Ein Win­ter­spa­zier­gang

Wenn ich al­lei­ne bin, be­gin­nen die Din­ge zu spre­chen. Nur, wenn ich al­lei­ne bin und nicht nur sie. Es ist im­mer mei­ne Stim­me mit der sie spre­chen, die sie sich lei­hen und doch ist in ihr im­mer et­was An­de­res, Frem­des, das mir manch­mal über­deut­lich und manch­mal na­he­zu un­kennt­lich ent­ge­gen tritt, selbst im Be­kann­ten, im All­täg­li­chen noch. Ja, ge­ra­de in ihm.

Ich sprach die Sät­ze nach, laut­los, um sie mir zu mer­ken, die plötz­lich un­ge­be­ten und oh­ne je­des Wol­len da­ge­we­sen wa­ren, ob­wohl ich mein No­tiz­heft und ei­nen Blei­stift ein­ge­steckt hat­te; ih­ret­we­gen war ich so­gar noch ein­mal zu­rück­ge­gan­gen, aber jetzt hat­te ich sie ver­ges­sen, weg­ge­scho­ben, wohl we­gen der Käl­te, denn es hat­te zum er­sten Mal in die­sem Jahr ei­ni­ge Grad un­ter Null: Ein ei­si­ger Wind, der mei­ne Fin­ger rasch klamm hät­te wer­den las­sen, trieb den Schnee in Bö­en die Stra­ße ent­lang durch die dür­ren Bü­sche an ih­rem En­de, die ra­schel­ten und schwirr­ten und dann in die Licht­ke­gel der Stra­ßen­la­ter­nen hin­ein, als gel­te es ei­nen ver­säum­ten Tanz nach­zu­ho­len. Für ge­wöhn­lich eil­te die­ses Un­ge­be­te­ne fast so schnell wie es ge­kom­men war wie­der da­von, ich muss­te ihm hin­ter­her, im­mer und nur wenn ich schnell ge­nug war, konn­te ich ihm hab­haft wer­den. Manch­mal blie­ben Bruch­stücke zu­rück und an­ge­fan­ge­ne Sät­ze, die ich nur mit viel Mü­he ver­voll­stän­di­gen konn­te, un­ge­wiss ob sie dem­je­ni­gen zu dem sie ge­hör­ten, ent­spra­chen. Aber dies­mal schien es auch so zu klap­pen, das Me­mo­rie­ren half und die we­ni­gen Sät­ze stan­den wie zum Grei­fen vor mir: Mei­ne Lip­pen zuck­ten noch ei­ni­ge Zeit lang, oh­ne sinn­tra­gen­de Sil­ben zu for­men und oh­ne ei­ne ge­dank­li­che Ent­spre­chung.

Die Split­ter und Sen­ten­zen, die ich mir no­tier­te, füll­ten Sei­te um Sei­te, Heft um Heft, blie­ben nach dem Auf­schrei­ben aber un­be­ach­tet und un­ge­le­sen, ich leg­te die aus­ge­schrie­ben Hef­te zur Sei­te, in ei­ne für sie vor­ge­se­he­ne Ki­ste und ver­gaß sie. Nur sel­ten nahm ich sie wie­der her­aus, ich blät­ter­te dann in mei­nen Hef­ten, aber nicht weil ich et­was such­te. Ich war zu be­quem da­für und nicht be­son­ders gut dar­in, es man­gel­te mir an Ge­duld und Fä­hig­keit da­zu. Au­ßer­dem war mein vi­su­el­les Ge­dächt­nis völ­lig un­brauch­bar und ich wur­de, egal wo­nach ich such­te, nur sel­ten fün­dig. Trotz­dem be­schrif­te­te ich mei­ne Hef­te ak­ku­rat, ich no­tier­te mir Tag, Mo­nat und Jahr auf dem Deck­blatt und den Zeit­raum, über den sich die Ein­tra­gun­gen er­streck­ten, gleich­sam als Ti­tel, wie ein Buch­hal­ter es tun wür­de und ver­stau­te sie über­ein­an­der: Je­des Jahr bil­de­te ei­nen ei­ge­nen Sta­pel, mit ei­ner ihm ei­ge­nen Hö­he. War ein Jahr vor­über, band ich den Sta­pel mit ei­nem Spa­gat zu­sam­men, so, dass er sich wie­der öff­nen ließ.

Ich hat­te nie ge­lernt mich noch im Mo­ment zu ent­schei­den, das Be­deut­sa­me vom Be­deu­tungs­lo­sen zu tren­nen, die In­ten­si­tät des Auf­ge­tauch­ten war im­mer gleich groß und der­ge­stalt, dass ich kei­ne Wahl hat­te, als es auf Pa­pier zu ban­nen. Und es dann zu ver­ges­sen: Ban­nen und ver­ges­sen! Da­mit tat ich mir ei­nen Dienst, denn mei­ne Ki­ste und die dar­in la­gern­den No­ti­zen stan­den in ei­nem mir nicht ganz kla­ren Ver­hält­nis zu mei­nem Wohl­be­fin­den und zwar der­ge­stalt, dass die Auf­be­wah­rung der No­ti­zen wich­ti­ger war, als de­ren Lek­tü­re. Es war nicht so, dass mich ein Wi­der­wil­le von der Ki­ste fern­ge­hal­ten hät­te, ich hät­te sie auch ent­sor­gen oder die Hef­te als Heiz­ma­te­ri­al ver­wen­den kön­nen, denn ich be­saß ei­nen klei­nen Schwe­den­ofen, den ich im Win­ter, so oft es ging, an­stel­le der Zen­tral­hei­zung, be­nut­ze. Hät­te, denn wie ge­sagt, stand die Ki­ste und de­ren In­halt in ei­nem Ver­hält­nis zu mei­nem Wohl­be­fin­den, auch wenn sie es nicht selbst war und kein Ga­rant da­für. Aber ich blät­ter­te auch in mei­nen Hef­ten, als Zeit­ver­treib, wenn mir lang­wei­lig war oder wenn ich über et­was nach­dach­te und mich durch das Blät­tern und Wen­den der Sei­ten be­ru­hig­te. Und ich be­trach­te in den Pau­sen, die ich wäh­rend des Blät­terns mach­te, mei­ne kra­ke­li­ge und doch bild­haf­te Schrift recht ger­ne, häu­fig oh­ne sie zu le­sen. Dann und wann ver­lor ich mich in mei­nen ei­ge­nen Schrift­bil­dern, sie wur­den dann raum­er­fül­lend groß und kurz­zei­tig mei­ne ein­zi­ge Wirk­lich­keit.

In die­sem Au­gen­blick blieb ich an ei­ner Wur­zel, die un­ter der Schnee­decke ver­bor­gen war, hän­gen. Ich stol­per­te ein paar Schrit­te vor­wärts in ei­ne ge­fro­re­ne Lacke, de­ren dün­ne Eis­decke klir­rend zer­barst, blieb ge­ra­de noch auf den Fü­ßen und stütz­te mich keu­chend auf mei­ne Knie: Die kal­te Luft drück­te auf mei­ne Lun­ge, dann be­merk­te ich ei­nen bren­nen­den Schmerz. Ich muss­te mit den Ze­hen ge­gen das Holz oder ei­nen Stein ge­sto­ßen sein. Ich schob mei­ne Ze­hen auf- und dann ab­wärts, als könn­te ich durch den Schuh se­hen was pas­siert war, schüt­tel­te an­schlie­ßend mei­ne Fü­ße, um die Schu­he vom Schnee zu be­frei­en und ging et­was lang­sa­mer und ei­ni­ge Schrit­te hum­pelnd, wei­ter.

Ich grin­ste mich selbst an: Al­ler­dings such­te ich in mei­nen Hef­ten ge­le­gent­lich so ma­nisch wie ich schrieb und ich ließ nicht locker bis das, was ich nach­le­sen woll­te, auch auf­ge­taucht war. Im Ge­gen­satz zu mei­nem vi­su­el­len Ge­dächt­nis, war mein zeit­li­ches her­vor­ra­gend und ich irr­te mich in der Ein­schät­zung des Zeit­raums in dem ich et­was auf­ge­schrie­ben hat­te, nie. Al­ler­dings: Das ge­naue Da­tum merk­te ich mir nicht. Ich be­gann zu über­le­gen: Wenn das Be­deut­sa­me der Grund mei­ner No­ti­zen war, dann war es wohl auch der mei­nes sel­te­nen aber eben un­leug­ba­ren In­ter­es­ses, al­so des Wie­der­auf­su­chens be­stimm­ter Stel­len. Das war ein­leuch­tend und ent­zog sich mei­nem ge­dank­li­chen Zu­griff im sel­ben Mo­ment: Die Grün­de mei­ner Be­deut­sam­kei­ten blie­ben mir ver­schlos­sen, sie wa­ren un­ein­seh­bar, ob­wohl es die Be­deut­sam­kei­ten wa­ren, die mein Han­deln be­grün­de­ten, die es mir über­haupt er­mög­lich­ten in es selbst ein­zu­wil­li­gen. Aber jen­seits da­von konn­te ich mir kei­ne Grün­de mei­nes Han­delns ge­ben und so sehr ich mich auch an­streng­te, es doch zu ver­su­chen, mir blie­ben nur scha­le Recht­fer­ti­gun­gen und Kon­struk­te, die ich im Nach­hin­ein for­mu­lier­te.

Mei­ne Schrit­te ver­ur­sach­ten ein ei­gen­ar­ti­ges Knir­schen im pul­v­ri­gen Schnee: Ich bleib ste­hen und ei­ni­ge Au­gen­blicke lang schwieg al­les, ei­ne Lee­re be­gann sich auf­zu­tun, dann dräng­ten mei­ne Ge­dan­ken wie­der her­vor und ich ging wei­ter: Red­lich schien mir nur ei­ne le­bens­ge­schicht­li­che Be­grün­dung, ein Nach­den­ken, das die­se Ent­zo­gen­heit in sich auf­be­wahr­te und nicht ur­su­pier­te: Das war die Wur­zel je­nes Ge­flechts, das un­ser Da­sein ist oder bes­ser wird, wenn wir den Mut be­sit­zen uns un­se­rer ei­ge­nen Ge­schich­te zu­zu­wen­den. Un­ser Grund war al­so ir­ra­tio­nal, den das Den­ken in sich auf­zu­neh­men hat­te, den es be­fra­gen, ver­wer­fen und über dem es ver­zwei­feln moch­te. Aber erst, wenn es ihn zu er­setz­ten sucht, sich durch sich selbst und da­bei al­lem an­de­ren le­dig, be­grün­den will, ist das Un­glück voll­kom­men, hat der Er­wach­se­ne be­gon­nen, das Kind aus sich zu ver­trei­ben, das er bis­lang in sich und das heißt in sei­nem Den­ken auf­ge­ho­ben und be­wahrt hat­te. Mich über­kam ei­ne Leich­tig­keit, ich tän­zel­te, mei­ne schmer­zen­de Ze­he ver­ges­send, und sprang ver­gnügt vor­wärts, bis mir der Wind wie­der ins Ge­sicht fuhr und mich zu­rück hol­te. Zu le­ben be­deu­te, dach­te ich, wie­der mit ge­mes­se­nem Schritt und ein we­nig keu­chend da­hin­ge­hend, et­was Be­deut­sa­mes zu su­chen, oder eher noch auf es zu sto­ßen, nein: Von ihm er­grif­fen zu wer­den. Man konn­te ei­gent­lich we­nig tun, als Mä­an­der zu schla­gen und Um­we­ge zu neh­men, der ein­deu­ti­ge, ge­rad­li­ni­ge Weg, die si­che­re Ent­schei­dung, die Klar­heit sind ei­ne ver­locken­de Fal­le.

Ich war noch ein­mal weg­ge­gan­gen, das heißt über­haupt weg­ge­gan­gen. Das war wie­der so et­was: Ein Ein­klang, den ich füh­le, mit dem, was ich noch nicht be­gon­nen ha­be und häu­fig gar nicht woll­te, al­so es noch nicht zu be­stim­men such­te. Und dann geht man ein­fach, han­delt, in­ner­lich frei, un­ge­drängt und stau­nen­er­wecked tritt ei­nem al­les ent­ge­gen. So muss es den Kin­dern er­ge­hen, mit je­dem ih­rer Schrit­te und wir Er­wach­se­ne müs­sen glück­lich sein, wenn das Stau­nen dann und wann wie­der kommt, wenn das Wun­der­ba­re vor ei­nem steht, ob­wohl es gar nicht da sein kann und das blo­ße Schau­en ge­nügt. Es ist die An­schau­ung, we­gen der die Kin­der so ger­ne blei­ben und sie in­si­stie­ren stets dar­auf wei­ter schau­en zu kön­nen. Ihr ent­springt ei­ne Ge­nüg­sam­keit, die sich ehr­erbie­tend zu dem was sich zeigt, hin­neigt. Schau­en, be­deu­tet exi­stie­ren, sich selbst in Re­la­ti­on zu et­was an­de­rem hin, aus­zu­hal­ten.

Sich selbst aus­zu­hal­ten: Dass man sich dar­über nicht mehr täuscht, nicht mehr stän­dig zu täu­schen ver­mag, da­für ist das Al­lei­ne­sein gut, ist die Ein­sam­keit ein Ge­schenk. Ent­täu­schung al­so und da­mit Schrecken und Trau­rig­keit, an­ge­sichts des un­ab­än­der­lich Ver­ra­te­nen, des ver­meint­lich Ge­we­se­nen. Die­se Ein­sam­keit ist nicht mit ir­gend­et­was zu fül­len, um sie end­lich zu ver­trei­ben, um zu flie­hen vor dem Zu­stand des Selbst, schon aus ei­ner, nicht ein­mal angst­er­wecken­den Ah­nung, her­aus. Not­wen­dig­keit oh­ne Nut­zen, das ist was in der Ein­sam­keit be­redt wer­den kann, das ist ih­re For­de­rung an uns, ei­ne Be­sin­nung auf uns selbst, um ihr mit uns selbst, dann wie­der ein Stück weit zu ent­wach­sen, in ei­nen Rausch, ei­ne In­ten­si­tät hin­ein: Hei­lung? Über­win­dung gar? Die Ver­sun­ken­heit ei­nes Tuns kann al­les auf­he­ben, aber sein En­de mar­kiert, dass es nicht von Dau­er ist: Dann bricht wie­der al­les über ei­nen her­ein: Lin­de­rung viel­leicht, vor­über­ge­hend, so wie die ei­ge­ne Wahr­neh­mung das An­de­re erst auf­zu­neh­men ver­mag und die ei­ge­ne Spur sei­ne Ver­dich­tung erst er­mög­licht: Tröst­lich ist es, das Ei­ge­ne im An­de­ren, als ei­nen An­teil, zu er­blicken. Das Lei­den ist nicht zu­rück­zu­neh­men, son­dern auf­zu­be­wah­ren, das ist es, was den Men­schen über die un­be­wuss­te, tier­haf­te Exi­stenz hin­aus­trägt. Auch da­von wis­sen be­reits die Kin­der, nein, es ist ih­nen selbst­ver­ständ­lich wie un­be­wusst und wir ver­stün­den es, wenn sie es aus­spre­chen könn­ten, so aber ver­su­chen sie un­auf­hör­lich es uns zu zei­gen, den Er­blin­de­ten, das Se­hen zu leh­ren. Es ist kein Man­gel ih­rer Bil­der, es ist ei­ner in den Sub­jek­ten, die ent- , aber nicht er­wuch­sen. Die Kin­der sind noch mit den Din­gen ver­mählt.

Der ju­gend­li­che Schnee war gott­sei­dank nicht ge­räumt und vom Wind glatt ge­rie­ben und über­all hin an­ge­schmiegt wor­den: Da und dort riss er ihn von den Bäu­men her­ab, die kahl und schwarz da­stan­den und die ich nicht mehr be­nen­nen konn­te; ich freu­te mich durch den Schnee stap­fen zu kön­nen, mir wur­de wär­mer, mein Kör­per rich­te­te sich auf und be­gann Wind und Käl­te in sich auf­zu­sau­gen. Ich quer­te die Stra­ße und nahm ei­nen ver­schnei­ten Fuß­weg ent­lang der Lie­sing, ei­nem je­ner hin­ter­li­sti­gen Flüs­se Wiens, die Tag auf, Tag ab, ei­nem Rinn­sal glei­chen und we­ni­ge Ma­le im Jahr un­er­war­tet zu ei­nem rei­ßen­den Strom an­schwel­len. Aus gu­tem Grund, viel­leicht aus Ra­che, hat­te man sie in ein tief ein­ge­schnit­te­nes, stei­ner­nes Bett ge­zwun­gen.

Ir­gend­et­was ließ al­les wie­der ein­mal an­ders aus­se­hen, mich an­ders emp­fin­den. Ich war oft am Fluss ent­lang spa­ziert, es war ein Weg den ich ger­ne nahm, strom­ab­wärts hin und strom­auf­wärts wie­der zu­rück. Es bliebt ein ewig un­lös­ba­res My­ste­ri­um, wer da wem das Emp­fin­den gab, war­um es manch­mal so hart­näckig gleich und dann wie­der so wech­sel­haft war: Goss man sein In­ne­res über die Land­schaft oder lock­te die­se es, im Spiel von Wet­ter und Jah­res­zeit, in im­mer neu­en Nu­an­cie­run­gen aus ei­nem her­aus? Ich ging na­he am Fluss, des­sen eis­grau­es Was­ser lei­se gur­gel­te: Mir war un­heim­lich zu mu­te, denn ich war hier nie­mals so spät und im Dun­keln spa­zie­ren ge­gan­gen. Nie­mand be­geg­ne­te mir und ich wag­te nicht zu pfei­fen oder zu sin­gen, wie ich es beim Spa­zie­ren ger­ne tat, nicht ein­mal laut­los und in­ner­lich. Mir war als ob ich et­was stör­te, ei­nen Raum be­an­spruch­te, der von an­de­rem be­tre­ten wer­den woll­te. Al­so horch­te ich in die Stil­le, in der je­des noch so ver­hal­te­ne Ge­räusch auf­ging und ei­nen Raum er­griff, we­ni­ger durch Stär­ke, als durch Ver­äste­lung und Wachs­tum. Es war die Stun­de des Ver­hal­te­nen, das sich be­merk­bar mach­te, wo das Mäch­ti­ge und Vor­der­grün­di­ge zu zer­flie­ßen und sich in den Schat­ten auf­zu­lö­sen be­gann. Die Auf­merk­sam­keit konn­te sich ihm, so­fern sie sich ei­ne Of­fen­heit be­wahrt hat­te, nun zu wen­den. Mir kam ir­gend­et­was in den Sinn, Ge­stal­ten, Wor­te, aber ich dräng­te sie zu­rück, es war nicht ih­re Stun­de, ich er­mahn­te mich und lies es sein: Der Fluss ge­wann sei­ne Prä­senz wie­der, der Wind zerr­te dann und wann an den Zwei­gen oder an den dür­ren Hal­men an der Bö­schung; ich hör­te wie­der wie mei­ne Fü­ße auf den er­taub­ten Bo­den tra­ten, das Gras knab­ber­te an sei­ner Krau­se aus Schnee und Eis, ir­gend­et­was murr­te, ein Tier, viel­leicht ei­ne Krä­he, im­mer mehr trat her­vor, trat an mein Ohr, das im­mer schwie­ri­ger zu be­nen­nen war, ein säu­seln­der, zi­schen­der Hin­ter­grund, ei­ne sonst schwei­gen­de, über­hör­te Wirk­lich­keit.

Der Fluss mach­te ei­nen Bo­gen, ich ver­ließ ihn und hielt wie­der auf be­bau­tes Ge­biet zu: Noch im­mer war mir nie­mand be­geg­net und ich hoff­te nicht dar­auf, als ich ei­ne klei­ne Gas­se, die of­fen zum Fluss hin en­det, be­trat: Bes­ser konn­te man nicht un­ter Men­schen sein, als durch ei­ne lee­re Gas­se zu ge­hen, vor­bei an den be­leuch­te­ten Fen­stern, aus de­nen ein sü­ßer, hei­me­li­ger Duft strömt und Licht durch die Vor­hän­ge und Spal­ten der Roll­lä­den fällt. Ei­ni­ge Au­gen­blicke ge­noss ich ein Ge­fühl von Er­ha­ben­heit, das in mir hoch kam, als ich da lang­sam und neu­gie­rig über­all hin­se­hend, her­um schweif­te, die mir nicht zu­stand, aber den­noch da war. Wie­viel Nar­re­tei, wie­viel Spie­ßer­tum moch­te hin­ter den Schei­ben lie­gen, frag­te ich mich, wäh­rend ich den locke­ren, ro­ten Lack auf dem Rah­men ei­nes Fen­sters im Erd­ge­schoss ab­zu­blät­tern be­gann: Ich war ste­hen ge­blie­ben und das oran­ge­ne Licht, das durch den schlam­pig zu­ge­zo­ge­nen, fil­zi­gen Vor­hang fiel, zog mich an. Ich konn­te nicht ins In­ne­re se­hen, aber das Licht ver­riet Be­hag­lich­keit. Was moch­te da drin­nen noch zu fin­den sein? Wär­me? Ge­bor­gen­heit? Was moch­ten die Be­woh­ner tun? Ich er­schrak, als ich auf den Bo­den sah und er von Lack­split­tern über­säat war. Ich riss mich los und mach­te mich da­von, wie ein Schü­ler, der et­was ka­putt ge­macht hat­te und nicht von sei­nen Leh­rern er­tappt wer­den woll­te.

Plötz­lich stand ich vor ei­ner Gas­se, die ich nicht kann­te, ich ging hin­ein, nahm die näch­ste Mög­lich­keit rechts und ging ei­ne Wei­le ge­ra­de­aus: Das Neue sog mei­ne Auf­merk­sam­keit auf und ich ver­gaß mei­ne Angst. Sie be­stand aus klei­nen, ma­xi­mal zwei­stöcki­gen Häu­sern, sie hät­te gut und ger­ne auf dem Land Teil ei­nes Dorfs sein kön­nen. Gleich zu Be­ginn ent­deck­te ich ein klei­nes Gast­haus, in dem es al­ler­dings schon dun­kel war und in der Mit­te ei­ne Tisch­le­rei, recht groß, es muss­te ein gut ge­hen­der Be­trieb sein. Ich blieb kurz ste­hen und ging so weit zu­rück wie ich konn­te: Es war für die­se Gas­se ein un­ge­wöhn­li­ches Ge­bäu­de, es trug ei­nen lan­gen Schorn­stein und war durch meh­re­re An- und Zu­bau­ten ge­zeich­net. Mei­ster­be­trieb, las ich am Tor. Ich wand­te mich ab. Das En­de der Gas­se lag im Dun­keln, ich er­kann­te nicht ein­mal ob dort Häu­ser stan­den, ich wur­de wie­der neu­gie­rig und ging rasch dar­auf zu: Ver­blüfft blieb ich, dort an­ge­kom­men, ei­ne gan­ze Wei­le still ste­hen. So weit war ich al­so schon ge­kom­men! An die­ser Stel­le war lan­ge Zeit ei­ne rie­si­ge brach­lie­gen­de Flä­che ge­we­sen, als Kind hat­te ich häu­fig hier ge­spielt, im ho­hen, dür­ren Gras, das, wenn wir un­se­re Köp­fe auf den Bo­den, ganz na­he an sei­ne Hal­me ge­legt hat­ten, den Him­mel kit­zel­te. Aber nur hier, sonst nir­gends! Vor ei­ni­gen Jah­ren war auf die­ser Kind­heits­flä­che, wie ich sie ir­gend­wann zu nen­nen be­gon­nen hat­te, ei­ne Rei­hen­haus­sied­lung an­ge­legt wor­den, ein Art Mu­ster­sied­lung, wie sich die Ar­chi­tek­ten das Woh­nen eben vor­stell­ten. Die Ar­chi­tek­ten oder die Stadt­pla­ner. Aber viel­leicht woll­ten wir auch so woh­nen. Es war ein Ort im Be­zirk, fast ein ei­ge­ner Stadteil, an Spiel­plät­ze, Kin­der­gär­ten, ei­ne Schu­le, Nah­ver­sor­gung, Schwimm­bad, an al­les war ge­dacht wor­den. Die Sied­lung war schön im Sinn ge­lun­ge­nen De­signs, zwei­fels­oh­ne hat­te da je­mand ei­ne Idee ge­habt, aber hat­te er mehr ge­habt, et­wa die­je­ni­gen vor Au­gen, die dar­in woh­nen soll­ten und die Funk­tio­na­li­tät, die die­se so­zu­sa­gen ein­for­der­ten? Al­les war ganz nett, sau­ber und glän­zend, aber woh­nen woll­te ich auf die­ser Flä­che mei­ner Kind­heit nicht, sie zog mich nicht mehr an, das Gras war nun kurz, saf­tig grün und künst­lich, die Spiel­plät­ze wa­ren zum Teil so­gar mit un­be­ar­bei­te­ten Baum­stäm­men aus­ge­stat­tet, fast un­wirk­lich ge­gen die wei­chen und grell leuch­ten­den Gum­mibö­den. Die La­ter­nen­pfäh­le und die Zäu­ne der klei­nen Woh­nun­gen im Erd­ge­schoss blitz­ten dun­kel­grün und ver­hal­ten, fast fehl am Platz stan­den die dün­nen, schüt­te­ren, erst vor kur­zem ge­pflanz­ten Bäu­me in ei­ni­ger Ent­fer­nung zu den Spiel­plät­zen, her­um: Eben, al­les war ir­gend­wie schön, die Fahr­rad- und Kin­der­wa­gen­räu­me eben­erdig und die Park­ga­ra­gen ge­räu­mig, al­so prak­tisch, aber stim­mig war es nicht. Da­zu pass­te, dass die Ga­ra­gen mit ei­nem Leit­sy­stem aus­ge­stat­tet wa­ren und man so­gar für die Miet- und Ge­nos­sen­schafts­woh­nun­gen der An­la­ge Ein­kom­mens­nach­wei­se vor­zu­le­gen hat­te. Nur die Gum­mi­wan­nen ge­fie­len mir, ro­toran­ge, mit ei­nem Rand auf dem man lau­fen konn­te.

Ein Be­kann­ter hat­te ein­mal süf­fi­sant an­ge­merkt, dass nur noch Nar­ren heu­te Spiel­plät­ze mit Bäu­men an­leg­ten: We­gen der Äste, die her­un­ter­fal­len könn­ten, setz­te er nach. Ich war dar­über un­glaub­lich wü­tend ge­wor­den, aber mei­ne Ver­tei­di­gung der Bäu­me, vor al­lem der Pla­ta­nen, ih­rer brei­ten Blät­ter und ku­ge­li­gen Früch­te und der Schat­ten, die sie war­fen, war ver­ge­bens. Mei­ne An­sich­ten ka­men mir vor, als ob sie aus der Zeit ge­fal­len wa­ren, oh­ne Chan­ce Ge­hör zu fin­den, als ob sie Sturm ge­gen ei­nen Wall lie­fen, den sie nie über­win­den wür­den kön­nen, weil sich die­ser auf ei­gen­ar­ti­ge Wei­se dem Streit ent­zog. Ich hat­te kei­ne Lust durch die Sied­lung zu ge­hen und nahm den Weg Rich­tung Kin­der­gar­ten, der auf ei­ner frei­en Flä­che ge­mein­sam mit ei­nem Spiel­platz et­wa im Zen­trum der An­la­ge lag: So kam ich we­nig­stens nicht in die Nä­he der Häu­ser. Am En­de der frei­en Flä­che, nach dem letz­ten Spiel­platz, als Ab­schluss zur Stra­ße hin, rag­te ein gro­ßer, künst­lich auf­ge­schüt­te­ter und mit Gras be­wach­se­ner Hü­gel auf. Aus mei­ner Kind­heit kann­te ich ihn nicht, er war wohl zur glei­chen Zeit wie die Sied­lung ent­stan­den. Der Hü­gel zog mich ma­gisch an: Ich lief hin und ha­stig durch das dür­re, aber noch ho­he Gras, das weit über die Schnee­decke hin­aus rag­te. Der Schnee spritz­te nach al­len Sei­ten und bei­na­he rutsch­te ich aus, als ich in ei­ne vom Schnee ge­füll­te Un­tie­fe trat. Es war stei­ler als ich ge­dacht hat­te und an­stren­gend, auch wenn nicht viel mehr als fünf­zehn Hö­hen­me­ter zu über­win­den wa­ren. Ich blieb kurz ste­hen, dreh­te mich ein Stück und ging nun schräg ge­gen den Hang hin­auf; ich stieß auf ei­ne Rin­ne, blieb in ihr und es dau­er­te nicht mehr lan­ge und ich war oben. Wie ich schon von un­ten ver­mu­tet hat­te, war der Hü­gel plan, sei­ne Spit­ze qua­si ge­kappt wor­den. Er war auf­ge­schüt­tet, un­zwei­fel­haft. In der Mit­te stan­den ei­ni­ge ble­cher­ne Vo­gel­häu­ser, über­manns­groß und skur­ril, die mit dem Wind, der hier wie­der zu spü­ren war, klap­per­ten. Sonst nichts, nicht ein­mal ei­ne Bank; ich run­zel­te die Stirn: Wenn den Vö­geln eben­so selt­sam wie mir zu Mu­te war, war­um soll­te auch nur ein ein­zi­ges Tier hier nach Fut­ter su­chen oder gar ni­sten? Ich fand kei­ner­lei Hin­wei­se, dass die Vo­gel­häu­ser be­sucht oder in ir­gend­ei­ner Form ge­nutzt wur­den. Ich be­gann seit­wärts zu rut­schen, ver­la­ger­te mein Ge­wicht von ei­nem Fuß auf den an­de­ren und ging dann von der ei­nen zur an­de­ren Sei­te, sah hin­un­ter, sah zu den Vo­gel­häu­sern zu­rück, hin­auf in den wol­ken­lo­sen Him­mel und ging beim Wech­seln der Sei­te an ih­nen vor­bei: Rat­los trieb es mich hin und her. Mich hielt das al­les ge­fan­gen, lan­ge. Ir­gend­wann ließ es mich los oder ich be­frei­te mich und ich ging wie­der zu­rück. Merk­wür­dig, dach­te ich auf dem Rück­weg, mich an ein Ge­fühl vor ei­ni­ger Zeit wie­dererin­nernd, als ob die Un­stim­mig­keit der gan­zen Sied­lung in dem Hü­gel ku­mu­lier­te.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das hat mich ein we­nig an M Ble­chers »Aus der un­mit­tel­ba­ren Un­wirk­lich­keit« er­in­nert. (Auch wenn ich mich nicht so ganz in das Buch ein­fin­den konn­te, kann ich’s doch emp­feh­len.)

    Der Text hat auch, trotz et­was Fern­heit, et­was zum Schwin­gen ge­bracht. Hof­fe kann spä­ter et­was mehr ant­wor­ten.

  2. You lo­se yours­elf, you re­ap­pe­ar /
    You sud­den­ly find you got not­hing to fe­ar /
    Alo­ne you stand with no­bo­dy ne­ar /
    When a tremb­ling di­stant voice, un­clear /
    Start­les your slee­ping ears to he­ar /
    That some­bo­dy thinks they re­al­ly found you /

    & Be­lon­ging (Jan Ga­ba­rek)

  3. Le­se­ein­druck ist nun lei­der fast schon ver­hallt; wor­über aber ich hat­te schrei­ben wol­len: Dass die­ser Text aus ei­nem land­schaft­li­chen, be­bau­ungs­plan­ver­ur­sach­ten Un­be­ha­gen ei­ne Re­fle­xi­on be­ginnt, ei­ne ta­sten­de Such­be­we­gung. Und dass mir das wie­der hat klar wer­den las­sen, wor­um es in der Kunst ei­gent­lich geht: Emp­find­sam­keit.
    Die Vo­ka­bel hat ge­schicht­li­chen Bal­last, aber ich ver­su­che sie trotz­dem, weil ich den­ke, dass es hier um ei­ne Kern­ei­gen­schaft geht: dass ein Künst­ler die Sen­si­ti­vi­tät ha­be, hin­ter den Din­gen des Ta­ges­ge­sche­hens und des All­tags mehr zu spü­ren und zu se­hen, und dies dann in ei­ner ei­ge­ne Spra­che, ei­ne ei­ge­ne Form aus­drücken kann.
    (Fast so: https://www.textlog.de/kierkegaard-ein-dichter.html)

    Dar­an an­schlie­ßend.. ja, viel­leicht gibt es bei Tho­mas Mann, oder da­vor schon in ETA Hoff­manns »Sand­mann« die­sen dia­lek­ti­schen Ge­gen­satz von pro­sai­schem All­tag ge­gen die schil­lern­de, an­ders­ar­ti­ge Sphä­re der Kunst (bei Mann dann eher bo­hè­me). Dies gilt es im­mer wie­der neu aus­zu­lo­ten,.. um ein wah­res In­nen zu er­schaf­fen, das sich ge­gen das »fal­sche« Au­ßen be­haup­te. (Das wä­re dann mehr der sy­stem­theo­re­ti­sche Win­kel: dass das künst­le­ri­sche Ich/System selbst die­se Grenz­zie­hung ist, in der es sich von der Au­ßen­welt schei­det.) Is’ ein biss­chen weit ab­ge­drif­tet, aber ich fin­de die­se Ab­gren­zungs­ten­denz, die Su­che nach ei­ner ei­ge­nen Po­si­ti­on in der De­fi­ni­ti­on des­sen, was dich über­haupt an dem neu­en Aus­se­hen des Vier­tels stört, ent­hält das letzt­lich schon...

  4. Dan­ke. Ein an­de­rer Blick lässt häu­fig et­was an­de­res am Ei­ge­nen sicht­bar wer­den, ich schät­ze das sehr. Wo­bei das In­ne­re oder Ei­ge­ne ein Äu­ße­res, ein An­de­res be­nö­tigt, um über­haupt sicht­bar zu wer­den, in­so­fern ist die­se Grenz­zie­hung nie­mals rein.

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