Der Ge­sin­nungs-Eu­pho­ri­ker

Sie sind kei­ne An­hän­ger, nicht ein­mal Sym­pa­thi­san­ten der Mann­schaf­ten, die sie un­ter­stüt­zen. Sie sind nur ei­nes, und das kon­se­quent: da­ge­gen. Sie hef­te­ten an die Fer­sen von Al­ge­ri­en, in­dem sie Ra­che für Gi­jon 1982 pro­pa­gier­ten. Da­nach wa­ren sie na­tür­lich für »Les Bleus«, weil es so ei­ne schicke Mul­ti­kul­ti-Trup­pe ist. Als das nicht half muss­ten die Bra­si­lia­ner ih­re Zu­nei­gung und spä­ter das groß­zü­gi­ges Mit­leid aus­hal­ten. Jetzt sind sie sau­er (sie­he hier).

Sie hät­ten so ger­ne tri­um­phiert, die Ge­sin­nungs-Eu­pho­ri­ker. Eu­pho­ri­ker des­halb, weil sich nie­mand ih­rer zwar ephe­me­ren, aber wuch­ti­gen Freund­schaft ent­zie­hen kann. Mit Aplomb wol­len sie al­les, nur nicht, dass die deut­sche Mann­schaft ein Spiel ge­winnt. Da­für be­schwö­ren sie ein Ge­spenst: den Na­tio­na­lis­mus. Vom Sie­gen wol­len sie gar nicht re­den: Ei­ne Um­fra­ge vor dem Halb­fi­na­le bei tagesschau.de brach­te es an den Tag. Man konn­te ab­stim­men, und zwar ob die deut­sche Mann­schaft »ge­winnt« oder die bra­si­lia­ni­sche »siegt«. Man sieht förm­lich den Re­dak­teur, wie er das Fett­näpf­chen vor sich sieht.

Nir­gend­wo steht ge­schrie­ben, dass man als Deut­scher der deut­schen Na­tio­nal­mann­schaft ver­bun­den sein muss. Man kann mit Bel­gi­en hal­ten, Ita­li­en oder viel­leicht so­gar – mit Aus­nah­me­be­grün­dung – für die Nie­der­lan­de. Aber sie, die Ge­sin­nungs-Eu­pho­ri­ker, sind gar nicht für je­man­den. War­um ge­nau, wis­sen sie sel­ber nicht. 1982 hat­te ich mich für das Ge­kicke zwi­schen Deutsch­land und Öster­reich zu La­sten Al­ge­ri­ens ge­schämt. Und auch 2002 war ich pein­lich be­rührt wie sich die deut­sche Mann­schaft mit drei 1:0 Rum­pel­­fuß­ball-Sie­gen ins End­spiel mo­gel­te. Es war ge­recht, dass Bra­si­li­en da­mals ge­wann. Aber heu­te? Mit Ar­gen­ti­ni­en fie­bern, nur weil der Geg­ner Deutsch­land ist?

Das suh­len im Selbst­hass soll Welt­bür­ger­tum be­zeu­gen. Da­bei ist es nicht an­de­res als pein­li­cher Pro­vin­zia­lis­mus. Die Rol­le des mä­keln­den Be­rufs­pes­si­mi­sten, der ja in Wirk­lich­keit ein glü­hen­der An­hän­ger ist, aber nicht ent­täuscht wer­den möch­te, wenn es nicht klappt, wird durch sie noch über­trof­fen. Der Pes­si­mist er­kennt im­mer­hin noch die Lei­stung der an­de­ren ge­nau wie die Lei­stung der deut­schen Mann­schaft an. Er ist neu­tral, be­müht sich um Ob­jek­ti­vi­tät. Es liegt ihm am Spiel und der bes­se­re soll ge­win­nen. Der Ge­sin­nungs-Eu­pho­ri­ker kennt nur »rich­ti­ge« Ge­win­ner; das sport­li­che ist ihm fremd.

Ge­sin­nungs-Eu­pho­ri­ker ge­stat­ten al­len an­de­ren das, was sie bei Deut­schen miss­bil­li­gen. Sie fin­den es gut, wenn Fran­zo­sen oder Bra­si­lia­ner die Hym­ne mit­sin­gen und verab­scheuen es, wenn dies die Deut­schen tun. Sie se­hen über Ge­sichts­be­ma­lun­gen bei Ar­gen­ti­ni­ern hin­weg, fin­den sie aber bei Deut­schen gräß­lich. Sie schä­men sich für die bier­sau­fen­den und grö­len­den deut­schen Fans, gou­tie­ren dies aber an­ders­wo als lu­stig und ori­gi­nell. Ge­sin­nungs-Eu­pho­ri­ker fin­den öster­rei­chi­sche und eng­li­sche Bou­le­vard-Zei­tun­gen gut, die das deut­sche Fuß­ball­spiel im Welt­kriegs- oder Na­zi-Duk­tus auf­be­rei­ten. Zu­hau­se schrei­ben sie Brie­fe, dass ih­nen die »Bild« nicht in den Brief­ka­sten ge­steckt wird. Ge­sin­nungs-Eu­pho­ri­ker füh­len sich bes­ser, weil sie auf an­de­re her­ab­schau­en. Sie sind eli­tär bis in die Kno­chen. Es gibt sie aber glück­li­cher­wei­se fast nur in Deutsch­land. In an­de­ren Län­dern wür­den sie aus­ge­lacht.

22 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Tat­säch­lich wird man als WM-Igno­rie­rer im­mer wie­der in die Ecke de­rer ge­stellt, die ex­pli­zit ge­gen »uns« sind (weil »wir« ja ge­won­nen ha­ben«). Der Fuß­ball­zir­kus ist so groß ge­wor­den, dass man als je­mand, der ein­fach nichts da­mit zu tun ha­ben will, so­fort als Pro­vo­ka­teur wahr­ge­nom­men wird. Das fin­de ich be­denk­li­cher und frap­pie­ren­der wie die paar »Ge­sin­nungs-Eu­pho­ri­ker«, die Ih­nen an­schei­nend das Schrei­ben die­ses über­flüs­si­gen Ar­ti­kels wert wa­ren.

  2. @tobiaslindemann
    Sie ha­ben ver­mut­lich den Text nicht ge­nau ge­le­sen. Es geht nicht um »WM-Igno­rie­rer«. Dass man die­se als Pro­vo­ka­teu­re wahr­nimmt, hal­te ich für Selbst­über­schät­zung. Das To­le­ranz­po­ten­ti­al der so­ge­nann­ten »Fans« ist hö­her als man ge­mein­hin an­nimmt (au­ßer, und das be­daue­re ich als Lärm­has­ser, bei der Un­sit­te der Hup­kon­zer­te). Die Ziel­grup­pe, die ich als Ge­sin­nungs-Eu­pho­ri­ker be­zeich­ne, macht das Ge­gen­teil von Igno­rie­ren: Sie sind sehr wohl und zu­meist aus­ge­zeich­net über Fuß­ball­din­ge in­for­miert.

  3. Bin ich ein Ge­sin­nungs-Eu­pho­ri­ker, nur weil mir die­ses Ge­fühl des dump­fen, sich am Er­folg be­rau­schen­den wir sind Welt­mei­ster­ge­fühls ‚ver­hasst ist. Ich schau mir ein Fuß­ball­spiel ger­ne an oh­ne gleich ein prickeln auf der Haut beim ab­sin­gen der Na­tio­nal­hym­ne zu ver­spüh­ren. Auch ist es mir über­aus un­an­ge­nehm, wenn ein mar­tia­li­sches dump­fes SIEG durch das Sta­di­on hallt. Ich ge­ste­he, ich bin ei­ne Spaß- brem­se, die lie­ber nach ei­nem Fuß­ball­spiel die Stim­men der in­ter­na­tio­na­len Pres­se in der Zei­tung liest, als sich durch die schrei­en­den Über­schrif­ten der Bou­le­vard- Blät­ter
    be­rau­schen läßt.

  4. Wie hät­ten denn die Ar­gen­ti­ni­er, die Bra­si­lia­ner oder die Hol­län­der ge­fei­ert? Fei­ern kann man wohl nur er­tra­gen, wenn man sel­ber drin­steckt, an­dern­falls sind die an­de­ren im­mer »doof«. Ken­ne ich vom Kar­ne­val. Und den Kar­ne­val in Rio fin­den wir dann wie­der toll – man liebt wohl in ei­ner Mi­schung aus Exo­tik, Her­ab­las­sung und Neid die­ses Trei­ben. Da­ge­gen sind die Papp­na­sen in Köln, Düs­sel­dorf oder Mainz ein bisschen...piefig.

    Das von den sieges(be)trunkenen in Bäl­de Hee­re re­kru­tiert wer­den, die dann sonst­wo­hin ein­mar­schie­ren – das mag doch wohl nie­mand ernst­haft glau­ben.

  5. Na ja, so ein­fach möch­te ich to­bi­as­lin­de­manns Ein­wän­de nicht weg­wi­schen. Men­schen, die sich als Nicht-WM-Gucker outen – und das nicht mit dem ent­spre­chen­den Aplomb tun – sind in mei­ner Ge­gen­wart schon mehr­fach als Va­ter­lands­ver­rä­ter ti­tu­liert wor­den. Und das ganz ger­ne von Men­schen, die Tho­mas Mül­ler nicht von Ma­rio Göt­ze un­ter­schei­den kön­nen. Auch wenn dann na­tür­lich ger­ne der »Das war doch nur Spaß!«-Spruch kommt, man ist dann na­tür­lich schon mal aus der Run­de der nor­ma­len und gu­ten Deut­schen raus­ge­schmis­sen wor­den. Und das wird ja nicht da­durch bes­ser, dass Kar­ne­vals-Has­ser sich von Kar­ne­vals-Fans auch an­hö­ren müs­sen, was sie für blö­de Spaß­brem­sen sind. Das Hoch-Iro­ni­sche an der Si­tua­ti­on ist ja, dass man sich um­so we­ni­ger Sche...ß an­hö­ren muss, je of­fen­si­ver man zum Bei­spiel ver­tritt, dass die gan­zen WM-Sai­son-Gucker doch nur däm­li­che Kon­sum­tröp­fe sind oder na­tio­na­li­sti­sche Dep­pen. Al­so, wenn man to­tal of­fen­siv den Kon­flikt an­bie­tet, dann hat man üb­li­cher­wei­se von den Ty­pen, die sich plötz­lich als na­tio­na­les Fan-Kol­lek­tiv zu Hö­he­rem be­ru­fen füh­len, sei­ne Ru­he. Nur muss man halt auch die Ner­ven da­für ha­ben.
    Und es ist nicht ganz oh­ne, zum Pu­blic Viewing von Frank­reich – Deutsch­land im Frank­reich-Jer­sey auf­zu­kreu­zen – und nicht, weil man aus Prin­zip ge­gen Deutsch­land ist, son­dern schon im­mer Frank­reich-Fan war (Mi­chel Pla­ti­ni! Zi­ne­di­ne Zi­da­ne!). Ich mach’ das schon ziem­lich lan­ge (seit 1982) und muss sa­gen: Das ist erst so rich­tig ei­ne Mut­pro­be ge­wor­den seit dem »Som­mer­mär­chen« aka »Du bist Deutschland«-Kampagne – und je mehr Event-Fans man um sich hat, de­sto ag­gres­si­ver wird man an­ge­gan­gen. In ei­ner Knei­pe vol­ler Fuß­ball-Fans, die die Auf­stel­lun­gen der Deut­schen Mann­schaft seit 1954 her­un­ter­be­ten kön­nen, pas­siert mir das ei­gent­lich nie.
    M. E. ha­ben die Leu­te, die die­se gan­ze Na­tio­nal-Even­ti­sie­rung der WM in Deutsch­land kri­tisch se­hen, ei­ni­ge Ar­gu­men­te und vie­le schlech­te Er­fah­run­gen auf ih­rer Sei­te. Bloss soll­te man dann auch so kon­se­quent sein, auch die un­ter­ir­di­schen Aus­fäl­le der an­de­ren zu be­mer­ken und zu kri­ti­sie­ren – und nicht Leu­te toll fin­den, de­ren bru­ta­le Frat­zen halt hin­ter an­de­ren ver­schmier­ten Na­tio­nal­far­ben her­vor­leuch­ten, um mal The­we­leit zu pa­ra­phra­sie­ren.

  6. Mich wür­den na­tür­lich bren­nend auch mal Er­fah­run­gen von Leu­ten in­ter­es­sie­ren, die mit deut­schem Tri­kot in Frank­reich oder, mon dieu!, den Nie­der­lan­den auf­tau­chen. Na­ja.

    Na­tür­lich in­ter­es­sie­ren sich für die WM mas­sig Leu­te, die ab­seits nicht von Eck­ball un­ter­schei­den kön­nen und auf ei­ner Wel­le mit­schwim­men. Toll fin­de ich ja die Tri­kot­käu­fer von Mon­tag!

    Ich ver­mag aber we­der den An­hän­ger noch die WM-Igno­ran­ten als je­weils be­son­ders eh­ren­rüh­ri­ge Zeit­ge­nos­sen an­se­hen. We­der in der ei­nen noch in der an­de­ren Hal­tung ent­decke ich ei­ne be­son­de­re »Qua­li­tät«. So in­ter­es­siert mich bei­spiels­wei­se die For­mel Eins nicht ei­ne Se­kun­de – der gan­ze Hype um Vet­tel und vor­her Schu­ma­cher geht an mir vor­über, oh­ne dass ich mit er­ho­be­nem Zei­ge­fin­ger all die Freun­de des Kreis­fah­rens als Öko­sün­der oder Dep­pen dar­stel­len wür­de.

    Ich ha­be Jahr­zehn­te auf ei­ner Stra­ße ge­wohnt, die fast ex­akt auf der Mit­te zwi­schen dem Haupt­bahn­hof von Mön­chen­glad­bach und dem Bö­kel­berg­sta­di­on lag. Mit den Jah­ren wuss­te man, wann man ab ca. 13 Uhr bes­ser nicht mehr vor die Tür geht (bspw. Bay­ern, HSV, Dort­mund, Köln, Düs­sel­dorf, Duis­burg...) und wann man ent­spannt ein Eis es­sen konn­te (Frei­burg, Karls­ru­he, Nürn­berg). Un­ver­ges­sen als ich mal in ei­nem Zug lan­de­te, in­dem Düs­sel­dor­fer und Schal­ker Fans sa­ßen. Sie be­ach­te­ten mich gar nicht und lie­ßen mich in Ru­he, wäh­rend der Wag­gon im Bahn­hof ste­hend beb­te und wil­de Jag­den auf den Gän­gen statt­fan­den. Als die Bo­rus­sia im eu­ro­päi­schen Wett­be­werb spiel­te und nicht nach Düs­sel­dorf aus­wich, war bei eng­li­schen und hol­län­di­schen Mann­schaf­ten Vor­sicht ge­bo­ten. Will sa­gen: Fuß­ball war im­mer auch Ag­gre­ga­tor für Ag­gres­sio­nen und ich kann nicht ver­ste­hen, war­um die Ver­ei­ne, die Spie­lern Mil­lio­nen­ge­häl­ter be­zah­len, die Po­li­zei­ein­sät­ze nicht be­zah­len sol­len.

    Man mag ei­ne Men­ge über die Pö­bel­kul­tur auch im Netz sa­gen kön­nen. Aber so sind bspw. mei­ne Er­fah­run­gen mit Fuß­ball­blog­gern – auch »Fan­blog­gern« – al­le und aus­nahms­los rund­um po­si­tiv. Man re­spek­tiert den je­wei­li­gen Geg­ner, ist selbst­kri­tisch, was die »ei­ge­ne« Mann­schaft an­geht und hat auch ei­ne ge­hö­ri­ge Por­ti­on Sach­ver­stand. Das kann man na­tür­lich beim »Pu­blic Viewing« nicht im­mer und un­be­dingt er­war­ten. Aber ob das ein ty­pisch deut­sches Phä­no­men ist?

    (PS zu Frank­reich: Selbst­ver­ständ­lich ha­be ich ge­ju­belt, als Frank­reich 1998 Welt­mei­ster wur­de, weil mir die Ar­ro­ganz der Bra­si­lia­ner ge­hö­rig auf den Keks ging. Zu­dem war die Mann­schaft da­mals wirk­lich spie­le­risch die be­ste der Welt. Zi­da­ne wer­de ich dann nie ver­zei­hen, dass er sich 2006 zu dem Kopf­stoss hat hin­rei­ssen las­sen und da­mit aus­ge­rech­net Ita­li­en den Sieg er­leich­tert hat. [Ita­li­en geht NIE!!! – Nach dem Be­trug vom 7:1‑Spiel!] – Mit Pla­ti­ni konn­te ich nie et­was an­fan­gen. Er ist ja auch ein ganz schreck­li­cher UE­FA-Prä­si­dent.)

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  8. Der An­trag auf Aus­nah­me­gen­emi­gung geht Ih­nen schrift­lich zu. Ich kann mich zwar mei­ner Sym­pa­thi­en für die Elf­tal seit Cru­yff-Sei­ten nicht er­weh­ren, war aber trotz­dem in der La­ge mich zu freu­en.
    Die Bol­ze­rei ist seit der WV nun mal der be­ste Ka­ta­ly­sa­tor, für et­was, was, sei­en es Gos­sen-So­zio­lo­gen wie Wag­ner, Clau­dia Roth oder ernst­zu­neh­men­de Men­schen so ger­ne als »ge­sun­den« Pa­trio­tis­mus be­zeich­nen.
    Und ja: Mut­tis Po­lit-Mar­ke­ting im Ver­bund mit schmie­ri­gen ÖR fin­de ich wi­der­lich und wünsch­te mir die sou­ve­rä­ne Ge­las­sen­heit ei­nes T. Heuss. The­we­leit hat am Mon­tag­mor­gen ein paar klu­ge Sät­ze da­zu im DLF ge­sagt.
    Bleibt die Hoff­nung, daß ich, nun wohl Ge­sin­nungs-Eu­pho­ri­ker, nicht au­to­ma­tisch auch noch als »Gut­mensch« ab­ge­stem­pelt wer­de. Das Dum­me mit den se­dier­ten Massen, die da ge­stern in Ber­lin so toll »ge­fei­ert« ha­ben ist le­dig­lich, daß man sich mit ih­nen schwer­lich über Fuß­ball un­ter­hal­ten kann.

  9. Die klu­gen Sät­ze von The­we­leit muss ich wohl über­hört ha­ben. Wer Massen ver­ach­tet, ver­ach­tet am En­de auch De­mo­kra­tie. Die Li­ste de­rer ist el­len­lang.

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  11. Of­fen­sicht­lich scheint The­we­leit bei ei­ni­gen ei­nen Nerv ge­trof­fen zu ha­ben. Ich hab’ die Äu­ße­rung über die bru­ta­len Frat­zen gar­nicht als Ver­ach­tung der Massen ver­stan­den – viel­leicht, weil ich je­man­den, der so pas­sio­niert Fuß­ball live im Sta­di­on ver­folgt, und das seit Jah­ren, eli­ti­sti­scher Am­bi­tio­nen für un­ver­däch­tig hal­te. Und ich fand die For­mu­lie­rung »bru­ta­le Frat­zen« ganz stim­mig zu mei­nen (auch äs­the­tisch) un­schö­nen Er­fah­run­gen rund um die WMs. Wo­bei ich da ne­ben Deutsch­land-be­mal­ten auch di­ver­se Kroa­ti­en- und Ita­li­en­fans in un­gu­ter Er­in­ne­rung be­hal­ten wer­de. Su­per nett war es da­ge­gen mit Iran-Fans: Das war qua­si ei­ne An­ti-Re­gie­rungs­de­mo ge­tarnt als Pu­blic Viewing. Mit un­glaub­lich gut aus­se­hen­den Frau­en.

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  13. @tobiaslindemann
    Die ab­ge­lau­fe­ne Fuß­ball-WM war ein in­ter­na­tio­na­les Groß­ereig­nis! Über­all auf der Welt, auf al­len Kon­ti­nen­ten un­se­res Plan­ten, wur­den Ein­schalt­qo­ten-Re­kor­de ge­bro­chen.
    So auch in Deutsch­land, das Fi­na­le war die meist­ge­se­he­ne Fern­seh­sen­dung der deut­schen Ge­schich­te. Mil­lio­nen von Men­schen in Deutsch­land la­gen sich fei­ernd in den Ar­men, Schwarz – Rot – Gold wo­hin man sah, die Pres­se kann­te kaum ein an­de­res The­ma. Je­den Tag Über­tra­gun­gen von Spie­len, aus dem Mann­schafts­quar­tier, von der An­kunft in Ber­lin. Je­de Ti­tel­sei­te je­der Zei­tung hat­te was mit der WM zu tun.
    Da­zu nun ei­ne Fra­ge: Wie kann man das denn bit­te igno­rie­ren?
    Man kann das gern doof fin­den. Oder toll. Oder so mit­tel. Aber ein sol­ches welt­wei­tes Groß­ereig­nis zu igno­rie­ren, ist eben ge­nau das: igno­rant.
    Sie müs­sen sich al­so nicht wun­dern, wenn an­de­re Men­schen Sie ent­spre­chend merk­wür­dig oder gar un­sym­pa­thisch fin­den.

  14. @wurstbrot: Vor­sicht mit dem Ver­wei­ßen auf Ein­schalt­quo­ten etc., v.a. wenn sie vom Ver­an­stal­ter selbst kom­men. Da sind Wunsch und Wirk­lich­keit oft 2 Paar Schu­he, au­ßer­dem sind die Er­he­bungs­me­tho­den nicht im­mer aus­sa­ge­kräf­tig. Und nicht über­all war die WM das na­tio­na­le Er­eig­nis. Da braucht mal nur mal über den Rhein zu schau­en: In Frank­reich war die WM kein so gro­ßes Ding wie bei uns, und das nicht nur, weil les bleus nicht ins Fi­na­le ge­kom­men sind. Lu­stig ist ja eher, wie wir pro­vin­zi­el­len Fuß­ball-Hei­nis nicht mit­be­kom­men, wel­che an­de­re Sport­ar­ten im Rest der Welt von Fan­ta­stil­li­ar­den Men­schen ge­schaut wer­den, z. B. Rug­by, Hockey und Cricket. Oder ge­ra­de die Tour de Fran­ce.

  15. @Wurstbrot
    Man kann es doof fin­den und we­nig­stens weit­ge­hend igno­rie­ren. War­um nicht? Es ist ja ei­ne der Er­run­gen­schaf­ten der Mo­der­ne, sich von den an­de­ren ab­sen­tie­ren zu kön­nen. In­ter­es­sant fin­de ich im­mer wie­der, wel­chen Stel­len­wert in den USA der »Su­per Bowl« ge­niesst. Oder in Frank­reich die »Tour de Fran­ce« (im­mer noch?)

    Selbst als ex­zes­si­ver Gucker war mir die Prä­senz in den Me­di­en zu hoch. Wenn in der Halb­zeit­pau­se der Spie­le die oh­ne­hin ver­kürz­ten Nach­rich­ten noch zu mehr als 50% aus Fuß­ball be­stan­den – al­so das, was 99% der Zu­ge­schal­te­ten schon ge­se­hen hat­ten – ist das ziem­lich »igno­rant« den an­de­ren The­men ge­gen­über. Die­se Über­me­dia­li­sie­rung hat vie­le Grün­de: Zum ei­nen ist es re­la­tiv ein­fach, 23 Kickern in schö­ner Ab­wechs­lung im­mer die glei­chen däm­li­chen Fra­gen zu stel­len und ei­nen auf »Be­deu­tung« zu ma­chen. Zum an­de­ren spült es Wer­be­ein­nah­men in die Kas­sen, um dann dem­nächst noch ein paar Fett­näpf­chen­su­cher mehr an Ori­gi­nal­schau­plät­zen zu ver­gat­tern.

  16. @Gregor:
    »Die Ziel­grup­pe, die ich als Ge­sin­nungs-Eu­pho­ri­ker be­zeich­ne, macht das Ge­gen­teil von Igno­rie­ren: Sie sind sehr wohl und zu­meist aus­ge­zeich­net über Fuß­ball­din­ge in­for­miert.«

    Dar­an ha­be ich lei­se Zwei­fel. Die­se Art Leu­te schei­nen mir weit­ge­hend (1) noch nie ei­ne Fan­kur­ve von in­nen ge­se­hen zu ha­ben (oder auch nur von au­ssen), wis­sen Ge­sän­ge und ähn­li­ches al­so we­der quan­ti­ta­tiv noch qua­li­ta­tiv gut ge­nug ein­zu­schät­zen, und schei­nen (2) nicht zu­letzt von ei­nem un­ter­schwel­li­gen Duck­mäu­ser­tum von »oh­got­toh­gott, wie ste­hen wir denn jetzt wie­der im Aus­land da?« mo­ti­viert zu sein und kön­nen Stim­mungs­bil­der und Na­tio­nal­ste­reo­ty­pen im Aus­land (auch an­de­rer Län­der un­ter­ein­an­der, ab­seits Deutsch­lands) eben­so­we­nig ein­schät­zen. Wä­ren sie in­for­miert, wüss­ten sie, dass die deut­sche Na­tio­nal­mann­schaft seit Ewig­kei­ten kei­nen so gu­ten Ruf im Aus­land ge­nos­sen hat und so sym­pa­thisch wahr­ge­nom­men wird wie jetzt, bzw. wie seit ei­ni­gen Jah­ren, und dass der ak­tu­el­le Er­folg und das Fei­ern des­sel­ben ziem­lich weit­ge­hend ge­gönnt wird.

  17. ich bin ge­sin­nungs-eu­pho­ri­ker weil mich an­kotzt wie das er­geb­nis ei­nes fuß­ball­spiels me­ta­phy­sisch auf­ge­bauscht wird. ich bin ja jetzt auch welt­mei­ster, ob­wohl ich au­ßer ein paar dum­me kom­men­ta­re vorm fern­se­her ab­ge­las­sen zu ha­ben gar nicht mit­ge­spielt ha­be. als deut­scher darf/muss ich jetzt ein neu­es selbs­be­wußt­sein ha­ben. ro­stock-lich­ten­ha­gen, ju­go­sla­wi­en­krieg – an so was muss ich dann den­ken, auch wenn die mei­sten jun­gen schwarz­rot­gold­be­mal­ten men­schen die »sieg, sieg, sieg und jetzt das deut­sche lied« skan­die­ren­den stamm­tisch­hel­den ko­misch an­gucken.

  18. @nona
    Sie müs­sen bit­te be­rück­sich­ti­gen, dass mein Text vor dem so­ge­nann­ten »Gau­cho­ga­te« ent­stan­den ist. Die von Ih­nen skiz­zier­te Grup­pe gibt es na­tür­lich auch und in mei­nem klei­nen Text­lein ha­be ich na­tur­ge­mäß et­was grob­kör­nig zeich­nen müs­sen.

    @gesinnungseuphoriker
    Lich­ten­ha­gen war 1990; die Be­tei­li­gung am Ju­go­sla­wi­en­krieg wur­de von der deut­schen Lin­ken 1999 be­trie­ben (un­ter Kohl hät­te es das nicht ge­ge­ben; er wä­re bei sei­ner Scheck­buch­au­ßen­po­li­tik ge­blie­ben). Rechts­na­tio­na­li­sti­sche Par­tei­en er­hal­ten in Deutsch­land bei Wah­len re­gel­mä­ssig zwi­schen 1% und 2% und nicht 25%. Ich weiss nicht, wel­ches »deut­sche Lied« die Ju­gend­li­chen an­stim­men, aber ein Sieg war es ja nun mal. Er wä­re im üb­ri­gen über­all be­ju­belt wor­den.

    Über das »Wir«, dass bei ei­ner sol­chen Ver­an­stal­tung, die na­tür­lich längst zum Kom­mer­ze­vent ver­kom­men ist, ent­ste­hen kann emp­feh­le ich F. C. De­li­us’ »Der Sonn­tag, an dem ich Welt­mei­ster wur­de«.

    Ich glau­be, dass es der sä­ku­la­ren Ge­sell­schaft gut in den Kram passt, den Fuß­ball »me­ta­phy­sisch«, aber vor al­lem kul­tur­phi­lo­so­phisch-ge­sell­schaft­lich »auf­zu­la­den«. Sie fin­den da­zu hier et­was – und da zei­gen sich auch die Gren­zen die­ser Un­ter­neh­mun­gen. Und da ist vom »Auf­bau­schen« noch gar nicht die Re­de, denn das be­trei­ben ja auch Sie.

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