Chri­stoph Nar­holz: Kni­ster

Christian Narholz: Knister
Chri­sti­an Nar­holz: Kni­ster

Chri­stoph Nar­holz, 1968 ge­bo­ren, ist Au­tor, Phi­lo­soph und ak­tu­ell Lehr­be­auf­trag­ter an der Lud­wig-Ma­xi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät Mün­chen. Im letz­ten Jahr er­schien Wi­de Bo­dies Jets, ei­ne Mi­schung aus No­ta­ten und klei­nen Er­zäh­lun­gen, ver­fasst wäh­rend der Co­ro­na­zeit zwi­schen En­de 2020 und Som­mer 2022. Im­mer wenn Nar­holz vom Rä­so­nie­ren oder Be­ob­ach­ten ins Schau­en kam, ge­lan­gen ihm nach­drück­li­che Evo­ka­tio­nen von Kür­zes­tau­gen­blicken. Be­ein­druckend ge­lun­gen auch die Fort- bzw. Wei­ter­schrei­bung des Ro­mans Der Chi­ne­se des Schmer­zes von Pe­ter Hand­ke.

Als das Buch im März 2025 vor­ge­stellt wur­de, hat­te Nar­holz mit ein.jahr.aus.allen be­reits ein an­de­res Pro­jekt be­gon­nen und zwar dort, wo man im all­ge­mei­nen nicht un­be­dingt mit li­te­ra­ri­schen In­hal­ten rech­net: auf In­sta­gram. Ab 1. März 2025 wur­de bis zum 28. Fe­bru­ar 2026 je ein Ein­trag per Scan aus ei­nem No­tiz­buch ge­zeigt, der an die­sem Tag ent­stan­den war. Die Be­son­der­heit liegt in der Chro­no­lo­gie der Jah­re: »Die Ta­ge lie­fen stur chro­no­lo­gisch durch, die Jah­re spran­gen er­ra­tisch vor und zu­rück«. So ent­stand ein Jahr, dass es in die­ser Form gar nicht ge­ge­ben hat. »Zu­sam­men­hang«, so Nar­holz, »ent­stand durch die mo­ment­haf­te Wahl am Tag des Posts und die in­ne­re Lo­gik des im ak­tu­el­len Jah­res­lauf col­la­gier­ten Bilds.« Die Ba­sis bil­de­ten Ein­tra­gun­gen aus 33 Jah­ren – von 1992 bis 2025. So folgt nach dem er­sten Ein­trag vom 1.3.1999 ei­ne Rei­se­skiz­ze aus Ägyp­ten vom 2.3.2018, da­nach ei­ne No­tiz vom 3.3.2023, und so wei­ter. Sel­ten, dass es zwei auf­ein­an­der­fol­gen­de Posts aus dem glei­chen Jahr gibt; schon häu­fi­ger, dass ei­ne Fort­schrei­bung nur durch ei­nen oder zwei Ta­gen un­ter­bro­chen wur­de. Ak­tu­ell steht die »Fol­lo­wer­zahl« bei 182 und ich weiß nicht, ob das für ein sol­ches For­mat auf die­sem Ka­nal nun viel oder we­nig ist. (Rai­nald Goetz hat > 6000 Fol­lower, aber wer liest das wirk­lich?)

Egal. Die aus­ge­wähl­ten 365 Ein­tra­gun­gen sind nun als Buch un­ter dem Ti­tel Kni­ster er­schie­nen. Das Buch stel­le, so der Au­tor, das »drit­te ge­nutz­te Me­di­um« (nach No­tiz- bzw. Ta­ge­buch und On­line-Pu­bli­ka­ti­on) dar. Ich ha­be das Buch als E‑Book ge­le­sen; wenn man so will ei­ne wei­te­re Di­men­si­on.

Im Nach­wort de­fi­niert Nar­holz das We­sen der No­tiz. Sie sei »kei­ne Ab­hand­lung« und auch »kei­ne No­tiz für ei­ne Ab­hand­lung«, son­dern »ein­sei­tig und un­ge­recht«. Dem ist nur zu­zu­stim­men. Sie ist dem­nach, so mei­ne Les­art, ei­gen­stän­dig und be­an­sprucht kei­ne letzt­gül­ti­ge Re­le­vanz. Aus­führ­lich und bis­wei­len ein biss­chen zu stark recht­fer­ti­gend er­klärt er sei­ne Kri­te­ri­en, nach de­nen die Aus­wahl der Ein­tra­gun­gen er­folg­te, wann dis­kre­te Na­mens­kür­zel ver­wen­det wer­den und wie schwie­rig es manch­mal war, sich für ei­nen Text zu ent­schei­den.

Kni­ster be­ginnt mit dem QR-Code, der auf die In­sta­gram Sei­te des Pro­jekts führt. Aber dann geht es so­fort los mit den Auf­zeich­nun­gen. Die va­ri­ie­ren zu­meist zwi­schen ei­nem Satz und ei­ner Sei­te; in sel­te­nen Fäl­len mehr. Ih­nen vor­an­ge­stellt sind stets kryp­tisch an­mu­ten­de rö­misch-ara­bi­sche Zif­fern­kom­bi­na­tio­nen (et­wa I, II.2, III, IV.1 oder VI). Im Nach­wort kann man un­ter »The­mis« de­ren Be­deu­tung nach­le­sen. Es han­delt es um elf ver­schie­de­ne Ka­te­go­rien (»Sel­te­nes« [er­staun­li­cher­wei­se mit den mei­sten Ein­tra­gun­gen], »Der as­sy­ri­sche Ti­ger« [ein Ro­man­pro­jekt], »Spät im Le­ben«, »Re­li­gi­on« bzw. »Die Po­li­tik des Schö­nen« [der Ti­tel sei­nes phi­lo­so­phi­schen Buchs von 2012]), die, wie der Au­tor kon­ze­diert, in­tui­tiv ver­ge­ben wer­den, weil zum Teil meh­re­re Ka­te­go­rien be­rührt wer­den. Man hät­te na­tür­lich die elf The­men­fel­der ein­fach durch­num­me­rie­ren kön­nen, aber das wä­re ver­mut­lich zu pro­fan ge­we­sen. Dem po­ten­ti­el­len Le­ser emp­feh­le ich, die­se ver­wir­ren­den Zei­chen erst ein­mal zu igno­rie­ren. Im­mer­hin gibt es am En­de ein mit die­sen Ka­te­go­rien sor­tier­tes In­halts­ver­zeich­nis, um ge­ge­be­nen­falls die Lek­tü­re noch ein­mal the­ma­tisch an­zu­ge­hen.

Et­was län­ge­ren Ein­tra­gun­gen ist bis­wei­len ei­ne Über­schrift vor­an­ge­stellt. Stets en­den sie wie die No­ti­zen Pe­ter Hand­kes oh­ne ab­schlie­ßen­den Punkt. Das ist nicht die ein­zi­ge Re­fe­renz auf den öster­rei­chi­schen Schrift­stel­ler. So gibt es fünf No­ta­te, die mit Das Ge­wicht der Welt (im Ori­gi­nal in Ver­sa­li­en) über­schrie­ben sind und in lau­nig-spie­le­ri­scher Art neue »Ge­wichts­klas­sen« wie »die Ton­na­ge al­ler To­ten; die In­hal­te der Müll­de­po­nien der Kon­ti­nen­te; die Bü­cher in den Bi­blio­the­ken« oder »die Schat­ten auf der See­le; Haar­bü­schel auf den Bö­den der Fri­seur­sa­lons« her­bei­phan­ta­sie­ren. Nar­holz re­flek­tiert über den jun­gen Hand­ke, spricht von ei­ner »gol­de­nen Epo­che der Li­te­ra­tur, in der ju­gend­li­che Frech­heit und mo­der­ni­sti­scher Ernst für ei­nen Mo­ment bei­sam­men wa­ren«. Die­ser Ge­dan­ke kommt ihm an­läss­lich ei­nes Auf­ent­halts in Grif­fen, bei dem er Va­len­tin Hau­ser, ein Freund des Dich­ters, ken­nen­lernt und nach­her ei­ne Dis­co auf­sucht. In Hill­bil­ly Elegy von J. D. Van­ce ent­deckt Nar­holz »pseu­do­ge­naue So­zio­lo­gien« und stellt ei­nen Ver­gleich mit Hand­kes Wunsch­lo­ses Un­glück und dem Stück Über die Dör­fer an (aus­ge­rech­net hier ist die Tran­skrip­ti­on nicht prä­zi­se). Viel­leicht über­sieht Nar­holz, dass in der deut­schen Ge­gen­warts­li­te­ra­tur zu­neh­mend auch der­art pla­ka­ti­ve Ge­sell­schafts­sze­ne­rien ge­zeigt wer­den und Van­ce das ins­ge­samt nicht so schlecht macht (soll­te er denn der Au­tor sein). Hier spielt na­tür­lich auch Nar­holz’ gro­ße Ab­nei­gung ge­gen je­de Form von Au­to­fik­ti­on ei­ne Rol­le, die für ihn ei­ne Wie­der­kehr der 70er-Jah­re-In­ner­lich­keits­tex­te dar­stellt. (Dar­über wä­re zu dis­ku­tie­ren.)

Ge­lobt wer­den Hen­ry Ja­mes’ ver­schlun­ge­ne Sät­ze, zer­pflückt hin­ge­gen ein Satz von Bo­tho Strauß. Kaf­kas Pro­zess ver­han­de­le »im Sin­ne Han­nah Are­ndts die er­sehn­te, aber miss­glück­te jü­di­sche As­si­mi­la­ti­on.« Er fin­det Rai­nald Goetz »höl­lisch un­an­ge­nehm« und Ro­bin­son Jef­fers »ein­fäl­tig«. Häu­fig wer­den Wal­ker Per­cy, Fran­cis Pon­ge, Pa­trick Mo­dia­no und F. Scott Fitz­ge­rald ge­nannt – li­te­ra­ri­sche Leit­ster­ne des Au­tors. Schön, wie er von ei­nem er­leb­ten Scott Fitz­ge­rald-Mo­ment er­zählt, der von Mo­dia­no be­stä­tigt wird. Als Ali­ce Mun­ro stirbt, sieht er ei­nen Teil der Mo­der­ne ge­hen. Ein­neh­mend sei­ne For­mu­lie­rung vom »Ex­zess der Zu­wen­dung« für das Le­sen.

Bei ei­nem Phi­lo­so­phen gibt es na­tur­ge­mäß auch hier­zu ent­spre­chen­de Ein­tra­gun­gen. Da wird Ador­nos Pe­dan­te­rie mit »Miss­mut« be­trach­tet und ei­ne Bio­gra­phie über ihn ge­le­sen. Kant soll mit Nietz­sche und Bar­thes mit Luh­mann zu­sam­men­ge­bracht wer­den. Mit He­gel wird über den »den Un­ter­schied von Ein­heit und Un­ter­schied« nach­ge­dacht und die »Lang­sam­keit und Sorg­falt« von Ador­no und Ben­ja­min ge­lobt. Zu Heid­eg­ger fällt ihm nur »bäue­risch plump« ein. Bar­thes und ins­be­son­de­re Kant er­schei­nen mehr­mals in den No­ta­ten (Nar­holz be­zeich­net sich sel­ber als »ge­nu­in kan­tisch«). Zu­stim­mung zu Walt Whit­mans Dik­tum, dass »die Zeit nach Me­ta­phy­sik und Ari­sto­kra­tie … die ver­gleichs­wei­se hei­li­ge­re und ernst­haf­te­re sein« wür­de.

Auch Kom­men­ta­re zu Ta­ges­ak­tua­li­tä­ten fin­den sich. Hier zeigt sich be­son­ders der pro­vi­so­risch-ex­pe­ri­men­tel­le Cha­rak­ter der No­tiz und es ist Nar­holz an­zu­rech­nen, dass er sei­ne Ein­tra­gun­gen kaum gra­vie­rend ver­än­dert hat. Da kom­men­tiert er ei­nen Text von Ge­org Seeß­len über Trump und es bleibt (mir) un­klar, ob sei­ne Kri­tik nur Trump, nur Seeß­len oder bei­den gilt. Han­nes Stein in der Welt wird zi­tiert, der die Drit­te Ame­ri­ka­ni­sche Re­pu­blik als Uto­pie nach den Jah­ren der »Fin­ster­nis«, vul­go: Trump-Re­gie­rung (oder soll­te man bes­ser: Herr­schaft schrei­ben?) pro­gno­sti­ziert. Die Le­ser, die den Text dis­li­ken, nennt Nar­holz »Meu­te«. Die­sen Be­griff ver­wen­det er auch bei der Schil­de­rung zum »jour­na­li­sti­schen Dresch­fle­gel­ak­tio­nis­mus« ei­nes Ulf Po­s­ch­ardt. Den An­schlag von Ba­ta­clan sieht er un­ab­hän­gig »aus wel­cher der drei an­fäl­li­gen Re­li­gio­nen er ge­ra­de kommt«, um dann in Rich­tung Sa­la­fi­sten zu kon­sta­tie­ren: »Es ist zum Heu­len, wie ge­bannt der schö­ne We­sten vor die­sen fie­sen und mie­sen Wie­der­gän­gern kuscht«. Über­ra­schend, wie über­rascht Nar­holz ein paar Jah­re spä­ter über den la­ten­ten Ju­den­hass ist, der sich seit Ok­to­ber 2023 im »schö­nen We­sten« (s. o.) zeigt.

An­läss­lich ei­ner Fern­seh­sen­dung zum Ausch­witz-Be­frei­ungs­tag wird ein biss­chen ket­ze­risch die Fra­ge ge­stellt, war­um Ausch­witz­über­le­ben­de »für uns ein­dring­li­cher sein [sol­len] als ein schar­fes Ge­schichts­buch, ei­ne fun­dier­te Theo­rie«. Wei­ter heißt es: »Wol­len wir uns von ih­rem Hor­ror be­ein­drucken las­sen, ver­füh­ren, gru­seln, geht das nicht oh­ne, sind wir so stumpf und grob, dar­auf zu be­stehen, das ein­zu­for­dern, die Trau­ma­ti­sier­ten zu un­se­rer flüch­ti­gen Er­bau­ung zu­rück ins La­ger zu ja­gen?« In­ter­es­san­ter Ge­dan­ke, der (lei­der) er­wart­bar mit dem üb­li­chen La­men­to über die »gräss­li­che« Er­in­ne­rungs­kul­tur der Deut­schen schließt.

Nar­holz be­sucht aus­gie­big Mu­se­en und Aus­stel­lun­gen. Er de­kre­tiert, was Fo­to­gra­fie »nicht sein soll«, fin­det bei Sig­mar Pol­ke den »bos­haft-freund­li­chen Witz von Kip­pen­ber­ger«, denkt über Go­yas Bil­der­na­men nach, ent­deckt Brue­gels »Will­kür­welt« in Wien, wo­bei er auch dort die »neue Un­art« des be­leh­ren­den Ku­ra­tie­rens ent­deckt, schaut sich Hop­per in New York an und sieht in Tho­mas Höp­kers Fo­to­gra­fie View from Wil­liams­burg, Brook­lyn, on Man­hat­tan, 9/11 nicht das Grau­en, son­dern »das zu­fäl­li­ge Ver­schont­sein von Mil­lio­nen von dem Grau­en«. Manch­mal wünscht man sich im An­hang noch ei­ne Zu­sam­men­stel­lung der Kunst­ob­jek­te, aber man kann nicht al­les ha­ben.

Er sei ein »Flug­erl«, so Nar­holz’ Mut­ter ein­mal, ein »Welt­flie­hen­der« und bis­wei­len be­kommt man den Ein­druck ei­nes Dau­er­rei­sen­den (bspw. Wien, Köln, Bay­reuth, Bre­ta­gne, Pa­ris, Chur, Ita­li­en, Cor­do­ba, New York, Bra­si­li­en, Au­stra­li­en, Ta­hi­ti, Pe­king). Hier ge­lin­gen so man­che Im­pres­sio­nen, Schnapp­schüs­se, das, was er ein­mal »to­po­lo­gi­scher Rea­lis­mus« nennt. Und es gibt gro­ße Mo­men­te, die ei­nem in­ne­hal­ten las­sen: Ei­ne ster­ben­de Tau­be und die Hilf­lo­sig­keit des Schau­en­den; Kam­pa­ni­en im Abend­licht; Im­pres­sio­nen vom hol­län­di­schen Rhein, der ihm den Fluss »end­lich mal hef­tig lie­ben« lässt; ein Nacht­markt in Xi­an vor ei­ner Mo­schee; ei­ne Wan­de­rung von Mana­ro­la nach Le­van­to wäh­rend ei­ner Wild­schwein­jagd; Bäu­me in ei­nem Park, die sich auf der Er­de »ein­ge­rich­tet« ha­ben; Vö­gel, die vom Ge­wit­ter­wind »her­um­ge­wor­fen« wer­den; der weiß­ge­blie­be­ne Hemd­är­mel ei­nes Bar­kell­ners; das Star­figh­ter-Flug­zeug mit über­sä­ten Be­feh­len; die Spin­nen an der Bahn­steig­lam­pe von Ja­vel (groß­ar­tig – auch oder ge­ra­de für Arach­no­pho­bi­ker wie mich) oder die Schnee­luft in Köln – Pre­tio­sen, Ver­dich­tun­gen. Wun­der­bar je­ne Sze­ne, als die Mut­ter ei­nes Ta­ges ihm und sei­nem Va­ter wie bei­läu­fig ih­re Adres­se aus den Fünf­zi­ger­jah­ren in Ame­ri­ka mit Stolz zeigt, nein: ge­ra­de­zu drap­piert und po­stu­liert: Es gab ein Le­ben vor Euch.

Wohl­tu­end, dass Nar­holz auf apho­ri­sti­sche Poin­ten, die den Le­ser im­mer zum Jä­ger ma­chen, na­he­zu durch­gän­gig ver­zich­tet hat. Die ta­ge­wei­sen Ein­tra­gun­gen auf In­sta­gram hät­te ich nie durch­ge­hal­ten. Das Buch ha­be ich ger­ne ge­le­sen.

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