
Die Multipolarisierung der Welt
Es ist nicht leicht in diesen disruptiv geprägten Zeiten Bücher über geostrategische Themen zu schreiben, die Bestand haben. Volker Perthes hat es mit seinem »geopolitischen Ratgeber« Die Multipolarisierung der Welt versucht. Die Fahnen, die mir vorliegen, sind im Oktober 2025 erstellt worden. Ob es eine Anpassung aufgrund der aktuellen Ereignisse (Venezuela, Grönland, Friedensrat) gab, ist mir zum Zeitpunkt meiner Rezension nicht bekannt. Andererseits kann es auch von Vorteil sein, sich nicht den Launen des Tagesgeschäfts hinzugeben. Geopolitische Strategien entstehen zumeist unabhängig von aktuellen Hysterien.
Volker Perthes, langjähriger Leiter der Stiftung Wissenschaft und Politik und UN-Diplomat, was man zum einen daran erkennt, dass er in seinem Buch die UNO mit dem im deutschen Außenamt üblichen Akronym »VN« bezeichnet und zum anderen, dass er die Vereinten Nationen als geopolitischen Spieler immer noch ernst nimmt.
Zunächst wird erläutert wie aus der Bipolarität des Kalten Krieges (USA vs UdSSR) nach dem Mauerfall der Hegemon USA als einzige Weltmacht übrigblieb. Es war die Zeit, als das »Ende der Geschichte« formuliert und der (Neu-)Beginn der »regelbasierten Ordnung« des Völkerrechts als allseits akzeptierte Handlungsmaxime ausgerufen wurde. Hierin fällt die Rückeroberung von Kuwait aus irakischer Besatzung, die unter Federführung der USA vom damaligen Präsidenten George Bush mit ausdrücklichem Mandat der UN und den regionalen Mächten durchgeführt wurde. Diese Weltordnung mit den Vereinten Nationen als Motor währte nur kurz (und wurde eigentlich schon durch die Bürgerkriege in Ex-Jugoslawien ausgehebelt).
Perthes macht ihr Ende mit dem Irakkrieg von Bush jr. 2003 fest. Nicht die Tatsache, dass die Region ins Chaos gestürzt wurde, ist dabei relevant, sondern der Vertrauensverlust der USA, die mit Lügen ihre Intervention rechtfertigten, nach Erreichung ihres Primärziels – dem Sturz von Saddam Hussein – weitgehend konzeptionslos agierten und die Region in Chaos und Bürgerkriegen stürzte. Verstärkt wurde die Schwächung der USA als Hegemon durch die Finanzkrise 2008/09. Hier trat endgültig und sichtbar die bis dahin fast ausschließlich als Handelsmacht angesehene Volksrepublik China auf die Weltbühne und half als »responsible stakeholder«, das weltweite Finanzsystem wieder zu stabilisieren. Mit den BRICS gründeten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika ein Gegengewicht zu den »westlich« dominierten G7 bzw. G8. Mit dem G20-Format wurde dieser Kreis dann erweitert.
Wer ist nun eine Weltmacht, wer eine Großmacht? Worin liegen die Unterschiede? Die USA und China stuft Perthes unter Hinzuziehung diverser Kriterien (Militärausgaben, Bevölkerungsentwicklung, BIP aber auch »softer« Werte wie Anzahl ausländischer Studenten) als Weltmächte ein. Dennoch haben wir keine neue bipolare Weltordnung. Mit Russland, der EU und Indien sind drei weitere Akteure dabei, die von ihm aus je verschiedenen Gründen als Großmächte, aber nicht Weltmächte betrachtet werden. Diese Mächte »bringen … unterschiedliche Potenziale auf die Waage«, was allerdings nicht heißt, »dass alle beteiligten Mächte gleichgewichtig wären. Eher geht es um die Verteilung von Macht.«
Perthes konstatiert im Kapitel über Russland beispielsweise, dass das Land durch den Weltsicherheitsrat einen »unverhältnismäßigen Einfluss« auf das politische Weltgeschehen habe. Russlands Agieren wird als weitgehend destruktiv bezeichnet – im Gegensatz zu dem sehr geschickten Handeln Chinas, etwa mit seiner »Belt-and-Road-Initiative« (BRI; früher bekannt unter »Neue Seidenstraße«) oder der sehr konstruktiven Mitarbeit in diversen UN-Gremien. Während Russland beispielsweise in Afrika Bodenschätze ausbeutet, liefert China seinen Vertragspartnern umfassende entwicklungspolitische Hilfe, etwa bei Versorgung und Infrastruktur und baut Handelshemmnisse ab. Proteste einiger Länder gegen restriktive Vertragsbedingungen begegnete man in Peking mit Zugeständnissen. China ist an langfristige Kooperationen interessiert, verhält sich dabei zwar imperial, aber nicht kolonial.
Russlands Status als Großmacht basiert vor allem auf seinem Arsenal an Atomwaffen. Geopolitisch lehnt es die viel beschworene »regelbasierte Ordnung« ab und möchte die Welt in Einflusszonen aufteilen. In den letzten Jahren sind ihm allerdings mit Syrien und Armenien zwei strategische Verbündete verloren gegangen. Unabhängig von der gescheiterten Invasion der Ukraine und dem äußerst verlustreich geführten Krieg zeigt Perthes sehr schön, wie die aufstrebende Großmacht Indien aber auch andere Mittel- oder Regionalmächte wie die Türkei, die Vereinigten Arabischen Emirate, Brasilien oder Südafrika nicht gewillt sind, mit Russland zu brechen.
Insbesondere das Kapitel über Indien und den »strategischen Multilaterismus« von Premier Narendra Modi ist sehr aufschlussreich. Indien will »Regelsetzer« werden, sieht sich auf dem Sprung zur Weltmacht. Aktuell balanciert man zwischen allen Akteuren und versteht es, Zweckbündnisse über weltanschauliche Gräben hinweg zu schließen. So ist man zwar Mitglied der BRICS-Gruppe und China ist der größte Handelspartner Indiens, aber dennoch nimmt man nicht bei BRI teil, sondern gehört auch noch der »Quad-Gruppe« an, die zusammen mit Australien, den USA und Japan Chinas Einfluss im Indopazifik überwacht. Indien hat Tiktok verboten und bei der 5G-Technologie China ausgeschlossen. Russland ist Indiens größter Rüstungslieferant, aber man interessiert sich auch für amerikanische Waffen und man benutzt einen iranischen Hafen, um eine Verbindung nach Afghanistan, Zentralasien und Russland zu schaffen, ohne durch pakistanisches Gebiet zu müssen. Problematisch könnte die starke nationalistisch-ethnische Haltung von Modis Regierungspartei BJP werden, die den rund 200 Millionen Muslimen nicht gefallen könnte.
(Interessant, dass ausgerechnet Peter Sloterdijk in seinem demnächst erscheinenden Der Fürst und seine Erben deutlichere Worte zur innenpolitischen Agenda Modis findet. Er stellt ihn ein bisschen überraschend in eine Reihe mit Trump. Modi mache den »den anti-muslimischen Affekt zu einem Agens neo-hinduistischer Solidarität«. Er schüre den »Haß gegen Muslime, um den armen Hindus, die auch unter ihm im Elend bleiben werden, etwas zu geben, worauf sie hinabblicken dürfen.« Es ist ein Manko des Buches von Perthes, dass die innenpolitischen Strategien der Akteure vernachlässigt werden.)
In den Ausführungen über die mittleren Regionalmächte Türkei, Vereinigte Arabische Emirate, Saudi-Arabien, Ägypten und Brasilien kann man ähnliche außenpolitische Flexibilitäten erkennen. Der Leser erfährt hier zum Teil Erstaunliches, etwa über das Engagement der Emirate am Horn von Afrika. Die multipolare Weltordnung ermöglicht Ländern, ihre Optionen zu vermehren und Allianzen nach der jeweiligen Interessenlage einzugehen. Sie bedeutet, so bilanziert Perthes am Schluss, »nicht nur eine Neujustierung der Verhältnisse zwischen zwei, drei, vier oder fünf globalen Polen, sondern bezieht sich auf alle Regionen und Ebenen des internationalen Systems und beschreibt eine sehr viel komplexere Machtverteilung mit multiplen Polarisierungen, Bindungen und Koalitionen sowie mit zum Teil neuen Möglichkeiten für regionale Mächte, nicht nur in ihrer unmittelbaren Umgebung, sondern zumindest sektoral auch auf globaler Ebene Polpositionen einzunehmen.« Das Ergebnis ist eine fluide Gemengelage, in der allerdings die geflochtenen Allianzen auch rasch wieder ihre Bedeutung verlieren können.
Perthes definiert die EU als »überstaatliche internationale Persönlichkeit«. Sie ist kein Bundesstaat und ihre Außen- und Verteidigungspolitik wird prioritär in den Mitgliedsländern arrangiert. Bei allen Vorbehalten sieht er die Entwicklung der EU positiv. Auch hier werden die Binnenprobleme der einzelnen Staaten kaum thematisiert, und wenn, dann als Bedrohung durch rechtspopulistische, antieuropäische Parteien, die Zulauf erhalten. Über die Gründe für diese Entwicklung in den Ländern spricht er nicht; es hätte wohl auch den Rahmen des Buches gesprengt.
Es klingt an, dass die EU bei bi- oder multilateralen Abkommen mit anderen Ländern oder Allianzen Maximalvorgaben zu Menschenrechten, Demokratie und/oder Klimanachhaltigkeit durchsetzen will, was vom Gegenüber häufig als übergriffig empfunden wird. Hier wäre, so kann man zwischen den Zeilen lesen, mehr Realismus statt Idealismus notwendig. Stattdessen neigt man dazu, Wertegemeinschaften erzeugen zu wollen und stellt Legitimität über Stabilität. Dabei fließt nicht nur chinesische Hilfe voraussetzungsloser. Dennoch wird die wirtschaftliche Potenz des EU-Marktes als durchaus attraktiv eingeschätzt. Perthes annonciert das Zollabkommen der EU mit Indien (ob das Hufeisen aus Linken, Grünen und Rechten wieder im Europaparlament bremsen wird?). Zum geplanten Zollabkommen mit den USA konstatiert Perthes, dass sich die EU hier »Gesten der Unterwerfung« gegenüber den Amerikanern hingegeben habe. Ein selten klares Wort des Autors.
Perthes vertritt die These, dass Länder wie Deutschland, Frankreich oder Italien zu klein wären, um in der multipolaren Welt zu bestehen. Das mag für die Ökonomie und den europäischen Binnenmarkt gelten, auch wenn hier die Regulierungswut aus Brüssel eher hemmend wirkt. Außenpolitisch ist die EU nahezu irrelevant, in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik nicht existent (Perthes formuliert vorsichtiger, spricht von »unterentwickelt«). So camouflieren die Finanzhilfen für die Ukraine die bis heute anhaltende Strategielosigkeit im Umgang mit diesem Krieg und dem Partner Ukraine. Deutlich wurde dies auch, als Donald Trump im November 2024 wieder gewählt wurde. Statt seine Programmatiken zu antizipieren und Gegenentwürfe auszuformulieren, begab man sich in eine »bräsige Sorglosigkeit« (Herfried Münkler). Inzwischen scheint man aufgewacht zu sein und formuliert hektisch eine Art strategische Unabhängigkeit von den USA. Der Aufbau einer Sicherheitsarchitektur neben oder gar unabhängig von der NATO würde allerdings Jahrzehnte dauern. Hinzu käme das nicht zu vernachlässigende Risiko, dass in einigen Ländern EU-kritische oder ‑feindliche Regierungen an die Macht kommen und ihre Sicherheitsdoktrin ändern könnten.
Perthes setzt nach wie vor auf eine »regelbasierte Ordnung«, gibt jedoch zu bedenken, dass Allianzen mit »perfekten« Teilnehmern in einer sich ständig verändernden Weltordnung nur noch Wunschdenken sein werden. Wie eine EU, die sich nicht einmal auf einen Sitz ihres Parlaments einigen kann und dafür mehrmals im Jahr hin- und herpendelt, rasche und vor allem nachhaltige geopolitische Entscheidungen treffen soll oder, wie es Perthes anregt, als Mittler im Nahostkonflikt agieren könnte, bleibt rätselhaft.
Im Kapitel über Südostasien wird ASEAN, der Zusammenschluss von inzwischen elf Ländern »zu einem Block, der sich auch als Vertretung der Gesamtregion Südostasien darstellen konnte«, analysiert. Interessant dabei, dass sowohl die wirtschaftlichen wie auch die politischen Verhältnisse der einzelnen Staaten sehr heterogen sind. Timor Leste oder Laos sind eher arme Länder, »Malaysia, Thailand und Indonesien gelten als Schwellenländer mit höherem mittlerem Einkommen« und »Singapur und Brunei sind Hocheinkommensländer.« Von der absoluten Monarchie über die Militärregierung bis zur Demokratie sind fast alle Staatsformen vertreten. Pragmatismus ist Trumpf, was nicht ausschließt, dass man nach dem Militärputsch in Myanmar 2021 das Land für einige Zeit in eine Art Beobachtermodus versetzte. Im Unterschied zur EU haben die Länder im ASEAN-Verbund weiterhin ihre vollständige Souveränität. Bilaterale Differenzen oder gar Konflikte (wie jener zwischen Thailand und Kambodscha) versucht man, rasch zu befrieden. Der Schwerpunkt der Koordination liegt allerdings in ökonomischen Fragen und dies obwohl die ASEAN-Staaten weder eine Zollunion noch einen gemeinsamen Markt bilden. In vielem erinnert dieses Bündnis an die Anfänge der EWG bzw. EG.
In den Kapiteln über Afrika, Südamerika und den Nahen Osten erfährt der Leser vieles, was in den Medien kaum oder gar nicht thematisiert wird. Perthes bemüht sich auch hier um Objektivität, wählt sehr häufig den reinen Berichtsmodus. Der Leser kann sich sein Urteil selber bilden. Im umfangreichen Quellenapparat gibt es genug weitergehende Informationen; viele sind online verfügbar. Dass die meisten Texte in englischer Sprache sind, dürfte kein Hindernis mehr darstellen.
Perthes’ eigentlich wohltuende Wertungszurückhaltung wendet er auch im letzten Kapitel, »Ausblick« genannt, an. Gerade hier hätte er mehr als nur Kurzzusammenfassungen seiner vorherigen Kapitel liefern können. Geopolitik lebt auch von Überlegungen, die die Zukunft betreffen. Was bedeutet Trumps ständiges Befragen der NATO für die Sicherheitslage in Europa? Ist mit einer militärischen Intervention Chinas gegen Taiwan zu rechnen bzw. wie kann man dieser Bedrohung dahingehend begegnen, den Preis für eine rotchinesische Invasion in die Höhe zu treiben? Wie kann eine EU ihre Lieferabhängigkeiten von China (nicht nur, aber vor allem Rohstoffe) und den USA (LNG; Internetdienstleistungen) ausbalancieren? Perthes spricht Reformen in den Vereinten Nationen an, unter anderem eine Initiative von Brasilien, Indien und Deutschland, was die Besetzung des Weltsicherheitsrats angeht. Sein Engagement für die UNO wirkt in Anbetracht der machtbasierten Umschichtung der Welt fast rührend.
Erstaunlich wenig werden die innenpolitischen Zustände beispielsweise in den USA, China und Russland, aber auch die labile Lage an der europäischen Peripherie (Serbien, Bosnien-Herzegowina, Moldau/Transnistrien) thematisiert. Dennoch ist das Buch empfehlenswert, um sich auf einen Stand zu bringen, der dann zu weiterführenden Betrachtungen führen kann, die sich jenseits von Nachrichtenmainstream und oberflächlichen Polittalkshows bewegen.