Aus­lö­schung (1)

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Das Prin­zip des Main­streams, der an­schwel­len­den, Zu­flüs­se sich ein­ver­lei­ben­den und im­mer wei­ter an­schwel­len­den Strö­me, ent­spricht der vi­ra­len Aus­brei­tung von In­hal­ten im In­ter­net, ist aber nicht nur dort vor­zu­fin­den, son­dern auch an­ders­wo, in wirk­li­chen Wel­ten, zum Bei­spiel hier, in die­ser ana­lo­gen Si­mu­la­ti­ons­welt na­mens Kid­za­nia, gegen­über vom Ko­shi­en-Base­ball­sta­di­on im Her­zen der In­du­strie­zo­ne zwi­schen Osa­ka und Ko­be. Kin­der kom­men in Be­glei­tung ih­rer El­tern oder Groß­el­tern hier­her und ar­bei­ten, ge­nau­er: sie »ar­bei­ten« – die An­füh­rungs­zei­chen sol­len auf den Spiel­cha­rak­ter ver­wei­sen, denn die Kin­der ar­bei­ten nicht »echt«, es han­delt sich nicht um ei­nen Ort der Aus­beu­tung schwa­cher, schutz­lo­ser Ar­beits­kraft, son­dern um spie­le­ri­sche Nach­ah­mung mit Hil­fe von rea­li­sti­schen At­trap­pen bzw. Rea­li­täts­bruch­stücken (Aus­stat­tung, Ge­rä­te, klei­ne Ma­schi­nen).

Am frü­hen Mor­gen ei­nes schul­frei­en Fei­er­tags strö­men Hun­der­te, Tau­sen­de Kin­der in Be­glei­tung von Er­wach­se­nen her­bei. Die si­mu­lier­te Stadt mit ih­ren Geh­stei­gen und Stra­ßen, Plät­zen und Ge­schäf­ten und Re­stau­rants (ech­te ne­ben si­mu­lier­ten) füllt sich bis zu ei­ner Men­schen­dich­te wie zu den Stoß­zei­ten in Um­e­da, wo meh­re­re Bahn­hö­fe auf­ein­an­der­tref­fen. Die Kin­der be­tä­ti­gen sich, die Er­wach­se­nen sind Zu­schau­er oder blei­ben am Rand, spie­len oder schla­fen. Das al­les kann nur durch star­ke fi­nan­zi­el­le In­ve­sti­ti­on funk­tio­nie­ren, In­ve­sti­ti­on in Ma­te­ri­al, aber auch in Per­so­nal, das den Kin­dern an al­len Ecken und En­den zur Sei­te steht und ziem­lich ri­gi­de Zeit­plä­ne durch­setzt, denn je­des Kind will sich an so ei­nem Spiel­tag in mög­lichst vie­len Be­ru­fen be­tä­ti­gen. Mei­ne Toch­ter zum Bei­spiel war Flug­be­glei­te­rin und Rechts­an­wäl­tin, Klei­der- und Brillenver­käuferin, Mo­del und Jour­na­li­stin und Ra­dio­ma­che­rin. Sie war nicht Ärz­tin, Feuerwehr­frau, Zucker­bäcke­rin... Noch nicht, wir kom­men wie­der. Ein Mäd­chen, mit dem sich mei­ne Toch­ter an­freun­de­te, war schon 59 Mal hier.

Mädchen mit Brille - © Leopold Federmair

Mäd­chen mit Bril­le – © Leo­pold Fe­der­mair

In­ve­sti­tio­nen müs­sen sich amor­ti­sie­ren, auch in Kid­za­nia. Un­ter den ge­schil­der­ten Vor­aus­set­zun­gen amor­ti­sie­ren sie sich nur, in­dem sie ein Mas­sen­pu­bli­kum an­zie­hen. Ärz­tin oder Rich­ter oder Bäcker spie­len kön­nen Kin­der auch zu Hau­se, im Kin­der­gar­ten oder an klei­ne­ren Spiel­stät­ten, aber die Viel­falt und In­ten­si­tät von Kid­za­nia ist dort nicht er­reich­bar. Kid­za­nia ge­hört dem Kon­text ei­ner Kul­tur­in­du­strie an, die mit gro­ßen, über­individuellen Ein­hei­ten ope­riert, ähn­lich wie das kom­mer­zi­el­le Ki­no à la Hol­ly­wood oder The­men­parks à la Dis­ney­land. Ein gro­ßer, wach­sen­der Teil des heu­ti­gen Ka­pi­ta­lis­mus ist kul­tu­rell, das heißt pop­kul­tu­rell, denn an­ders wür­de er die Massen nicht er­rei­chen. Und die Be­we­gun­gen, die er in Gang setzt, las­sen sich un­ter dem Wort »Main­stream« zusam­menfassen. Im klei­nen wür­de ei­ne rie­sen­gro­ße klei­ne Welt wie Kid­za­nia nicht funk­tionieren. Un­be­wußt spei­chern die Ge­hir­ne der Kin­der die Na­men, Lo­gos, Farbkom­binationen der Fir­men und Mar­ken, mit de­nen Kid­za­nia ko­ope­riert. Die­se Fir­men stel­len Ge­rä­te und Ar­beits­klei­dung be­reit, die nach­hal­ti­ge Wer­be­wir­kung ist ei­ne nach­hal­ti­ge Be­loh­nung da­für. Ador­no hat sol­che Phä­no­me­ne, die er in der An­fangs­pha­se der Kultur­industrie ken­nen­lern­te, gries­grä­mig be­ob­ach­tet und fun­da­men­tal­kri­tisch ana­ly­siert. In ei­ner Zeit, in der Kul­tur den Mo­tor – oder je­den­falls ei­nen der we­sent­li­chen An­trie­be – des gan­zen Wirt­schafts­sy­stems aus­macht und die Be­gehr­lich­kei­ten in al­len mög­li­chen Aus­for­mun­gen sti­mu­liert, wirkt sei­ne Un­duld­sam­keit fehl am Platz, fast ein we­nig lä­cher­lich, als woll­te der glatz­köp­fi­ge Al­te den Kin­dern (und Er­wach­se­nen) ihr lieb­stes Spiel­zeug weg­neh­men, das ih­nen nicht nur die Zeit ver­treibt, son­dern auch bei der Er­schlie­ßung der Welt hilft, und zwar in ei­ner – ich ha­be das Wort schon ge­braucht – Viel­falt, die vor­in­du­stri­el­le Spiel­sze­na­ri­en, die es wei­ter­hin gibt und ge­ben soll, nie­mals bie­ten kön­nen.

Aber... Main­stream und Viel­falt, wie geht das zu­sam­men? Geht das zu­sam­men? Ich weiß es nicht. Täg­lich und über­all zu be­ob­ach­ten­de Tat­sa­che ist, daß sich die Le­bens­welt der Men­schen in­fan­ti­li­siert und gam­ei­fi­ziert hat, daß je­der ei­nen Mi­ni­com­pu­ter vor sich her­trägt oder im Au­to, auch am Steu­er, mit sich führt und der pri­mä­ren Welt we­nig Be­ach­tung schenkt, und daß ne­ben dem Kon­sum von Por­no­gra­phie das Spie­len von Ga­mes, die nicht dem Ler­nen, son­dern dem Zeit­tot­schla­gen die­nen, die Haupt­ak­ti­vi­tät der mensch­li­chen Com­pu­ter­ac­ce­soirs dar­stellt. Die Men­schen spie­len; sie wer­den ge­spielt, sind Fi­gu­ren in ei­nem rie­si­gen, erd­um­span­nen­den Wirt­schafts­spiel. Pa­nem et cir­cen­ses, wie ge­habt. Ver­hun­gern kann man in den west­li­chen Län­dern nicht, an Le­bens­mit­teln herrscht Über­schuß, junk food ko­stet fast nichts. Es kann ei­nem frei­lich pas­sie­ren, daß man oh­ne Dach überm Kopf da­steht, denn Woh­nen ist teu­er. Dann hat man im­mer noch sei­ne Dis­plays, sei­ne Spiel­ge­rä­te, um in ei­ne vir­tu­el­le Welt ab­zu­tau­chen.

Jähr­lich be­su­chen in Ja­pan zir­ka 17 Mil­lio­nen Per­so­nen To­kyo Dis­ney­land. Es sind bei wei­tem nicht nur Kin­der, auch vie­le Er­wach­se­ne su­chen dort – oh­ne Be­glei­tung von Kin­dern, die in die­sem Land im­mer we­ni­ger wer­den – Un­ter­hal­tung. In ei­nem Ro­man von Hi­ro­mi Ka­wa­ka­mi fährt ein et­was selt­sa­mes Paar, ein pen­sio­nier­ter Leh­rer und sei­ne ehe­ma­li­ge, in­zwi­schen 38jährige Schü­le­rin, nach Dis­ney­land, um sei­ne un­ver­hofft ent­flamm­te Lie­be zu be­sie­geln. Die Sze­ne wird von der Au­torin ganz iro­nie­frei er­zählt. Ich ver­mu­te, will der Ver­mu­tung aber nicht wei­ter nach­ge­hen, daß vie­le Frisch­ver­mähl­te in Dis­ney­land ih­re Flit­ter­wo­chen fei­ern...

Na­ruho­do, wie der Ja­pa­ner sagt. Ich konn­te der Ver­su­chung nicht wi­der­ste­hen und ha­be ge­goo­gelt. Tat­säch­lich bie­tet die En­ter­tain­ment­fir­ma ein Fai­ry Ta­le Wed­ding Pro­gram. Mit Ka­pel­le, Ban­kett­saal und so wei­ter. Die Hei­rats­wil­li­gen be­tre­ten ih­re ge­mein­sa­me Spiel­welt, die sie in man­chen Fäl­len wohl bis zu ih­rem Tod nicht mehr ver­las­sen wer­den. Ei­nes Ta­ges wird die Fir­ma auch Dis­ney-Be­stat­tun­gen an­bie­ten, mär­chen­haf­te Fried­hö­fe, auf de­nen es sich in ewi­gem Froh­sinn ru­hen läßt. Es ist schon Jah­re her, daß mich das An­ge­bot der uni­ver­si­tä­ren Ko­ope­ra­ti­ve, die sonst für die Ver­sor­gung der Stu­den­ten mit Bü­chern, Schreib­wa­ren, Sü­ßig­kei­ten und an­de­ren Le­bens­mit­teln zu­stän­dig ist, aber auch ein Rei­se­bü­ro be­sitzt, von Stu­di­en­ab­schluß­rei­sen nach To­kyo-Dis­ney­land in Stau­nen ge­setzt hat. All in­clu­si­ve na­tür­lich, Über­nach­tung in ei­nem der Dis­ney-Ho­tels. Die jun­gen Leu­te, die das An­ge­bot wahr­neh­men, sind um die 23 Jah­re alt. In­zwi­schen über­ra­schen mich die­se Ak­ti­vi­tä­ten nicht mehr. Wenn nach den Fe­ri­en ein Stu­dent auf mei­ne Fra­ge, was er so ge­tan ha­be, die Aus­kunft gibt, er ha­be ei­ne Rei­se nach To­kyo ge­macht, be­kommt er mei­ne mitt­ler­wei­le au­to­ma­ti­sier­te Be­mer­kung zu hö­ren: Al­so in Dis­ney­land? Die Ant­wort dar­auf ist in den mei­sten Fäl­len ja. Ich ken­ne nicht we­ni­ge jun­ge Leu­te, die im Spiel­land wa­ren, aber noch nie im »rich­ti­gen« To­kyo. Ich selbst war schon oft im rich­ti­gen To­kyo, aber noch nie im Spiel­land. Ich möch­te aber gern ein­mal hin, sei es auch nur zu Be­ob­ach­tungs­zwecken. Oder mit mei­ner Toch­ter – aber es wird noch ei­ne Wei­le dau­ern, bis sie sich ge­gen ih­re Mut­ter durch­setzt, die dem ame­ri­ka­ni­schen En­ter­tain­ment ab­leh­nend ge­gen­über­steht. Ein­mal ha­ben wir in To­kyo, in ei­nem na­gel­neu­en, sehr ge­räu­mi­gen und be­que­men Ki­no in Rop­pon­gi, zu­sam­men Fro­zen ge­se­hen, den com­pu­ter­ge­ne­rier­ten Dis­ney-Zei­chen­trick­film, der sich bei sei­ner Ge­schich­te auf ein Mär­chen An­der­sens stützt. In dem bis auf den letz­ten Platz ge­füll­ten Ki­no wa­ren nur we­ni­ge Kin­der, fast nur Er­wach­se­ne, viel­leicht auch des­halb, weil der Film am Abend lief.

Ich ver­mu­te, daß dies welt­weit auf die so­ge­nann­ten ent­wickel­ten Län­der zu­trifft, doch in die Au­gen springt es mir be­son­ders in Ja­pan, die­sem in je­der Hin­sicht fort­ge­schrit­te­nen ka­pi­ta­li­sti­schen Land: die Ge­sell­schaft, al­so die Men­schen in ih­rer Mehr­zahl, hat sich in­fan­ti­li­siert. Die Ent­wick­lung der Tech­no­lo­gi­en und der Wa­ren­welt, die stän­di­ge Ver­fügbarkeit von al­lem und je­dem, hat zu ei­ner Blockie­rung und Um­keh­rung der Ent­wicklung im vor­herr­schen­den Per­sön­lich­keits­mo­dell ge­führt. Die be­rühm­te Fi­gur des Hi­ki­ko­m­ori, der den Rest sei­nes Le­bens zu Hau­se ver­bringt und dort was tut? – vermut­lich Vi­deo­ga­mes spielt, die gan­ze Wel­ten ab­bil­den: die­ser zeit­ge­nös­si­sche Ver­wand­te des pas­si­ven Hel­den Bart­le­by ist nur die Spit­ze des Eis­bergs, die un­sicht­ba­re, von den Me­di­en ge­such­te und sicht­bar ge­mach­te Ge­stalt ei­nes viel all­ge­mei­ne­ren Phä­no­mens, näm­lich der Angst, des Un­wil­lens oder des Über­drus­ses, sich ei­ner weit­ge­hend schon über­flüs­sig ge­wor­de­nen ern­sten, in Ja­pan von Jahr zu Jahr strik­te­ren, ganz und gar nicht spie­le­ri­schen Ar­beits­welt aus­zu­set­zen und ei­ne Fa­mi­lie zu grün­den, das al­te Mo­dell bei­zu­be­hal­ten und fort­zu­set­zen, was im­mer kost­spie­li­ger und auf­wän­di­ger und hoff­nungs­lo­ser wird, je­den­falls in der Selbst­wahr­neh­mung der Be­trof­fe­nen, der In­fan­ti­li­sier­ten. Wo­zu er­wach­sen wer­den? Al­lent­hal­ben spie­gelt dir die Wer­bung die Vor­zü­ge des Jung­seins vor.

© Leo­pold Fe­der­mair

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11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. wow, dass »die Höl­le in uns« sich ein­mal vir­tu­ell ma­ni­fe­stie­ren wür­de, war mir schon lan­ge klar. Ich wuss­te nur nicht, dass es so schnell re­al wer­den wür­de...;-)

    Die Zu­kunft wird al­so in Ja­pan »ge­macht« und aus­nahms­wei­se nicht in USA? Soll uns das jetzt hoff­nungs­voll stim­men?
    Wenn ich mir die heu­ti­ge »Ge­nera­ti­on Han­dy« an­se­he, ist zu ver­mu­ten, dass zu­künf­ti­ge Men­schen in der »schö­nen neu­en Welt« eher nicht un­glück­lich sein wer­den.

  2. Doch, vie­le Men­schen sind hier un­glück­lich (will gar nicht auf Selbst­mord­sta­ti­sti­ken, Hi­ki­ko­m­ori und son­sti­ge stum­me Ver­wei­ge­rer ver­wei­sen). Mei­ne Er­fah­run­gen sa­gen mir, daß psy­chi­sche Stö­run­gen um sich grei­fen.

  3. Schü­ler und Zug­füh­rer sind mei­nes Wis­sens be­son­ders un­glück­lich in Ja­pan (Zug­un­glück Ama­ga­sa­ki, 2005, Film: Bra­keless). Auf­grund von Lei­stungs­druck und Schi­ka­nen.

    Dass (nicht nur) die­se dann »ihr Glück« in vir­tu­el­len Wel­ten su­chen, er­scheint mir nach­voll­zieh­bar. Sie wür­den es nicht tun, wenn sie nicht glau­ben wür­den, dass sie dort glück­lich sind, oder? (Sie dür­fen nur nicht auf­fal­len, sonst wer­den sie ge­mobbt.)

    Wir woll­ten, dass al­le Men­schen gleich sind in ih­ren Chan­cen, aber wir er­le­ben, dass die Welt zer­fällt in »Kon­su­mi­sten«, Ma­te­ria­li­sten und Krea­ti­ve.
    Un­se­re Auf­ga­be be­steht mMn dar­in, er­ste­ren zu zei­gen, dass die ei­ge­ne Krea­ti­vi­tät sie glück­lich ma­chen kann. Am ehe­sten ge­lingt das noch bei Kin­dern un­ter 10 Jah­ren.

    Wenn sie erst­mal ein Han­dy ha­ben oder ei­ne Hand­held-Kon­so­le (NDS z.B.) ist fast schon al­les ver­lo­ren...

  4. Durch mei­ne Toch­ter er­le­be ich den ja­pa­ni­schen Schul­all­tag mit. Mei­nes Er­ach­tens be­steht er nur in ei­nem: Ein­übung in Dis­zi­plin und – vor al­lem – Streß. Die Schü­ler ler­nen aber tat­säch­lich für das Le­ben. In den Fir­men und In­sti­tu­tio­nen ist vor al­lem ei­nes ge­fragt: Streß­re­sti­stenz. Bloß nicht nach dem Sinn (der Re­geln usw.) fra­gen.

    Im üb­ri­gen stim­me ich mit dem von Ih­nen Ge­sag­ten über­ein. Krea­ti­vi­tät för­dern. Spiel­freu­de, Neu­gier, For­schungs­geist auf­recht er­hal­ten. Zu spät ist es nie. Hof­fe ich.

  5. Ist dies ei­ne Fol­ge des »share­hol­der va­lue« Den­kens (Ma­xi­mal­pro­fi­te oh­ne Rück­sicht auf Ver­lu­ste, Men­schen­wür­de, Na­tur)? In Deutsch­land führt das mMn zu Ar­beits­ver­dich­tung, der Stress nimmt zu, vie­le ha­ben kei­nen Spaß mehr an ih­rer Ar­beit. Ich »su­che« im­mer noch nach ei­nem Land, in dem ei­ne star­ke Ge­gen­kul­tur wi­der die­ses Den­ken exi­stiert.
    Ja­pan ist es of­fen­sicht­lich nicht, spe­zi­ell wenn ich an Fu­ku­shi­ma den­ke. Die gro­ße Mehr­heit der Ja­pa­ner ist of­fen­bar noch »duld­sa­mer« als rus­si­sche Men­schen?

  6. Nein, Ja­pan ist es si­cher nicht. Ich glau­be auch nicht, daß Ja­pan ganz an­ders »tickt« als die mei­sten west­li­chen Län­der. In man­cher Hin­sicht ist Ja­pan ein west­li­cher Vor­rei­ter, ein Mu­ster­schü­ler. Die­sel­be Ent­wick­lung geht welt­weit vor sich, zum Bei­spiel auch in den USA sehr deut­lich – in die­sem Fall weiß ich es aber nur aus Lek­tü­ren. Sehr auf­schluß­reich war für mich et­wa das Buch der Jour­na­li­stin Han­na Ro­sin über den »Auf­stieg der Frau­en«. Ganz ne­ben­bei, auf vie­len Sei­ten, be­schreibt sie den All­tags­streß, der den mehr oder min­der »er­folg­rei­chen« Leu­ten dort, sehr oft Frau­en mit ih­ren Kin­dern, so sehr in Fleisch und Blut über­ge­gan­gen ist, daß sie ihn gar nicht mehr re­flek­tie­ren kön­nen, auch nicht als preis­ge­krön­te Jour­na­li­sten.

    Ei­nes der Bü­cher, die ich bei mei­nen di­let­tie­ren­den Stu­di­en le­se ist von Ber­nard Stiegler, »Die Lo­gik der Sor­ge«. Auch in die­sem Buch fällt mir et­was auf, das so ne­ben­her im Dis­kurs mit­läuft: Un­se­re Ge­sell­schaft wird im­mer wie­der als krank be­zeich­net, üb­li­ches Ver­hal­ten und auch Struk­tu­ren als pa­tho­lo­gisch. Ich bin nicht si­cher, in wel­chem Maß das zu­trifft; aber wenn es zu trifft, ist Be­un­ru­hi­gung an­ge­bracht und sind al­ter­na­ti­ve Kon­zep­te drin­gend nö­tig. In mei­nem ei­ge­nen Um­feld se­he ich die­se schlei­chen­de Aus­brei­tung von Krank­hei­ten, und zwar gar nicht im me­ta­pho­ri­schen Sinn. »Schlei­chend« auch des­halb, weil kaum dar­über ge­spro­chen wird. (In Ja­pan si­cher we­ni­ger als in an­de­ren Län­dern...)

    Ein an­de­rer theo­re­ti­scher Zu­gang zu die­sen Pro­ble­men ist durch den Be­griff »Kon­troll­ge­sell­schaft« er­öff­net. In die­sem Punkt un­ter­schei­det sich Ja­pan, da sich hier die al­ten Struk­tu­ren ei­ner (so­gar qua­si-mi­li­tä­ri­schen) Dis­zi­pli­nar­ge­sell­schaft naht­los mit den sanf­te­ren Tech­ni­ken der Kon­troll­ge­sell­schaft ver­bin­den.

  7. Ich möch­te hier in­so­fern zur Vor­sicht war­nen, weil man un­ver­se­hens und rasch sei­ne ei­ge­nen Wert­hal­tun­gen ver­all­ge­mei­nert un­ter­stellt, oh­ne es zu be­mer­ken. Man kann z.B. ei­nen Com­pu­ter­spie­ler mit ei­nem Schach­spie­ler ver­glei­chen: Bei­de wid­men sich ei­nem Spiel und trai­nie­ren be­stimm­te Fä­hig­kei­ten, viel­leicht spie­len sie in Be­wer­ben, mehr oder we­ni­ger pro­fes­sio­nell. Ich se­he dar­in nur dann ein Pro­blem, wenn das Com­pu­ter­spie­len ein Aus­maß er­reicht, das ver­drän­gen­de oder er­set­zen­de For­men an­nimmt, bleibt das im Rah­men ei­ner Sa­che un­ter an­de­ren, ist dar­an we­nig falsch (wenn­gleich man von ei­nem Er­wach­se­nen Ver­nünf­ti­ge­res er­war­ten kann und soll, na­tür­lich).

    Ich ha­be selbst ei­ni­ge Zeit mit Com­pu­ter­spie­len ver­bracht und sie dann zur Sei­te ge­legt, sie da­bei aber im­mer als in­ter­es­san­ter und die ver­brach­te Zeit als we­ni­ger pas­siv er­lebt, als vor dem Fern­se­her, den ich ei­gent­lich nie son­der­lich ge­mocht ha­be.

    Bei den Er­wach­se­nen möch­te ich den Zwie­spalt zwi­schen dem be­ruf­li­chen Er­wach­sen­sein und dem, über­spitzt ge­sagt, kind­li­chen pri­va­ten und po­li­ti­schen Men­schen be­to­nen; das steht manch­mal selt­sam un­ver­mit­telt ne­ben ein­an­der.

    Was mich mit ei­ni­ger Sor­ge er­füllt, ist die frü­he Kon­fron­ta­ti­on sehr vie­ler Klein­kin­der mit Bild­schir­men al­ler Art: Vor et­wa 20 Jah­ren war es un­mög­lich, dass ein drei- oder vier­jäh­ri­ges Kind mit ei­nem Smart­pho­ne in der Hand vor ei­nem ein­ge­schal­te­ten Fern­se­her lag (und nach die­sem selbst wäh­rend des Es­sens oder Spie­lens ver­lang­te).

  8. Der in­ter­es­san­te­ste As­pekt liegt für mich dar­in, dass zum ei­nen ei­ne In­fan­ti­li­sie­rung der Ge­sell­schaft auf­ge­zeigt wird, wäh­rend gleich­zei­tig von ei­ner Dis­zi­pli­nar­ge­sell­schaft die Re­de ist (min­de­stens für Ja­pan). Bei­des geht m. E. auf Dau­er nicht zu­sam­men, weil die ab­ge­for­der­te »Dis­zi­plin« (d. h. das Ein- und Un­ter­ord­nen in Un­ter­neh­mens- oder an­de­ren, ge­sell­schaft­li­chen Hier­ar­chi­en) zu ei­nem spie­le­ri­schen, eher »nichts­nut­zi­gen« Frei­zeit­um­gang nicht passt.

    Die ak­tu­el­le Epo­che wird ja ger­ne mit der An­fang des 20. Jahr­hun­derts ver­gli­chen, als die (ge­ho­be­ne) Ge­sell­schaft an »Neur­asthe­nie« litt. Heu­te nen­nen wir dies »Burn-Out« oder gar »De­pres­si­on«. Un­zwei­fel­haft scheint zu sein, dass die An­ge­bo­te der Ge­sell­schaft nicht glück­lich ma­chen – und dies ist oft ge­nug un­ab­hän­gig von Geld und Wohl­stand. Das neu­este I‑Phone, das schicke Au­to, die Kü­che mit al­len Ex­tras – dies be­deu­tet am En­de nichts mehr. Ich glau­be, dass die po­li­ti­sche Ra­di­ka­li­sie­rung bei­spiels­wei­se in Na­tio­na­lis­men da­mit zu tun hat, dass es kei­nen tran­szen­den­ta­len Über­bau mehr gibt. Es wer­den Mil­lio­nen von »Ein­zel­kämp­fern« pro­du­ziert, die am En­de al­le­samt »frie­ren­de Sta­chel­tie­re« (Scho­pen­hau­er) sind.

  9. @Gregor
    Im Grund­satz scheint mir das schon zu­sam­men­zu­pas­sen: Die Dis­zi­plin, die man für ei­nen 10 Stun­den­ar­beits­tag auf­brin­gen muss, bricht, auch als Fol­ge von An­stren­gung und Stress, zu­sam­men, so­bald man zu Hau­se ist: Man schläft – über­spitzt ge­sagt – vor dem Fern­se­her ein oder bringt ge­ra­de noch ge­nug En­er­gie auf, um sein Smart­pho­ne zu be­die­nen (hin­zu kommt, dass vie­le Be­ru­fe we­nig zu­rück­ge­ben, so­zu­sa­gen kräf­ti­gen, son­dern viel­mehr neh­men). Das spie­le­ri­sche Frei­zeit­ver­hal­ten ist ja nicht spie­le­risch in dem Sinn, dass es sich mit dem ge­ge­be­nen Rah­men über­wirft oder der­art wild und aus­la­dend wä­re, dass es die­sen zer­stört. Im Ge­gen­teil: Das Frei­zeit­ver­hal­ten bleibt im öko­no­mi­schen Rah­men und kon­tro­lier- bzw. über­wach­bar.

    Tech­ni­sche Pro­duk­te ent­täu­schen, wie wahr­schein­lich al­le an­de­ren, wenn die An­fangs­be­gei­ste­rung ab­ge­ebbt ist. Das liegt dar­an, dass der Be­sitz al­lei­ne nicht als Sinn­stif­tung taugt; na­tür­lich hat ei­ne neue Kü­che Vor­tei­le ge­gen­über der al­ten, wenn sie aber nicht ge­nutzt wird, bleibt un­ter dem Strich we­nig üb­rig (für ei­nen Samm­ler gilt et­was an­de­res, aber da geht es tat­säch­lich um ein In­ter­es­se an den Ge­gen­stän­den selbst). — In ei­ner über­füll­ten Woh­nung kom­me ich mir fast ge­nö­tigt vor.

    Die Na­tio­na­lis­men bzw. Po­pu­lis­men ha­ben ei­ne Rei­he von Ur­sa­chen, die oben an­ge­führ­te ist si­cher ei­ne da­von.

  10. Nur ein As­pekt: Me­tep­si­lo­n­e­ma möch­te bei­pflich­ten, Com­pu­ter­spie­le sind nicht prin­zi­pi­ell zu ver­teu­feln, es kommt sehr dar­auf an, WAS ge­spielt wird. Ge­nau aus die­sem Grund schaue ich den Leu­ten mit Smart­pho­ne oder Ta­blet gern über die Schul­ter. Ich spie­le selbst nicht, schaue nur manch­mal zu und ha­be mich schon öf­ters ge­fragt, wel­che Er­zähl­struk­tu­ren Aben­teu­er­spie­le, Quest­spie­le u. dgl. ei­gent­lich ent­fal­ten bzw. über­neh­men (mein Ver­dacht, daß in er­ster Li­nie al­te Mo­del­le aus der prä­di­gi­ta­len Zeit zur An­wen­dung kom­men). Im üb­ri­gen, wenn ich Leu­te mit ei­nem di­gi­ta­len Ge­rät im Zug sit­zen oder auf der Stra­ßen lau­fen se­he – wer sagt mir, daß sie nicht ein Buch le­sen, »Die Brü­der Ka­ra­ma­sow« oder was auch im­mer? An­de­rer­seits, wenn ich es dann nach­prü­fe, stellt sich fast im­mer her­aus, daß es sich um rei­ne Zeit­tot­schlag­spie­le oh­ne Er­zäh­lung oder Sinn­be­zug han­delt (von Sinn­stif­tung will ich gar nicht re­den). In Ja­pan fin­det man bei­des in rie­si­ger Zahl, Com­pu­ter­spie­ler und Glücks­spie­ler in Pa­chin­ko­hal­len, zwei­fel­los oft Süch­ti­ge. Laut Ber­nard Stiegler pro­du­ziert der di­gi­ta­le Ka­pi­ta­lis­mus un­se­re Ta­ge Süch­te und be­dient sich ih­rer, er braucht sie, um le­ben zu kön­nen.