…ich weiß nicht mehr genau, wann das war als meine Mutter nach einer Diskussion, einem Disput oder vielleicht nur einer unbedachten Bemerkung derart verletzt war, dass sie in eine gewisse Rage geriet, schimpfte – das tat sie oft – dann aber, und das bekümmerte und besorgte uns, U. und mich, plötzlich zu weinen anfing, uns nun ihrerseits mit Worthieben verletzte, vielleicht sogar beleidigte und da trafen sich mit mir und ihr plötzlich zwei sich gegenseitig hochschaukelnde Choleriker aufeinander, während U. daneben saß und hilflos versuchte, zu beschwichtigen. Wie gesagt, ich weiß nicht mehr genau, wann das war, aber es war an einem sogenannten Heiligen Abend, am 24.12., nach dem Essen, aber ich habe jegliche Erinnerung an die äußeren Umstände verloren. Ich weiß nur noch, was dann geschah, sie stand auf, wäre fast gestürzt, denn sie war nicht mehr ganz rüstig (es muss also in der zweiten Hälfte der 80er Jahre gewesen sein, falls die Erinnerung richtig ist) und lief (!) in Richtung Badezimmer, wobei wir uns nichts dabei dachten und uns in unsere Zimmer zerstreuten. Ich war wütend, denn ich mag es nicht, wenn jemand einem Streit, sei er auch noch so hart, davonläuft, sich entzieht und ich hätte lieber noch einige Schimpfkanonaden meiner Mutter gehört, auf die ich dann hätte reagieren können.
Lothar Struck
Peter Handke: Tage und Werke
Mit »Tage und Werke« setzt der Suhrkamp-Verlag die Reihe der Aufsatzsammlungen Peter Handkes fort. Der letzte Band aus dem Jahr 2002 (»Mündliches und Schriftliches«) versammelte Texte von 1992 bis 2001; neben Aufsätzen zu Schriftstellern (unter anderem Karl-Philipp Moritz, Hermann Lenz, Georges-Arthur Goldschmidt, Josef W. Jancker oder Ralf Rothmann) auch einige über Handkes zweiter Leidenschaft neben ...
Manfred Mittermayer: Thomas Bernhard – Eine Biografie
Manfred Mittermayer ist nicht irgendwer, wenn es um Thomas Bernhard geht. Seine Publikationsliste zu dem österreichischen Schriftsteller ist lang. Mittermayer hat einige Bände der Thomas-Bernhard-Gesamtausgabe mit herausgegeben. Auf der Webseite des Literaturarchivs Salzburg wird er als Vorstandsmitglied der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft geführt1; auf deren Webseite nicht (mehr?). 2006 erschien von ihm eine bei Suhrkamp ...
Längst abgekoppelt
Erlangen, Sonntag, 30. August 2015. 14.00 Uhr. 33 Grad. 35. Erlanger Poetenfest. Ort: Orangerie. Fünf Menschen auf dem Podium. Rund 100 Menschen im Saal, weitere 100 (geschätzt) draußen auf der Wiese, lautsprecherbeschallt. » ‘Elendes Kumpelsystem’ – Kritik der Kritik« ist das Thema der Diskussion mit Ursula März, René Aguigah, Jörg Sundermeier, Florian Felix Weyh (als Moderator) und mir.
Weyh eröffnete die Diskussion. Er wies darauf hin, dass die Kritik an der Literaturkritik nicht neu sei und dass es etliche Bücher mit Rezensentenbeschimpfungen gebe. Der Titel dieser Diskussion war einem BuchMarkt-Interview vom Januar dieses Jahres mit Jörg Sundermeier entnommen. Weyh stellt die Teilnehmer vor und versprach: »Wir wollen Tacheles reden« und »die Beziehungen untereinander aufklären.« Weyh begann bei sich selbst zuerst. Dann ging die Frage »Können sie mir sagen, wen Sie kennen und wie Sie die kennen?« an Ursula März. Diese auf Transparenz zielende Frage, die zur Situationsbestimmung gedacht war (Weyh wies darauf hin, dass er als freier Mitarbeiter beim Deutschlandradio Kultur unter Umständen mit Ursula März konkurriere), war wohl für Frau März zu viel. Ihre Mischung aus Philippika und Schimpftirade vom Beginn sei hier dokumentiert (in Fussnoten stehen hierzu meine subjektiven Anmerkungen):
Jan Koneffke: Ein Sonntagskind
In seinem Buch »Die Flakhelfer« versuchte der Publizist Malte Herwig nicht nur die Verstrickungen der Generation der um 1927 geborenen in den Nationalsozialismus zu dokumentieren und aufzubereiten, sondern auch zu verstehen. Es war die Generation, die »ihre Jugend im ‘Dritten Reich’ verbracht« hatte, eine, wie es in Heinz Reins Roman »Finale Berlin« aus dem Jahr ...
Florian L. Arnold: Ein ungeheuerlicher Satz

Ein ungeheuerlicher Satz
»Novelle« nennt Florian L. Arnold sein Buch »Ein ungeheuerlicher Satz«. Seit einigen Jahren bedienen sich Verlage dieser Gattungsbezeichnung vermehrt, um kurze Erzählungen, die nicht als Roman vermarktet werden können, aufzuwerten. »Novelle« dient dabei Fall als Distinktionsmerkmal gegenüber »Erzählung«. Hier trifft diese Spielerei jedoch nicht zu. Es handelt sich tatsächlich um eine »unerhörte Begebenheit«, wie Goethes Definition der Novelle lautete. Der namenlose Ich-Erzähler, ein 13jähriger Junge (?), wird eines Tages mit einem »ungeheuerlichen Satz« seines Vaters konfrontiert: »Wir gehen weg«. Die Folgen werden einschneidend sein.
Man lebt in einer Art Wildnis; für sich, alleine. Die Zeit, in der die Novelle spielt, ist nicht eruierbar. Zwei‑, dreimal im Jahr fährt die Familie mit einem alten, »selbstmordgefährdeten« Auto in die Stadt. Dort kauft man unter anderem schwarze, unlinierte Hefte, die vom Vater irgendwann zwanghaft vollgeschrieben und von der Mutter dann per Post nach »Ignatu« verschickt werden. Ansonsten lebt man vom Gemüsegarten. Es scheint weder Telefon noch Internet zu geben. Soziale Kontakte halten sich in Grenzen, bleiben schließlich bis auf einen gewissen Rösenmarrer gänzlich aus (und sofort denkt man bei diesem Namen an Roithamer aus Thomas Bernhards »Korrektur«).
Der Vater, eine Hermann-Burger-Figur, ist ein rauchender Melancholiker, geheimnisvoll in seinem scheinbar kindischen Hass auf das Licht, die Sonne, die Hitze, den Sommer. Ein Mann, der mit seinem Sohn über einen längst verwilderten Friedhof spaziert und Grabsteine buchstabiert, entziffert und sich von seinem Kind die Lebensdaten ausrechnen lässt.
Literaturkritik versus Literaturjournalismus
Jörg Sundermeier, Chef des Verbrecher-Verlags, sorgte mit seinem Interview im »BuchMarkt« vom 25.01. für einiges Aufsehen. In einer Art heiligem Zorn beklagte er den Niedergang der Literaturkritik. Im Teaser zum Interview wird auf ein Kolloquium über Literaturkritik am 30.01. in Mainz hingewiesen. Dabei lohnt ein Blick auf die Vortragenden; unter anderen wirken mit: Sandra Kegel, ...
Neues vom ORF
Am 19.10. fragte ich, ob die journalistische Praxis des ORF darin besteht, Quellen zu verwenden, ohne diese angemessen zu nennen. Mein diesbezügliches Schreiben an den Programmdirektor des ORF, Karl Amon, wurde mit Datum vom 30.10.von einem gewissen Dr. Peter Klein (Funktion: »Österreich 1 / KULTUR»1 ) beantwortet. Kurz und ein wenig vereinfachend gesagt lautet die ...