro­mans zum le­sens­wer­te­sten ma­chen. So sitzt Mar­tí­nez ein­mal im Au­to, lehn­te den Kopf an den Len­ker und ver­such­te zu wei­nen, was ihm nicht ge­lang. Ein an­der­mal geht ihm ein Fall so na­he, dass er den Kopf in die Hän­de ver­grub und sei­nen Lip­pen ent­schlüpf­te ein schwa­ches, deut­li­ches Jau­len, als wür­de er wei­nen oder mit den Trä­nen kämp­fen, aber wenn er schließ­lich die Hän­de wie­der sin­ken ließ, kam nur sei­ne al­te, von der Matt­schei­be er­leuch­te­te Vi­sa­ge zum Vor­schein, sei­ne al­te, un­frucht­ba­re, trocke­ne Haut, und nicht die Spur ei­ner Trä­ne. Er, der die Mensch­heit in die­sem Mo­ment noch ret­ten könn­te, ver­mag nicht mehr zu wei­nen.

Das letz­te »Buch« er­zählt, nein: be­rich­tet das Le­ben von Hans Rei­ter (ali­as Ben­no von Ar­chim­bol­di (die Nä­he zum ita­lie­ni­schen Re­nais­sance-Ma­ler ist, so wird be­rich­tet, durch­aus ge­wollt). Ob­wohl 1920 ge­bo­ren, er­scheint Rei­ters Kind­heit eher im 19. Jahr­hun­dert an­ge­sie­delt zu sein. Die Kriegs­er­zäh­lun­gen – per­so­nal und oh­ne je­de Em­pa­thie er­zählt – zei­gen ei­nen som­nam­bul-to­des­mu­tig tau­meln­den Sol­da­ten Rei­ter (bei al­len gro­ßen Un­ter­schie­den ist hier ei­ne Par­al­le­le zu Ernst Jün­ger), der sich häu­fig furcht­los den geg­ne­ri­schem Feu­er ent­ge­gen­stellt. Da­nach flacht die­ses Ka­pi­tel zu­se­hens ab. Die Ir­run­gen, Wir­run­gen und spä­ter dann auch Vö­ge­lei­en sind von auf­rei­zen­der Lan­ge­wei­le. Reiter/Archimboldi ent­wickelt so­lip­si­sti­sche Zü­ge. Man er­fährt noch, dass Klaus Haas, der Ge­fan­ge­ne in San­ta Te­re­sa, der Sohn von Rei­ters Schwe­ster ist. Als die­se nicht mehr wei­ter­weiß, bit­tet sie ih­ren zehn Jah­re äl­te­ren Bru­der, zu in­ter­ve­nie­ren. Und mit dem letz­ten Satz es Bu­ches fliegt Rei­ter dann nach Me­xi­ko.

Und doch gibt es hier mäch­ti­ge Sze­nen wie bei­spiels­wei­se der Kon­trast zum ver­geb­li­chen Trau­ern­den Mar­tí­nez, der sich in Rei­ters Kind­heit zeigt, als der sechs­jäh­ri­ge plötz­lich un­ter Was­ser vor Glück weint. Oder der 25jährige, dem Krieg ge­ra­de ent­ron­nen, der in ei­nem Klei­der­la­den bei der Ver­ge­gen­wär­ti­gung des schein­bar bal­di­gen To­des sei­ner Ge­lieb­ten un­mit­tel­bar das stum­me Wei­nen be­ginnt und dann das Flie­ssen der Trä­nen ein­setzt.

So muss wohl ir­gend­wann zwi­schen 1950 und 1993 die Hoff­nung für die Mensch­heit ver­lo­ren ge­gan­gen sein. San­ta Te­re­sa ist der Aus­gangs­punkt die­ser um­fas­sen­den Trost­lo­sig­keit, die, prä­zi­ser ge­sagt, ei­ne Ent-Trö­stung ist. Die letz­ten Ta­ge der Mensch­heit im ver­meint­li­chen Frie­den. San­ta Te­re­sa als Haupt­stadt der Ver­geb­lich­keit. Ob­wohl die ein­zel­nen Ka­pi­tel ei­ni­ger­ma­ßen fe­ste Zeit­rah­men ha­ben (1994–1998/99; ab 1998; ab 2002; 1993–1997; 1920–2001) sind sie Pro­jek­tio­nen an ei­ne Zu­kunft, die sich im Blick auf San­ta Te­re­sas Ver­gan­gen­heit und Ge­gen­wart formt und den Glo­bus über­zie­hen wird.

Wie bei­läu­fig dann ei­ne Art von Lö­sung, in der Rei­ter mit­ten im Russ­land­krieg ei­nen Glücks­mo­ment er­lebt, der ihn so frei wie noch nie in sei­nem Le­ben macht: Die Mög­lich­keit…, dass al­les nur ein Trug­bild sein könn­te, be­schäf­tig­te ihn. Das Trug­bild war ei­ne Be­sat­zungs­macht der Wirk­lich­keit, dach­te er, die noch die äu­ßer­sten und ent­le­gen­sten Be­rei­che der Wirk­lich­keit kon­trol­lier­te. Es leb­te in den See­len der Leu­te und in ih­ren Ge­bär­den, in ih­rem Wil­len und im Schmerz, in der Art, wie ei­ner sei­ne Er­in­ne­run­gen ord­ne­te, und in der Art, wie er Prio­ri­tä­ten setz­te. Das Trug­bild blüh­te in den Sa­lons der In­du­stri­el­len und in der Un­ter­welt. Und na­tür­lich ist der Na­tio­nal­so­zia­lis­mus das zu ab­so­lu­ter Herr­schaft ge­lang­te Trug­bild. Aber auch Lie­be sei im All­ge­mei­nen auch nur ein Trugbild…die Lie­be, die Part­ner­lie­be mit Früh­stück und Abend­essen mit Ei­fer­sucht und Geld und Trau­rig­keit, ist Thea­ter, al­so Trug­bild.

Spinnt man die­sen Ge­dan­ken wei­ter, so scheint dann auch das Trug­bild des Hu­ma­nis­mus an ei­nem Ort wie San­ta Te­re­sa wie bei ei­ner ar­chäo­lo­gi­schen Aus­gra­bung als Re­likt der Ver­gan­gen­heit frei­ge­legt zu wer­den (oft er­in­nern die Lei­chen­fun­de an ar­chäo­lo­gi­sche Ob­jek­te; auch was die Ber­gung an­geht).

Hoch­am­bi­tio­nier­te Ver­rät­se­lun­gen

»Ma­ni­scher Rea­lis­mus« wird Bo­laño mit die­sem Buch nach­ge­sagt. Ei­ne eben­so zu­tref­fen­de wie un­voll­stän­di­ge Cha­rak­te­ri­sie­rung. Das Ma­ni­sche zeigt sich vor al­lem in den schier un­er­schöpf­li­chen Schil­de­run­gen der ge­schun­de­nen, miss­brauch­ten, ver­stüm­mel­ten Lei­chen. Und Bo­laño er­wähnt Kaf­ka viel zu häu­fig, um nicht ei­ne Art Fort­schrei­bung der Kaf­ka-Halb- und Zwi­schen­wel­ten an­ge­strebt zu ha­ben; er ko­piert sei­nen Ton manch­mal bis fast zur Pa­ra­phra­se. Hin­zu kom­men die phi­lo­so­phi­schen Fin­ger­übun­gen, die nur manch­mal über­zeu­gen und un­zäh­li­ge Al­le­go­ri­en, An­spie­lun­gen und Ne­bel­ker­zen, die mit schein­bar die­bi­schem Ver­gnü­gen ein­ge­baut wur­den. Im Ka­pi­tel über Ar­chim­bol­di scheut er so­gar nicht da­vor zu­rück, ei­nen von den ei­ge­nen Sol­da­ten er­mor­de­ten ru­mä­ni­schen Ge­ne­ral als Ge­kreu­zig­ten (mit gro­ssem Ge­mächt, des­sen Ak­ti­on Rei­ter Jah­re zu­vor be­ob­ach­te­te, als die­ser ei­ne Frau da­mit pe­ne­trier­te, die spä­ter An­ne Bu­bis wur­de) zu in­sze­nie­ren.

Oder man taucht in zahl­lo­se Bin­nen­er­zäh­lun­gen ein und in den Bin­nen­er­zäh­lun­gen er­schei­nen wei­te­re Bin­nen­er­zäh­lun­gen, die je­doch in den mei­sten Fäl­len ins Nichts füh­ren und nie mehr auf­ge­grif­fen wer­den. Das sind dann ir­gend­wann zu vie­le frucht­lo­se Ver­ir­run­gen. Die­ses so be­müht wir­ken­de Scha­ra­den­tum (von Fer­ne an Da­vid Lynchs Fern­seh­se­rie »Twin Peaks« er­in­nernd oder auch – in sei­ner Epi­so­den­haf­tig­keit und Staf­fel­über­ga­be der Hand­lung an den »näch­sten« Prot­ago­ni­sten – an Jac­ques Ri­vet­tes ci­ne­asti­sches Opus Ma­gnum »Out 1 – No­li me tan­ge­re«) bleibt meist fla­che Imi­ta­ti­on ei­nes pseu­do-ge­heim­nis­vol­len Exi­sten­tia­lis­mus­sur­ro­gats oder ein­fach nur Spiel­wie­se für phi­lo­lo­gi­sche Sinn­su­cher, die hin­ter je­dem Ge­büsch ei­ne Le­gi­on bö­ser Gei­ster ver­mu­ten.

Al­les wird die­ser Ver­rät­se­lung un­ter­ge­ord­net. Es be­ginnt schon mit dem merk­wür­di­gen Ti­tel des Bu­ches. So wird be­rich­tet, Bo­laño ha­be sel­ber, kurz vor sei­nem Tod, 2666 als ei­ne Art End­zeit­jahr ge­nannt. Zah­len­my­sti­ker ent­decken hier­in ein 2 Mal 666 – die Zahl der Apo­ka­lyp­se aus der Of­fen­ba­rung Jo­han­nes. Wie­der an­de­re zie­hen Ver­wei­se aus an­de­ren Bo­laño-Ro­ma­nen her­an und er­klä­ren den Ti­tel da­mit. Oder wur­de beim Schrei­ben zu schnell ge­tippt – statt »»666«« blieb »2666«. Man könn­te auch auf die Idee kom­men, Bo­laño pa­ra­phra­sie­re Ku­bricks »2001« und trans­for­miert die Odys­see im Welt­raum auf die Er­de.

Aber wäh­rend Kaf­kas Welt ein Über­all-Ort in ei­ner Über­all-Welt sein kann, bleibt San­ta Te­re­sa im Buch San­ta Te­re­sa im Jahr 1993 bis 2002 (auf die tat­säch­li­chen Par­al­le­len zum me­xi­ka­ni­schen Grenz­ort Ci­u­dad Juá­rez und der dor­ti­gen Frau­en­mord­se­rie wird im kur­zen Nach­wort von Ignacio Eche­var­ría ver­wie­sen). Der gro­ße Feh­ler die­ses über­di­men­sio­nier­ten Ro­mans ist, dass dem Le­ser die Mög­lich­keit der Di­stan­zie­rung zu ein­fach ge­macht wird. In post­mo­der­ner Ge­müt­lich­keit kann man sich je­der­zeit pro­blem­los aus dem Ro­man flüch­ten und die Pro­to­koll­per­spek­ti­ve des Er­zäh­lers an­neh­men. Man liest dann be­sten­falls ei­ne Re­por­ta­ge; die Spra­che ist stumpf. Zu sehr scheint sich Bo­laño auf Ef­fek­te und Af­fek­te zu ver­las­sen (zu­dem lässt das letz­te Ka­pi­tel er­ah­nen, dass der Au­tor es nicht mehr fer­tig­stel­len konn­te). Das Buch – und selbst die­ses ab­scheu­li­che Ka­pi­tel der Ver­bre­chen – packt den Le­ser nicht. Zu sel­ten wird ei­ne In­ten­si­tät er­reicht, die be­rührt. Fül­le und Fluk­tua­ti­on des Per­so­nals, wel­ches ins­be­son­de­re in den di­rek­ten San­ta-Te­re­sa-Ka­pi­teln (letz­tes Drit­tel des 1., Ka­pi­tel 2–4) aus­ge­brei­tet wird, las­sen Em­pa­thie mit oder ge­gen die Fi­gu­ren nicht oder kaum zu (Aus­nah­me ist die be­reits er­wähn­te Fi­gur des Kom­mis­sars). Was den Le­ser be­sten­falls bei der Stan­ge hält ist Neu­gier auf das Exo­ti­sche oder viel­leicht ei­ne fort­lau­fen­de Ent­rü­stung.

Wie auf­dring­lich die in­ter­tex­tu­el­len Re­kur­se ein­ge­ar­bei­tet sind. Von Tho­mas Manns To­des­stadt Ve­ne­dig über den la­tein­ame­ri­ka­ni­schen ma­gi­schen Rea­lis­mus, den Satz­schrau­ben ei­nes Tho­mas Bern­hard, Do­ris Les­sings »Me­moi­ren ei­ner Über­le­ben­den«, der mo­ra­li­schen Ver­kom­men­heit der Prot­ago­ni­sten aus Hu­bert Sel­bys »Letz­te Aus­fahrt Brook­lyn« bis zu Nu­an­cen aus Brent Easton El­lis’ psy­cho­pa­thi­schen Mas­sen­mör­der »Ba­teman« aus »Ame­ri­can Psy­cho« – um nur ei­ni­ge we­ni­ge an­zu­ge­ben.

So­mit ist die­ses Buch für Li­te­ra­tur­ex­ege­ten ein schier un­er­schöpf­li­cher Stein­bruch. Sie über­schla­gen sich da­her auch fol­ge­rich­tig mit Lob für die­ses mon­strö­se Stück Li­te­ra­tur-Li­te­ra­tur, weil sie in mit Quer­ver­wei­sen ihr li­te­ra­ri­sches, ci­ne­asti­sches, kunst­hi­sto­ri­sches, dra­ma­ti­sches und/oder hi­sto­ri­sches Wis­sen ver­wur­sten und mit im­mer neu­en As­so­zia­ti­ons­ge­wit­tern bril­lie­ren kön­nen, die am En­de so rich­tig wie falsch sind und kaum Er­kennt­nis­ge­winn brin­gen. Als wä­re die­ses Be­haup­ten von Au­then­ti­zi­tät, wel­ches in die­sem Buch prak­ti­ziert wird, schon Aus­weis für Qua­li­tät. Frei­lich, den blut­lee­ren Schreib­schul­li­te­ra­tu­ren, die die Kri­tik so oft und so vor­ei­lig in den Li­te­ra­tur­him­mel hebt (teils aus Angst, sich mit wirk­li­chen Ta­len­ten aus­ein­an­der­zu­set­zen, teils auf­grund äs­the­ti­scher Rost­spu­ren in ih­rem Ge­trie­be), ist die­ser Ro­man na­tür­lich mei­len­weit über­le­gen. Aber es bleibt ein ir­gend­wie po­tem­kin­scher Ro­man: hin­ter den Fas­sa­den sit­zen nur die Deu­ter. Glau­ben Sie ih­nen kein Wort, denn sie pro­ji­zie­ren nur ih­ren ei­ge­nen Ro­man in die­ses Buch. Tat­säch­lich macht die Lek­tü­re von »2666« nicht ein­mal un­glück­lich. Son­dern nur apa­thisch.


Die kur­siv ge­setz­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.

17 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Al­les Schei­tern?
    Trotz­dem: von den bei­den Über-Ro­ma­nen die­ses Herbsts – der an­de­re al­so „in­fi­ni­te jest“ – hat­te ich mir un­will­kür­lich die­sen aus­ge­sucht. Ich müss­te län­ger aus­ho­len, um zu sa­gen, war­um. Das Un­ab­ge­schlos­se­ne da­bei (von dem ich al­so schon ge­hört hat­te), das Mo­no­ma­ni­sche und so­gar das „Schei­tern“ (das auch schon mehr­fach kon­sta­tiert wur­de) – all das hat mich trotz­dem sehr neu­gie­rig ge­macht. Ich bin sonst nicht wild auf die­se Über-Ver­su­che der Li­te­ra­tur: »Das gro­ße Werk« – gut und schön, aber die­se Zeit scheint auch mir ir­gend­wie ab­ge­lau­fen. (Ge­stern in ei­nem – le­sens­wer­ten! – Ar­ti­kel in der SZ über Rai­nald Götz: „Ein heu­ti­ger Proust klän­ge zwangs­läu­fig wie Cosmo­po­li­tan, heißt es in sei­nem Buch »Kla­ge« ein­mal...“)

    Bin nun aber doch ge­spannt auf Bola­no. Und auch, ob ich ähn­lich emp­fin­den wer­de, wie Sie!

  2. Tja, Schei­tern...
    mag ja viel­leicht stim­men. Aber hier­für müss­te man die Am­bi­ti­on ken­nen – und die er­schließt sich mir nicht (au­ßer die Ver­geb­lich­keit auf­zu­zei­gen, die Welt »ab­zu­bil­den« – na­ja).

    Na­tür­lich wür­de mich Ih­re Mei­nung zum Bola­no bren­nend in­ter­es­sie­ren. (Al­ler­dings ist das Buch – mei­ner Mei­nung – kei­nes, das man im Herbst oder Win­ter le­sen soll­te.)

    Zu Goe­tz sag ich lie­ber nichts. Dass die deut­sche Feuil­le­ton-Jour­nail­le die­sen Kerl der­art ins Ram­pen­licht stellt sagt sehr viel über sie aus.

  3. Mmm. Das wür­de mich jetzt aber sehr in­ter­es­sie­ren
    was Ih­re Kri­tik an Götz ist. Muss nicht er­schöp­fend sein, nur das We­sent­li­che wür­de mir schon mal rei­chen.

    Er ist si­cher kein Li­te­rat in her­kömm­li­chen Sin­ne, und sei­nen »fik­tio­na­len« Bü­cher – wenn man sie über­haupt so nen­nen darf – fand ich auch nicht al­le wirk­lich über­zeu­gend. Aber als ge­nau­er Be­ob­ach­ter, und von da­her star­ke Wirk­fi­gur doch von ei­ner ur­sprüng­li­chen, em­pa­thi­schen ver­stan­de­nen Li­te­ra­tur her, fin­de ich ihn doch sehr in­ter­es­sant – und vor al­lem fast im­mer le­sen­wert.

    (Dass ich da­zu sei­ne Ur­tei­le nicht tei­len muss, ist klar. Aber al­lein sei­ne An­ti­po­den­hal­tung zu Hand­ke und Strauß ist so frucht­bar... da steckt noch viel drin. In­so­fern fand ich den SZ Ar­ti­kel so in­ter­es­sant.)

  4. Goe­tz...
    kann ich nicht Ernst neh­men. Sein »Ab­fall für Al­le« war ja ganz nett, aber mehr auch nicht. Das ma­chen tat­säch­lich vie­le Blog­ger durch­aus besser...über et­was her­zie­hen, über das sie nur mar­gi­na­le Ah­nung (oder Em­pa­thie) ha­ben (oder die­se nur be­haup­ten). Er ist ein biss­chen ein Kra­wall­ra­baucke, der Jeff Ko­ons mag und aus die­ser Span­nung für die Feuil­le­to­ni­sten in­ter­es­sant ist. Au­ßer­dem ist er jetzt 50 und als Suhr­l­kamp-Au­tor da­mit reif für das vir­tu­el­le FA­Z/S­Z/FR/­ZEIT-Wachs­fi­gu­ren­ka­bi­nett. Und sich an Hand­ke und Bo­tho Strauß ab­zu­ar­bei­ten macht heu­te je­der Depp; die darf man doch längst an­pin­keln, um dann zum Jet-Set zu ge­hö­ren. Das ist so ori­gi­nell, wie auf dem Markt­platz ei­nen Keks zu es­sen. (Viel­leicht tue ich ihm auch Un­recht.)

  5. Ih­re Kri­tik an »2666« lässt sich auch als all­ge­mei­ne me­tho­di­sche Kri­tik an der­lei post­mo­der­nen Über-Wer­ken le­sen. Das gibt es lei­der nur all­zu sel­ten, häu­fig weil man meint, sich im kün­ster­li­schen Me­tier der­ar­ti­ges nicht er­lau­ben zu dür­fen. Je­den­falls las­sen sich vie­le Kri­tik­punk­te fast über­gangs­los auf »In­fi­ni­te Jest« etc. über­tra­gen.

  6. Ich hat­te mir ge­stern die Auf­zeich­nung des letz­ten »Li­te­ra­tur­club« (mit Iris Ra­disch) an­ge­se­hen, in dem »Un­end­li­cher Spaß« be­spro­chen wur­de (der Über­set­zer wur­de mit in die Dis­kus­si­on ein­ge­bun­den). Tat­säch­lich ent­deck­te ich ei­ni­ge Ge­mein­sam­kei­ten, auch wenn die Bü­cher si­cher­lich sprach­lich voll­kom­men ver­schie­den sind (von der Hand­lung erst gar nicht zu re­den). Aber auch hier wur­de das Über­di­men­sio­nier­te her­an­ge­zo­gen – ins­be­son­de­re was wohl sei­ten­lan­ge le­xi­ka­li­sche Ein­wür­fe an­geht. Teil­wei­se at­te­stier­te man so­gar Un­ver­ständ­lich­keit. Schließ­lich die Par­al­le­le mit der wohl eher de­pri­mie­ren­den Lek­tü­re (wo­bei man das Buch of­fen­sicht­lich nicht le­sen kann oh­ne auf das En­de des Au­tors zu blicken – was fa­tal sein dürf­te).

    Viel­leicht ha­ben Sie ja Recht. Ob­wohl ich nichts ge­gen post­mo­der­ne »Über-Wer­ke« hät­te, wenn sie nicht stän­dig die­ses »Über-Werk­li­che« (mir fällt kein bes­se­res Wort ein) auch noch der­art ma­ni­riert her­aus­stel­len woll­ten, sträubt sich doch et­was in mir, die­se »Welt­erklä­rungs­li­te­ra­tur« im­mer wie­der vor­an­ge­kün­digt zu be­kom­men. Sei es durch die ex­al­tier­te Am­bi­tio­niert­heit des Au­tors oder durch die (plum­pe) Wer­bung des Ver­lags (oder bei­des).

    Und brav soll der Le­ser all dem fol­gen, am be­sten sei­nen Ver­stand an der Gar­de­ro­be ab­ge­ben, sein le­se­ri­sches Rüst­zeug aus dem Schrank ho­len – und be­gin­nen, da­mit zu spie­len. Da er­lau­be ich mir dann ein biss­chen den Spiel­ver­der­ber ab­zu­ge­ben. Und ei­gent­lich kommt für mich Dich­tung auch von »Ver­dich­tung« und nicht »Aus­ufe­rung«.

    (Ha­ben Sie den Wal­lace ge­le­sen? Wie?)

  7. Ich hat­te mit dem Buch ge­lieb­äu­gelt, war aber durch die PR et­was ir­ri­tiert. Als ich dann las, dass der Le­bens­lauf des Au­tors auch nur Pro­sa ist (wer glaubt die auf­ge­scho­be­ne Le­ber­trans­plan­ta­ti­on, um das Buch zu En­de zu schrei­ben), nahm ich dann erst­mal Ab­stand. Zu vie­le Sei­ten für ei­ne Ent­täu­schung, was ich hier dann ja be­stä­tigt fin­de.

    P.S. Der Ti­tel be­zieht sich wohl auf ei­nen Fried­hof aus dem Jah­re »2666« aus dem Buch »Die Wil­den De­tek­ti­ven«.

  8. @Peter42
    An­dre­as Isen­schmid prä­fe­riert in sei­ner Stel­lung­nah­me die Ver­si­on vom dop­pel­ten »666«... Auch er, der Bola­no wohl auch von an­de­ren Bü­chern kennt, steht die­sem Buch skep­tisch ge­gen­über.

    Viel­leicht ist es ja im­mer so, dass man das ha­ben möch­te, was man noch nicht ge­habt hat: Ich hät­te ver­mut­lich lie­ber den Wal­lace ge­le­sen (ist bei mir der­zeit zeit­lich nicht mög­lich).

  9. @en-passant / zu Goe­tz
    Le­se ge­ra­de »Los­la­bern«. Ich muss mich ver­mut­lich nicht voll­stän­dig kor­ri­gie­ren. Aber man­che Stel­len sind mehr als nur amü­sant.

    (Dem­nächst hier mehr.)

  10. Zwei Her­ren der Li­te­ra­tur­schicke­ria le­sen zwei Bü­cher
    @Keuschnig
    @Peter42
    Die Be­mer­kung über die Le­ber­trans­plan­ta­ti­on ist, wenn auch nur zi­tiert, ge­schmack­los. Zwei Li­te­ra­tur­be­flis­se­ne ge­fal­len sich dar­in, zwei Bü­cher zu ver­rei­ßen. Bola­no liest man mal eben so in zwei Wo­chen, dann zieht die Ka­ra­wa­ne wei­ter, wo­hin? Zum näch­sten Ver­riss? Selbst­son­nend ge­recht? Sie sind zu schnell, mei­ne Her­ren, n´allez pa trop vi­te, um mit Proust zu spre­chen. Ih­nen ent­ge­hen die Ein­zel­hei­ten, aber auch auf sie läßt die Son­ne ei­nen letz­ten, flüch­ti­gen Licht­strahl schei­nen und in dem ihm fol­gen­den, da­hin­flie­ßen­den Schat­ten ge­nießt sie ihr ei­ge­nes Schwei­gen.

  11. @Dietmar Hil­lebrandt
    Hof­fent­lich le­sen Sie nor­ma­ler­wei­se ge­nau­er. Er­stens steht die Be­mer­kung über die Le­ber­trans­plan­ta­ti­on in ei­nem Kom­men­tar und nicht in der Be­spre­chung. Zu­dem kann man dar­über strei­ten, ob es vom Ver­lag ge­schmack­voll ist, die­se Le­gen­de aus­zu­brei­ten. Und zwei­tens ha­be ich kei­nen »Ver­riss« ge­schrie­ben – das zeigt dann auch, dass sie nicht oder nur sehr un­ge­nau le­sen.

    Und dann das hier: Ein fünf­sei­ti­ger Satz war mir ein­fach zu lang und er­schien mir ma­nie­riert. Je­mand, der solch ei­nen Satz schreibt, ver­teilt Hal­tungs­no­ten in Li­te­ra­tur­kri­tik? Lach­haft!

  12. Lan­ge Sät­ze
    Nun sei­en sie mal nicht so be­lei­digt, Herr Keu­sch­nig. Wenn Sie mich wei­ter zi­tiert hät­ten, wo­für ich Ih­nen üb­ri­gens dan­ke, dann hät­ten Sie bei ge­naue­rem Le­sen ge­fun­den: »Mitt­ler­wei­le se­he ich das et­was an­ders... Heu­te wür­de ich sa­gen, viel­leicht ist das Bola­nos Art, ei­ne Re­mi­nis­zenz oder Re­fe­renz auf Proust zu hin­ter­las­sen. Aber auch das ist nur Ver­mu­tung. Hal­tungs­no­ten ver­ge­be ich kei­ne, da ich selbst le­ber­trans­plan­tiert bin, fühl­te ich mich von die­ser Be­mer­kung ver­letzt. Des­halb wohl mei­ne Po­le­mik...

  13. @Dietmar Hil­lebrandt
    Ich bin nicht be­lei­digt. Was ich aber nicht mag, ist, die Mar­ke­ting­stra­te­gie des Ver­la­ges nicht be­fra­gen zu dür­fen. Ich hal­te die­se An­ga­be des Ver­lags (oder die­se Ver­mu­tung) für voll­kom­men un­in­ter­es­sant, was die Re­zep­ti­on des Bu­ches an­geht.

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  16. Vor ein paar Mo­na­ten, war ich mal wie­der in ei­nem die­ser, an­dern­orts Bü­cher­puff ge­nann­ten, Lä­den, die schön nach den Spar­ten Kri­mi, Frau­en­bü­cher und Eso­te­rik Ti­sche mit den ak­tu­el­len Best­sel­lern dra­pie­ren. Auf ei­nem die­ser Ti­sche lag er­staun­li­cher­wei­se (spät nach dem me­dia­len Hype) die Ta­schen­buch­aus­ga­be von 2666 und rief lei­se Kauf mich. Mit ei­nem Du bist zu dick ver­such­te ich mich zu weh­ren, ver­lor aber schließ­lich und hat­te noch da­zu den neu­en Var­gas Llosa in der Ta­sche.

    Von den er­sten, tat­säch­lich harm­lo­sen Sei­ten, bis zum Ab­flug Ar­chim­bol­dis nach Me­xi­ko war ich mir nie ganz si­cher, ob ich ge­ra­de ein Mei­ster­werk le­se oder nur ei­ner Chi­mä­re auf­sit­ze. Mit je­dem Tag da­nach wur­de ich aber si­che­rer das qua Wir­kung er­ste­res der Fall ist und das viel­fach ver­wen­de­te »mon­strös« die ein­zig ad­äqua­te Vo­ka­bel ist, um die Ge­samt­schau der fünf Tei­le zu be­schrei­ben. Die vie­len lo­sen Fä­den, die man ver­sucht zu ver­knüp­fen, die vie­len, teils ge­nia­len Bin­nen­ge­schich­ten er­ge­ben ein fas­zi­nie­ren­des, schier un­lös­ba­res Ge­flecht. Ob das jetzt Ab­sicht oder Will­kür ist, sei da­hin ge­stellt.

    Be­son­ders auf­fäl­lig ist der völ­lig un­ter­schied­li­che Duk­tus, in dem die ein­zel­nen Tei­le ge­hal­ten sind. Die an­schei­nend nüch­ter­ne Auf­li­stung der To­des­fäl­le im vier­ten Teil fand bei den mei­sten Le­sern die größ­te Ab­leh­nung. Beim Le­sen dräng­te sich schnell ei­ne Ana­lo­gie ba­rocker Mu­sik auf, bei der die Mor­de dem Bas­so con­ti­nuo ei­ner Pas­sa­ca­glia oder Cha­conne gleich, die (ma­ka­be­re) Be­glei­tung für das Ge­flecht der Ober­stim­men, die im­mer wie­der im Kon­tra­punkt ste­hen, bil­den. Die nack­te Auf­zäh­lung zu mo­nie­ren, ist da­mit un­nö­tig, da sie nur das Ge­rüst bil­det, auf dem sich die ei­gent­li­che Hand­lung ab­spielt. Die­sen Teil ha­be ich zu­min­dest als den stärk­sten Teil des Ro­mans emp­fun­den.

    Die mu­si­ka­li­sche Ana­lo­gie wei­ter ge­spon­nen, könn­te man die fünf Tei­le viel­leicht mit den cha­rak­te­ri­stisch ver­schie­de­nen Sät­zen ei­ner Sin­fo­nie ver­glei­chen, was aber wahr­schein­lich zu weit führt. Ich ha­be den Kauf auf je­den Fall nicht be­reut. Der Var­gas Llosa da­ge­gen war nur lang­wei­lig.