Kon­stan­tin Rich­ter: Drei­hun­dert Män­ner

Konstantin Richter: Dreihundert Männer
Kon­stan­tin Rich­ter: Drei­hun­dert Män­ner

Es ist ein be­rühm­tes Zi­tat von Walt­her Ra­then­au, dem er­folg­rei­chen Un­ter­neh­mer und spä­te­ren Au­ßen­mi­ni­ster, ge­schrie­ben 1909 in sei­ner Schrift »Ge­schäft­li­cher Nach­wuchs«, in dem er sich mit dem Un­ter­neh­mer­tum des Kai­ser­reichs und des­sen Ver­flech­tun­gen un­ter­ein­an­der be­schäf­tig­te: »Drei­hun­dert Män­ner, von de­nen je­der je­den kennt, lei­ten die wirt­schaft­li­chen Ge­schicke des Kon­ti­nents.« Kon­stan­tin Rich­ter be­dient sich in sei­nem in­zwi­schen aus­ge­zeich­ne­ten und zum Best­sel­ler avan­cier­ten Buch über »Auf­stieg und Fall der Deutsch­land AG« die­ser Me­ta­pher und nann­te sein Buch ent­spre­chend: Drei­hun­dert Män­ner.

Der Satz wird spä­ter von An­ti­se­mi­ten ge­gen Ra­then­au ver­wen­det wer­den, wenn sie von drei­hun­dert »Ju­den« spre­chen. Ra­then­au über­nahm das Bild aus der Ge­schich­te über je­ne 300 Spar­ta­ner, »die in der Schlacht bei den Ther­mo­py­len die viel grö­ße­re per­si­sche Ar­mee in Schach hiel­ten«, so fol­gert Rich­ter. Ver­ges­sen wird, dass die­se drei­hun­dert Spar­ta­ner zwar der Über­macht trot­zen konn­ten, al­ler­dings nur für kur­ze Zeit. Sie wur­den dann, wie es so schön heißt, »auf­ge­rie­ben«, d. h. ver­nich­tet. In­so­fern hät­te Ra­then­au ei­ne dem Un­ter­gang ge­weih­te Kli­en­tel be­schrie­ben. Und tat­säch­lich, nach der Lek­tü­re des Bu­ches mehr als ein­hun­dert Jah­re spä­ter ist klar, dass die Deutsch­land AG, die Ra­then­au cha­rak­te­ri­siert hat­te, nicht mehr exi­stent.

Fürs Er­ste hät­te ge­hol­fen, wenn Rich­ter den Satz voll­stän­dig zi­tiert hät­te: »Drei­hun­dert Män­ner, von de­nen je­der je­den kennt, lei­ten die wirt­schaft­li­chen Ge­schicke des Kon­ti­nents und su­chen sich Nach­fol­ger aus ih­rer Um­ge­bung.« Die Her­me­tik die­ses eli­tä­ren Krei­ses wird so noch deut­li­cher. Gleich­zei­tig be­gan­nen die Pro­ble­me für die in der Grün­der­zeit aus klei­nen An­fän­gen ent­stan­de­nen Un­ter­neh­men, die um die Jahr­hun­dert­wen­de zu welt­wirt­schaft­lich re­le­van­ter Grö­ße ge­wach­sen wa­ren. Sie sa­hen sich nach und nach mit der Nach­fol­ger-Fra­ge kon­fron­tiert. Die mei­sten Fir­men­pa­tri­ar­chen ver­such­ten, es in der Fa­mi­lie zu be­las­sen. Das be­ste Bei­spiel hier­für ist Sie­mens. Der Tüft­ler und Er­fin­der brach­te sechs von neun Brü­dern in Po­si­tio­nen in sei­nem Un­ter­neh­men. An­de­re be­gan­nen, ei­nen oder meh­re­re lei­ten­de An­ge­stell­te, so­ge­nann­te Ma­na­ger, zu im­ple­men­tie­ren und zo­gen sich aus dem Ta­ges­ge­schäft weit­ge­hend zu­rück. Emil Ra­then­au, der Va­ter von Walt­her Ra­then­au, war ei­ner der er­sten »Ma­na­ger«. Er war es, der für AEG das Pa­tent auf Edi­sons Glüh­lam­pe er­warb wäh­rend Sie­mens & Hals­ke auf die »Ja­blotsch­kow­schen Ker­zen« setz­te.

Man pfleg­te wenn nicht Zu­sam­men­schlüs­se, so doch sehr ger­ne Ko­ope­ra­tio­nen. Kon­kur­renz be­lebt zwar das Ge­schäft, drückt aber die Prei­se. Ganz un­ge­niert woll­te man, wo es ging, Kar­tel­le er­rich­ten, die Märk­te un­ter sich auf­tei­len, Kräf­te bün­deln. Man nann­te es »ko­ope­ra­ti­ven Wett­be­werb«. Die Glüh­bir­ne ist eher die Aus­nah­me: Sie­mens und AEG ko­ope­rier­ten spä­ter auf be­stimm­ten Ge­schäfts­fel­dern (et­wa bei Te­le­fun­ken), fu­sio­nier­ten aber nie und blie­ben sonst Wett­be­wer­ber.

Im Kai­ser­reich blüh­ten die Er­fin­dun­gen und In­no­va­tio­nen. Wil­helm II., kul­tu­rell eher »re­ak­tio­när« und skep­tisch ge­gen­über dem hu­ma­ni­sti­schen Bil­dungs­ide­al, för­der­te die Ver­net­zung von In­du­strie und Wis­sen­schaft. Die klas­si­schen Uni­ver­si­tä­ten be­ka­men mit den tech­ni­schen Hoch­schu­len und den »neu­en Leit­sek­to­ren Che­mie, Elek­tro­tech­nik und Ma­schi­nen­bau« Kon­kur­renz. »Nie wie­der«, so stellt Rich­ter fest, »soll­te Deutsch­land so vie­le bril­lan­te Wis­sen­schaft­ler her­vor­brin­gen wie in die­ser Zeit, und die­se Wis­sen­schaft­ler wa­ren kei­ne El­fen­bein­turm­be­woh­ner«, son­dern ar­bei­te­ten für die In­du­strie. Der lang­fri­sti­ge Nach­teil war ei­ne bis­wei­len star­ke »Ver­wis­sen­schaft­li­chung« der Pro­duk­ti­on und ei­ne ge­wis­se In­fle­xi­bi­li­tät. Im­mer wie­der kommt Rich­ter auf das pe­dan­ti­sche, so­ge­nann­te Qua­li­täts­be­wusst­sein deut­scher Un­ter­neh­men und die früh aus­ufern­de in­ner­be­trieb­li­che Bü­ro­kra­tie zu spre­chen. Als Ford in den 1920ern die Au­tos längst von un­ge­lern­ten Ar­bei­tern zu­sam­men­bau­en ließ, wur­de dies in Deutsch­land mit Fach­ar­bei­tern be­sorgt. Die Ame­ri­ka­ner brauch­ten 400 Ar­beits­stun­den für ein Au­to, die Deut­schen zehn­mal so viel.

Na­tür­lich kratzt Rich­ters Chro­nik an den gän­gi­gen Idea­li­sie­run­gen der Grün­der­zeit-Un­ter­neh­men, die bis heu­te an­hal­ten. Dar­an än­dern er­staun­li­cher­wei­se auch der vi­ru­len­te An­ti­se­mi­tis­mus, die Zä­su­ren von In­fla­tio­nen, zwei Welt­krie­gen und der Sho­ah we­nig bis nichts. Den Drei­hun­dert ge­lang durch Op­por­tu­nis­mus und par­ti­el­le Auf­ga­be mo­ra­li­scher Wer­te ei­ne er­staun­li­che Re­si­li­enz – und gel­ten da­bei im­mer noch als Vor­bil­der.

Rich­ters Un­auf­ge­regt­heit ist wohl­tu­end, bis­wei­len je­doch et­was ober­fläch­lich. Die Kriegs­be­gei­ste­rung 1914? Ei­ne »ziem­lich bür­ger­li­che An­ge­le­gen­heit«, so Rich­ter. »Es sind An­ge­hö­ri­ge der Mit­tel­schicht, die den Krieg als ka­thar­ti­sches Er­leb­nis be­grü­ßen, als rei­ni­gen­des Ge­wit­ter«. Spä­ter schreibt er, dass das Kai­ser­reich schon vor dem Krieg im Sink­flug war. Das stimmt, aber ge­nau dar­in ist der Grund für die­se Kriegs­be­gei­ste­rung zu se­hen. Üb­ri­gens nicht zu­letzt bei den In­tel­lek­tu­el­len.

Walt­her Ra­then­au wein­te denn am 1. Au­gust 1914 und wur­de da­nach Lei­ter »ei­ner neu ein­ge­rich­te­ten Kriegs­roh­stoff­ab­tei­lung«. Man stell­te auf Rü­stungs­pro­duk­ti­on um; Fi­nan­zie­rung über Kriegs­an­lei­hen. Nach dem Krieg »er­kennt« ein ge­wis­ser Fritz Thys­sen die Na­zis und mach­te schon in den 1920ern Hit­ler den Hof – um dann, als es »zu spät« war, ein er­bit­ter­ter Geg­ner zu wer­den, der ins Exil ging und spä­ter in Al­li­ier­ten-Haft kam. Auch die Rol­le der che­mi­schen In­du­strie, spä­ter zu­sam­men­ge­fasst zur IG-Far­ben, wird ei­ni­ger­ma­ßen un­spek­ta­ku­lär er­zählt. Gift­gas im Krieg 1914–18, Ausch­witz-La­ger und Zwangs­ar­bei­ter – Rich­ter be­nennt die Fak­ten. Es war, so er­fährt man, auch hier zu spät, als man er­kann­te, was die Na­zis woll­ten.

Nach­krieg. Die Sub­stanz der Un­ter­neh­men war den Luft­an­grif­fen zum Trotz weit­ge­hend in­takt ge­blie­ben. Die »ver­schwo­re­ne Ge­mein­schaft« blieb zu­sam­men; Kon­ti­nui­tät und An­bie­de­rung an die Al­li­ier­ten. Man pro­fi­tier­te vom Ko­rea-Krieg. Rich­ter emp­fiehlt Ha­rald Jäh­ner. An­ek­do­ten­alarm. Wann be­gann der Nie­der­gang? Rich­ter nennt die 1970er Jah­re. Die gro­ßen »Schlacht­schif­fe« wa­ren un­fle­xi­bel ge­wor­den; ih­re Bos­se ver­pass­ten den tech­no­lo­gi­schen An­schluss. Und es kam we­nig nach. Als Run­ning Gag tau­chen fünf Freun­de auf, ehe­ma­li­ge IBM IT-Be­ra­ter, die noch ein­mal ei­ne Art »Grün­der­zeit« her­auf­be­schwö­ren – und dann spä­ter mit SAP re­üs­sie­ren. War­um gibt es, so fragt Rich­ter, »im Land der drei­hun­dert Män­ner nicht noch mehr fünf Freun­de?« Statt­des­sen schei­tert zum Bei­spiel die AEG in na­he­zu al­len Ge­schäfts­fel­dern: »Als im ka­li­for­ni­schen Si­li­con Val­ley die er­sten Per­so­nal Com­pu­ter ge­baut wer­den, in­ve­stiert die Olym­pia in ei­ne Fa­brik für elek­tri­sche Schreib­ma­schi­nen im so­wje­ti­schen Ki­row­grad und kün­digt an, dass sie dort jähr­lich 150 000 Stück pro­du­zie­ren wird.« Der Mau­er­fall, das auf­stre­ben­de Chi­na und die sich wei­ter aus­brei­ten­de Glo­ba­li­sie­rung über­nahm den Rest. Das kor­po­ra­ti­ve Mo­dell, in dem Ban­ken in den Auf­sichts­rä­ten der Groß­un­ter­neh­men sa­ßen und die Ge­schicke mit Un­ter­stüt­zung staat­li­cher Stel­len re­gel­ten, funk­tio­nier­te nicht mehr. Hier­zu trug auch der Ge­setz­ge­ber bei.

Rich­ters chro­no­lo­gisch an­ge­leg­tes, Mit­te des 19. Jahr­hun­derts be­gin­nen­des Buch, ist wie ein fort­lau­fen­der Ticker im Prä­sens ver­fasst, was den Le­ser fast un­wei­ger­lich in die Zeit hin­ein­zieht. Es ist je­ne Mi­schung aus Do­ku­dra­ma und Re­por­ta­ge, den man bei­spiels­wei­se von Flo­ri­an Il­lies kennt. Der flot­te Nach­rich­ten­mo­dus be­dingt, dass prä­zi­se Zah­len fast im­mer un­ter­blei­ben und der Au­tor sich bis­wei­len da­für fast ent­schul­digt, wenn er es den­noch macht. So bleibt et­wa das Aus­maß der öko­no­mi­schen Ent­wick­lung im Kai­ser­reich lan­ge Zeit blo­ße Be­haup­tung, bis man ir­gend­wann er­fährt, dass sich das BIP Deutsch­lands zwi­schen 1895 und 1913 ver­dop­pel­te und der Wert der Ex­por­te um 180 Pro­zent stieg.

Die bei­den In­fla­tio­nen in den 1920ern wer­den be­rich­tet, aber die Grün­de nur an­ge­ris­sen. Als scheue Rich­ter öko­no­mi­sche Ein­schü­be. Auch dass in den 1970ern die Fi­nanz­welt durch die Ent­kop­pe­lung des US-Dol­lar vom Gold nebst Auf­kün­di­gung der USA des Bret­ton-Woods-Ab­kom­mens ins Wan­ken ge­rät, bleibt Nach­richt. Gänz­lich ver­schont bleibt man von den Aus­wir­kun­gen von That­cher und Rea­gan (letz­te­rer wird nicht mal na­ment­lich er­wähnt) und Mel­dun­gen über die ste­tig stei­gen­den Staats­schul­den Deutsch­lands (und an­de­rer Län­der). Über die fast schon ver­zwei­fel­te Ge­gen­steue­rung in den Mer­kel-Jah­ren mit der »schwar­zen Null«, die zu ei­ner Ver­lot­te­rung der In­fra­struk­tur und zur »Schul­den­brem­se« führ­te, fin­det man kei­nen Hin­weis.

Groß hin­ge­gen ist der An­teil klei­ner und klein­ster Ge­schich­ten, mit der Per­so­nen und ih­re Ei­gen­tüm­lich­kei­ten nä­her­ge­bracht wer­den sol­len. Es men­schelt in die­sem »Nach­ruf«, der »epi­schen Ge­schich­te« die­ser so spe­zi­el­len und er­folg­rei­chen »Deutsch­land AG«. Man fin­det sehr viel zu den Thys­sens, Sie­mens’, Man­nes­manns, Krupps’, Flicks, über Stin­nes, Daim­ler, Benz, Duis­berg, Abs, Beitz und an­de­re prä­gen­de Un­ter­neh­mer­fi­gu­ren. Das 23seitige Li­te­ra­tur- und Quel­len­ver­zeich­nis ist nicht im Buch, son­dern on­line. Nach der Lek­tü­re hat man im­mer­hin das Ge­fühl, dass man die gan­zen Un­ter­neh­mens­chro­ni­ken nicht mehr zu le­sen braucht.

Die letz­ten Jah­re, die Über­nah­men, die Ver­säum­nis­se, die Über­for­de­run­gen (New Eco­no­my, Pri­va­ti­sie­run­gen, Sub­ven­ti­ons­po­li­tik, Au­to­mo­bil­in­du­strie) wer­den nur noch kur­so­risch er­fasst. Schließ­lich, so könn­te man ar­gu­men­tie­ren, ist ja be­reits die »AG« Ge­schich­te. Längst ist das »Pro­fil des deut­schen Groß­kon­zerns, so wie er sich im Dax-40-In­dex prä­sen­tiert selt­sam un­scharf ge­wor­den. Die Mehr­heit der An­teils­eig­ner sitzt im Aus­land, die Stra­te­gie ori­en­tiert sich an den glo­ba­len Ka­pi­tal­märk­ten.« Auch hier kei­ne Zah­len; da ist die­se »Wirt­schaft vor acht«-Sendung bis­wei­len de­tail­lier­ter. Aber viel­leicht reicht das auch ein­fach. Im­mer­hin hält sich Rich­ter bis zum Schluss weit­ge­hend mit Mei­nun­gen zu­rück. Die drei­hun­dert Män­ner, so mei­ne Ver­mu­tung, gibt es wei­ter­hin (mit ei­nem ge­wis­sen Frau­en­an­teil): Sie sit­zen kaum noch in Eu­ro­pa, son­dern in Asi­en und, im­mer noch, den USA. Dar­un­ter je­ne Tech-»Giganten« die das In­ter­net or­ga­ni­sie­ren wie man im 18. Jahr­hun­dert in Eng­land ei­nen Park an­leg­te. Auch von ih­ren Un­ter­neh­men wird es ir­gend­wann, in viel­leicht ein­hun­dert Jah­ren, Nach­ru­fe ge­ben. Dann ist Rich­ters Buch längst ka­no­nisch.

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